_15. Februar._ -- Mit der Sonne aufgestanden. Ein strahlender,

frostkalter Morgen. Doppelte Flanellunterkleider machen sich notwendig.

Die Gegend ist vollständig eben und dehnt sich in verschwommenen Farben

weiter und immer weiter, bis ins Unendliche aus. -- Wie üppig, wie

hoch und mächtig ist doch der Bambus mit seinem duftig zarten Laub!

Wohin das Auge blickt, sieht man die baumartigen Gräser gleich riesigen

Pflanzengeysern emporschießen, bis ihr grüner Sprühregen sich in der

Ferne in Dunstwolken zu verwandeln scheint. Auch an Bananenfeldern

kamen wir vorbei, wo der Sonnenschein die glasierte Oberfläche der

großen niederhängenden Blätter streifte. Häufig sahen wir Palmenhaine

und vereinzelte Exemplare dieser malerischen Familie, die eine

wirkungsvolle Abwechslung in das Landschaftsbild brachten. An den hohen

schlanken Stämmen hingen die Blätter zerrissen und zerfetzt umher,

als wollte die Natur einen Regenschirm darstellen, der unversehens in

einen Wirbelsturm geraten ist und es sich nicht merken lassen will.

Und überall sahen wir im gedämpften Morgenlichte Dörfer auftauchen,

zahllose Dörfer, die kein Ende nehmen wollten. Mit Stroh gedeckt, aus

reinen, neuen Rohrmatten aufgebaut, lagen sie dichtgedrängt zwischen

Palmengruppen und Bambusgräsern. In Abständen von kaum dreihundert

Metern kamen immer neue dutzendweise zum Vorschein. Es war eine

mächtige, viele hundert Meilen lange und breite Stadt, die aus lauter

Dörfern bestand. Eine so ungeheure Stadt habe ich noch nie gesehen, es

gibt keine zweite auf der ganzen Erde, und eine Einwohnerzahl hat sie,

wie ein europäisches Königreich. Wir sahen diese Menschen auf beiden

Seiten der Eisenbahn und vor uns, soweit das Auge reichte -- eine

endlose Menge nackter Gestalten. Meile auf Meile flogen wir dahin, aber

immer waren sie da, auf beiden Seiten und vor uns, die braunen nackten

Männer und Knaben, die auf den Feldern ackerten und pflügten. Wir

gewahrten kein einziges Weib, kein Mädchen bei der Feldarbeit, während

der ganzen zweistündigen Fahrt.

