Den gewaltigsten Kampf mit dem Menschen besteht jedoch der Elefant,

der König des Dschungels; er verliert jährlich vier von seiner

Genossenschaft, rächt sich aber durch den Tod von 45 Personen. Tiere

bringt der Elefant nur wenige um, vielleicht 100 in sechs Jahren, meist

die Pferde der Jäger; in demselben Zeitraum tötet der Tiger mehr als

84000 Stück Vieh, der Leopard 100000, der Bär 4000, der Wolf 70000, die

Hyäne mehr als 13000, andere Raubtiere 27000 und die Schlangen 19000,

was die großartige Gesamtsumme von 300000 oder durchschnittlich 50000

Stück im Jahr ausmacht. -- Die Regierung vertilgt während der nämlichen

Zeit 3201234 Raubtiere und Schlangen. Zehn für eins.

Die Schlangen töten viel lieber Menschen als Tiere, und es wimmelt

in Indien von gefährlichen Giftschlangen. Die schlimmste, die es

überhaupt gibt, ist die Kobra; gegen sie erscheint die Klapperschlange

als das harmloseste Geschöpf von der Welt. Bei meinen statistischen

Ermittelungen bin ich zu dem Ergebnis gelangt, daß die Raubtiere in

sechs Jahren 20000 Personen töteten und die Schlangen 103000. In

demselben Zeitraum vertilgt die Regierung 1073546 Schlangen. Es

bleiben noch immer genug übrig.

In Indien schwebt man beständig in Todesgefahr und kommt oft nur knapp

mit dem Leben davon. In jenem Dschungel, wo ich so viele Elefanten und

sechzehn Tiger erlegt habe, wurde ich von einer Kobra gebissen; die

Wunde heilte jedoch wieder, was alle Welt in Erstaunen setzte. So etwas

kommt in zehn Jahren höchstens einmal vor. Im gewöhnlichen Lauf der

Dinge wäre schon nach einer Viertelstunde der Tod eingetreten.

* * * * *

Von Kalkutta aus verfolgten wir bei unserer Fahrt durch Indien eine

Art Zickzackweg in nordwestlicher Richtung. Wir fuhren durch lange

Strecken, die wie ein einziger Garten aussahen: viele Meilen weit war

alles mit den schönen Blumen bedeckt, aus deren Saft das Opium bereitet

wird, und bei Muzaffurpore gerieten wir mitten in die Indigokultur.

Eine Zweigbahn sollte uns in der Nähe von Dinapore an den Ganges

bringen, doch sie hielt an jedem Dorfe an, ohne daß jemand einstieg

oder Fracht verladen wurde; überall schwatzten die Eingeborenen wer

weiß wie lange mit ihren Freunden, die Zeit verstrich, und wir machten

uns schon darauf gefaßt, statt sechs Stunden, eine Woche unterwegs zu

bleiben. Da beschlossen die englischen Offiziere, diese Schneckenbahn

in einen Schnellzug umzuwandeln. Sie gaben dem Lokomotivführer eine

Rupie, und das Mittel half. Es ging nun wie der Wind; der Zug machte

neunzig Meilen in der Stunde. Im Morgengrauen fuhren wir über den

Ganges und erreichten noch glücklich unsern Anschluß. Bald waren wir

wieder in Benares, und nach einem vierundzwanzigstündigen Aufenthalt an

diesem merkwürdigen Hauptsitz der Frömmigkeit, setzten wir unsere Reise

nach Lucknow fort, wo die Engländer während des indischen Aufstands

im Jahre 1857 die großartigsten Beweise von Mut und Standhaftigkeit

gegeben haben, welche die britische Geschichte jemals zu verzeichnen

hatte.

Die Hitze war unbeschreiblich, alles Gras auf der weiten Ebene versengt

und verdorrt von der glühenden Sonne, der Boden mit gelblichem

Staub bedeckt, der in Wolken durch die Luft wirbelte. Aber zu jener

Schreckenszeit, als die Entsatztruppen nach dem belagerten Lucknow

marschierten, herrschte noch eine ganz andere Temperatur -- 138 Grad

Fahrenheit im Schatten.

