Als wir in die heiße Ebene kamen, wimmelte es auf allen Pfaden von

Wallfahrern und Wallfahrerinnen. Hinter der Festung, wo die heiligen

Ströme Ganges und Jumna ineinander fließen, sollte eine der großen

religiösen Messen Indiens gehalten werden. Eigentlich gibt es drei

heilige Ströme; der dritte fließt zwar unter der Erde und niemand

hat ihn gesehen, aber das schadet nichts, wenn man nur weiß, daß

er da ist. Die Pilger stammten aus den verschiedensten Gegenden

Indiens; einige waren monatelang unterwegs gewesen; arm, hungrig und

abgemattet, waren sie bei Staub und Hitze geduldig weiter gewandert,

von unerschütterlichem Glauben und Vertrauen gestützt und aufrecht

erhalten. Jetzt strahlten alle vor Glück und Zufriedenheit, denn bald

winkte ihnen der reichste Lohn für ihre Mühsal. Sie sollten Läuterung

von jeder Sünde und Unreinheit in dem heiligen Wasser finden, welches

alles was es berührt, sogar Totes und Verwestes, rein machen kann. Wie

wunderbar ist doch die Kraft eines Glaubens, welcher Alte und Schwache,

Junge und Leidende treibt, ohne Zaudern und ohne Klage die unerhörten

Anstrengungen einer solchen Reise, samt allen Entbehrungen, die sie mit

sich bringt, geduldig auf sich zu nehmen! Ob es aus Furcht geschieht

oder aus Liebe, weiß ich nicht, aber was auch immer der Beweggrund

sein mag, die Sache selbst ist für uns kühle Verstandesmenschen

vollkommen unbegreiflich. Nur wenige auserlesene Naturen unter den

Weißen besäßen einen ähnlichen Opfermut; wir übrigen wissen genau, daß

wir außer stande wären, uns dazu aufzuschwingen. Da wir aber alle die

Selbstaufopferung gern im Munde führen, so darf ich hoffen, daß wir

wenigstens groß genug denken, um sie bei dem Hindu würdigen zu können.

Jedes Jahr strömen zwei Millionen Eingeborene zu dieser Messe herbei.

Wie viele die Reise antreten und unterwegs vor Alter, Mühsal, Krankheit

und Mangel sterben, weiß niemand. Alle zwölf Jahre ist ein besonderes

Gnadenjahr, und die Pilger kommen in noch größeren Massen gezogen,

das ist schon seit undenklichen Zeiten so gewesen. Man sagt übrigens,

daß es für den Ganges nur noch _ein_ zwölftes Jahr geben wird, dann

soll dieser heiligste aller Flüsse seine Kraft verlieren und erst nach

Jahrhunderten werden die Pilger wieder zu seinen Ufern wallfahrten,

wenn die Brahminen verkünden, daß er seine Heiligkeit wiedergewonnen

hat. Was die Priester damit bezwecken, daß sie sich diese Goldmine

verschließen, kann ich nicht sagen. Aber mir ist nicht bange, sie

werden wohl wissen was sie tun. Ehe man sich’s versieht werden sie

dem Volk der Inder eine Ueberraschung bereiten, welche beweist, daß

sie ihren Vorteil nicht aus den Augen gelassen haben, als sie auf den

Marktwert des Ganges verzichteten.

Wir begegneten vielen Eingeborenen, welche heiliges Wasser aus den

Flüssen geholt hatten. Man bietet es in ganz Indien zum Verkauf aus,

auch soll es oft bei Hochzeiten becherweise verteilt werden.

* * * * *

Die Festung ist ein ungeheueres, altes Gebäude und hat in religiöser

Beziehung Erlebnisse der mannigfaltigsten Art zu verzeichnen. In dem

großen Hof steht seit über zweitausend Jahren ein Monolith mit einer

buddhistischen Inschrift. Vor dreihundert Jahren wurde die Festung von

einem mohammedanischen Kaiser erbaut und nach dem Ritus seiner Religion

eingeweiht; auch ein Hindutempel mit unterirdischen Gängen voller

Heiligtümer und Götzenbilder befindet sich daselbst, und seitdem die

Festung den Engländern gehört, besitzt sie eine christliche Kirche. So

ist für das Seelenheil aller gesorgt.

