Achtes Kapitel Wer ist der Verräter?
"Nein! nein!" rief er aus, als er heftig und eilig ins angewiesene
Schlafzimmer trat und das Licht niedersetzte; "nein! es ist nicht
möglich! Aber wohin soll ich mich wenden? Das erstemal denk' ich
anders als er, das erstemal empfind' ich, will ich anders.-- O mein
Vater! Könntest du unsichtbar gegenwärtig sein, mich durch und durch
schauen, du würdest dich überzeugen, daß ich noch derselbe bin, immer
der treue, gehorsame, liebevolle Sohn.--Nein zu sagen! des Vaters
liebstem, lange gehegtem Wunsch zu widerstreben! wie soll ich's
offenbaren? wie soll ich's ausdrücken? Nein, ich kann Julien nicht
heiraten. --Indem ich's ausspreche, erschrecke ich. Und wie soll ich
vor ihn treten, es ihm eröffnen, dem guten, lieben Vater? Er blickt
mich staunend an und schweigt, er schüttelt den Kopf; der einsichtige,
kluge, gelehrte Mann weiß keine Worte zu finden. Weh mir!-- O ich
wüßte wohl, wem ich diese Pein, diese Verlegenheit vertraute, wen ich
mir zum Fürsprecher ausgriffe! Aus allen dich, Lucinde! und dir
möcht' ich zuerst sagen, wie ich dich liebe, wie ich mich dir hingebe,
und dich flehentlich bitten: "Vertritt mich, und kannst du mich
lieben, willst du mein sein, so vertritt uns beide!""
Dieses kurze, herzlich-leidenschaftliche Selbstgespräch aufzuklären,
wird es aber viele Worte kosten.
Professor N. zu N. hatte einen einzigen Knaben von wundersamer
Schönheit, den er bis in das achte Jahr der Vorsorge seiner Gattin,
der würdigsten Frau, überließ; diese leitete die Stunden und Tage des
Kindes zum Leben, Lernen und zu allem guten Betragen. Sie starb, und
im Augenblicke fühlte der Vater, daß er diese Sorgfalt persönlich
nicht weiter fortsetzen könne. Bisher war alles übereinkunft
zwischen den Eltern; sie arbeiteten auf einen Zweck, beschlossen
zusammen für die nächste Zeit, was zu tun sei, und die Mutter
verstand alles weislich auszuführen. Doppelt und dreifach war nun die
Sorge des Witwers, welcher wohl wußte und täglich vor Augen sah, daß
für Söhne der Professoren auf Akademien selbst nur durch ein Wunder
eine glückliche Bildung zu hoffen sei.
In dieser Verlegenheit wendete er sich an seinen Freund, den
Oberamtmann zu R., mit dem er schon frühere Plane näherer
Familienverbindungen durchgesprochen hatte. Dieser wußte zu raten
und zu helfen, daß der Sohn in eine der guten Lehranstalten
aufgenommen wurde, die in Deutschland blühten und worin für den
ganzen Menschen, für Leib, Seele und Geist, möglichst gesorgt ward.
Untergebracht war nun der Sohn, der Vater jedoch fand sich gar zu
allein: seiner Gattin beraubt, der lieblichen Gegenwart des Knaben
entfremdet, den er, ohne selbsteigenes Bemühen, so erwünscht
heraufgebildet gesehn. Auch hier kam die Freundschaft des
Oberamtmanns zustatten; die Entfernung ihrer Wohnorte verschwand vor
der Neigung, der Lust, sich zu bewegen, sich zu zerstreuen. Hier
fand nun der verwaiste Gelehrte in einem gleichfalls mutterlosen
Familienkreis zwei schöne, verschiedenartig liebenswürdige Töchter
heranwachsen; wo denn beide Väter sich immer mehr und mehr bestärkten
in dem Gedanken, in der Aussicht, ihre Häuser dereinst aufs
erfreulichste verbunden zu sehn.
Sie lebten in einem glücklichen Fürstenlande; der tüchtige Mann war
seiner Stelle lebenslänglich gewiß und ein gewünschter Nachfolger
wahrscheinlich. Nun sollte, nach einem verständigen Familien--und
Ministerialplan, sich Lucidor zu dem wichtigen Posten des künftigen
Schwiegervaters bilden. Dies gelang ihm auch von Stufe zu Stufe. Man
versäumte nichts, ihm alle Kenntnisse zu überliefern, alle
Fähigkeiten an ihm zu entwickeln, deren der Staat jederzeit bedarf:
die Pflege des strengen gerichtlichen Rechts, des läßlichern, wo
Klugheit und Gewandtheit dem Ausübenden zur Hand geht; der Kalkül zum
Tagesgebrauch, die höheren übersichten nicht ausgeschlossen, aber
alles unmittelbar am Leben, wie es gewiß und unausbleiblich zu
gebrauchen wäre.
