Neuntes Kapitel

Der Mantelsack war schnell gepackt, den er wollte liegenlassen;

keinen Brief schrieb er dazu, nur mit wenig Worten sollte sein

Ausbleiben vom Tisch, vielleicht auch vom Abend, durch den Reitknecht

entschuldigt werden, den er ohnehin aufwecken mußte. Diesen aber fand

er unten, schon vor dem Stalle, mit großen Schritten auf und ab

gehend. "Sie wollen doch nicht reiten?" rief der sonst gutmütige

Mensch mit einigem Verdruß. "Ihnen darf ich es wohl sagen, aber der

junge Herr wird alle Tage unerträglicher. Hatte er sich doch gestern

in der Gegend herumgetrieben, daß man glauben sollte, er danke Gott,

einen Sonntagmorgen zu ruhen. Kommt er nicht heute frühe vor Tag,

rumort im Stalle, und wie ich aufspringe, sattelt und zäumt er Ihr

Pferd, ist durch keine Vorstellung abzuhalten; er schwingt sich darauf

und ruft: "Bedenke nur das gute Werk, das ich tue! Dies Geschöpf

geht immer nur gelassen einen juristischen Trab, ich will sehen, daß

ich ihn zu einem raschen Lebensgalopp anrege." Er sagte ungefähr so

und verführte andere wunderliche Reden."

Lucidor war doppelt und dreifach betroffen, er liebte das Pferd, als

seinem eigenen Charakter, seiner Lebensweise zusagend; ihn verdroß,

das gute, verständige Geschöpf in den Händen eines Wildfangs zu

wissen. Sein Plan war zerstört, seine Absicht, zu einem

Universitätsfreunde, mit dem er in froher, herzlicher Verbindung

gelebt, in dieser Krise zu flüchten. Das alte Zutrauen war erwacht,

die dazwischenliegenden Meilen wurden nicht gerechnet, er glaubte

schon bei dem wohlwollenden, verständigen Freunde Rat und Linderung zu

finden. Diese Aussicht war nun abgeschnitten; doch sie war's nicht,

wenn er es wagte, auf frischen Wanderfüßen, die ihm zu Gebote standen,

sein Ziel zu erreichen.

Vor allen Dingen suchte er nun aus dem Park ins freie Feld, auf den

Weg, der ihn zum Freunde führen sollte, zu gelangen. Er war seiner

Richtung nicht ganz gewiß, als ihm, linker Hand, über dem Gebüsch

hervorragend, auf wunderlichem Zimmerwerk die Einsiedelei, aus der

man ihm früher ein Geheimnis gemacht hatte, in die Augen fiel und er,

jedoch zu seiner größten Verwunderung, auf der Galerie unter dem

chinesischen Dache den guten Alten, der einige Tage für krank

gehalten worden, munter um sich blickend erschaute. Dem

freundlichsten Gruße, der dringenden Einladung heraufzukommen

widerstand Lucidor mit Ausflüchten und eiligen Gebärden. Nur

Teilnahme für den guten Alten, der, die steile Treppe schwankenden

Tritts heruntereilend, herabzustürzen drohte, konnte ihn vermögen,

entgegenzusehen und sodann sich hinaufziehen zu lassen. Mit

Verwunderung betrat er das anmutige Sälchen: es hatte nur drei

Fenster gegen das Land, eine allerliebste Aussicht; die übrigen Wände

waren verziert oder vielmehr verdeckt von hundert und aber hundert

Bildnissen, in Kupfer gestochen, allenfalls auch gezeichnet, auf die

Wand nebeneinander in gewisser Ordnung aufgeklebt, durch farbige

Säume und Zwischenräume gesondert.

"Ich begünstige Sie, mein Freund, wie nicht jeden; dies ist das

Heiligtum, in dem ich meine letzten Tage vergnüglich zubringe. Hier

erhol' ich mich von allen Fehlern, die mich die Gesellschaft begehen

läßt, hier bring' ich meine Diätfehler wieder ins Gleichgewicht."

Lucidor besah sich das Ganze, und in der Geschichte wohl erfahren,

sah er alsbald klar, daß eine historische Neigung zugrunde liege.

"Hier oben in der Friese", sagte der Alte, "finden Sie die Namen

vortrefflicher Männer aus der Urzeit, dann aus der näheren auch nur

die Namen, denn wie sie ausgesehen, möchte schwerlich auszumitteln

sein. Hier aber im Hauptfelde geht eigentlich mein Leben an, hier

sind die Männer, die ich noch nennen gehört als Knabe. Denn etwa

funfzig Jahre bleibt der Name vorzüglicher Menschen in der Erinnerung

des Volks, weiterhin verschwindet er oder wird märchenhaft.--Obgleich

von deutschen Eltern, bin ich in Holland geboren, und für mich ist

Wilhelm von Oranien, als Statthalter und König von England, der

Urvater aller außerordentlichen Männer und Helden.

