Viertes Kapitel

Beide Freunde waren, nicht ohne Sorgfalt und Mühe, herabgestiegen,

um die Kinder zu erreichen, die sich unten an einem schattigen Orte

gelagert hatten. Fast eifriger als der Mundvorrat wurden die

gesammelten Steinmuster von Montan und Felix ausgepackt. Der letztere

hatte viel zu fragen, der erstere viel zu benennen. Felix freute

sich, daß jener die Namen von allen wisse, und behielt sie schnell im

Gedächtnis. Endlich brachte er noch einen hervor und fragte: "Wie

heißt denn dieser?" Montan betrachtete ihn mit Verwunderung und sagte:

"Wo habt ihr den her?" Fitz antwortete schnell: "Ich habe ihn

gefunden, er ist aus diesem Lande."--"Er ist nicht aus dieser Gegend",

versetzte Montan. Fitz freute sich, den überlegenen Mann in einigem

Zweifel zu sehen.--"Du sollst einen Dukaten haben", sagte Montan,

"wenn du mich an die Stelle bringst, wo er ansteht."-- "Der ist

leicht zu verdienen", versetzte Fitz, "aber nicht gleich."-- "So

bezeichne mir den Ort genau, daß ich ihn gewiß finden kann. Das ist

aber unmöglich: denn es ist ein Kreuzstein, der von St. Jakob in

Compostell kommt und den ein Fremder verloren hat, wenn du ihn nicht

gar entwendet hast, da er so wunderbar aussieht." --"Gebt Euren

Dukaten", sagte Fitz, "dem Reisegefährten in Verwahrung, und ich will

aufrichtig bekennen, wo ich den Stein her habe. In der verfallenen

Kirche zu St. Joseph befindet sich ein gleichfalls verfallener Altar.

Unter den auseinandergebrochenen obern Steinen desselben entdeckt'

ich eine Schicht von diesem Gestein, das jenen zur Grundlage diente,

und schlug davon so viel herunter, als ich habhaft werden konnte.

Wälzte man die obern Steine weg, so würde gewiß noch viel davon zu

finden sein."

"Nimm dein Goldstück", versetzte Montan, "du verdienst es für diese

Entdeckung. Sie ist artig genug. Man freut sich mit Recht, wenn die

leblose Natur ein Gleichnis dessen, was wir lieben und verehren,

hervorbringt. Sie erscheint uns in Gestalt einer Sibylle, die ein

Zeugnis dessen, was von der Ewigkeit her beschlossen ist und erst in

der Zeit wirklich werden soll, zum voraus niederlegt. Hierauf als

auf eine wundervolle, heilige Schicht hatten die Priester ihren Altar

gegründet."

Wilhelm, der eine Zeitlang zugehört und bemerkt hatte, daß manche

Benennung, manche Bezeichnung wiederkam, wiederholte seinen schon

früher geäußerten Wunsch, daß Montan ihm so viel mitteilen möge, als

er zum ersten Unterricht des Knaben nötig hätte.--"Gib das auf",

versetzte Montan. "Es ist nichts schrecklicher als ein Lehrer, der

nicht mehr weiß, als die Schüler allenfalls wissen sollen. Wer

andere lehren will, kann wohl oft das Beste verschweigen, was er weiß,

aber er darf nicht halbwissend sein." "Wo sind denn aber so

vollkommene Lehrer zu finden?"-- "Die triffst du sehr leicht",

versetzte Montan. "Wo denn?" sagte Wilhelm mit einigem Unglauben.

--"Da, wo die Sache zu Hause ist, die du lernen willst", versetzte

Montan. "Den besten Unterricht zieht man aus vollständiger Umgebung.

Lernst du nicht fremde Sprachen in den Ländern am besten, wo sie zu

Hause sind? wo nur diese und keine andere weiter dein Ohr

berührt?"--"Und so wärst du", fragte Wilhelm, "zwischen den Gebirgen

zur Kenntnis der Gebirge gelangt?" "Das versteht sich."--"Ohne mit

Menschen umzugehen?" fragte Wilhelm.-- "Wenigstens nur mit Menschen",

versetzte jener, "die bergartig waren. Da, wo Pygmäen, angereizt

durch Metalladern, den Fels durchwühlen, das Innere der Erde

zugänglich machen und auf alle Weise die schwersten Aufgaben zu lösen

suchen, da ist der Ort, wo der wißbegierige Denkende seinen Platz

nehmen soll. Er sieht handeln, tun, läßt geschehen und erfreut sich

des Geglückten und Mißglückten. Was nützt, ist nur ein Teil des

Bedeutenden. Um einen Gegenstand ganz zu besitzen, zu beherrschen,

muß man ihn um sein selbst willen studieren. Indem ich aber vom

Höchsten und Letzten spreche, wozu man sich erst spät durch vieles

und reiches Gewahrwerden emporhebt, seh' ich die Knaben vor uns, bei

denen klingt es ganz anders. Jede Art von Tätigkeit möchte das Kind

ergreifen, weil alles leicht aussieht, was vortrefflich ausgeübt wird.

