Siebentes Kapitel

Am frühsten Morgen fand sich unser Freund allein in die Galerie und

ergötzte sich an so mancher bekannten Gestalt; über die Unbekannten

gab ihm ein vorgefundener Katalog den erwünschten Aufschluß. Das

Porträt wie die Biographie haben ein ganz eigenes Interesse; der

bedeutende Mensch, den man sich ohne Umgebung nicht denken kann, tritt

einzeln abgesondert heraus und stellt sich vor uns wie vor einen

Spiegel; ihm sollen wir entschiedene Aufmerksamkeit zuwenden, wir

sollen uns ausschließlich mit ihm beschäftigen, wie er behaglich vor

dem Spiegelglas mit sich beschäftigst ist. Ein Feldherr ist es, der

jetzt das ganze Heer repräsentiert, hinter den so Kaiser als Könige,

für die er kämpft, ins Trübe zurücktreten. Der gewandte Hofmann

steht vor uns, eben als wenn er uns den Hof machte, wir denken nicht

an die große Welt, für die er sich eigentlich so anmutig ausgebildet

hat. überraschend war sodann unserm Beschauer die Ähnlichkeit mancher

längst vorübergegangenen mit lebendigen, ihm bekannten und leibhaftig

gesehenen Menschen, ja Ähnlichkeit mit ihm selbst! Und warum sollten

sich nur Zwillingsmenächmen aus einer Mutter entwickeln? Sollte die

große Mutter der Götter und Menschen nicht auch das gleiche Gebild

aus ihrem fruchtbaren Schoße gleichzeitig oder in Pausen

hervorbringen können?

Endlich durfte denn auch der gefühlvolle Beschauer sich nicht

leugnen, daß manches anziehende, manches Abneigung erweckende Bild

vor seinen Augen vorüberschwebe.

In solchem Betrachten überraschte ihn der Hausherr, mit dem er sich

über diese Gegenstände freimütig unterhielt und hiernach dessen Gunst

immer mehr zu gewinnen schien. Denn er ward freundlich in die innern

Zimmer geführt, wo er köstliche Bilder bedeutender Männer des

sechzehnten Jahrhunderts sah, in vollständiger Gegenwart, wie sie für

sich leibten und lebten, ohne sich etwa im Spiegel oder im Zuschauer

zu beschauen, sich selbst gelassen und genügend, nur durch ihr Dasein

wirkend, nicht durch irgendein Wollen oder Vornehmen.

Der Hausherr, zufrieden, daß der Gast eine so reich herangebrachte

Vergangenheit vollkommen zu schätzen wußte, ließ ihn Handschriften

sehen von manchen Personen, über die sie vorher in der Galerie

gesprochen hatten; sogar zuletzt Reliquien, von denen man gewiß war,

daß der frühere Besitzer sich ihrer bedient, sie berührt hatte.

"Dies ist meine Art von Poesie", sagte der Hausherr lächelnd; "meine

Einbildungskraft muß sich an etwas festhalten; ich mag kaum glauben,

daß etwas gewesen sei, was nicht noch da ist. über solche Heiltümer

vergangener Zeit suche ich mir die strengsten Zeugnisse zu

verschaffen, sonst würden sie nicht aufgenommen. Am schärfsten

werden schriftliche überlieferungen geprüft; denn ich glaube wohl, daß

der Mönch die Chronik geschrieben hat, wovon er aber zeugt, daran

glaube ich selten." Zuletzt legte er Wilhelmen ein weißes Blatt vor

mit Ersuchen um einige Zeilen, doch ohne Unterschrift; worauf der

Gast durch eine Tapetentüre sich in den Saal entlassen und an der

Seite des Kustode fand.

"Es freut mich", sagte dieser, "daß Sie unserm Herrn wert sind;

schon daß Sie zu dieser Türe herauskommen, ist ein Beweis davon.

Wissen Sie aber, worfür er Sie hält? Er glaubt einen praktischen

Pädagogen in Ihnen zu sehen, den Knaben vermutet er von vornehmem

Hause, Ihrer Führung anvertraut, um mit rechtem Sinn sogleich in die

Welt und ihre mannigfaltigen Zustände nach Grundsätzen frühzeitig

eingeweiht zu werden."--"Er tut mir zu viel Ehre an", sagte der

Freund, "doch will ich dies Wort nicht vergebens gehört haben."

