An jenem Tage erzählte mir ein Mitreisender im Zuge noch allerlei von

den Buren. Er sagte, daß sie früh aufstehen und ihre Schwarzen an die

Arbeit treiben (sie müssen die Herden draußen auf der Weide hüten),

dann setzen sie sich hin um zu essen, zu rauchen und zu schlafen; gegen

Abend überwachen sie das Melken u. dgl., essen, rauchen und schlafen

wieder, und gehen bei Dunkelwerden wieder zu Bett in den wohlriechenden

Kleidern, die sie den ganzen Tag über und an jedem Werktag seit Jahren

getragen haben. Auch von ihrer bekannten Gastfreiheit wußte er ein

Beispiel zu berichten: Einmal machte ein hochwürdiger Bischof von Amts

wegen eine Reise durch den Veld, wo es keine Gasthäuser gibt. Zur Nacht

kehrte er bei einem Buren ein, und als das Abendessen vorüber war, wies

man ihm sein Bett an. Er war müde und angegriffen von seinem Tagewerk,

kleidete sich aus und lag bald in tiefem Schlaf. In der Nacht ward ihm

so eng und beklommen zu Mute, daß er erwachte; da sah er den alten

Buren und seine dicke Frau rechts und links von ihm im Bett liegen; sie

hatten alle ihre Kleider anbehalten und schnarchten laut. Ihm blieb

nichts übrig als sich still zu verhalten und sein Geschick zu ertragen;

er quälte sich wachend bis zur Morgendämmerung, dann schlummerte er

noch ein Stündchen ein. Als er die Augen wieder aufschlug, war der alte

Bur fort, aber die Frau lag noch an seiner Seite.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Es gibt keinen Breitegrad auf der ganzen Erdkugel, der sich

nicht einbildet, daß er eigentlich von Rechts wegen der

Aequator sein solle.

_Querkopf Wilsons Kalender._

Unter den Naturerscheinungen von Südafrika interessierte mich --

nächst Mr. Rhodes -- der Diamantkrater am meisten. Die Goldfelder im

›Rand‹ sind von erstaunlicher Größe; keine Goldgrube der Welt kann

sich neben ihnen blicken lassen, aber, wie gesagt, den Betrieb kannte

ich schon. Auch der Veld macht einen gewaltigen Eindruck, doch ist er

im Grunde nur eine edlere, schönere Abart unserer großen Prairie. Die

Eingeborenen boten mir viel Anziehendes aber wenig Neues, und in den

Städten fand ich mich meist von Anfang an ohne Führer zurecht, denn

ich kannte die Straßen auswendig, da ich sie unter andern Namen in den

Städten anderer Länder genau so gesehen hatte. Nur die Diamantgruben

waren für mich eine vollständige Neuheit, die mich ganz und gar

gefangen nahm. Es leben nur wenige Leute, die den Diamanten in seiner

Heimat besucht haben. Gold findet man an zahlreichen Orten, aber

der Diamant ist nur an drei oder vier Stellen in der Welt heimisch;

es lohnt wohl der Mühe um den Erdball zu segeln, wenn man dafür die

kostbarste und auserlesenste Seltenheit aus der Schatzkammer der Natur

zu sehen bekommt.

Die Diamantlager bei Kimberley wurden im Jahre 1869 entdeckt; in

Anbetracht der besonderen Umstände muß man sich nur verwundern, daß die

Afrikaner sie nicht schon seit fünftausend Jahren kennen und ausbeuten.