Es scheint jetzt eine ausgemachte Sache zu sein, daß eine der

Hauptursachen des Aufstandes die Besitzergreifung des Königreichs

Oudh durch die Ostindische Kompagnie war, eine Tat, welche Sir Henry

Lawrence »die größte Ungerechtigkeit« nennt, »die je verübt worden

ist«. -- Schon im Frühling 1857 machte sich ein aufrührerischer Geist

in vielen eingeborenen Regimentern bemerkbar, der mit jedem Tag weiter

um sich griff. Die jüngeren Offiziere nahmen die Sache sehr ernst; sie

hätten den Ungehorsam gern sofort im Keime erstickt, doch fehlte ihnen

die nötige Machtbefugnis. Die höheren Militärs waren meist bejahrte

Männer, die längst nicht mehr hätten im aktiven Dienst sein sollen.

Sie legten den etwaigen mißlichen Vorkommnissen wenig Wert bei, da sie

große Stücke auf die eingeborenen Truppen hielten und nicht glaubten,

daß diese sich durch irgend welche Umstände zur Empörung treiben lassen

würden. Lächelnd hörten die Greise das unterirdische Grollen des

Vulkans, auf dem sie standen und meinten, es habe nichts zu bedeuten.

So hatten denn die Anstifter des Aufstandes völlig freie Hand.

Ungehindert zogen sie von einem Lager zum andern, schilderten den

eingeborenen Soldaten, wie ungerecht die Bedrückung des Volks durch

die Engländer sei und fachten unversöhnlichen Groll und Rachedurst in

allen Herzen an. Sie wurden überdies in ihrem Vorhaben durch zweierlei

sehr wesentlich unterstützt: Zu Clives Zeiten waren die eingeborenen

Truppen nur ungeordnete, schlecht bewaffnete Haufen gewesen, gegen

welche die gutgeschulten englischen Soldaten, trotz ihrer Minderzahl,

leichtes Spiel gehabt hatten. Jetzt bestand fast die ganze britische

Kriegsmacht aus eingeborenen Regimentern, die wohlgeübt, trefflich

bewehrt und von den Briten selbst in der Kriegführung unterrichtet

waren; sie hatten alle Macht in Händen, denn die wenigen englischen

Bataillone, über welche Indien verfügte, waren im ganzen Lande

zerstreut. Noch größeren Einfluß auf die unzufriedenen Gemüter übte

aber eine alte Prophezeiung, welche besagte, daß genau hundert Jahre

nach der Schlacht, durch welche Clive das Reich gegründet hatte, die

Macht der Briten in Indien von den Eingeborenen zerstört und ihrer

Herrschaft ein Ende gemacht würde. Die eingeborenen Truppen hatten im

allgemeinen eine heilsame Furcht vor den englischen Soldaten und würden

vielleicht allen Ueberredungskünsten der Aufwiegler widerstanden haben,

aber einer Prophezeiung vermag kein Inder sein Ohr zu verschließen.

Der indische Aufstand brach am 10. Mai 1857 zu Mirat aus und

hatte eine lange Reihe von Greueltaten im Gefolge. Nana Sahibs

Niedermetzelung der wehrlosen Besatzung nach der Uebergabe von Cawnpore

fand im Juni statt, und dann begann die lange Belagerung von Lucknow.

England hat eine alte, ruhmvolle Kriegsgeschichte hinter sich, aber

in keinem Abschnitt derselben erscheint es uns größer, als bei der

Unterwerfung des Aufstandes. Die Briten wurden sozusagen im Schlafe

überfallen; sie waren unvorbereitet und zählten nur wenige Tausend in

einem Meer von feindlichen Völkerschaften. Monate mußten vergehen,

bis die Nachricht England erreichte und Hilfe kam. Aber die tapfern

Offiziere verloren keinen Augenblick durch Zaudern und Schwanken. Mit

heldenhafter Entschlossenheit und Hingebung leisteten sie Widerstand

gegen die erdrückende Uebermacht und führten den scheinbar völlig

aussichtslosen Kampf zum glänzenden Siege.

