die indischen Kauffahrteischiffe; deshalb nahm ihnen England die Insel
fort und auch das benachbarte Bourbon. Letzteres gab es jedoch wieder
an Frankreich heraus und ließ sich auch Madagaskar fortschnappen,
was sehr zu beklagen ist. England hätte mit geringer Anstrengung die
harmlosen Eingeborenen vor dem Unheil der französischen Zivilisation
schützen können. Leider hat es das unterlassen, und jetzt ist es zu
spät.
Vor der Sünde, einen Raub an Frankreich zu begehen, hätte sich England
schwerlich gescheut. Aller Grundbesitz sämtlicher Staaten der Erde
-- Amerika natürlich nicht ausgeschlossen -- besteht aus gestohlenem
Gut, aus Ländereien, die andern Nationen gehörten, denen man sie
entrissen hat. In Europa, Asien und Afrika ist jeder Fußbreit Land
schon Millionen mal wieder und wieder gestohlen worden. Ein Verbrechen
aber, das seit Jahrtausenden verübt wird, hört auf ein Verbrechen
zu sein und wird zur Tugend. Das Gewohnheitsrecht ist stärker als
jedes andere Gesetz. Auch werden ja heutzutage unter den christlichen
Regierungen die allseitigen Pläne solchen Länderraubs ganz frei und
offen verhandelt.
Ohne Frage lassen die Zeichen der Zeit deutlich erkennen, welchen
Verlauf die Sache nehmen wird: Alle noch unzivilisierten Länder der
Erde müssen unter die Herrschaft der christlichen Staaten Europas
kommen. Mir macht das keinen Kummer, im Gegenteil, ich freue mich
darüber. Vor zweihundert Jahren wäre dies unabwendbare Geschick noch
ein Unheil für die wilden Völker gewesen, aber jetzt wird es, unter
gewissen Umständen, für manche ein Segen sein. Die Europäer sollen nur
je eher je lieber alles Land in Besitz nehmen, damit Friede, Ordnung
und Gerechtigkeit an die Stelle der Bedrückung, des Blutvergießens
und der Gesetzlosigkeit tritt, unter der die Wilden Jahrhunderte lang
geschmachtet haben. Wenn man bedenkt, was zum Beispiel Indien zu der
Zeit gewesen ist, als die Hindus und die Mohammedaner es beherrschten,
und wie es jetzt um das Land steht, wenn man an das frühere Elend der
Millionen zurückdenkt, die heutzutage Schutz und eine menschenwürdige
Behandlung genießen, so wird man zugeben müssen, daß es für Indien kein
größeres Glück geben konnte, als unter britische Oberherrschaft zu
kommen. Geht nun alles Land der wilden Völker in europäischen Besitz
über, und müssen sie selbst sich den fremden Herrschern auf Gnade oder
Ungnade unterwerfen, so wollen wir von Herzen hoffen und wünschen, daß
alle Wilden bei dem Tausch nur gewinnen möchten.
Zwanzigstes Kapitel.
In der Staatskunst bringe alle Formalitäten in Ordnung und
kümmere dich nicht um die Moralitäten.
_Querkopf Wilsons Kalender._
_28. April._ -- Nach Afrika abgesegelt. -- ›Arundel Castle‹ ist das
schönste Dampfboot, in dem ich auf diesen Meeren gefahren bin, es ist
durch und durch modern und das will viel sagen. An einem Mangel, den
man überall trifft, leidet aber auch dieses Schiff: die Betten lassen
zu wünschen übrig. Es ist ein großer Fehler, daß man die Auswahl der
Betten stets dem ersten besten Mann mit starkem Rückgrat anvertraut,
statt einer zarten Frau dies Amt zu übertragen, die von Kindheit auf
an Schlaflosigkeit und Gliederweh gelitten hat. Nichts ist sowohl
diesseits wie jenseits des Ozeans eine größere Seltenheit, als Betten,
welche allen Anforderungen entsprechen. Zwar sind sie in einigen
Hotels der Erde zu finden, aber auf keinem Schiff, weder jetzt noch
in vergangenen Zeiten. In der Arche Noäh waren die Betten geradezu
niederträchtig, und darin liegt die Wurzel des Uebels. Noah hat die
Mode eingeführt und die Welt wird sie mit geringen Abänderungen bis
zur nächsten Sündflut beibehalten.