Wenn wir den armen Heiden die neueste Zivilisation bringen, sollten

wir zugleich die Gelegenheit benützen, auch unsere Kultur durch einige

ihrer barbarischen Sitten zu bereichern. Das Recht hierzu kann uns

niemand bestreiten. Heben wir jene Völker auf eine höhere Stufe, so

sind wir auch befugt, uns selbst mit ihrer Hilfe um neun oder zehn

Grade aufwärts zu bringen. Vor Jahren verlebte ich einige Wochen in dem

bayrischen Bade Tölz. Die Gegend ist katholisch, und nicht einmal in

Benares ist die Bevölkerung so durch und durch religiös und so eifrig

in ihrer Frömmigkeit, das erkennt man auf den ersten Blick. Damals

schrieb ich in mein Tagebuch: »Gestern machten wir eine wunderschöne

Spazierfahrt über Land; doch wurde mein Vergnügen durch den Anblick

ehrwürdiger Großmütter mit grauen Haaren, die im Felde arbeiteten, sehr

beeinträchtigt. Siebzig- und achtzigjährige Frauen mähten Korn, banden

Garben oder luden das Heu auf den Wagen.«

An andern Orten in Bayern sah ich, wie Weiber schwere mit Bierfässern

beladene Karren zogen. In Oesterreich fand ich oft eine Frau neben

einer Kuh an den Pflug gespannt, den ein Mann führte. Ich sah ein altes

gebücktes Weib, zusammen mit einem Hunde angeschirrt, einen beladenen

Schlitten über gepflasterte und ungepflasterte Straßen ziehen, während

der Fuhrmann, ein kräftiger Mensch von kaum dreißig Jahren, nebenher

ging und seine Pfeife rauchte. Auch die Wäscherinnen in Frankreich kann

ich nicht vergessen, die bei strömendem Regen und so naßkaltem Wetter,

daß man keinen Hund hinausjagen würde, in ihrer gewöhnlichen Kleidung

vor meinen Hotelfenstern in der Rhone wuschen, bis die Dunkelheit ihrer

Arbeit ein Ende machte. Dann kam ein starker Bursche -- vielleicht der

Enkel der alten Großmutter -- im sichern Schutz seines Regenschirms,

trocken und wohlbehalten auf einem Eselwagen gefahren und befahl den

Weibern in herrischem Ton, die sechs schweren Körbe mit nasser Wäsche

aufzuladen, die ein Mann kaum von der Stelle gebracht hätte. Die bis

auf die Haut durchnäßten Frauen gehorchten ohne Murren, und während der

Franzose vom Wagen stieg und ins Wirtshaus ging, wo ich ihn später bei

einer Flasche Wein sitzen sah, trabten sie geduldig heimwärts hinter

dem Karren drein.

Doch ich kehre nach Indien zurück. Im Lauf des Nachmittags näherten wir

uns dem Gebirge. Wir verließen den Hauptbahnzug und stiegen in eine

Zweigbahn, die aus kleinen mit Leinwand gedeckten Wagen bestand, von

denen jeder etwa für zwölf Personen Platz hatte. Wurden die Vorhänge

aufgezogen, so saß man ganz im Freien, fühlte sich äußerst behaglich,

konnte die frische Luft einatmen und sich nach allen Seiten umsehen.

Es war eine Vergnügungsfahrt, nicht nur dem Namen nach, sondern in

Wirklichkeit.

Nach einer Weile hielten wir an einem kleinen hölzernen Bahngebäude

mitten im dichten Walde unter großen Bäumen, Gebüsch und

Schlingpflanzen in der Nähe eines düstern Dschungels. Hier haust der

bengalische Königstiger in großer Menge und benimmt sich sehr frech und

rücksichtslos. Von der einsamen kleinen Station wurde einmal folgende

Depesche an den Bahnhofsinspektor in Kalkutta abgesandt: »Ein Tiger

frißt eben den Bahnwärter auf der vorderen Veranda. Telegraphieren Sie

mir Verhaltungsmaßregeln.«

Ich ging dort zum erstenmal auf die Tigerjagd und tötete vierzehn

Stück. Bald fuhren wir weiter, und der Zug klomm den Berg hinauf. An

einer Stelle kamen sieben wilde Elefanten über die Schienen, aber zwei

von ihnen liefen davon, ehe ich sie erreichen konnte. Die Fahrt im

Gebirge beträgt vierzig Meilen und dauert acht Stunden. Sie sollte eine

ganze Woche in Anspruch nehmen, weil sie so interessant, aufregend,

wild und entzückend ist. Die tropische Vegetation war vollständig

vertreten. Ich glaube der Dschungel enthielt Exemplare jeder seltenen

oder merkwürdigen Baum- und Buschart, von der wir jemals gehört haben.

Aus dieser Schatzkammer der Pflanzenwelt muß der ganze Erdball mit

allen Gewächsen versehen worden sein, die für uns am köstlichsten und

wertvollsten sind. Es ist reizend, wie sich der Weg fortwährend dreht

und windet. Er führt bald unter hohen Felsenklippen hin und her, die

in Laubwerk und Schlingpflanzen förmlich begraben sind, bald am Abhang

unergründlich tiefer Schluchten entlang. Dabei begegnet man fort

und fort endlosen Reihen malerisch aussehender Eingeborener, welche

Lasten den Berg hinauftragen oder von ihrer Arbeit in den Teegärten

droben zurückkehren. Einmal trafen wir auch auf einen Hochzeitszug im

bunten Flitterstaat. Die hübsche, kindliche Braut guckte zwischen den

Vorhängen ihres Palankins heraus und zeigte ihr Gesicht mit solchem

Vergnügen, wie es nur junge und glückliche Menschen empfinden, wenn sie

etwas Verbotenes tun.

Wir kamen allmählich bis zu den Wolken hinauf und schauten von unserer

luftigen Höhe hernieder auf ein wunderbares Bild: Von Wolkenschatten

gefleckt, mit glänzenden Strömen durchzogen, lag die indische Ebene

vollkommen flach, aber weich und anmutig in der glühenden Hitze da.

Gerade unter uns, tiefer und immer tiefer, bis zum Tal hinab, schob

sich ein Gewirr kahler Bergspitzen durcheinander, über welche sich

Straßen und Pfade, gleich mattgelben, schmalen Bändern, in zahllosen

deutlich erkennbaren Krümmungen und Windungen schlängelten.

