Wilhelm an Natalien

Soeben schließe ich eine angenehme, halb wunderbare Geschichte, die

ich für dich aus dem Munde eines gar wackern Mannes aufgeschrieben

habe. Wenn es nicht ganz seine Worte sind, wenn ich hie und da meine

Gesinnungen bei Gelegenheit der seinigen ausgedrückt habe, so war es

bei der Verwandtschaft, die ich hier mit ihm fühlte, ganz natürlich.

Jene Verehrung seines Weibes, gleicht sie nicht derjenigen, die ich

für dich empfinde? und hat nicht selbst das Zusammentreffen dieser

beiden Liebenden etwas ähnliches mit dem unsrigen? Daß er aber

glücklich genug ist, neben dem Tiere herzugehen, das die doppelt

schöne Bürde trägt, daß er mit seinem Familienzug abends in das alte

Klostertor eindringen kann, daß er unzertrennlich von seiner

Geliebten, von den Seinigen ist, darüber darf ich ihn wohl im stillen

beneiden. Dagegen darf ich nicht einmal mein Schicksal beklagen, weil

ich dir zugesagt habe, zu schweigen und zu dulden, wie du es auch

übernommen hast.

Gar manchen schönen Zug des Zusammenseins dieser frommen und heitern

Menschen muß ich übergehen: denn wie ließe sich alles schreiben!

Einige Tage sind mir angenehm vergangen, aber der dritte mahnt mich

nun, auf meinen weitern Weg bedacht zu sein.

Mit Felix hatte ich heut einen kleinen Handel: denn er wollte fast

mich nötigen, einen meiner guten Vorsätze zu übertreten, die ich dir

angelobt habe. Ein Fehler, ein Unglück, ein Schicksal ist mir's nun

einmal, daß sich, ehe ich mich's versehe, die Gesellschaft um mich

vermehrt, daß ich mir eine neue Bürde auflade, an der ich nachher zu

tragen und zu schleppen habe. Nun soll auf meiner Wanderschaft kein

Dritter uns ein beständiger Geselle werden. Wir wollen und sollen zu

zwei sein und bleiben, und eben schien sich ein neues, eben nicht

erfreuliches Verhältnis anknüpfen zu wollen.

Zu den Kindern des Hauses, mit denen Felix sich spielend diese Tage

her ergötzte, hatte sich ein kleiner, munterer, armer Junge gesellt,

der sich eben brauchen und mißbrauchen ließ, wie es gerade das Spiel

mit sich brachte, und sich sehr geschwind bei Felix in Gunst setzte.

Und ich merkte schon an allerlei Äußerungen, daß dieser sich einen

Gespielen für den nächsten Weg auserkoren hatte. Der Knabe ist hier

in der Gegend bekannt, wird wegen seiner Munterkeit überall geduldet

und empfängt gelegentlich ein Almosen. Mir aber gefiel er nicht, und

ich ersuchte den Hausherrn, ihn zu entfernen. Das geschah auch, aber

Felix war unwillig darüber, und es gab eine kleine Szene.

Bei dieser Gelegenheit macht' ich eine Entdeckung, die mir angenehm

war. In der Ecke der Kapelle oder des Saals stand ein Kasten mit

Steinen, welchen Felix, der seit unserer Wanderung durchs Gebirg eine

gewaltsame Neigung zum Gestein bekommen, eifrig hervorzog und

durchsuchte. Es waren schöne, in die Augen fallende Dinge darunter.

Unser Wirt sagte, das Kind könne sich auslesen, was es wolle. Es sei

dieses Gestein überblieben von einer großen Masse, die ein Fremder

vor kurzem von hier weggesendet. Er nannte ihn Montan, und du kannst

denken, daß ich mich freute, diesen Namen zu hören, unter dem einer

von unsern besten Freunden reist, dem wir so manches schuldig sind.

Indem ich nach Zeit und Umständen fragte, kann ich hoffen, ihn auf

meiner Wanderung bald zu treffen.