* * * * *
_8 Uhr abends._ -- An der Insel Bourbon vorbeigesegelt; ihr
zerklüftetes, vulkanisches Gebirge hebt sich klar gegen den Himmel ab.
-- Wie töricht ist es doch, erholungsbedürftige Menschen nach Europa zu
schicken. Das Rasseln von Stadt zu Stadt bei Rauch und Kohlendunst, das
ewige Besichtigen von Schlössern und Galerien, ist doch kein Ausruhen
zu nennen! Man trifft fortwährend alte und neue Bekannte, wird zum
Frühstück, zu Mittag, zum Tee ausgebeten und erhält aufregende Briefe
und Depeschen. Auch die Fahrt über den Atlantischen Ozean nützt nichts;
die Reise ist zu kurz und das Meer zu unruhig. Wahre Heilung für Seele
und Leib findet man nur auf dem friedlichen Indischen und dem Stillen
Ozean, wo sich die Zeit so behaglich lang ausdehnt.
* * * * *
_2. Mai nachmittags._ -- Ein schönes großes Schiff in Sicht -- fast
das erste, das wir auf der wochenlangen einsamen Seefahrt erblickt
haben. Wir sind jetzt im Kanal von Mozambique zwischen Madagaskar und
Südafrika und steuern in westlicher Richtung nach der Delagoabai.
* * * * *
_Montag 4. Mai._ -- Wir dampfen langsam in die ungeheure Bai hinein;
ihre Arme erstrecken sich weit ins Land, bis sie den Blicken
entschwinden. Hier wäre Raum genug für sämtliche Schiffe der Welt, aber
die Bai hat nur geringe Tiefe; oftmals zeigte unser Senkblei nicht mehr
als viertehalb Faden.
Eine 150 Fuß hohe und etwa eine Meile breite Felswand von stark
rötlicher Färbung steigt senkrecht vor uns auf. Auf dem Tafelland
über den roten Felsen sieht man Gruppen hübscher Häuser und Bäume,
dazwischen die grüne, wellenförmige Ebene, wie in England. Siebzig
Meilen lang, bis zur Grenze, gehört die Eisenbahn den Portugiesen
-- täglich fährt ein Personenzug -- weiterhin ist die Bahn Eigentum
der Niederländischen Kompagnie. Haufenweise lagen die Frachtgüter am
Strande umher; Schuppen, um sie unterzubringen, waren nicht vorhanden.
Das ist echt portugiesisch -- Trägheit, Frömmigkeit, Armut und
Unfähigkeit im schönsten Verein.
Die Mannschaft der kleinen Boote und Schlepper besteht aus sehr
muskulösen, kohlschwarzen Wollköpfen.
* * * * *
_Winter._ -- Der südafrikanische Winter hat eben angefangen, aber nur
Sachverständige können ihn vom Sommer unterscheiden. Mir ist das sehr
recht, denn ich habe den Sommer herzlich satt, der jetzt für uns schon
ununterbrochen elf Monate lang dauert.
Den Nachmittag brachten wir in Delagoabai am Ufer zu. Der Ort ist
klein; er hat keine Sehenswürdigkeiten, keine Wagen. Die drei
Rickschas waren Privateigentum, wir konnten sie nicht mieten. Die
Portugiesen hier haben eine schöne braune Hautfarbe, wie einige unserer
Indianerstämme; man sieht auch Schwarze mit länglicher Kopfform und
sehr langem Kinn, wie die Neger in den Bilderbüchern, aber die meisten
gleichen den Schwarzen in unsern Südstaaten, haben runde Gesichter mit
platten Nasen und sind gutmütige, lustige Geschöpfe.