Als wir die Höhe von 6000 Fuß erreichten, umgab uns eine dichte

Wolkenschicht, welche die übrige Welt vor unsern Blicken derart

verhüllte, daß sie überhaupt nicht wieder zum Vorschein kam. Wir

klommen nun noch 1000 Fuß höher, dann senkte sich der Weg und wir

erreichten Dardschiling, das 6000 Fuß über der Ebene liegt.

Auf unserer Fahrt hatten wir in vielen Gebirgsdörfern eine ganz

neue Gattung Eingeborener zu sehen bekommen, die größtenteils dem

kriegerischen Stamme der Ghurkas angehörten. Sie sind nicht groß, aber

stark gebaut und voll Tatkraft, auch liefern sie die besten Soldaten

unter den eingeborenen britischen Truppen. Ihre Frauen kamen uns

scharenweise entgegen; sie kletterten den steilen Weg vom Tal bis zu

ihrer Wohnstätte in den Bergen vierzig Meilen weit empor und hatten

dabei noch schwere Körbe auf dem Rücken, zu deren besserem Halt sie ein

Gurtband um die Stirn trugen. Wieviele hundert Pfund die Last wog, will

ich gar nicht erst sagen; es würde mir doch niemand glauben. Es waren

noch junge Frauen, die unter ihrer zentnerschweren Bürde so leicht

einherschritten, als ob sie zum Tanze gingen. Man sagte mir, eine Frau

könne ein Klavier auf dem Rücken den Berg hinan tragen, und das hätten

schon viele getan. Wären es alte Frauen gewesen, so würde ich die

Ghurkas für ebenso unzivilisiert halten wie die Europäer.

Am Bahnhof von Dardschiling warten auf den Reisenden statt der

Droschken eine Menge offener Särge, in die man steigt, um sich von

Männern auf der Schulter die steilen Wege zur Stadt hinan tragen zu

lassen.

Oben fanden wir ein ziemlich behagliches Hotel, dessen Besitzer die

Bequemlichkeit und Sorglosigkeit selber war. Er überläßt die Wirtschaft

dem Heer seiner indischen Diener und kümmert sich um nichts. Das

heißt, nein -- die Rechnung sieht er doch durch, und der Fremde wird

wohl daran tun, seinem Beispiel zu folgen. Ein Bewohner des Hotels

sagte mir, daß der Gipfel des Kinchinjunga oft von Wolken verhüllt

wird, so daß die Fremden schon manchmal drei Wochen lang gewartet

haben und zuletzt doch fortgehen mußten, ohne ihn zu Gesicht zu

bekommen. Trotzdem waren sie nicht enttäuscht, denn als man ihnen die

Hotelrechnung einhändigte, fanden sie diese so hoch, daß sie überzeugt

waren, es könne überhaupt nichts Höheres auf dem Himalaja zu sehen

geben. Doch das halte ich für erlogen.

Nach meiner Vorlesung ging ich noch abends in das Klubhaus, wo es mir

sehr gut gefiel. Wegen seiner hohen Lage bietet es umfassende Aussicht;

man kann dreißig Meilen weit bis zur Grenze sehen, wo drei oder vier

Länder zusammenstoßen, Nepal glaube ich und Tibet, die beiden andern

weiß ich nicht mehr.

Am nächsten Morgen, es war Sonntag, kamen Bekannte in aller Frühe

mit Pferden, und unsere Gesellschaft unternahm einen Ritt nach

dem Aussichtspunkt, von wo sich Kinchinjunga und Mount Everest am

vorteilhaftesten darstellen. Ich zog jedoch vor, zu Hause zu bleiben,

denn ich fand es kalt, und die Pferde waren mir so wie so fremd. Mit

ein paar wollenen Decken und meiner Pfeife saß ich zwei Stunden lang

am Fenster und sah wie die Sonne die Morgennebel vertrieb, wie sie die

Schneespitzen eine nach der andern blaßrot und goldig malte und zuletzt

den ganzen mächtigen Gebirgsstock in ein Meer der herrlichsten Farben

tauchte.