In diesem Sinne hatte Lucidor seine Schuljahre vollbracht und ward
nun durch Vater und Gönner zur Akademie vorbereitet. Er zeigte das
schönste Talent zu allem und verdankte der Natur auch noch das
seltene Glück, aus Liebe zum Vater, aus Ehrfurcht für den Freund seine
Fähigkeiten gerade dahin lenken zu wollen, wohin man deutete, erst
aus Gehorsam, dann aus überzeugung. Auf eine auswärtige Akademie
ward er gesendet und ging daselbst, sowohl nach eigener brieflicher
Rechenschaft als nach Zeugnis seiner Lehrer und Aufseher, den Gang,
der ihn zum Ziele führen sollte. Nur konnte man nicht billigen, daß
er in einigen Fällen zu ungeduldig brav gewesen. Der Vater
schüttelte hierüber den Kopf, der Oberamtmann nickte. Wer hätte sich
nicht einen solchen Sohn gewünscht!
Indessen wuchsen die Töchter heran, Julie und Lucinde. Jene, die
jüngere, neckisch, lieblich, unstät, höchst unterhaltend; die andere
zu bezeichnen schwer, weil sie in Geradheit und Reinheit dasjenige
darstellte, was wir an allen Frauen wünschenswert finden. Man
besuchte sich wechselseitig, und im Hause des Professors fand Julie
die unerschöpflichste Unterhaltung.
Geographie, die er durch Topographie zu beleben wußte, gehörte zu
seinem Fach, und sobald Julie nur einen Band gewahr worden,
dergleichen aus der Homannischen Offizin eine ganze Reihe dastanden,
so wurden sämtliche Städte gemustert, beurteilt, vorgezogen oder
zurückgewiesen; alle Häfen besonders erlangten ihre Gunst; andere
Städte, welche nur einigermaßen ihren Beifall erhalten wollten,
mußten sich mit vielen Türmen, Kuppeln und Minaretten fleißig
hervorheben.
Der Vater ließ sie wochenlang bei dem geprüften Freunde; sie nahm
wirklich zu an Wissenschaft und Einsicht und kannte so ziemlich die
bewohnte Welt nach Hauptbezügen, Punkten und Orten. Auch war sie auf
Trachten fremder Nationen sehr aufmerksam, und wenn ihr Pflegvater
manchmal scherzhaft fragte: ob ihr denn von den vielen jungen,
hübschen Leuten, die da vor dem Fenster hin und wider gingen, nicht
einer oder der andere wirklich gefalle? so sagte sie: "Ja freilich,
wenn er recht seltsam aussieht!" Da nun unsere jungen Studierenden es
niemals daran fehlen lassen, so hatte sie oft Gelegenheit, an einem
oder dem andern teilzunehmen; sie erinnerte sich an ihm irgendeiner
fremden Nationaltracht, versicherte jedoch zuletzt, es müsse
wenigstens ein Grieche, völlig nationell ausstaffiert, herbeikommen,
wenn sie ihm vorzügliche Aufmerksamkeit widmen sollte; deswegen sie
sich auch auf die Leipziger Messe wünschte, wo dergleichen auf der
Straße zu sehen wären.
Nach seinen trocknen und manchmal verdrießlichen Arbeiten hatte nun
unser Lehrer keine glücklichern Augenblicke, als wenn er sie
scherzend unterrichtete und dabei heimlich triumphierte, sich eine so
liebenswürdige, immer unterhaltene, immer unterhaltende
Schwiegertochter zu erziehen. Die beiden Väter waren übrigens
einverstanden, daß die Mädchen nichts von der Absicht vermuten
sollten, auch Lucidorn hielt man sie verborgen.
So waren Jahre vergangen, wie sie denn gar leicht vergehen: Lucidor
stellte sich dar, vollendet, alle Prüfungen bestehend, selbst zur
Freude der obern Vorgesetzten, die nichts mehr wünschten, als die
Hoffnung alter, würdiger, begünstigter, gunstwerter Diener mit gutem
Gewissen erfüllen zu können.
Und so war denn die Angelegenheit mit ordnungsgemäßem Schritt
endlich dahin gediehen, daß Lucidor, nachdem er sich in
untergeordneten Stellen musterhaft betragen, nunmehr einen gar
vorteilhaften Sitz nach Verdienst und Wunsch erlangen sollte, gerade
mittewegs zwischen der Akademie und dem Oberamtmann gelegen.