Scharen schwarzer Weiber zogen vorüber mit zentnerschweren
Frachtstücken auf dem Kopf. Sie waren Packträgerinnen und arbeiteten
wie die stärksten Männer; doch mußten sie ihre ganze Kraft anstrengen,
um die Last zu bewältigen, man sah, wie ihnen jedesmal beim Aufsetzen
der Füße die Beine zitterten. Wenn sie unbeladen einherkommen, haben
sie einen aufrechten Gang und eine ebenso schöne und stolze Haltung
wie die Indianerinnen. Die Gewohnheit Lasten auf dem Kopf zu tragen,
bringt das mit sich. -- Man sah keine bunten Farben, obgleich es hier
viele Hindus gibt.
* * * * *
_6. Mai. -- 3 Uhr nachmittags._ Ganz allmählich machte das Schiff
langsamere Fahrt und dampfte vorsichtig und bedächtig in den hübschen
Hafen von Durban in Südafrika ein.
* * * * *
_Aus dem Tagebuch. Hotel Royal._ -- Sehr behaglich; gutes Essen,
gute Bedienung von Eingeborenen; ein sonderbares Gemisch von Altem
und Neuem, Dorf und Stadt, Ureinfachheit und ihrem Gegenteil. Die
elektrischen Glocken geben keinen Ton; der Aufseher im Bureau sagte
mir, sie wären vermutlich in Unordnung geraten, weil einige klingelten
und andere nicht. Als ich ihn fragte, ob es nicht ratsam wäre, sie in
Ordnung zu bringen, sah er mich zweifelnd an, wie jemand der seiner
Sache nicht gewiß ist -- stimmte mir dann aber doch bei.
* * * * *
_7. Mai._ -- Um sechs Uhr klopft es laut an meine Tür: Ob meine Stiefel
geputzt werden sollen? Eine Viertelstunde später wiederholtes Klopfen:
Ob wir Kaffee wünschen? Nach abermals fünfzehn Minuten: das Bad für
meine Frau ist fertig; gleich darauf: mein Bad ist fertig. Es klopft
noch zweimal, weshalb weiß ich nicht mehr. Die Diener lärmen draußen
und schreien einander bald dies bald das zu -- gerade wie in einem
indischen Hotel.
* * * * *
_Abends._ -- Um vier Uhr nachmittags herrscht drückende Schwüle; eine
halbe Stunde nach Sonnenuntergang zieht man den Sommerüberzieher an, um
acht Uhr den Wintermantel. Daß Durban eine hübsche, saubere Stadt ist,
sieht der Fremde von selbst, man braucht ihn nicht darauf aufmerksam
zu machen. -- Die Rickschas werden von prächtig gewachsenen schwarzen
Zulus gezogen, mit so überschüssiger Kraft, daß es ein wahres Vergnügen
ist ihnen zuzusehen. Gutmütige Menschen -- wie sie lachen und ihre
Zähne zeigen! Die Stunde kostet für eine Person 2 Schilling, für zwei
Personen 3; jede Fahrt drei Pence für die Person. Ein Rickscha-Mann
darf nicht trinken.
Die Polizei besteht nur aus heidnischen Zulus; christliche werden
nicht angestellt. Nach dem Abendläuten darf kein Eingeborener ohne Paß
ausgehen. In Natal kommen auf einen Weißen zehn Schwarze. Die Weiber
sind handfeste, rundliche Gestalten. Sie kämmen ihre Wolle auf dem
Kopf in die Höhe und machen sie mit rotbraunem Lehm steif, daß sie
stehen bleibt. Ist dieser Turm bis zur Hälfte gefärbt, so bedeutet es
Verlobung; die verheiratete Frau färbt ihn ganz.