Von den hohen Wällen schauten wir auf die heiligen Flüsse hinab, die

sich an diesem Punkt vereinigen. Das Wasser des blaßgrauen Jumna

sieht klar und rein aus, der schlammige Ganges aber ist trübe, gelb

und schmutzig. Auf der schmalen, gebogenen Landzunge zwischen den

Flüssen erhob sich eine Zeltstadt mit zahllosen, wehenden Wimpeln und

großen Scharen von Pilgern. Man hatte Mühe dorthin zu gelangen, aber

interessant war es, sobald man unten ankam, wenn auch sehr unruhig.

Eine ganze Welt bewegte sich dort in rastloser, lärmender Tätigkeit,

teils mit religiösen, teils mit kaufmännischen Angelegenheiten

beschäftigt. Die Mohammedaner fluchen und verkaufen, während die Hindus

kaufen und beten, denn die Messe ist zugleich ein Jahrmarkt und ein

religiöses Fest. Eine Unmenge von Leuten badete, betete und trank

das heilige Wasser; kranke Pilger kamen von weither im Palankin, um

durch ein Bad Heilung von ihrem Uebel zu finden oder an den gesegneten

Ufern zu sterben und sicher in den Himmel zu kommen. Auch viele Fakirs

waren da; sie hatten sich ganz mit Asche bestreut und ihr Haar mit

Kuhdünger zusammengeklebt, denn die Kuh und alles was von ihr stammt

ist heilig. Der gute Hindubauer malt oft die Wand seiner Hütte mit dem

Dünger an oder formt daraus allerlei Figuren, mit denen er den Estrich

des Fußbodens verziert. In den Zelten saßen auch ganze Familien bei

einander, die schrecklich und wunderbar bemalt waren und nach ihrer

Stellung und Gruppierung zu urteilen, die Angehörigen großer Gottheiten

vorstellten. Ein heiliger Mann saß dort schon Wochen lang nackt auf

spitzen Eisenstäben und schien sich gar nichts daraus zu machen.

Ein anderer Heiliger stand den ganzen Tag auf einem Fleck und hielt

seine abgezehrten Arme regungslos in die Höhe; er soll das schon seit

Jahren tun. Neben jedem dieser frommen Büßer lag ein Tuch am Boden,

auf das milde Spenden gelegt wurden; selbst die ärmsten Leute gaben

eine Kleinigkeit in der Hoffnung, das Opfer werde ihnen Segen bringen.

Zuletzt kam noch eine Prozession nackter, heiliger Männer singend

vorbeigezogen -- da riß ich mich los und ging meiner Wege.

Elftes Kapitel.

Wer sich seiner Sittsamkeit rühmt, gleicht einer Statue mit

dem Feigenblatt.

_Querkopf Wilsons Kalender._

Die Reise nach Benares nahm nur wenige Stunden in Anspruch. Wir machten

sie bei Tage; der Staub spottete aller Beschreibung -- er legte sich in

einer dicken, aschgrauen Schicht auf den Menschen und verwandelte ihn

in einen Fakir, bei dem nur der Kuhdünger und die Heiligkeit fehlte.

Nachmittags hatten wir in Mogul-Serai Wagenwechsel -- ich glaube,

so heißt der Ort -- und mußten zwei Stunden auf den Zug nach Benares

warten. Wir hätten auch einen andern Wagen nehmen und nach der heiligen

Stadt fahren können, aber dann wären wir um die schöne Wartezeit

gekommen. In andern Ländern ist ein langer Aufenthalt auf einer Station

unangenehm und ermüdend, aber in Indien hat man kein Recht, sich über

Mangel an Unterhaltung zu beklagen. Das Gewimmel der Eingeborenen in

ihrem bunten Schmuck, das Gedränge, das Leben, der Wirrwarr, der stets

wechselnde Glanz der verschiedenen Trachten -- wo fände man Worte, um

diesen Anblick in seinem ganzen Zauber zu schildern! Die zweistündige

Wartezeit verging nur allzu schnell. Ein besonders interessantes

Schauspiel gewährte uns noch ein eingeborener kleiner Fürst aus

den Hinterwäldern mit seiner Ehrengarde, einer Bande von fünfzig

dunkeln Barbaren, zerlumpt aber sehr farbenprächtig und mit rostigen

Feuersteingewehren bewaffnet. Ich hätte es nicht für möglich gehalten,

daß die bunte Mannigfaltigkeit des Gesamtbildes noch irgend welchen

Zuwachs erhalten könnte, als aber dieser ›Falstaff mit seinen Gesellen‹

anmarschiert kam, trat alles andere dagegen in den Hintergrund.

