Soeben schließe ich eine angenehme, halb wunderbare Geschichte, die
ich für dich aus dem Munde eines gar wackern Mannes aufgeschrieben
habe. Wenn es nicht ganz seine Worte sind, wenn ich hie und da meine
Gesinnungen bei Gelegenheit der seinigen ausgedrückt habe, so war es
bei der Verwandtschaft, die ich hier mit ihm fühlte, ganz natürlich.
Jene Verehrung seines Weibes, gleicht sie nicht derjenigen, die ich
für dich empfinde? und hat nicht selbst das Zusammentreffen dieser
beiden Liebenden etwas ähnliches mit dem unsrigen? Daß er aber
glücklich genug ist, neben dem Tiere herzugehen, das die doppelt
schöne Bürde trägt, daß er mit seinem Familienzug abends in das alte
Klostertor eindringen kann, daß er unzertrennlich von seiner
Geliebten, von den Seinigen ist, darüber darf ich ihn wohl im stillen
beneiden. Dagegen darf ich nicht einmal mein Schicksal beklagen, weil
ich dir zugesagt habe, zu schweigen und zu dulden, wie du es auch
übernommen hast.
Gar manchen schönen Zug des Zusammenseins dieser frommen und heitern
Menschen muß ich übergehen: denn wie ließe sich alles schreiben!
Einige Tage sind mir angenehm vergangen, aber der dritte mahnt mich
nun, auf meinen weitern Weg bedacht zu sein.
Mit Felix hatte ich heut einen kleinen Handel: denn er wollte fast
mich nötigen, einen meiner guten Vorsätze zu übertreten, die ich dir
angelobt habe. Ein Fehler, ein Unglück, ein Schicksal ist mir's nun
einmal, daß sich, ehe ich mich's versehe, die Gesellschaft um mich
vermehrt, daß ich mir eine neue Bürde auflade, an der ich nachher zu
tragen und zu schleppen habe. Nun soll auf meiner Wanderschaft kein
Dritter uns ein beständiger Geselle werden. Wir wollen und sollen zu
zwei sein und bleiben, und eben schien sich ein neues, eben nicht
erfreuliches Verhältnis anknüpfen zu wollen.
Zu den Kindern des Hauses, mit denen Felix sich spielend diese Tage
her ergötzte, hatte sich ein kleiner, munterer, armer Junge gesellt,
der sich eben brauchen und mißbrauchen ließ, wie es gerade das Spiel
mit sich brachte, und sich sehr geschwind bei Felix in Gunst setzte.
Und ich merkte schon an allerlei Äußerungen, daß dieser sich einen
Gespielen für den nächsten Weg auserkoren hatte. Der Knabe ist hier
in der Gegend bekannt, wird wegen seiner Munterkeit überall geduldet
und empfängt gelegentlich ein Almosen. Mir aber gefiel er nicht, und
ich ersuchte den Hausherrn, ihn zu entfernen. Das geschah auch, aber
Felix war unwillig darüber, und es gab eine kleine Szene.
Bei dieser Gelegenheit macht' ich eine Entdeckung, die mir angenehm
war. In der Ecke der Kapelle oder des Saals stand ein Kasten mit
Steinen, welchen Felix, der seit unserer Wanderung durchs Gebirg eine
gewaltsame Neigung zum Gestein bekommen, eifrig hervorzog und
durchsuchte. Es waren schöne, in die Augen fallende Dinge darunter.
Unser Wirt sagte, das Kind könne sich auslesen, was es wolle. Es sei
dieses Gestein überblieben von einer großen Masse, die ein Fremder
vor kurzem von hier weggesendet. Er nannte ihn Montan, und du kannst
denken, daß ich mich freute, diesen Namen zu hören, unter dem einer
von unsern besten Freunden reist, dem wir so manches schuldig sind.
Indem ich nach Zeit und Umständen fragte, kann ich hoffen, ihn auf
meiner Wanderung bald zu treffen.