Aller Anfang ist schwer! Das mag in einem gewissen Sinne wahr sein;

allgemeiner aber kann man sagen: aller Anfang ist leicht, und die

letzten Stufen werden am schwersten und seltensten erstiegen."

Wilhelm, der indessen nachgedacht hatte, sagte zu Montan: "Solltest

du wirklich zu der überzeugung gegriffen haben, daß die sämtlichen

Tätigkeiten, wie in der Ausübung, so auch im Unterricht zu sondern

seien?"--"Ich weiß mir nichts anderes noch Besseres", erwiderte jener.

"Was der Mensch leisten soll, muß sich als ein zweites Selbst von

ihm ablösen, und wie könnte das möglich sein, wäre sein erstes Selbst

nicht ganz davon durchdrungen?"--"Man hat aber doch eine vielseitige

Bildung für vorteilhaft und notwendig gehalten."--"Sie kann es auch

sein zu ihrer Zeit", versetzte jener; "Vielseitigkeit bereitet

eigentlich nur das Element vor, worin der Einseitige wirken kann, dem

eben jetzt genug Raum gegeben ist. Ja, es ist jetzo die Zeit der

Einseitigkeiten; wohl dem, der es begreift, für sich und andere in

diesem Sinne wirkt. Bei gewissen Dingen versteht sich's durchaus und

sogleich. übe dich zum tüchtigen Violinisten und sei versichert, der

Kapellmeister wird dir deinen Platz im Orchester mit Gunst anweisen.

Mache ein Organ aus dir und erwarte, was für eine Stelle dir die

Menschheit im allgemeinen Leben wohlmeinend zugestehen werde. Laß uns

abbrechen! Wer es nicht glauben will, der gehe seinen Weg, auch der

gelingt zuweilen; ich aber sage: von unten hinauf zu dienen, ist

überall nötig. Sich auf ein Handwerk zu beschränken, ist das Beste.

Für den geringsten Kopf wird es immer ein Handwerk, für den besseren

eine Kunst, und der beste, wenn er eins tut, tut er alles, oder, um

weniger paradox zu sein, in dem einen, was er recht tut, sieht er das

Gleichnis von allem, was recht getan wird."

Dieses Gespräch, das wir nur skizzenhaft wiederliefern, verzog sich

bis gegen Sonnenuntergang, der, so herrlich er war, doch die

Gesellschaft nachdenken ließ, wo man die Nacht zubringen wollte:

"Unter Dach wüßte ich euch nicht zu führen", sagte Fitz; "wollt ihr

aber bei einem guten alten Köhler, an warmer Stätte die Nacht

versitzen oder verliegen, so seid ihr willkommen." Und so folgten

sie ihm alle durch wundersame Pfade zum stillen Ort, wo sich ein

jeder bald einheimisch fühlen sollte.

In der Mitte eines beschränkten Waldraums lag dampfend und wärmend

der wohlgewölbte Kohlenmeiler, an der Seite die Hütte von

Tannenreisern, ein helles Feuerchen daneben. Man setzte sich, man

richtete sich ein. Die Kinder waren sogleich um die Köhlersfrau

geschäftig, welche, gastfreundlich bemüht, erhitzte Brotschnitten mit

Butter zu tränken und durchziehen zu lassen, köstlich fette Bissen

den hungrig Lüsternen bereitete.

Indes nun darauf die Knaben durch die kaum erhellten Fichtenstämme

Versteckens spielten, wie Wölfe heulten, wie Hunde bellten, so daß

auch wohl ein herzhafter Wanderer darüber hätte erschrecken mögen,

besprachen sich die Freunde vertraulich über ihre Zustände. Nun aber

gehörte zu den sonderbaren Verpflichtungen der Entsagenden auch die:

daß sie, zusammentreffend, weder vom Vergangenen noch Künftigen

sprechen durften, nur das Gegenwärtige sollte sie beschäftigen.