Mit der Zeit fuhren wir ab und erreichten bald die Vorstädte von

Benares, dann mußten wir wieder warten. Auch hier gab es etwas

zu beobachten, nämlich eine Gruppe kleiner Palankins. An solchem

Leinwandkasten hat man nicht viel zu sehen, wenn er leer ist; sitzt

aber eine Dame darin, so erwacht unser Interesse. Die Kasten,

welche etwas abseits standen, waren dreiviertel Stunden lang den

erbarmungslosen Strahlen der Sonne preisgegeben. Ihre Insassen mußten

kerzengerade darin ausharren, sie hatten keinen Raum, um ihre Glieder

zu strecken; da es jedoch Haremsdamen waren, die ihr Lebtag in der

Gefangenschaft ihres Frauengemachs schmachten müssen, so machte es

ihnen vielleicht weniger aus. Wenn die Haremsdamen auf Reisen gehen,

trägt man sie in solchen Leinwandkasten bis zur Bahn, und im Zuge

werden sie vor allen Blicken verborgen. Viele Leute bedauern sie, und

früher tat ich das auch ganz aus freien Stücken, doch jetzt zweifle ich

stark, ob das Mitgefühl überhaupt angebracht ist. Während wir in Indien

waren, machten einige gutherzige Europäer in einer Stadt den Vorschlag,

man möchte den Haremsdamen einen großen Park zur Verfügung stellen, wo

sie in sicherer Abgeschlossenheit unverschleiert umhergehen könnten,

um sich an Luft und Sonnenschein zu erfreuen, wie noch nie in ihrem

Leben. Obgleich man die wohlwollende Absicht nicht verkannte, welche

dem Plan zu Grunde lag, so wurde er doch im Namen der Haremsdamen

auf das entschiedenste abgelehnt. Sie hatten den Gedanken offenbar

höchst anstößig gefunden, etwa wie wenn man Europäerinnen auffordern

wollte, sich in mangelhafter und wenig anständiger Bekleidung in einem

abgelegenen Privatpark zusammen zu finden. So verschieden sind die

Begriffe von Schicklichkeit!

Major Sleeman schildert einmal die Entrüstung einer Dame aus vornehmer

Kaste, als sie ein paar englische Mädchen unverschleiert über die

Straße gehen sah. Der Anblick verletzte ihr Anstandsgefühl aufs tiefste

und sie begriff nicht, wie jemand so schamlos sein könne, sich über

alle Regeln hinwegzusetzen und seine Person auf solche Art zur Schau zu

stellen. Dabei waren aber die Beine der sittlich empörten Dame bis weit

über die Kniee entblößt. Kein Zweifel, sowohl die jungen Engländerinnen

als die indische Dame waren die Lauterkeit und Sittsamkeit selbst; sie

betrachteten die Sache nur von verschiedenem Standpunkt aus. Da es nun

Millionen verschiedener Regeln über Sitte und Anstand gibt, so ist auch

der Standpunkt der Menschen ein millionenfach verschiedener und keiner

kann den seinigen ohne Schaden mit dem eines andern vertauschen. Ich

glaube, alle menschlichen Regeln sind mehr oder weniger blödsinnig,

aber das schadet nichts. Wie die Sachen jetzt stehen ist in den

Irrenhäusern nur so viel Platz als man für die vernünftigen Menschen

brauchen würde; wollten wir alle Verrückten einsperren, so würde uns

bald das nötige Baumaterial mangeln. --

Man hat eine weite Fahrt durch die Vorstädte von Benares, ehe man das

Hotel erreicht. Ueberall sieht es trübselig aus. Staubiges, dürres

Land, zertrümmerte Tempel, eingesunkene Gräber, verfallene Lehmmauern,

ärmliche Hütten; wohin man blickt Altersschwäche und Dürftigkeit.