Der Vater sprach nunmehr mit dem Sohn von Julien, auf die er bisher
nur hingedeutet hatte, als von dessen Braut und Gattin, ohne weiteren
Zweifel und Bedingung, das Glück preisend, solch ein lebendiges
Kleinod sich angeeignet zu haben. Er sah seine Schwiegertochter im
Geiste schon wieder von Zeit zu Zeit bei sich, mit Karten, Planen und
Städtebildern beschäftigt; der Sohn dagegen erinnerte sich des
allerliebsten, heitern Wesens, das ihn zu kindlicher Zeit durch
Neckerei wie durch Freundlichkeit immer ergötzt hatte. Nun sollte
Lucidor zu dem Oberamtmann hinüberreiten, die herangewachsene Schöne
näher betrachten, sich einige Wochen, zu Gewohnheit und Bekanntschaft,
mit dem Gesamthause ergehen. Würden die jungen Leute, wie zu hoffen,
bald einig, so sollte man's melden, der Vater würde sogleich
erscheinen, damit ein feierliches Verlöbnis das gehoffte Glück für
ewig sicherstelle.
Lucidor kommt an, er wird freundlichst empfangen, ein Zimmer ihm
angewiesen, er richtet sich ein und erscheint. Da findet er denn,
außer den uns schon bekannten Familiengliedern, noch einen
halberwachsenen Sohn, verzogen, geradezu, aber gescheit und gutmütig,
so daß, wenn man ihn für den lustigen Rat nehmen wollte, er gar nicht
übel zum Ganzen paßte. Dann gehörte zum Haus ein sehr alter, aber
gesunder, frohmütiger Mann, still, fein, klug, auslebend nun hie und
da auszuhelfen. Gleich nach Lucidor kam noch ein Fremder hinzu, nicht
mehr jung, von bedeutendem Ansehn, würdig, lebensgewandt und durch
Kenntnis der weitesten Weltgegenden höchst unterhaltend. Sie hießen
ihn Antoni.
Julie empfing ihren angekündigten Bräutigam schicklich, aber
zuvorkommend, Lucinde dagegen machte die Ehre des Hauses wie jene
ihrer Person. So verging der Tag ausgezeichnet angenehm für alle,
nur für Lucidorn nicht; er, ohnehin schweigsam, mußte von Zeit zu Zeit,
um nicht gar zu verstummen, sich fragend verhalten; wobei denn
niemand zum Vorteil erscheint.
Zerstreut war er durchaus: denn er hatte vom ersten Augenblick an
nicht Abneigung noch Widerwillen, aber Entfremdung gegen Julien
gefühlt; Lucinde dagegen zog ihn an, daß er zitterte, wenn sie ihn
mit ihren vollen, reinen, ruhigen Augen ansah.
So bedrängt, erreichte er den ersten Abend sein Schlafzimmer und
ergoß sich in jenem Monolog, mit dem wir begonnen haben. Um aber
auch diesen zu erklären, und wie die Heftigkeit einer solchen
Redefülle zu demjenigen paßt, was wir schon von ihm wissen, wird eine
kurze Mitteilung nötig.
Lucidor war von tiefem Gemüt und hatte meist etwas anders im Sinn,
als was die Gegenwart erheischte; deswegen Unterhaltung und Gespräch
ihm nie recht glücken wollte; er fühlte das und wurde schweigsam,
außer wenn von bestimmten Fächern die Rede war, die er durchstudiert
hatte, davon ihm jederzeit zu Diensten stand, was er bedurfte. Dazu
kam, daß er, früher auf der Schule, später auf der Universität, sich
an Freunden betrogen und seinen Herzenserguß unglücklich vergeudet
hatte; jede Mitteilung war ihm daher bedenklich; Bedenken aber hebt
jede Mitteilung auf. Zu seinem Vater war er nur gewohnt unisono zu
sprechen, und sein volles Herz ergoß sich daher in Monologen, sobald
er allein war.
Den andern Morgen hatte er sich zusammengenommen und wäre doch
beinahe außer Fassung gerückt, als ihm Julie noch freundlicher,
heiterer und freier entgegenkam. Sie wußte viel zu fragen, nach
seinen Land--und Wasserfahrten, wie er, als Student, mit dem
Bündelchen auf'm Rücken die Schweiz durchstreift und durchstiegen, ja
über die Alpen gekommen. Da wollte sie nun von der schönen Insel auf
dem großen südlichen See vieles wissen; rückwärts aber mußte der
Rhein, von seinem ersten Ursprung an, erst durch höchst unerfreuliche
Gegenden begleitet werden, und so hinabwärts durch manche
Abwechselung; wo es denn freilich zuletzt, zwischen Mainz und Koblenz,
noch der Mühe wert ist, den Fluß ehrenvoll aus seiner letzten
Beschränkung in die weite Welt, ins Meer zu entlassen.
Lucidor fühlte sich hiebei sehr erleichtert, erzählte gern und gut,
so daß Julie entzückt ausrief: so was müsse man selbander sehen.
Worüber denn Lucidor abermals erschrak, weil er darin eine Anspielung
auf ihr gemeinsames Wandern durchs Leben zu spüren glaubte.