Jarno, der von bergmännischen Unternehmungen und den dazu

erforderlichen Kenntnissen und Tatfähigkeiten den Sinn voll hatte,

trug Wilhelmen auf das genaueste und vollständigste mit Leidenschaft

vor, was er sich alles in beiden Weltteilen von solchen

Kunsteinsichten und Fertigkeiten verspreche; wovon sich jedoch der

Freund, der immer nur im menschlichen Herzen den wahren Schatz

gesucht, kaum einen Begriff machen konnte, vielmehr zuletzt lächelnd

erwiderte: "So stehst du ja mit dir selbst im Widerspruch, indem du

erst in deinen ältern Tagen dasjenige zu treiben anfängst, wozu man

von Jugend auf sollte eingeleitet sein." "Keineswegs!" erwiderte

jener; "denn eben daß ich in meiner Kindheit bei einem liebenden

Oheim, einem hohen Bergbeamten, erzogen wurde, daß ich mit den

Pochjungen groß geworden bin, auf dem Berggraben mit ihnen kleine

Rindenschiffchen niederfahren ließ, das hat mich zurück in diesen

Kreis geführt, wo ich mich nun wieder behaglich und verjüngt fühle.

Schwerlich kann dieser Köhlerdampf dir zusagen wie mir, der ich ihn

von Kindheit auf als Weihrauch einzuschlürfen gewohnt bin. Ich habe

viel in der Welt versucht und immer dasselbe gefunden: in der

Gewohnheit ruht das einzige Behagen des Menschen; selbst das

Unangenehme, woran wir uns gewöhnten, vermissen wir ungern. Ich

quälte mich einmal gar lange mit einer Wunde, die nicht heilen wollte,

und als ich endlich genas, war es mir höchst unangenehm, als der

Chirurg ausblieb, sie nicht mehr verband und das Frühstück nicht mehr

mit mir einnahm."

"Ich möchte aber doch", versetzte Wilhelm, "meinem Sohn einen

freieren Blick über die Welt verschaffen, als ein beschränktes

Handwerk zu geben vermag. Man umgrenze den Menschen, wie man wolle,

so schaut er doch zuletzt in seiner Zeit umher; und wie kann er die

begreifen, wenn er nicht einigermaßen weiß, was vorhergegangen ist.

Und müßte er nicht mit Erstaunen in jeden Gewürzladen eintreten, wenn

er keinen Begriff von den Ländern hätte, woher diese unentbehrlichen

Seltsamkeiten bis zu ihm gekommen sind?"

"Wozu die Umstände?" versetzte Jarno; "lese er die Zeitungen wie

jeder Philister und trinke Kaffee wie jede alte Frau. Wenn du es

aber doch nicht lassen kannst und auf eine vollkommene Bildung so

versessen bist, so begreif' ich nicht, wie du so blind sein kannst,

wie du noch lange suchen magst, wie du nicht siehst, daß du dich ganz

in der Nähe einer vortrefflichen Erziehungsanstalt befindest."--"In

der Nähe?" sagte Wilhelm und schüttelte den Kopf. "Freilich!"

versetzte jener; "was siehst du hier?"--"Wo denn?"--"Grad hier vor

der Nase." Jarno streckte seinen Zeigefinger aus und deutete und

rief ungeduldig: "Was ist denn das?" --"Nun denn!" sagte Wilhelm,

"ein Kohlenmeiler; aber was soll das hierzu?"--"Gut! endlich! ein

Kohlenmeiler! Wie verfährt man, um ihn anzurichten?"--"Man stellt

Scheite an--und übereinander."-- "Wenn das getan ist, was geschieht

ferner?"--"Wie mir scheint", sagte Wilhelm, "willst du auf

sokratische Weise mir die Ehre antun, mir begreiflich zu machen, mich

bekennen zu lassen, daß ich äußerst absurd und dickstirnig sei."

"Keineswegs!" versetzte Jarno; "fahre fort, mein Freund, pünktlich

zu antworten. Also! was geschieht nun, wenn der regelmäßige Holzstoß

dicht und doch luftig geschichtet worden?"--"Nun, denn! man zündet

ihn an."-- "Und wenn er nun durchaus entzündet ist, wenn die Flamme

durch jede Ritze durchschlägt, wie beträgt man sich? läßt man's

fortbrennen?"-- "Keineswegs! man deckt eilig mit Rasen und Erde, mit

Kohlengestiebe und was man bei der Hand hat, die durch und durch

dringende Flamme zu."--"Um sie auszulöschen?" --"Keineswegs! um sie

zu dämpfen."--"Und also läßt man ihr so viel Luft als nötig, daß sich

alles mit Glut durchziehe, damit alles recht gar werde. Alsdann

verschließt man jede Ritze, verhindert jeden Ausbruch, damit ja alles

nach und nach in sich selbst verlösche, verkohle, verkühle, zuletzt

auseinandergezogen als verkäufliche Ware an Schmied und Schlosser, an

Bäcker und Koch abgelassen und, wenn es zu Nutzen und Frommen der

lieben Christenheit genugsam gedient, als Asche von Wäscherinnen und

Seifensiedern verbraucht werde."

