Sechstes Kapitel

Nach einer langen und gründlichen Ruhe, deren die Wanderer wohl

bedürfen mochten, sprang Felix lebhaft aus dem Bette und eilte, sich

anzuziehn; der Vater glaubte zu bemerken, mit mehr Sorgfalt als

bisher. Nichts saß ihm knapp noch nett genug, auch hätte er alles

neuer und frischer gewünscht. Er sprang nach dem Garten und haschte

unterwegs nur etwas von der Vorkost, die der Diener für die Gäste

brachte, weil erst nach einer Stunde die Frauenzimmer im Garten

erscheinen würden.

Der Diener war gewohnt, die Fremden zu unterhalten und manches im

Hause vorzuzeigen; so auch führte er unsern Freund in eine Galerie,

worin bloß Porträte aufgehangen und gestellt waren, alles Personen,

die im achtzehnten Jahrhundert gewirkt hatten, eine große und

herrliche Gesellschaft; Gemälde sowie Büsten, wo möglich, von

vortrefflichen Meistern. "Sie finden", sagte der Kustode, "in dem

ganzen Schloß kein Bild, das, auch nur von ferne, auf Religion,

überlieferung, Mythologie, Legende oder Fabel hindeutete; unser Herr

will, daß die Einbildungskraft nur gefördert werde, um sich das Wahre

zu vergegenwärtigen. "Wir fabeln so genug", pflegt er zu sagen, "als

daß wir diese gefährliche Eigenschaft unsers Geistes durch äußere

reizende Mittel noch steigern sollten.""

Die Frage Wilhelms: wann man ihm aufwarten könne? ward durch die

Nachricht beantwortet: der Herr sei, nach seiner Gewohnheit, ganz

früh weggeritten. Er pflege zu sagen: "Aufmerksamkeit ist das Leben!

"--"Sie werden diesen und andere Sprüche, in denen er sich bespiegelt,

in den Feldern über den Türen eingeschrieben sehen, wie wir hier z.

B. gleich antreffen: "Vom Nützlichen durchs Wahre zum Schönen.""

Die Frauenzimmer hatten schon unter den Linden das Frühstück

bereitet, Felix eulenspiegelte um sie her und trachtete, in allerlei

Torheiten und Verwegenheiten sich hervorzutun, die Aufmerksamkeit auf

sich zu leiten, eine Abmahnung, einen Verweis von Hersilien zu

erhaschen. Nun suchten die Schwestern durch Aufrichtigkeit und

Mitteilung das Vertrauen des schweigsamen Gastes, der ihnen gefiel,

zu gewinnen; sie erzählten von einem werten Vetter, der, drei Jahre

abwesend, zunächst erwartet werde, von einer würdigen Tante, die,

unfern in ihrem Schlosse wohnend, als ein Schutzgeist der Familie zu

betrachten sei. In krankem Verfall des Körpers, in blühender

Gesundheit des Geistes ward sie geschildert, als wenn die Stimme

einer unsichtbar gewordenen Ursibylle rein göttliche Worte über die

menschlichen Dinge ganz einfach ausspräche.

Der neue Gast lenkte nun Gespräch und Frage auf die Gegenwart. Er

wünschte den edlen Oheim in rein entschiedener Tätigkeit gerne näher

zu kennen; er gedachte des angedeuteten Wegs vom Nützlichen durchs

Wahre zum Schönen und suchte die Worte auf seine Weise auszulegen,

das ihm denn ganz gut gelang und Juliettens Beifall zu erwerben das

Glück hatte.

Hersilie, die bisher lächelnd schweigsam geblieben, versetzte

dagegen: "Wir Frauen sind in einem besondern Zustande. Die Maximen

der Männer hören wir immerfort wiederholen, ja wir müssen sie in

goldnen Buchstaben über unsern Häupten sehen, und doch wüßten wir

Mädchen im stillen das Umgekehrte zu sagen, das auch gölte, wie es

gerade hier der Fall ist. Die Schöne findet Verehrer, auch Freier,

und endlich wohl gar einen Mann; dann gelangt sie zum Wahren, das

nicht immer höchst erfreulich sein mag, und wenn sie klug ist, widmet

sie sich dem Nützlichen, sorgt für Haus und Kinder und verharrt dabei.

