Der Mantelsack war schnell gepackt, den er wollte liegenlassen;
keinen Brief schrieb er dazu, nur mit wenig Worten sollte sein
Ausbleiben vom Tisch, vielleicht auch vom Abend, durch den Reitknecht
entschuldigt werden, den er ohnehin aufwecken mußte. Diesen aber fand
er unten, schon vor dem Stalle, mit großen Schritten auf und ab
gehend. "Sie wollen doch nicht reiten?" rief der sonst gutmütige
Mensch mit einigem Verdruß. "Ihnen darf ich es wohl sagen, aber der
junge Herr wird alle Tage unerträglicher. Hatte er sich doch gestern
in der Gegend herumgetrieben, daß man glauben sollte, er danke Gott,
einen Sonntagmorgen zu ruhen. Kommt er nicht heute frühe vor Tag,
rumort im Stalle, und wie ich aufspringe, sattelt und zäumt er Ihr
Pferd, ist durch keine Vorstellung abzuhalten; er schwingt sich darauf
und ruft: "Bedenke nur das gute Werk, das ich tue! Dies Geschöpf
geht immer nur gelassen einen juristischen Trab, ich will sehen, daß
ich ihn zu einem raschen Lebensgalopp anrege." Er sagte ungefähr so
und verführte andere wunderliche Reden."
Lucidor war doppelt und dreifach betroffen, er liebte das Pferd, als
seinem eigenen Charakter, seiner Lebensweise zusagend; ihn verdroß,
das gute, verständige Geschöpf in den Händen eines Wildfangs zu
wissen. Sein Plan war zerstört, seine Absicht, zu einem
Universitätsfreunde, mit dem er in froher, herzlicher Verbindung
gelebt, in dieser Krise zu flüchten. Das alte Zutrauen war erwacht,
die dazwischenliegenden Meilen wurden nicht gerechnet, er glaubte
schon bei dem wohlwollenden, verständigen Freunde Rat und Linderung zu
finden. Diese Aussicht war nun abgeschnitten; doch sie war's nicht,
wenn er es wagte, auf frischen Wanderfüßen, die ihm zu Gebote standen,
sein Ziel zu erreichen.
Vor allen Dingen suchte er nun aus dem Park ins freie Feld, auf den
Weg, der ihn zum Freunde führen sollte, zu gelangen. Er war seiner
Richtung nicht ganz gewiß, als ihm, linker Hand, über dem Gebüsch
hervorragend, auf wunderlichem Zimmerwerk die Einsiedelei, aus der
man ihm früher ein Geheimnis gemacht hatte, in die Augen fiel und er,
jedoch zu seiner größten Verwunderung, auf der Galerie unter dem
chinesischen Dache den guten Alten, der einige Tage für krank
gehalten worden, munter um sich blickend erschaute. Dem
freundlichsten Gruße, der dringenden Einladung heraufzukommen
widerstand Lucidor mit Ausflüchten und eiligen Gebärden. Nur
Teilnahme für den guten Alten, der, die steile Treppe schwankenden
Tritts heruntereilend, herabzustürzen drohte, konnte ihn vermögen,
entgegenzusehen und sodann sich hinaufziehen zu lassen. Mit
Verwunderung betrat er das anmutige Sälchen: es hatte nur drei
Fenster gegen das Land, eine allerliebste Aussicht; die übrigen Wände
waren verziert oder vielmehr verdeckt von hundert und aber hundert
Bildnissen, in Kupfer gestochen, allenfalls auch gezeichnet, auf die
Wand nebeneinander in gewisser Ordnung aufgeklebt, durch farbige
Säume und Zwischenräume gesondert.
"Ich begünstige Sie, mein Freund, wie nicht jeden; dies ist das
Heiligtum, in dem ich meine letzten Tage vergnüglich zubringe. Hier
erhol' ich mich von allen Fehlern, die mich die Gesellschaft begehen
läßt, hier bring' ich meine Diätfehler wieder ins Gleichgewicht."
Lucidor besah sich das Ganze, und in der Geschichte wohl erfahren,
sah er alsbald klar, daß eine historische Neigung zugrunde liege.
"Hier oben in der Friese", sagte der Alte, "finden Sie die Namen
vortrefflicher Männer aus der Urzeit, dann aus der näheren auch nur
die Namen, denn wie sie ausgesehen, möchte schwerlich auszumitteln
sein. Hier aber im Hauptfelde geht eigentlich mein Leben an, hier
sind die Männer, die ich noch nennen gehört als Knabe. Denn etwa
funfzig Jahre bleibt der Name vorzüglicher Menschen in der Erinnerung
des Volks, weiterhin verschwindet er oder wird märchenhaft.--Obgleich
von deutschen Eltern, bin ich in Holland geboren, und für mich ist
Wilhelm von Oranien, als Statthalter und König von England, der
Urvater aller außerordentlichen Männer und Helden.
