Lenardo an die Tante

Endlich erhalten Sie nach drei Jahren den ersten Brief von mir,

liebe Tante, unserer Abrede gemäß, die freilich wunderlich genug war.

Ich wollte die Welt sehen und mich ihr hingeben und wollte für diese

Zeit meine Heimat vergessen, von der ich kam, zu der ich wieder

zurückzukehren hoffte. Den ganzen Eindruck wollte ich behalten, und

das einzelne sollte mich in die Ferne nicht irremachen. Indessen

sind die nötigen Lebenszeichen von Zeit zu Zeit hin und her gegangen.

Ich habe Geld erhalten, und kleine Gaben für meine Nächsten sind

Ihnen indessen zur Austeilung überliefert worden. An den

überschickten Waren konnten Sie sehen, wo und wie ich mich befand.

An den Weinen hat der Onkel meinen jedesmaligen Aufenthalt gewiß

herausgekostet; dann die Spitzen, die Quodlibets, die Stahlwaren haben

meinen Weg, durch Brabant über Paris nach London, für die

Frauenzimmer bezeichnet; und so werde ich auf Ihren Schreib-,

Näh--und Teetischen, an Ihren Negligés und Festkleidern gar manches

Merkzeichen finden, woran ich meine Reiseerzählung knüpfen kann. Sie

haben mich begleitet, ohne von mir zu hören, und sind vielleicht

nicht einmal neugierig, etwas weiter zu erfahren. Mir hingegen ist

höchst nötig, durch Ihre Güte zu vernehmen, wie es in dem Kreise

steht, in den ich wieder einzutreten im Begriff bin. Ich möchte

wirklich aus der Fremde wie ein Fremder hineinkommen, der, um

angenehm zu sein, sich erst erkundigt, was man in dem Hause will und

mag, und sich nicht einbildet, daß man ihn wegen seiner schönen Augen

oder Haare gerade nach seiner eigenen Weise empfangen müsse.

Schreiben Sie mir daher vom guten Onkel, von den lieben Nichten, von

sich selbst, von unsern Verwandten, nähern und fernern, auch von

alten und neuen Bedienten. Genug, lassen Sie Ihre geübte Feder, die

Sie für Ihren Neffen so lange nicht eingetaucht, auch einmal zu

seinen Gunsten auf dem Papiere hinwalten. Ihr unterrichtendes

Schreiben soll zugleich mein Kreditiv sein, mit dem ich mich einstelle,

sobald ich es erhalten habe. Es hängt also von Ihnen ab, mich in

Ihren Armen zu sehen. Man verändert sich viel weniger, als man

glaubt, und die Zustände bleiben sich auch meistens sehr ähnlich.

Nicht was sich verändert hat, sondern was geblieben ist, was

allmählich zu--und abnahm, will ich auf einmal wieder erkennen und

mich selbst in einem bekannten Spiegel wieder erblicken. Grüßen Sie

herzlich alle die Unsrigen und glauben Sie, daß in der wunderlichen

Art meines Außenbleibens und Zurückkommens so viel Wärme enthalten

sei als manchmal nicht in stetiger Teilnahme und lebhafter Mitteilung.

Tausend Grüße jedem und allen! Nachschrift

Versäumen Sie nicht, beste Tante, mir auch von unsern

Geschäftsmännern ein Wort zu sagen, wie es mit unsern Gerichtshaltern

und Pachtern steht. Was ist mit Valerinen geworden, der Tochter des

Pachters, den unser Onkel kurz vor meiner Abreise, zwar mit Recht,

aber doch, dünkt mich, mit ziemlicher Härte austrieb? Sie sehen, ich

erinnere mich noch manches Umstandes; ich weiß wohl noch alles. über

das Vergangene sollen Sie mich examinieren, wenn Sie mir das

Gegenwärtige mitgeteilt haben. Die Tante an Julietten

Endlich, liebe Kinder, ein Brief von dem dreijährigen Schweiger.

Was doch die wunderlichen Menschen wunderlich sind! Er glaubt, seine

Waren und Zeichen seien so gut als ein einziges gutes Wort, das der

Freund dem Freunde sagen oder schreiben kann. Er bildet sich wirklich

ein, im Vorschuß zu stehen, und will nun von unserer Seite das zuerst

geleistet haben, was er uns von der seinigen so hart und unfreundlich

versagte. Was sollen wir tun? Ich für meinen Teil würde gleich in

einem langen Brief seinen Wünschen entgegenkommen, wenn sich mein

Kopfweh nicht anmeldete, das mich gegenwärtiges Blatt kaum zu Ende

schreiben läßt. Wir verlangen ihn alle zu sehen. übernehmt, meine

Lieben, doch das Geschäft. Bin ich hergestellt, eh Ihr geendet habt,

so will ich das Meinige beitragen. Wählt Euch die Personen und die

Verhältnisse, wie Ihr sie am liebsten beschreibt. Teilt Euch darein.