Die Nachricht, daß Montan sich in der Nähe befinde, hatte Wilhelmen
nachdenklich gemacht. Er überlegte, daß es nicht bloß dem Zufall zu
überlassen sei, ob er einen so werten Freund wiedersehen solle, und
erkundigte sich daher bei seinem Wirte, ob man nicht wisse, wohin
dieser Reisende seinen Weg gerichtet habe. Niemand hatte davon nähere
Kenntnis, und schon war Wilhelm entschlossen, seine Wanderung nach
dem ersten Plane fortzusetzen, als Felix ausrief: "Wenn der Vater
nicht so eigen wäre, wir wollten Montan schon finden." --"Auf welche
Weise?" fragte Wilhelm. Felix versetzte: "Der kleine Fitz sagte
gestern, er wolle den Herrn wohl aufspüren, der schöne Steine bei sich
habe und sich auch gut darauf verstünde." Nach einigem Hin--und
Widerreden entschloß sich Wilhelm zuletzt, den Versuch zu machen und
dabei auf den verdächtigen Knaben desto mehr Acht zu geben. Dieser
war bald gefunden und brachte, da er vernahm, worauf es abgesehen sei,
Schlegel und Eisen und einen tüchtigen Hammer nebst einem Säckchen
mit und lief in seiner bergmännischen Tracht munter vorauf.
Der Weg ging seitwärts abermals bergauf. Die Kinder sprangen
miteinander von Fels zu Fels, über Stock und Stein, über Bach und
Quelle, und ohne einen Pfad vor sich zu haben, drang Fitz, bald
rechts bald links blickend, eilig hinauf. Da Wilhelm und besonders
der bepackte Bote nicht so schnell folgten, so machten die Knaben den
Weg mehrmals vor--und rückwärts und sangen und pfiffen. Die Gestalt
einiger fremden Bäume erregte die Aufmerksamkeit des Felix, der
nunmehr mit den Lärchen--und Zirbelbäumen zuerst Bekanntschaft machte
und von den wunderbaren Genzianen angezogen ward. Und so fehlte es
der beschwerlichen Wanderung von einer Stelle zur andern nicht an
Unterhaltung.
Der kleine Fitz stand auf einmal still und horchte. Er winkte die
andern herbei: "Hört ihr pochen?" sprach er. "Es ist der Schall
eines Hammers, der den Fels trifft." --"Wir hören's", versetzten die
andern.--"Das ist Montan!" sagte er, "oder jemand, der uns von ihm
Nachricht geben kann."--Als sie dem Schalle nachgingen, der sich von
Zeit zu Zeit wiederholte, trafen sie auf eine Waldblöße und sahen
einen steilen, hohen, nackten Felsen über alles hervorragen, die hohen
Wälder selbst tief unter sich lassend. Auf dem Gipfel erblickten sie
eine Person. Sie stand zu entfernt, um erkannt zu werden. Sogleich
machten sich die Kinder auf, die schroffen Pfade zu erklettern.
Wilhelm folgte mit einiger Beschwerlichkeit, ja Gefahr: denn wer
zuerst einen Felsen hinaufsteigt, geht immer sicherer, weil er sich
die Gelegenheit aussucht; einer, der nachfolgt, sieht nur, wohin
jener gelangt ist, aber nicht wie. Die Knaben erreichten bald den
Gipfel, und Wilhelm vernahm ein lautes Freudengeschrei. "Es ist
Jarno!" rief Felix seinem Vater entgegen, und Jarno trat sogleich an
eine schroffe Stelle, reichte seinem Freunde die Hand und zog ihn
aufwärts. Sie umarmten und bewillkommten sich in der freien
Himmelsluft mit Entzücken.
Kaum aber hatten sie sich losgelassen, als Wilhelm ein Schwindel
überfiel, nicht sowohl um seinetwillen, als weil er die Kinder über
dem ungeheuren Abgrunde hängen sah. Jarno bemerkte es und hieß alle
sogleich niedersetzen. "Es ist nichts natürlicher", sagte er, "als
daß uns vor einem großen Anblick schwindelt, vor dem wir uns
unerwartet befinden, um zugleich unsere Kleinheit und unsere Größe zu
fühlen. Aber es ist ja überhaupt kein echter Genuß als da, wo man
erst schwindeln muß."