Nun sehen Sie aber Ludwig den Vierzehnten gleich neben ihm, als
welcher"--wie gern hätte Lucidor den guten Alten unterbrochen, wenn
es sich geschickt hätte, wie es sich uns, den Erzählenden, wohl
ziemen mag: denn ihn bedrohte die neue und neueste Geschichte, wie
sich an den Bildern Friedrichs des Großen und seiner Generale, nach
denen er hinschielte, gar wohl bemerken ließ.
Ehrte nun auch der gute Jüngling die lebendige Teilnahme des Alten
an seiner nächsten Vor--und Mitzeit, konnten ihm einzelne
individuelle Züge und Ansichten als interessant nicht entgehen, so
hatte er doch auf Akademien schon die neuere und neueste Geschichte
gehört, und was man einmal gehört hat, glaubt man für immer zu wissen.
Sein Sinn stand in die Ferne, er hörte nicht, er sah kaum und war
eben im Begriff, auf die ungeschickteste Weise zur Türe hinaus und
die lange, fatale Treppe hinunter zu poltern, als ein Händeklatschen
von unten heftig zu vernehmen war.
Indessen sich Lucidor zurückhielt, fuhr der Kopf des Alten zum
Fenster hinaus, und von unten ertönte eine wohlbekannte Stimme:
"Kommen Sie herunter, um 's Himmels willen, aus Ihrem historischen
Bildersaal, alter Herr! Schließen Sie Ihre Fasten und helfen mir
unsern jungen Freund begütigen--wenn er's erfährt. Lucidors Pferd
hab' ich etwas unvernünftig angegriffen, es hat ein Eisen verloren,
und ich mußte es stehen lassen. Was wird er sagen? Es ist doch gar
zu absurd, wenn man absurd ist."
"Kommen Sie herauf!" sagte der Alte und wendete sich herein zu
Lucidor: "Nun, was sagen Sie?" Lucidor schwieg, und der wilde Junker
trat herein. Das Hin--und Widerreden gab eine lange Szene; genug,
man beschloß, den Reitknecht sogleich hinzuschicken, um für das Pferd
Sorge zu tragen.
Den Greis zurücklassend, eilten beide jungen Leute nach dem Hause,
wohin sich Lucidor nicht ganz unwillig ziehen ließ; es mochte daraus
werden, was wollte, wenigstens war in diesen Mauern der einzige
Wunsch seines Herzens eingeschlossen. In solchem verzweifelten Falle
vermissen wir ohnehin den Beistand unseres freien Willens und fühlen
uns erleichtert für einen Augenblick, wenn von irgendwoher Bestimmung
und Nötigung eingreift. Jedoch fand er sich, da er sein Zimmer
betrat, in dem wunderlichsten Zustande, eben als wenn jemand in ein
Gasthofsgemach, das er soeben verließ, unerwünscht wieder einzukehren
genötigt ist, weil ihm eine Achse gebrochen.
Der lustige Junker machte sich nun über den Mantelsack, um alles
recht ordentlich auszupacken, vorzüglich legte er zusammen, was von
festlichen Kleidungsstücken, obgleich reisemäßig, vorhanden war; er
nötigte Lucidorn, Schuh und Strümpfe anzuziehen, richtete dessen
vollkrause, braune Locken zurecht und putzte ihn aufs beste heraus.
Sodann rief er hinwegtretend, unsern Freund und sein Machwerk vom
Kopf bis zum Fuße beschauend: "Nun seht Ihr doch, Freundchen, einem
Menschen gleich, der einigen Anspruch auf hübsche Kinder macht, und
ernsthaft genug dabei, um sich nach einer Braut umzusehn. Nur einen
Augenblick! und Ihr sollt erfahren, wie ich mich hervorzutun weiß,
wenn die Stunde schlägt. Das hab' ich Offizieren abgelernt, nach
denen die Mädchen immer schielen, und da hab' ich mich zu einer
gewissen Soldateska selbst enrolliert, und nun sehen sie mich auch an
und wieder an, weil keine weiß, was sie aus mir machen soll. Da
entsteht nun aus dem Hin--und Hersehen, aus Verwunderung und
Aufmerksamkeit oft etwas gar Artiges, das, wär' es auch nicht
dauerhaft, doch wert ist, daß man ihm den Augenblick gönne.
