Ich glaube, der kleine schwarze Teufel war der größte Krakeeler in

ganz Indien, und das will viel sagen. Mir persönlich war sein Lärmen

sehr angenehm, aber die Meinigen gerieten oft ganz außer sich darüber.

Sie konnten sich nicht daran gewöhnen und fanden es unleidlich; es

verstieß gegen alle ihre Begriffe von Wohlanständigkeit. Wenn wir

noch sechshundert Meter weit von einem der großen Bahnhöfe waren,

hörten wir oft einen wahren Heidenlärm, ein gellendes Geschrei und

Gekreisch, ein Poltern und Wüten. Ich ergötzte mich dann sehr über den

Höllenspektakel, aber meine Familie sagte voll tiefer Beschämung:

»Da kannst du’s wieder hören -- das ist Satan! Weshalb gibst du ihm

nicht seinen Laufpaß?«

Und richtig -- mitten in dem riesigen Menschengewühl stand der kleine

schwarze Knirps und zappelte an allen Gliedern, wie eine Spinne, die

Bauchgrimmen hat. Seine schwarzen Augen blitzten, die Troddel auf

seinem Fez tanzte in der Luft und sein Mund strömte ganze Fluten von

Schelt- und Schimpfwörtern über die erstaunten Kulis aus, die um ihren

Lohn bettelten.

Ich war ganz verliebt in ihn, das leugne ich nicht; aber meine

Angehörigen konnten kaum mehr von ihm sprechen ohne sich aufzuregen.

Noch heutigen Tages bin ich untröstlich über seinen Verlust und wünsche

ihn mir zurück, während bei ihnen das gerade Gegenteil stattfindet.

Er war aus Surat gebürtig; zwischen seiner Vaterstadt und Manuels

Geburtsort lagen zwanzig Breitegrade, aber der Abstand zwischen ihren

Charakteren, ihrer beiderseitigen Gemütsart und Handlungsweise war noch

unendlich viel größer. Manuel hatte ich gern; aber meinen Satan liebte

ich. Sein wirklicher Name war so recht indisch, daß ich ihn nie recht

begriffen habe, er klang wie Bunder Rao Ram Chunder Clam Chowder; für

den Alltagsgebrauch war eine Abkürzung entschieden bequemer.

Als er etwa zwei oder drei Wochen bei uns war, fing er an allerlei

Mißgriffe zu begehen, die ich nur mit Mühe wieder gutmachen konnte. In

der Nähe von Benares stieg er zum Beispiel auf einer Station aus, um zu

sehen, ob er nicht mit irgend jemand Streit anfangen könnte. Nach der

langen, ermüdenden Fahrt bedurfte er einer Erholung. Er fand auch was

er suchte, setzte jedoch sein Spektakeln etwas zu lange fort, und der

Zug fuhr ohne ihn ab. Da waren wir nun in der fremden Stadt und hatten

kein Zimmermädchen -- eine große Unbequemlichkeit! Wir sagten ihm, das

dürfe nicht wieder vorkommen, worauf er sich verbeugte und »Ja, Herr!«

sagte, so lieb und freundlich wie immer.

In Lucknow beging er den großen Irrtum sich zu betrinken. Ich sagte,

der arme Mensch hätte das Fieber bekommen, und die Meinigen gaben ihm

aus Mitgefühl und Besorgnis ein Chininpulver ein, das ihm wie Feuer

in den Eingeweiden brannte. Die Gesichter, welche er dabei schnitt,

brachten mir einen bessern Begriff vom Erdbeben in Lissabon bei,

als alle Gemälde und Beschreibungen dieses Naturereignisses. Auch

am nächsten Morgen war sein Rausch noch nicht verflogen, doch hätte

ich der Familie seinen Zustand gewiß verbergen können, wäre er nur

zu bewegen gewesen, noch ein Chininpulver einzunehmen. Aber obgleich

er nicht recht bei Sinnen war, kam ihm doch dann und wann wieder ein

lichter Augenblick. Er machte einen ungeschickten Versuch sich zu

verbeugen und lallte mit unbeschreiblich dummem Lächeln: »Bitte nicht,

Mem Saheb, bitte nicht, Missy Saheb, kein Pulver für Satan, bitte.«

Eine innere Stimme verriet ihnen, daß er betrunken sei, und nun wurde

ihm aufs bestimmteste angekündigt, man werde ihn augenblicklich

entlassen, falls so etwas wieder vorkäme. »Bitte, bitte«, murmelte er

in rührselig weinerlichem Ton unter vielen Verbeugungen.