"Nun", versetzte Wilhelm lachend, "in Bezug auf dieses Gleichnis,

wie siehst du dich denn an?"--"Das ist nicht schwer zu sagen",

erwiderte Jarno, "ich halte mich für einen alten Kohlenkorb tüchtig

büchener Kohlen, dabei aber erlaub' ich mir die Eigenheit, mich nur

um mein selbst willen zu verbrennen, deswegen ich denn den Leuten gar

wunderlich vorkomme."--"Und mich?" sagte Wilhelm, "wie wirst du mich

behandeln?"--"Jetzt besonders", sagte Jarno, "seh' ich dich an wie

einen Wanderstab, der die wunderliche Eigenschaft hat, in jeder Ecke

zu grünen, wo man ihn hinstellt, nirgends aber Wurzel zu fassen. Nun

male dir das Gleichnis weiter aus und lerne begreifen, wenn weder

Förster noch Gärtner, weder Köhler noch Tischer, noch irgendein

Handwerker aus dir etwas zu machen weiß."

Unter solchem Gespräch nun zog Wilhelm, ich weiß nicht zu welchem

Gebrauch, etwas aus dem Busen, das halb wie eine Brieftasche, halb

wie ein Besteck aussah und von Montan als ein Altbekanntes

angesprochen wurde. Unser Freund leugnete nicht, daß er es als eine

Art von Fetisch bei sich trage, in dem Aberglauben, sein Schicksal

hange gewissermaßen von dessen Besitz ab.

Was es aber gewesen, dürfen wir an dieser Stelle dem Leser noch

nicht vertrauen, so viel aber müssen wir sagen, daß hieran sich ein

Gespräch anknüpfte, dessen Resultate sich endlich dahin ergaben, daß

Wilhelm bekannte: wie er schon längst geneigt sei, einem gewissen

besondern Geschäft, einer ganz eigentlich nützlichen Kunst sich zu

widmen, vorausgesetzt, Montan werde sich bei den Verbündeten dahin

verwenden, daß die lästigste aller Lebensbedingungen, nicht länger

als drei Tage an einem Orte zu verweilen, baldigst aufgehoben und ihm

vergönnt werde, sich zu Erreichung seines Zweckes da oder dort, wie

es ihm belieben möge, aufzuhalten. Dies versprach Montan zu bewirken,

nachdem jener feierlich angelobt hatte, die vertraulich

ausgesprochene Absicht unablässig zu verfolgen und den einmal

gefaßten Vorsatz auf das treulichste festzuhalten.

Dieses alles ernstlich durchsprechend und einander unablässig

erwidernd, waren sie von ihrer Nachtstätte, wo sich eine wunderlich

verdächtige Gesellschaft nach und nach versammelt hatte, bei

Tagesanbruch aus dem Wald auf eine Blöße gekommen, an der sie einiges

Wild antrafen, das besonders dem fröhlich auffassenden Felix viel

Freude machte. Man bereitete sich zum Scheiden, denn hier deuteten

die Pfade nach verschiedenen Himmelsgegenden. Fitz ward nun über die

verschiedenen Richtungen befragt, der aber zerstreut schien und gegen

seine Gewohnheit verworrene Antworten gab.

"Du bist überhaupt ein Schelm", sagte Jarno; "diese Männer heute

nacht, die sich um uns herum setzten, kanntest du alle. Es waren

Holzhauer und Bergleute, das mochte hingehen, aber die letzten halt'

ich für Schmuggler, für Wilddiebe, und der lange, ganz letzte, der

immer Zeichen in den Sand schrieb und den die andern mit einiger

Achtung behandelten, war gewiß ein Schatzgräber, mit dem du unter der

Decke spielst."

"Es sind alles gute Leute", ließ Fitz sich darauf vernehmen; "sie

nähren sich kümmerlich, und wenn sie manchmal etwas tun, was die

andern verbieten, so sind es arme Teufel, die sich selbst etwas

erlauben müssen, nur um zu leben."

Eigentlich aber war der kleine, schelmische Junge, da er

Vorbereitungen der Freunde, sich zu trennen, bemerkte, nachdenklich;

er überlegte sich etwas im stillen, denn er stand zweifelhaft,

welchem von beiden Teilen er folgen sollte. Er berechnete seinen

Vorteil: Vater und Sohn gingen leichtsinnig mit dem Silber um, Jarno

aber gar mit dem Golde; diesen nicht loszulassen, hielt er fürs beste.