Von seiner Erzählerpflicht jedoch wurde er bald abgelöst; denn der
Fremde, den sie Antoni hießen, verdunkelte gar geschwind alle
Bergquellen, Felsufer, eingezwängte, freigelassene Flüsse: nun hier
ging's unmittelbar nach Genua; Livorno lag nicht weit, das
Interessanteste im Lande nahm man auf den Raub so mit; Neapel mußte
man, ehe man stürbe, gesehen haben, dann aber blieb freilich
Konstantinopel noch übrig, das doch auch nicht zu versäumen sei. Die
Beschreibung, die Antoni von der weiten Welt machte, riß die
Einbildungskraft aller mit sich fort, ob er gleich weniger Feuer
darein zu legen hatte. Julie, ganz außer sich, war aber noch
keineswegs befriedigt, sie fühlte noch Lust nach Alexandrien, Kairo,
besonders aber zu den Pyramiden, von denen sie ziemlich auslangende
Kenntnisse durch ihres vermutlichen Schwiegervaters Unterricht
gewonnen hatte.
Lucidor, des nächsten Abends (er hatte kaum die Türe angezogen, das
Licht noch nicht niedergesetzt), rief aus: "Nun besinne dich denn! es
ist Ernst. Du hast viel Ernstes gelernt und durchdacht; was soll
denn Rechtsgelehrsamkeit, wenn du jetzt nicht gleich als Rechtsmann
handelst? Siehe dich als einen Bevollmächtigten an, vergiß dich
selbst und tue, was du für einen andern zu tun schuldig wärst. Es
verschränkt sich aufs fürchterlichste! Der Fremde ist offenbar um
Lucindes willen da, sie bezeigt ihm die schönsten, edelsten
gesellig-häuslichen Aufmerksamkeiten; die kleine Närrin möchte mit
jedem durch die Welt laufen, für nichts und wieder nichts. überdies
noch ist sie ein Schalk, ihr Anteil an Städten und Ländern ist eine
Posse, wodurch sie uns zum Schweigen bringt. Warum aber seh' ich
diese Sache so verwirrt und verschränkt an? Ist der Oberamtmann
nicht selbst der verständigste, der einsichtigste, liebevollste
Vermittler? Du willst ihm sagen, wie du fühlst und denkst, und er
wird mitdenken, wenn auch nicht mitfühlen. Er vermag alles über den
Vater. Und ist nicht eine wie die andere seine Tochter? Was will
denn der Anton Reiser mit Lucinden, die für das Haus geboren ist, um
glücklich zu sein und Glück zu schaffen? hefte sich doch das zapplige
Quecksilber an den ewigen Juden, das wird eine allerliebste Partie
werden."
Des Morgens ging Lucidor festen Entschlusses hinab, mit dem Vater zu
sprechen und ihn deshalb in bekannten freien Stunden unverzüglich
anzugehn. Wie groß war sein Schmerz, seine Verlegenheit, als er
vernahm: der Oberamtmann, in Geschäften verreist, werde erst
übermorgen zurückerwartet. Julie schien heute so recht ganz ihren
Reisetag zu haben, sie hielt sich an den Weltwanderer und überließ
mit einigen Scherzreden, die sich auf Häuslichkeit bezogen, Lucidor
an Lucinden. Hatte der Freund vorher das edle Mädchen aus gewisser
Ferne gesehen, nach einem allgemeinen Eindruck, und sie sich schon
herzlichst angeeignet, so mußte er in der nächsten Nähe alles doppelt
und dreifach entdecken, was ihn erst im allgemeinen anzog.
Der gute alte Hausfreund, an der Stelle des abwesenden Vaters, tat
sich nun hervor; auch er hatte gelebt, geliebt und war, nach manchen
Quetschungen des Lebens, noch endlich an der Seite des Jugendfreundes
aufgefrischt und wohlbehalten. Er belebte das Gespräch und
verbreitete sich besonders über Verirrungen in der Wahl eines Gatten,
erzählte merkwürdige Beispiele von zeitiger und verspäteter Erklärung.
Lucinde erschien in ihrem völligen Glanze, sie gestand, daß im
Leben das Zufällige jeder Art, und so auch in Verbindungen, das
Allerbeste bewirken könne; doch sei es schöner, herzerhebender, wenn
der Mensch sich sagen dürfte: er sei sein Glück sich selbst, der
stillen, ruhigen überzeugung seines Herzens, einem edlen Vorsatz und
raschen Entschlusse schuldig geworden. Lucidorn standen die Tränen
in den Augen, als er Beifall gab, worauf die Frauenzimmer sich bald
entfernten. Der alte Vorsitzende mochte sich in Wechselgeschichten
gern ergehen, und so verbreitete sich die Unterhaltung in heitere
Beispiele, die jedoch unsern Helden so nahe berührten, daß nur ein so
rein gebildeter Jüngling nicht herauszubrechen über sich gewinnen
konnte; das geschah aber, als er allein war.