Man fand die ersten Diamanten offen auf der Oberfläche liegen; sie

waren glatt und durchsichtig und schienen Feuer zu speien, wenn die

Sonne sie bestrahlte. Hätte man nicht meinen sollen, der Wilde würde

sie jederzeit höher geschätzt haben als alles andere auf der Welt,

mit Ausnahme von Glasperlen? -- Seit zwei oder drei Jahrhunderten

haben wir ihm sein Land, sein Vieh, seinen Nachbar und alles was

er sonst noch zu verkaufen hatte, für Glasperlen abgehandelt. Es

ist daher höchst verwunderlich, daß er sich den Diamanten gegenüber

so gleichgültig verhalten hat; denn er muß sie, ohne Zweifel,

unzähligemale aufgelesen haben. Daß die Afrikaner nicht versuchten

sie an die Weißen zu verkaufen, ist sehr natürlich, denn die Weißen

besaßen ja schon Glasperlen von viel gefälligerer Form in Hülle und

Fülle. Aber die ärmeren Schwarzen, deren Mittel ihnen nicht erlaubten

sich mit wirklichem Glas zu schmücken, hätten sich doch damit begnügen

können die glitzernden Dinger zu tragen; sie wären dem weißen Händler

aufgefallen, er hätte eine Probe mit nach Hause genommen und nachdem

ihre Natur erkannt worden war, würden die Glücksjäger scharenweise nach

Afrika geströmt sein. Die Weltgeschichte ist manchmal recht sonderbar,

eines ihrer seltsamsten Vorkommnisse ist aber ohne Frage, daß man die

Diamanten Jahrhunderte lang auf der Erde funkeln ließ, ohne daß sich

irgend ein Mensch darum kümmerte.

Durch einen Zufall wurde die Wahrheit endlich offenbar: In einer

Burenhütte auf der weiten, einsamen Ebene bemerkte ein fremder

Reisender, daß ein Kind mit einem glänzenden Gegenstand spielte. Man

sagte ihm, es sei ein Glasstückchen, das auf dem Veld gefunden worden

wäre. Er kaufte es für eine Kleinigkeit, nahm es mit, und da er kein

ehrlicher Mann war, machte er einem anderen Fremdling weiß, es sei ein

Diamant. Er ließ sich 125 Dollars dafür bezahlen und war so vergnügt

über den ungerechten Handel, als ob er ein gutes Werk getan hätte. In

Paris verkaufte der betrogene Fremde das vermeintliche Glasstück für

10000 Dollars an einen Pfandverleiher; dieser ließ sich dafür von einer

Gräfin 90000 Dollars zahlen; die Gräfin verkaufte es einem Bierbrauer

für 800000 Dollars, der Bierbrauer ließ sich dafür vom König ein

Herzogtum und einen Stammbaum verleihen und der König verpfändete den

Diamanten. So hat sich die Sache in Wirklichkeit zugetragen.

Die Kunde von der großen Entdeckung verbreitete sich mit

Blitzesschnelle und das südafrikanische Diamantenfieber brach aus.

Jener erste Reisende, der so unehrlich war, erinnerte sich auf einmal,

daß er gesehen hatte, wie ein Fuhrmann auf steilem Wege sein Wagenrad

mit einem Diamanten gehemmt hatte, der so groß war wie ein Kinderkopf.

Sofort gab er alle andern Geschäfte auf und zog aus, um jenen Diamanten

zu suchen. Dabei hatte er jedoch keineswegs die Absicht, irgend jemand

wieder um 125 Dollars zu betrügen, denn er war unterdessen in sich

gegangen.

Wir wollen die Sache nun von ihrer lehrreichen Seite betrachten:

Die Diamanten liegen nicht in fünfzig Meilen langen Felsschichten

eingebettet, wie das Johannesburger Gold, sondern sie verteilen sich in

den Schuttmassen, welche, wenn man so sagen will, den Schacht eines

scharf abgegrenzten Brunnens ausfüllen; außerhalb der Brunnenwände

finden sich keine Diamanten. Dieser Schacht ist nichts anderes als ein

großer Krater, dessen Oberfläche mit Gras überwachsen ist und sich auf

keine Weise von der Ebene ringsumher unterscheidet. Das Weideland über

dem Diamantenkrater von Kimberley war groß genug, um einer Kuh Nahrung

zu geben, und von der Weide, die im Innern verborgen war, hätte sich

ein Königreich satt essen können. Aber die Kuh wußte nichts davon und

verscherzte ihr Glück.

Der Kimberley-Krater hat einen solchen Umfang, daß das römische

Kolosseum Platz darin fände; wie weit sich die Einsenkung in die

Tiefe erstreckt, weiß niemand, denn man ist noch nicht bis zum Boden

des Kraters gekommen. Ursprünglich war das ganze senkrechte Loch mit

einer festen, bläulichen Masse von vulkanischem Tuffstein angefüllt,

in welcher sich die Diamanten verteilen gleich den Rosinen in einem

Pudding. So tief wie sich das blaue Gestein in das Erdinnere erstreckt,

wird man auch Diamanten darin finden.