* * * * *
_9. Mai._ -- Gestern machte ich mit Bekannten eine Ausfahrt. Sehr
schöne Straßen über die Hügel, von wo man einen herrlichen Blick auf
die ganze Stadt, den Hafen und das Meer genießt. Ueberall Wohnhäuser,
von grünem Rasen und Buschwerk umgeben; hie und da bildet die brennend
scharlachrote Euphorbia einen scharfen Gegensatz zu dem saftigen Grün
ringsum; Kaktusbäume der verschiedensten Art in Kandelaberform und
einer, dessen Zweige so verrenkt und gekrümmt sind, daß sie aussehen
wie lauter graue, sich windende Schlangen. Auf allen Seiten sieht man
eine Menge der prächtigsten, uns völlig unbekannten Bäume, einige mit
so dichtem, dunkelgrünem Laub, daß sie sofort ins Auge fallen, trotz
der vielen Orangenbäume daneben. Ein Baum hat wunderschöne rote,
aufrechtstehende Büschel, die zwischen seiner grünen Blätterpracht
leuchten wie feurige Kohlen. Auch Gummibäume sind da, und ein paar
hochgewachsene Norfolktannen strecken ihre grünen Wedel himmelan, dann
kommt wieder hohes Bambusgebüsch. Ich sah nur _einen_ Vogel; sie sind
hier selten und singen nicht. Die Blumen haben wenig Duft, sie wachsen
zu schnell. Nirgends habe ich eine so große Mannigfaltigkeit der
herrlichsten Bäume gesehen wie hier, außer in der Nähe von Dardschiling
im Himalaja. Vermutlich ist Natal der Garten von Südafrika, aber ich
habe noch niemand dies Land so nennen hören.
* * * * *
Colenso war Bischof von Natal, als er durch seine Schriften einen
solchen Sturm in der theologischen Welt erregte. Noch jetzt sind
alle religiösen Angelegenheiten hier von großer Wichtigkeit. Die
Sonntagsruhe wird eifersüchtig bewacht. Museen und dergleichen
gefährliche Vergnügungsorte sind geschlossen. Eine Fahrt auf der Bai
ist gestattet, aber das Cricketspiel gilt für sündhaft. Eine Zeitlang
fanden Sonntags-Konzerte statt, bei denen kein Eintrittsgeld bezahlt
wurde, sondern der Klingelbeutel herum ging. Dadurch kam jedoch so
beunruhigend viel zusammen, daß man die Sache wieder eingehen ließ. In
betreff der Säuglinge ist man sehr streng. Ein Geistlicher verweigerte
einem Kinde das kirchliche Begräbnis, weil es nicht getauft worden
war. Da ist der Hindu weitherziger. Er verbrennt kein Kind unter drei
Jahren, weil er glaubt, daß es noch nicht der Läuterung bedarf.
Zwei Stunden von Durban entfernt liegt ein großes Trappisten-Kloster,
das ich in Gesellschaft von Mr. Milligan und Mr. Hunter, dem
Generalinspektor der Staatseisenbahnen von Natal, in Augenschein nahm.
Die beiden Herren kannten die Vorsteher des Klosters.
Es war wirklich alles da, was man für so unglaublich hält, wenn man
es in Büchern liest: die harte Arbeit, das Aufstehen zu unmöglichen
Stunden, die karge Nahrung, das grobe Gewand, das harte Lager, das
Verbot der menschlichen Rede, des geselligen Verkehrs, der Gegenwart
irgend eines weiblichen Wesens, jeder Erholung, Abwechslung und
Unterhaltung. Alles wurde durchgeführt -- es war kein Traum, keine
Lüge. Aber selbst wenn man die Tatsache leibhaftig vor sich hatte,
blieb sie ebenso unerklärlich. Es streitet zu sehr gegen die Natur, die
Individualität des Menschen so gänzlich zu unterdrücken.
Wie mag La Trappe nur herausgefunden haben, daß es Menschen gibt, die
in solchem Elend einen Genuß finden? Hätte er mich oder dich um Rat
gefragt, wir würden ihm versichert haben, daß sein Plan zu sehr aller
Reize entbehrte und niemals verwirklicht werden könnte. Aber, da steht
das Kloster und liefert den Beweis, was für ein Menschenkenner La
Trappe gewesen ist. Er hat alles aus dem Leben verbannt, was das Herz
wünscht und begehrt, und dennoch hat der Erfolg seit zweihundert Jahren
sein Werk gekrönt und es wird ohne Zweifel auch ferner blühen und
gedeihen.