"Ich habe mich gehalten!" rief er aus. "Mit solcher Verwirrung will
ich meinen guten Vater nicht kränken; ich habe an mich gehalten: denn
ich sehe in diesem würdigen Hausfreunde den Stellvertretenden beider
Väter; zu ihm will ich reden, ihm alles entdecken, er wird's gewiß
vermitteln und hat beinahe schon ausgesprochen, was ich wünsche.
Sollte er im einzelnen Falle schelten, was er überhaupt billigt?
Morgen früh such' ich ihn auf, ich muß diesem Drange Luft machen."
Beim Frühstück fand sich der Greis nicht ein; er hatte, hieß es,
gestern abend zu viel gesprochen, zu lange gesessen und einige
Tropfen Wein über Gewohnheit getrunken. Man erzählte viel zu seinem
Lobe, und zwar gerade solche Reden und Handlungen, die Lucidorn zur
Verzweiflung brachten, daß er sich nicht sogleich an ihn gewendet.
Dieses unangenehme Gefühl ward nur noch geschärft, als er vernahm:
bei solchen Anfällen lasse der gute Alte sich manchmal in acht Tagen
gar nicht sehen.
Ein ländlicher Aufenthalt hat für geselliges Zusammensein gar große
Vorteile, besonders wenn die Bewirtenden sich, als denkende, fühlende
Personen, mehrere Jahre veranlaßt gefunden, der natürlichen Anlage
ihrer Umgebung zu Hülfe zu kommen. So war es hier geglückt. Der
Oberamtmann, erst unverheiratet, dann in einer langen, glücklichen
Ehe, selbst vermögend, an einem einträglichen Posten, hatte nach
eignem Blick und Einsicht, nach Liebhaberei seiner Frau, ja zuletzt
nach Wünschen und Grillen seiner Kinder erst größere und kleinere
abgesonderte Anlagen besorgt und begünstigt, welche, mit Gefühl
allmählich durch Pflanzungen und Wege verbunden, eine allerliebste,
verschiedentlich abweichende, charakteristische Szenenfolge dem
Durchwandelnden darstellten. Eine solche Wallfahrt ließen denn auch
unsere jungen Familienglieder ihren Gast antreten, wie man seine
Anlagen dem Fremden gerne vorzeigt, damit er das, was uns gewöhnlich
geworden, auffallend erblicke und den günstigen Eindruck davon für
immer behalte.
Die nächste so wie die fernere Gegend war zu bescheidenen Anlagen
und eigentlich ländlichen Einzelnheiten höchst geeignet. Fruchtbare
Hügel wechselten mit wohlbewässerten Wiesengründen, so daß das Ganze
von Zeit zu Zeit zu sehen war, ohne flach zu sein; und wenn Grund und
Boden vorzüglich dem Nutzen gewidmet erschien, so war doch das
Anmutige, das Reizende nicht ausgeschlossen.
An die Haupt--und Wirtschaftsgebäude fügten sich Lust, Obst--und
Grasgärten, aus denen man sich unversehens in ein Hölzchen verlor,
das ein breiter, fahrbarer Weg auf und ab, hin und wider
durchschlängelte. Hier in der Mitte war, auf der bedeutendsten Höhe,
ein Saal erbaut, mit anstoßenden Gemächern. Wer zur Haupttüre
hereintrat, sah im großen Spiegel die günstigste Aussicht, welche die
Gegend nur gewähren mochte, und kehrte sich geschwind wieder um, an
der Wirklichkeit von dem unerwarteten Bilde Erholung zu nehmen: denn
das Herankommen war künstlich genug eingerichtet und alles klüglich
verdeckt, was überraschung bewirken sollte. Niemand trat herein,
ohne daß er von dem Spiegel zur Natur und von der Natur zum Spiegel
sich nicht gern hin und wider gewendet hätte.
Am schönsten, heitersten, längsten Tage einmal auf dem Wege, hielt
man einen sinnigen Flurzug um und durch das Ganze. Hier wurde das
Abendplätzchen der guten Mutter bezeichnet, wo eine herrliche Buche
rings umher sich freien Raum gehalten hatte. Bald nachher wurde
Lucindens Morgenandacht von Julien halb neckisch angedeutet, in der
Nähe eines Wässerchens zwischen Pappeln und Erlen, an
hinabstreichenden Wiesen, hinaufziehenden Äckern. Es war nicht zu
beschreiben, wie hübsch! schon überall glaubte man es gesehen zu haben,
aber nirgends in seiner Einfalt so bedeutend und so willkommen.
Dagegen zeigte der Junker, auch halb wider Willen Juliens, die
kleinlichen Lauben und kindischen Gärtchenanstalten, die, nächst einer
vertraulich gelegenen Mühle, kaum noch zu bemerken; sie schrieben
sich aus einer Zeit her, wo Julie, etwa in ihrem zehnten Jahre, sich
in den Kopf gesetzt hatte, Müllerin zu werden und, nach dem Abgang
der beiden alten Leute, selbst einzutreten und sich einen braven
Mühlknappen auszusuchen.