Der Kinchinjunga kam zwar nur dann und wann zum Vorschein, doch hob er

sich jedesmal mit großer Klarheit gegen den Himmel ab. Er ragte 28000

Fuß über der Meeresfläche in das blaue Gewölbe hinauf, meilenweit über

mir, so hoch wie ich mein Lebtag kein Land gesehen hatte. Mount Everest

ist noch 1000 Fuß höher, doch gehörte er nicht zu dem Haufen von

Bergspitzen, die sich da vor mir auftürmten. Daß ich ihn nicht zu sehen

bekam, machte mir keinen Kummer; ein Berg von so übermäßiger Höhe würde

mir unangenehm gewesen sein.

Von den Hinterfenstern des Hauses ging ich dann nach der Vorderseite,

wo ich den Rest des Morgens damit verbrachte, die dunkelfarbigen

Genossen der verschiedenen Stämme vorbeifluten zu sehen, die aus ihren

fernen Heimstätten im Himalaja kamen.

Jedes Alter und Geschlecht war vertreten und die Rassen waren mir ganz

neu, obwohl die Tibetaner durch ihre Tracht an Chinesen erinnerten. Daß

die Gebetsmühle häufig in Anwendung kam, brachte mir die Leute näher

-- ich fühlte mich ihnen verwandt. Auch wir lassen uns oft beim Gebet

durch unsern Pfarrer vertreten; zwar wirbeln wir ihn nicht um einen

Stock herum, doch ist das kein wesentlicher Unterschied. --

Stundenlang sah ich den Strom an mir vorübereilen; schade, daß das

seltsame, fesselnde Bild dort so gut wie verloren war. Hätte sich der

bunte Schwarm durch die Städte Europas oder Amerikas ergossen, welches

Labsal wäre es für die Menschen gewesen, denen das ewige Einerlei der

Zirkusvorstellungen nicht mehr genügt. Was führte aber die Eingeborenen

in solcher Unmenge herbei? -- Sie hatten sich aufgemacht, um den Bazar

zu besuchen, wo sie Waren zum Verkauf ausbieten wollten. Später nahmen

wir diesen fremdartigen Kongreß wilder Völkerschaften gleichfalls in

Augenschein. Wir drängten uns hier und da durch die Menge und kamen

zu dem Schluß, daß es schon allein um dieses Schauspiels willen der

Mühe wert sein würde, von Kalkutta herzureisen, selbst wenn es keinen

Kinchinjunga und Mount Everest auf der Welt gäbe.

Sechzehntes Kapitel.

Es gibt zwei Zeiten des Lebens, in denen der Mensch sich

hüten sollte zu spekulieren: wenn seine Mittel es ihm nicht

erlauben, und wenn sie es ihm erlauben.

_Querkopf Wilsons Kalender._

Am Montag und Dienstag genossen wir bei Sonnenaufgang eine mittelgute

Aussicht auf die großartige Gebirgslandschaft. Inzwischen hatten wir

uns erfrischt und abgekühlt, so daß wir uns stark genug fühlten, es

wieder mit der Hitze der unteren Welt aufzunehmen.

Wir fuhren mit dem gewöhnlichen Zug noch die fünf Meilen bis zum

höchsten Punkt hinauf, um von da aus die 35 Meilen lange Rückfahrt

anzutreten. Wir bestiegen eine kleine sechssitzige, mit Leinwand

überspannte Draisine, welche die Größe eines Schlittens hatte und so

niedrig war, daß sie den Boden zu berühren schien. Eine Lokomotive

oder sonstige Triebkraft brauchte sie auf den abschüssigen Wegen nicht,

nur eine starke Bremse, um ihre Fahrgeschwindigkeit zu mäßigen, und

damit war sie versehen. Man erzählte uns von einer Unglücksfahrt, die

der Generalleutnant von Bengalen einmal mit solcher Draisine gemacht

hat: Der Wagen war aus den Schienen gekommen und hatte die Insassen in

den Abgrund geschleudert. Zwar ist die Geschichte gänzlich erfunden,

doch verfehlte sie ihre Wirkung auf mich nicht, denn sie machte mich

ängstlich. Ein Mensch der Angst hat ist aber nicht schlafmützig,

sondern munter und aufgeweckt; seine Spannung bei einem neuen und

gewagten Unternehmen wird durch die Furcht wesentlich erhöht. Daß

ein Unfall leicht möglich war, lag auf der Hand: ein kleiner Stein,

der aus Zufall auf die Schienen geriet oder in böswilliger Absicht

dorthin gelegt wurde, genügte, um den Wagen an irgend einer scharfen

Biegung zu entgleisen und nach Indien hinunter zu befördern. War auch

der Generalleutnant der Gefahr entgangen, so gab mir das noch keine

Bürgschaft dafür, daß ich ebensoviel Glück haben würde. Als ich dastand

und von meiner luftigen Höhe hinabsah auf das indische Kaiserreich,

das 7000 Fuß unter mir lag, kam es mir doch recht unangenehm und

halsbrecherisch vor, aus dem Wagen in eine solche Tiefe geschleudert zu

werden.