Nun sehen Sie aber Ludwig den Vierzehnten gleich neben ihm, als

welcher"--wie gern hätte Lucidor den guten Alten unterbrochen, wenn

es sich geschickt hätte, wie es sich uns, den Erzählenden, wohl

ziemen mag: denn ihn bedrohte die neue und neueste Geschichte, wie

sich an den Bildern Friedrichs des Großen und seiner Generale, nach

denen er hinschielte, gar wohl bemerken ließ.

Ehrte nun auch der gute Jüngling die lebendige Teilnahme des Alten

an seiner nächsten Vor--und Mitzeit, konnten ihm einzelne

individuelle Züge und Ansichten als interessant nicht entgehen, so

hatte er doch auf Akademien schon die neuere und neueste Geschichte

gehört, und was man einmal gehört hat, glaubt man für immer zu wissen.

Sein Sinn stand in die Ferne, er hörte nicht, er sah kaum und war

eben im Begriff, auf die ungeschickteste Weise zur Türe hinaus und

die lange, fatale Treppe hinunter zu poltern, als ein Händeklatschen

von unten heftig zu vernehmen war.

Indessen sich Lucidor zurückhielt, fuhr der Kopf des Alten zum

Fenster hinaus, und von unten ertönte eine wohlbekannte Stimme:

"Kommen Sie herunter, um 's Himmels willen, aus Ihrem historischen

Bildersaal, alter Herr! Schließen Sie Ihre Fasten und helfen mir

unsern jungen Freund begütigen--wenn er's erfährt. Lucidors Pferd

hab' ich etwas unvernünftig angegriffen, es hat ein Eisen verloren,

und ich mußte es stehen lassen. Was wird er sagen? Es ist doch gar

zu absurd, wenn man absurd ist."

"Kommen Sie herauf!" sagte der Alte und wendete sich herein zu

Lucidor: "Nun, was sagen Sie?" Lucidor schwieg, und der wilde Junker

trat herein. Das Hin--und Widerreden gab eine lange Szene; genug,

man beschloß, den Reitknecht sogleich hinzuschicken, um für das Pferd

Sorge zu tragen.

Den Greis zurücklassend, eilten beide jungen Leute nach dem Hause,

wohin sich Lucidor nicht ganz unwillig ziehen ließ; es mochte daraus

werden, was wollte, wenigstens war in diesen Mauern der einzige

Wunsch seines Herzens eingeschlossen. In solchem verzweifelten Falle

vermissen wir ohnehin den Beistand unseres freien Willens und fühlen

uns erleichtert für einen Augenblick, wenn von irgendwoher Bestimmung

und Nötigung eingreift. Jedoch fand er sich, da er sein Zimmer

betrat, in dem wunderlichsten Zustande, eben als wenn jemand in ein

Gasthofsgemach, das er soeben verließ, unerwünscht wieder einzukehren

genötigt ist, weil ihm eine Achse gebrochen.

Der lustige Junker machte sich nun über den Mantelsack, um alles

recht ordentlich auszupacken, vorzüglich legte er zusammen, was von

festlichen Kleidungsstücken, obgleich reisemäßig, vorhanden war; er

nötigte Lucidorn, Schuh und Strümpfe anzuziehen, richtete dessen

vollkrause, braune Locken zurecht und putzte ihn aufs beste heraus.

Sodann rief er hinwegtretend, unsern Freund und sein Machwerk vom

Kopf bis zum Fuße beschauend: "Nun seht Ihr doch, Freundchen, einem

Menschen gleich, der einigen Anspruch auf hübsche Kinder macht, und

ernsthaft genug dabei, um sich nach einer Braut umzusehn. Nur einen

Augenblick! und Ihr sollt erfahren, wie ich mich hervorzutun weiß,

wenn die Stunde schlägt. Das hab' ich Offizieren abgelernt, nach

denen die Mädchen immer schielen, und da hab' ich mich zu einer

gewissen Soldateska selbst enrolliert, und nun sehen sie mich auch an

und wieder an, weil keine weiß, was sie aus mir machen soll. Da

entsteht nun aus dem Hin--und Hersehen, aus Verwunderung und

Aufmerksamkeit oft etwas gar Artiges, das, wär' es auch nicht

dauerhaft, doch wert ist, daß man ihm den Augenblick gönne.

Aber nun kommen Sie, Freund, und erweisen mir den gleichen Dienst!