"Das war zu einer Zeit", rief Julie, "wo ich noch nichts von Städten
wußte, die an Flüssen liegen, oder gar am Meer, von Genua nichts u.s.
w. Ihr guter Vater, Lucidor, hat mich bekehrt, seit der Zeit komm'
ich nicht leicht hierher." Sie setzte sich neckisch auf ein Bänkchen,
das sie kaum noch trug, unter einen Holunderstrauch, der sich zu
tief gebeugt hatte. "Pfui übers Hocken!" rief sie, sprang auf und
lief mit dem lustigen Bruder davon.
Das zurückgebliebene Paar unterhielt sich verständig, und in solchen
Fällen nähert sich der Verstand auch wohl dem Gefühl. Abwechselnd
einfache, natürliche Gegenstände zu durchwandern, mit Ruhe zu
betrachten, wie der verständige, kluge Mensch ihnen etwas
abzugewinnen weiß, wie die Einsicht ins Vorhandene, zum Gefühl seiner
Bedürfnisse sich gesellend, Wunder tut, um die Welt erst bewohnbar zu
machen, dann zu bevölkern und endlich zu übervölkern, das alles
konnte hier im einzelnen zur Sprache kommen. Lucinde gab von allem
Rechenschaft und konnte, so bescheiden sie war, nicht verbergen, daß
die bequemlich angenehmen Verbindungen entfernter Partien ihr Werk
seien, unter Angabe, Leitung oder Vergünstigung einer verehrten
Mutter.
Da sich aber denn doch der längste Tag endlich zum Abend bequemt, so
mußte man auf Rückkehr denken, und als man auf einen angenehmen Umweg
sann, verlangte der lustige Bruder: man solle den kürzern, obgleich
nicht erfreulichen, wohl gar beschwerlichen Weg einschlagen. "Denn",
rief er aus, "ihr habt mit euren Anlagen und Anschlägen geprahlt, wie
ihr die Gegend für malerische Augen und für zärtliche Herzen
verschönert und verbessert; laßt mich aber auch zu Ehren kommen."
Nun mußte man über geackerte Stellen und holprichte Pfade, ja wohl
auch auf zufällig hingeworfenen Steinen über Moorflecke wandern und
sah, schon in einer gewissen Ferne, allerlei Maschinenwerk verworren
aufgetürmt. Näher betrachtet, war ein großer Lust--und Spielplatz,
nicht ohne Verstand, mit einem gewissen Volkssinn eingerichtet. Und
so standen hier, in gehörigen Entfernungen zusammengeordnet, das große
Schaukelrad, wo die Auf--und Absteigenden immer gleich horizontal
ruhig sitzenbleiben, andere Schaukeleien, Schwungseile, Lusthebel,
Kegel--und Zellenbahnen, und was nur alles erdacht werden kann, um auf
einem großen Triftraum eine Menge Menschen verschiedentlichst und
gleichmäßig zu beschäftigen und zu erlustigen. "Dies", rief er aus,
"ist meine Erfindung, meine Anlage! und obgleich der Vater das Geld
und ein gescheiter Kerl den Kopf dazu hergab, so hätte doch ohne mich,
den ihr oft unvernünftig nennt, Verstand und Geld sich nicht
zusammengefunden."
So heiter gestimmt kamen alle vier mit Sonnenuntergang wieder nach
Hause. Antoni fand sich ein; die Kleine jedoch, die an diesem
bewegten Tage noch nicht genug hatte, ließ einspannen und fuhr über
Land zu einer Freundin, in Verzweiflung, sie seit zwei Tagen nicht
gesehen zu haben. Die vier Zurückgebliebenen fühlten sich verlegen,
ehe man sich's versah, und es ward sogar ausgesprochen, daß des
Vaters Ausbleiben die Angehörigen beunruhige. Die Unterhaltung fing
an zu stocken, als auf einmal der lustige Junker aufsprang und gar
bald mit einem Buche zurückkam, sich zum Vorlesen erbietend. Lucinde
enthielt sich nicht zu fragen, wie er auf den Einfall komme, den er
seit einem Jahre nicht gehabt; worauf er munter versetzte: "Mir fällt
alles zur rechten Zeit ein, dessen könnt ihr euch nicht rühmen." Er
las eine Folge echter Märchen, die den Menschen aus sich selbst
hinausführen, seinen Wünschen schmeicheln und ihn jede Bedingung
vergessen machen, zwischen welche wir, selbst in den glücklichsten
Momenten, doch immer noch eingeklemmt sind.
"Was beginne ich nun!" rief Lucidor, als er sich endlich allein fand:
"die Stunde drängt; zu Antoni hab' ich kein Vertrauen, er ist
weltfremd, ich weiß nicht, wer er ist, wie er ins Haus kommt, noch
was er will; um Lucinden scheint er sich zu bemühen, und was könnte
ich daher von ihm hoffen? Mir bleibt nichts übrig, als Lucinden
selbst anzugehn; sie muß es wissen, sie zuerst. Dies war ja mein
erstes Gefühl; warum lassen wir uns auf Klugheitswege verleiten! Das
Erste soll nun das Letzte sein, und ich hoffe, zum Ziel zu gelangen."