Beim Frühstück, wo er seinen Felix schon um die Frauenzimmer

beschäftigt fand, eröffneten sie ihm den Wunsch: er möge, da er nun

einmal nicht zu halten sei, sich zu der edlen Tante Makarie begeben

und vielleicht von da zum Vetter, um das wunderliche Zaudern

aufzuklären. Er werde dadurch sogleich zum Gliede ihrer Familie,

erzeige ihnen allen einen entschiedenen Dienst und trete mit Lenardo

ohne große Vorbereitung in ein zutrauliches Verhältnis.

Er jedoch versetzte dagegen: "Wohin Sie mich senden, begeb' ich mich

gern; ich ging aus, zu schauen und zu denken; bei Ihnen habe ich mehr

erfahren und gelernt, als ich hoffen durfte, und bin überzeugt, auf

dem nächsten eingeleiteten Wege werd' ich mehr, als ich erwarten kann,

gewahr werden und lernen."

"Und du artiger Taugenichts! Was wirst denn du lernen?" fragte

Hersilie, worauf der Knabe sehr keck erwiderte: "Ich lerne schreiben,

damit ich dir einen Brief schicken kann, und reiten wie keiner, damit

ich immer gleich wieder bei dir bin." Hierauf sagte Hersilie

bedenklich: "Mit meinen zeitbürtigen Verehrern hat es mir niemals

recht glücken wollen, es scheint, daß die folgende Generation mich

nächstens entschädigen will."

Nun aber empfinden wir mit unserm Freunde, wie schmerzlich die

Stunde des Abschieds herannaht, und mögen uns gern von den

Eigenheiten seines trefflichen Wirtes, von den Seltsamkeiten des

außerordentlichen Mannes einen deutlichen Begriff machen. Um ihn aber

nicht falsch zu beurteilen, müssen wir auf das Herkommen, auf das

Herankommen dieser schon zu hohen Jahren gelangten würdigen Person

unsere Aufmerksamkeit richten. Was wir ausfragen konnten, ist

folgendes:

Sein Großvater lebte als tätiges Glied einer Gesandtschaft in

England, gerade in den letzten Jahren des erhabenen William Penn.

Das hohe Wohlwollen, die reinen Absichten, die unverrückte Tätigkeit

eines so vorzüglichen Mannes, der Konflikt, in den er deshalb mit der

Welt geriet, die Gefahren und Bedrängnisse, unter denen der Edle zu

erliegen schien, erregten in dem empfänglichen Geiste des jungen

Mannes ein entschiedenes Interesse; er verbrüderte sich mit der

Angelegenheit und zog endlich selbst nach Amerika. Der Vater unseres

Herrn ist in Philadelphia geboren, und beide rühmten sich, beigetragen

zu haben, daß eine allgemein freiere Religionsübung in den Kolonien

stattfand.

Hier entwickelte sich die Maxime, daß eine in sich abgeschlossene,

in Sitten und Religion herkömmlich übereinstimmende Nation vor aller

fremden Einwirkung, vor aller Neuerung sich wohl zu hüten habe; daß

aber da, wo man auf frischem Boden viele Glieder von allen Seiten her

zusammenberufen will, möglichst unbedingte Tätigkeit im Erwerb und

freier Spielraum der allgemein-sittlichen und religiösen

Vorstellungen zu vergönnen sei.

Der lebhafte Trieb nach Amerika im Anfange des achtzehnten

Jahrhunderts war groß, indem ein jeder, der sich diesseits

einigermaßen unbequem befand, sich drüben in Freiheit zu setzen

hoffte; dieser Trieb ward genährt durch wünschenswerte Besitzungen,

die man erlangen konnte, ehe sich noch die Bevölkerung weiter nach

Westen verbreitete. Ganze sogenannte Grafschaften standen noch zu

Kauf an der Grenze des bewohnten Landes, auch der Vater unseres Herrn

hatte sich dort bedeutend angesiedelt.

