Am frühsten Morgen fand sich unser Freund allein in die Galerie und
ergötzte sich an so mancher bekannten Gestalt; über die Unbekannten
gab ihm ein vorgefundener Katalog den erwünschten Aufschluß. Das
Porträt wie die Biographie haben ein ganz eigenes Interesse; der
bedeutende Mensch, den man sich ohne Umgebung nicht denken kann, tritt
einzeln abgesondert heraus und stellt sich vor uns wie vor einen
Spiegel; ihm sollen wir entschiedene Aufmerksamkeit zuwenden, wir
sollen uns ausschließlich mit ihm beschäftigen, wie er behaglich vor
dem Spiegelglas mit sich beschäftigst ist. Ein Feldherr ist es, der
jetzt das ganze Heer repräsentiert, hinter den so Kaiser als Könige,
für die er kämpft, ins Trübe zurücktreten. Der gewandte Hofmann
steht vor uns, eben als wenn er uns den Hof machte, wir denken nicht
an die große Welt, für die er sich eigentlich so anmutig ausgebildet
hat. überraschend war sodann unserm Beschauer die Ähnlichkeit mancher
längst vorübergegangenen mit lebendigen, ihm bekannten und leibhaftig
gesehenen Menschen, ja Ähnlichkeit mit ihm selbst! Und warum sollten
sich nur Zwillingsmenächmen aus einer Mutter entwickeln? Sollte die
große Mutter der Götter und Menschen nicht auch das gleiche Gebild
aus ihrem fruchtbaren Schoße gleichzeitig oder in Pausen
hervorbringen können?
Endlich durfte denn auch der gefühlvolle Beschauer sich nicht
leugnen, daß manches anziehende, manches Abneigung erweckende Bild
vor seinen Augen vorüberschwebe.
In solchem Betrachten überraschte ihn der Hausherr, mit dem er sich
über diese Gegenstände freimütig unterhielt und hiernach dessen Gunst
immer mehr zu gewinnen schien. Denn er ward freundlich in die innern
Zimmer geführt, wo er köstliche Bilder bedeutender Männer des
sechzehnten Jahrhunderts sah, in vollständiger Gegenwart, wie sie für
sich leibten und lebten, ohne sich etwa im Spiegel oder im Zuschauer
zu beschauen, sich selbst gelassen und genügend, nur durch ihr Dasein
wirkend, nicht durch irgendein Wollen oder Vornehmen.
Der Hausherr, zufrieden, daß der Gast eine so reich herangebrachte
Vergangenheit vollkommen zu schätzen wußte, ließ ihn Handschriften
sehen von manchen Personen, über die sie vorher in der Galerie
gesprochen hatten; sogar zuletzt Reliquien, von denen man gewiß war,
daß der frühere Besitzer sich ihrer bedient, sie berührt hatte.
"Dies ist meine Art von Poesie", sagte der Hausherr lächelnd; "meine
Einbildungskraft muß sich an etwas festhalten; ich mag kaum glauben,
daß etwas gewesen sei, was nicht noch da ist. über solche Heiltümer
vergangener Zeit suche ich mir die strengsten Zeugnisse zu
verschaffen, sonst würden sie nicht aufgenommen. Am schärfsten
werden schriftliche überlieferungen geprüft; denn ich glaube wohl, daß
der Mönch die Chronik geschrieben hat, wovon er aber zeugt, daran
glaube ich selten." Zuletzt legte er Wilhelmen ein weißes Blatt vor
mit Ersuchen um einige Zeilen, doch ohne Unterschrift; worauf der
Gast durch eine Tapetentüre sich in den Saal entlassen und an der
Seite des Kustode fand.
"Es freut mich", sagte dieser, "daß Sie unserm Herrn wert sind;
schon daß Sie zu dieser Türe herauskommen, ist ein Beweis davon.
Wissen Sie aber, worfür er Sie hält? Er glaubt einen praktischen
Pädagogen in Ihnen zu sehen, den Knaben vermutet er von vornehmem
Hause, Ihrer Führung anvertraut, um mit rechtem Sinn sogleich in die
Welt und ihre mannigfaltigen Zustände nach Grundsätzen frühzeitig
eingeweiht zu werden."--"Er tut mir zu viel Ehre an", sagte der
Freund, "doch will ich dies Wort nicht vergebens gehört haben."