"Sind denn das da unten die großen Berge, über die wir gestiegen
sind?" fragte Felix. "Wie klein sehen sie aus! Und hier", fuhr er
fort, indem er ein Stückchen Stein vom Gipfel loslöste, "ist ja schon
das Katzengold wieder; das ist ja wohl überall?"--"Es ist weit und
breit", versetzte Jarno; "und da du nach solchen Dingen fragst, so
merke dir, daß du gegenwärtig auf dem ältesten Gebirge, auf dem
frühesten Gestein dieser Welt sitzest."--"Ist denn die Welt nicht auf
einmal gemacht?" fragte Felix.--"Schwerlich", versetzte Montan; "gut
Ding will Weile haben."--"Da unten ist also wieder anderes Gestein",
sagte Felix, "und dort wieder anderes, und immer wieder anderes!"
indem er von den nächsten Bergen auf die entfernteren und so in die
Ebene hinab wies.
Es war ein sehr schöner Tag, und Jarno ließ sie die herrliche
Aussicht im einzelnen betrachten. Noch standen hie und da mehrere
Gipfel, dem ähnlich, worauf sie sich befanden. Ein mittleres Gebirg
schien heranzustreben, aber erreichte noch lange die Höhe nicht.
Weiter hin verflächte es sich immer mehr, doch zeigten sich wieder
seltsam vorspringende Gestalten. Endlich wurden auch in der Ferne die
Seen, die Flüsse sichtbar, und eine fruchtreiche Gegend schien sich
wie ein Meer auszubreiten. Zog sich der Blick wieder zurück, so drang
er in schauerliche Tiefen, von Wasserfällen durchrauscht,
labyrinthisch miteinander zusammenhängend.
Felix ward des Fragens nicht müde und Jarno gefällig genug, ihm jede
Frage zu beantworten; wobei jedoch Wilhelm zu bemerken glaubte, daß
der Lehrer nicht durchaus wahr und aufrichtig sei. Daher, als die
unruhigen Knaben weiterkletterten, sagte Wilhelm zu seinem Freunde:
"Du hast mit dem Kinde über diese Sachen nicht gesprochen, wie du mit
dir selber darüber sprichst."--"Das ist auch eine starke Forderung",
versetzte Jarno. "Spricht man ja mit sich selbst nicht immer, wie
man denkt, und es ist Pflicht, andern nur dasjenige zu sagen, was sie
aufnehmen können. Der Mensch versteht nichts, als was ihm gemäß ist.
Die Kinder an der Gegenwart festzuhalten, ihnen eine Benennung, eine
Bezeichnung zu überliefern, ist das Beste, was man tun kann. Sie
fragen ohnehin früh genug nach den Ursachen."
"Es ist ihnen nicht zu verdenken", versetzte Wilhelm. "Die
Mannigfaltigkeit der Gegenstände verwirrt jeden, und es ist bequemer,
anstatt sie zu entwickeln, geschwind zu fragen: woher? und
wohin?"--"Und doch kann man", sagte Jarno, "da Kinder die Gegenstände
nur oberflächlich sehen, mit ihnen vom Werden und vom Zweck auch nur
oberflächlich reden."--"Die meisten Menschen", erwiderte Wilhelm,
"bleiben lebenslänglich in diesem Falle und erreichen nicht jene
herrliche Epoche, in der uns das Faßliche gemein und albern vorkommt.
"--"Man kann sie wohl herrlich nennen", versetzte Jarno, "denn es ist
ein Mittelzustand zwischen Verzweiflung und Vergötterung."--"Laß uns
bei dem Knaben verharren", sagte Wilhelm, "der mir nun vor allem
angelegen ist. Er hat nun einmal Freude an dem Gestein gewonnen,
seitdem wir auf der Reise sind. Kannst du mir nicht so viel mitteilen,
daß ich ihm, wenigstens auf eine Zeit, genugtue?"--"Das geht nicht
an", sagte Jarno. "In einem jeden neuen Kreise muß man zuerst wieder
als Kind anfangen, leidenschaftliches Interesse auf die Sache werfen,
sich erst an der Schale freuen, bis man zu dem Kerne zu gelangen das
Glück hat."