Ich habe alle denkwürdigen Orte besucht, welche damals Zeugen der

entsetzlichsten Schreckensszenen und des größten Heldenmutes gewesen

sind; auch das kostbare Denkmal über dem Brunnen in Cawnpore habe

ich gesehen, in welchen Nana Sahib die verstümmelten Leichen der

hingemordeten Frauen und Kinder werfen ließ. Das Andenken an die

furchtbaren Leiden und Großtaten jener Zeit wird von den Nachkommen

heilig gehalten und in treuer Erinnerung bewahrt.

In Agra und später in Dehli sahen wir viele Forts, Moscheen und

Grabmäler aus der Glanzzeit der mohammedanischen Kaiserherrschaft,

welche an Größe, Pracht und Reichtum alles übertrafen, was die

übrige Welt in dieser Beziehung zu bieten vermag. Die Kostbarkeit

des Baumaterials und der Ausschmückung machen sie zu Wunderwerken

ersten Ranges. Zum Glück hatte ich noch nicht viel darüber gelesen

und folglich auch meine Phantasie nicht übermäßig erhitzt; ich konnte

einen natürlichen und vernünftigen Maßstab anlegen und mich durch den

herrlichen Anblick innerlich ergreifen, beglücken und erheben lassen,

ohne Trauer und Enttäuschung zu empfinden.

Ich will ihre Pracht und Schönheit nicht eingehend beschreiben; nur von

einem dieser weltbekannten Bauwerke, dem berühmtesten von allen, dem

Tadsch Mahal bei Agra möchte ich noch ein Wort sagen. Ich hatte mich

im voraus viel zu viel mit den verschiedenen literarischen Ergüssen

über den Tadsch beschäftigt. Jetzt sah ich ihn bei Tage und sah ihn im

Mondlicht, von nah und von ferne; ich wußte, daß er ein Weltwunder war

und seinesgleichen weder auf Erden hatte noch jemals haben würde --

aber _mein_ Tadsch war es nicht. Meinen Tadsch hatte ich mir nach den

Phantasiegebilden einer Schar leicht erregbarer Literaten erbaut, und

er hatte sich so fest in meinem Kopfe eingenistet, daß er durch nichts

wieder herauszubringen war.

Wie hatten mir diese Schriftsteller aber den Tadsch geschildert? -- Ich

will nur einige Auszüge wiedergeben: »Die innere Ausschmückung,« heißt

es, »besteht aus kostbaren Steinen, Achat, Jaspis und dergleichen,

mit denen jede vorspringende Stelle geschmückt ist -- in dekorativer

Beziehung steht der Tadsch einzig in der Welt da -- er bildet die

Grenze, wo die Baukunst aufhört und die Juwelierarbeit beginnt -- der

Tadsch besteht ganz aus Marmor und Edelsteinen -- er ist mit reicher

Mosaikarbeit aus Juwelen verziert, welche köstliche Blumenmuster bildet

-- der Tadsch ist ein Kunstwerk von vollendeter Schönheit -- ein

Mausoleum von ungeheuerer Größe -- ein Marmor-Wunder mit Blumen aus

Edelgestein u. s. w. --«

Das ist alles wahr und richtig. Auch wissen die Schriftsteller

selbst recht gut, wie es gemeint ist, denn sie kennen den Wert ihrer

Worte. Der Leser aber faßt diese ganz anders auf. Er nimmt seine

Einbildungskraft zu Hilfe, und ehe er sich’s versieht, erhebt sich vor

seinen Blicken ein über und über mit Juwelen bedeckter Tadsch, so hoch

wie das Matterhorn.

Es ist mit solchen Beschreibungen ein eigenes Ding; sie stimmen zwar

mit der Wahrheit überein, aber doch dienen die Worte meist nur dazu,

die Tatsachen zu verdunkeln.

Als ich den Niagarafall zum erstenmal sah, schaute ich gen Himmel, denn

ich erwartete einen mindestens sechzig Meilen breiten und sechs Meilen

hohen Wassersturz zu erblicken -- ein Atlantischer Ozean sollte sich

meiner Meinung nach von einem Gipfel so hoch wie der Himalaja ergießen.

Als ich statt dessen die kleine nasse Schürze gewahrte, die man zum

Trocknen aufgehängt hatte, überwältigte mich die spielzeugartige

Wirklichkeit dergestalt, daß ich auf der Stelle in Ohnmacht fiel.

