Lucidor. Es steckt ein Verrat dahinter!--

Julie. Jawohl! ein Verräter ist im Spiele.

Lucidor. Nennen Sie ihn.

Julie. Der ist bald entlarvt. Sie selbst!--Sie haben die löbliche

oder unlöbliche Gewohnheit, mit sich selbst zu reden, und da will ich

denn in unser aller Namen bekennen, daß wir Sie wechselsweise

behorcht haben.

Lucidor (aufspringend). Eine saubere Gastfreundschaft, auf diese

Weise den Fremden eine Falle zu stellen!

Julie. Keineswegs; wir dachten nicht daran, Sie zu belauschen, so

wenig als irgendeinen andern. Sie wissen, Ihr Bett steht in einem

Verschlag der Wand, von der Gegenseite geht ein anderer herein, der

gewöhnlich nur zu häuslicher Niederlage dient. Da hatten wir einige

Tage vorher unsern Alten genötigt zu schlafen, weil wir für ihn in

seiner abgelegenen Einsiedelei viele Sorge trugen; nun fuhren Sie

gleich den ersten Abend mit einem solchen leidenschaftlichen Monolog

ins Zeug, dessen Inhalt er uns den andern Morgen angelegentlichst

entdeckte.

Lucidor hatte nicht Lust, sie zu unterbrechen. Er entfernte sich.

Julie (aufgestanden ihm folgend). Wie war uns mit dieser Erklärung

gedient! Denn ich gestehe gern: wenn Sie mir auch nicht gerade

zuwider waren, so blieb doch der Zustand, der mich erwartete, mir

keineswegs wünschenswert. Frau Oberamtmännin zu sein, welche

schreckliche Lage! Einen tüchtigen, braven Mann zu haben, der den

Leuten Recht sprechen soll und vor lauter Recht nicht zur

Gerechtigkeit kommen kann! der es weder nach oben noch unten recht

macht und, was das Schlimmste ist, sich selbst nicht. Ich weiß, was

meine Mutter ausgestanden hat von der Unbestechlichkeit,

Unerschütterlichkeit meines Vaters. Endlich, leider nach ihrem Tod,

ging ihm eine gewisse Mildigkeit auf, er schien sich in die Welt zu

finden, an ihr sich auszugleichen, die er sich bisher vergeblich

bekämpft hatte.

Lucidor (höchst unzufrieden über den Vorfall, ärgerlich über die

leichtsinnige Behandlung, stand still). Für den Scherz eines Abends

mochte das hingehen, aber eine solche beschämende Mystifikation Tage

und Nächte lang gegen einen unbefangenen Gast zu verüben, ist nicht

verzeihlich.

Julie. Wir alle haben uns in die Schuld geteilt, wir haben Sie alle

behorcht; ich aber allein büße die Schuld des Horchens.

Lucidor. Alle! desto unverzeihlicher! Und wie konnten Sie mich den

Tag über ohne Beschämung ansehen, den Sie des Nachts

schmählich-unerlaubt überlisteten? Doch ich sehe jetzt ganz deutlich

mit einem Blick, daß Ihre Tagesanstalten nur darauf berechnet waren,

mich zum besten zu haben. Eine löbliche Familie! und wo bleibt die

Gerechtigkeitsliebe Ihres Vaters?--Und Lucinde!

Julie. Und Lucinde! Was war das für ein Ton! Nicht wahr, Sie

wollten sagen: wie tief es Sie schmerzt, von Lucinden übel zu denken,

Lucinden mit uns allen in eine Klasse zu werfen?

Lucidor. Lucinden begreif' ich nicht.

Julie. Sie wollen sagen: diese reine, edle Seele, dieses ruhig

gefaßte Wesen, die Güte, das Wohlwollen selbst, diese Frau, wie sie

sein sollte, verbindet sich mit einer leichtsinnigen Gesellschaft,

mit einer überhinfahrenden Schwester, einem verzogenen Jungen und

gewissen geheimnisvollen Personen! das ist unbegreiflich.