Es verging kaum eine Woche, da hatte sich der Unglücksmensch schon

wieder betrunken und diesmal, o Jammer, nicht im Hotel, sondern im

Privathause eines englischen Herrn und obendrein in Agra! Also mußte

er fort. Als ich es ihm ankündigte, sagte er demutsvoll: »Ja, Herr!«

machte seine Abschiedsverbeugung und verließ uns auf Nimmerwiederkehr.

Gott weiß, ich hätte lieber hundert Engel hergegeben als diesen einen

reizenden Teufel. Wie vornehm sah er aus, wenn er in einem feinen Hotel

oder Privathaus Staat machen wollte! Er war dann vom Kopf bis zu den

nackten Füßen ganz in schneeweißen Musselin gekleidet, hatte einen

feuerroten, mit Goldfaden gestickten Gürtel um die Hüften, und auf dem

Haupt einen seegrünen Turban, wie ihn nur der Großtürke trägt.

Ein Lügner war er nicht; doch wird er wohl mit der Zeit einer werden.

Einmal sagte er mir: als Knabe hätte er die Kokosnüsse immer mit den

Zähnen aufgebissen. Als ich ihn fragte, wie er sie habe in den Mund

stecken können, antwortete er, damals sei er sechs Fuß hoch gewesen

und habe einen ungewöhnlich großen Mund gehabt. Um ihn in die Enge zu

treiben, erkundigte ich mich, wie ihm denn der sechste Fuß abhanden

gekommen wäre, worauf er erwiderte, ein Haus sei auf ihn gefallen

und er habe seitdem seine frühere Statur nie wieder erlangen können.

-- Wenn ein sonst wahrheitsliebender Mensch sich einmal derartige

Abschweifungen von dem wirklichen Sachverhalt gestattet, gerät er

leicht immer tiefer in die Unwahrheit hinein, bis er schließlich zum

Lügner wird.

Satans Nachfolger war ein Moslemin -- Sahadat Mohammed Khan, ein sehr

dunkler, sehr großer und sehr ernster Mann. Er trug lange faltige

weiße Gewänder, schlich geräuschlos umher, sah aus wie ein Gespenst

und sprach mit leiser Stimme. Wir waren mit ihm zufrieden, denn er tat

seine Pflicht, aber wo _er_ schaltete und waltete schien die ganze

Woche über Sonntag zu sein. Das war zu Satans Zeit anders gewesen.

* * * * *

Jeypore ist eine ganz indische Stadt, zeichnet sich aber durch

mancherlei Einrichtungen aus, die es der europäischen Wissenschaft und

dem europäischen Interesse für das Gemeinwohl verdankt. Ich erwähne

nur eine reichliche Wasserversorgung durch Leitungen, welche auf

Staatskosten angelegt sind; allerlei hygienische Vorkehrungen, die

Jeypore zu einem für indische Verhältnisse ungewöhnlich gesunden Orte

machen; einen herrlichen Lustgarten, wo der Eintritt an bestimmten

Tagen nur den Frauen gestattet ist; Schulen, in denen die eingeborene

Jugend in allen schönen und nützlichen Künsten unterwiesen wird,

sowie einen neuen, prächtigen Palast, der ein höchst wertvolles und

interessantes Museum enthält. Wenn der Maharaja kein Verständnis für

solche wohltätige Einrichtungen hätte und sie nicht mit Geldmitteln

unterstützte, würden sie nicht bestehen können; aber _er_ gilt für

einen aufgeklärten und großmütigen Mann, der jedem Fortschritt

zugänglich ist.