Die Nachricht, daß Montan sich in der Nähe befinde, hatte Wilhelmen

nachdenklich gemacht. Er überlegte, daß es nicht bloß dem Zufall zu

überlassen sei, ob er einen so werten Freund wiedersehen solle, und

erkundigte sich daher bei seinem Wirte, ob man nicht wisse, wohin

dieser Reisende seinen Weg gerichtet habe. Niemand hatte davon nähere

Kenntnis, und schon war Wilhelm entschlossen, seine Wanderung nach

dem ersten Plane fortzusetzen, als Felix ausrief: "Wenn der Vater

nicht so eigen wäre, wir wollten Montan schon finden." --"Auf welche

Weise?" fragte Wilhelm. Felix versetzte: "Der kleine Fitz sagte

gestern, er wolle den Herrn wohl aufspüren, der schöne Steine bei sich

habe und sich auch gut darauf verstünde." Nach einigem Hin--und

Widerreden entschloß sich Wilhelm zuletzt, den Versuch zu machen und

dabei auf den verdächtigen Knaben desto mehr Acht zu geben. Dieser

war bald gefunden und brachte, da er vernahm, worauf es abgesehen sei,

Schlegel und Eisen und einen tüchtigen Hammer nebst einem Säckchen

mit und lief in seiner bergmännischen Tracht munter vorauf.

Der Weg ging seitwärts abermals bergauf. Die Kinder sprangen

miteinander von Fels zu Fels, über Stock und Stein, über Bach und

Quelle, und ohne einen Pfad vor sich zu haben, drang Fitz, bald

rechts bald links blickend, eilig hinauf. Da Wilhelm und besonders

der bepackte Bote nicht so schnell folgten, so machten die Knaben den

Weg mehrmals vor--und rückwärts und sangen und pfiffen. Die Gestalt

einiger fremden Bäume erregte die Aufmerksamkeit des Felix, der

nunmehr mit den Lärchen--und Zirbelbäumen zuerst Bekanntschaft machte

und von den wunderbaren Genzianen angezogen ward. Und so fehlte es

der beschwerlichen Wanderung von einer Stelle zur andern nicht an

Unterhaltung.

Der kleine Fitz stand auf einmal still und horchte. Er winkte die

andern herbei: "Hört ihr pochen?" sprach er. "Es ist der Schall

eines Hammers, der den Fels trifft." --"Wir hören's", versetzten die

andern.--"Das ist Montan!" sagte er, "oder jemand, der uns von ihm

Nachricht geben kann."--Als sie dem Schalle nachgingen, der sich von

Zeit zu Zeit wiederholte, trafen sie auf eine Waldblöße und sahen

einen steilen, hohen, nackten Felsen über alles hervorragen, die hohen

Wälder selbst tief unter sich lassend. Auf dem Gipfel erblickten sie

eine Person. Sie stand zu entfernt, um erkannt zu werden. Sogleich

machten sich die Kinder auf, die schroffen Pfade zu erklettern.

Wilhelm folgte mit einiger Beschwerlichkeit, ja Gefahr: denn wer

zuerst einen Felsen hinaufsteigt, geht immer sicherer, weil er sich

die Gelegenheit aussucht; einer, der nachfolgt, sieht nur, wohin

jener gelangt ist, aber nicht wie. Die Knaben erreichten bald den

Gipfel, und Wilhelm vernahm ein lautes Freudengeschrei. "Es ist

Jarno!" rief Felix seinem Vater entgegen, und Jarno trat sogleich an

eine schroffe Stelle, reichte seinem Freunde die Hand und zog ihn

aufwärts. Sie umarmten und bewillkommten sich in der freien

Himmelsluft mit Entzücken.

Kaum aber hatten sie sich losgelassen, als Wilhelm ein Schwindel

überfiel, nicht sowohl um seinetwillen, als weil er die Kinder über

dem ungeheuren Abgrunde hängen sah. Jarno bemerkte es und hieß alle

sogleich niedersetzen. "Es ist nichts natürlicher", sagte er, "als

daß uns vor einem großen Anblick schwindelt, vor dem wir uns

unerwartet befinden, um zugleich unsere Kleinheit und unsere Größe zu

fühlen. Aber es ist ja überhaupt kein echter Genuß als da, wo man

erst schwindeln muß."

