1. Die Kapitalisten und sonstigen angesehenen Bürger von Johannesburg

litten unter gewissen politischen und finanziellen Unbilden und Lasten,

welche die Transvaal-Regierung ihnen auferlegte. Die Uitlanders

bezahlten vier Fünftel aller Steuern, hatten kein Wahlrecht, konnten

erst nach längerem Aufenthalt im Lande Staatsbürger werden und nach

vierzehn Jahren in den ersten Volksraad gelangen, während die Buren

alle höheren Aemter bekleideten und schon im Alter von sechzehn

Jahren das volle Bürgerrecht hatten. So suchten denn die Uitlanders

durch verschiedene Eingaben, Bittschriften und Vorschläge zu

Gesetzesveränderungen auf friedlichem Wege eine Verbesserung ihrer Lage

herbeizuführen.

2. Cecil Rhodes, Ministerpräsident der Kapkolonie, Millionär, Gründer

und Direktor der sogenannten Chartered Company, verfolgte schon seit

einigen Jahren den Plan, alle südafrikanischen Staaten zu einem

großen Reich unter dem Schutz und Schirm der britischen Flagge zu

vereinigen. So benutzte er denn die Unzufriedenheit der Johannesburger

Reformpartei, um sie zur gewaltsamen Empörung gegen die Burenregierung

zu bewegen. Wenn es zu einem blutigen Zusammenstoß kam, konnte sich

Großbritannien ins Mittel legen; das würden sich die Buren nicht

gefallen lassen, und um sie für ihren Widerstand zu strafen, besetzte

dann England selbstverständlich Transvaal und vereinigte es mit seinem

übrigen südafrikanischen Länderbesitz. Der Plan war keineswegs aus der

Luft gegriffen, sondern ganz verständig und ausführbar.

Von seinem fernen Posten in Kapstadt aus wußte Rhodes die Mißstimmung

der Uitlanders von Johannesburg auf geschickte Weise zu schüren;

er half auch, sie mit Waffen zu versehen. Mehrere Kanonen und

fünfzehnhundert Gewehre wurden, in großen Oelbehältern und Kohlenwagen

versteckt, in die Stadt geschmuggelt. Im Dezember 1895 war das

Reformkomite schon von Bitten zu Drohungen übergegangen, und der

Ausbruch der Revolution schien nicht mehr fern.

Rhodes hatte mit Jameson, dem Befehlshaber der Truppen der Chartered

Company verabredet, daß dieser über die Grenze gehen und mit

sechshundert Mann in Johannesburg einrücken solle. Vorher verlangte

Jameson jedoch -- wahrscheinlich auf Veranlassung seines Herrn und

Meisters -- das Reformkomite solle ihm eine förmliche Aufforderung

schicken, der Stadt zu Hilfe zu kommen. So erhielt er den berühmten

Brief, in dem er gebeten wird nach Johannesburg zu eilen, um sich der

»schutzlosen Frauen und Kinder anzunehmen«. Das war kein schlechter

Gedanke, denn die Verantwortlichkeit für den feindlichen Ueberfall

wurde dadurch zum größten Teil der Reformpartei zugeschoben. Die

Führer derselben mochten dies wohl zu ihrem Schrecken einsehen, denn

sie wollten das verfängliche Schriftstück schon den Tag nach dessen

Absendung an Jameson wieder zurück haben. Es wurde ihnen jedoch

bedeutet, dazu sei es zu spät. Das Original des Briefes war schon an

Rhodes nach der Kapstadt abgegangen. Doch hatte Jameson wohlweislich

eine Abschrift zurückbehalten.

In Johannesburg versuchte man nun mit aller Anstrengung, Jameson von

der Ausführung des Planes abzubringen. Es herrschte Uneinigkeit in

der Stadt; einige wollten Krieg, einige Frieden. Manche stimmten für

eine neue Regierung, andere wünschten die alte beizubehalten und zu

reformieren. Zu Gunsten einer kaiserlich-britischen Kolonialherrschaft

die Regierung in Prätoria zu stürzen, hatten nur ganz einzelne im Sinn.