Wir Menschen lieben persönliche Auszeichnung -- dort im Kloster gibt
es nichts dergleichen. Wir sind wählerisch in betreff der Speisen
-- die Mönche erhalten Bohnen, Brot und Tee und nicht einmal genug
um sich satt zu essen. Wir betten uns gern weich -- sie liegen auf
Sandmatratzen und haben zwar ein Kissen und eine Decke, aber keine
Leintücher. Bei Tische lachen und plaudern wir gern in Gesellschaft von
Freunden -- hier liest ein Mönch während der Mahlzeit laut aus einem
frommen Buche vor und niemand spricht ein Wort. Wenn wir mit vielen
Gefährten zusammen sind, so machen wir uns einen lustigen Abend und
gehen spät zur Ruhe; hier begeben sich alle schweigend um acht Uhr zu
Bett und obendrein im Dunkeln; sie brauchen nur die lose, braune Kutte
abzulegen, da wäre ein Licht ganz unnötig. Wir schlafen gern in den Tag
hinein -- hier stehen die Mönche nachts zweimal auf zum Gottesdienst
und gehen um zwei Uhr morgens an ihr Tagewerk. Wir wünschen uns leichte
Arbeit oder gar keine -- hier wird den ganzen Tag auf dem Felde
geschafft oder in der Schmiede und andern Werkstätten, wo man Sattler-,
Schuhmacher-, Tischlerarbeit und dergleichen betreibt. Wir lieben die
Gesellschaft von Frauen und Mädchen -- die fehlt hier gänzlich. Wir
sind gern von unsern Kindern umringt und scherzen und spielen mit ihnen
-- Kinder gibt es hier nicht. Es ist kein Billardtisch vorhanden, man
hat keine Spiele im Freien, weder Konzert noch Theater, noch gesellige
Freuden. Auch das Wetten ist hier verboten; wer in Zorn gerät darf
seinen Aerger nicht am ersten besten auslassen, der ihm gerade in den
Weg kommt; man darf sich kein Lieblingstier halten. Nicht einmal das
Rauchen ist gestattet. Weder Tageblätter noch Zeitschriften werden hier
gelesen. Wenn wir fern von der Heimat sind, möchten wir wissen, wie es
unsern Eltern und Geschwistern ergeht und ob sie sich nach uns sehnen
-- hier erfährt man das nicht. Wir lieben freundliche Wohnungen, eine
gefällige Einrichtung, hübsche Möbel, allerlei niedliche Sächelchen und
schöne Farben -- hier ist alles kahl, armselig und düster. Was wünscht
sich der Mensch nicht alles -- führt die Liste selbst weiter fort! --
Aber was ihr auch nennen mögt, in diesem Kloster ist es nicht zu finden.
Und zum Lohn für alle diese Entbehrungen kann man dort weiter nichts
erwerben, wie mir gesagt wurde, als die Rettung seiner Seele.
Es ist wirklich höchst sonderbar und unbegreiflich. Aber La Trappe
kannte, wie gesagt, das Menschengeschlecht und den mächtigen Reiz, der
in diesem reizlosen Dasein lag. Er wußte, daß auf manche Leute ein
solches Leben um so größere Anziehungskraft übt, je abstoßender und
unbehaglicher es ist.
Das Mutterkloster wurde vor fünfzehn Jahren von deutschen Mönchen
gegründet, die arm und fremd waren und keine Unterstützung fanden;
jetzt besitzt es 15000 Morgen Land, baut Korn, Obst und Wein und
betreibt alle möglichen Gewerbe. In seinen Werkstätten werden
eingeborene Lehrlinge in den verschiedensten Handwerken unterrichtet,
mit denen sie sich nach der Entlassung ihr Brot verdienen können, auch
lehrt man sie Lesen und Schreiben. Elf Zweiganstalten des Klosters sind
in ganz Südafrika verbreitet, in denen 1200 eingeborene Knaben und
Mädchen christlich erzogen und zu tüchtigen Handwerkern ausgebildet
werden. Von dem Wirken der protestantischen Mission unter den Heiden
hat man in den kaufmännischen Kreisen der weißen Kolonisten meist keine
hohe Meinung; ihre Zöglinge tragen den Spitznamen ›Reis-Christen‹,
womit ungelernte Müßiggänger gemeint sind, die sich nur um äußerer
Vorteile willen in die Kirche aufnehmen lassen. An der Tätigkeit dieser
katholischen Mönche wird sich aber schwerlich etwas aussetzen lassen,
und ich glaube, es hat auch noch niemand gewagt, sich abfällig darüber
zu äußern.