"Sind denn das da unten die großen Berge, über die wir gestiegen

sind?" fragte Felix. "Wie klein sehen sie aus! Und hier", fuhr er

fort, indem er ein Stückchen Stein vom Gipfel loslöste, "ist ja schon

das Katzengold wieder; das ist ja wohl überall?"--"Es ist weit und

breit", versetzte Jarno; "und da du nach solchen Dingen fragst, so

merke dir, daß du gegenwärtig auf dem ältesten Gebirge, auf dem

frühesten Gestein dieser Welt sitzest."--"Ist denn die Welt nicht auf

einmal gemacht?" fragte Felix.--"Schwerlich", versetzte Montan; "gut

Ding will Weile haben."--"Da unten ist also wieder anderes Gestein",

sagte Felix, "und dort wieder anderes, und immer wieder anderes!"

indem er von den nächsten Bergen auf die entfernteren und so in die

Ebene hinab wies.

Es war ein sehr schöner Tag, und Jarno ließ sie die herrliche

Aussicht im einzelnen betrachten. Noch standen hie und da mehrere

Gipfel, dem ähnlich, worauf sie sich befanden. Ein mittleres Gebirg

schien heranzustreben, aber erreichte noch lange die Höhe nicht.

Weiter hin verflächte es sich immer mehr, doch zeigten sich wieder

seltsam vorspringende Gestalten. Endlich wurden auch in der Ferne die

Seen, die Flüsse sichtbar, und eine fruchtreiche Gegend schien sich

wie ein Meer auszubreiten. Zog sich der Blick wieder zurück, so drang

er in schauerliche Tiefen, von Wasserfällen durchrauscht,

labyrinthisch miteinander zusammenhängend.

Felix ward des Fragens nicht müde und Jarno gefällig genug, ihm jede

Frage zu beantworten; wobei jedoch Wilhelm zu bemerken glaubte, daß

der Lehrer nicht durchaus wahr und aufrichtig sei. Daher, als die

unruhigen Knaben weiterkletterten, sagte Wilhelm zu seinem Freunde:

"Du hast mit dem Kinde über diese Sachen nicht gesprochen, wie du mit

dir selber darüber sprichst."--"Das ist auch eine starke Forderung",

versetzte Jarno. "Spricht man ja mit sich selbst nicht immer, wie

man denkt, und es ist Pflicht, andern nur dasjenige zu sagen, was sie

aufnehmen können. Der Mensch versteht nichts, als was ihm gemäß ist.

Die Kinder an der Gegenwart festzuhalten, ihnen eine Benennung, eine

Bezeichnung zu überliefern, ist das Beste, was man tun kann. Sie

fragen ohnehin früh genug nach den Ursachen."

"Es ist ihnen nicht zu verdenken", versetzte Wilhelm. "Die

Mannigfaltigkeit der Gegenstände verwirrt jeden, und es ist bequemer,

anstatt sie zu entwickeln, geschwind zu fragen: woher? und

wohin?"--"Und doch kann man", sagte Jarno, "da Kinder die Gegenstände

nur oberflächlich sehen, mit ihnen vom Werden und vom Zweck auch nur

oberflächlich reden."--"Die meisten Menschen", erwiderte Wilhelm,

"bleiben lebenslänglich in diesem Falle und erreichen nicht jene

herrliche Epoche, in der uns das Faßliche gemein und albern vorkommt.

"--"Man kann sie wohl herrlich nennen", versetzte Jarno, "denn es ist

ein Mittelzustand zwischen Verzweiflung und Vergötterung."--"Laß uns

bei dem Knaben verharren", sagte Wilhelm, "der mir nun vor allem

angelegen ist. Er hat nun einmal Freude an dem Gestein gewonnen,

seitdem wir auf der Reise sind. Kannst du mir nicht so viel mitteilen,

daß ich ihm, wenigstens auf eine Zeit, genugtue?"--"Das geht nicht

an", sagte Jarno. "In einem jeden neuen Kreise muß man zuerst wieder

als Kind anfangen, leidenschaftliches Interesse auf die Sache werfen,

sich erst an der Schale freuen, bis man zu dem Kerne zu gelangen das

Glück hat."