Und doch trat das Gerücht von Stunde zu Stunde bestimmter auf, daß dies

der Zweck sei, den Cecil Rhodes mit seinem unwillkommenen Beistand

verfolge.

Drei Tage lang ließ sich Jameson zurückhalten, dann beschloß er nicht

länger zu warten. Ohne Befehl -- Rhodes hüllte sich in vorsichtiges

Schweigen -- zerschnitt er die Telegraphendrähte am 29. Dezember und

ging im Dunkel der Nacht über die Grenze. Er hatte 150 Meilen bis

Johannesburg zurückzulegen und hoffte die Stadt ohne Hindernisse zu

erreichen. Allein die Nachricht von seinem Einfall verbreitete sich wie

ein Lauffeuer -- man hatte übersehen, daß _ein_ Telegraphendraht nicht

zerschnitten worden war. Schon wenige Stunden später kamen die Buren

von allen Seiten in Windeseile herbeigeritten, um ihn am Vordringen zu

hindern.

In Johannesburg herrschte Furcht und Schrecken; Frauen und Kinder

wurden bei dem Nahen ihrer Retter eiligst nach Australien eingeschifft

und die friedliebenden Bürger flüchteten scharenweise auf die

Eisenbahnen. Wer zuerst da war hatte es am besten, er konnte sich

einen Platz im Zuge sichern, wenn er ihn acht Stunden vor der Abfahrt

besetzte.

Rhodes telegraphierte den Johannesburger Brief mit dem rührenden

Hilferuf ohne Zeitverlust an die Londoner Presse. Ein so altersgraues

Dokument hatte das Kabel noch nie befördert; der Brief war schon vor

zwei Monaten geschrieben, doch das wußte niemand, das falsche Datum

lautete ja auf den 20. Dezember.

Am Neujahrstag wurde Jameson von den Buren geschlagen; tags darauf

streckte er die Waffen. Er trug die Abschrift des Briefes bei sich,

und wenn er die Anweisung erhalten hatte, im Notfall dafür zu sorgen,

daß das Schriftstück den Buren in die Hände fiele, so führte er

den Befehl pünktlich aus. Man fand den Brief auf dem Schlachtfeld

in Jamesons Satteltasche -- er war ohne jegliche Geheimschrift

in englischer Sprache abgefaßt und mit dem Namen der beteiligten

Personen unterzeichnet. Die Schuld an dem Einfall wurde dadurch auf

die Reformpartei gewälzt, so paßte es in Rhodes’ Berechnung. Das

Original war ja überdies in Amerika, in England und dem übrigen Europa

bekannt, ehe Jameson seine Abschrift auf dem Schlachtfelde verlor.

Letzterer wurde dadurch im Lauf einer einzigen Woche in England zu

einem berühmten Helden gestempelt, in Prätoria zu einem Räuberhauptmann

und in Johannesburg zu einem Narren und ehrlosen Verräter -- das alles

hatte jener alte Brief bewirkt!

Die Mitglieder der Reformpartei waren in einer schwierigen Lage

gewesen. Hindernisse und Verwicklungen engten sie auf allen Seiten

ein. Wie sollten sie ihren vielen und mannigfaltigen Obliegenheiten

nachkommen? --

1. Mußten sie ~Dr.~ Jamesons widerrechtlichen Einfall verdammen und

ihm trotzdem beistehen.

2. Waren sie genötigt der Burenregierung Treue zu schwören und den

Rebellen Reitpferde zu liefern.

3. Mußten sie alle offenen Feindseligkeiten gegen die Burenregierung

verbieten und Waffen unter deren Gegner verteilen.

4. Durften sie nicht in Zwiespalt mit der englischen Regierung geraten,

mußten Jameson unterstützen und der Burenregierung entblößten Hauptes

den neuen Fahneneid leisten.

Sie entledigten sich dieser Pflichten so gut sie konnten; ja, sie

erfüllten sie tatsächlich alle, nur nicht zu gleicher Zeit, sondern

nacheinander; die gleichzeitige Erfüllung derselben wäre wirklich ein

Ding der Unmöglichkeit gewesen.