In der Nähe gibt es noch drei oder vier berühmte Krater, alle in

einem Umkreis von kaum drei Meilen Durchmesser. Sie gehören der De

Beers-Gesellschaft, die vor zwölf oder vierzehn Jahren von Mr. Rhodes

gegründet wurde. Auch noch andere Krater, die zur Zeit das Gras

bedeckt, sind Eigentum der De Beers, welche genau wissen, wo sie liegen

und sie eines schönen Tages öffnen werden, wenn die Gelegenheit günstig

ist.

Anfänglich waren die Diamantenlager im Besitz des Oranje-Freistaats;

aber durch eine wohlüberlegte ›Berichtigung‹ der Grenzlinie wurden

sie der Kapkolonie einverleibt und kamen unter britische Herrschaft.

Ein hoher Beamter des Freistaats sagte mir, man habe der Republik

400000 Dollars Entschädigung, Schmerzensgeld, oder wie man es nennen

will, ausgezahlt, und nach seiner Meinung hätte die Regierung klug

daran getan, die Summe anzunehmen und jeden Streit zu vermeiden, da

alle Macht auf der einen und alle Schwäche auf der anderen Seite war.

Jetzt gräbt die De Beers-Gesellschaft wöchentlich Diamanten im Wert von

400000 Dollars aus. Das Kapland hat zwar den Grund und Boden erhalten,

aber nicht den Gewinn, denn die Gruben sind, wie gesagt, Eigentum von

Mr. Rhodes, den Rothschilds und anderen De Beers-Leuten, die keine

Abgaben bezahlen.

Heutzutage stehen die Gruben unter Leitung der fähigsten

amerikanischen Grubeningenieure und werden nach wissenschaftlichen

Grundsätzen ausgebeutet. Großartige Maschinen sind in Tätigkeit,

um das blaue Gestein zu zerkleinern, aufzuweichen und solange zu

bearbeiten, bis jeder Diamant, den es enthält, aufgefunden und in

Sicherheit gebracht worden ist. Ich sah den ›Konzentratoren‹ bei ihrer

Arbeit zu; sie standen vor großen Behältern voll Schlamm, Wasser

und unsichtbaren Diamanten, und man sagte mir, daß ein Mann täglich

dreihundert Wagenladungen aufgeweichtes Gestein -- zu 1600 Pfund die

Ladung -- durchrühren, auspumpen, zubereiten und in drei Wagenladungen

Schlamm umwandeln könne. Man brachte in meinem Beisein die drei

Wagenladungen Schlamm auf die Siebsetzmaschine, welche sie auf eine

Viertelladung reinen, dunkelfarbigen Sandes reduzierte. Dann ging es

zu den Sortier-Tischen, wo ich sah, wie die Arbeiter den Sand rasch

und geschickt ausbreiteten, ihn hin- und herfegten und jeden Diamanten

herausnahmen, den sie aufblitzen sahen. Ich beteiligte mich eine

Weile daran und fand einen Diamanten, der halb so groß war wie eine

Mandel. Dies Fischen ist sehr aufregend; mich durchbebte jedesmal

ein Freudenschauer, wenn ich einen der funkelnden Steine aus dem

dunkeln Sand hervorglänzen sah. Könnte ich mir doch dann und wann zum

Festtagsspaß diesen Zeitvertreib machen!

Natürlich fehlt es dabei auch nicht an Enttäuschungen. Zuweilen findet

man einen Diamanten, der keiner ist, sondern nur ein Stück Bergkrystall

oder ein ähnlich wertloses Ding. Der Sachverständige unterscheidet es

meist von dem Edelstein, den es nachäffen will. Im Zweifelfall legt er

es auf eine Eisenplatte und schlägt mit dem Schmiedehammer darauf. Ist

es ein Diamant, so bleibt es heil und ganz, alles andere wird zu Pulver

zermalmt. Diese Probe gefiel mir so sehr, daß ich immer wieder mit

Vergnügen zusah, wie oft sie auch vorgenommen wurde. Man setzt dabei

nichts aufs Spiel, und die Spannung ist ein großer Genuß.