So habe ich's wenigstens oft gefunden. Wir Mädchen haben Zeit zu

beobachten, und da finden wir meist, was wir nicht suchten."

Ein Bote vom Oheim traf ein mit der Nachricht, daß sämtliche

Gesellschaft auf ein nahes Jagdhaus zu Tische geladen sei, man könne

hin reiten und fahren. Hersilie erwählte zu reiten. Felix bat

inständig, man möge ihm auch ein Pferd geben. Man kam überein,

Juliette sollte mit Wilhelm fahren und Felix als Page seinen ersten

Ausritt der Dame seines jungen Herzens zu verdanken haben.

Indessen fuhr Juliette mit dem neuen Freunde durch eine Reihe von

Anlagen, welche sämtlich auf Nutzen und Genuß hindeuteten, ja die

unzähligen Fruchtbäume machten zweifelhaft, ob das Obst alles

verzehrt werden könne.

"Sie sind durch ein so wunderliches Vorzimmer in unsere Gesellschaft

geraten und fanden manches wirklich Seltsame und Sonderbare, so daß

ich vermuten darf, Sie wünschen einen Zusammenhang von allem diesem

zu wissen. Alles beruht auf Geist und Sinn meines trefflichen Oheims.

Die kräftigen Mannsjahre dieses Edlen fielen in die Zeit der Beccaria

und Filangieri; die Maximen einer allgemeinen Menschlichkeit wirkten

damals nach allen Seiten. Dies Allgemeine jedoch bildete sich der

strebende Geist, der strenge Charakter nach Gesinnungen aus, die sich

ganz aufs Praktische bezogen. Er verhehlte uns nicht, wie er jenen

liberalen Wahlspruch: "Den Meisten das Beste!" nach seiner Art

verwandelt und "Vielen das Erwünschte" zugedacht. Die Meisten lassen

sich nicht finden noch kennen, was das Beste sei, noch weniger

ausmitteln, Viele jedoch sind immer um uns her; was sie wünschen,

erfahren wir, was sie wünschen sollten, überlegen wir, und so läßt

sich denn immer Bedeutendes tun und schaffen. In diesem Sinne", fuhr

sie fort, "ist alles, was Sie hier sehen, gepflanzt, gebaut,

eingerichtet, und zwar um eines ganz nahen, leicht faßlichen Zweckes

willen; alles dies geschah dem großen, nahen Gebirg zuliebe. Der

treffliche Mann, Kraft und Vermögen zusammenhaltend, sagte zu sich

selbst: "Keinem Kinde da droben soll es an einer Kirsche, an einem

Apfel fehlen, wornach sie mit Recht so lüstern sind; der Hausfrau

soll es nicht an Kohl noch an Rüben oder sonst einem Gemüse im Topf

ermangeln, damit dem unseligen Kartoffelgenuß nur einigermaßen das

Gleichgewicht gehalten werde." In diesem Sinne, auf diese Weise sucht

er zu leisten, wozu ihm sein Besitztum Gelegenheit gibt, und so haben

sich seit manchen Jahren Träger und Trägerinnen gebildet, welche das

Obst in die tiefsten Schluchten des Felsgebirges verkäuflich

hintragen."

"Ich habe selbst davon genossen wie ein Kind", versetzte Wilhelm;

"da, wo ich dergleichen nicht anzutreffen hoffte, zwischen Tannen und

Felsen, überraschte mich weniger ein reiner Frommsinn als ein

erquicklich frisches Obst. Die Gaben des Geistes sind überall zu

Hause, die Geschenke der Natur über den Erdboden sparsam ausgeteilt."

"Ferner hat unser würdiger Landherr von entfernten Orten manches

Notwendige dem Gebirge näher gebracht; in diesen Gebäuden am Fuße hin

finden Sie Salz aufgespeichert und Gewürze vorrätig. Für Tabak und

Branntwein läßt er andere sorgen; dies seien keine Bedürfnisse, sagt

er, sondern Gelüste, und da würden sich schon Unterhändler genug

finden."