Bei der ganzen Angelegenheit hat für mich die militärische Frage

ein größeres Interesse als die politische, denn ich habe immer eine

besondere Vorliebe für den Krieg gehabt. Das heißt, ich meine für

Reden über den Krieg und Erteilung militärischer Ratschläge. Wäre ich

am Morgen nach der Grenzüberschreitung bei Jameson gewesen, ich hätte

ihm geraten, wieder umzukehren. Die Truppen, die er befehligte, waren

nicht alte, kriegstüchtige Briten, sondern größtenteils ungeübte junge

Burschen. Wie sollten sie vom Pferde herab, im Gewühl der Schlacht

sicher zielen und treffen? Das war unmöglich, besonders weil es gar

nichts gab, wonach man schießen konnte, als Felsen, hinter denen nach

altem Brauch und Herkommen die Buren steckten, denn auf freiem Felde

kämpften sie niemals. Die dreihundert Scharfschützen der Buren hinter

den Felsen konnten aber natürlich Jamesons Reitern übel mitspielen. Um

im Kampf gegen die Buren Sieger zu bleiben, brauchten die Engländer

nicht allein Mut, sondern auch Vorsicht, ganz wie wir beim Krieg gegen

die Rothäute. Die tapfern Briten, die den verborgenen Buren offen

entgegentraten, hatten sich die Folgen selbst zuzuschreiben.

Das Land war voller Hügelketten, Klippenreihen, Bodensenkungen, Gräben

und Moränen -- für Reitergefechte völlig unbrauchbar. Jameson feuerte

seine Geschütze auf die Felsen ab -- er verdarb die guten Felsen

und verschwendete seine Munition -- aber wieviel Schaden er auch

anrichtete, die Buren zeigten sich nicht. Nun strömten seine Scharen

in langer Linie kühn voran, die Buren schossen aus dem Hinterhalt und

nach der ersten Salve waren zwanzig englische Sättel leer. Es dauerte

nicht lange, so lagen sechzig Prozent der Angreifer tot oder verwundet

am Boden; letztere wurden von den Buren gefangen in das Hospital nach

Krügersdorp gebracht; sie selbst hatten nur vier Mann eingebüßt, von

denen zwei aus Versehen durch ihre eigenen Leute getötet worden waren.

Jamesons Truppen kamen den Buren überhaupt nicht nahe genug, um sie

»rund um Transvaal herumzujagen«, wie sie geprahlt hatten. Nachdem auch

ein letzter verzweifelter Angriff fehlgeschlagen war, ließ Jameson die

weiße Flagge wehen und ergab sich.

Die britische Methode der Kriegsführung läßt sich, wie gesagt, den

Buren gegenüber durchaus nicht mit Glück anwenden. Wenn mir die

Führung eines solchen Feldzugs übertragen worden wäre, hätte ich

die Sache ganz anders angefangen. Den Charakter des Buren habe ich

studiert: Am meisten schätzt er die Bibel, und sein Lieblingsessen ist

›Biltong‹ -- an der Sonne getrocknete Fleischstreifen. Die liebt er

leidenschaftlich, und es ist ihm auch gar nicht zu verdenken.

Um die Buren zu bekriegen, wäre ich nur mit Flinten ausgezogen und

hätte die schweren Kanonen zu Hause gelassen, die nur unnütz den Marsch

aufhalten. Heimlich würde ich mich bei Nacht bis zu einer Stelle

schleichen, die etwa eine Viertelmeile vom Lager der Buren entfernt

ist, um dort eine fünfzig Fuß hohe Pyramide von Biltong und Bibeln zu

bauen und meine Leute dahinter zu verbergen. Am nächsten Morgen würden

die Buren Kundschafter ausschicken, der ganze Schwarm käme auf einmal

herbeigestürmt, meine Truppen könnten sie umringen und Mann gegen Mann

im freien Felde kämpfen. Dann würden sich die Verluste auf beiden

Seiten etwas gleichmäßiger verteilen.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Selbst die Tinte, mit der die Weltgeschichte geschrieben

wird, ist nichts als flüssig gemachtes Vorurteil.