Wenn Sie mich Stück für Stück in meine Hülle schlüpfen sehen, so

werden Sie Witz und Erfindungsgabe dem leichtfertigen Knaben nicht

absprechen."

Nun zog er den Freund mit sich fort, durch lange, weitläufige Gänge

des alten Schlosses. "Ich habe mich", rief er aus, "ganz hinten

hingebettet. Ohne mich verbergen zu wollen, bin ich gern allein:

denn man kann's den andern doch nicht recht machen."

Sie kamen an der Kanzlei vorbei, eben als ein Diener heraustrat und

ein Urvater-Schreibzeug, schwarz, groß und vollständig, heraustrug;

Papier war auch nicht vergessen.

"Ich weiß schon, was da wieder gekleckst werden soll", rief der

Junker; "geh hin und laß mir den Schlüssel. Tun Sie einen Blick

hinein, Lucidor! es unterhält Sie wohl, bis ich angezogen bin. Einem

Rechtsfreund ist ein solches Lokale nicht verhaßt wie einem

Stallverwandten"; und so schob er Lucidorn in den Gerichtssaal.

Der Jüngling fühlte sich sogleich in einem bekannten, ansprechenden

Elemente: die Erinnerung der Tage, wo er, aufs Geschäft erpicht, an

solchem Tische saß, hörend und schreibend sich übte. Auch blieb ihm

nicht verborgen, daß hier eine alte, stattliche Hauskapelle zum

Dienste der Themis, bei veränderten Religionsbegriffen, verwandelt sei.

In den Reposituren fand er Rubriken und Akten, ihm früher bekannt;

er hatte selbst in diesen Angelegenheiten, von der Hauptstadt her,

gearbeitet. Einen Faszikel aufschlagend, fiel ihm ein Reskript in

die Hände, das er selbst mundiert, ein anderes, wovon er der

Konzipient gewesen. Handschrift und Papier, Kanzleisiegel und des

Vorsitzenden Unterschrift, alles rief ihm jene Zeit eines rechtlichen

Strebens jugendlicher Hoffnung hervor. Und wenn er sich dann umsah

und den Sessel des Oberamtmanns erblickte, ihm zugedacht und bestimmt,

einen so schönen Platz, einen so würdigen Wirkungskreis, den er zu

verschmähen, zu entbehren Gefahr lief, das alles bedrängte ihn

doppelt und dreifach, indem die Gestalt Lucindens zu gleicher Zeit

sich von ihm zu entfernen schien.

Er wollte das Freie suchen, fand sich aber gefangen. Der

wunderliche Freund hatte, leichtsinnig oder schalkhaft, die Türe

verschlossen hinter sich gelassen; doch blieb unser Freund nicht

lange in dieser peinlichsten Beklemmung, denn der andere kam wieder,

entschuldigte sich und erregte wirklich guten Humor durch seine

seltsame Gegenwart. Eine gewisse Verwegenheit der Farben und des

Schnitts seiner Kleidung war durch natürlichen Geschmack gedämpft; wie

wir ja selbst tatouierten Indiern einen gewissen Beifall nicht

versagen. "Heute", rief er aus, "soll uns die Langeweile vergangener

Tage vergütet werden; gute Freunde, muntere Freunde sind angekommen,

hübsche Mädchen, neckische, verliebte Wesen, und dann auch mein Vater,

und Wunder über Wunder! Ihr Vater auch; das wird ein Fest werden,

alles ist im Saale schon versammelt beim Frühstück."

Lucidorn war's auf einmal zumute, als wenn er in tiefe Nebel

hineinsähe, alle die angemeldeten bekannten und unbekannten Gestalten

erschienen ihm gespenstig; doch sein Charakter in Begleitung eines

reinen Herzens hielt ihn aufrecht, in wenigen Sekunden fühlte er sich

schon allem gewachsen. Nun folgte er dem eilenden Freunde mit

sicherem Tritt, fest entschlossen, abzuwarten, es geschehe, was da

wolle, sich zu erklären, es entstehe, was da wolle.

Und doch war er auf der Schwelle des Saals betroffen. In einem

großen Halbkreis rings an den Fenstern umher entdeckte er sogleich

seinen Vater neben dem Oberamtmann, beide stattlich angezogen. Die

Schwestern, Antoni und sonst noch Bekannte und Unbekannte übersah er

mit einem Blick, der ihm trübe werden wollte. Schwankend näherte er

sich seinem Vater, der ihn höchst freundlich willkommen hieß, jedoch

mit einer gewissen Förmlichkeit, die ein vertrauendes Annähern kaum

begünstigte. Vor so vielen Personen stehend suchte er sich für den

Augenblick einen schicklichen Platz; er hätte sich neben Lucinden

stellen können, aber Julie, dem gespannten Anstand zuwider, machte

eine Wendung, daß er zu ihr treten mußte; Antoni blieb neben Lucinden.