Die De Beers-Gesellschaft läßt täglich 8000 Wagenladungen -- etwa 6000

Tonnen -- blaues Gestein verarbeiten und gewinnt daraus drei Pfund

Diamanten, die in rohem Zustand einen Wert von 50000 bis 70000 Dollars

haben. Nachdem sie geschliffen sind, wiegen sie weniger als ein Pfund,

ihr Wert ist aber vier- bis fünfmal größer als vorher.

Die ganze Ebene in jener Gegend ist einen Fuß hoch mit dem blauen

Gestein bedeckt, so daß sie aussieht wie ein gepflügtes Feld. Die

Gesellschaft läßt die Stücke ausbreiten, um sie längere Zeit der Luft

auszusetzen, weil sie dann leichter zu bearbeiten sind, als wenn sie

unmittelbar aus der Grube kommen. Würde der Betrieb jetzt eingestellt,

so könnte man von dem Gestein, das dort auf dem Felde liegt, noch drei

Jahre lang täglich 8000 Wagenladungen nach den Sortierwerken bringen.

Die Felder sind eingezäunt, sie werden bewacht und nachts durch hohe

elektrische Scheinwerfer beleuchtet, was sehr zweckmäßig ist, da dort

Diamanten im Wert von fünfzig bis sechzig Millionen Dollars liegen und

an unternehmungslustigen Dieben kein Mangel herrscht.

Auch im Schmutz der Straßen von Kimberley sind Reichtümer verborgen.

Vor einiger Zeit erteilte man den Bewohnern unbeschränkte Erlaubnis sie

aufzuwaschen. Von allen Seiten strömten Leute herbei, die Arbeit wurde

sehr gründlich verrichtet und eine reichliche Diamanternte gehalten.

Die Grubenarbeiter sind Eingeborene, die zu vielen Hunderten in Hütten

wohnen, welche innerhalb eines großen, umzäunten Hofes stehen. Es

ist ein lustiges, gutmütiges Volk und sehr gefällig; der Kriegstanz,

den sie vor uns aufführten, war das wildeste Schauspiel, das ich je

gesehen habe. Während ihrer Dienstzeit, welche, wenn ich nicht irre, in

der Regel drei Monate dauert, dürfen sie den Hof nicht verlassen. Sie

steigen in den Schacht hinunter, tun ihre Arbeit, kommen wieder herauf,

werden durchsucht und gehen zu Bett oder machen sich irgendwo eine

Kurzweil auf dem Hofe. Das ist ihr Lebenslauf, tagaus, tagein.

Man glaubt, daß es ihnen jetzt nur selten gelingt, Diamanten zu

stehlen. Früher verschluckten sie dieselben oder erfanden andere

Methoden sie zu verbergen. Aber der Weiße läßt sich jetzt schwer

überlisten. Ein Mann schnitt sich sogar ins Bein und versteckte einen

Diamanten in der Wunde, doch selbst dieser Kunstgriff schlug fehl. Wenn

die Leute einen schönen, großen Diamanten finden, liefern sie ihn im

allgemeinen lieber ab, statt ihn zu stehlen. Im erstern Falle erhalten

sie eine Belohnung, im letzteren kommen sie höchstwahrscheinlich

in Ungelegenheiten. Vor einigen Jahren fand ein Schwarzer in einer

Grube, die nicht den De Beers gehörte, den Diamanten, von welchem man

sagt, er sei der größte, den die Welt je gesehen habe. Zum Lohn dafür

wurde er vom Dienst befreit, erhielt eine wollene Decke, ein Pferd

und 500 Dollars. Das machte ihn zu einem Krösus; er konnte sich vier

Weiber kaufen und behielt noch Geld übrig. Ein Eingeborener, der vier

Weiber hat, braucht nicht mehr für seinen Unterhalt zu sorgen und keine

Hand zur Arbeit zu rühren, er ist ein vollkommen unabhängiger Mensch.

