Die höchsten Türme von Benares sind die beiden schlanken, weißen

Minarets auf der Moschee des Aurengzib, die einem überall zuerst ins

Auge fallen. Die Aussicht von oben ist wundervoll, doch wurde sie mir

ganz durch einen großen, grauen Affen verdorben, der auf dem Dach der

Moschee die wildesten Sprünge machte. Es ist kaum zu glauben, wie

unvernünftig ein solches Tier ist! Der Affe schwang sich über dem

gähnenden Abgrund durch den leeren Raum bis zu irgendeinem steinernen

Vorsprung, der viel zu weit entfernt für ihn war, so daß er ihn nur mit

knapper Not erreichte und sich mit den Zähnen festhalten mußte. Mich

machte das so nervös, daß _ich_ immer nur nach dem Affen hinsah und die

Aussicht ganz darüber vergaß. So oft er einen seiner tollkühnen Sätze

ins Blaue hineintat, verging mir der Atem; wenn er nach einem Anhalt

griff, klammerte ich mich selbst aus Mitgefühl krampfhaft fest und

schnappte nach Luft, während er sich ganz gleichgültig und unbekümmert

stellte. Wohl ein Dutzendmal kam er nur gerade noch mit dem Leben davon

und beunruhigte mich dermaßen, daß ich ihn am liebsten auf der Stelle

totgeschossen hätte; doch ging mich die Sache im Grunde ja gar nichts

an.

Die Aussicht möchte ich allen Fremden aufs dringendste empfehlen, was

man davon genießt ist prachtvoll. Ganz Benares, der Fluß und die Gegend

ringsum liegen ausgebreitet vor unsern Blicken da. Wenn nur der Affe

nicht wäre! -- Mein Rat ist also: nehmt eine Flinte mit und seht euch

die Aussicht an!

Der nächste Anblick, der sich uns bot, war weniger aufregend:

Ein Eingeborener malte ein Bild auf Wasser -- eine mir ganz neue

Kunstleistung. Der Mann streute verschiedenfarbigen feinen Staub

auf die Oberfläche eines Wasserbeckens und daraus entwickelte sich

allmählich ein hübsches, zartes Gemälde, das durch einen Hauch wieder

zerstört werden konnte. Es kam mir vor wie ein Gleichnis und Sinnbild,

welches die Unbeständigkeit alles Irdischen predigt. Nach meinem vielen

Umherstöbern unter den verfallenen Tempeln, die auf Ruinen standen,

welche wiederum auf den Trümmern und Ruinen früherer Zeitalter erbaut

gewesen waren, lag mir der Gedanke nahe, daß alle die gewaltigen

Steinbauten in ihrer Art ganz ebenso vergänglich sind, wie Bilder, die

man auf Wasser malt.

In Benares ist es auch gewesen, wo der kühne Generalgouverneur von

Ostindien, Warren Hastings, im Jahre 1781 mit knapper Not einer großen

Gefahr entging. Mit einer Handvoll eingeborener Soldaten und drei

jungen englischen Offizieren hatte er den Rajah Cheit Singh in seiner

eigenen Festung gefangen genommen, weil dieser sich weigerte, eine

Geldstrafe von 500000 Pfund Sterling zu bezahlen, die Hastings im Namen

der Ostindischen Kompagnie über ihn verhängt hatte. So fest war damals

seine Herrschaft in Indien begründet und so zuversichtlich rechneten

die Engländer auf die oft erprobte Unterwürfigkeit des indischen

Volkes, daß sie bei dem Zug in das entlegene Fürstentum, wo sie von

aller Hilfe abgeschnitten waren, nur leere Kanonen mitnahmen und

ihren Pulvervorrat zurückließen. Durch einen Zufall ward dies jedoch

verraten, und nun brach ein Aufstand los, bei dem die drei Engländer

samt den hilflosen Sepoys erschlagen wurden. Hastings selbst entkam

im Dunkel der Nacht glücklich aus Benares. Vor Ablauf eines Monats

kehrte er jedoch mit genügenden Streitkräften zurück, stellte Ruhe und

Ordnung wieder her, entthronte den Rajah und gab dem Fürstentum einen

andern Herrscher.