Ihr werdet alles besser machen als ich selbst. Der Bote bringt mir

doch von Euch ein Wort zurück? Juliette an die Tante

Wir haben gleich gelesen, überlegt und sagen mit dem Boten unsere

Meinung, jede besonders, wenn wir erst zusammen versichert haben, daß

wir nicht so gutmütig sind wie unsere liebe Tante gegen den immer

verzogenen Neffen. Nachdem er seine Karten drei Jahre vor uns

verborgen gehalten hat und noch verborgen hält, sollen wir die

unsrigen auflegen und ein offenes Spiel gegen ein verdecktes spielen.

Das ist keinesweges billig, und doch mag es hingehen; denn der

Feinste betriegt sich oft, gerade weil er zu viel sichert. Nur über

die Art und Weise sind wir nicht einig, was und wie man's ihm senden

soll. Zu schreiben, wie man über die Seinigen denkt, das ist für uns

wenigstens eine wunderliche Aufgabe. Gewöhnlich denkt man über sie

nur in diesem und jenem Falle, wenn sie einem besonderes Vergnügen

oder Verdruß machen. übrigens läßt jeder den andern gewähren. Sie

könnten es allein, liebe Tante; denn Sie haben die Einsicht und die

Billigkeit zugleich. Hersilie, die, wie Sie wissen, leicht zu

entzünden ist, hat mir in der Geschwindigkeit die ganze Familie aus

dem Stegreif ins Lustige rezensiert; ich wollte, daß es auf dem

Papier stünde, um Ihnen selbst bei Ihren übeln ein Lächeln

abzugewinnen; aber nicht, daß man es ihm schickte. Mein Vorschlag

ist jedoch, ihm unsere Korrespondenz dieser drei Jahre mitzuteilen; da

mag er sich durchlesen, wenn er Mut hat, oder mag kommen, um zu sehen,

was er nicht lesen mag. Ihre Briefe an mich, liebe Tante, sind in

der besten Ordnung und stehen gleich zu Befehl. Dieser Meinung tritt

Hersilie nicht bei; sie entschuldigt sich mit der Unordnung ihrer

Papiere u.s.w., wie sie Ihnen selbst sagen wird. Hersilie an die

Tante

Ich will und muß sehr kurz sein, liebe Tante, denn der Bote zeigt

sich unartig ungeduldig. Ich finde es eine übermäßige Gutmütigkeit

und gar nicht am Platz, Lenardon unsere Briefe mitzuteilen. Was

braucht er zu wissen, was wir Gutes von ihm gesagt haben, was braucht

er zu wissen, was wir Böses von ihm sagten, um aus dem letzten noch

mehr als dem ersten herauszufinden, daß wir ihm gut sind! Halten Sie

ihn kurz, ich bitte Sie. Es ist so was Abgemessenes und Anmaßliches

in dieser Forderung, in diesem Betragen, wie es die Herren meistens

haben, wenn sie aus fremden Ländern kommen. Sie halten die daheim

Gebliebenen immer nicht für voll. Entschuldigen Sie sich mit Ihrem

Kopfweh. Er wird schon kommen; und wenn er nicht käme, so warten wir

noch ein wenig. Vielleicht fällt es ihm alsdann ein, auf eine

sonderbare, geheime Weise sich bei uns zu introduzieren, uns unerkannt

kennen zu lernen, und was nicht alles in den Plan eines so klugen

Mannes eingreifen könnte. Das müßte doch hübsch und wunderbar sein!

das dürfte allerlei Verhältnisse hervorbringen, die bei einem so

diplomatischen Eintritt in seine Familie, wie er ihn jetzt vorhat,

sich unmöglich entwickeln können.