Jener Riesen-Diamant wiegt 971 Karat. Er soll so groß sein, wie ein

Stück Alaun oder wie ein Mundvoll Zuckerkant, manche behaupten sogar,

wie ein Klumpen Eis. Aber diese Angaben schienen mir unwichtig und

obendrein unzuverlässig. Der Diamant hat einen Fehler im Innern,

sonst würde er von völlig unerschwinglichem Werte sein. So wie er

ist, schätzt man ihn auf 2000000 Dollars, folglich müßte er nach dem

Schleifen 5000000 bis 8000000 Dollars kosten; wer den Diamanten jetzt

kauft, kann also viel Geld ersparen. Er ist Eigentum eines Syndikats

und hat bisher keinen zahlungsfähigen Käufer gefunden, so ist er denn

ein totes Kapital, bringt nichts ein und hat, außer dem glücklichen

Finder, noch niemand reich gemacht.

Der Eingeborene fand ihn in einer Grube, welche im Kontrakt bearbeitet

wurde. Das heißt, eine Gesellschaft hatte sich für eine bestimmte Summe

und eine Abgabe vom Ertrag das Vorrecht erkauft, 5000000 Wagenladungen

blaues Gestein aus der Grube zu holen. Bei der Spekulation war kein

Gewinn erzielt worden; doch gerade am Tage, ehe der Kontrakt ablief,

kam der Schwarze mit dem Diamanten angegangen. Auch die Diamantenfelder

sind nicht arm an überraschenden Episoden, wie man sieht.

Zwar wird der bekannte Koh-i-Noor mit Recht wegen seiner Größe und

Kostbarkeit gepriesen, doch kann er sich nicht mit drei andern

Diamanten messen, die zu den Kronjuwelen von Portugal und Rußland

gehören sollen, und von denen einer den Wert von 20000000 Dollars hat,

während der zweite auf 25000000 Dollars geschätzt wird und der dritte

auf 28000000 Dollars.

Das sind in der Tat wunderbare Diamanten -- mögen sie der Sage

angehören oder der Wirklichkeit -- aber der Edelstein, mit welchem

jener Fuhrmann, von dem ich oben sprach, auf dem steilen Weg seinen

Wagen gehemmt hat, war doch noch viel größer. In Kimberley traf ich mit

dem Manne zusammen, der vor achtundzwanzig Jahren selbst mit angesehen

hatte, wie der Bur den Diamanten unter das Wagenrad schob. Als er

mir versicherte, der Stein sei eine Billion Dollars wert, wenn nicht

darüber, glaubte ich es ihm aufs Wort. Der Mann hat siebenundzwanzig

Jahre seines Lebens darauf verwendet nach dem Diamanten zu suchen und

wird wohl seiner Sache gewiß sein.

Wer sich das langwierige, mühevolle und kostspielige Verfahren

angesehen hat, durch welches die Diamanten aus der Tiefe der Erde

ans Licht gefördert und von den Schlacken befreit werden, die sie

einschließen, der sollte zum Schluß nicht verfehlen, dem Bureau

der De Beers in Kimberley einen Besuch abzustatten, wo täglich der

Ertrag der Gruben abgeliefert, gewogen, sortiert, geschätzt und bis

zum Einschiffen in eisernen Schränken verwahrt wird. Ohne besondere

Empfehlungen erhält niemand Einlaß an diesem Ort, und aus den

zahlreichen Warnungstafeln und Schutzvorrichtungen, die allenthalben

angebracht sind, können selbst bekannte und gutempfohlene Personen

leicht ersehen, daß sie keine Diamanten stehlen dürfen, wenn sie sich

nicht Unannehmlichkeiten aussetzen wollen.

Wir sahen die Ausbeute jenes Tages in glänzenden kleinen Häufchen auf

weißen Papierbogen liegen. Zwischen den einzelnen Diamanthäufchen

war auf dem Tisch immer ein Fußbreit Raum gelassen. Der Tagesertrag

stellte einen Wert von 70000 Dollars dar. Im Lauf eines Jahres kommen

dort auf die Wage etwa eine halbe Tonne Diamanten, welche achtzehn

bis zwanzig Millionen Dollars einbringen; der Profit beträgt ungefähr

12000000 Dollars.

Das Sortieren wird von jungen Mädchen besorgt; es ist eine hübsche,

reinliche, nette, aber vermutlich recht qualvolle Arbeit. Täglich

lassen die Mädchen reiche Schätze auf der Hand funkeln und durch die

Finger gleiten und gehen doch abends so arm zu Bette, wie sie morgens

aufgestanden sind, und das einen Tag wie alle Tage.