Zehntausend Hungerjahre sind vonnöten, um einen solchen Zustand

hervorzubringen. Das Hotel sah recht behaglich aus, aber wir zogen vor,

in einem etwas entfernten Nebenbau zu wohnen, der einstöckig war wie

ein Bungalow und rings von einer Veranda umgeben. Es gibt zwar Türen in

Indien, aber ich möchte wohl wissen wozu! Schließen kann man sie nicht,

und gewöhnlich hängt ein Vorhang in der Oeffnung, zum Schutz gegen die

grelle Sonne. Doch dringt hier niemand unbefugt in die Privatgemächer

ein und man ist sicher, nicht gestört zu werden. Weiße Leute lassen

sich natürlich vorher anmelden, und die eingeborenen Diener zählen

nicht mit. Sie gleiten barfuß und geräuschlos herein und stehen mitten

im Zimmer, ehe man sich’s versieht. Zuerst bekommt man einen Schreck

und gerät manchmal in Verlegenheit, aber man muß sich darein finden und

wird es mit der Zeit gewöhnt.

In unserm ›Compound‹, dem eingezäunten Hof, stand ein heiliger

Feigenbaum, auf dem ein Affe wohnte. Für den Baum interessierte ich

mich anfangs sehr, denn es war der berühmte ›Peepul‹, in dessen

Schatten man keine Lüge sagen kann; er bestand jedoch die Probe

nicht, und ich ging enttäuscht von dannen. Nicht weit davon war ein

Brunnen, aus dem ein paar Ochsen stundenlang, unter leisem Knarren

der Winde, Wasser heraufzogen; die Kleidung der beiden Hindus, welche

dies Geschäft beaufsichtigten, bestand wie gewöhnlich aus ›Turban und

Taschentuch‹. Außer dem Baum und Brunnen war im Hofe nichts zu sehen,

und mir machte die vollkommene Ruhe und Einsamkeit nach dem ewigen Lärm

und Gewirr den wohltuendsten Eindruck.

Wir bewohnten unser Bungalow ganz allein und gingen zu Tische in das

Hotel, wo die übrigen Gäste abgestiegen waren. Angenehmer hätten wir

es gar nicht haben können. Zu jedem Zimmer gehörte das gewöhnliche Bad,

ein Raum von zehn bis zwölf Fuß im Quadrat, mit einer ausgemauerten und

gepflasterten Vertiefung in der Mitte. Wasser gab es so viel man wollte

und es wäre herrlich gewesen, hätte man nur bei der Hitze das warme

Wasser ganz fortlassen und ein kaltes Bad nehmen dürfen, aber das war

verboten, weil es der Gesundheit schädlich ist. Man warnt den Fremden

davor, in Indien kalt zu baden; doch selbst die klügsten Fremden sind

töricht genug, den guten Rat nicht zu befolgen und müssen es büßen. Ich

war der klügste Tor, der in jenem Jahre des Weges kam. Zwar bin ich

jetzt noch klüger -- aber leider zu spät!

Benares hat mich nicht getäuscht. Es verdient seinen Ruf als große

Sehenswürdigkeit. An einer tiefen Bucht des Ganges amphitheatralisch

auf einem Hügel erbaut, den es ganz bedeckt, bildet es eine feste

Masse, die nach allen Richtungen hin von labyrinthartig verschlungenen

Spalten durchzogen wird, welche Straßen vorstellen. Mit seinen hohen

schlanken Minarets und den beflaggten Tempelkuppeln und Spitzen gewährt

die Stadt vom Fluß aus gesehen einen höchst malerischen Anblick. Es

wimmelt darin wie in einem Ameisenhaufen; ein Wirrwarr ohne gleichen

herrscht in den engen Straßen. Auch die heilige Kuh läuft dort nach

Belieben umher, holt sich ihren Zehnten aus den Kornläden, ist überall

im Wege und eine große Plage für alle Welt, weil man sie nicht

belästigen darf.

Benares ist zweimal so alt wie die Geschichte, Ueberlieferung und Sage

zusammengenommen. In Mr. Parkers klar und übersichtlich geschriebenem

›Führer durch Benares‹ steht, daß nach Anschauung der Hindus die

Erschaffung der Welt dort ihren Anfang genommen hat. Mitten in das

uferlose Meer stellte der gute Gott Wischnu ein aufrechtes ›Lingam‹

hin, das zuerst nicht größer war als ein Ofenrohr; allmählich

erweiterte er es, bis es zehn Meilen im Durchmesser hatte. Da ihm

aber das noch immer nicht genügte, baute er die ganze Erdkugel herum.

Also liegt Benares in ihrem Mittelpunkt, und das wird als ein Vorzug

angesehen.