Lucidor. Jawohl ist das unbegreiflich.

Julie. So begreifen Sie es denn! Lucinden wie uns allen waren die

Hände gebunden. Hätten Sie die Verlegenheit bemerken können, wie sie

sich kaum zurückhielt, Ihnen alles zu offenbaren, Sie würden sie

doppelt und dreifach lieben, wenn nicht jede wahre Liebe an und für

sich zehn--und hundertfach wäre; auch versichere ich Sie, uns allen

ist der Spaß am Ende zu lang geworden.

Lucidor. Warum endigten Sie ihn nicht?

Julie. Das ist nun auch aufzuklären. Nachdem Ihr erster Monolog

dem Vater bekannt geworden und er gar bald bemerken konnte, daß alle

seine Kinder nichts gegen einen solchen Tausch einzuwenden hätten, so

entschloß er sich, alsobald zu Ihrem Vater zu reisen. Die

Wichtigkeit des Geschäfts war ihm bedenklich. Ein Vater allein fühlt

den Respekt, den man einem Vater schuldig ist. "Er muß es zuerst

wissen", sagte der meine, "um nicht etwan hintendrein, wenn wir einig

sind, eine ärgerlich-erzwungene Zustimmung zu geben. Ich kenne ihn

genau, ich weiß, wie er einen Gedanken, eine Neigung, einen Vorsatz

festhält, und es ist mir bange genug. Er hat sich Julien, seine

Karten und Prospekte so zusammen gedacht, daß er sich schon vornahm,

das alles zuletzt hierher zu stiften, wenn der Tag käme, wo das junge

Paar sich hier niederließe und Ort und Stelle so leicht nicht

verändern könnte: da wollt' er alle Ferien uns zuwenden, und was er

für Liebes und Gutes im Sinne hatte. Er muß zuerst erfahren, was die

Natur uns für einen Streich gespielt, da noch nichts eigentlich

erklärt, noch nichts entschieden ist." Hierauf nahm er uns allen den

feierlichsten Handschlag ab, daß wie Sie beobachten und, es geschehe,

was da wolle, Sie hinhalten sollten. Wie sich die Rückreise

verzögert, wie es Kunst, Mühe und Beharrlichkeit gekostet, Ihres

Vaters Einwilligung zu erlangen, das mögen Sie von ihm selbst hören.

Genug, die Sache ist abgetan, Lucinde ist Ihnen gegönnt.--

Und so waren beide, vom ersten Sitze lebhaft sich entfernend,

unterwegs anhaltend, immer fortsprechend und langsam weitergehend,

über die Wiesen hin auf die Erhöhung gekommen an einen andern

wohlgebahnten Kunstweg. Der Wagen fuhr schnell heran; Augenblicks

machte sie ihren Nachbar aufmerksam auf ein seltsames Schauspiel.

Die ganze Maschinerie, worauf sich der Bruder so viel zugute tat, war

belebt und bewegt; schon führten die Räder eine Menschenzahl auf und

nieder, schon wogten die Schaukeln, Mastbäume wurden erklettert, und

was man nicht alles für kühnen Schwung und Sprung über den Häuptern

einer unzählbaren Menge gewagt sah! Alles das hatte der Junker in

Bewegung gesetzt, damit nach Tafel die Gäste fröhlich unterhalten

würden. "Du fährst noch durchs untere Dorf", rief Julie, "die Leute

wollen mir wohl, und sie sollen sehen, wie wohl es mir geht."

Das Dorf war öde, die Jüngern sämtlich hatten schon den Lustplatz

ereilt, alte Männer und Frauen zeigten sich, durch das Posthorn

erregt, an Tür und Fenstern, alles grüßte, segnete, rief: "O das

schöne Paar!"

Julie. Nun, da haben Sie's! Wir hätten am Ende doch wohl

zusammengepaßt; es kann Sie noch reuen.

Wilhelm Meisters Wanderjahre — Band 1 · 第 18 / 23 题