_Querkopf Wilsons Kalender._

Der Herzog von Fife hat als Zeuge ausgesagt, daß Mr. Rhodes ihn

betrogen habe. Mit den Johannesburgern hat es Mr. Rhodes ganz ebenso

gemacht. Er hat sie ins Unglück gestürzt, ist aber selbst weit vom

Schuß geblieben. Ein gescheiter Kopf war er von jeher, darüber sind

alle einig. Nur einmal hätte man fast an dieser Tatsache irre werden

können. Es war zur Zeit seines letzten Raubzugs im Matabele-Land; das

Kabel verkündete laut, er sei unbewaffnet dahin gegangen, um einige

feindliche Häuptlinge zu besuchen. Als man aber dies tollkühne Beginnen

bei Lichte besah, stellte sich heraus, daß eine Dame teil daran

genommen hatte, welche ebenfalls unbewaffnet war.

Manche Leute glauben, Mr. Rhodes sei gleichbedeutend mit Südafrika;

andere halten ihn nur für einen wichtigen Teil des Landes. Nach ihrer

Meinung besteht Südafrika aus dem Tafelberg, den Diamantgruben, den

Johannesburger Goldfeldern und Cecil Rhodes. Die Goldfelder sind

wirklich höchst wunderbar. In sieben oder acht Jahren wuchs dort in

der Wüste eine Stadt von 100000 Einwohnern empor, Schwarze und Weiße

zusammengenommen; aber nicht etwa eine gewöhnliche Bergwerksstadt

von hölzernen Baracken, sondern durch und durch aus dauerhafterem

Baumaterial. Nirgends in der Welt findet man einen solchen Goldreichtum

wie in der Umgegend von Johannesburg. Mr. Bonamici, mein dortiger

Geschäftsführer, gab mir eine kleine Goldstufe, auf welcher

statistische Angaben über den Goldertrag seit der frühesten Zeit bis

Juli 1895 eingeritzt waren. Sie bekunden den Riesenfortschritt in der

Ausbeute. Im Jahre 1888 belief sich der Ertrag auf 4162440 $; in den

nächsten sechstehalb Jahren betrug die Totalsumme 17585894 $ und in dem

einen Jahr bis Juni 1895 gewann man einen Goldwert von 45553700 $.

Das Kapital für den Bergwerksbetrieb stammt aus England, die

Grubeningenieure kommen aber aus Amerika; auch bei den Diamantgruben

spielen sie die erste Rolle. Südafrika ist das Paradies für den

wissenschaftlich gebildeten Hüttenmann. Die Amerikaner nehmen dort die

besten Stellen ein und werden sie auch zu behaupten wissen; ihr Gehalt

ist so hoch, wie es nicht ein einzelner, sondern eine ganze Familie von

Ingenieuren in Amerika beziehen würde.

Die Aktionäre der einträglichen Goldgruben erhalten bedeutende

Dividenden, und doch ist das Gestein nicht sehr reich nach

kalifornischen Begriffen; wenn eine Tonne den Wert von zehn oder

zwölf Dollars liefert, ist man schon zufrieden. Das Gold ist so sehr

mit unedlen Metallen versetzt, daß der Ertrag vor zwanzig Jahren

nur etwa halb so groß gewesen wäre, als jetzt. Damals machte es

sich nicht bezahlt, wenn man aus solchem Gestein noch etwas anderes

als das grobkörnige reine Gold gewinnen wollte. Bei dem heutigen

Cyanid-Verfahren aber beträgt die Gesamtausbeute an Gold in der ganzen

Welt jährlich fünfzig Millionen mehr, die früher zu den Abfällen

geworfen wurden.