Die Bauart von Jeypore ist höchst eigentümlich; es liegt innerhalb

einer hohen mit Türmen besetzten Mauer und wird durch vollkommen

gerade, über hundert Fuß breite Straßen in sechs Teile geteilt. Die

lange Front der Häuser zeigt viele sehr anziehende architektonische

Eigenheiten; kleine malerische Altane mit Säulen und mancherlei

Zieraten unterbrechen überall die Einförmigkeit der geraden Linie;

lauschige Nischen, Simse und vorspringende Erker fallen bald hier

bald da ins Auge; auch sieht man an manchen Häusern merkwürdige

Malereien, und das Ganze hat eine Färbung von schönem, zartem Rosa,

wie Erdbeereis. Wer die breite Hauptstraße hinunterblickt, kann sich

kaum vorstellen, daß sie aus wirklichen Gebäuden besteht. Man hat den

Eindruck, als sähe man ein Gemälde oder Theaterkulissen.

Diese Illusion war besonders stark an einem großen Tage, den wir in

Jeypore erlebten: Ein reicher Hindu hatte auf seine Kosten eine Menge

Götzenbilder anfertigen lassen, die um zehn Uhr morgens in feierlichem

Zuge durch die Stadt gefahren wurden. Die langen Reihen der Dächer,

die zahllosen Balkone, die phantastischen Vogelkäfige und behaglichen

kleinen Nestchen an der Vorderseite der Häuser, waren dicht mit

Eingeborenen besetzt. Jede dieser Gruppen bildete eine feste Masse, die

in den glänzendsten Farben strahlend, sich prächtig gegen den blauen

Himmel abhob und von der Sonne Indiens in ein feuriges Flammenmeer

verwandelt wurde. Auch die breite Straße selbst war, so weit das

Auge reichte, mit bunt geschmückten Menschen angefüllt, die alle

durcheinander wimmelten, sich hierher und dorthin wälzten, sich bald

vom Strom vorwärts treiben, bald im Kreise drehen ließen. Und dabei

diese wundervollen Farben! Von den zartesten, blassesten, weichsten

Schattierungen, bis zu den stärksten, lebhaftesten, grellsten und

glänzendsten Tönen, als käme ein Riesenschwarm bunter Wickenblüten auf

den Flügeln der Windsbraut einhergestürmt. Plötzlich teilte sich dieses

Farbenmeer, um den majestätischen Zug der Elefanten durchzulassen,

die mit ihrem prächtigsten Schmuck angetan, schwankenden Schrittes

daherkamen, gefolgt von langen Reihen phantastischer Wagen und Karren,

welche die verschiedenen Gruppen der ebenso seltsamen wie kostbaren

Götzenbilder trugen. Den Schluß bildete der zahlreiche Nachtrab

stattlicher Kamele mit ihren malerisch gekleideten Reitern.

Alles war so neu und fremdartig, so unbeschreiblich eindrucksvoll und

farbenprächtig, daß wir uns von dem fesselnden Anblick kaum loszureißen

vermochten. Es war der sinnenberückendste Aufzug, den ich je gesehen

habe, und etwas Aehnliches zu erblicken, wird mir schwerlich noch

einmal im Leben zu teil werden.

Neunzehntes Kapitel.

Katzen haben ein zähes Leben,

Lügen ein noch viel zäheres.

_Querkopf Wilsons Kalender._

Ende März segelten wir von Kalkutta ab, hielten uns einen Tag in

Madras, drei Tage in Ceylon auf und fuhren dann westwärts, nach der

Insel Mauritius.

* * * * *

_Aus dem Tagebuch, 7. April._ -- Wir sind jetzt weit draußen auf der

glatten Wasserwüste des Indischen Ozeans. Unter dem großen Leinwandzelt

sitzt sich’s behaglich und friedlich im Schatten; wir führen ein Leben,

das ganz ideal genannt werden kann.

Unser Kapitän hat die Eigentümlichkeit, daß die Wahrheit in seinem

Munde immer unglaubwürdig klingt, während ein ernster Schotte an

unserer Tafel jede Lüge, die er vorbringt, wahrscheinlich zu machen

weiß. Tut der Kapitän eine Aeußerung, so sehen sich die Zuhörer

fragend an, jeder denkt: »Ist das auch wahr?« Stellt der Schotte eine

Behauptung auf, so liest man in allen Blicken: »Wie interessant, wie

merkwürdig!« Diese Tatsache läßt sich nur aus der verschiedenen Art und

Weise beider Männer erklären. Der Kapitän trägt aus Schüchternheit und

Mangel an Selbstvertrauen, bei den einfachsten Angaben, die er macht,

eine ängstliche Miene zur Schau. Der Schotte sagt die offenkundigsten

Lügen mit einem Schein strengster Wahrhaftigkeit, so daß man, selbst

gegen besseres Wissen, gezwungen ist ihm zu glauben.