Wie aber in den Söhnen sich oft ein Widerspruch hervortut gegen

väterliche Gesinnungen und Einrichtungen, so zeigte sich's auch hier.

Unser Hausherr, als Jüngling nach Europa gelangt, fand sich hier

ganz anders; diese unschätzbare Kultur, seit mehreren tausend Jahren

entsprungen, gewachsen, ausgebreitet, gedämpft, gedrückt, nie ganz

erdrückt, wieder aufatmend, sich neu belebend, und nach wie vor in

unendlichen Tätigkeiten hervortretend, gab ihm ganz andere Begriffe,

wohin die Menschheit gelangen kann. Er zog vor, an den großen,

unübersehlichen Vorteilen sein Anteil hinzunehmen und lieber in der

großen, geregelt tätigen Masse mitwirkend sich zu verlieren, als

drüben über dem Meere um Jahrhunderte verspätet den Orpheus und

Lykurg zu spielen; er sagte: "überall bedarf der Mensch Geduld,

überall muß er Rücksicht nehmen, und ich will mich doch lieber mit

meinem Könige abfinden, daß er mir diese oder jene Gerechtsame

zugestehe, lieber mich mit meinen Nachbarn vergleichen, daß sie mir

gewisse Beschränkungen erlassen, wenn ich ihnen von einer andern

Seite nachgebe, als daß ich mich mit den Irokesen herumschlage, um

sie zu vertreiben, oder sie durch Kontrakte betriege, um sie zu

verdrängen aus ihren Sümpfen, wo man von Moskitos zu Tode gepeinigt

wird."

Er übernahm die Familiengüter, wußte sie freisinnig zu behandeln,

sie wirtschaftlich einzurichten, weite, unnütz scheinende

Nachbardistrikte klüglich anzuschließen und so sich innerhalb der

kultivierten Welt, die in einem gewissen Sinne auch gar oft eine

Wildnis genannt werden kann, ein mäßiges Gebiet zu erwerben und zu

bilden, das für die beschränkten Zustände immer noch utopisch genug

ist.

Religionsfreiheit ist daher in diesem Bezirk natürlich, der

öffentliche Kultus wird als ein freies Bekenntnis angesehen, daß man

in Leben und Tod zusammengehöre; hiernach aber wird sehr darauf

gesehen, daß niemand sich absondere.

Man wird in den einzelnen Ansiedelungen mäßig große Gebäude gewahr;

dies ist der Raum, den der Grundbesitzer jeder Gemeinde schuldig ist;

hier kommen die Ältesten zusammen, um sich zu beraten, hier

versammeln sich die Glieder, um Belehrung und fromme Ermunterung zu

vernehmen. Aber auch zu heiterm Ergötzen ist dieser Raum bestimmt;

hier werden die hochzeitlichen Tänze aufgeführt und der Feiertag mit

Musik geschlossen.

Hierauf kann uns die Natur selbst führen. Bei heiterer Witterung

sehen wir gewöhnlich unter derselben Linde die Ältesten im Rat, die

Gemeinde zur Erbauung und die Jugend im Tanze sich schwenkend. Auf

ernstem Lebensgrunde zeigt sich das Heitere so schön, Ernst und

Heiligkeit mäßigen die Lust, und nur durch Mäßigung erhalten wir uns.

Ist die Gemeinde anderes Sinnes und wohlhabend genug, so steht es

ihr frei, verschiedene Baulichkeiten den verschiedenen Zwecken zu

widmen.

Wenn aber dies alles aufs öffentliche und gemeinsam Sittliche

berechnet ist, so bleibt die eigentliche Religion ein Inneres, ja

Individuelles, denn sie hat ganz allein mit dem Gewissen zu tun,

dieses soll erregt, soll beschwichtigt werden. Erregt, wenn es stumpf,

untätig, unwirksam dahinbrütet, beschwichtigt, wenn es durch reuige

Unruhe das Leben zu verbittern droht. Denn es ist ganz nah mit der

Sorge verwandt, die in den Kummer überzugehen droht, wenn wir uns oder

andern durch eigene Schuld ein übel zugezogen haben.