Die Geschichte der Stadt ist sowohl in geistlicher als in weltlicher

Beziehung höchst wechselvoll gewesen. Ursprünglich herrschten die

Brahmanen dort viele Jahrhunderte lang, dann trat in neuerer Zeit,

vor etwa 2500 Jahren Buddha auf, und während zwölf Jahrhunderten war

Benares buddhistisch. Die Brahmanen bekamen jedoch abermals die

Oberhand und haben sich seitdem nicht wieder verdrängen lassen. In

den Augen der Hindus ist die Stadt unbeschreiblich heilig, aber sie

ist auch ebenso ungesund und riecht ganz pestilenzialisch. Benares

gilt als Hauptquartier des Brahmanismus, und die Priester bilden ein

Achtel seiner Gesamtbevölkerung, doch sind ihrer nicht zu viel, da ganz

Indien für ihren Unterhalt sorgt. Aus allen Himmelsgegenden drängen

sich die Pilger herbei, um mit ihren Ersparnissen die Taschen der

Priester zu füllen. Der Strom der frommen Spenden versiegt nie. So eine

Priesterstelle am Ufer des Ganges ist der einträglichste Posten von der

Welt. Ihr heiliger Inhaber sitzt sein Lebenlang in großem Staat unter

seinem Regenschirm, segnet alle Pilger, steckt seine Gebühren ein und

wird fett und reich dabei; die Stelle erbt sich von Vater auf Sohn

weiter und weiter durch alle Zeiten hindurch und bleibt als dauernder,

gewinnbringender Besitz in der Familie.

Als mir ein amerikanischer Missionar in Bombay sagte, die Zahl aller

protestantischen Missionare in Indien beliefe sich auf 640, kam mir

das zuerst sehr viel vor. Nachher überlegte ich mir die Sache. _Ein_

Missionar auf 500000 Eingeborene, das ist ja so gut wie nichts; wenn

die 640 gegen das wohlverschanzte Lager von 300000000 anmarschieren,

ist doch das Verhältnis gar zu ungleich, die Uebermacht zu groß.

In Benares allein hätten 640 Missionare alle Hände voll zu tun, um

gegen die 8000 Brahmanenpriester aufzukommen, die ihnen feindlich

gegenüberstehen. Unsere Missionare haben von jeher in alle Teile der

Welt eine starke Ausrüstung von Hoffnung und Vertrauen mitgenommen.

Die besitzt auch Mr. Parker, sonst würde er nicht aus statistischen

Angaben, welche andern Mathematikern höchst bedenklich erscheinen, so

günstige Schlüsse ziehen. Er sagt zum Beispiel:

»Während der letzten Jahre haben die Scharen der Pilger fortwährend

zugenommen, wie wir aus sicherer Quelle wissen. Aber diese religiöse

Erweckung -- wenn man den Ausdruck gebrauchen darf -- trägt alle Spuren

des Todes an sich. Es ist nur noch ein krampfhaftes Ringen, ehe die

völlige Auflösung eintritt.«

Auf ähnliche Weise hat man bei uns seit Jahrhunderten den Untergang

der römisch-katholischen Macht vorausgesagt. Oft schon waren wir ganz

bereit sie zu Grabe zu tragen, und doch mußte die Bestattung aus

allerlei Gründen -- weil das Wetter zu schlecht war oder dergleichen --

immer wieder verschoben werden. Durch diese Erfahrung klug geworden,

sollten wir, meine ich, erst abwarten, bis sich der Leichenzug in

Bewegung setzt, ehe wir den Hut in die Hand nehmen, um uns am Begräbnis

des Brahmanismus zu beteiligen. Eine Religion zu Grabe zu tragen ist

offenbar eine der ungewissesten Unternehmungen auf dieser Welt.

Gern hätte ich mir irgend welchen Begriff von der Theologie der Inder

gemacht, aber die Sache war allzu verwickelt und die Schwierigkeiten

unüberwindlich. Nicht einmal über das Abc kommt man hinaus. Es gibt

eine Dreieinigkeit -- Brahma, Wischnu und Schiwa -- scheinbar von

einander unabhängige Mächte, aber ganz sicher ist das nicht, denn in

einem Tempel steht ein Bildwerk, das alle drei Gottheiten in einer

Person zusammenfaßt. Jeder der drei Götter hat mehrere Benennungen, er

hat auch Frauen mit verschiedenen Namen und Kinder, die bald so bald

so heißen; dadurch entsteht eine heillose Verwirrung, aus der man sich

in keiner Weise zurechtfinden kann. Ein Versuch, sich die Scharen der

niederen Gottheiten einzuprägen, ist nicht der Mühe wert; ihre Unmenge

ist allzu groß.