Daher ergriff er sogleich eine dargebotene Gelegenheit, und als im

Scheiden Jarno zu ihm sagte: "Nun, wenn ich nach St. Joseph komme,

will ich sehen, ob du ehrlich bist, ich werde den Kreuzstein und den

verfallenen Altar suchen."--"Ihr werdet nichts finden", sagte Fitz,

"und ich werde doch ehrlich bleiben; der Stein ist dorther, aber ich

habe sämtliche Stücke weggeschafft und sie hier oben verwahrt. Es ist

ein kostbares Gestein, ohne dasselbe läßt sich kein Schatz heben; man

bezahlt mir ein kleines Stück gar teuer. Ihr hattet ganz recht,

daher kam meine Bekanntschaft mit dem hagern Manne."

Nun gab es neue Verhandlungen, Fitz verpflichtete sich an Jarno,

gegen einen nochmaligen Dukaten, in mäßiger Entfernung ein tüchtiges

Stück dieses seltenen Minerals zu verschaffen, wogegen er den Gang

nach dem Riesenschloß abriet; weil aber dennoch Felix darauf bestand,

dem Boten einschärfte, die Reisenden nicht zu tief hineinzulassen,

denn niemand finde sich aus diesen Höhlen und Klüften jemals wieder

heraus. Man schied, und Fitz versprach, zu guter Zeit in den Hallen

des Riesenschlosses wieder einzutreffen.

Der Bote schritt voran, die beiden folgten; jener war aber kaum den

Berg eine Strecke hinaufgestiegen, als Felix bemerkte, man gehe nicht

den Weg, auf welchen Fitz gedeutet habe. Der Bote versetzte jedoch:

"Ich muß es besser wissen! Denn erst in diesen Tagen hat ein

gewaltiger Sturm die nächste Waldstrecke niedergestürzt; die kreuzweis

übereinandergeworfenen Bäume versperren diesen Weg: folgt mir, ich

bring' euch an Ort und Stelle." Felix verkürzte sich den

beschwerlichen Pfad durch lebhaften Schritt und Sprung von Fels zu

Fels und freute sich über sein erworbenes Wissen, daß er nun von

Granit zu Granit hüpfe.

Und so ging es aufwärts, bis er endlich auf zusammengestürzten

schwarzen Säulen stehenblieb und auf einmal das Riesenschloß vor

Augen sah. Wände und Säulen ragten auf einem einsamen Gipfel hervor,

geschlossene Säulenwände bildeten Pforten an Pforten, Gänge nach

Gängen. Ernstlich warnte der Bote, sich nicht hineinzuverlieren, und

an einem sonnigen, über weite Aussicht gebietenden Flecke, die

Aschenspur seiner Vorgänger bemerkend, war er geschäftig, ein

prasselndes Feuer zu unterhalten. Indem er nun an solchen Stellen

eine frugale Kost zu bereiten schon gewohnt war und Wilhelm in der

himmelweiten Aussicht von der Gegend näher Erkundigung einzog, durch

die er zu wandern gedachte, war Felix verschwunden; er mußte sich in

die Höhle verloren haben, auf Rufen und Pfeifen antwortete er nicht

und kam nicht wieder zum Vorschein.

Wilhelm aber, der, wie es einem Pilger ziemt, auf manche Fälle

vorbereitet war, brachte aus seiner Jagdtasche einen Knaul Bindfaden

hervor, band ihn sorgfältig fest und vertraute sich dem leitenden

Zeichen, an dem er seinen Sohn hineinzuführen schon die Absicht gehabt

hatte. So ging er vorwärts und ließ von Zeit zu Zeit sein Pfeifchen

erschallen, lange vergebens. Endlich aber erklang aus der Tiefe ein

schneidender Pfiff, und bald darauf schaute Felix am Boden aus einer

Kluft des schwarzen Gesteines hervor. "Bist du allein?" lispelte

bedenklich der Knabe.--"Ganz allein!" versetzte der Vater.--"Reiche

mir Scheite! reiche mir Knüttel!" sagte der Knabe, empfing sie und

verschwand, nachdem er ängstlich gerufen hatte: "Laß niemand in die

Höhle!" Nach einiger Zeit aber tauchte er wieder auf, forderte noch

längeres und stärkeres Holz. Der Vater harrte sehnlich auf die

Lösung dieses Rätsels. Endlich erhub sich der Verwegene schnell aus

der Spalte und brachte ein Kästchen mit, nicht größer als ein kleiner

Oktavband, von prächtigem altem Ansehn, es schien von Gold zu sein,

mit Schmelz geziert. "Stecke es zu dir, Vater, und laß es niemand

sehn!" Er erzählte darauf mit Hast, wie er, aus innerem geheimem,

Antrieb, in jene Spalte gekrochen sei und unten einen dämmerhellen

Raum gefunden habe. In demselben stand, wie er sagte, ein großer

eiserner Kasten, zwar nicht verschlossen, dessen Deckel jedoch nicht

zu erheben, kaum zu lüften war. Um nun darüber Herr zu werden, habe

er die Knüttel verlangt, sie teils als Stützen unter den Deckel

gestellt, teils als Keile dazwischengeschoben, zuletzt habe er den

Kasten zwar leer, in einer Ecke desselben jedoch das Prachtbüchlein

gefunden. Sie versprachen sich beiderseits deshalb ein tiefes

Geheimnis.