Beim Frühstück, wo er seinen Felix schon um die Frauenzimmer
beschäftigt fand, eröffneten sie ihm den Wunsch: er möge, da er nun
einmal nicht zu halten sei, sich zu der edlen Tante Makarie begeben
und vielleicht von da zum Vetter, um das wunderliche Zaudern
aufzuklären. Er werde dadurch sogleich zum Gliede ihrer Familie,
erzeige ihnen allen einen entschiedenen Dienst und trete mit Lenardo
ohne große Vorbereitung in ein zutrauliches Verhältnis.
Er jedoch versetzte dagegen: "Wohin Sie mich senden, begeb' ich mich
gern; ich ging aus, zu schauen und zu denken; bei Ihnen habe ich mehr
erfahren und gelernt, als ich hoffen durfte, und bin überzeugt, auf
dem nächsten eingeleiteten Wege werd' ich mehr, als ich erwarten kann,
gewahr werden und lernen."
"Und du artiger Taugenichts! Was wirst denn du lernen?" fragte
Hersilie, worauf der Knabe sehr keck erwiderte: "Ich lerne schreiben,
damit ich dir einen Brief schicken kann, und reiten wie keiner, damit
ich immer gleich wieder bei dir bin." Hierauf sagte Hersilie
bedenklich: "Mit meinen zeitbürtigen Verehrern hat es mir niemals
recht glücken wollen, es scheint, daß die folgende Generation mich
nächstens entschädigen will."
Nun aber empfinden wir mit unserm Freunde, wie schmerzlich die
Stunde des Abschieds herannaht, und mögen uns gern von den
Eigenheiten seines trefflichen Wirtes, von den Seltsamkeiten des
außerordentlichen Mannes einen deutlichen Begriff machen. Um ihn aber
nicht falsch zu beurteilen, müssen wir auf das Herkommen, auf das
Herankommen dieser schon zu hohen Jahren gelangten würdigen Person
unsere Aufmerksamkeit richten. Was wir ausfragen konnten, ist
folgendes:
Sein Großvater lebte als tätiges Glied einer Gesandtschaft in
England, gerade in den letzten Jahren des erhabenen William Penn.
Das hohe Wohlwollen, die reinen Absichten, die unverrückte Tätigkeit
eines so vorzüglichen Mannes, der Konflikt, in den er deshalb mit der
Welt geriet, die Gefahren und Bedrängnisse, unter denen der Edle zu
erliegen schien, erregten in dem empfänglichen Geiste des jungen
Mannes ein entschiedenes Interesse; er verbrüderte sich mit der
Angelegenheit und zog endlich selbst nach Amerika. Der Vater unseres
Herrn ist in Philadelphia geboren, und beide rühmten sich, beigetragen
zu haben, daß eine allgemein freiere Religionsübung in den Kolonien
stattfand.
Hier entwickelte sich die Maxime, daß eine in sich abgeschlossene,
in Sitten und Religion herkömmlich übereinstimmende Nation vor aller
fremden Einwirkung, vor aller Neuerung sich wohl zu hüten habe; daß
aber da, wo man auf frischem Boden viele Glieder von allen Seiten her
zusammenberufen will, möglichst unbedingte Tätigkeit im Erwerb und
freier Spielraum der allgemein-sittlichen und religiösen
Vorstellungen zu vergönnen sei.
Der lebhafte Trieb nach Amerika im Anfange des achtzehnten
Jahrhunderts war groß, indem ein jeder, der sich diesseits
einigermaßen unbequem befand, sich drüben in Freiheit zu setzen
hoffte; dieser Trieb ward genährt durch wünschenswerte Besitzungen,
die man erlangen konnte, ehe sich noch die Bevölkerung weiter nach
Westen verbreitete. Ganze sogenannte Grafschaften standen noch zu
Kauf an der Grenze des bewohnten Landes, auch der Vater unseres Herrn
hatte sich dort bedeutend angesiedelt.