Einmal erzählte uns der Schotte, er habe sich im Springbrunnen seines

Gewächshauses einen zahmen fliegenden Fisch gehalten, der selbst für

seinen Unterhalt sorgte, und sich in den umliegenden Feldern, Vögel,

Frösche und Ratten zur Nahrung fing. Man sah deutlich, daß keiner der

Tischgäste an dieser Geschichte zweifelte.

Als dann später von Zollbelästigungen die Rede war, und der Kapitän

berichtete, wie es ihm einmal in Neapel ergangen sei, tat er es mit so

unsicherem Wesen, daß niemand seinen Worten Glauben schenkte.

Er sagte: »Der Beamte fragte mich mehrmals, ob ich etwas Verzollbares

bei mir hätte und sah mich sehr zweifelnd an, als ich es verneinte. Nun

forderte mich ein Passagier auf, zum Abschied ein Glas Wein mit ihm zu

trinken, was ich jedoch mit dem Bemerken ausschlug, ich hätte soeben an

Bord einen Schluck Cognac genommen. Das hörte der Beamte und ließ sich

einen Sixpence Zollgebühren für den Cognac bezahlen, ferner fünf Pfund

Sterling als Strafe für undeklarierte Ware, fünf Pfund wegen falscher

Angabe, daß ich nichts Verzollbares hätte, fünf Pfund, weil die Ware

verborgen worden sei und fünf Pfund wegen unerlaubten Schmuggels. Alles

in allem fünfundsechzig Pfund und Sixpence für solche Kleinigkeit.«

Ich bin überzeugt, der Schotte sagt lauter Lügen und man glaubt ihm

alles, während der Kapitän, so viel ich weiß, immer die Wahrheit

spricht und doch für einen Lügner gehalten wird. Das ist fast so

merkwürdig wie die Erfahrung, welche ich selbst als Schriftsteller in

dieser Beziehung gemacht habe: ich konnte nie eine Lüge sagen, welche

Zweifel erregte, noch eine Wahrheit, der jemand Glauben schenkte.

* * * * *

_10. April._ -- Die See ist blau wie das Mittelmeer, und das ist wohl

eine der himmlischsten Farben, welche die Natur besitzt. --

Wie wunderbar ist doch die verschwenderische Großmut, mit welcher

die Natur ihre Geschöpfe bedacht hat! Das heißt, alle, mit Ausnahme

des Menschen. Für die, welche fliegen, hat sie ein Haus gebaut, das

vierzig Meilen hoch ist, den ganzen Erdball umgibt und ihnen kein

Hindernis bietet. Denen, welche schwimmen, weist sie ein Gebiet an, wie

es kein Kaiser besitzt, ein Gebiet, das vier Fünftel der Erde bedeckt

und meilenweit in die Tiefe geht. Den Menschen dagegen speist die

Natur mit allerlei Brocken und Ueberbleibseln der Schöpfung ab. Sie

hat ihm nur die obere Schicht gegeben, die magere Haut, mit welcher

ein Fünftel der Erde so dünn überzogen ist, daß überall die nackten

Knochen hervorragen. Obendrein liefert die Hälfte seines Gebietes

nichts als Schnee, Eis, Sand und Felsgestein. So verbleibt ihm denn

nur noch ein Zehntel des ganzen Familienerbes als wirklich wertvoller

Besitz. Er kann im Schweiße seines Angesichts kaum genug erwerben, um

sein Leben zu fristen, denn er muß außerdem noch für den Unterhalt

der Könige und Soldaten sorgen, und Pulver herbeischaffen, damit die

Segnungen der Zivilisation weiter ausgebreitet werden. Und doch glaubt

der Mensch, weil er nicht zu rechnen versteht, in seiner Einfalt und

Selbstgefälligkeit, daß die Mutter Natur ihn als das wichtigste Glied

der Familie betrachtet, daß er ihr Lieblingskind ist. Es müßte doch

wahrlich selbst seinem blöden Verstande zuweilen auffallen, welche

sonderbare Art sie hat, ihre Vorliebe zu beweisen.