Angelangt am bestimmten Orte, einem geräumigen Försterhause im Walde,

fand sich die Gesellschaft zusammen und bereits eine kleine Tafel

gedeckt. "Setzen wir uns", sagte Hersilie; "hier steht zwar der

Stuhl des Oheims, aber gewiß wird er nicht kommen, wie gewöhnlich.

Es ist mir gewissermaßen lieb, daß unser neuer Gast, wie ich höre,

nicht lange bei uns verweilen wird: denn es müßte ihm verdrießlich

sein, unser Personal kennen zu lernen, es ist das ewig in Romanen und

Schauspielen wiederholte: ein wunderlicher Oheim, eine sanfte und

eine muntere Nichte, eine kluge Tante, Hausgenossen nach bekannter

Art; und käme nun gar der Vetter wieder, so lernte er einen

phantastischen Reisenden kennen, der vielleicht einen noch

sonderbarern Gesellen mitbrächte, und so wäre das leidige Stück

erfunden und in Wirklichkeit gesetzt."

"Die Eigenheiten des Oheims haben wir zu ehren", versetzte Juliette;

"sie sind niemanden zur Last, gereichen vielmehr jedermann zur

Bequemlichkeit. Eine bestimmte Tafelstunde ist ihm nun einmal

verdrießlich, selten, daß er sie einhält, wie er denn versichert:

eine der schönsten Erfindungen neuerer Zeit sei das Speisen nach der

Karte."

Unter manchen andern Gesprächen kamen sie auf die Neigung des werten

Mannes, überall Inschriften zu belieben. "Meine Schwester", sagte

Hersilie, "weiß sie sämtlich auszulegen, mit dem Kustode versteht

sie's um die Wette; ich aber finde, daß man sie alle umkehren kann

und daß sie alsdann ebenso wahr sind, und vielleicht noch mehr.

"--"Ich leugne nicht", versetzte Wilhelm, "es sind Sprüche darunter,

die sich in sich selbst zu vernichten scheinen; so sah ich z. B. sehr

auffallend angeschrieben: "Besitz und Gemeingut"; heben sich diese

beiden Begriffe nicht auf?"

Hersilie fiel ein: "Dergleichen Inschriften, scheint es, hat der

Oheim von den Orientalen genommen, die an allen Wänden die Sprüche

des Korans mehr verehren als verstehen." Juliette, ohne sich irren zu

lassen, erwiderte auf obige Frage: "Umschreiben Sie die wenigen Worte,

so wird der Sinn alsobald hervorleuchten."

Nach einigen Zwischenreden fuhr Juliette fort, weiter aufzuklären,

wie es gemeint sei: "Jeder suche den Besitz, der ihm von der Natur,

von dem Schicksal gegönnt ward, zu würdigen, zu erhalten, zu steigern,

er greife mit allen seinen Fertigkeiten so weit umher, als er zu

reichen fähig ist; immer aber denke er dabei, wie er andere daran will

teilnehmen lassen: denn nur insofern werden die Vermögenden geschätzt,

als andere durch sie genießen."

Indem man sich nun nach Beispielen umsah, fand sich der Freund erst

in seinem Fache; man wetteiferte, man überbot sich, um jene

lakonischen Worte recht wahr zu finden. Warum, hieß es, verehrt man

den Fürsten, als weil er einen jeden in Tätigkeit setzen, fördern,

begünstigen und seiner absoluten Gewalt gleichsam teilhaft machen

kann? Warum schaut alles nach dem Reichen, als weil er, der

Bedürftigste, überall Teilnehmer an seinem überflusse wünscht? Warum

beneiden alle Menschen den Dichter? weil seine Natur die Mitteilung

nötig macht, ja die Mitteilung selbst ist. Der Musiker ist

glücklicher als der Maler, er spendet willkommene Gaben aus,

persönlich unmittelbar, anstatt daß der letzte nur gibt, wenn die

Gabe sich von ihm absonderte.

Nun hieß es ferner im allgemeinen: Jede Art von Besitz soll der

Mensch festhalten, er soll sich zum Mittelpunkt machen, von dem das

Gemeingut ausgehen kann; er muß Egoist sein, um nicht Egoist zu

werden, zusammenhalten, damit er spenden könne. Was soll es heißen,

Besitz und Gut an die Armen zu geben? Löblicher ist, sich für sie als

Verwalter betragen. Dies ist der Sinn der Worte "Besitz und

Gemeingut"; das Kapital soll niemand angreifen, die Interessen werden

ohnehin im Weltlaufe schon jedermann angehören.