Wie aber in den Söhnen sich oft ein Widerspruch hervortut gegen
väterliche Gesinnungen und Einrichtungen, so zeigte sich's auch hier.
Unser Hausherr, als Jüngling nach Europa gelangt, fand sich hier
ganz anders; diese unschätzbare Kultur, seit mehreren tausend Jahren
entsprungen, gewachsen, ausgebreitet, gedämpft, gedrückt, nie ganz
erdrückt, wieder aufatmend, sich neu belebend, und nach wie vor in
unendlichen Tätigkeiten hervortretend, gab ihm ganz andere Begriffe,
wohin die Menschheit gelangen kann. Er zog vor, an den großen,
unübersehlichen Vorteilen sein Anteil hinzunehmen und lieber in der
großen, geregelt tätigen Masse mitwirkend sich zu verlieren, als
drüben über dem Meere um Jahrhunderte verspätet den Orpheus und
Lykurg zu spielen; er sagte: "überall bedarf der Mensch Geduld,
überall muß er Rücksicht nehmen, und ich will mich doch lieber mit
meinem Könige abfinden, daß er mir diese oder jene Gerechtsame
zugestehe, lieber mich mit meinen Nachbarn vergleichen, daß sie mir
gewisse Beschränkungen erlassen, wenn ich ihnen von einer andern
Seite nachgebe, als daß ich mich mit den Irokesen herumschlage, um
sie zu vertreiben, oder sie durch Kontrakte betriege, um sie zu
verdrängen aus ihren Sümpfen, wo man von Moskitos zu Tode gepeinigt
wird."
Er übernahm die Familiengüter, wußte sie freisinnig zu behandeln,
sie wirtschaftlich einzurichten, weite, unnütz scheinende
Nachbardistrikte klüglich anzuschließen und so sich innerhalb der
kultivierten Welt, die in einem gewissen Sinne auch gar oft eine
Wildnis genannt werden kann, ein mäßiges Gebiet zu erwerben und zu
bilden, das für die beschränkten Zustände immer noch utopisch genug
ist.
Religionsfreiheit ist daher in diesem Bezirk natürlich, der
öffentliche Kultus wird als ein freies Bekenntnis angesehen, daß man
in Leben und Tod zusammengehöre; hiernach aber wird sehr darauf
gesehen, daß niemand sich absondere.
Man wird in den einzelnen Ansiedelungen mäßig große Gebäude gewahr;
dies ist der Raum, den der Grundbesitzer jeder Gemeinde schuldig ist;
hier kommen die Ältesten zusammen, um sich zu beraten, hier
versammeln sich die Glieder, um Belehrung und fromme Ermunterung zu
vernehmen. Aber auch zu heiterm Ergötzen ist dieser Raum bestimmt;
hier werden die hochzeitlichen Tänze aufgeführt und der Feiertag mit
Musik geschlossen.
Hierauf kann uns die Natur selbst führen. Bei heiterer Witterung
sehen wir gewöhnlich unter derselben Linde die Ältesten im Rat, die
Gemeinde zur Erbauung und die Jugend im Tanze sich schwenkend. Auf
ernstem Lebensgrunde zeigt sich das Heitere so schön, Ernst und
Heiligkeit mäßigen die Lust, und nur durch Mäßigung erhalten wir uns.
Ist die Gemeinde anderes Sinnes und wohlhabend genug, so steht es
ihr frei, verschiedene Baulichkeiten den verschiedenen Zwecken zu
widmen.
Wenn aber dies alles aufs öffentliche und gemeinsam Sittliche
berechnet ist, so bleibt die eigentliche Religion ein Inneres, ja
Individuelles, denn sie hat ganz allein mit dem Gewissen zu tun,
dieses soll erregt, soll beschwichtigt werden. Erregt, wenn es stumpf,
untätig, unwirksam dahinbrütet, beschwichtigt, wenn es durch reuige
Unruhe das Leben zu verbittern droht. Denn es ist ganz nah mit der
Sorge verwandt, die in den Kummer überzugehen droht, wenn wir uns oder
andern durch eigene Schuld ein übel zugezogen haben.