* * * * *

_Nachmittags._ -- Der Kapitän hat uns soeben erzählt, es sei auf

einer seiner Fahrten im Nördlichen Eismeer so kalt gewesen, daß der

Schatten des Schiffsmaats auf dem Deck festfror, und man nur mit

Gewalt zwei Drittel davon wieder loseisen konnte. Alle schwiegen bei

dieser Mitteilung, niemand äußerte ein Wort, und der Kapitän ging ganz

betreten davon. -- Er wird noch alle Lust verlieren, überhaupt etwas zu

sagen.

Es gibt doch nichts Ruhevolleres als einen Tag auf dem Tropenmeer:

die blaue See ist glatt und ohne Bewegung, nur die schnelle Fahrt

des Schiffes erzeugt einen frischen Lufthauch, und bis zum fernsten

Horizont kann man nicht das kleinste Segel erspähen. Es kommen keine

Briefe an, die gelesen und beantwortet werden müssen, man wird nicht

durch Zeitungsnachrichten aufgeregt, durch Telegramme beunruhigt

und erschreckt; die Welt liegt weit abseits, sie ist für uns nicht

vorhanden -- anfangs verblaßte sie wie ein Traum, jetzt ist sie ins

Wesenlose versunken. All ihr Arbeiten und Streben, ihr Glück und

Unglück, ihre Wonne und Verzweiflung, ihre Freuden und Kümmernisse,

ihre Sorgen und Qualen, haben nichts mehr mit unserem Leben zu

schaffen, sie sind vorübergezogen wie ein Sturm, auf den tiefe

Windstille gefolgt ist.

Die in schneeweißes Linnen gekleideten Passagiere versammeln sich in

Gruppen auf dem Deck; sie lesen, rauchen, spielen Karten, plaudern,

halten ein Mittagsschläfchen, kurz tun was sie wollen. Auf andern

Schiffen stellt man fortwährend Berechnungen an, wie lange die Fahrt

noch dauern wird, auf diesen Meeren geschieht das höchst selten.

Kein Mensch kümmert sich um das Anschlagebrett, wo die tägliche

Fahrgeschwindigkeit verzeichnet wird, auch wettet man natürlich nicht

auf den Lauf des Schiffes, wie das bei Reisen über den Atlantischen

Ozean zu geschehen pflegt.

Mir selbst ist es vollständig gleichgültig, wann wir in den Hafen

kommen; auch habe ich noch keinen der andern Passagiere darnach fragen

hören. Wenn es nach mir ginge, würden wir überhaupt nie mehr landen;

denn dies Leben auf dem Wasser hat für mich einen unaussprechlichen

Reiz. Da gibt es weder Ermüdung, noch Abspannung, noch Mißstimmung, man

hat keine Sorge, keine Arbeit, keine Verantwortlichkeit. Wo wäre wohl

auf dem Lande solches Behagen, solche Heiterkeit, solcher Friede und

ein so volles Genügen zu finden? Hätte ich die Wahl, ich segelte endlos

weiter auf diesem wundervollen Meer und schlüge meinen Wohnsitz nie

wieder am festen Lande auf.

* * * * *

_Mittwoch 15. April._ -- Mauritius. -- Um zwei Uhr nachmittags gingen

wir bei Port Louis vor Anker. Die Klippen und Spitzen der zerklüfteten

Felsengruppen sind bis zum höchsten Gipfel hinauf bewaldet; auf der

grünen Ebene liegen die Wohnhäuser zwischen tropischen Gebüschen

verstreut. Hier ist der Schauplatz der Geschichte von Paul und Virginie.

* * * * *

_Donnerstag 16. April._ -- In Port Louis ans Land gegangen. Wir

fanden in der kleinen Stadt die mannigfaltigsten Nationalitäten und

Hautschattierungen, die uns bisher vorgekommen waren: Franzosen,

Engländer, Chinesen, Araber, Afrikaner mit Wollköpfen oder glattem

Haar, Ostindier, Mischlinge, Quadronen in den verschiedensten Trachten

und Farben. -- Die Geschichte von Mauritius verzeichnet offenbar nur

_eine_ wichtige Begebenheit, und diese hat sich obendrein niemals

zugetragen. Ich meine den romantischen Aufenthalt von Paul und

Virginie, welcher jedermann mit dem Namen der Insel vertraut machte,

während ihre geographische Lage aller Welt verborgen blieb.