Das Cyanid-Verfahren war für mich ganz neu und sehr interessant; auch

von den großartigen und kostspieligen Bergwerksmaschinen hatte ich

manche noch nie gesehen; mit dem übrigen Betrieb der Goldbergwerke war

ich jedoch völlig vertraut. Da ich früher einmal selbst Goldgräber

gewesen bin, verstand ich gerade so viel davon wie die Leute in

Johannesburg, nur nicht, wie man Geld damit erwirbt. Dagegen erfuhr

ich viel Neues über die Buren, von denen ich noch nichts wußte. Was

man mir dort sagte, wurde mir später auch in andern Teilen Südafrikas

bestätigt. Fasse ich nun alle jene Berichte zusammen, so erhalte ich

von dem Buren folgendes Bild:

Er ist sehr fromm, entsetzlich unwissend, schwerfällig, eigensinnig,

gastfrei, bigott und träge; schmutzig in seinen Gewohnheiten,

ehrlich bei Unterhandlungen mit den Weißen, hartherzig gegen seine

schwarzen Diener, ein guter Schütze und Reiter, der Jagd sehr ergeben;

eifersüchtig auf seine politische Unabhängigkeit, ein guter Gatte

und Vater. Die Buren leben ungern in Städten zusammengedrängt, sie

lieben die Einsamkeit und Absonderung auf dem großen, entlegenen,

menschenleeren ›Veld‹. Ihre Eßlust ist ungeheuer und sie sind nicht

wählerisch bei Befriedigung derselben -- haben sie Schweinefleisch,

Mais und Biltong in genügender Menge, so verlangen sie weiter

nichts. Um ein Tanzvergnügen mitzumachen, bei dem auch die Nacht

hindurch wacker geschmaust und gejubelt wird, scheuen sie einen

tüchtigen Ritt nicht; aber zu einer Gebetsversammlung reiten sie gern

noch zweimal so weit. Sie sind stolz auf ihre Abstammung von den

Holländern und Hugenotten, stolz auf ihre religiöse und militärische

Vergangenheit, auf die Großtaten ihres Volks in Südafrika -- ihre

kühnen Entdeckungsreisen in feindliche und unbekannte Einöden, wo sie

den Belästigungen der ihnen verhaßten Engländer entgehen konnten.

Sie rühmen sich ihrer Siege über die Eingeborenen und die Briten,

am meisten jedoch der persönlichen und überschwenglichen Gnade und

Fürsorge, welche die Gottheit ihren Angelegenheiten allezeit hat zu

teil werden lassen.

Die Buren können durchschnittlich weder lesen noch schreiben, Zeitungen

sind zwar vorhanden, aber niemand fragt danach; bis vor kurzem gab

es keine Schulen, die Kinder lernten nichts. Was in der Welt Neues

geschieht, ist dem Buren gleichgültig, es geht ihn nichts an. Das

Steuerzahlen ist ihm verhaßt, und er lehnt sich dagegen auf. Seit

drittehalb Jahrhunderten hat er in Südafrika stockstill gestanden

und würde am liebsten bis ans Ende aller Zeiten auf demselben Fleck

bleiben, denn die fortschrittlichen Gedanken der Uitlanders sind ihm

ein Greuel. Zwar dürstet er nach Reichtum, wie andere Menschen auch,

aber ein reicher Viehstand ist ihm lieber als schöne Kleider und

Häuser, Gold und Diamanten. »Hätte man das Gold und die Diamanten doch

nie entdeckt,« denkt er, »dann wäre der gottlose Fremdling nicht ins

Land gekommen, der Unruhstifter mit seiner Sittenverderbnis!«

Jeder, der Olive Schreiners Bücher kennt, wird was ich hier anführe in

der Hauptsache bestätigt finden. Und daß sie ein ungünstiges Vorurteil

für den Buren hat, ist ihr noch von niemand vorgeworfen worden.

Was läßt sich nun aber nach alledem von dem Buren erwarten? Was

kann aus solchem Stoff entstehen? Eine Gesetzgebung, sollte man

meinen, welche die Religionsfreiheit einschränkt, dem Fremden die

Wahlberechtigung und Wählbarkeit verweigert, den Bildungs- und

Erziehungsanstalten wenig förderlich ist, die Goldproduktion

einschränkt, das Eisenbahnnetz nicht erweitert, den Ausländer hoch

besteuert und den Buren freiläßt.