Aber nun kommen Sie, Freund, und erweisen mir den gleichen Dienst!
Wenn Sie mich Stück für Stück in meine Hülle schlüpfen sehen, so
werden Sie Witz und Erfindungsgabe dem leichtfertigen Knaben nicht
absprechen."
Nun zog er den Freund mit sich fort, durch lange, weitläufige Gänge
des alten Schlosses. "Ich habe mich", rief er aus, "ganz hinten
hingebettet. Ohne mich verbergen zu wollen, bin ich gern allein:
denn man kann's den andern doch nicht recht machen."
Sie kamen an der Kanzlei vorbei, eben als ein Diener heraustrat und
ein Urvater-Schreibzeug, schwarz, groß und vollständig, heraustrug;
Papier war auch nicht vergessen.
"Ich weiß schon, was da wieder gekleckst werden soll", rief der
Junker; "geh hin und laß mir den Schlüssel. Tun Sie einen Blick
hinein, Lucidor! es unterhält Sie wohl, bis ich angezogen bin. Einem
Rechtsfreund ist ein solches Lokale nicht verhaßt wie einem
Stallverwandten"; und so schob er Lucidorn in den Gerichtssaal.
Der Jüngling fühlte sich sogleich in einem bekannten, ansprechenden
Elemente: die Erinnerung der Tage, wo er, aufs Geschäft erpicht, an
solchem Tische saß, hörend und schreibend sich übte. Auch blieb ihm
nicht verborgen, daß hier eine alte, stattliche Hauskapelle zum
Dienste der Themis, bei veränderten Religionsbegriffen, verwandelt sei.
In den Reposituren fand er Rubriken und Akten, ihm früher bekannt;
er hatte selbst in diesen Angelegenheiten, von der Hauptstadt her,
gearbeitet. Einen Faszikel aufschlagend, fiel ihm ein Reskript in
die Hände, das er selbst mundiert, ein anderes, wovon er der
Konzipient gewesen. Handschrift und Papier, Kanzleisiegel und des
Vorsitzenden Unterschrift, alles rief ihm jene Zeit eines rechtlichen
Strebens jugendlicher Hoffnung hervor. Und wenn er sich dann umsah
und den Sessel des Oberamtmanns erblickte, ihm zugedacht und bestimmt,
einen so schönen Platz, einen so würdigen Wirkungskreis, den er zu
verschmähen, zu entbehren Gefahr lief, das alles bedrängte ihn
doppelt und dreifach, indem die Gestalt Lucindens zu gleicher Zeit
sich von ihm zu entfernen schien.
Er wollte das Freie suchen, fand sich aber gefangen. Der
wunderliche Freund hatte, leichtsinnig oder schalkhaft, die Türe
verschlossen hinter sich gelassen; doch blieb unser Freund nicht
lange in dieser peinlichsten Beklemmung, denn der andere kam wieder,
entschuldigte sich und erregte wirklich guten Humor durch seine
seltsame Gegenwart. Eine gewisse Verwegenheit der Farben und des
Schnitts seiner Kleidung war durch natürlichen Geschmack gedämpft; wie
wir ja selbst tatouierten Indiern einen gewissen Beifall nicht
versagen. "Heute", rief er aus, "soll uns die Langeweile vergangener
Tage vergütet werden; gute Freunde, muntere Freunde sind angekommen,
hübsche Mädchen, neckische, verliebte Wesen, und dann auch mein Vater,
und Wunder über Wunder! Ihr Vater auch; das wird ein Fest werden,
alles ist im Saale schon versammelt beim Frühstück."
Lucidorn war's auf einmal zumute, als wenn er in tiefe Nebel
hineinsähe, alle die angemeldeten bekannten und unbekannten Gestalten
erschienen ihm gespenstig; doch sein Charakter in Begleitung eines
reinen Herzens hielt ihn aufrecht, in wenigen Sekunden fühlte er sich
schon allem gewachsen. Nun folgte er dem eilenden Freunde mit
sicherem Tritt, fest entschlossen, abzuwarten, es geschehe, was da
wolle, sich zu erklären, es entstehe, was da wolle.
Und doch war er auf der Schwelle des Saals betroffen. In einem
großen Halbkreis rings an den Fenstern umher entdeckte er sogleich
seinen Vater neben dem Oberamtmann, beide stattlich angezogen. Die
Schwestern, Antoni und sonst noch Bekannte und Unbekannte übersah er
mit einem Blick, der ihm trübe werden wollte. Schwankend näherte er
sich seinem Vater, der ihn höchst freundlich willkommen hieß, jedoch
mit einer gewissen Förmlichkeit, die ein vertrauendes Annähern kaum
begünstigte. Vor so vielen Personen stehend suchte er sich für den
Augenblick einen schicklichen Platz; er hätte sich neben Lucinden
stellen können, aber Julie, dem gespannten Anstand zuwider, machte
eine Wendung, daß er zu ihr treten mußte; Antoni blieb neben Lucinden.