* * * * *

_18. April._ -- Dies ist das einzige Land auf Erden, wo man den Fremden

nicht fragt: »Wie gefällt Ihnen unsere Gegend?« Alles Reden über die

Insel geht von den Bewohnern selbst aus, der Reisende braucht nur

zuzuhören und erhält allerlei Belehrung. Von einem Bürger erfährt er,

daß Mauritius zuerst erschaffen wurde und dann der Himmel nach dem

Vorbild von Mauritius. Ein anderer erklärt das für Uebertreibung und

behauptet, man lebe in Mauritius durchaus nicht wie im Himmel; wer zum

Beispiel nicht gezwungen wäre in Port Louis zu wohnen, würde sich den

Aufenthaltsort gewiß nicht wählen.

Ein Engländer sagte mir:

»Die Insel ist bekannt wegen der ungewöhnlich langen Quarantäne, welche

die Schiffe für nichts und wieder nichts halten müssen; dieselbe dauert

oft drei bis vier Wochen. Einmal wurde sogar die Quarantäne über ein

Schiff verhängt, weil der Kapitän als Knabe die Blattern gehabt habe.

Außerdem war er auch Engländer. Der französische Einfluß ist von

früherher noch immer am vorherrschendsten auf der Insel; die Zahl der

Engländer ist gering und der Gouvernementsrat besteht fast nur aus

Franzosen.

»Die Bevölkerung beträgt etwa 375000. Die meisten sind Ostindier; außer

ihnen gibt es Mischlinge und Neger, welche Abkömmlinge der Sklaven

aus der Zeit der französischen Herrschaft sind; ferner Franzosen und

Engländer. Die Mischlinge stammen aus Verbindungen von Weißen und

Schwarzen, Mulatten, Quadronen oder Quarteronen; es sind daher alle

nur denkbaren Schattierungen vertreten: ebenholzschwarz, mahagoni,

kastanienbraun, fuchsrot, syrupfarben, dunkelbernsteingelb, hellgelb,

crêmefarben, elfenbeinweiß und aschgrau. Letzteres ist die Farbe,

welche der Angelsachse bei längerem Aufenthalt im Tropenklima annimmt.

»Die meisten Bewohner von Mauritius kennen nichts als ihre Insel und

haben weder viel gelernt noch gelesen -- außer der Bibel oft nur

Paul und Virginie. Von diesem Roman werden jährlich viele Exemplare

verkauft, und es gibt Leute, welche glauben, er wäre ein Teil der

Bibel. Es ist das berühmteste Buch, das je über Mauritius geschrieben

worden ist -- aber auch das einzige. Die drei Hauptländer der Erde

sind nach Ansicht der Bürger: Judäa, Frankreich und Mauritius, und daß

sie in einem der drei geboren sind, erfüllt sie mit Stolz. Rußland

und Deutschland gehören, ihres Wissens, zu England und von letzterem

haben sie keine große Meinung. Wer über die Vereinigten Staaten und den

Aequator etwas hat verlauten hören, glaubt, das seien zwei Königreiche.

»Der Buchhandel auf der Insel ist unbedeutend; für Bildung und

Unterhaltung des Volks müssen die Zeitungen sorgen, welche aus zwei

ureinfach gedruckten Seiten bestehen, die eine mit französischem, die

andere mit englischem Text. Die englische Seite ist eine Uebersetzung

der französischen; einen Korrekturleser gibt es nicht -- der Mann ist

gestorben.

»Und was steht darin? Wo nimmt man auf der kleinen, entlegenen Insel

mitten im indischen Ozean täglich den Stoff her, um eine ganze

Druckseite zu füllen? -- Den muß Madagaskar liefern, Madagaskar und

Frankreich. Ratschläge, die man der Regierung erteilt und abfällige

Bemerkungen über die englische Verwaltung bilden den übrigen Inhalt der

Tagesblätter, deren Besitzer und Herausgeber französische Kreolen sind.