Da wir aber zu Betrachtungen, wie sie hier gefordert werden, nicht

immer aufgelegt sind, auch nicht immer aufgeregt sein mögen, so ist

hiezu der Sonntag bestimmt, wo alles, was den Menschen drückt, in

religiöser, sittlicher, geselliger, ökonomischer Beziehung, zur

Sprache kommen muß.

"Wenn Sie eine Zeitlang bei uns blieben", sagte Juliette, "so würde

auch unser Sonntag Ihnen nicht mißfallen. übermorgen früh würden Sie

eine große Stille bemerken; jeder bleibt einsam und widmet sich einer

vorgeschriebenen Betrachtung. Der Mensch ist ein beschränktes Wesen;

unsere Beschränkung zu überdenken, ist der Sonntag gewidmet. Sind es

körperliche Leiden, die wir im Lebenstaumel der Woche vielleicht

gering achteten, so müssen wir am Anfang der neuen alsobald den Arzt

aufsuchen; ist unsere Beschränkung ökonomisch und sonst bürgerlich, so

sind unsere Beamten verpflichtet, ihre Sitzungen zu halten; ist es

geistig, sittlich, was uns verdüstert, so haben wir uns an einen

Freund, an einen Wohldenkenden zu wenden, dessen Rat, dessen

Einwirkung zu erbitten: genug, es ist das Gesetz, daß niemand eine

Angelegenheit, die ihn beunruhigt oder quält, in die neue Woche

hinübernehmen dürfe. Von drückenden Pflichten kann uns nur die

gewissenhafteste Ausübung befreien, und was gar nicht aufzulösen ist,

überlassen wir zuletzt Gott als dem allbedingenden und allbefreienden

Wesen. Auch der Oheim selbst unterläßt nicht solche Prüfung, es sind

sogar Fälle, wo er mit uns vertraulich über eine Angelegenheit

gesprochen hat, die er im Augenblick nicht überwinden konnte; am

meisten aber bespricht er sich mit unserer edlen Tante, die er von

Zeit zu Zeit besuchend angeht. Auch pflegt er Sonntag abends zu

fragen, ob alles rein gebeichtet und abgetan worden. Sie sehen

hieraus, daß wir alle Sorgfalt anwenden, um nicht in Ihren Orden,

nicht in die Gemeinschaft der Entsagenden aufgenommen zu werden."

"Es ist ein sauberes Leben!" rief Hersilie; "wenn ich mich alle acht

Tage resigniere, so hab' ich es freilich bei

dreihundertundfünfundsechzigen zugute."

Vor dem Abschiede jedoch erhielt unser Freund von dem jüngern

Beamten ein Paket mit beiliegendem Schreiben, aus welchem wir

folgende Stelle ausheben:

"Mir will scheinen, daß bei jeder Nation ein anderer Sinn vorwalte,

dessen Befriedigung sie allein glücklich macht, und dies bemerkt man

ja schon an verschiedenen Menschen. Der eine, der sein Ohr mit

vollen, anmutig geregelten Tönen gefüllt, Geist und Seele dadurch

angeregt wünscht, dankt er mir's, wenn ich ihm das trefflichste

Gemälde vor Augen stelle? Ein Gemäldefreund will schauen, er wird

ablehnen, durch Gedicht oder Roman seine Einbildungskraft erregen zu

lassen. Wer ist denn so begabt, daß er vielseitig genießen könne?

Sie aber, vorübergehender Freund, sind mir als ein solcher

erschienen, und wenn Sie die Nettigkeit einer vornehm reichen

französischen Verirrung zu schätzen wußten, so hoffe ich, Sie werden

die einfache, treue Rechtlichkeit deutscher Zustände nicht

verschmähen und mir verzeihen, wenn ich nach meiner Art und Denkweise,

nach Herankommen und Stellung kein anmutigeres Bild finde, als wie

sie uns der deutsche Mittelstand in seinen reinen Häuslichkeiten

sehen läßt.

Wilhelm Meisters Wanderjahre — Band 1 · 第 14 / 23 题