Man hatte, wie sich im Gefolg des Gesprächs ergab, dem Oheim

vorgeworfen, daß ihm seine Güter nicht eintrugen, was sie sollten.

Er versetzte dagegen: "Das Mindere der Einnahme betracht' ich als

Ausgabe, die mir Vergnügen macht, indem ich andern dadurch das Leben

erleichtere; ich habe nicht einmal die Mühe, daß diese Spende durch

mich durchgeht, und so setzt sich alles wieder ins gleiche."

Dergestalt unterhielten sich die Frauenzimmer mit dem neuen Freunde

gar vielseitig, und bei immer wachsendem gegenseitigem Vertrauen

sprachen sie über den zunächst erwarteten Vetter.

"Wir halten sein wunderliches Betragen für abgeredet mit dem Oheim.

Er läßt seit einigen Jahre nichts von sich hören, sendet anmutige,

seinen Aufenthalt verblümt andeutende Geschenke, schreibt nun auf

einmal ganz aus der Nähe, will aber nicht eher zu uns kommen, bis wir

ihm von unsern Zuständen Nachricht geben. Dies Betragen ist nicht

natürlich; was auch dahinterstecke, wir müssen es vor seiner Rückkehr

erfahren. Heute abend geben wir Ihnen einen Heft Briefe, woraus das

Weitere zu ersehen ist." Hersilie setzte hinzu: "Gestern machte ich

Sie mit einer törigen Landläuferin bekannt, heute sollen Sie von

einem verrückten Reisenden vernehmen."--"Gestehe es nur", fügte

Juliette hinzu, "diese Mitteilung ist nicht ohne Absicht."

Hersilie fragte soeben etwas ungeduldig, wo der Nachtisch bleibe,

als die Meldung geschah, der Oheim erwarte die Gesellschaft, mit ihm

die Nachkost in der großen Laube zu genießen. Auf dem Hinwege

bemerkte man eine Feldküche, die sehr emsig ihre blank gereinigten

Kasserollen, Schüsseln und Teller klappernd einzupacken beschäftigt

war. In einer geräumigen Laube fand man den alten Herrn an einem

runden, großen, frischgedeckten Tisch, auf welchem soeben die

schönsten Früchte, willkommenes Backwerk und die besten Süßigkeiten,

indem sich jene niedersetzten, reichlich aufgetragen wurden. Auf die

Frage des Oheims, was bisher begegnet, womit man sich unterhalten,

fiel Hersilie vorschnell ein: "Unser guter Gast hätte wohl über ihre

lakonischen Inschriften verwirrt werden können, wäre ihm Juliette

nicht durch einen fortlaufenden Kommentar zu Hülfe gekommen."--"Du

hast es immer mit Julietten zu tun", versetzte der Oheim, "sie ist

ein wackres Mädchen, das noch etwas lernen und begreifen mag."-- "Ich

möchte vieles gern vergessen, was ich weiß, und was ich begriffen habe,

ist auch nicht viel wert", versetzte Hersilie in Heiterkeit.

Hierauf nahm Wilhelm das Wort und sagte bedächtig: "Kurzgefaßte

Sprüche jeder Art weiß ich zu ehren, besonders wenn sie mich anregen,

das Entgegengesetzte zu überschauen und in übereinstimmung zu bringen.

"--"Ganz richtig", erwiderte der Oheim, "hat doch der vernünftige

Mann in seinem ganzen Leben noch keine andere Beschäftigung gehabt."

Indessen besetzte sich die Tafelrunde nach und nach, so daß Spätere

kaum Platz fanden. Die beiden Amtleute waren gekommen, Jäger,

Pferdebändiger, Gärtner, Förster und andere, denen man nicht gleich

ihren Beruf ansehen konnte. Jeder hatte etwas von dem letzten

Augenblick zu erzählen und mitzuteilen, das sich der alte Herr

gefallen ließ, auch wohl durch teilnehmende Fragen hervorrief,

zuletzt aber aufstand und, die Gesellschaft, die sich nicht rühren

sollte, begrüßend, mit den beiden Amtleuten sich entfernte. Das Obst

hatten sich alle, das Zuckerwerk die jungen Leute, wenn sie auch ein

wenig wild aussahen, gar wohl schmecken lassen. Einer nach dem

andern stand auf, begrüßte die Bleibenden und ging davon.