Der Bote! der Bote! Ziehen Sie Ihre alten Leute besser, oder

schicken Sie junge. Diesem ist weder mit Schmeichelei noch mit Wein

beizukommen. Leben Sie tausendmal wohl! Nachschrift um Nachschrift

Sagen Sie mir, was will der Vetter in seiner Nachschrift mit

Valerinen? Diese Frage ist mir doppelt aufgefallen. Es ist die

einzige Person, die er mit Namen nennt. Wir andern sind ihm Nichten,

Tanten, Geschäftsträger; keine Personen, sondern Rubriken. Valerine,

die Tochter unseres Gerichtshalters! Freilich ein blondes, schönes

Kind, das dem Herrn Vetter vor seiner Abreise mag in die Augen

geleuchtet haben. Sie ist verheiratet, gut und glücklich; das brauche

ich Ihnen nicht zu sagen. Aber er weiß es so wenig, als er sonst

etwas von uns weiß. Vergessen Sie ja nicht, ihm gleichfalls in einer

Nachschrift zu melden: Valerine sei täglich schöner geworden und habe

auch deshalb eine sehr gute Partie getan. Sie sei die Frau eines

reichen Gutsbesitzers. Verheiratet sei die schöne Blondine. Machen

Sie es ihm recht deutlich. Nun aber, liebe Tante, ist das noch nicht

alles. Wie er sich der blonden Schönheit so genau erinnern und sie

mit der Tochter des liederlichen Pachters, einer wilden Hummel von

Brünette, verwechseln kann, die Nachodine hieß und die wer weiß wohin

geraten ist, das bleibt mir völlig unbegreiflich und intrigiert mich

ganz besonders. Denn es scheint doch, der Herr Vetter, der sein

gutes Gedächtnis rühmt, verwechselt Namen und Personen auf eine

sonderbare Weise. Vielleicht fühlt er diesen Mangel und will das

Erloschene durch Ihre Schilderung wieder auffrischen. Halten Sie ihn

kurz, ich bitte Sie; aber suchen Sie zu erfahren, wie es mit den

Valerinen und Nachodinen steht und was für Inen, Trinen vielleicht

noch alle sich in seiner Einbildungskraft erhalten haben, indessen

die Etten und Ilien daraus verschwunden sind. Der Bote! der

verwünschte Bote! Die Tante den Nichten. (Diktiert)

Was soll man sich viel verstellen gegen die, mit denen man sein

Leben zuzubringen hat! Lenardo mit allen seinen Eigenheiten verdient

Zutrauen. Ich schicke ihm Eure beiden Briefe; daraus lernt er Euch

kennen, und ich hoffe, wir andern werden unbewußt eine Gelegenheit

ergreifen, uns auch nächstens ebenso vor ihm darzustellen. Leber

wohl! ich leide sehr. Hersilie an die Tante

Was soll man sich viel verstellen gegen die, mit denen man sein

Leben zubringt! Lenardo ist ein verzogener Neffe. Es ist

abscheulich, daß Sie ihm unsere Briefe schicken. Er wird uns daraus

nicht kennen lernen, und ich wünsche mir nur Gelegenheit, mich

nächstens von einer andern Seite darzustellen. Sie machen andere

viel leiden, indem Sie leiden und blind lieben. Baldige Besserung

Ihrer Leiden! Ihrer Liebe ist nicht zu helfen. Die Tante an

Hersilien

Dein letztes Zettelchen hätte ich auch mit an Lenardo eingepackt,

wenn ich überhaupt bei dem Vorsatz geblieben wäre, den mir meine

inkorrigible Neigung, mein Leiden und die Bequemlichkeit eingegeben

hatten. Eure Briefe sind nicht fort. Wilhelm an Natalien

Der Mensch ist ein geselliges, gesprächiges Wesen; seine Lust ist

groß, wenn er Fähigkeiten ausübt, die ihm gegeben sind, und wenn auch

weiter nichts dabei herauskäme. Wie oft beklagt man sich in

Gesellschaft, daß einer den andern nicht zum Worte kommen läßt, und

ebenso kann man sagen, daß einer den andern nicht zum Schreiben

kommen ließe, wenn nicht das Schreiben gewöhnlich ein Geschäft wäre,

das man einsam und allein abtun muß.

Wie viel die Menschen schreiben, davon hat man gar keinen Begriff.

Von dem, was davon gedruckt wird, will ich gar nicht reden, ob es

gleich schon genug ist. Was aber an Briefen und Nachrichten und

Geschichten, Anekdoten, Beschreibungen von gegenwärtigen Zuständen

einzelner Menschen in Briefen und größeren Aufsätzen in der Stille

zirkuliert, davon kann man sich nur eine Vorstellung machen, wenn man

in gebildeten Familien eine Zeitlang lebt, wie es mir jetzt geht. In

der Sphäre, in der ich mich gegenwärtig befinde, bringt man beinahe so

viel Zeit zu, seinen Verwandten und Freunden dasjenige mitzuteilen,

womit man sich beschäftigt, als man Zeit sich zu beschäftigen selbst

hatte. Diese Bemerkung, die sich mir seit einigen Tagen aufdringt,

mache ich um so lieber, als mir die Schreibseligkeit meiner neuen

Freunde Gelegenheit verschafft, ihre Verhältnisse geschwind und nach

allen Seiten hin kennen zu lernen. Man vertraut mir, man gibt mir

einen Pack Briefe, ein paar Hefte Reisejournale, die Konfessionen

eines Gemüts, das noch nicht mit sich selbst einig ist, und so bin

ich in kurzem überall zu Hause. Ich kenne die nächste Gesellschaft;

ich kenne die Personen, deren Bekanntschaft ich machen werde, und

weiß von ihnen beinahe mehr als sie selbst, weil sie denn doch in

ihren Zuständen befangen sind und ich an ihnen vorbeischwebe, immer

an deiner Hand, mich mit dir über alles besprechend. Auch ist es

meine erste Bedingung, ehe ich ein Vertrauen annehme, daß ich dir

alles mitteilen dürfe. Hier also einige Briefe, die dich in den Kreis

einführen werden, in dem ich mich gegenwärtig herumdrehe, ohne mein

Gelübde zu brechen oder zu umgehen.

Wilhelm Meisters Wanderjahre — Band 1 · 第 13 / 23 题