Da wir aber zu Betrachtungen, wie sie hier gefordert werden, nicht
immer aufgelegt sind, auch nicht immer aufgeregt sein mögen, so ist
hiezu der Sonntag bestimmt, wo alles, was den Menschen drückt, in
religiöser, sittlicher, geselliger, ökonomischer Beziehung, zur
Sprache kommen muß.
"Wenn Sie eine Zeitlang bei uns blieben", sagte Juliette, "so würde
auch unser Sonntag Ihnen nicht mißfallen. übermorgen früh würden Sie
eine große Stille bemerken; jeder bleibt einsam und widmet sich einer
vorgeschriebenen Betrachtung. Der Mensch ist ein beschränktes Wesen;
unsere Beschränkung zu überdenken, ist der Sonntag gewidmet. Sind es
körperliche Leiden, die wir im Lebenstaumel der Woche vielleicht
gering achteten, so müssen wir am Anfang der neuen alsobald den Arzt
aufsuchen; ist unsere Beschränkung ökonomisch und sonst bürgerlich, so
sind unsere Beamten verpflichtet, ihre Sitzungen zu halten; ist es
geistig, sittlich, was uns verdüstert, so haben wir uns an einen
Freund, an einen Wohldenkenden zu wenden, dessen Rat, dessen
Einwirkung zu erbitten: genug, es ist das Gesetz, daß niemand eine
Angelegenheit, die ihn beunruhigt oder quält, in die neue Woche
hinübernehmen dürfe. Von drückenden Pflichten kann uns nur die
gewissenhafteste Ausübung befreien, und was gar nicht aufzulösen ist,
überlassen wir zuletzt Gott als dem allbedingenden und allbefreienden
Wesen. Auch der Oheim selbst unterläßt nicht solche Prüfung, es sind
sogar Fälle, wo er mit uns vertraulich über eine Angelegenheit
gesprochen hat, die er im Augenblick nicht überwinden konnte; am
meisten aber bespricht er sich mit unserer edlen Tante, die er von
Zeit zu Zeit besuchend angeht. Auch pflegt er Sonntag abends zu
fragen, ob alles rein gebeichtet und abgetan worden. Sie sehen
hieraus, daß wir alle Sorgfalt anwenden, um nicht in Ihren Orden,
nicht in die Gemeinschaft der Entsagenden aufgenommen zu werden."
"Es ist ein sauberes Leben!" rief Hersilie; "wenn ich mich alle acht
Tage resigniere, so hab' ich es freilich bei
dreihundertundfünfundsechzigen zugute."
Vor dem Abschiede jedoch erhielt unser Freund von dem jüngern
Beamten ein Paket mit beiliegendem Schreiben, aus welchem wir
folgende Stelle ausheben:
"Mir will scheinen, daß bei jeder Nation ein anderer Sinn vorwalte,
dessen Befriedigung sie allein glücklich macht, und dies bemerkt man
ja schon an verschiedenen Menschen. Der eine, der sein Ohr mit
vollen, anmutig geregelten Tönen gefüllt, Geist und Seele dadurch
angeregt wünscht, dankt er mir's, wenn ich ihm das trefflichste
Gemälde vor Augen stelle? Ein Gemäldefreund will schauen, er wird
ablehnen, durch Gedicht oder Roman seine Einbildungskraft erregen zu
lassen. Wer ist denn so begabt, daß er vielseitig genießen könne?
Sie aber, vorübergehender Freund, sind mir als ein solcher
erschienen, und wenn Sie die Nettigkeit einer vornehm reichen
französischen Verirrung zu schätzen wußten, so hoffe ich, Sie werden
die einfache, treue Rechtlichkeit deutscher Zustände nicht
verschmähen und mir verzeihen, wenn ich nach meiner Art und Denkweise,
nach Herankommen und Stellung kein anmutigeres Bild finde, als wie
sie uns der deutsche Mittelstand in seinen reinen Häuslichkeiten
sehen läßt.