Sonnabend morgen ging Lucidor, zeitig angekleidet, in seinem Zimmer
auf und ab, was er Lucinden zu sagen hätte hin und her bedenkend, als
er eine Art von scherzhaftem Streit vor seiner Türe vernahm, die auch
alsobald aufging. Da schob der lustige Junker einen Knaben vor sich
hin, mit Kaffee und Backwerk für den Gast; er selbst trug kalte Küche
und Wein. "Du sollst vorangehen", rief der Junker, "denn der Gast
muß zuerst bedient werden, ich bin gewohnt, mich selbst zu bedienen.
Mein Freund! heute komme ich etwas früh und tumultuarisch; genießen
wir unser Frühstück in Ruhe, und dann wollen wir sehen, was wir
anfangen: denn von der Gesellschaft haben wir wenig zu hoffen. Die
Kleine ist von ihrer Freundin noch nicht zurück; diese müssen
gegeneinander wenigstens alle vierzehn Tage ihr Herz ausschütten,
wenn es nicht springen soll. Sonnabend ist Lucinde ganz unbrauchbar,
sie liefert dem Vater pünktlich ihre Haushaltsrechnung; da hab' ich
mich auch einmischen sollen, aber Gott bewahre mich! Wenn ich weiß,
was eine Sache kostet, so schmeckt mir kein Bissen. Gäste werden auf
morgen erwartet, der Alte hat sich noch nicht wieder ins Gleichgewicht
gestellt, Antoni ist auf die Jagd, wir wollen das gleiche tun."
Flinten, Taschen und Hunde waren bereit, als sie in den Hof kamen,
und nun ging es an den Feldern weg, wo denn doch allenfalls ein
junger Hase und ein armer, gleichgültiger Vogel geschossen wurde.
Indessen besprach man sich von häuslichen und gegenwärtig geselligen
Verhältnissen. Antoni ward genannt, und Lucidor verfehlte nicht, sich
nach ihm näher zu erkundigen. Der lustige Junker, mit einiger
Selbstgefälligkeit, versicherte: jenen wunderlichen Mann, so
geheimnisvoll er auch tue, habe er schon durch und durch geblickt.
"Er ist", fuhr er fort, "gewiß der Sohn aus einem reichen
Handelshause, das gerade in dem Augenblick fallierte, als er, in der
Fülle seiner Jugend, teil an großen Geschäften mit Kraft und
Munterkeit zu nehmen, daneben aber die sich reichlich darbietenden
Genüsse zu teilen gedachte. Von der Höhe seiner Hoffnungen
heruntergestürzt, raffte er sich zusammen und leistete, andern
dienend, dasjenige, was er für sich und die Seinigen nicht mehr
bewirken konnte. So durchreiste er die Welt, lernte sie und ihren
wechselseitigen Verkehr aufs genaueste kennen und vergaß dabei seines
Vorteils nicht. Unermüdete Tätigkeit und erprobte Rechtlichkeit
brachten und erhielten ihm von vielen ein unbedingtes Vertrauen. So
erwarb er sich allerorten Bekannte und Freunde, ja es läßt sich gar
wohl merken, daß sein Vermögen so weit in der Welt umher verteilt ist,
als seine Bekanntschaft reicht, weshalb denn auch seine Gegenwart in
allen vier Teilen der Welt von Zeit zu Zeit nötig ist."
Umständlicher und naiver hatte dies der lustige Junker erzählt und
so manche possenhafte Bemerkung eingeschlossen, eben als wenn er sein
Märchen recht weitläufig auszuspinnen gedächte.
"Wie lange steht er nicht schon mit meinem Vater in Verbindung! Die
meinen, ich sehe nichts, weil ich mich um nichts bekümmere; aber eben
deswegen seh' ich's nur desto besser, weil mich's nichts angeht.
Vieles Geld hat er bei meinem Vater niedergelegt, der es wieder sicher
und vorteilhaft unterbrachte. Erst gestern steckte er dem Alten ein
Juwelenkästchen zu; einfacher, schöner und kostbarer hab' ich nichts
gesehen, obgleich nur mit einem Blick, denn es wird verheimlicht.