Für mich war übrigens die Gefahr nicht groß. Wenn uns Unglück drohte,

so befiel es jedenfalls Mr. Pugh, den Inspektor der indischen Polizei,

unter dessen Schutz wir von Kalkutta heraufgekommen waren. Er hatte

lange als Artillerieoffizier gedient, war nicht so ängstlich wie

ich, und wollte uns, mit einem Ghurka und einem andern Eingeborenen,

als Lotse in einer Draisine vorausfahren. Sahen wir seinen Wagen in

den Abgrund stürzen, so brauchten wir nur so rasch wie möglich zu

bremsen und uns nach einem andern Lotsen umzutun. Das war eine höchst

zweckmäßige Einrichtung. Auch daß Mr. Barnard, der erste Ingenieur des

Bergbezirks, die Leitung unseres Wagens übernahm, diente mir zu großer

Beruhigung, denn er hatte die Fahrt schon sehr oft gemacht.

Anscheinend war alles sicher, nur _ein_ Punkt blieb unentschieden: der

fahrplanmäßige Zug sollte unmittelbar nach unserm Wagen abgelassen

werden und konnte uns leicht über den Haufen rennen. Ich war im stillen

überzeugt, es würde geschehen.

Vor uns fiel die Straße steil ab und wand sich dann wie ein

Korkzieher, um Klippen und an Abgründen entlang, tiefer und immer

tiefer hinunter. Eine steile Rutschbahn, die in endlosen Krümmungen

abwärts führt, hätte nicht ungemütlicher aussehen können.

Jetzt ließ Mr. Pugh seine Flagge wehen und flog davon, wie der Pfeil

vom Bogen, und ehe ich noch Zeit hatte, aus dem Wagen zu springen,

fuhren wir ihm nach. Mich durchrieselte ein Schauer, wie ich ihn

ähnlich nur bei meiner allerersten Schlittenfahrt von einem steilen

Berggipfel empfunden habe. Der Atem verging mir, aber doch war es ein

Gefühl himmlischer Lust, eine plötzliche ungeheuere Aufregung, eine

Mischung von Todesangst und unaussprechlichem Entzücken, die für uns

Menschen, glaube ich, die höchste Wonne auf Erden ist.

Wie eine Schwalbe im Flug über den Boden schießt, so glitt der

Lotsenwagen den Berg hinunter; leicht, rasch und anmutig schwebte er

auf den geraden Strecken dahin und überwand spielend alle Biegungen

und Krümmungen. Wir jagten ihm nach und flogen mit Blitzesschnelle an

Vorgebirgen und Klippen vorbei; zuweilen hatten wir ihn fast eingeholt

-- wir hofften schon, es würde uns gelingen. Aber der Lotse trieb nur

seinen Scherz mit uns; kaum kamen wir ihm in die Nähe, so ließ er die

Bremse los, der Wagen tat einen Satz um die Ecke, und wenn wir ihn ein

paar Sekunden später wieder zu Gesicht bekamen, sah er nicht größer

als ein Schubkarren aus, so weit war er entfernt. Auch wir machten uns

einen ähnlichen Spaß mit dem Eisenbahnzug. Oft stiegen wir aus, um

Blumen zu pflücken oder am Abgrund sitzend die Aussicht zu bewundern;

dann hörten wir plötzlich ein dumpfes Brüllen, das immer lauter

wurde, und sahen den Zug hinter und über uns in Schlangenwindungen

heranstürmen. Wir brauchten jedoch erst abzufahren, wenn die Lokomotive

dicht bei uns war -- im Nu blieb sie weit dahinten. Sie mußte bei jeder

Station Halt machen, und das gab uns immer wieder einen Vorsprung.

Unsere Bremsvorrichtung war so ausgezeichnet, daß wir den Wagen auf dem

steilsten Abhang augenblicklich zum Stillstand bringen konnten.