In diesem bedeutenden Momente fühlte sich Lucidor abermals als
Beauftragten, und gestählt von seiner ganzen Rechtswissenschaft, rief
er sich jene schöne Maxime zu seinen eignen Gunsten heran: "Wir
sollen anvertraute Geschäfte der Fremden wie unsere eigenen behandeln,
warum nicht die unsrigen in eben dem Sinne?"--In Geschäftsvorträgen
wohl geübt, durchlief er schnell, was er zu sagen habe. Indessen
schien die Gesellschaft, in einen förmlichen Halbzirkel gebildet, ihn
zu überflügeln. Den Inhalt seines Vortrags kannte er wohl, den
Anfang konnte er nicht finden. Da bemerkte er, in einer Ecke
aufgetischt, das große Tintenfaß, Kanzleiverwandte dabei; der
Oberamtmann machte eine Bewegung, seine Rede vorzubereiten; Lucidor
wollte ihm zuvorkommen, und in demselben Augenblicke drückte Julie
ihm die Hand. Dies brachte ihn aus aller Fassung, er überzeugte sich,
daß alles entschieden, alles für ihn verloren sei.
Nun war an gegenwärtigen sämtlichen Lebensverhältnissen, diesen
Familienverbindungen, Gesellschafts--und Anstandsbezügen nichts mehr
zu schonen; er sah vor sich hin, entzog seine Hand Julien und war so
schnell zur Türe hinaus, daß die Versammlung ihn unversehens vermißte
und er sich selbst draußen nicht wiederfinden konnte.
Scheu vor dem Tageslichte, das im höchsten Glanze über ihn
herabschien, die Blicke begegnender Menschen vermeidend, aufsuchende
fürchtend, schritt er vorwärts und gelangte zu dem großen Gartensaal.
Dort wollten ihm die Kniee versagen, er stürzte hinein und warf sich
trostlos auf den Sofa unter dem Spiegel: mitten in der
sittlich-bürgerlichen Gesellschaft in solcher Verworrenheit befangen,
die sich wogenhaft um ihn, in ihm hin und her schlug. Sein
vergangenes Dasein kämpfte mit dem gegenwärtigen, es war ein
greulicher Augenblick.
Und so lag er eine Zeit, mit dem Gesichte in das Kissen versenkt,
auf welchem gestern Lucindens Arm geruht hatte. Ganz in seinen
Schmerz versunken, fuhr er, sich berührt fühlend, schnell in die Höhe,
ohne die Annäherung irgendeiner Person gespürt zu haben: da erblickt'
er Lucinden, die ihm nahe stand,
Vermutend, man habe sie gesendet, ihn abzuholen, ihr aufgetragen,
ihn mit schicklichen, schwesterlichen Worten in die Gesellschaft,
seinem widerlichen Schicksal entgegen zu führen, rief er aus: "Sie
hätte man nicht senden müssen, Lucinde, denn Sie sind es, die mich
von dort vertrieb; ich kehre nicht zurück! Geben Sie mir, wenn Sie
irgendeines Mitleids fähig sind, schaffen Sie mir Gelegenheit und
Mittel zur Flucht. Denn, damit Sie von mir zeugen können, wie
unmöglich es sei, mich zurückzubringen, so nehmen Sie den Schlüssel
zu meinem Betragen, das Ihnen und allen wahnsinnig vorkommen muß.
Hören Sie den Schwur, den ich mir im Innern getan und den ich
unauflöslich laut wiederhole: Nur mit Ihnen wollt' ich leben, meine
Jugend nutzen, genießen, und so das Alter im treuen, redlichen Ablauf.
Dies aber sei so fest und sicher als irgend etwas, was vor dem Altar
je geschworen worden, was ich jetzt schwöre, indem ich Sie verlasse,
der bedauernswürdigste aller Menschen."