Die Frauenzimmer, welche bemerkten, daß der Gast auf das, was

vorging, mit einiger Verwunderung achtgab, erklärten sich

folgendermaßen: "Sie sehen hier abermals die Wirkung der Eigenheiten

unsers trefflichen Oheims; er behauptet: keine Erfindung des

Jahrhunderts verdiene mehr Bewunderung, als daß man in Gasthäusern,

an besonderen kleinen Tischchen, nach der Karte speisen könne; sobald

er dies gewahr worden, habe er für sich und andere dies auch in

seiner Familie einzuführen gesucht. Wenn er vom besten Humor ist, mag

er gern die Schrecknisse eines Familientisches lebhaft schildern, wo

jedes Glied mit fremden Gedanken beschäftigt sich niedersetzt, ungern

hört, in Zerstreuung spricht, muffig schweigt und, wenn gar das

Unglück kleine Kinder heranführt, mit augenblicklicher Pädagogik die

unzeitigste Mißstimmung hervorbringt. "So manches übel", sagt er,

"muß man tragen, von diesem habe ich mich zu befreien gewußt." Selten

erscheint er an unserm Tische und besetzt den Stuhl nur

augenblicklich, der für ihn leer steht. Seine Feldküche führt er mit

sich umher, speist gewöhnlich allein, andere mögen für sich sorgen.

Wenn er aber einmal Frühstück, Nachtisch oder sonst Erfrischung

anbietet, dann versammeln sich alle zerstreuten Angehörigen, genießen

das Bescherte, wie Sie gesehen haben. Das macht ihm Vergnügen; aber

niemand darf kommen, der nicht Appetit mitbringt, jeder muß aufstehen,

der sich gelabt hat, und nur so ist er gewiß, immer von Genießenden

umgeben zu sein. "Will man die Menschen ergötzen", hörte ich ihn

sagen, "so muß man ihnen das zu verleihen suchen, was sie selten oder

nie zu erlangen im Falle sind.""

Auf dem Rückwege brachte ein unerwarteter Schlag die Gesellschaft in

einige Gemütsbewegung. Hersilie sagte zu dem neben ihr reitenden

Felix: "Sieh dort, was mögen das für Blumen sein? sie decken die

ganze Sommerseite des Hügels, ich hab' sie noch nie gesehen."

Sogleich regte Felix sein Pferd an, sprengte auf die Stelle los und

war im Zurückkommen mit einem ganzen Büschel blühender Kronen, die er

von weitem schüttelte, als er auf einmal mit dem Pferde verschwand.

Er war in einen Graben gestürzt. Sogleich lösten sich zwei Reiter von

der Gesellschaft, nach dem Punkte hinsprengend.

Wilhelm wollte aus dem Wagen, Juliette verbat es: "Hülfe ist schon

bei ihm, und unser Gesetz ist in solchen Fällen, daß nur der Helfende

sich von der Stelle regen darf; der Chirurg ist schon dorten."

Hersilie hielt ihr Pferd an: "Jawohl", sagte sie, "Leibärzte braucht

man nur selten, Wundärzte jeden Augenblick." Schon sprengte Felix

mit verbundenem Kopfe wieder heran, die blühende Beute festhaltend und

hoch emporzeigend. Mit Selbstgefälligkeit reichte er den Strauß

seiner Herrin zu, dagegen gab ihm Hersilie ein buntes, leichtes

Halstuch. "Die weiße Binde kleidet dich nicht", sagte sie, "diese

wird schon lustiger aussehen." Und so kamen sie zwar beruhigt, aber

teilnehmender gestimmt nach Hause.

Es war spät geworden, man trennte sich in freundlicher Hoffnung

morgenden Wiedersehens; der hier folgende Briefwechsel aber erhielt

unsern Freund noch einige Stunden nachdenklich und wach.

Wilhelm Meisters Wanderjahre — Band 1 · 第 12 / 23 题