Nach einer langen und gründlichen Ruhe, deren die Wanderer wohl
bedürfen mochten, sprang Felix lebhaft aus dem Bette und eilte, sich
anzuziehn; der Vater glaubte zu bemerken, mit mehr Sorgfalt als
bisher. Nichts saß ihm knapp noch nett genug, auch hätte er alles
neuer und frischer gewünscht. Er sprang nach dem Garten und haschte
unterwegs nur etwas von der Vorkost, die der Diener für die Gäste
brachte, weil erst nach einer Stunde die Frauenzimmer im Garten
erscheinen würden.
Der Diener war gewohnt, die Fremden zu unterhalten und manches im
Hause vorzuzeigen; so auch führte er unsern Freund in eine Galerie,
worin bloß Porträte aufgehangen und gestellt waren, alles Personen,
die im achtzehnten Jahrhundert gewirkt hatten, eine große und
herrliche Gesellschaft; Gemälde sowie Büsten, wo möglich, von
vortrefflichen Meistern. "Sie finden", sagte der Kustode, "in dem
ganzen Schloß kein Bild, das, auch nur von ferne, auf Religion,
überlieferung, Mythologie, Legende oder Fabel hindeutete; unser Herr
will, daß die Einbildungskraft nur gefördert werde, um sich das Wahre
zu vergegenwärtigen. "Wir fabeln so genug", pflegt er zu sagen, "als
daß wir diese gefährliche Eigenschaft unsers Geistes durch äußere
reizende Mittel noch steigern sollten.""
Die Frage Wilhelms: wann man ihm aufwarten könne? ward durch die
Nachricht beantwortet: der Herr sei, nach seiner Gewohnheit, ganz
früh weggeritten. Er pflege zu sagen: "Aufmerksamkeit ist das Leben!
"--"Sie werden diesen und andere Sprüche, in denen er sich bespiegelt,
in den Feldern über den Türen eingeschrieben sehen, wie wir hier z.
B. gleich antreffen: "Vom Nützlichen durchs Wahre zum Schönen.""
Die Frauenzimmer hatten schon unter den Linden das Frühstück
bereitet, Felix eulenspiegelte um sie her und trachtete, in allerlei
Torheiten und Verwegenheiten sich hervorzutun, die Aufmerksamkeit auf
sich zu leiten, eine Abmahnung, einen Verweis von Hersilien zu
erhaschen. Nun suchten die Schwestern durch Aufrichtigkeit und
Mitteilung das Vertrauen des schweigsamen Gastes, der ihnen gefiel,
zu gewinnen; sie erzählten von einem werten Vetter, der, drei Jahre
abwesend, zunächst erwartet werde, von einer würdigen Tante, die,
unfern in ihrem Schlosse wohnend, als ein Schutzgeist der Familie zu
betrachten sei. In krankem Verfall des Körpers, in blühender
Gesundheit des Geistes ward sie geschildert, als wenn die Stimme
einer unsichtbar gewordenen Ursibylle rein göttliche Worte über die
menschlichen Dinge ganz einfach ausspräche.
Der neue Gast lenkte nun Gespräch und Frage auf die Gegenwart. Er
wünschte den edlen Oheim in rein entschiedener Tätigkeit gerne näher
zu kennen; er gedachte des angedeuteten Wegs vom Nützlichen durchs
Wahre zum Schönen und suchte die Worte auf seine Weise auszulegen,
das ihm denn ganz gut gelang und Juliettens Beifall zu erwerben das
Glück hatte.
Hersilie, die bisher lächelnd schweigsam geblieben, versetzte
dagegen: "Wir Frauen sind in einem besondern Zustande. Die Maximen
der Männer hören wir immerfort wiederholen, ja wir müssen sie in
goldnen Buchstaben über unsern Häupten sehen, und doch wüßten wir
Mädchen im stillen das Umgekehrte zu sagen, das auch gölte, wie es
gerade hier der Fall ist. Die Schöne findet Verehrer, auch Freier,
und endlich wohl gar einen Mann; dann gelangt sie zum Wahren, das
nicht immer höchst erfreulich sein mag, und wenn sie klug ist, widmet
sie sich dem Nützlichen, sorgt für Haus und Kinder und verharrt dabei.