Er machte eine Bewegung zu entschlüpfen, ihr, die so gedrängt vor
ihm stand; aber sie faßte ihn sanft in ihren Arm.--"Was machen Sie!"
rief er aus. "Lucidor!" rief sie, "nicht zu bedauern, wie Sie wohl
wähnen, Sie sind mein, ich die Ihre; ich halte Sie in meinen Armen,
zaudern Sie nicht, die Ihrigen um mich zu schlagen. Ihr Vater ist
alles zufrieden; Antoni heiratet meine Schwester." Erstaunt zog er
sich von ihr zurück. "Das wäre wahr?" Lucinde lächelte und nickte,
er entzog sich ihren Armen. "Lassen Sie mich noch einmal in der
Ferne sehen, was so nah, so nächst mir angehören soll." Er faßte
ihre Hände, Blick in Blick! "Lucinde, sind Sie mein?"--Sie versetzte:
"Nun ja doch", die süßesten Tränen in dem treusten Auge; er
umschlang sie und warf sein Haupt hinter das ihre, hing wie am
Uferfelsen ein Schiffbrüchiger; der Boden bebte noch unter ihm. Nun
aber sein entzückter Blick, sich wieder öffnend, fiel in den Spiegel.
Da sah er sie in seinen Armen, sich von den ihren umschlungen; er
blickte wieder und wieder hin. Solche Gefühle begleiten den Menschen
durchs ganze Leben. Zugleich sah er auch auf der Spiegelfläche die
Landschaft, die ihm gestern so greulich und ahnungsvoll erschienen
war, glänzender und herrlicher als je; und sich in solcher Stellung,
auf solchem Hintergrunde! Genugsame Vergeltung aller Leiden.
"Wir sind nicht allein", sagte Lucinde, und kaum hatte er sich von
seinem Entzücken erholt, so erschienen geputzt und bekränzt Mädchen
und Knaben, Kränze tragend, den Ausgang versperrend. "Das sollte
alles anders werden", rief Lucinde; "wie artig war es eingerichtet,
und nun geht's tumultuarisch durcheinander!" Ein munterer Marsch
tönte von weitem, und man sah die Gesellschaft den breiten Weg her
feierlich heiter heranziehen. Er zauderte entgegenzusehen und schien
seiner Schritte nur an ihrem Arm gewiß; sie blieb neben ihm, die
feierliche Szene des Wiedersehens, des Danks für eine schon
vollendete Vergebung von Augenblick zu Augenblick erwartend.
Anders war's jedoch von den launischen Göttern beschlossen; eines
Posthorns lustig schmetternder Ton, von der Gegenseite, schien den
ganzen Aufstand in Verwirrung zu setzen. "Wer mag kommen?" rief
Lucinde. Lucidorn schauderte vor einer fremden Gegenwart, und auch
der Wagen schien ganz fremd. Eine zweisitzige, neue, ganz neuste
Reisechaise! Sie fuhr an den Saal an. Ein ausgezeichneter,
anständiger Knabe sprang hinten herunter, öffnete den Schlag, aber
niemand stieg heraus; die Chaise war leer, der Knabe stieg hinein, mit
einigen geschickten Handgriffen warf er die Spriegel zurück, und so
war in einem Nu das niedlichste Gebäude zur lustigsten Spazierfahrt
vor den Augen aller Anwesenden bereitet, die indessen herankamen.
Antoni, den übrigen voreilend, führte Julien zu dem Wagen. "Versuchen
Sie", sprach er, "ob Ihnen dies Fuhrwerk gefallen kann, um darin mit
mir auf den besten Wegen durch die Welt zu rollen; ich werde Sie
keinen andern führen, und wo es irgend not tut, wollen wir uns zu
helfen wissen. über das Gebirg sollen uns Saumrosse tragen, und den
Wagen dazu."
"Sie sind allerliebst!" rief Julie. Der Knabe trat heran und zeigte
mit Taschenspielergewandtheit alle Bequemlichkeiten, kleine Vorteile
und Behendigkeiten des ganzen leichten Baues.
"Auf der Erde weiß ich keinen Dank", rief Julie, "nur auf diesem
kleinen, beweglichen Himmel, aus dieser Wolke, in die Sie mich
erheben, will ich Ihnen herzlich danken." Sie war schon
eingesprungen, ihm Blick und Kußhand freundlich zuwerfend.
"Gegenwärtig dürfen Sie noch nicht zu mir herein, da ist aber ein
anderer, den ich auf dieser Probefahrt mitzunehmen gedenke, er hat
auch noch eine Probe zu bestehen." Sie rief nach Lucidor, der, eben
mit Vater und Schwiegervater in stummer Unterhaltung begriffen, sich
gern in das leichte Fuhrwerk nötigen ließ, da er ein unausweichlich
Bedürfnis fühlte, nur einen Augenblick auf irgendeine Weise sich zu
zerstreuen. Er saß neben ihr, sie rief dem Postillon zu, wie er
fahren solle. Flugs entfernten sie sich, in Staub gehüllt, aus den
Augen der verwundert Nachschauenden.