In eine so kritische Lage hat sich Hastings nie wieder gebracht. Er

war ein hochbegabter Mann, und wenn auch an seinem Namen mancher

Flecken haftet, den nichts zu tilgen vermag, so läßt sich doch nicht

bestreiten, daß er das indische Reich für England gerettet hat. Einen

bessern Dienst hätte er aber zugleich auch der indischen Nation nicht

leisten können, welche seit Jahrtausenden unter dem Druck einer

erbarmungslosen Tyrannei geschmachtet hatte.

Vierzehntes Kapitel.

Es zeugt von Mangel an Ehrfurcht, wenn man den Gott anderer

Menschen mißachtet.

_Querkopf Wilsons Kalender._

In Benares besuchte ich auch einen lebendigen Gott; es war der zweite,

den ich zu sehen bekam. Von allen großen und kleinen Weltwundern, die

mir je vorgekommen sind -- und ich habe, so viel ich weiß, fast alle

besichtigt -- hat mir, glaube ich, nichts einen so überwältigenden

Eindruck gemacht wie diese beiden Götter. Eine Erklärung hierfür zu

finden fällt mir nicht schwer: Wenn wir etwas ein Wunder nennen, so tun

wir das in der Regel nicht, weil es _uns_ außergewöhnlich erscheint,

sondern weil _andere_ Leute etwas Besonderes darin sehen. Fast alle

Wunder bekommen wir erst aus zweiter Hand. Ist ein Ding berühmt, so

brennen wir vor Verlangen danach und wenn wir es sehen, erfüllt es

stets unsere Erwartung. Der Anblick eines Gegenstandes, welcher in den

Herzen einer großen Menschenzahl Begeisterung und Ehrfurcht entzündet

oder ihre Liebe und Bewunderung weckt, gewährt uns einen Genuß, den

wir mehr als alles andere schätzen. Wir fühlen uns hoch beglückt und

dauernd bereichert, wir möchten die Erinnerung daran um keinen Preis

hergeben.

Wie manche Sehenswürdigkeit der Welt haben wir von tausend

Schriftstellern unser Lebenlang mit Entzücken preisen hören! Wir

pilgern um den Erdball, sind von ihrem Anblick berauscht und halten die

Gefühle, welche uns überwältigen, für unsere eigenen, während wir nur

von der Blume eines Weines trunken sind, der andern Leuten gehört. Aber

alle Erdenherrlichkeit, die wir staunend erblicken, ist doch nichts

im Vergleich zu einer Person, die lebt, atmet, redet, und von vielen

Millionen Menschen in frommem, aufrichtigem, unerschütterlichem Glauben

für einen Gott gehalten und in Demut angebetet wird.

Als ich den Gott sah, war er sechzig Jahre alt. Er heißt Sri 108 Swami

Bhaskarananda Saraswati; doch ist das nur _eine_ Form seines Namens,

eine Abkürzung, wie man sie etwa im Gespräch mit ihm wählen würde.

Wollte man ihm einen Brief schreiben, so würde es sich schon aus

Höflichkeit empfehlen, eine längere Anrede zu gebrauchen; nicht etwa

den ganzen Namen, aber wenigstens so viel davon:

Sri 108 Matparamahansaparivraiakacharyaswamibhaskaranandasaraswati.

Hochwohlgeboren auf der Adresse hinzuzufügen ist unnötig. Das Wort Sri,

mit dem der ganze Schwall beginnt, ist an sich schon ein Ehrentitel.

›108‹ gibt, glaube ich, die Zahl seiner übrigen Namen an. Da auch

Wischnu 108 Namen hat, die er nur bei besonderen Gelegenheiten braucht,

wird es wohl eine beliebte Sitte im Orden der Götter sein, sich

solchen Extravorrat anzulegen. Aber auch ohne die 108 andern ist der

abgekürzte Name schon ein recht hübsches Besitztum; er besteht aus 58

Buchstaben, wenn ich mich nicht verzählt habe. Dagegen können selbst

die längsten deutschen Wörter nicht aufkommen und sind ein für allemal

vom Wettbewerb ausgeschlossen.