Niemals hätte ich weder dem Niagara noch dem Tadsch Mahal in die Nähe

kommen sollen! Wäre ich meilenweit fortgeblieben, so würde ich mir

meinen eigenen mächtigen Niagara, der vom Himmelsgewölbe herabstürzt,

unversehrt erhalten haben, und mein Tadsch würde sich noch jetzt aus

farbigen Nebelgebilden auf Regenbogen von Edelsteinen erbauen, die auf

Säulenhallen aus Mondschein ruhen. Wer seiner Phantasie nicht Zaum und

Zügel anlegen kann, sollte niemals ausziehen, um eins der berühmten

Weltwunder mit Augen zu sehen. Seine Vorstellung davon wird immer

mindestens vierzigmal besser und schöner sein als die Wirklichkeit.

Vor vielen vielen Jahren habe ich mir in den Kopf gesetzt, daß der

Tadsch unter den Kunstschöpfungen des Menschen, was Anmut, Schönheit,

Glanz und Pracht betrifft, genau denselben Platz einnimmt, auf den

unter den Schaustellungen der Natur der Rauhreif ein Anrecht hat. Ich

habe den Tadsch niemals mit irgend einem Tempel oder Palast verglichen,

welchen Menschenhand erbaut hat, er war für mich nichts mehr und nichts

weniger als die architektonische Verkörperung des Rauhreifs.

Hier in London sprach ich neulich einmal voll Begeisterung mit meinen

englischen Freunden vom amerikanischen Rauhreif; aber sonderbarerweise

hatten sie nie etwas davon gehört und verstanden mich nicht. Ein Herr

sagte, er habe den Rauhreif noch in keinem Buch erwähnt gefunden.

Das ist sehr sonderbar, aber ich erinnere mich auch nicht, je etwas

darüber gelesen zu haben, während sich doch andere Naturerscheinungen

-- zum Beispiel die Färbung des amerikanischen Herbstlaubs -- der

allgemeinsten Aufmerksamkeit erfreuen.

Und doch erregt der Rauhreif jedesmal bei uns das größte Aufsehen.

Wenn er kommt, fliegt die Kunde durch das ganze Haus von Zimmer zu

Zimmer, und selbst der trägste Schläfer springt aus dem Bette, um

ans Fenster zu eilen. Meist tritt er mitten im Winter ein und treibt

sein Zauberwesen bei nächtlicher Stille und Dunkelheit. Ein feiner

Sprühregen fällt viele Stunden lang auf die kahlen Zweige und Aeste

der Bäume und gefriert daran fest. Bald ist der Stamm und das ganze

Geäst, ja selbst das kleinste Zweiglein mit einer Kruste von klarem Eis

überzogen, der Baum sieht aus wie ein Skelett aus kristallhellem Glas.

Ueberall hängen Fransen von kleinen Eiszapfen herab, manchmal auch nur

runde Perlen, gleich gefrorenen Tränen.

