"Rücken Sie nun auch dorthin, Herr Schwager, daß wir uns recht
bequem in die Augen sehen."
Lucidor. Sie empfinden meine Verwirrung, meine Verlegenheit; ich
bin noch immer wie im Traume, helfen Sie mir heraus.
Julie. Sehen Sie die hübschen Bauersleute, wie sie freundlich
grüßen! Bei Ihrem Hiersein sind Sie ja nicht ins obere Dorf gekommen.
Alles wohlhabende Leute, die mir alle gewogen sind. Es ist niemand
zu reich, dem man nicht einmal wohlwollend einen bedeutenden Dienst
erweisen könne. Diesen Weg, den wir so bequem fahren, hat mein Vater
angelegt und auch dieses Gute gestiftet.
Lucidor. Ich glaub' es gern und geb' es zu; aber was sollen die
Äußerlichkeiten gegen die Verworrenheit meines Innern!
Julie. Nur Geduld, ich will Ihnen die Reiche der Welt und ihre
Herrlichkeit zeigen. Nun sind wir oben! Wie klar das ebene Land
gegen das Gebirg hinliegt! Alle diese Dörfer verdanken meinem Vater
gar viel, und Mutter und Töchtern wohl auch. Die Flur jenes
Städtchens dort hinten macht erst die Grenze.
Lucidor. Ich finde Sie in einer wunderlichen Stimmung; Sie scheinen
nicht recht zu sagen, was Sie sagen wollten.
Julie. Nun sehen Sie hier links hinunter, wie schön sich das alles
entwickelt! Die Kirche mit ihren hohen Linden, das Amthaus mit
seinen Pappeln hinter dem Dorfhügel her. Auch die Gärten liegen vor
uns und der Park.
Der Postillon fuhr schärfer.
Julie. Jenen Saal dort droben kennen Sie; er sieht sich von hier
aus ebenso gut an wie die Gegend von dort her. Hier am Baume wird
gehalten; nun gerade hier spiegeln wir uns oben in der großen
Glasfläche, man sieht uns dort recht gut, wir aber können uns nicht
erkennen.--Fahre zu! Dort haben sich vor kurzem wahrscheinlich ein
Paar Leute näher bespiegelt und, ich müßte mich sehr irren, mit
großer wechselseitiger Zufriedenheit.
Lucidor, verdrießlich, erwiderte nichts; sie fuhren eine Zeitlang
stillschweigend vor sich hin, es ging sehr schnell. "Hier", sagte
Julie, "fängt der schlechte Weg an, um den mögen Sie sich einmal
verdient machen. Eh es hinabgeht, schauen Sie noch hinüber, die
Buche meiner Mutter ragt mit ihrem herrlichen Gipfel über alles hervor.
Du fährst", fuhr sie zum Kutschenden fort, "den schlechten Weg hin,
wir nehmen den Fußpfad durchs Tal und sind eher drüben wie du." Im
Aussteigen rief sie aus: "Das gestehen Sie doch, der ewige Jude, der
unruhige Anton Reiser, weiß noch seine Wallfahrten bequem genug
einzurichten, für sich und seine Genossen: es ist ein sehr schöner,
bequemer Wagen."
Und so war sie auch schon den Hügel drunten; Lucidor folgte sinnend
und fand sie auf einer wohlgelegenen Bank sitzend, es war Lucindens
Plätzchen. Sie lud ihn zu sich.
Julie. Nun sitzen wir hier und gehen einander nichts an, das hat
denn doch so sein sollen. Das kleine Quecksilber wollte Ihnen gar
nicht anstehen. Nicht lieben konnten Sie ein solches Wesen, verhaßt
war es Ihnen.
Lucidors Verwunderung nahm zu.
Julie. Aber freilich Lucinde! Sie ist der Inbegriff aller
Vollkommenheiten, und die niedliche Schwester war ein für allemal
ausgestochen. Ich seh' es, auf Ihren Lippen schwebt die Frage, wer
uns so genau unterrichtet hat?