Will man sich einiges sparen, so könnte man füglich den obersten von

allen Göttern, Brahma, ganz beiseite lassen, denn er scheint keine

große Rolle in Indien zu spielen. Am meisten Verehrung genießen Schiwa

und Wischnu nebst ihren sämtlichen Angehörigen. Schiwas Symbol, das

›Lingam‹, mit welchem Wischnu die Schöpfung begann, wird allgemein

angebetet; man begegnet ihm in Benares auf Schritt und Tritt, das Volk

bekränzt es mit Blumen und bringt ihm Gaben dar. Meist sieht es aus wie

ein aufrecht stehender Stein in Form eines länglichen Fingerhuts und

Mr. Parker sagt, daß es mehr ›Linga‹ als Einwohner in Benares gibt.

Die Stadt hat viele mohammedanische Moscheen, und Hindutempel ohne

Zahl. Diese wunderlich geformten, mit reichen Steinornamenten

versehenen Pagoden füllen alle Straßen. Aber auch der Ganges selbst, ja

jeder einzelne Wassertropfen darin gilt als Heiligtum. Das Hauptprodukt

von Benares, dieser heiligsten aller heiligen Städte, für welche der

fromme Hindu eine unbegrenzte Liebe und Verehrung empfindet, ist

_Religion_. Alle andern Erzeugnisse des Bodens oder Gewerbefleißes

haben im Vergleich hierzu nicht die geringste Bedeutung.

»Wenn der Pilger,« sagt Mr. Parker, »der sich vor Alter und Müdigkeit

fast nicht mehr auf den Füßen zu halten vermag, schweißtriefend, vom

Staub geblendet und halbtot vor Erschöpfung, der Backofenhitze seines

Eisenbahnwagens entsteigt und kaum den heiligen Boden berührt hat, so

hebt er die abgezehrten Hände empor und ruft mit frommer Begeisterung:

›Kaschi ji ki jai -- jai -- jai! Heiliges Kaschi (Benares), sei mir

gegrüßt! Heil, Heil dir!‹ Erwähnt ein Europäer in irgend einer fernen

Stadt Indiens gelegentlich im Bazar, daß er früher einmal in Benares

gewohnt hat, so werden gleich Stimmen laut, welche Glück und Segen auf

sein Haupt herabwünschen. Denn, wer in Benares geweilt hat, ist der

Seligste aller Sterblichen.«

Liest man diese rührende Beschreibung, so erscheinen dagegen unsere

eigenen religiösen Gefühle farblos und kalt. Da nun aber die Religion

ihr Leben aus dem Herzen schöpft und nicht aus dem Kopfe, so werden wir

das von Mr. Parker angekündigte Begräbnis des Brahmanismus wohl noch

auf unbestimmte Zeit vertagen müssen.

Zwölftes Kapitel.

Wer einem Volk seinen Aberglauben vorschreibt, hat mehr

Einfluß als wer ihm seine Gesetze macht, oder seine Gesänge.

_Querkopf Wilsons Kalender._

Die Stadt Benares ist eine einzige große Kirche, eine Art religiöser

Bienenstock, in dem jede Zelle als Tempel, Altar oder Moschee dient.

In diesem großen theologischen Vorratshaus kann man sich alle nur

erdenklichen irdischen oder himmlischen Güter verschaffen.

Ich will hier einen Wegweiser für den Pilger zusammenstellen, aus dem

sich erkennen läßt, wie brauchbar, wie nützlich und vollständig dieses

Religions-System ist. Wer mit dem ernstlichen Wunsch, seine geistliche

Wohlfahrt zu fördern, nach Benares geht, wird es mir Dank wissen. Daß

die Tatsachen, die ich angebe, richtig sind, unterliegt keinem Zweifel;

ich habe sie teils in Mr. Parkers ›Führer durch Benares‹ gefunden,

teils hat er sie mir bei unserer mündlichen Unterhaltung mitgeteilt.

1. _Reinigung._ -- Bei Sonnenaufgang gehe zum Ganges hinab, bade dort,

bete und trinke etwas Wasser. Dies dient zur allgemeinen Läuterung.