In der Morgendämmerung hellt sich das Wetter auf, die Luft ist frisch

und rein, der Himmel wolkenlos, es herrscht tiefe Stille, kein

Windhauch erhebt sich. Schnell ist die Nachricht verbreitet; Große und

Kleine kommen in Decken und Tücher gehüllt an das Fenster gestürzt, wo

sie dicht aneinander gedrängt regungslos verharren und schweigend die

feenhafte Erscheinung in den Anlagen betrachten. Alle wissen, was jetzt

kommen wird und warten auf das Wunder. Man vernimmt keinen Laut, außer

dem Ticken der Wanduhr, und eine Minute nach der andern verrinnt. Da

schießt plötzlich die Sonne feurige Strahlen auf jeden der Geisterbäume

und verwandelt ihn in lauter glitzernde funkelnde Diamanten. Die

Zuschauer halten den Atem an, die Augen werden ihnen feucht, doch ihre

Spannung läßt nicht nach -- es kommt noch mehr. Die Sonne steigt höher,

sie überflutet den Baum vom höchsten Gipfel bis zum niedrigsten Ast

mit einem weißen Strahlengewand, und dann geschieht urplötzlich ohne

jede Vorbereitung das Wunder aller Wunder, das seinesgleichen nicht

auf Erden hat: ein Windstoß bewegt auf einmal die Aeste und der ganze

weiße Baum zerstäubt und sprüht nach rechts und links und überallhin

funkelnde Edelsteine von allen nur denkbaren Farben. Wie er sich

rüttelt und schüttelt wirbeln blitzende Rubinen, Smaragde, Diamanten

und Saphire durch die Luft. Es ist das glänzendste, köstlichste,

blendendste, feenhafteste Schauspiel, das man auf Erden haben kann --

eine Erscheinung von so göttlicher, berauschender Schönheit und so

unaussprechlichem, überirdischem Glanz, wie man sie außerhalb der

Himmelstore schwerlich wieder zu sehen bekommt.

Warum hat denn kein Maler je versucht, den Rauhreif auf die Leinwand

zu zaubern? -- Farben und Pinsel müssen wohl außer stande sein,

die Herrlichkeit dieser sonnendurchglühten Juwelen naturgetreu

wiederzugeben. Eine größere Strahlenpracht findet man nirgends im

Reiche der Schöpfung; unter den Menschenwerken aber läßt sich, nach

meinem Gefühl, nur der Tadsch Mahal mit der Schönheit des Rauhreifs

vergleichen.

Achtzehntes Kapitel.

Nimm dir vor, an jedem Tage etwas zu tun, wozu du keine

Lust hast. Dann wird dir die Erfüllung deiner Pflichten

bald keine Last mehr sein.

_Querkopf Wilsons Kalender._

Wir wanderten nun zufriedenen Sinnes weiter durch das indische Land. In

Lahore lieh mir der Vizestatthalter einen Elefanten. Eine so großartige

Aufmerksamkeit hatte mir noch niemand erwiesen, und da es ein schönes,

wohlerzogenes, leutseliges Tier war, fürchtete ich mich auch nicht

vor ihm. Ich ritt sogar ganz zuversichtlich durch die engen Gassen

im Stadtteil der Eingeborenen, wo alle Pferde beim Anblick meines

Elefanten vor Schrecken scheu wurden, und die Kinder ihm fortwährend

vor die Füße kamen. Er schritt mit mir majestätisch mitten auf der

Straße einher und zwang alle Welt ihm auszuweichen oder sich die Folgen

selbst zuzuschreiben. Ich glaube, mit der Zeit würde ich einen Ritt auf

dem Elefanten jeder Beförderungsart vorziehen. Wer auf seinem Rücken

thront, dem braucht vor keinem Zusammenstoß zu bangen, wie gewöhnlich

beim Reiten oder Fahren. Auf dem hohen Platz genießt man das Bewußtsein

großer Würde und eine wunderschöne Aussicht ins Weite; man kann aber

auch allen Leuten in die Fenster sehen und wissen, was sie in ihren

Familien treiben.