Mittag war vorüber, etwas hatte man genossen, Fitz war noch nicht,

wie er versprochen, gekommen; Felix aber, besonders unruhig, sehnte

sich von dem Orte weg, wo der Schatz irdischer oder unterirdischer

Wiederforderung ausgesetzt schien. Die Säulen kamen ihm schwärzer,

die Höhlen tiefer vor. Ein Geheimnis war ihm aufgeladen, ein Besitz,

rechtmäßig oder unrechtmäßig? sicher oder unsicher? Die Ungeduld

trieb ihn von der Stelle, er glaubte die Sorge loszuwerden, wenn er

den Platz veränderte.

Sie schlugen den Weg ein nach jenen ausgedehnten Gütern des großen

Landbesitzers, von dessen Reichtum und Sonderbarkeiten man ihnen so

viel erzählt hatte. Felix sprang nicht mehr wie am Morgen, und alle

drei gingen stundenlang vor sich hin. Einigemal wollt' er das

Kästchen sehn, der Vater, auf den Boten hindeutend, wies ihn zur Ruhe.

Nun war er voll Verlangen, Fitz möge kommen. Dann scheute er sich

wieder vor dem Schelmen; bald pfiff er, um ein Zeichen zu geben, dann

reute ihn schon, es getan zu haben, und so dauerte das Schwanken

immerfort, bis Fitz endlich sein Pfeifchen aus der Ferne hören ließ.

Er entschuldigte sein Außenbleiben vom Riesenschlosse, er habe sich

mit Jarno verspätet, der Windbruch habe ihn gehindert; dann forschte

er genau, wie es ihnen zwischen Säulen und Höhlen gegangen sei? Wie

tief sie vorgedrungen? Felix erzählte ihm ein Märchen über das andere,

halb übermütig, halb verlegen; er sah den Vater lächelnd an, zupfte

ihn verstohlen und tat alles mögliche, um an den Tag zu geben, daß er

heimlich besitze und daß er sich verstelle.

Sie waren endlich auf einen Fuhrweg gelangt, der sie bequem zu jenen

Besitztümern hinführen sollte; Fitz aber behauptete, einen näheren

und bessern Weg zu kennen; auf welchem der Bote sie nicht begleiten

wollte und den geraden, breiten, eingeschlagenen Weg vor sich hinging.

Die beiden Wanderer vertrauten dem losen Jungen und glaubten

wohlgetan zu haben, denn nun ging es steil den Berg hinab, durch

einen Wald der hoch--und schlankstämmigsten Lärchenbäume, der, immer

durchsichtiger werdend, ihnen zuletzt die schönste Besitzung, die man

sich nur denken kann, im klarsten Sonnenlichte sehen ließ.

Ein großer Garten, nur der Fruchtbarkeit, wie es schien, gewidmet,

lag, obgleich mit Obstbäumen reichlich ausgestattet, offen vor ihren

Augen, indem er regelmäßig, in mancherlei Abteilungen, einen zwar im

ganzen abhängigen, doch aber mannigfaltig bald erhöhten, bald

vertieften Boden bedeckte. Mehrere Wohnhäuser lagen darin zerstreut,

so daß der Raum verschiedenen Besitzern anzugehören schien, der

jedoch, wie Fitz versicherte, von einem einzigen Herrn beherrscht und

benutzt ward. über den Garten hinaus erblickten sie eine unabsehbare

Landschaft, reichlich bebaut und bepflanzt. Sie konnten Seen und

Flüsse deutlich unterscheiden.

Sie waren den Berg hinab immer näher gekommen und glaubten nun

sogleich im Garten zu sein, als Wilhelm stutzte und Fitz seine

Schadenfreude nicht verbarg: denn eine jähe Kluft am Fuße des Berges

tat sich vor ihnen auf und zeigte gegenüber eine bisher verborgene

hohe Mauer, schroff genug von außen, obgleich von innen durch das

Erdreich völlig ausgefüllt. Ein tiefer Graben trennte sie also von

dem Garten, in den sie unmittelbar hineinsahen. "Wir haben noch

hinüber einen ziemlichen Umweg zu machen", sagte Fitz, "wenn wir die

Straße, die hineinführt, erreichen wollen. Doch weiß ich auch einen

Eingang von dieser Seite, wo wir um ein gutes näher gehen. Die

Gewölbe, durch die das Bergwasser bei Regengüssen in den Garten

geregelt hineinstürzt, öffnen sich hier; sie sind hoch und breit

genug, daß man mit ziemlicher Bequemlichkeit hindurchkommen kann."