Auch in ihrem Urzustand sind die Diamanten wunderhübsch anzusehen;

sie haben verschiedene Formen, eine glatte Oberfläche und abgerundete

Ränder, niemals scharfe Ecken. Es gibt Diamanten in allen Farben und

Schattierungen, vom klarsten Weiß des Tautropfens bis zum wirklichen

Schwarz; die meisten sind hell und strohfarben. Wenn sie so glatt

und rund, so durchsichtig und schillernd daliegen, meint man einen

Haufen Fruchtbonbons zu sehen. Mir schien, als müßten diese rohen

Edelsteine weit schöner sein als geschliffene. Erst als eine Sammlung

geschliffener Diamanten hereingebracht wurde, erkannte ich meinen

Irrtum. Einem Rosen-Diamanten mit natürlichem Farbenspiel läßt sich

an Schönheit nichts vergleichen, außer ein Ding, das ganz und gar

nicht kostbar ist und ihm doch täuschend ähnlich sieht. Das ist vom

Sonnenlicht durchglühtes Meerwasser, dessen Wellen den weißen Ufersand

bespülen.

* * * * *

Noch vor Mitte Juli kamen wir nach Kapstadt, dem Endpunkt unserer

Reise in Afrika. Nun waren wir ganz befriedigt, denn als wir den hohen

Tafelberg über uns thronen sahen, wußten wir, daß wir alle großen

südafrikanischen Sehenswürdigkeiten in Augenschein genommen hatten,

außer Cecil Rhodes. -- Ich weiß wohl, das ist keine unbedeutende

Ausnahme. Denn mag nun Mr. Rhodes der erhabene und verehrungswürdige

Patriot und Staatsmann sein, für welchen ihn viele halten, oder der

Teufel in Menschengestalt, für den ihn die übrige Welt ansieht,

jedenfalls ist er die imposanteste Persönlichkeit im britischen Reich,

außerhalb Englands: Wenn er auf dem Kap der Guten Hoffnung steht,

fällt sein Schatten bis zum Zambesi. Er ist der einzige Kolonist in

den britischen Besitzungen, dessen Kommen und Gehen allerwärts auf der

Erde besprochen und verzeichnet wird, dessen Reden das Kabel unverkürzt

nach allen Enden der Welt entsendet und der einzige Ausländer von nicht

königlichem Geblüt, dessen Ankunft in London ebenso viel Aufsehen

macht, wie eine Sonnenfinsternis.

Daß er kein Findelkind des Glückes, sondern ein außerordentlicher

Mensch ist, leugnen auch seine liebsten südafrikanischen Feinde nicht,

soweit mir ihr Zeugnis bekannt ist. Die ganze Welt Südafrikas -- Freund

wie Feind -- sieht mit ehrfurchtsvollem Schauer zu ihm empor. Dem einen

Teil erscheint er als Bote Gottes, dem andern als ein Abgesandter

des Satans; das Volk ist sein Eigentum, mit einem Hauch kann er es

beglücken oder ins Verderben stürzen; viele beten ihn an, viele

verabscheuen ihn, aber kein kluger Mann wagt ihm zu fluchen, und selbst

die Unvorsichtigen tun es nur in leisem Flüsterton.

Was verschafft ihm aber diese gefürchtete Oberhoheit? Ist es sein

ungeheuerer Reichtum, von dessen Fettöpfen für eine Menge Menschen Lohn

und Unterhalt herabträufeln, was sie zu einem willfährigen Untergebenen

macht? Ist es seine persönliche Anziehungskraft und Ueberredungskunst,

mit der er alles hypnotisiert, was in den Bannkreis seines Einflusses

gerät? Sind es seine majestätischen Gedanken und Riesenpläne für

die Machterweiterung des britischen Reiches, sein patriotischer und

selbstloser Ehrgeiz? Will er den segensreichen Schutz und die gerechte

Herrschaft Englands über die weiten Länder des heidnischen Afrikas

ausbreiten, damit der dunkle Erdteil vom Ruhme des britischen Namens

wiederstrahlt? Oder beansprucht er die Erde als sein Eigentum und

halten seine Freunde so standhaft an ihm fest, weil sie glauben, er

wird sie bekommen und auch ihnen etwas abgeben? -- Was auch immer des

Rätsels Lösung ist, das Endresultat bleibt dasselbe.