Die Uitlanders scheinen indessen ganz andere Dinge erwartet zu haben.

Warum weiß ich nicht. Es ließ sich vernünftigerweise nichts anderes

voraussehen. Ein runder Mensch paßt nicht gleich in ein viereckiges

Loch; man muß ihm erst Zeit lassen, seine Form zu ändern. Gewisse

Verbesserungen wurden schon vor Jamesons Ueberfall vorgenommen und

seitdem ist noch manche Reform eingeführt worden. Es sitzen weise

Männer im Rate der Transvaal-Regierung und ihnen ist der Fortschritt

zu danken, welchem die große Masse der Buren bis jetzt noch kaum

zugänglich ist. Wäre die Regierung weniger weise, so hätte sie Jameson

aufgehängt und aus einem gewöhnlichen Piraten einen heiligen Märtyrer

gemacht. Aber auch die Weisheit hat ihre Grenzen, und wenn man Mr.

Rhodes jemals fängt, wird man ihn sicherlich aufknüpfen und zu einem

Heiligen machen. Diese höchste aller menschlichen Würden sollte ihm

noch verliehen werden, nachdem er schon alle übrigen Titel getragen

hat, welche irdische Größen bezeichnen.

Den Johannesburgern sind bereits viele ihrer ursprünglichen

Forderungen bewilligt worden; auch ihre übrigen Beschwerden dürften mit

der Zeit schwinden. Sie sollten froh sein, daß die Steuern, mit denen

sie so unzufrieden waren, von der Burenregierung erhoben wurden, statt

von ihrem Freunde Rhodes und seiner raubsüchtigen Südafrikanischen

Gesellschaft; denn letztere nimmt die Hälfte von allem in Beschlag,

was die Opfer ihrer Habgier beim Grubenbau gewinnen, sie begnügt sich

nicht mit einem Prozentsatz. Stünden die Johannesburger unter _ihrer_

Gerichtsbarkeit, sie wären längst im Armenhaus. Der Name Rhodesia ist

gut gewählt, um das Land zu bezeichnen, wo Raub und Plünderung an der

Tagesordnung sind und unter dem Schutz des Gesetzes nach Gutdünken

betrieben werden können.

Auf mehreren langen Fahrten lernten wir die Eisenbahnen der Kapkolonie

kennen. Alle Einrichtungen sind bequem, man findet die größte

Sauberkeit und in den Nachtzügen behagliche Betten. Es war Anfang Juni

und Winterzeit: bei Tage eine angenehme Wärme, nachts frisch und kühl.

Während man durch das Land fuhr, atmete man den ganzen Tag über mit

Wonne die kräftige Luft und schaute auf die braune sammetweiche Ebene

hinaus, an deren Horizont mattschimmernde Hügelketten wie in einem

fernen Traumland zu verschwimmen schienen. Wie tief blickte man in den

Himmel hinein mit seinen fremden, seltsamen Wolkengebilden, wie flutete

ringsum der herrlichste Sonnenglanz in verschwenderischer Fülle! Für

mich hatte der Veld im ersten Winterkleid einen ganz besonderen Reiz.

Wir kamen durch weite Strecken, wo der Boden sich wellenförmig hebt

und senkt und sich endlos ausdehnt, gleich dem Ozean. Von dem hellsten

bis ins dunkelste Braun waren dort alle Schattierungen vertreten, die

sich zum schönsten Orangegelb, Purpur und Scharlachrot wandelten, wo

die Ebene mit den bewaldeten Hügeln und den nackten, roten Felsklippen

zusammenfließt und der Himmel die Erde berührt.