Das wunderschöne Landschaftsbild bot die großartigste Abwechslung,

und wir hatten alle Muße es zu betrachten, ohne daß uns der Zug dabei

hinderlich war. Brauchte er die Straße für sich, so bogen wir rasch

in ein anderes Geleise, ließen ihn vorbeifahren, holten ihn dann

später ein und stachen ihn unsererseits wieder aus. Einmal hielten

wir an, um den Gladstone-Felsen zu betrachten, auf dem die Natur im

Laufe der Jahrtausende ein sprechend ähnliches Bildnis des ehrwürdigen

englischen Staatsmannes gemeißelt hat, das als Huldigung für ihn gerade

rechtzeitig fertig geworden ist.

Wir sahen auch einen Banianen- oder Götzenbaum, welcher von seinen

sechzig Fuß hohen Zweigen herab, säulenförmige Stützen zur Erde sandte;

ganz wie der große, spinnebeinige Banianenbaum mit seiner Wildnis von

Pflanzensäulen, den wir im botanischen Garten zu Kalkutta bewundert

hatten. Auch ganz laublose Bäume fielen uns auf, deren zahllose Aeste

und Zweige von einer Unmenge feurig leuchtender Schmetterlinge bedeckt

schienen. Es waren aber in Wirklichkeit Blüten, welche scharlachroten

Schmetterlingen täuschend ähnlich sahen.

Als wir einige Meilen bergab gefahren waren, machten wir Halt, um eine

tibetanische Theatervorstellung mit anzusehen, welche am Bergabhang

unter freiem Himmel stattfand. Die Zuhörerschaft bestand aus Ghurkas,

Tibetanern und andern absonderlichen Leuten. Ebenso fremdartig wie

das Stück selbst, waren auch die Kostüme der Darsteller. Sie traten

einer nach dem andern vor und begannen sich mit ungeheuerer Kraft und

Schnelligkeit im Kreise zu drehen, was von den übrigen mit furchtbarem

Lärm und Getöse begleitet wurde. Zuletzt wirbelte die ganze Truppe wie

der Wind tanzend und singend umher und wühlte den Staub auf. Es war ein

altes, berühmtes, geschichtliches Schauspiel, das die Leute aufführten;

ein Chinese erklärte es mir auf Pidgin-Englisch, während es vor sich

ging. Das Stück war schon ohne die Erklärung unverständlich genug, aber

durch diese wurde sein Sinn erst recht dunkel. Als Drama mochte das

alte, historische Kunstwerk wohl seine Mängel haben, aber betrachtete

man es als wilde, barbarische Darstellung, so spottete es jeder Kritik.

Weiter abwärts stiegen wir wieder aus, um zu beobachten, welche

merkwürdige Schleife die Bahn hier macht. Als der Zug in die Kurve

einbog, sahen wir die Lokomotive unter der Brücke verschwinden auf der

wir standen, gleich darauf kam sie wieder zum Vorschein und jagte ihrem

eigenen Schwanze nach; sie erreichte ihn, überholte ihn, lief an den

letzten Wagen vorbei und begann nun ein Wettrennen mit dem hintern Ende

des Zuges. Es kam mir vor wie eine Schlange, die sich selber auffrißt.

Auf halber Höhe des Berges hielten wir eine Stunde Rast in Mr. Barnards

Hause und nahmen Erfrischungen ein. Während wir auf der Veranda saßen

und durch eine Lichtung des Waldes nach dem fernen Gebirgspanorama

hinüberblickten, hätten wir fast gesehen, wie ein Leopard ein Kalb

zerriß, (er hatte es tags zuvor getan). Es ist eine wilde, reizende

Gegend. Ringsum in den Wäldern ertönte Vogelgesang, auch ein paar

Vögel, die mir damals noch unbekannt waren, ließen ihr Lied erschallen:

der Gehirnteufel und der Kupferschmied. Der Gehirnteufel fängt leise

an zu singen, aber sein Ton wird beständig lauter und lauter, er

steigt in spiralförmigen Windungen in die Höhe, immer schärfer, immer

schneidender, quälender, schmerzhafter, unleidlicher, aufdringlicher,

unerträglicher; zum Wahnsinn treibend, bohrt er sich tiefer und tiefer

in des Hörers Kopf, bis zuletzt bei ihm eine Gehirnentzündung eintritt,

die den Tod zur Folge hat. Ich bringe einige dieser Vögel mit nach

Amerika, wo sie ohne Zweifel großes Aufsehen erregen werden; man

glaubt, daß sie sich in unserm Klima so rasch vermehren lassen, wie die

Kaninchen.