Wir fuhren bis nach Rawal Pindi an der afghanischen Grenze und dann

wieder zurück nach Dehli, um die alten wundervollen Bauwerke in

Augenschein zu nehmen, ohne sie zu beschreiben. Wir suchten auch den

Schauplatz des tollkühnen Angriffs auf, durch den die Briten beim

indischen Aufstand Dehli mit Sturm nahmen und sich unsterblichen

Ruhm erwarben. In dem Hause, wo damals das Hauptquartier des

englischen Generals war, fanden wir gastliche Aufnahme und konnten

uns von allen Reiseanstrengungen ausruhen. Die Besitzung gehörte

jetzt einem Engländer, der so gänzlich zum Orientalen geworden war,

daß er sogar einen Harem hatte. Ein weitherziger Mann, wie es wenige

gibt: für seinen Harem hat er eine Moschee gebaut und für sich eine

englische Kirche. Sein historisch interessantes Wohnhaus steht in

einem großen Garten und ist von stattlichen Bäumen umgeben, in denen

Affen hausen. Die Affen sind unverschämt und unternehmungslustig, sie

kennen keine Furcht, überfallen das Haus bei jeder Gelegenheit und

schleppen alles fort, was ihnen in die Hände fällt -- lauter Dinge,

die sie nicht brauchen können. Eines Morgens, als der Hausherr sein

Bad nahm, war das Fenster offen geblieben, und auf dem Sims stand

ein Topf mit gelber Farbe, in welchem der Pinsel steckte. Ein paar

Affen zeigten sich am Fenster, und um sie zu verscheuchen warf der

Herr seinen Schwamm nach ihnen. Statt zu erschrecken kamen sie ins

Zimmer gesprungen, bespritzten ihn über und über mit dem Farbenpinsel

und jagten ihn hinaus. Darauf strichen sie die Wände, den Fußboden,

den Wasserbehälter, die Fenster und Möbel gelb an; sie wollten eben

auch noch das Ankleidezimmer auf gleiche Weise malen, als die Diener

herbeikamen und sie vertrieben.

Zwei dieser ungezogenen Gesellen stahlen sich morgens früh in mein

Zimmer durch ein Fenster, dessen Läden ich nicht geschlossen hatte.

Als ich aufwachte, sah ich den einen vor dem Spiegel stehen und sein

Haar bürsten, während der andere sich meines Taschenbuchs bemächtigt

hatte, die humoristischen Notizen las -- und weinte. Der Affe mit der

Haarbürste kümmerte mich nicht, aber das Benehmen des andern kränkte

mich tief; es kränkt mich heute noch. Ich warf meinen Schuh nach ihm

-- das hätte ich nicht tun sollen, denn unser Wirt hatte mir gesagt,

man dürfe sich nie mit den Affen einlassen. Aus Rache bombardierten sie

mich nun mit allen Sachen, die sie aufheben konnten, dann wollten sie

noch mehr aus dem Badezimmer holen, aber ich warf rasch die Tür hinter

ihnen ins Schloß.

* * * * *

Zu Jeypore in Rajputana machten wir einen längeren Aufenthalt. Wir

wohnten dort in der kleinen Vorstadt der europäischen Beamten, welche

einige Meilen von der Hindustadt entfernt liegt. Es waren überhaupt nur

vierzehn Europäer da und wir fühlten uns ganz wie zu Hause.

Der indische Diener ist in mancher Beziehung ein wahrer Schatz, nur

muß man ihn beaufsichtigen, und das tun die Engländer. Wenn sie ihn

ausschicken um eine Besorgung zu machen, genügt ihnen nicht, daß der

Mann sagt, er hätte den Auftrag erfüllt. Schickte man uns Obst oder

Gemüse, so kam immer eine Quittung mit, die wir unterzeichnen mußten,

sonst hätten die Eßwaren vielleicht nicht den Ort ihrer Bestimmung

erreicht. Stellte uns ein Herr seinen Wagen zur Verfügung, so stand auf

dem Papier von dann und dann, bis dann und dann -- so daß der Kutscher

und seine zwei oder drei Untergebenen uns nicht mit einem Teil der

festgesetzten Zeit abspeisen konnten, um sich selbst mit dem Rest eine

lustige Stunde zu machen.

Wir wohnten sehr angenehm in unserm zweistöckigen Gasthaus mit dem

großen Hof, den eine mannshohe Lehmmauer umgab. Die Gasthofsbesitzer,

neun Hindubrüder, waren mit ihren Familien in einem einstöckigen

Gebäude einquartiert, das auf einer Seite des Hofes lag; die Veranda

sah man stets von Scharen hübscher brauner Kinder besetzt, zwischen

denen mehrere Väter eingekeilt saßen und ihre Huka rauchten. Neben

der Veranda stand ein Palmbaum, auf dem ein Affe sein einsames Leben

führte; er sah immer traurig und schwermütig aus und die Krähen plagten

ihn sehr.