Als Felix von Gewölben hörte, konnte er vor Begierde sich nicht

lassen, diesen Eingang zu betreten. Wilhelm folgte den Kindern, und

sie stiegen zusammen die ganz trocken liegenden hohen Stufen dieser

Zuleitungsgewölbe hinunter. Sie befanden sich bald im Hellen, bald im

Dunkeln, je nachdem von Seitenöffnungen her das Licht hereinfiel oder

von Pfeilern und Wänden aufgehalten ward. Endlich gelangten sie auf

einen ziemlich gleichen Fleck und schritten langsam vor, als auf

einmal in ihrer Nähe ein Schuß fiel, zu gleicher Zeit sich zwei

verborgene Eisengitter schlossen und sie von beiden Seiten

einsperrten. Zwar nicht die ganze Gesellschaft: nur Wilhelm und

Felix waren gefangen. Denn Fitz, als der Schuß fiel, sprang sogleich

rückwärts, und das zuschlagende Gitter faßte nur seinen weiten Ärmel;

er aber, sehr geschwind das Jäckchen abwerfend, war entflohen, ohne

sich einen Augenblick aufzuhalten.

Die beiden Eingekerkerten hatten kaum Zeit, sich von ihrem Erstaunen

zu erholen, als sie Menschenstimmen vernahmen, welche sich langsam zu

nähern schienen. Bald darauf traten Bewaffnete mit Fackeln an die

Gitter und neugierigen Blicks, was sie für einen Fang möchten getan

haben. Sie fragten zugleich, ob man sich gutwillig ergeben wolle.

"Hier kann von keinem Ergeben die Rede sein", versetzte Wilhelm; "wir

sind in eurer Gewalt. Eher haben wir Ursache zu fragen, ob ihr uns

schonen wollt. Die einzige Waffe, die wir bei uns haben, liefere ich

euch aus", und mit diesen Worten reichte er seinen Hirschfänger

durchs Gitter; dieses öffnete sich sogleich, und man führte ganz

gelassen die Ankömmlinge mit sich vorwärts, und als man sie einen

Wendelstieg hinaufgebracht hatte, befanden sie sich bald an einem

seltsamen Orte; es war ein geräumiges, reinliches Zimmer, durch

kleine, unter dem Gesimse hergehende Fenster erleuchtet, die

ungeachtet der starken Eisenstäbe Licht genug verbreiteten. Für

Sitze, Schlafstellen, und was man allenfalls sonst in einer mäßigen

Herberge verlangen könnte, war gesorgt, und es schien dem, der sich

hier befand, nichts als die Freiheit zu fehlen.

Wilhelm hatte sich bei seinem Eintritt sogleich niedergesetzt und

überdachte den Zustand; Felix hingegen, nachdem er sich von dem

ersten Erstaunen erholt hatte, brach in eine unglaubliche Wut aus.

Diese steilen Wände, diese hohen Fenster, diese festen Türen, diese

Abgeschlossenheit, diese Einschränkung war ihm ganz neu. Er sah sich

um, er rannte hin und her, stampfte mit den Füßen, weinte, rüttelte

an den Türen, schlug mit den Fäusten dagegen, ja er war im Begriff,

mit dem Schädel dawiderzurennen, hätte nicht Wilhelm ihn gefaßt und

mit Kraft festgehalten.

"Besieh dir das nur ganz gelassen, mein Sohn", fing der Vater an,

"denn Ungeduld und Gewalt helfen uns nicht aus dieser Lage. Das

Geheimnis wird sich aufklären; aber ich müßte mich höchlich irren,

oder wir sind in keine schlechten Hände gefallen. Betrachte diese

Inschriften: "Dem Unschuldigen Befreiung und Ersatz, dem Verführten

Mitleiden, dem Schuldigen ahndende Gerechtigkeit." Alles dieses zeigt

uns an, daß diese Anstalten Werke der Notwendigkeit, nicht der

Grausamkeit sind. Der Mensch hat nur allzusehr Ursache, sich vor dem

Menschen zu schützen. Der Mißwollenden gibt es gar viele, der

Mißtätigen nicht wenige, und um zu leben, wie sich's gehört, ist nicht

genug, immer wohlzutun."