In diesem bedeutenden Momente fühlte sich Lucidor abermals als

Beauftragten, und gestählt von seiner ganzen Rechtswissenschaft, rief

er sich jene schöne Maxime zu seinen eignen Gunsten heran: "Wir

sollen anvertraute Geschäfte der Fremden wie unsere eigenen behandeln,

warum nicht die unsrigen in eben dem Sinne?"--In Geschäftsvorträgen

wohl geübt, durchlief er schnell, was er zu sagen habe. Indessen

schien die Gesellschaft, in einen förmlichen Halbzirkel gebildet, ihn

zu überflügeln. Den Inhalt seines Vortrags kannte er wohl, den

Anfang konnte er nicht finden. Da bemerkte er, in einer Ecke

aufgetischt, das große Tintenfaß, Kanzleiverwandte dabei; der

Oberamtmann machte eine Bewegung, seine Rede vorzubereiten; Lucidor

wollte ihm zuvorkommen, und in demselben Augenblicke drückte Julie

ihm die Hand. Dies brachte ihn aus aller Fassung, er überzeugte sich,

daß alles entschieden, alles für ihn verloren sei.

Nun war an gegenwärtigen sämtlichen Lebensverhältnissen, diesen

Familienverbindungen, Gesellschafts--und Anstandsbezügen nichts mehr

zu schonen; er sah vor sich hin, entzog seine Hand Julien und war so

schnell zur Türe hinaus, daß die Versammlung ihn unversehens vermißte

und er sich selbst draußen nicht wiederfinden konnte.

Scheu vor dem Tageslichte, das im höchsten Glanze über ihn

herabschien, die Blicke begegnender Menschen vermeidend, aufsuchende

fürchtend, schritt er vorwärts und gelangte zu dem großen Gartensaal.

Dort wollten ihm die Kniee versagen, er stürzte hinein und warf sich

trostlos auf den Sofa unter dem Spiegel: mitten in der

sittlich-bürgerlichen Gesellschaft in solcher Verworrenheit befangen,

die sich wogenhaft um ihn, in ihm hin und her schlug. Sein

vergangenes Dasein kämpfte mit dem gegenwärtigen, es war ein

greulicher Augenblick.

Und so lag er eine Zeit, mit dem Gesichte in das Kissen versenkt,

auf welchem gestern Lucindens Arm geruht hatte. Ganz in seinen

Schmerz versunken, fuhr er, sich berührt fühlend, schnell in die Höhe,

ohne die Annäherung irgendeiner Person gespürt zu haben: da erblickt'

er Lucinden, die ihm nahe stand,

Vermutend, man habe sie gesendet, ihn abzuholen, ihr aufgetragen,

ihn mit schicklichen, schwesterlichen Worten in die Gesellschaft,

seinem widerlichen Schicksal entgegen zu führen, rief er aus: "Sie

hätte man nicht senden müssen, Lucinde, denn Sie sind es, die mich

von dort vertrieb; ich kehre nicht zurück! Geben Sie mir, wenn Sie

irgendeines Mitleids fähig sind, schaffen Sie mir Gelegenheit und

Mittel zur Flucht. Denn, damit Sie von mir zeugen können, wie

unmöglich es sei, mich zurückzubringen, so nehmen Sie den Schlüssel

zu meinem Betragen, das Ihnen und allen wahnsinnig vorkommen muß.

Hören Sie den Schwur, den ich mir im Innern getan und den ich

unauflöslich laut wiederhole: Nur mit Ihnen wollt' ich leben, meine

Jugend nutzen, genießen, und so das Alter im treuen, redlichen Ablauf.

Dies aber sei so fest und sicher als irgend etwas, was vor dem Altar

je geschworen worden, was ich jetzt schwöre, indem ich Sie verlasse,

der bedauernswürdigste aller Menschen."