* * * * *
_Dienstag 12. Mai._ -- Die Transvaal-Politik ist in große Verwirrung
geraten. Zuerst jagte die schwere Verurteilung der Johannesburger
Rädelsführer England einen großen Schrecken ein. Unmittelbar nachher
veröffentlichte Krüger die Korrespondenz in Chiffreschrift, aus welcher
hervorgeht, daß der Einfall in Transvaal von Cecil Rhodes und Beit mit
der Absicht geplant worden ist, sich des Landes zu bemächtigen, um es
dem englischen Reich einzuverleiben. Dies brachte einen Umschwung in
den Gefühlen Englands hervor und entfesselte einen Sturm der Entrüstung
gegen Rhodes und die Chartered Company, weil sie der britischen Ehre zu
nahe getreten seien.
Lange war ich außer stande klug aus der Sache zu werden -- sie war mir
zu verwickelt. Aber endlich glaube ich durch Geduld und Nachdenken doch
dahinter gekommen zu sein: Soviel ich verstehe, waren die Uitlanders
und die andern Holländer unzufrieden, weil die Engländer ihnen nicht
gestatteten an der Regierung teil zu nehmen, nur ihre Steuern durften
sie bezahlen. Da geschah es, daß ~Dr.~ Krüger und ~Dr.~ Jameson, denen
ihr ärztlicher Beruf nicht genug einbrachte, in das Matabeleland
einfielen mit der Absicht, die Hauptstadt Johannesburg zu erobern und
Frauen und Kinder als Geißeln gefangen zu halten, bis die Uitlanders
und andere Buren ihnen und der Chartered Company die politischen
Rechte zugestehen wollten, die man ihnen bisher vorenthalten hatte.
Dieser kühne Plan wäre sicherlich gelungen, hätten sich nicht Cecil
Rhodes, Mr. Beit und andere Häuptlinge der Matabele eingemischt
und ihre Landsleute aufgereizt sich zu empören und Deutschland den
Gehorsam aufzusagen. Nun stachelte letzteres wieder den König von
Abessynien auf, die italienische Armee zu vernichten und Johannesburg
zu überfallen. Das alles hatte Cecil Rhodes aber angestiftet, um die
Aktien in die Höhe zu treiben.
Einundzwanzigstes Kapitel.
Man soll des Buren Fell nicht verkaufen, man fange ihn denn
zuvor.
_Querkopf Wilsons Kalender._
Als ich vor einem Jahr den letzten Paragraphen des vorigen Kapitels in
mein Notizbuch kritzelte, tat ich es, um auf drastische Weise zweierlei
zum Ausdruck zu bringen: Erstens, wie widersprechend die Berichte
sind, welche der Fremde von den Einheimischen über die südafrikanische
Politik erhält, und zweitens, was für ein Wirrwarr dadurch im Kopfe des
Fremden entsteht.
Ich sehe jetzt ein, daß ich damals den Zustand der Dinge naturgetreuer
geschildert habe, als ich selber wußte. In jener unruhigen und
aufgeregten Zeit konnten die dortigen Bürger unmöglich die
südafrikanische Politik klar und vernünftig auffassen; nicht nur ihre
persönlichen Interessen, sondern auch ihre politischen Vorurteile
standen ihnen sehr dabei im Wege. Der Fremde aber war natürlich nicht
im stande aus ihren verworrenen Mitteilungen klug zu werden und den
Zusammenhang der Ereignisse zu begreifen.