So habe ich's wenigstens oft gefunden. Wir Mädchen haben Zeit zu
beobachten, und da finden wir meist, was wir nicht suchten."
Ein Bote vom Oheim traf ein mit der Nachricht, daß sämtliche
Gesellschaft auf ein nahes Jagdhaus zu Tische geladen sei, man könne
hin reiten und fahren. Hersilie erwählte zu reiten. Felix bat
inständig, man möge ihm auch ein Pferd geben. Man kam überein,
Juliette sollte mit Wilhelm fahren und Felix als Page seinen ersten
Ausritt der Dame seines jungen Herzens zu verdanken haben.
Indessen fuhr Juliette mit dem neuen Freunde durch eine Reihe von
Anlagen, welche sämtlich auf Nutzen und Genuß hindeuteten, ja die
unzähligen Fruchtbäume machten zweifelhaft, ob das Obst alles
verzehrt werden könne.
"Sie sind durch ein so wunderliches Vorzimmer in unsere Gesellschaft
geraten und fanden manches wirklich Seltsame und Sonderbare, so daß
ich vermuten darf, Sie wünschen einen Zusammenhang von allem diesem
zu wissen. Alles beruht auf Geist und Sinn meines trefflichen Oheims.
Die kräftigen Mannsjahre dieses Edlen fielen in die Zeit der Beccaria
und Filangieri; die Maximen einer allgemeinen Menschlichkeit wirkten
damals nach allen Seiten. Dies Allgemeine jedoch bildete sich der
strebende Geist, der strenge Charakter nach Gesinnungen aus, die sich
ganz aufs Praktische bezogen. Er verhehlte uns nicht, wie er jenen
liberalen Wahlspruch: "Den Meisten das Beste!" nach seiner Art
verwandelt und "Vielen das Erwünschte" zugedacht. Die Meisten lassen
sich nicht finden noch kennen, was das Beste sei, noch weniger
ausmitteln, Viele jedoch sind immer um uns her; was sie wünschen,
erfahren wir, was sie wünschen sollten, überlegen wir, und so läßt
sich denn immer Bedeutendes tun und schaffen. In diesem Sinne", fuhr
sie fort, "ist alles, was Sie hier sehen, gepflanzt, gebaut,
eingerichtet, und zwar um eines ganz nahen, leicht faßlichen Zweckes
willen; alles dies geschah dem großen, nahen Gebirg zuliebe. Der
treffliche Mann, Kraft und Vermögen zusammenhaltend, sagte zu sich
selbst: "Keinem Kinde da droben soll es an einer Kirsche, an einem
Apfel fehlen, wornach sie mit Recht so lüstern sind; der Hausfrau
soll es nicht an Kohl noch an Rüben oder sonst einem Gemüse im Topf
ermangeln, damit dem unseligen Kartoffelgenuß nur einigermaßen das
Gleichgewicht gehalten werde." In diesem Sinne, auf diese Weise sucht
er zu leisten, wozu ihm sein Besitztum Gelegenheit gibt, und so haben
sich seit manchen Jahren Träger und Trägerinnen gebildet, welche das
Obst in die tiefsten Schluchten des Felsgebirges verkäuflich
hintragen."
"Ich habe selbst davon genossen wie ein Kind", versetzte Wilhelm;
"da, wo ich dergleichen nicht anzutreffen hoffte, zwischen Tannen und
Felsen, überraschte mich weniger ein reiner Frommsinn als ein
erquicklich frisches Obst. Die Gaben des Geistes sind überall zu
Hause, die Geschenke der Natur über den Erdboden sparsam ausgeteilt."
"Ferner hat unser würdiger Landherr von entfernten Orten manches
Notwendige dem Gebirge näher gebracht; in diesen Gebäuden am Fuße hin
finden Sie Salz aufgespeichert und Gewürze vorrätig. Für Tabak und
Branntwein läßt er andere sorgen; dies seien keine Bedürfnisse, sagt
er, sondern Gelüste, und da würden sich schon Unterhändler genug
finden."
Angelangt am bestimmten Orte, einem geräumigen Försterhause im Walde,
fand sich die Gesellschaft zusammen und bereits eine kleine Tafel
gedeckt. "Setzen wir uns", sagte Hersilie; "hier steht zwar der
Stuhl des Oheims, aber gewiß wird er nicht kommen, wie gewöhnlich.
Es ist mir gewissermaßen lieb, daß unser neuer Gast, wie ich höre,
nicht lange bei uns verweilen wird: denn es müßte ihm verdrießlich
sein, unser Personal kennen zu lernen, es ist das ewig in Romanen und
Schauspielen wiederholte: ein wunderlicher Oheim, eine sanfte und
eine muntere Nichte, eine kluge Tante, Hausgenossen nach bekannter
Art; und käme nun gar der Vetter wieder, so lernte er einen
phantastischen Reisenden kennen, der vielleicht einen noch
sonderbarern Gesellen mitbrächte, und so wäre das leidige Stück
erfunden und in Wirklichkeit gesetzt."
"Die Eigenheiten des Oheims haben wir zu ehren", versetzte Juliette;
"sie sind niemanden zur Last, gereichen vielmehr jedermann zur
Bequemlichkeit. Eine bestimmte Tafelstunde ist ihm nun einmal
verdrießlich, selten, daß er sie einhält, wie er denn versichert:
eine der schönsten Erfindungen neuerer Zeit sei das Speisen nach der
Karte."
Unter manchen andern Gesprächen kamen sie auf die Neigung des werten
Mannes, überall Inschriften zu belieben. "Meine Schwester", sagte
Hersilie, "weiß sie sämtlich auszulegen, mit dem Kustode versteht
sie's um die Wette; ich aber finde, daß man sie alle umkehren kann
und daß sie alsdann ebenso wahr sind, und vielleicht noch mehr.
"--"Ich leugne nicht", versetzte Wilhelm, "es sind Sprüche darunter,
die sich in sich selbst zu vernichten scheinen; so sah ich z. B. sehr
auffallend angeschrieben: "Besitz und Gemeingut"; heben sich diese
beiden Begriffe nicht auf?"
Hersilie fiel ein: "Dergleichen Inschriften, scheint es, hat der
Oheim von den Orientalen genommen, die an allen Wänden die Sprüche
des Korans mehr verehren als verstehen." Juliette, ohne sich irren zu
lassen, erwiderte auf obige Frage: "Umschreiben Sie die wenigen Worte,
so wird der Sinn alsobald hervorleuchten."
Nach einigen Zwischenreden fuhr Juliette fort, weiter aufzuklären,
wie es gemeint sei: "Jeder suche den Besitz, der ihm von der Natur,
von dem Schicksal gegönnt ward, zu würdigen, zu erhalten, zu steigern,
er greife mit allen seinen Fertigkeiten so weit umher, als er zu
reichen fähig ist; immer aber denke er dabei, wie er andere daran will
teilnehmen lassen: denn nur insofern werden die Vermögenden geschätzt,
als andere durch sie genießen."
Indem man sich nun nach Beispielen umsah, fand sich der Freund erst
in seinem Fache; man wetteiferte, man überbot sich, um jene
lakonischen Worte recht wahr zu finden. Warum, hieß es, verehrt man
den Fürsten, als weil er einen jeden in Tätigkeit setzen, fördern,
begünstigen und seiner absoluten Gewalt gleichsam teilhaft machen
kann? Warum schaut alles nach dem Reichen, als weil er, der
Bedürftigste, überall Teilnehmer an seinem überflusse wünscht? Warum
beneiden alle Menschen den Dichter? weil seine Natur die Mitteilung
nötig macht, ja die Mitteilung selbst ist. Der Musiker ist
glücklicher als der Maler, er spendet willkommene Gaben aus,
persönlich unmittelbar, anstatt daß der letzte nur gibt, wenn die
Gabe sich von ihm absonderte.
Nun hieß es ferner im allgemeinen: Jede Art von Besitz soll der
Mensch festhalten, er soll sich zum Mittelpunkt machen, von dem das
Gemeingut ausgehen kann; er muß Egoist sein, um nicht Egoist zu
werden, zusammenhalten, damit er spenden könne. Was soll es heißen,
Besitz und Gut an die Armen zu geben? Löblicher ist, sich für sie als
Verwalter betragen. Dies ist der Sinn der Worte "Besitz und
Gemeingut"; das Kapital soll niemand angreifen, die Interessen werden
ohnehin im Weltlaufe schon jedermann angehören.
Man hatte, wie sich im Gefolg des Gesprächs ergab, dem Oheim
vorgeworfen, daß ihm seine Güter nicht eintrugen, was sie sollten.
Er versetzte dagegen: "Das Mindere der Einnahme betracht' ich als
Ausgabe, die mir Vergnügen macht, indem ich andern dadurch das Leben
erleichtere; ich habe nicht einmal die Mühe, daß diese Spende durch
mich durchgeht, und so setzt sich alles wieder ins gleiche."
Dergestalt unterhielten sich die Frauenzimmer mit dem neuen Freunde
gar vielseitig, und bei immer wachsendem gegenseitigem Vertrauen
sprachen sie über den zunächst erwarteten Vetter.
"Wir halten sein wunderliches Betragen für abgeredet mit dem Oheim.
Er läßt seit einigen Jahre nichts von sich hören, sendet anmutige,
seinen Aufenthalt verblümt andeutende Geschenke, schreibt nun auf
einmal ganz aus der Nähe, will aber nicht eher zu uns kommen, bis wir
ihm von unsern Zuständen Nachricht geben. Dies Betragen ist nicht
natürlich; was auch dahinterstecke, wir müssen es vor seiner Rückkehr
erfahren. Heute abend geben wir Ihnen einen Heft Briefe, woraus das
Weitere zu ersehen ist." Hersilie setzte hinzu: "Gestern machte ich
Sie mit einer törigen Landläuferin bekannt, heute sollen Sie von
einem verrückten Reisenden vernehmen."--"Gestehe es nur", fügte
Juliette hinzu, "diese Mitteilung ist nicht ohne Absicht."
Hersilie fragte soeben etwas ungeduldig, wo der Nachtisch bleibe,
als die Meldung geschah, der Oheim erwarte die Gesellschaft, mit ihm
die Nachkost in der großen Laube zu genießen. Auf dem Hinwege
bemerkte man eine Feldküche, die sehr emsig ihre blank gereinigten
Kasserollen, Schüsseln und Teller klappernd einzupacken beschäftigt
war. In einer geräumigen Laube fand man den alten Herrn an einem
runden, großen, frischgedeckten Tisch, auf welchem soeben die
schönsten Früchte, willkommenes Backwerk und die besten Süßigkeiten,
indem sich jene niedersetzten, reichlich aufgetragen wurden. Auf die
Frage des Oheims, was bisher begegnet, womit man sich unterhalten,
fiel Hersilie vorschnell ein: "Unser guter Gast hätte wohl über ihre
lakonischen Inschriften verwirrt werden können, wäre ihm Juliette
nicht durch einen fortlaufenden Kommentar zu Hülfe gekommen."--"Du
hast es immer mit Julietten zu tun", versetzte der Oheim, "sie ist
ein wackres Mädchen, das noch etwas lernen und begreifen mag."-- "Ich
möchte vieles gern vergessen, was ich weiß, und was ich begriffen habe,
ist auch nicht viel wert", versetzte Hersilie in Heiterkeit.
Hierauf nahm Wilhelm das Wort und sagte bedächtig: "Kurzgefaßte
Sprüche jeder Art weiß ich zu ehren, besonders wenn sie mich anregen,
das Entgegengesetzte zu überschauen und in übereinstimmung zu bringen.
"--"Ganz richtig", erwiderte der Oheim, "hat doch der vernünftige
Mann in seinem ganzen Leben noch keine andere Beschäftigung gehabt."
Indessen besetzte sich die Tafelrunde nach und nach, so daß Spätere
kaum Platz fanden. Die beiden Amtleute waren gekommen, Jäger,
Pferdebändiger, Gärtner, Förster und andere, denen man nicht gleich
ihren Beruf ansehen konnte. Jeder hatte etwas von dem letzten
Augenblick zu erzählen und mitzuteilen, das sich der alte Herr
gefallen ließ, auch wohl durch teilnehmende Fragen hervorrief,
zuletzt aber aufstand und, die Gesellschaft, die sich nicht rühren
sollte, begrüßend, mit den beiden Amtleuten sich entfernte. Das Obst
hatten sich alle, das Zuckerwerk die jungen Leute, wenn sie auch ein
wenig wild aussahen, gar wohl schmecken lassen. Einer nach dem
andern stand auf, begrüßte die Bleibenden und ging davon.
Die Frauenzimmer, welche bemerkten, daß der Gast auf das, was
vorging, mit einiger Verwunderung achtgab, erklärten sich
folgendermaßen: "Sie sehen hier abermals die Wirkung der Eigenheiten
unsers trefflichen Oheims; er behauptet: keine Erfindung des
Jahrhunderts verdiene mehr Bewunderung, als daß man in Gasthäusern,
an besonderen kleinen Tischchen, nach der Karte speisen könne; sobald
er dies gewahr worden, habe er für sich und andere dies auch in
seiner Familie einzuführen gesucht. Wenn er vom besten Humor ist, mag
er gern die Schrecknisse eines Familientisches lebhaft schildern, wo
jedes Glied mit fremden Gedanken beschäftigt sich niedersetzt, ungern
hört, in Zerstreuung spricht, muffig schweigt und, wenn gar das
Unglück kleine Kinder heranführt, mit augenblicklicher Pädagogik die
unzeitigste Mißstimmung hervorbringt. "So manches übel", sagt er,
"muß man tragen, von diesem habe ich mich zu befreien gewußt." Selten
erscheint er an unserm Tische und besetzt den Stuhl nur
augenblicklich, der für ihn leer steht. Seine Feldküche führt er mit
sich umher, speist gewöhnlich allein, andere mögen für sich sorgen.
Wenn er aber einmal Frühstück, Nachtisch oder sonst Erfrischung
anbietet, dann versammeln sich alle zerstreuten Angehörigen, genießen
das Bescherte, wie Sie gesehen haben. Das macht ihm Vergnügen; aber
niemand darf kommen, der nicht Appetit mitbringt, jeder muß aufstehen,
der sich gelabt hat, und nur so ist er gewiß, immer von Genießenden
umgeben zu sein. "Will man die Menschen ergötzen", hörte ich ihn
sagen, "so muß man ihnen das zu verleihen suchen, was sie selten oder
nie zu erlangen im Falle sind.""
Auf dem Rückwege brachte ein unerwarteter Schlag die Gesellschaft in
einige Gemütsbewegung. Hersilie sagte zu dem neben ihr reitenden
Felix: "Sieh dort, was mögen das für Blumen sein? sie decken die
ganze Sommerseite des Hügels, ich hab' sie noch nie gesehen."
Sogleich regte Felix sein Pferd an, sprengte auf die Stelle los und
war im Zurückkommen mit einem ganzen Büschel blühender Kronen, die er
von weitem schüttelte, als er auf einmal mit dem Pferde verschwand.
Er war in einen Graben gestürzt. Sogleich lösten sich zwei Reiter von
der Gesellschaft, nach dem Punkte hinsprengend.
Wilhelm wollte aus dem Wagen, Juliette verbat es: "Hülfe ist schon
bei ihm, und unser Gesetz ist in solchen Fällen, daß nur der Helfende
sich von der Stelle regen darf; der Chirurg ist schon dorten."
Hersilie hielt ihr Pferd an: "Jawohl", sagte sie, "Leibärzte braucht
man nur selten, Wundärzte jeden Augenblick." Schon sprengte Felix
mit verbundenem Kopfe wieder heran, die blühende Beute festhaltend und
hoch emporzeigend. Mit Selbstgefälligkeit reichte er den Strauß
seiner Herrin zu, dagegen gab ihm Hersilie ein buntes, leichtes
Halstuch. "Die weiße Binde kleidet dich nicht", sagte sie, "diese
wird schon lustiger aussehen." Und so kamen sie zwar beruhigt, aber
teilnehmender gestimmt nach Hause.
Es war spät geworden, man trennte sich in freundlicher Hoffnung
morgenden Wiedersehens; der hier folgende Briefwechsel aber erhielt
unsern Freund noch einige Stunden nachdenklich und wach.