Der Gesang des Kupferschmieds klingt in gewisser Entfernung wie

Hammerschläge auf Granitgestein; geht man weiter, so nimmt das Hämmern

einen metallischen Klang an, man meint, der Vogel bessere einen

Kupferkessel aus. In noch größerer Entfernung klingt es zwar auch laut

und kräftig, aber ganz als würden Fässer verspundet; merkwürdigerweise

tönt das Klopfen in nächster Nähe sanft und melodisch, doch hört es gar

nicht auf und wird zuletzt so einförmig, daß man aus der Haut fahren

möchte; man fühlt sich unsäglich elend, der Kopf schmerzt einem zum

Zerspringen und man verliert den Verstand. Auch diesen Vogel nehme ich

mit und will ihn bei uns einbürgern.

Neu gestärkt stiegen wir wieder in die Draisine und fuhren weiter den

Berg hinunter; bald flogen wir, bald machten wir Halt, bis wir die

Ebene erreichten und in den gewöhnlichen Personenzug nach Kalkutta

einstiegen. Das war der genußreichste Tag, den ich auf Erden verlebt

habe. Es gibt kein himmlischeres, aufregenderes, entzückenderes

Vergnügen, als eine Fahrt in der Draisine vom Himalaja hinunter.

Nichts, gar nichts läßt der wonnevolle Ausflug zu wünschen übrig, außer

daß er statt fünfunddreißig Meilen mindestens fünfhundert Meilen lang

sein möchte.

Siebzehntes Kapitel.

Gib deine Illusionen nicht auf. Hast du sie verloren, so

magst du zwar noch dein Dasein fristen, aber _leben_ im

eigentlichen Sinne kannst du nicht mehr.

_Querkopf Wilsons Kalender._

So weit ich es beurteilen kann, hat sich der Mensch mit der Natur um

die Wette bemüht, Indien zu dem merkwürdigsten Lande zu machen, welches

die Sonne bescheint. Unter all seinen Wundern habe ich bis jetzt eines

noch unerwähnt gelassen, nämlich den großen Reichtum an blutgierigen

Raubtieren, den es besitzt.

Seit vielen Jahren ist die britische Regierung unausgesetzt bemüht

gewesen, die gefährlichen wilden Tiere in Indien auszurotten. Sie

hat es sich große Summen Geldes kosten lassen, doch kann man aus den

jährlich von ihr veröffentlichten Listen ersehen, wie schwierig das

Unternehmen ist.

Diese amtlichen Berichte weisen eine ganz ähnliche Gleichförmigkeit

auf, wie die statistischen Angaben über die Todesfälle und Todesarten

in den Hauptstädten der Welt. Man braucht sich nur mit der

betreffenden Statistik der letzten Jahre vertraut zu machen, um fast

genau vorhersagen zu können, wie viele Menschen in London, Paris oder

New York nächstes Jahr durch Selbstmord enden oder an der Schwindsucht,

dem Krebs, der Tollwut sterben, wie viele aus dem Fenster fallen oder

von Droschken überfahren werden. So läßt sich auch im indischen Reich

mit Sicherheit aus den Verzeichnissen früherer Jahre schließen, wie

viele Leute durch Bären, Wölfe oder Tiger im laufenden Jahre umkommen

oder wie viele dieser Bestien von der Regierung erlegt werden. Ja man

kann diese Zahlen mit ziemlicher Genauigkeit auf fünf Jahre im voraus

berechnen.

Mir liegt ein statistisches Verzeichnis aus sechs aufeinander folgenden

Jahren vor, aus dem sich ergibt, daß der Tiger in Indien alljährlich

800 und einige Personen tötet und die Regierung doppelt so viele Tiger.

In sechs Jahren hat der Tiger 5000 Menschen weniger 50 umgebracht und

die Regierung 10000 Tiger weniger 400.

Der Wolf tötet etwa 700 Personen im Jahr, und 5000 von seinem Stamme

fallen dafür zum Opfer; der Leopard bringt durchschnittlich 230 Leute

um, verliert aber 3300 Anverwandte, und dem Bären kosten die 100

Personen, die er im Jahre tötet, 1250 seiner eigenen Familie.

Meine Reise um die Welt. Zweite Abteilung · 第 10 / 16 段