Daß die Kuh frei umherlief gab dem Hof ein ländliches Ansehen; auch

ein Hund war da, der stets in der Sonne lag und schlief, so daß er den

allgemeinen Eindruck von Ruhe und Stille verstärken half, wenn die

Krähen einmal durch Abwesenheit glänzten. Diener in weißen, faltigen

Gewändern gingen zwar fortwährend ab und zu, aber sie glitten nur wie

Gespenster lautlos auf ihren nackten Füßen vorüber. Ein Stück die Gasse

hinunter hauste ein Elefant unter einem hohen Baum. Er wiegte sich hin

und her und streckte den Rüssel aus; bald bettelte er um Speise bei

seiner braunen Herrin, bald schäkerte er mit den Kindern, die zu seinen

Füßen spielten. Auch Kamele waren in der Nähe, aber sie gehen auf

sammetweichen Sohlen und paßten ganz zu der friedlichen Heiterkeit der

Umgebung.

Nur eines machte mich unglücklich: Wir hatten unsern Satan verloren;

er war zu meinem tiefsten Kummer kürzlich von uns geschieden und meine

Trauer um ihn war groß. Noch jetzt, nach vielen Monaten, vermisse ich

ihn schmerzlich. Nie werde ich vergessen, wie er alles im Umsehen

fertig brachte, er flog nur so von einem Geschäft zum andern. Zwar

machte er es nicht immer recht, aber _gemacht_ wurde es jedenfalls und

zwar urplötzlich, ohne Zeitverlust. Man sagte ihm zum Beispiel: »Packe

die Koffer und Handtaschen, Satan!«

»Ja, Herr!«

Dann entstand rasch ein Klopfen und Hämmern, ein Sausen und Brausen --

Kleider, Jacken, Röcke und Stiefel wirbelten eine Zeitlang durch die

Luft, und schon im nächsten Augenblick berührte Satan seine Stirn und

verbeugte sich:

»Alles fertig, Herr!«

Es war unglaublich; mir wurde ordentlich schwindlig davon. Zwar

zerknitterte er die Kleider sehr und hatte anfänglich keinen andern

Plan bei der Arbeit, als jedes Ding in den falschen Koffer zu tun. Aber

darin besserte er sich bald, obgleich er es sich nie ganz abgewöhnte.

Noch bis zuletzt pflegte er in die der Literatur geheiligte Reisetasche

allen Kram hineinzupfropfen, für den sich sonst kein bequemer Platz

fand. Verbot man ihm das bei Todesstrafe, so geriet er nicht im

geringsten aus der Fassung; er machte ein freundliches Gesicht, sagte:

»Ja, Herr!« und tat es schon am nächsten Tage wieder.

Satan war immer geschäftig; rechtzeitig waren die Zimmer aufgeräumt,

die Stiefel glänzend gewichst, die Kleider gebürstet, die Waschschalen

mit reinem Wasser gefüllt. Schon eine Stunde, ehe ich meinen

Gesellschaftsanzug zur Vorlesung brauchte, lag alles für mich bereit

und Satan kleidete mich von Kopf bis zu Fuß an, trotz meines festen

Vorsatzes dies selbst zu tun, wie ich es mein Lebenlang gewohnt gewesen

war.

Er schien zum Herrschen geboren und tat nichts lieber als mit

Untergebenen zu streiten, sie herunterzumachen und zu überschreien. Am

meisten in seinem Element war er auf der Eisenbahn. Durch die dichteste

Masse der Eingeborenen stieß und drängte er sich, bis der Weg für ihn

und die neunzehn Kulis in seinem Gefolge frei war; jeder von ihnen trug

irgend ein kleines Gepäckstück, einen Handkoffer, Sonnenschirm, Schal,

Fächer oder dergleichen, keiner mehr als einen Gegenstand, und je

länger der Zug, um so zufriedener war mein Satan. Meist steuerte er auf

irgend einen bestellten Schlafwagen los, verschwor sich hoch und teuer,

daß er uns gehöre und fing an des Besitzers Sachen hinauszubefördern.

War unser eigener Wagen gefunden, so hatte er in zwei Minuten die

Bündel aufgeschnallt, die Betten gemacht und alles zurecht gelegt;

dann steckte er den Kopf zum Fenster hinaus und verschaffte sich den

köstlichen Genuß, auf seine Bande Kulis zu schimpfen und mit ihnen nach

Herzenslust über die Bezahlung zu streiten, bis wir ankamen, dem Lärm

ein Ende machten und ihm befahlen, die Leute zu befriedigen.

Meine Reise um die Welt. Zweite Abteilung · 第 11 / 16 段