Wahrscheinlich soll es der Braut zu Vergnügen, Lust und künftiger
Sicherheit verehrt werden. Antoni hat sein Zutrauen auf Lucinden
gesetzt! Wenn ich sie aber so zusammen sehe, kann ich sie nicht für
ein wohl assortiertes Paar halten. Die Ruschliche wäre besser für
ihn, ich glaube auch, sie nimmt ihn lieber als die Älteste; sie
blickt auch wirklich manchmal nach dem alten Knasterbart so munter und
teilnehmend hinüber, als wenn sie sich mit ihm in den Wagen setzen
und auf und davon fliegen wolle." Lucidor faßte sich zusammen; er
wußte nicht, was zu erwidern wäre, alles, was er vernahm, hatte
seinen innerlichen Beifall. Der Junker fuhr fort: "überhaupt hat das
Mädchen eine verkehrte Neigung zu alten Leuten; ich glaube, sie hätte
ihren Vater so frisch weg geheiratet wie den Sohn."
Lucidor folgte seinem Gefährten, wo ihn dieser auch über Stock und
Stein hinführte; beide vergaßen die Jagd, die ohnehin nicht ergiebig
sein konnte. Sie kehrten auf einem Pachthofe ein, wo, gut
aufgenommen, der eine Freund sich mit Essen, Trinken und Schwätzen
unterhielt, der andere aber in Gedanken und überlegungen sich
versenkte, wie er die gemachte Entdeckung für sich und seinen Vorteil
benutzen möchte.
Lucidor hatte nach allen diesen Erzählungen und Eröffnungen so viel
Vertrauen zu Antoni gewonnen, daß er gleich beim Eintritt in den Hof
nach ihm fragte und in den Garten eilte, wo er zu finden sein sollte.
Er durchstrich die sämtlichen Gänge des Parks bei heiterer
Abendsonne; umsonst! Nirgends keine Seele war zu sehen; endlich trat
er in die Türe des großen Saals, und, wundersam genug, die
untergehende Sonne, aus dem Spiegel zurückscheinend, blendete ihn
dergestalt, daß er die beiden Personen, die auf dem Kanapee saßen,
nicht erkennen, wohl aber unterscheiden konnte, daß einem Frauenzimmer
von einer neben ihr sitzenden Mannsperson die Hand sehr feurig geküßt
wurde. Wie groß war daher sein Entsetzen, als er bei hergestellter
Augenruhe Lucinden und Antoni vor sich sahe. Er hätte versinken
mögen, stand aber wie angewurzelt, als ihn Lucinde freundlichst und
unbefangen willkommen hieß, zuruckte und ihn bat, zu ihrer rechten
Seite zu sitzen. Unbewußt ließ er sich nieder, und wie sie ihn
anredete, nach dem heutigen Tage sich erkundigte, Vergebung bat
häuslicher Abhaltungen, da konnte er ihre Stimme kaum ertragen.
Antoni stand auf und empfahl sich Lucinden; als sie, sich gleichfalls
erhebend, den Zurückgebliebenen zum Spaziergang einlud. Neben ihr
hergehend, war er schweigsam und verlegen; auch sie schien beunruhigt;
und wenn er nur einigermaßen bei sich gewesen wäre, so hätte ihm ein
tiefes Atemholen verraten müssen, daß sie herzliche Seufzer zu
verbergen habe. Sie beurlaubte sich zuletzt, als sie sich dem Hause
näherten, er aber wandte sich, erst langsam, dann heftig, gegen das
Freie. Der Park war ihm zu eng, er eilte durchs Feld, nur die Stimme
seines Herzens vernehmend, ohne Sinn für die Schönheiten des
vollkommensten Abends. Als er sich allein sah und seine Gefühle sich
im beruhigenden Tränenerguß Luft machten, rief er aus:
"Schon einigemal im Leben, aber nie so grausam hab' ich den Schmerz
empfunden, der mich nun ganz elend macht: wenn das gewünschteste
Glück endlich Hand in Hand, Arm in Arm zu uns tritt und zugleich sein
Scheiden für ewig ankündet. Ich saß bei ihr, ging neben ihr, das
bewegte Kleid berührte mich, und ich hatte sie schon verloren! Zähle
dir das nicht vor, drösele dir's nicht auf, schweig und entschließe
dich!"
Er hatte sich selbst den Mund verboten, er schwieg und sann, durch
Felder, Wiesen und Busch, nicht immer auf den wegsamsten Pfaden
hinschreitend. Nur als er spät in sein Zimmer trat, hielt er sich
nicht und rief: "Morgen früh bin ich fort, solch einen Tag will ich
nicht wieder erleben!"
Und so warf er sich angekleidet aufs Lager.--Glückliche, gesunde
Jugend! Er schlief schon; die abmüdende Bewegung des Tages hatte ihm
die süße Nachtruhe verdient. Aus tröstlichen Morgenträumen jedoch
weckte ihn die allerfrühste Sonne; es war eben der längste Tag, der
ihm überlang zu werden drohte. Wenn er die Anmut des beruhigenden
Abendgestirns gar nicht empfunden, so fühlte er die aufregende
Schönheit des Morgens nur, um zu verzweifeln. Er sah die Welt so
herrlich als je, seinen Augen war sie es noch; sein Inneres aber
widersprach: das gehörte ihm alles nicht mehr an, er hatte Lucinden
verloren.