"So sage mir denn", versetzte Wilhelm, "wie bist du zu diesen

Kenntnissen und Einsichten gelangt? denn es ist doch so lange noch

nicht her, daß wir auseinandergingen!"--"Mein Freund", versetzte

Jarno, "wir mußten uns resignieren, wo nicht für immer, doch für eine

gute Zeit. Das erste, was einem tüchtigen Menschen unter solchen

Umständen einfällt, ist, ein neues Leben zu beginnen. Neue

Gegenstände sind ihm nicht genug: diese taugen nur zur Zerstreuung; er

fordert ein neues Ganze und stellt sich gleich in dessen Mitte.

"--"Warum denn aber", fiel Wilhelm ihm ein, "gerade dieses

Allerseltsamste, diese einsamste aller Neigungen?"--"Eben deshalb",

rief Jarno, "weil sie einsiedlerisch ist. Die Menschen wollt' ich

meiden. Ihnen ist nicht zu helfen, und sie hindern uns, daß man sich

selbst hilft. Sind sie glücklich, so soll man sie in ihren

Albernheiten gewähren lassen; sind sie unglücklich, so soll man sie

retten, ohne diese Albernheiten anzutasten; und niemand fragt jemals,

ob du glücklich oder unglücklich bist."--"Es steht noch nicht so ganz

schlimm mit ihnen", versetzte Wilhelm lächelnd.-- "Ich will dir dein

Glück nicht absprechen", sagte Jarno. "Wandre nur hin, du zweiter

Diogenes! Laß dein Lämpchen am hellen Tage nicht verlöschen! Dort

hinabwärts liegt eine neue Welt vor dir; aber ich will wetten, es geht

darin zu wie in der alten hinter uns. Wenn du nicht kuppeln und

Schulden bezahlen kannst, so bist du unter ihnen nichts nütze.

"--"Unterhaltender scheinen sie mir doch", versetzte Wilhelm, "als

deine starren Felsen."--"Keineswegs", versetzte Jarno, "denn diese

sind wenigstens nicht zu begreifen."--"Du suchst eine Ausrede",

versetzte Wilhelm, "denn es ist nicht in deiner Art, dich mit Dingen

abzugeben, die keine Hoffnung übriglassen, sie zu begreifen. Sei

aufrichtig und sage mir, was du an diesen kalten und starren

Liebhabereien gefunden hast?"--"Das ist schwer von jeder Liebhaberei

zu sagen, besonders von dieser." Dann besann er sich einen Augenblick

und sprach: "Buchstaben mögen eine schöne Sache sein, und doch sind

sie unzulänglich, die Töne auszudrücken; Töne können wir nicht

entbehren, und doch sind sie bei weitem nicht hinreichend, den

eigentlichen Sinn verlauten zu lassen; am Ende kleben wir am

Buchstaben und am Ton und sind nicht besser dran, als wenn wir sie

ganz entbehrten; was wir mitteilen, was uns überliefert wird, ist

immer nur das Gemeinste, der Mühe gar nicht wert."

"Du willst mir ausweichen", sagte der Freund; "denn was soll das zu

diesen Felsen und Zacken?"--"Wenn ich nun aber", versetzte jener,

"eben diese Spalten und Risse als Buchstaben behandelte, sie zu

entziffern suchte, sie zu Worten bildete und sie fertig zu lesen

lernte, hättest du etwas dagegen?"--"Nein, aber es scheint mir ein

weitläufiges Alphabet."--"Enger, als du denkst; man muß es nur kennen

lernen wie ein anderes auch. Die Natur hat nur eine Schrift, und ich

brauche mich nicht mit so vielen Kritzeleien herumzuschleppen. Hier

darf ich nicht fürchten, wie wohl geschieht, wenn ich mich lange und

liebevoll mit einem Pergament abgegeben habe, daß ein scharfer

Kritikus kommt und mir versichert, das alles sei nur untergeschoben.

"-- Lächelnd versetzte der Freund: "Und doch wird man auch hier deine

Lesarten streitig machen."--"Eben deswegen", sagte jener, "red' ich

mit niemanden darüber und mag auch mit dir, eben weil ich dich liebe,

das schlechte Zeug von öden Worten nicht weiter wechseln und

betrieglich austauschen."

Wilhelm Meisters Wanderjahre — Band 1 · 第 9 / 23 题