Sri 108 S. B. Saraswati hat erreicht, was die Hindus den ›Zustand der

Vollendung‹ nennen. Andere Hindus gelangen dazu nur durch zahllose

Seelenwanderungen, bei welchen sie wieder und immer wieder in den

verschiedensten Gestalten auf Erden geboren werden. Das ist eine

langwierige Arbeit, die oft Jahrhunderte oder Jahrtausende in Anspruch

nimmt, und bei der man allerlei Gefahr läuft. Man kann zum Beispiel,

wie bereits erwähnt, das Unglück haben, einmal auf dem falschen Ufer

des Ganges zu sterben und als Esel wieder zur Welt zu kommen, so

daß man einen ganz neuen Anlauf nehmen und viele Entwicklungsstufen

nochmals durchmachen muß. Von alledem ist Sri 108 S. B. S., als er

zur Vollendung hindurchdrang, auf immer erlöst worden. Er nimmt

nicht länger teil an dem Wesen dieser Welt; alles Irdische ist von

ihm ausgeschieden, er ist vollkommen heilig und rein. Ja, er gehört

überhaupt nicht mehr der Erde an, sondern steht ihr fremd gegenüber,

ihre Schmerzen, Kümmernisse und Sorgen erreichen ihn nicht. Seine

Heiligkeit kann durch nichts mehr entweiht, seine Reinheit durch nichts

befleckt werden. Wenn er stirbt geht er zum Nirwana ein, wird in das

Wesen der höchsten Gottheit mit aufgenommen und hat Frieden in Ewigkeit.

Die heiligen Schriften der Inder lehren, wie man zu diesem Zustand

emporklimmen kann, aber es kommt höchstens einmal in tausend Jahren

vor, daß ein Prüfungskandidat ihn wirklich erreicht. Sri 108 hat

sämtliche vorgeschriebene Stufen von Anfang bis zu Ende durchgemacht,

und ihm bleibt nun nichts mehr zu tun übrig, als zu warten, bis er aus

dieser Welt abberufen wird, von welcher sein Los getrennt ist und die

ihm nichts mehr zu bieten hat. In der ersten Stufe war er ein Schüler

und erwarb Kenntnis der heiligen Bücher. In der zweiten wurde er

Bürger, Hausvorstand, Gatte und Vater. Dann nahm er, wie geboten ist,

auf immer Abschied von seiner Familie und wanderte fort. Er zog in eine

ferne Wüste und brachte die vorschriftsmäßige Zeit als Einsiedler zu.

Darauf wurde er zunächst Bettler, »wie es die Schrift befiehlt«; er

durchwanderte Indien und nährte sich von den Gaben der Mildtätigkeit.

Vor einem Vierteljahrhundert erreichte er die höchste Reinheit, welche

keines Gewandes bedarf, denn Nacktheit ist ihr Symbol. Er legte daher

das Lendentuch ab, dessen er sich zuvor bedient hatte. Jetzt könnte

er sich nach Belieben wieder damit gürten, denn ihn kann nichts mehr

beflecken -- für gewöhnlich verschmäht er es jedoch.

Ich glaube, das sind noch nicht alle Stufen, aber die andern fallen mir

gerade nicht ein; jedenfalls hat er sie durchgemacht. Während seiner

langen Prüfungszeit hörte er nicht auf, sich in frommer Weisheit zu

vervollkommnen und Erklärungen der heiligen Bücher zu schreiben. Auch

in religiöse Betrachtungen über Brahma hat er sich versenkt und das tut

er noch.

In ganz Indien wird sein Bildnis aus weißem Marmor verkauft; er bewohnt

ein gutes Haus in Benares, das von einem schönen, großen Garten umgeben

und eingerichtet ist, wie es seinem hohen Range zukommt. Auf der

Straße kann er sich natürlich nicht blicken lassen. Für Götter wäre

es in allen Ländern mit Unbequemlichkeiten verbunden, wenn sie frei

umhergingen. Wollte jemand, den wir als Gott anerkennen und verehren,

durch unsere Stadt spazieren und man erführe an welchem Tage, so

würden alle Geschäfte stillstehen und der Verkehr ins Stocken geraten.

Das Wohnhaus des Gottes ist zwar behaglich, aber doch in Anbetracht

der Umstände sehr bescheiden. Er brauchte nur den Wunsch zu äußern,

so würden ihm seine Anhänger mit Freuden einen Palast bauen. Manchmal

empfängt er die Gläubigen einen Augenblick, spricht ihnen Trost zu

und gibt ihnen seinen Segen; darauf küssen sie ihm die Füße und gehen

beglückt von dannen. Da er ein Gott ist, legt er auf Rang und Stand

keinen Wert, vor ihm sind alle Menschen gleich. Er empfängt wen er will

oder verweigert seinen Anblick. Manchmal läßt er einen Fürsten vor

und schickt den Bettler fort; ein andermal empfängt er den Bettler,

und der Fürst muß seiner Wege gehen. Doch nimmt er überhaupt nur

wenige Besucher irgendwelcher Klasse an, da er die Zeit für seine

Betrachtungen zu Rate halten muß. Mr. Parker, den Missionar, würde er,

glaube ich, jederzeit empfangen, weil er ihm leid tut. Er selbst tut

aber Mr. Parker ebenso leid, und dies Mitgefühl ist gewiß ein Segen für

alle beide.

Bei unserer Ankunft mußten wir noch eine Weile im Garten herumstehen;

die Aussichten waren nicht sehr günstig, denn Sri 108 S. B. S. hatte an

diesem Tage alle Maharajas fortgeschickt und nur den gemeinen Pöbel

empfangen; da wir nun weder das eine noch das andere waren, ließ sich

nicht voraussagen, was wir zu erwarten hatten. Bald erschien jedoch ein

Diener und sagte, es wäre schon recht, der Gott würde kommen.

Ja, er kam wirklich und ich habe ihn gesehen, diesen Gegenstand der

Anbetung für Millionen. Mich durchbebte ein nie gekanntes Gefühl -- ich

wollte, es strömte mir noch durch die Adern. Und doch war er für mich

kein Gott, sondern nur ein Schaustück. Der heilige Schauer, der mich

durchzitterte, war nicht mein eigener; ich empfing ihn aus zweiter Hand

von den unsichtbaren Millionen seiner Anbeter. Durch die Berührung mit

ihrem Gott war ich in elektrische Verbindung mit ihrer Riesenbatterie

geraten und bekam die ganze Ladung auf einmal zu fühlen.

Sri 108 S. B. S. war groß und hager. Sein scharfgeschnittenes Gesicht

hatte einen ungewöhnlich durchgeistigten Ausdruck und er sah mich mit

dem tiefen Blick seiner Augen gütig an. Er schien viel älter als seine

Jahre, aber das mochte wohl von seinen Studien und Betrachtungen, dem

Fasten und Beten und dem harten Leben herrühren, das er als Einsiedler

und Bettler geführt hatte. Empfängt er Eingeborene hohen oder niederen

Ranges, so geht er ganz nackt; aber jetzt trug er ein weißes Tuch um

die Lenden, ein Zugeständnis, das er vermutlich den Vorurteilen der

Fremden machte.

Sobald sich meine Verzückung etwas gelegt hatte, kamen wir gut

miteinander aus, und er erwies sich mir als ein sehr angenehmer

und freundlicher Gott. Er hatte viel vom Religionskongreß und der

Weltausstellung in Chicago gehört und sprach mit großem Interesse

darüber. Wenn die Leute in Indien auch von Amerika sonst nichts wissen,

dies Ereignis ist ihnen bekannt, und sie werden Chicago sobald nicht

vergessen.

Zu meiner Freude schlug der Gott mir vor, ob wir nicht unsere

Autographen austauschen wollten. Zufolge dieser zarten Aufmerksamkeit

glaubte ich an ihn, wenn ich auch vorher meine Zweifel gehabt

hatte. Er schrieb mir eine Widmung in sein Buch, das ich stets mit

ehrfurchtsvoller Scheu betrachtete, obgleich die Wörter von rechts

nach links gehen und ich es daher nicht lesen kann. Diese Art Bücher

zu drucken, halte ich für ganz verkehrt. Das Werk enthält die von ihm

verfaßten, umfangreichen Erklärungen zu den heiligen Schriften der

Hindus; könnte ich sie entziffern, so würde ich selbst versuchen

nach der Vollendung zu streben. Ich überreichte ihm ein Exemplar von

Huckleberry Finn, weil ich glaubte, es würde ihm zur Abwechslung von

seinen Betrachtungen über Brahma eine kleine Erholung sein. Er sah

recht müde aus, und wenn ihm mein Buch auch vielleicht nichts nützt, so

wird es ihm doch gewiß nichts schaden.

Sri 108 S. B. S. hat einen Schüler, der unter ihm seine Studien

betreibt -- Mina Bahadur Rana -- doch bekamen wir ihn nicht zu

sehen. Er trägt Kleider und ist noch sehr unvollkommen. Eine kleine

Abhandlung, die er über seinen Meister geschrieben hat, habe ich mir

angeschafft. Es ist auch ein Holzschnitt darin, welcher Lehrer und

Schüler zusammen auf einer Matte im Garten sitzend darstellt. Das Bild

ist sehr gut getroffen und die Stellung genau dieselbe, welche Brahma

mit Vorliebe einnimmt; man braucht dazu lange Arme und geschmeidige

Beine; nur Götter können diese so übereinander schlagen -- Götter und

der Kautschukmann. In der gleichen Stellung ist auch im Garten ein

Marmorbild von Sri 108 S. B. S. in Lebensgröße zu sehen.

Eine sonderbare Welt, in der wir leben -- und am allermerkwürdigsten

geht es in Indien zu. Jener Schüler, Mina Bahadur Rana, ist ganz und

gar kein gewöhnlicher Mensch, er besitzt eine außerordentliche Begabung

und hohe Bildung; eine glänzende weltliche Laufbahn lag vor ihm. Noch

vor zwanzig Jahren stand er im Dienst der Regierung von Nepal und

nahm am Hofe des Vizekönigs von Indien eine hervorragende Stellung

ein. Er war tüchtig in seinem Beruf, ein tiefer Denker, wohlhabend

und kenntnisreich. Da ergriff ihn plötzlich das Verlangen, sich einem

religiösen Leben zu weihen, er legte sein Amt nieder, wandte der

Eitelkeit und allem Behagen dieser Welt den Rücken, zog sich in die

Einsamkeit zurück und lebte in einer armen Hütte. Dort studierte er die

heiligen Schriften und vertiefte sich in Betrachtungen über Tugend und

Frömmigkeit, die er zu erringen strebte. Diese Art Religion gleicht

der unsrigen. Christus hat den Reichen geboten ihre Güter den Armen

zu geben und ihm nachzufolgen, nicht in weltlichem Wohlleben, sondern

in Dürftigkeit. Unsere amerikanischen und englischen Millionäre tun

das täglich und bezeugen so vor aller Welt den ungeheueren Einfluß der

Religion; aber von manchen Leuten werden sie wegen dieser Entsagung

und Pflichttreue verhöhnt und auch über Mina Bahadur Rana wird man

spotten und sagen, er sei verrückt geworden. Gleich vielen Christen

von edlem Charakter und hohen Geistesgaben hat auch er sich das

Studium seiner heiligen Schriften und die Abfassung von Büchern zu

ihrer Erklärung und Auslegung als Lebensaufgabe gewählt; er hat sich

diesem Beruf mit aller Liebe hingegeben und ist fest überzeugt, daß

es keine törichte, nutzlose Zeitverschwendung, sondern die würdigste

und ehrenvollste Beschäftigung ist, der er sich widmen kann. Dennoch

gibt es viele Leute, welche jene Christen verehren und preisen, den

Inder aber einen Narren schelten. Das tue ich nicht. Er besitzt meine

vollste Hochachtung und die biete ich ihm nicht als etwas Gemeines und

Alltägliches dar, sondern als eine große Seltenheit und Kostbarkeit.

Die gewöhnliche Hochachtung und Ehrfurcht, wie sie gang und gäbe ist,

kostet nichts. Ehrfurcht vor dem, was uns selbst heilig ist: vor

Eltern, Religion, Gesetz, Vaterland, Achtung vor unsern eigensten

Ueberzeugungen, sind uns so natürliche Gefühle, daß wir ohne sie

ebensowenig leben könnten, wie ohne zu atmen. Das Atemholen rechnet man

sich aber nicht als persönliches Verdienst an. Schwer und verdienstvoll

ist dagegen eine andere Art der Ehrfurcht, nämlich die Hochachtung,

die wir aus freien Stücken den politischen und religiösen Anschauungen

eines Menschen zollen, obgleich sie nicht die unsrigen sind. Wir können

seine Götter nicht anbeten und seine Politik nicht teilen -- das

erwartet auch niemand von uns; aber seinen Glauben an sie könnten wir

doch achten, wenn es uns auch sauer wird; ja, wir könnten ihn selber

achten, wollten wir uns rechte Mühe geben. Freilich, schwer ist es,

ganz entsetzlich schwer, fast ein Ding der Unmöglichkeit, und deshalb

versuchen wir es lieber gar nicht. Glaubt ein Mensch nicht wie wir

glauben, so nennen wir ihn einen Toren, und dabei bleibt es. Das heißt

in unsern Tagen, weil wir ihn jetzt nicht mehr verbrennen können.

Als wir von dem Gott in Benares Abschied nahmen und uns entfernten,

trafen wir am Gartentor mit einer Gruppe von Eingeborenen zusammen,

welche ehrerbietig warteten -- ein Rajah, der aus einem entlegenen Teil

Indiens kam und einige weniger vornehme Leute. Der Gott winkte sie zu

sich heran, und im Hinausgehen sahen wir noch, wie der Rajah vor ihm

kniete und demutsvoll seine heiligen Füße küßte.

Eine bequeme Eisenbahnfahrt von siebzehn und einer halben Stunde

brachte uns nach Kalkutta, der Hauptstadt Indiens, die zugleich auch

die Hauptstadt von Bengalen ist. Die Bevölkerung besteht wie in Bombay

aus fast einer Million Eingeborenen und einer kleinen Zahl Weißer.

Kalkutta ist eine riesengroße und schöne Stadt, man nennt es die

Stadt der Paläste. Es ist reich an geschichtlichen Erinnerungen und

reich an britischen Errungenschaften auf militärischem, politischem

und kaufmännischem Gebiet. Man bekommt dort die Früchte des Wirkens

der beiden großen Helden Clive und Hastings zu genießen, aber das 250

Fuß hohe Monument, welches man meilenweit in der Runde sieht, trägt

den Namen Ochterlony. Mag man in Kalkutta sein wo man will, überall

muß man an Ochterlony denken und sich den Kopf darüber zerbrechen,

was das Denkmal wohl zu bedeuten hat. Gut, daß Clive nicht von den

Toten zurückkommen kann, er würde sonst glauben, es sollte seinen Sieg

bei Plassey verewigen und müßte zu seiner Kränkung erfahren, daß er

sich geirrt hat. »Mit dreitausend Mann,« würde er sagen, »habe ich

sechzigtausend bezwungen und das Reich gegründet, aber man hat mir

kein Denkmal gesetzt. In der Schlacht bei Ochterlony hat der General

vielleicht mit einem Dutzend Soldaten eine Billion Feinde geschlagen

und die Welt errettet.«

Aber das ist nicht richtig. Ochterlony war ein Mann, keine Schlacht. Er

hat dem Lande auch gute und ehrenhafte Dienste geleistet, wie hundert

andere tapfere, rechtschaffene und hochbegabte Engländer. Indien ist

ein fruchtbarer Boden, um Männer zu erzeugen, die groß sind im Kriege

wie im Frieden und bescheiden bei all ihrer Größe. Daß man ihnen

Denkmäler setzt, erwarten sie nicht; auch Ochterlony hat das schwerlich

getan -- wenigstens sicherlich nicht, ehe Clive und Hastings versorgt

waren.

Wollte man in Indien jedem zum Lohn für ausgezeichnete Taten, treue

Pflichterfüllung und fleckenlosen Lebenswandel ein Denkmal setzen, es

würde der Gegend ein einförmiges Ansehen geben. Die Handvoll Engländer

regieren die Myriaden Inder anscheinend mit Leichtigkeit und ohne daß

irgend welche Reibung entsteht. Sie können das, weil sie richtigen

Takt, Tüchtigkeit und treffliche Verwaltungskunst besitzen, welche von

gerechten, freisinnigen Gesetzen unterstützt wird, und weil sie den

Eingeborenen stets Wort halten, wenn sie ihnen ein Versprechen gegeben

haben.

England liegt weit von Indien; man erfährt dort wenig von den großen

Diensten, welche die indischen Beamten dem Lande leisten; denn der

Ruhm wird durch Zeitungskorrespondenten verbreitet, und diese schickt

England nicht nach Indien, sondern nach dem europäischen Festland, um

über die Taten aller kleiner Fürsten und Herzöge Bericht zu erstatten,

damit man weiß, wo sie auf Besuch sind und wen sie heiraten. Ein

britischer Beamter kann oft dreißig oder vierzig Jahre in Indien

gelebt haben und wegen seiner hohen Verdienste von einer Ehrenstufe

zur andern gestiegen sein, bis er Vizekönig wird und ein großes Reich

mit vielen Millionen Untertanen regiert. In jedem andern Lande wäre er

ein berühmter Mann, aber, wenn er wieder nach England kommt, ist er im

Grunde so gut wie unbekannt und zieht sich in ein bescheidenes Eckchen

zurück. Erst nach seinem Tode liest man mit Staunen den Bericht über

seine glänzende Laufbahn in irgend einer Londoner Zeitung.

In Kalkutta gab es viel zu sehen, aber wir hatten nur wenig Zeit

dazu. Die von Clive erbaute Festung, der große botanische Garten, die

Spazierfahrt der vornehmen Welt auf dem Maidan und eine glänzende Revue

der Garnison nebst den Manövern der eingeborenen Soldaten, bei denen

alle Waffengattungen große militärische Tüchtigkeit bewiesen und deren

Schluß die Erstürmung eines indischen Forts bildete -- das waren die

Hauptsehenswürdigkeiten, die wir in Augenschein nahmen. Dann machten

wir noch eine Lustfahrt auf dem Hugli und teilten unsere übrige Zeit

zwischen geselligem Verkehr und dem indischen Museum. Letzteres ist

eine wahre Schatzkammer für indische Altertümer, zu deren Besichtigung

man mindestens einen Monat haben sollte; ja, ich könnte diese schönen

und wunderbaren Dinge ein halbes Jahr lang ansehen, ohne daß sie ihren

Reiz für mich verlieren würden.

Es war Winter in Kalkutta, ›kaltes Wetter‹, wie uns jedermann

versicherte. Aber, wer an 138° im Schatten gewöhnt ist, hat kein Urteil

über dergleichen. Jedenfalls war dies kalte Wetter zu warm für die

Fremden, und wir brachen deshalb nach Dardschiling am Himalaja auf. Es

ist eine Reise von vierundzwanzig Stunden.

Fünfzehntes Kapitel.

Es gibt 869 verschiedene Arten der Lüge; aber nur eine von

allen ist ausdrücklich verboten: »Du sollst nicht falsch

Zeugnis reden wider deinen Nächsten.«

_Querkopf Wilsons Kalender._

_Aus dem Tagebuch. 14. Februar._ Wir reisten nachmittags um 4.30 ab und

fuhren bis zur Dämmerung durch tropische Vegetation; dann bestiegen wir

ein Boot, das uns ans andere Ufer des Ganges brachte.

* * * * *

Meine Reise um die Welt. Zweite Abteilung · 第 9 / 16 段