Er machte eine Bewegung zu entschlüpfen, ihr, die so gedrängt vor

ihm stand; aber sie faßte ihn sanft in ihren Arm.--"Was machen Sie!"

rief er aus. "Lucidor!" rief sie, "nicht zu bedauern, wie Sie wohl

wähnen, Sie sind mein, ich die Ihre; ich halte Sie in meinen Armen,

zaudern Sie nicht, die Ihrigen um mich zu schlagen. Ihr Vater ist

alles zufrieden; Antoni heiratet meine Schwester." Erstaunt zog er

sich von ihr zurück. "Das wäre wahr?" Lucinde lächelte und nickte,

er entzog sich ihren Armen. "Lassen Sie mich noch einmal in der

Ferne sehen, was so nah, so nächst mir angehören soll." Er faßte

ihre Hände, Blick in Blick! "Lucinde, sind Sie mein?"--Sie versetzte:

"Nun ja doch", die süßesten Tränen in dem treusten Auge; er

umschlang sie und warf sein Haupt hinter das ihre, hing wie am

Uferfelsen ein Schiffbrüchiger; der Boden bebte noch unter ihm. Nun

aber sein entzückter Blick, sich wieder öffnend, fiel in den Spiegel.

Da sah er sie in seinen Armen, sich von den ihren umschlungen; er

blickte wieder und wieder hin. Solche Gefühle begleiten den Menschen

durchs ganze Leben. Zugleich sah er auch auf der Spiegelfläche die

Landschaft, die ihm gestern so greulich und ahnungsvoll erschienen

war, glänzender und herrlicher als je; und sich in solcher Stellung,

auf solchem Hintergrunde! Genugsame Vergeltung aller Leiden.

"Wir sind nicht allein", sagte Lucinde, und kaum hatte er sich von

seinem Entzücken erholt, so erschienen geputzt und bekränzt Mädchen

und Knaben, Kränze tragend, den Ausgang versperrend. "Das sollte

alles anders werden", rief Lucinde; "wie artig war es eingerichtet,

und nun geht's tumultuarisch durcheinander!" Ein munterer Marsch

tönte von weitem, und man sah die Gesellschaft den breiten Weg her

feierlich heiter heranziehen. Er zauderte entgegenzusehen und schien

seiner Schritte nur an ihrem Arm gewiß; sie blieb neben ihm, die

feierliche Szene des Wiedersehens, des Danks für eine schon

vollendete Vergebung von Augenblick zu Augenblick erwartend.

Anders war's jedoch von den launischen Göttern beschlossen; eines

Posthorns lustig schmetternder Ton, von der Gegenseite, schien den

ganzen Aufstand in Verwirrung zu setzen. "Wer mag kommen?" rief

Lucinde. Lucidorn schauderte vor einer fremden Gegenwart, und auch

der Wagen schien ganz fremd. Eine zweisitzige, neue, ganz neuste

Reisechaise! Sie fuhr an den Saal an. Ein ausgezeichneter,

anständiger Knabe sprang hinten herunter, öffnete den Schlag, aber

niemand stieg heraus; die Chaise war leer, der Knabe stieg hinein, mit

einigen geschickten Handgriffen warf er die Spriegel zurück, und so

war in einem Nu das niedlichste Gebäude zur lustigsten Spazierfahrt

vor den Augen aller Anwesenden bereitet, die indessen herankamen.

Antoni, den übrigen voreilend, führte Julien zu dem Wagen. "Versuchen

Sie", sprach er, "ob Ihnen dies Fuhrwerk gefallen kann, um darin mit

mir auf den besten Wegen durch die Welt zu rollen; ich werde Sie

keinen andern führen, und wo es irgend not tut, wollen wir uns zu

helfen wissen. über das Gebirg sollen uns Saumrosse tragen, und den

Wagen dazu."

"Sie sind allerliebst!" rief Julie. Der Knabe trat heran und zeigte

mit Taschenspielergewandtheit alle Bequemlichkeiten, kleine Vorteile

und Behendigkeiten des ganzen leichten Baues.

"Auf der Erde weiß ich keinen Dank", rief Julie, "nur auf diesem

kleinen, beweglichen Himmel, aus dieser Wolke, in die Sie mich

erheben, will ich Ihnen herzlich danken." Sie war schon

eingesprungen, ihm Blick und Kußhand freundlich zuwerfend.

"Gegenwärtig dürfen Sie noch nicht zu mir herein, da ist aber ein

anderer, den ich auf dieser Probefahrt mitzunehmen gedenke, er hat

auch noch eine Probe zu bestehen." Sie rief nach Lucidor, der, eben

mit Vater und Schwiegervater in stummer Unterhaltung begriffen, sich

gern in das leichte Fuhrwerk nötigen ließ, da er ein unausweichlich

Bedürfnis fühlte, nur einen Augenblick auf irgendeine Weise sich zu

zerstreuen. Er saß neben ihr, sie rief dem Postillon zu, wie er

fahren solle. Flugs entfernten sie sich, in Staub gehüllt, aus den

Augen der verwundert Nachschauenden.

Wilhelm Meisters Wanderjahre — Band 1 · 第 16 / 23 题