"So sage mir denn", versetzte Wilhelm, "wie bist du zu diesen
Kenntnissen und Einsichten gelangt? denn es ist doch so lange noch
nicht her, daß wir auseinandergingen!"--"Mein Freund", versetzte
Jarno, "wir mußten uns resignieren, wo nicht für immer, doch für eine
gute Zeit. Das erste, was einem tüchtigen Menschen unter solchen
Umständen einfällt, ist, ein neues Leben zu beginnen. Neue
Gegenstände sind ihm nicht genug: diese taugen nur zur Zerstreuung; er
fordert ein neues Ganze und stellt sich gleich in dessen Mitte.
"--"Warum denn aber", fiel Wilhelm ihm ein, "gerade dieses
Allerseltsamste, diese einsamste aller Neigungen?"--"Eben deshalb",
rief Jarno, "weil sie einsiedlerisch ist. Die Menschen wollt' ich
meiden. Ihnen ist nicht zu helfen, und sie hindern uns, daß man sich
selbst hilft. Sind sie glücklich, so soll man sie in ihren
Albernheiten gewähren lassen; sind sie unglücklich, so soll man sie
retten, ohne diese Albernheiten anzutasten; und niemand fragt jemals,
ob du glücklich oder unglücklich bist."--"Es steht noch nicht so ganz
schlimm mit ihnen", versetzte Wilhelm lächelnd.-- "Ich will dir dein
Glück nicht absprechen", sagte Jarno. "Wandre nur hin, du zweiter
Diogenes! Laß dein Lämpchen am hellen Tage nicht verlöschen! Dort
hinabwärts liegt eine neue Welt vor dir; aber ich will wetten, es geht
darin zu wie in der alten hinter uns. Wenn du nicht kuppeln und
Schulden bezahlen kannst, so bist du unter ihnen nichts nütze.
"--"Unterhaltender scheinen sie mir doch", versetzte Wilhelm, "als
deine starren Felsen."--"Keineswegs", versetzte Jarno, "denn diese
sind wenigstens nicht zu begreifen."--"Du suchst eine Ausrede",
versetzte Wilhelm, "denn es ist nicht in deiner Art, dich mit Dingen
abzugeben, die keine Hoffnung übriglassen, sie zu begreifen. Sei
aufrichtig und sage mir, was du an diesen kalten und starren
Liebhabereien gefunden hast?"--"Das ist schwer von jeder Liebhaberei
zu sagen, besonders von dieser." Dann besann er sich einen Augenblick
und sprach: "Buchstaben mögen eine schöne Sache sein, und doch sind
sie unzulänglich, die Töne auszudrücken; Töne können wir nicht
entbehren, und doch sind sie bei weitem nicht hinreichend, den
eigentlichen Sinn verlauten zu lassen; am Ende kleben wir am
Buchstaben und am Ton und sind nicht besser dran, als wenn wir sie
ganz entbehrten; was wir mitteilen, was uns überliefert wird, ist
immer nur das Gemeinste, der Mühe gar nicht wert."
"Du willst mir ausweichen", sagte der Freund; "denn was soll das zu
diesen Felsen und Zacken?"--"Wenn ich nun aber", versetzte jener,
"eben diese Spalten und Risse als Buchstaben behandelte, sie zu
entziffern suchte, sie zu Worten bildete und sie fertig zu lesen
lernte, hättest du etwas dagegen?"--"Nein, aber es scheint mir ein
weitläufiges Alphabet."--"Enger, als du denkst; man muß es nur kennen
lernen wie ein anderes auch. Die Natur hat nur eine Schrift, und ich
brauche mich nicht mit so vielen Kritzeleien herumzuschleppen. Hier
darf ich nicht fürchten, wie wohl geschieht, wenn ich mich lange und
liebevoll mit einem Pergament abgegeben habe, daß ein scharfer
Kritikus kommt und mir versichert, das alles sei nur untergeschoben.
"-- Lächelnd versetzte der Freund: "Und doch wird man auch hier deine
Lesarten streitig machen."--"Eben deswegen", sagte jener, "red' ich
mit niemanden darüber und mag auch mit dir, eben weil ich dich liebe,
das schlechte Zeug von öden Worten nicht weiter wechseln und
betrieglich austauschen."