Ueberall, von Kapstadt bis Kimberley und von Kimberley bis Port

Elizabeth und East London haben die Städte eine zahlreiche Bevölkerung

von zahmen Eingeborenen. Man hatte sie nicht nur gezähmt, sondern

vermutlich auch christianisiert, denn sie trugen die abscheuliche

Kleidung, wie sie bei unsern christlichen zivilisierten Völkern

Sitte ist. Einige von ihnen hätten sich sonst durch hervorragende

Schönheit ausgezeichnet. Die häßlichen Kleider, der ihnen eigene

schleppende Gang, das sorglose Lachen und ihre gutmütigen Gesichter

mit dem zufriedenen, glücklichen Ausdruck machten sie zu einem

täuschenden Ebenbild unserer amerikanischen Schwarzen. Wo nun alles

andere vollkommen harmonisch und durch und durch afrikanisch war,

kam plötzlich ein Schwarm solcher Eingeborenen gegangen, die gar

nicht dorthin paßten. Sie brachten einen Mißklang in die Stimmung, es

entstand ein halb afrikanisches, halb amerikanisches Gemisch und der

ganze Eindruck war verdorben.

An einem Sonntag sah ich in King Williams Town wohl ein Dutzend

farbige Weiber, die nach neuster Mode kostbar und auffallend in die

widersprechendsten und grellsten Farben gekleidet waren. Sie kamen über

den großen, leeren Platz geschritten und zeigten in Gang und Miene jene

schmachtende Vornehmtuerei, jenes innige Wohlgefallen an ihrem Putz,

das ich so genau kannte und das für mich stets eine wahre Augenweide

ist. Mir war, als sei ich nach fünfzigjähriger Trennung wieder unter

guten alten Freunden und ich blieb stehen, um sie herzlich zu begrüßen.

Sie brachen in ein kameradschaftliches Lachen aus, ihre weißen Zähne

blitzten mir entgegen; alle antworteten auf einmal, doch verstand ich

kein Wort von dem was sie sagten. Das verwunderte mich höchlich; es war

mir auch nicht im Traum eingefallen, daß sie eine andere Sprache reden

könnten als Amerikanisch.

Auch die weichen, wohlklingenden Stimmen der afrikanischen Frauen

erinnerten mich an die Sklavinnen aus meiner Kinderzeit. Ich folgte

einigen bis in den Oranje-Freistaat, das heißt, durch die ganze

Hauptstadt Bloemfontein, nur um den Laut ihrer Stimme und ihr lustiges

Lachen zu hören.

Auf unsern Eisenbahnfahrten durch das Land hatte ich Gelegenheit

viele Buren zu sehen, die auf dem einsamen Veld leben. Eines Tages

stiegen in einem Dorf hundert zusammen aus der dritten Klasse, um sich

auf der Station gütlich zu tun. Ihr Anzug interessierte mich. Etwas

so Häßliches an Form und unharmonischer Zusammenstellung der Farben

war mir noch nicht vorgekommen. Der Anblick regte mich in seiner Art

fast ebenso auf, wie das Schauspiel, welches mir die geschmackvollen

Trachten und schönen glänzenden Gewänder auf den indischen Stationen

bereitet hatten. Ein Mann trug Beinkleider aus geripptem Baumwollzeug

von dem abscheulichsten verschossenen Gelbbraun, das ich je gesehen

habe, und sie waren obendrein neu, die Farbe war absichtlich

gewählt, nicht durch irgend ein Mißgeschick entstanden. Ein langer,

vierschrötiger Lümmel hatte einen zerknitterten grauen Schlapphut mit

breiter Krempe auf dem Kopf, rosinfarbene Hosen und einen scheußlichen,

nagelneuen Tuchrock, der mit seinen wellenförmigen, breiten gelben

und braunen Streifen ein Tigerfell nachahmen sollte. Nach meiner

Meinung verdiente der Mensch gehängt zu werden; als ich aber den

Stationsvorsteher fragte, ob sich das nicht bewerkstelligen ließe,

verneinte er es auf grobe Weise und mit ganz unnötiger Heftigkeit. Im

Fortgehen murmelte er noch etwas in den Bart, das wie ›Esel‹ klang;

auch lenkte er die öffentliche Aufmerksamkeit auf mich und man zeigte

mit Fingern nach mir. Das hat man davon, wenn man versucht etwas Gutes

zu tun, es ist der Lohn der Welt!

Meine Reise um die Welt. Zweite Abteilung · 第 14 / 16 段