Mein Aufenthalt in Südafrika war nicht von langer Dauer. Als ich ankam
befand sich das Land noch in der größten politischen Gärung. Vier
Monate waren vergangen, seit Jameson mit 600 bewaffneten Reitern zum
»Schutz der Frauen und Kinder in Johannesburg« die Grenze von Transvaal
überschritten hatte. Am vierten Tage nach seinem Einmarsch besiegten
ihn die Buren in einer Schlacht und führten ihn mit seinen Leuten
gefangen nach der Hauptstadt Prätoria. Jameson und seine Offiziere
waren zur Bestrafung an Großbritannien ausgeliefert und nach England
eingeschifft worden, wo ihr Verhör stattfand. Inzwischen wurden in
Johannesburg vierundsechzig der angesehensten Bürger als Jamesons
Mitverschworene festgenommen. Präsident Krüger verurteilte die vier
Haupträdelsführer zum Tode, die übrigen zu Gefängnis; er verwandelte
jedoch die Strafen in längere oder kürzere Kerkerhaft, in welcher die
vierundsechzig Leute damals noch schmachteten. Vor Mitte des Sommers
waren alle wieder in Freiheit, außer zweien, welche sich weigerten ein
Begnadigungsgesuch zu unterzeichnen. Achtundfünfzig von ihnen mußten
eine Geldbuße von je 10000 Dollars zahlen und die vier Rädelsführer
125000 Dollars per Mann; auf immer aus dem Lande verbannt wurde nur
einer.
Das war eine hochinteressante Zeit für den Fremden; ich schätzte mich
glücklich, mitten in die Aufregung hineingekommen zu sein. Jedermann
äußerte ohne Rückhalt seine Meinung und ich hoffte bestimmt, daß mir
die ganze Angelegenheit, wenigstens von _einer_ Seite, binnen kurzem
verständlich sein würde.
Darin täuschte ich mich jedoch. Die Sache hatte so viel Eigenartiges,
Schwieriges und Unerklärliches, daß ich ihrer nicht Herr wurde.
Persönliche Beziehungen zu den Buren besaß ich nicht, die Anschauungen
ihrer Partei blieben also für mich ein Geheimnis, soweit ich sie nicht
aus den öffentlichen Bekanntmachungen erfuhr. Bald empfand ich denn
auch das tiefste Mitgefühl für die Johannesburger, die im Kerker von
Prätoria lagen, sowie für ihre Freunde und Angehörigen. Durch eifrige
Erkundigungen bei letzteren hatte ich mich über alle Einzelheiten des
Streits in Kenntnis gesetzt und glaubte sie zu verstehen; das heißt,
von ihrem Gesichtspunkt aus und bis auf _einen_ Umstand: Was die
Johannesburger durch eine bewaffnete Erhebung zu erreichen gedachten,
schien niemand zu wissen.
Im Laufe des folgenden Jahres wurde in die Verwirrung jener Tage
genügendes Licht gebracht. ~Dr.~ Jameson ist vor den englischen
Geschworenen erschienen; auch Cecil Rhodes und andere an dem
feindlichen Einfall in Transvaal direkt oder indirekt beteiligte
Personen haben ihre Aussage vor Gericht erstattet, desgleichen Lionel
Philipps und sonstige Mitglieder der Johannesburger Reformpartei,
welche die Revolution als totgeborenes Kind zur Welt brachten.
Weitere Aufklärung erhielt ich auch durch verschiedene Bücher, deren
Verfasser entweder für die Buren oder für Cecil Rhodes oder für die
Johannesburger Partei nahmen. Nachdem ich nun alle jene Aussagen
voreingenommener Zeugen nebst den einseitigen Darstellungen der Bücher
gesammelt hatte, mischte ich sie gut durcheinander, knetete alles
tüchtig durch und tat den Teig in meinen eigenen (vorurteilsvollen)
Backtrog. Durch dies Verfahren bin ich schließlich der verwickelten
südafrikanischen Frage doch noch auf den Grund gekommen. Ich weiß nun,
daß es sich damit in Wahrheit folgendermaßen verhielt: