ehrwürdigen Briddhkal-Tempels, der zu den ältesten Heiligtümern von
Benares gehört. An einem Steinbilde des Affengottes Hanuman vorbei,
gelangt man auf den mit Trümmern bedeckten Höfen zu einer seichten
Zisterne mit stehendem Wasser. Sie riecht wie der beste Limburger
Käse; der Schmutz von den Waschungen aller Kranken und Aussätzigen hat
sich dort angesammelt. Aber was tut das? Bade dich darin mit Dank und
Andacht, denn dies ist der Jungbrunnen, das ›Wasser des langen Lebens‹.
Dein graues Haar wird verschwinden mit allen Runzeln; Gliederweh,
Sorgenlast und Altersschwäche werden von dir abfallen; jung, frisch,
elastisch, und begierig den Wettlauf des Lebens von neuem zu beginnen,
entsteigst du dem Bade. Natürlich stürmen nun auch die mannigfachen
Träume und Wünsche der holden Jugendzeit wieder auf dich ein. Deshalb
gehe dahin, wo du
8. -- die _Erfüllung der Wünsche_ findest, nämlich in den
Kemeschwar-Tempel, welcher Schiwa, dem Herrn der Wünsche geweiht
ist und hole dir die Gewährung der deinigen. Liegt dir etwas an
Götzenbildern, so kannst du dort in den zahllosen Tempeln genug zu
sehen bekommen, um ein ganzes Museum auszustaffieren. Vermutlich wirst
du nun mit neuem Eifer anfangen Sünden zu begehen; ich kann dir daher
nur raten, häufig eine Stätte aufzusuchen, wo du
9. _zeitweilige Reinigung von Sünden_ erhältst. Dies ist der Brunnen
des Ohr-Rings, der weihevollste Ort in ganz Benares, das Allerheiligste
in der Vorstellung des Volkes, dem man sich nur in tiefster Ehrfurcht
nahen darf. Das Wasserbecken ist mit einem Gitter umgeben, zu dem
steinerne Treppen hinabführen. Natürlich ist das Wasser nicht rein; wie
wäre das möglich, da fortwährend Menschen darin baden. Wie lange man
auch dort stehen mag, immer sieht man die Sünder in ununterbrochener
Reihe hinab- und heraufsteigen. Mit Sünde beladen gehen sie hinunter
und frei von Schuld kommen sie wieder herauf. »Der Lügner, der Dieb,
der Mörder, der Ehebrecher, waschen sich hier und werden rein,« sagt
Mr. Parker in seinem Buch. Gut, daß ich Mr. Parker kenne und glaube was
er sagt; hätte jemand anderes das behauptet, so würde ich ihm raten,
sofort ins Wasser hinunterzusteigen und sich tüchtig abzuwaschen. --
Jugend, langes Leben, Sündenreinheit sind zwar köstliche Gaben, aber
das ist noch nicht genug. Vor allem mußt du dich
10. _deiner Seligkeit versichern_. Das kannst du auf mancherlei Art.
Erstens, wenn du im Ganges ertrinkst, aber das ist nicht angenehm.
Oder du stirbst in Benares; dabei ist jedoch zu bedenken, daß du gerade
außerhalb der Stadt sein könntest, wenn dein letztes Stündlein kommt.
Am sichersten ist eine Wallfahrt rund um die Stadt. Du mußt sie barfuß
machen und der Weg ist vierundvierzig Meilen lang, weil er eine Strecke
weit über Land führt, so daß der Marsch wohl fünf bis sechs Tage
dauern kann. An Gesellschaft wird es dir aber nicht mangeln. Scharen
beglückter Pilger ziehen dieselbe Straße; der Farbenglanz ihrer Kleider
gewährt dir ein schönes Schauspiel, auch erheitern ihre Loblieder und
heiligen Triumphgesänge dir das Herz und lassen dich keine Ermüdung
spüren. Von Zeit zu Zeit triffst du auf einen Tempel, wo du ausruhen
und dich mit Speise erfrischen kannst. Ist deine Wallfahrt zu Ende, so
hast du dir die Seligkeit sicher erworben. Aber du wirst ihrer doch
vielleicht nicht teilhaftig, außer wenn du
11. _deine Erlösung eintragen_ lässest. -- Dies kannst du im Sakhi
Binayak Tempel tun. Du darfst es ja nicht versäumen, weil du sonst
nicht beweisen kannst, daß du die Pilgerfahrt wirklich gemacht hast,
falls man es dir einst bestreiten sollte. Ueber der Tür dieses
Heiligtums, das hinter dem Kuh-Tempel liegt, ist ein rotes Bildnis
von Ganesch mit dem Elefantenkopf, dem Sohn und Erben des Gottes
Schiwa, der sozusagen Kronprinz des theologischen Kaisertums ist.
Der Gott im Tempel hat das Amt deine Wallfahrt einzutragen und sich
für dich zu verbürgen. Ihn selber bekommst du zwar nicht zu sehen,
aber ein Brahmane empfängt dich, besorgt dein Geschäft und läßt sich
das Geld dafür auszahlen. Falls er letzteres vergißt, darfst du ihn
daran erinnern. Er weiß jetzt, daß deine Seligkeit gesichert ist, aber
natürlich möchtest du es auch gern selbst erfahren, dazu brauchst du nur
12. an den _Brunnen zur Kenntnis der Seligkeit_ zu gehen. Er ist dicht
beim Goldenen Tempel. Da steht ein Stier aus einem einzigen schwarzen
Marmorblock gemeißelt und viel größer als irgend ein lebendiger Stier,
der dir jemals vorgekommen ist; auch ein Bildnis von Schiwa wird dort
gezeigt, eine große Seltenheit! Sein Lingam hast du vielleicht schon
fünfzehntausendmal gesehen, aber dies hier ist Schiwa selbst und
man sagt, das Porträt sei sehr ähnlich. Es hat drei Augen; so viele
besitzt kein anderer Gott. Ueber dem Brunnen ist ein schöner steinerner
Baldachin, der auf vierzig Säulen ruht; wie allenthalben in Benares,
beten auch hier Scharen von andächtigen Pilgern. Das heilige Wasser
wird ihnen eingelöffelt, und dabei durchströmt sie zugleich die klare
und feste Zuversicht ihrer Erlösung. Man sieht es ihnen am Gesicht an,
daß sie das höchste Glück gefunden haben, welches es auf Erden gibt,
dem sich keine andere Freude vergleichen läßt. Wer das Wasser getrunken
und seine Einzahlung gemacht hat, was sollte der noch begehren? Gold,
Edelsteine, Macht oder Ruhm? -- In einem Augenblick ist das alles
nichtig und wertlos geworden und zu Staub und Asche zerfallen. Die Welt
hat dem Menschen nichts mehr zu bieten, sie muß sich ihm gegenüber für
bankerott erklären. --
Ich will nicht behaupten, daß alle Pilger ihre Andacht immer genau
in der Reihenfolge verrichten, wie mein Wegweiser sie angibt, aber
es wäre gar nicht so übel, wenn sie es täten. Sie hätten dann
einige feste Anhaltspunkte, ein bestimmtes Ziel und brauchten ihre
gottesdienstlichen Uebungen nicht aufs Geratewohl zu betreiben: Das
Gangesbad am Morgen erregt des Pilgers Eßlust; sie vergeht ihm, wenn
er die Kuhschwänze küßt. Nun sehnt er sich nach weltlichen Gütern; er
eilt hin und gießt Wasser auf Schiwas Symbol. Das sichert ihm sein
irdisches Glück, bringt ihm aber auch einen Regenschauer, von dem
er das Fieber bekommt. Zur Heilung trinkt er das Schmutzwasser am
Khedar Ghaut, das Fieber verläßt ihn, aber er bekommt die Blattern.
Um zu wissen, welche Wendung es mit ihm nehmen wird, geht er zum
Dandpan-Tempel und sieht in den Brunnen hinab. Die Sonne umwölkt sich,
sie zeigt ihm, daß er dem Tode nahe ist. Was kann er da Besseres tun,
als sich seine Seligkeit im Jenseits zu sichern? Das geschieht mit
Hilfe des großen Schicksalsgottes. Nun ist ihm der Himmel gewiß, er
wird daher vermutlich Sorge tragen, noch solange wie möglich auf Erden
zu bleiben. In dieser Absicht geht er zum Briddhkal-Tempel und gewinnt
Jugend und langes Leben durch ein Bad in der scheußlichen Pfütze, die
selbst eine Mikrobe umbringen würde. Die Sündenlust erwacht mit der
Jugend von neuem; er sucht den Tempel der ›Erfüllung der Wünsche‹ auf,
um sein Verlangen zu stillen. Im Brunnen des Ohr-Rings reinigt er sich
dann von Zeit zu Zeit von Sünden und stärkt sich zu ferneren verbotenen
Genüssen. Da er aber ein Mensch ist, kann er sich der Zukunftsgedanken
nicht entschlagen. Deshalb macht er die große Wallfahrt rund um die
Stadt, sichert sich seine Erlösung, läßt sie eintragen und verschafft
sich noch die persönliche Gewißheit seines künftigen Heils durch einen
Gang nach dem Brunnen zur ›Kenntnis der Seligkeit‹. -- Nun ist er aller
Sorgen ledig, er kann tun und lassen was er will und genießt einen
Vorzug, den er einzig und allein seiner Religion verdankt: Sollte er
hinfort auch noch Millionen Sünden begehen, so schadet es nichts und
niemand kann ihm etwas dafür anhaben.
So ist das ganze System klar und übersichtlich zusammengestellt und
läßt an Vollständigkeit nichts zu wünschen übrig; ich möchte es allen
empfehlen, denen die andern Religionen zu anspruchsvoll in ihren
Forderungen erscheinen und zu beschwerlich für die kurze Spanne unseres
mühevollen Erdenlebens.
Aber ich will niemand durch falsche Vorspiegelungen täuschen und so
muß ich noch eines Umstands erwähnen, der in meinem Wegweiser fehlt.
Trotz aller Mühe und Kosten, die sich der Pilger gemacht hat, kann sein
ganzes Werk zu Schanden werden, wenn er zufällig auf das andere Ufer
des Ganges gerät und dort stirbt. Er würde dann sofort wieder lebendig
werden, jedoch in der Gestalt eines Esels. Gegen die Verwandlung in
einen Esel hat der Hindu aber eine merkwürdige Abneigung -- und doch
wäre es für ihn gar kein schlechter Tausch. Er fände dadurch Erlösung
aus der sklavischen Abhängigkeit von 2000000 Göttern und 20000000
Priestern, Fakirn, heiligen Bettlern und andern frommen Bazillen; auch
der Hindu-Hölle könnte er entfliehen und desgleichen dem Hindu-Himmel.
Würde sich der Hindu nur aller dieser Vorteile bewußt, er ginge sofort
über den Ganges und stürbe am andern Ufer.
Benares ist ein religiöser Vulkan. In seinen Eingeweiden sind die
theologischen Kräfte schon seit Jahrtausenden geschäftig; es donnert
und grollt und kracht, es wühlt und erbebt, es brodelt und kocht, es
flammt und raucht darin ohne Unterlaß. Am Fuß des Kraters aber haben
kleine Gruppen von Missionaren voller Hoffnung Posten gefaßt. Sie
gehören zu den Missionsgesellschaften der Baptisten, der Wesleyaner,
der Londoner Mission, der Kirchenmission, der Zenana-Bibelmission und
der Heilsmission. Die Haupterfolge erzielen sie in ihren Schulen unter
den Kindern. Das ist auch sehr natürlich, denn erwachsene Menschen
halten sich überall mit Vorliebe an das Religionsbekenntnis, in dem sie
erzogen worden sind.
Dreizehntes Kapitel.
Runzeln sollten nur die zurückgebliebenen Spuren des
Lachens sein.
_Querkopf Wilsons Kalender._
In einem der Tempel von Benares sahen wir einen frommen Mann, der
auf seltsame Weise »schaffte, daß er selig würde«. Er hatte einen
ungeheuern Klumpen Lehm neben sich liegen und knetete daraus winzige
Götter, kaum größer als eine Erbse; in jeden steckte er ein Reiskorn,
vermutlich an Stelle des Lingams. Die Arbeit ging ihm bei der großen
Uebung, die er hatte, sehr schnell von der Hand; täglich verfertigte
er zweitausend solche Götter und warf sie dann in den heiligen
Gangesstrom. Für dies fromme Werk wurde ihm hohe Anerkennung von allen
Gläubigen zu teil -- und viele Kupfermünzen. So hatte er ein sicheres
Einkommen auf Erden und erwarb sich zugleich einen Ehrenplatz im
Jenseits.
Von der Flußseite gesehen, gewährt Benares einen herrlichen Anblick.
Drei Meilen weit sind die hohen Felsenufer von oben bis hinunter
zum Wasserspiegel mit lauter prachtvollen und malerischen Bauwerken
besetzt; der Fels selbst ist ganz verschwunden, Tempel, Hallen, Paläste
wechseln miteinander in bunter Reihe und viele breite Treppen aus
Marmorquadern führen zum Fluß hinab. Ueberall ist Leben und Bewegung;
in alle Farben des Regenbogens gekleidet, strömt die Menge die Stufen
herauf und hinunter, oder drängt sich auf den langgestreckten Terrassen
am Uferrand, wie ein großer wandelnder Blumengarten.
Alle jene Prachtbauten sind Werke der Frömmigkeit. Die Paläste gehören
eingeborenen Fürsten, deren Heimat meist fern von Benares ist. Doch
kommen sie von Zeit zu Zeit zur heiligen Stadt, um sich Seele und
Leib durch den Anblick ihres angebeteten Ganges und ein Bad in seinen
Fluten zu erquicken. Auch die schönen Treppen sind fromme Stiftungen,
so gut wie die zahllosen, reich geschmückten kleinen Tempel, durch
deren Errichtung sich die wohlhabenden Hindus irdisches Ansehen und
die Hoffnung auf künftige Belohnung erwerben. Ein reicher Christ, der
bedeutende Summen für religiöse Zwecke verwendet, ist eine Seltenheit;
aber unter den Hindus lebt niemand, der seiner Religion nicht die
größten Geldopfer brächte. Auch bei uns gibt der Arme etwas für die
Kirche aus, behält jedoch noch das Nötigste zu seinem Lebensunterhalt
zurück. Der arme Inder bringt sich dagegen täglich für seine Religion
an den Bettelstab. Trotz seiner vielen frommen Spenden bleibt dem
reichen Hindu noch immer genug an weltlichen Gütern übrig und er erntet
obendrein hohen Ruhm; aber der arme Hindu ist wirklich zu bemitleiden:
er gibt alles hin, was er hat, und es trägt ihm doch keine Ehre ein.
Wir machten zwei- bis dreimal die gebräuchliche Fahrt flußaufwärts
und abwärts, wobei wir auf dem Deck der großen Arche, die mit Rudern
fortbewegt wird, unter einem Zeltdach auf Stühlen saßen. Ich hätte noch
vielmals so hin- und herfahren können und zwar mit stets gesteigertem
Interesse und Genuß, denn je öfter man die Paläste und Tempel sieht, um
so mehr bewundert man sie, was ja bei dergleichen Prachtgebäuden der
Fall ist. Auch den Badenden hätte ich gern noch länger zugeschaut; es
war ein Vergnügen zu sehen, wie geschickt sie aus ihren Kleidern hinaus
und wieder hereinschlüpften ohne zuviel von ihrer bronzefarbenen Haut
zu zeigen; ihr frommes Gebärdenspiel und die andächtige Art, wie sie
die Gebetskügelchen durch die Finger gleiten ließen, wäre mir nicht zum
Ueberdruß geworden.
Nur eins konnte ich kaum noch mit ansehen, nämlich wie sie sich den
Mund mit dem scheußlichen Wasser ausspülten und es tranken. An einer
Stelle, wo wir eine Weile anlegten, ergoß sich ein stinkender Strom
aus einem Abzugskanal und machte das Wasser rings umher trübe und
schmutzig; auch ein angeschwemmter Leichnam kreiste darin und tauchte
auf und nieder. Zehn Schritte unterhalb aber, standen Männer, Frauen
und hübsche junge Mädchen bis an die Brust im Wasser, schöpften es in
der hohlen Hand und tranken. Ja, der Glaube kann Wunder wirken, davon
erhielt ich hier den Beweis. Die Leute tranken das greuliche Zeug nicht
etwa um ihren Durst zu löschen, sondern um Seele und Leib inwendig zu
läutern. Nach ihrer Lehre macht das Gangeswasser augenblicklich alles
was es berührt vollkommen rein. Deshalb nahmen sie weder an dem Schmutz
des Abzugskanals noch an der Leiche den geringsten Anstoß; das heilige
Wasser hatte sie ja berührt, sie waren so rein wie frisch gefallener
Schnee und konnten niemand besudeln. Jener Anblick wird mir ewig
unvergeßlich sein -- aber sehr gegen meinen Willen.
Noch ein Wort über das schmutzige Gangeswasser, das doch alles zu
reinigen vermag: Als wir mehrere Wochen später nach Agra kamen,
hatte sich dort gerade ein Wunder zugetragen -- den Gelehrten war
eine große wissenschaftliche Entdeckung geglückt. Durch dieselbe
wurde festgestellt, daß das von uns vielgeschmähte Gangeswasser
wirklich das mächtigste Reinigungsmittel der Welt ist. Eine bedeutende
Errungenschaft der modernen Naturkunde! Man hatte sich schon längst
darüber verwundert, daß die Cholera zwar in Benares häufig wütet, sich
jedoch nie über den Stadtbezirk hinaus verbreitet. Mr. Henkin, ein von
der Regierung zu Agra angestellter Naturforscher, beschloß das Wasser
zu untersuchen. Er ging nach Benares und schöpfte Wasser am Ausfluß
der Abzugskanäle in der Nähe der Badetreppen. Die Probe ergab, daß ein
Kubikzentimeter dieses Wassers Millionen von Cholerabazillen enthielt;
nach Ablauf von sechs Stunden waren sie alle tot. Nun zog Henkin
einen schwimmenden Leichnam ans Land; in dem Wasser, das von diesem
abtropfte, wimmelte es von Cholerakeimen, aber nach sechs Stunden lebte
kein einziger mehr. Auch sämtliche Bazillen, die Henkin in großer
Menge in das Gangeswasser brachte, starben unfehlbar innerhalb sechs
Stunden. Er wiederholte denselben Versuch mehrmals mit reinem Wasser,
das gänzlich bakterienfrei war. Sobald er Cholerakeime hineinbrachte,
vermehrten sie sich massenhaft, und nach sechs Stunden lebten viele
Millionen darin.
Jahrhunderte lang sind die Hindus fest überzeugt gewesen, daß das
Gangeswasser nicht nur vollkommen rein ist und durch nichts beschmutzt
werden kann, sondern auch unfehlbar alles läutert, was damit in
Berührung kommt. Weil sie das auch heutigen Tages noch glauben, trinken
sie es und baden darin, ohne sich um schwimmende Leichen oder den
_scheinbaren_ Schmutz zu kümmern. Durch die Wissenschaft belehrt,
werden wir die Hindus jetzt wohl kaum noch deswegen verspotten dürfen,
wie wir es seit vielen Generationen getan haben. Wie mögen sie wohl vor
grauen Jahren hinter das Geheimnis des Wassers gekommen sein? Hatten
sie vielleicht schon damals Bakteriologen? -- Wir wissen es nicht. Nur
soviel wissen wir, daß sie bereits eine Zivilisation besaßen, als wir
noch tief in der Barbarei steckten.
Doch jetzt möchte ich von etwas anderem reden, nämlich von dem
Verbrennungsplatz der Leichen. Fakirs pflegt man nicht zu verbrennen;
sie bekommen, dank ihrer Heiligkeit, auch ohnedies im Jenseits einen
guten Platz, wenn man sie den Wellen des geweihten Stromes übergibt.
Wir sahen, wie man einen solchen frommen Bettler bis in die Mitte des
Ganges ruderte und dort über Bord warf. Er war zwischen zwei großen
Steinplatten festgeklemmt.
Eine halbe Stunde lag unser Boot am Verbrennungsghat und wir sahen
neun Leichen von den Flammen verzehren. Dann hatte ich ganz genug.
Das Trauergefolge begleitet die Bahre durch die Stadt und bis hinab
zum Ghat; dort überlassen die Träger den Toten mehreren Eingeborenen
aus einer niederen Kaste, ›Doms‹ genannt, und die Trauernden begeben
sich auf den Heimweg. Ich hörte kein Schluchzen, sah keine Tränen, der
Abschied ging ruhig vor sich. Alle Ausbrüche von Kummer und Schmerz
werden offenbar in häuslicher Zurückgezogenheit abgemacht. Die toten
Frauen bringt man in einer roten, die Männer in einer weißen Umhüllung.
Man legt sie am Uferrand ins Wasser, während der Holzstoß bereitet wird.
Der erste Tote, welchen die ›Doms‹ auswickelten um ihn zu waschen, war
ein wohlgenährter, stark gebauter, schöner alter Herr gewesen, dem
man keine Krankheit ansah. Aus trockenem Holz wurde ein Haufen lose
zusammengeschichtet, der Leichnam darauf gelegt und mit brennbaren
Stoffen bedeckt. Dann begann ein nackter heiliger Mann, der etwas
abseits auf einer Erhöhung saß, mit großem Nachdruck zu reden und zu
schreien. Der Lärm dauerte eine ganze Weile und stellte vermutlich
die Leichenpredigt vor. Einer der Leidtragenden war zurückgeblieben,
als sich die andern entfernten, nämlich der Sohn des Verstorbenen, ein
hübscher, brauner etwa zwölfjähriger Knabe mit ernster, gefaßter Miene.
Er war in ein weißes, wallendes Gewand gekleidet und hatte die Pflicht,
seinen Vater zu verbrennen. Man gab ihm eine Fackel in die Hand, und
während er siebenmal langsam um den Holzstoß schritt, predigte der
nackte Schwarze auf der Anhöhe noch lauter und ungestümer als zuvor.
Als der Knabe den siebenten Rundgang beendet hatte, berührte er mit
der Fackel zuerst seines Vaters Haupt und dann die Füße. Helle Flammen
sprangen scharf knisternd empor, und der Knabe zog sich zurück. Der
Hindu wünscht sich keine Tochter, weil ihre Hochzeit unerschwingliche
Kosten verursacht, er wünscht sich einen Sohn, um einst im Tode auf
ehrenvolle Art aus der Welt scheiden zu können. Und eine größere Ehre
gibt es nicht für den Vater, als wenn ihm sein Sohn den Scheiterhaufen
anzündet. Wer keinen Sohn hat, ist übel daran und sehr beklagenswert.
Im Hinblick auf die Unsicherheit des menschlichen Lebens heiratet der
Hindu schon als Knabe, um einen Sohn zu bekommen, der ihm nach dem Tode
den letzten Dienst erweisen soll. Wird ihm kein Sohn geboren, so nimmt
er einen Knaben an Kindesstatt an. Das genügt für alle Zwecke.
Unterdessen nahm die Verbrennung jenes Leichnams und einiger andern
ihren Fortgang. Es war ein grausiges Geschäft. Die Heizer blieben dabei
nicht müßig; sie liefen flink umher, schürten das Feuer mit langen
Stäben und warfen von Zeit zu Zeit mehr Holz hinein; auch hoben sie
oft Schädel und Knochen in die Höhe, um sie zu zerschlagen und wieder
in die Flammen zu stoßen, damit sie rascher von der Glut verzehrt
würden. Ein widerwärtiger Anblick! Für die Hinterbliebenen hätte er
unerträglich sein müssen. Mein Verlangen, die Leichenverbrennung zu
sehen, war ohnehin nicht groß gewesen und wurde bald gänzlich gestillt.