2. _Schutz gegen den Hunger._ Um dich im Kampf gegen dies traurige

Erdenübel zu stärken, verrichte eine kurze Andacht im Tempel der Kuh.

Am Eingang steht ein Bildnis von Ganesch, einem Sohne des Gottes

Schiwa, das einen Elefantenkopf auf einem menschlichen Körper trägt,

Gesicht und Hände sind aus Silber. Bete es an und gehe dann weiter auf

eine bedeckte Veranda, in der roh geschnitzte, häßliche Götzenbilder

stehen. Dort findest du Andächtige, die mit Hilfe ihrer Lehrer in

den heiligen Büchern lesen. Gib eine Beisteuer zu ihrem Unterhalt

und betritt dann den Tempel, einen düstern, übelriechenden Raum voll

heiliger Kühe und Bettler. Letzteren spende ein Almosen und küsse allen

Kühen, die frei herumlaufen, ehrfurchtsvoll den Schwanz, denn dieser

ist ganz besonders heilig; tust du das, so wirst du an selbigem Tage

keinen Hunger leiden.

3. _Der Freund des armen Mannes._ -- Diesen Gott mußt du zunächst

anbeten. Er wohnt im Grunde eines steinernen Brunnens im Tempel zu

Dalbhyesvar, der im Schatten eines hohen Peepul-Baumes auf einem

Felsvorsprung am Ganges steht. Gehe daher zum Fluß zurück. Der ›Freund

des armen Mannes‹ ist der Gott weltlichen Glückes im allgemeinen und

außerdem auch ein Regengott. Er wird dir irdische Güter gewähren, wenn

du ihn anbetest, oder einen Regenguß -- vielleicht auch beides. Er ist

Schiwa unter fremdem Namen und weilt in Form eines steinernen ›Lingam‹

auf dem Grunde des Brunnens. Begieße ihn mit Gangeswasser und er wird

dir zum Dank für die Huldigung seine Gaben spenden. Kommt der Regen

nicht gleich, so gieße immer mehr Wasser in den Brunnen, bis er ganz

voll ist. Dann bleibt der Regen gewiß nicht aus.

4. _Fieber._ Der Kedar Ghaut ist eine breite steinerne Treppe, die zum

Fluß hinabführt. Auf halber Höhe findest du einen Behälter, in dem

das Schmutzwasser zusammenläuft. Trinke davon soviel du willst, es

vertreibt das Fieber.

5. _Blattern._ -- Gehe von da geradeswegs nach dem Haupt-Ghaut.

Stromaufwärts kommst du an ein kleines weißgetünchtes Gebäude; es

ist ein Tempel, welcher der Göttin der Blattern, Sitala, geheiligt

ist. Doch findest du nur ihre Stellvertreterin, dort hinter einem

Metallschirm, eine rohe menschliche Gestalt, der du Anbetung erweisen

sollst.

6. _Der Schicksalsbrunnen._ -- Den suche zunächst auf. Er gehört zum

Dandpan-Tempel, der in der Stadt liegt. Durch ein viereckiges Loch im

Mauerwerk fällt von oben das Licht herein. Tritt mit scheuer Ehrfurcht

herzu, denn es handelt sich hier um die wichtigsten Dinge. Beuge dich

nieder und schaue hinein. Sind die Schicksalsgötter deinem Leben

günstig, so erblickst du dein Antlitz tief unten im Brunnen. Haben

sie dein Verderben beschlossen, so verhüllt plötzlich eine Wolke die

Sonne und du kannst nichts sehen. Dann hast du kaum noch ein halbes

Jahr zu leben. Vielleicht stehst du schon an des Todes Tür. Verliere

keine Zeit, laß ab von dieser Welt, bereite dich auf das Jenseits. Dazu

bietet sich dir die beste Gelegenheit dicht nebenan. Wende dich um und

bete zu dem Bilde des großen Schicksalsgottes Maha Kal, das sichert

dein Glück im künftigen Leben. Ist dein Atem noch nicht entflohen, so

mache einen letzten Versuch, ob dir nicht eine kleine Verlängerung

deines Lebens auf Erden gewährt wird. Die Möglichkeit ist nicht

ausgeschlossen, denn in dem wundervoll eingerichteten Vorratshaus für

weltliche und geistliche Güter kann man alles haben. Laß dich

Meine Reise um die Welt. Zweite Abteilung · 第 7 / 16 段