Jedenfalls steht die Tatsache fest, daß Rhodes tun kann was er will,

ohne seine Herrschaft und seinen ungeheuern Anhang zu verlieren. Der

Herzog von Fife sagt selbst, ›er habe ihn betrogen‹, doch läßt sich

der Herzog in seiner Ergebenheit dadurch nicht irre machen. Rhodes

bringt die Reformpartei durch seinen Einfall in Transvaal in große

Not, aber die meisten glauben, er habe es gut gemeint. Er beklagt

die schwerbesteuerten Johannesburger und macht sie sich zu Freunden;

gleichzeitig verlangt er von seinen Ansiedlern in Rhodesia fünfzig

Prozent und sichert sich dadurch ihr Vertrauen und ihre Zuneigung in

solchem Maße, daß sie in Verzweiflung geraten, sobald sich nur das

Gerücht verbreitet, die Chartered Company solle aufgelöst werden.

Er fällt ins Land der Matabele ein, die er beraubt, erschlägt, und

sich dienstbar macht; dafür wird er von allen Charter-Christen mit

Lobsprüchen überhäuft. Er hat die Briten verführt, tonnenweise

wertlose Charter-Papiere für Noten der Bank von England zu kaufen,

und doch streuen ihm die Beraubten Weihrauch, als dem Gott künftigen

Ueberflusses. Er hat alles getan, was sich irgend tun ließ, um seinen

Sturz vorzubereiten; ein Dutzend großer Männer wären an seiner Stelle

sicherlich zu Fall gekommen. Er aber steht bis zum heutigen Tage auf

seiner schwindelnden Höhe unter dem Himmelsdom, als ein Wunder seiner

Zeit, als das Geheimnis des Jahrhunderts; die eine Hälfte der Welt

hält ihn für einen geflügelten Erzengel und die andere für einen

geschwänzten Teufel.

Ich bewundere ihn sehr, das gestehe ich ganz offen, und wenn seine Zeit

kommt, will ich mir ein Ende von seinem hanfenen Strick zum Andenken

kaufen.

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Ich bin mehr gereist als irgend ein Mensch und habe die

Entdeckung gemacht, daß selbst die Engel kein reines

Englisch sprechen.

_Querkopf Wilsons Kalender._

Den majestätischen Tafelberg habe ich jedenfalls gesehen. Er ist 3000

Fuß hoch; hat aber auch eine Höhe von 17000 Fuß. Man kann sich auf

diese Zahlen verlassen, denn ich weiß sie aus dem Munde der zwei

Bürger von Kapstadt, welche am besten darüber unterrichtet sind,

weil sie sich das Studium des Tafelbergs zum Lebensberuf gemacht

haben. Die Tafelbai wird so genannt, weil sie ganz eben ist. Das

Schloß des kommandierenden Generals ist vor dreihundert Jahren von

der Holländisch-Ostindischen Kompagnie erbaut worden. Auch die St.

Simons-Bai habe ich gesehen, wo der Admiral wohnt, ferner war ich

im Gouvernements-Haus und im Parlament, wo sich die Abgeordneten in

zwei Sprachen stritten und sich in keiner verständigten. Ich besuchte

den Klub und fuhr auf den schönen, gewundenen Straßen, die sich am

Meeresufer und an den Bergen entlang ziehen, durch das Paradies, wo die

Villen liegen. Auch in den hübschen alten holländischen Wohnhäusern aus

früherer Zeit, die noch jetzt so behaglich sind, verweilte ich als Gast.

* * * * *

Am 15. Juli traten wir in dem ›Norman‹, einem prächtigen, trefflich

ausgestatteten Schiff, die Rückfahrt nach England an, die kaum vierzehn

Tage währte, und bei der wir uns nur in Madeira aufhielten. Eine solche

Reise ist wie zum Ausruhen geschaffen für müde Leute, und deren hatten

wir viele an Bord. Mir war zu Mute, als hätte ich statt ein Jahr lang,

Jahrhunderte lang Vorlesungen gehalten, und die meisten Johannesburger

auf unserm Schiff waren noch sehr angegriffen von ihrer fünfmonatlichen

Einkerkerung im Gefängnis zu Prätoria.

Meine Reise um die Welt. Zweite Abteilung · 第 15 / 16 段