Aus Gesundheitsrücksichten wäre es zwar ratsam, die Feuerbestattung
allgemein einzuführen, aber diese Form derselben wirkt höchst abstoßend
und ist durchaus nicht empfehlenswert.
Natürlich gilt das Feuer für heilig und muß bezahlt werden.
Gewöhnliches Feuer ist verboten, weil es kein Geld einbrächte. Man
sagte mir, daß eine einzige Person -- vermutlich ein Priester -- das
Monopol besitzt, alles heilige Feuer zu liefern, für das er einen
beliebigen Preis fordern kann. Mancher Leidtragende hat für eine
Feuerbestattung schon tausend Rupien entrichtet. Von Indien aus ins
Paradies zu kommen ist wirklich ein sehr kostspieliges Ding; man muß
jede einzelne Kleinigkeit, die dazu gehört, teuer bezahlen, um die
Priester zu mästen.
In der Nähe des Verbrennungsplatzes stehen ein paar altersgraue
Steine aus der Zeit, als die Sutti noch gestattet war. Ein Mann und
eine Frau, die Hand in Hand miteinander gehen, sind roh in den Stein
geschnitten, der die Stelle bezeichnet, wo die Witwe ehemals den
Feuertod erlitten hat. Mr. Parker sagt auch, daß sich die Witwen noch
heutigen Tages verbrennen lassen würden, wenn die englische Regierung
es nicht strengstens untersagte. Jede Familie, die auf einen der
kleinen Denksteine zeigen und sagen kann: »Hier hat sich unsre Ahnfrau
verbrannt!« wird von allen beneidet.
Ein seltsames Volk, diese Hindus! Alles Leben ist ihnen heilig, nur
das des Menschen nicht. Selbst das Ungeziefer verschonen sie, und
der fromme Dschain setzt sich auf keinen Stuhl, ohne ihn vorher
abzuwischen, um ja auch nicht das winzigste Insekt zu töten. Es
betrübt ihn, daß er Wasser trinken muß, weil der Inhalt seines Magens
vielleicht den Mikroben nicht zuträglich sein könnte. Und doch ist
Indien die Heimat der Thugs und der Sutti. Es wird unsereinem schwer,
das zusammen zu reimen.
Wir gingen auch zu dem Tempel der Thug-Göttin Bhowanee oder Kali oder
Durga -- sie trägt alle diese Namen und noch viele andere. Sie ist die
einzige Gottheit, der etwas Lebendiges geopfert wird; man schlachtet
ihr Ziegenböcke. Affen wären billiger und sind überreichlich vorhanden.
Da sie heilige Tiere sind, benehmen sie sich sehr unbescheiden und
klettern überall herum, wo sie wollen. Der Tempel und die Vorhalle
sind mit wunderschönen steinernen Ornamenten geschmückt, desto
häßlicher ist das Götzenbild. Es ist wirklich kein Vergnügen Bhowanee
anzusehen; sie hat ein Gesicht von Silber mit einer heraushängenden,
hochrot angemalten, geschwollenen Zunge und trägt ein Halsband von
Totenschädeln.
Ueberhaupt sind die zahllosen Götzenbilder in Benares alle roh, häßlich
und mißgestaltet. Die ganze Stadt ist voll davon; sie ängstigen einen
nachts im Traum, und nirgends hat man Ruhe vor ihnen. Kann man ihren
Anblick in den Tempeln nicht länger ertragen und geht zum Strom hinaus,
so findet man dort riesengroße, mit bunten Farben bemalte Götzen
nebeneinander am Ufer hingestreckt, und wo irgend noch Raum ist, steht
ein Lingam. Schwerlich hat Wischnu vorausgesehen, was aus seiner Stadt
werden würde, sonst hätte er sie Götzenheim oder Lingamburg genannt.