»Das Französische ist Landessprache. Jeder muß es sprechen, er mag

wollen oder nicht. Besonders ohne das Mischlings-Französisch, das die

Leute mit den vielen verschiedenfarbigen Gesichtern reden, kann man

sich hier gar nicht verständlich machen.

»Mauritius war früher sehr wohlhabend, denn man macht hier den besten

Zucker in der ganzen Welt. Aber zuerst verdarb der Suez-Kanal die

Handelsverbindungen der Insel, und dann verschloß ihr der Rübenzucker

mit Hilfe der Zuckerprämien den europäischen Markt. Viele der

größten Zuckerpflanzer befinden sich in Geldverlegenheit und würden

ihre Besitzungen gern für die Hälfte der Summen hergeben, die sie

hineingesteckt haben. Wenn ein Land erst anfängt die Teekultur zu

betreiben, so ist das ein sicheres Zeichen für den Rückgang seines

Hauptprodukts, dafür liefern Bengalen und Ceylon den Beweis. Auch in

Mauritius macht man jetzt Versuche mit der Teekultur.«

* * * * *

_20. April._ -- Der jährliche Cyklone richtet oft große Verwüstungen

in den Zuckerfeldern an. Im Jahre 1892 wurden Hunderte von Menschen

durch den Cyklone getötet oder zu Krüppeln gemacht, und der

sündflutartige Regen, der dabei Port Louis überschwemmte, erzeugte

großen Wassermangel. Das ist buchstäblich wahr, denn er zerstörte das

Wasserwerk und die Leitungsröhren, und als sich die Flut verlaufen

hatte, herrschte eine Zeitlang arge Not, weil man kein Wasser bekommen

konnte. -- Die Wut jenes Wirbelsturms war fürchterlich; er machte

ganze Straßen von Port Louis zu Trümmerhaufen, entwurzelte Bäume,

deckte Dächer ab, schmetterte einen Obelisken zu Boden, riß Schiffe

vom Anker los und schleuderte ein amerikanisches Fahrzeug bis in den

Wald hinauf. Ueber eine Stunde lang krachte der Donner ohne Unterlaß,

die Blitze zuckten und der Wind heulte -- es war ein Höllenlärm ohne

gleichen. Dann trat plötzlich Ruhe ein, heller Sonnenschein und völlige

Windstille; die Menschen wagten sich hinaus, um den Verwundeten

beizustehen und nach ihren Freunden und Angehörigen zu suchen. Da brach

der rasende Sturm unvermutet aus einer andern Himmelsgegend von neuem

los und richtete vollends alles zu Grunde.

Die Wege auf der Insel sind fest und eben, die Bungalows bequem

ausgestattet, die Höfe sehr geräumig; längs der Fahrstraßen wachsen

hohe grüne Bambushecken, und -- was ich noch nie gesehen habe --

Hecken von roten und weißen Azaleen, die sich wunderhübsch ausnehmen.

Mauritius ist ein einziger, großer, gartenähnlicher Park. Die wogenden

Zuckerrohrfelder mit ihrem frischen Grün tun dem Auge wohl; überall

entfaltet sich tropischer Pflanzenwuchs in üppigster Fülle, helles

und dunkles Grün, dicht verschlungenes Unterholz von hohen Palmen

überragt, große schattige Wälder mit klaren Flüssen, die sich bald im

Dunkel verlieren, bald lustig wieder ans Tageslicht gesprungen kommen;

auch kleine Berge mit spielzeugartigen Klippen und Felsengruppen hat

Mauritius aufzuweisen und dann und wann einen Durchblick auf das Meer

mit dem weißen Schaum der Brandung. Die Insel ist sehr hübsch in ihrer

Art, doch fehlt ihr das Erhabene, Großartige, Geheimnisvolle, wie

es unersteigliche Bergeshöhen mit Gipfeln, die in den Himmel ragen,

und weite Fernsichten einer Gegend verleihen; der Gesamteindruck ist

reizend, aber nicht überwältigend, er berührt uns angenehm, dringt aber

nicht bis in die Tiefe der Seele.

Meine Reise um die Welt. Zweite Abteilung · 第 12 / 16 段