Felix hatte sich zusammengenommen, warf sich aber sogleich auf eine

der Lagerstätten, ohne weiteres äußern noch Erwidern. Der Vater ließ

nicht ab und sprach ferner: "Laß dir diese Erfahrung, die du so früh

und unschuldig machst, ein lebhaftes Zeugnis bleiben, in welchem und

in was für einem vollkommenen Jahrhundert du geboren bist. Welchen

Weg mußte nicht die Menschheit machen, bis sie dahin gelangte, auch

gegen Schuldige gelind, gegen Verbrecher schonend, gegen

Unmenschliche menschlich zu sein! Gewiß waren es Männer göttlicher

Natur, die dies zuerst lehrten, die ihr Leben damit zubrachten, die

Ausübung möglich zu machen und zu beschleunigen. Des Schönen sind die

Menschen selten fähig, öfter des Guten; und wie hoch müssen wir daher

diejenigen halten, die dieses mit großen Aufopferungen zu befördern

suchen."

Diese tröstlich belehrenden Worte, welche die Absicht der

einschließenden Umgebung völlig rein ausdrückten, hatte Felix nicht

vernommen; er lag im tiefsten Schlafe, schöner und frischer als je;

denn eine Leidenschaft, wie sie ihn sonst nicht leicht ergriff, hatte

sein ganzes Innerste auf die vollen Wangen hervorgetrieben. Ihn mit

Gefälligkeit beschauend, stand der Vater, als ein wohlgebildeter

junger Mann hereintrat, der, nachdem er den Ankömmling einige Zeit

freundlich angesehen, anfing, ihn über die Umstände zu befragen, die

ihn auf den ungewöhnlichen Weg und in diese Falle geführt hätten.

Wilhelm erzählte die Begebenheit ganz schlicht, überreichte ihm einige

Papiere, die seine Person aufzuklären dienten, und berief sich auf

den Boten, der nun bald auf dem ordentlichen Wege von einer andern

Seite anlangen müsse. Als dieses alles so weit im klaren war,

ersuchte der Beamte seinen Gast, ihm zu folgen. Felix war nicht zu

erwecken, die Untergebenen trugen ihn daher auf der tüchtigen

Matratze, wie ehmals den unbewußten Ulyß, in die freie Luft.

Wilhelm folgte dem Beamten in ein schönes Gartenzimmer, wo

Erfrischungen aufgesetzt wurden, die er genießen sollte, indessen

jener ging, an höherer Stelle Bericht abzustatten. Als Felix

erwachend ein gedecktes Tischchen, Obst, Wein, Zwieback und zugleich

die Heiterkeit der offenstehenden Türe bemerkte, ward es ihm ganz

wunderlich zumute. Er läuft hinaus, er kehrt zurück, er glaubt

geträumt zu haben; und hatte bald bei so guter Kost und so angenehmer

Umgebung den vorhergegangenen Schrecken und alle Bedrängnis, wie einen

schweren Traum am hellen Morgen, vergessen.

Der Bote war angelangt, der Beamte kam mit ihm und einem andern,

ältlichen, noch freundlichern Manne zurück, und die Sache klärte sich

folgendergestalt auf. Der Herr dieser Besitzung, im höhern Sinne

wohltätig, daß er alles um sich her zum Tun und Schaffen aufregte,

hatte aus seinen unendlichen Baumschulen, seit mehreren Jahren,

fleißigen und sorgfältigen Anbauern die jungen Stämme umsonst,

nachlässigen um einen gewissen Preis und denen, die damit handeln

wollten, gleichfalls, doch um einen billigen, überlassen. Aber auch

diese beiden Klassen forderten umsonst, was die Würdigen umsonst

erhielten, und da man ihnen nicht nachgab, suchten sie die Stämme zu

entwenden. Auf mancherlei Weise war es ihnen gelungen. Dieses

verdroß den Besitzer um so mehr, da nicht allein die Baumschulen

geplündert, sondern auch durch übereilung verderbt worden waren. Man

hatte Spur, daß sie durch die Wasserleitung hereingekommen, und

deshalb eine solche Gitterfalle mit einem Selbstschuß eingerichtet,

der aber nur als Zeichen gelten sollte. Der kleine Knabe hatte sich

unter mancherlei Vorwänden mehrmals im Garten sehen lassen, und es war

nichts natürlicher, als daß er aus Kühnheit und Schelmerei die

Fremden einen Weg führen wollte, den er früher zu anderm Zwecke

ausgefunden. Man hätte gewünscht, seiner habhaft zu werden; indessen

wurde sein Wämschen unter andern gerichtlichen Gegenständen

aufgehoben.

Wilhelm Meisters Wanderjahre — Band 1 · 第 10 / 23 题