In Indien werden die Züge ausschließlich von Eingeborenen bedient, auch

alle Stationsbeamten -- außer an Hauptplätzen -- sind Eingeborene,

desgleichen die Polizisten und die Angestellten im Post- und

Telegraphendienst. Lauter sehr freundliche und gefällige Leute. Eines

Tages war ich aus dem Schnellzug gestiegen, um mich mit Entzücken an

dem Schauspiel zu weiden, das jede große Station in Indien bietet.

Die bunten Scharen der Eingeborenen, welche auf dem breiten Perron

rastlos durcheinander wirbelten, fesselten mich dergestalt, daß ich

alles andere darüber vergaß. Als ich mich umwandte sah ich, daß mein

Zug soeben zum Bahnhof hinausfuhr. Ich wollte mich ruhig hinsetzen, um

den nächsten Zug abzuwarten, wie ich es zu Hause getan hätte; an eine

andere Möglichkeit dachte ich nicht. Da trat ein eingeborener Beamter,

der eine grüne Flagge in der Hand hielt, höflich auf mich zu: »Wollten

Sie nicht mit dem Zuge weiter?« fragte er.

Als ich dies bejahte, ließ er seine Flagge wehen, der Zug kam zurück,

und er half mir mit solcher Ehrerbietung einsteigen, als wäre ich der

Generaldirektor selber gewesen. Ein gutherziges Volk, diese Hindus!

Unfreundliche, mürrische Mienen, welche Bosheit und schlechte Gemütsart

verraten, sind eine solche Seltenheit, daß es mir oft vorkam, als müsse

ich die Mordgeschichten der Thugs geträumt haben. Freilich wird es auch

unter den Indern schlechte Menschen geben, aber jedenfalls in großer

Minderzahl. Eins ist gewiß: es ist das interessanteste Volk in der

ganzen Welt und dabei unerklärlich und unbegreiflich in seinem Wesen

wie kein anderes. Sein Charakter, seine Geschichte, seine Religion,

seine Sitten sind voller Rätsel, die nur noch unverständlicher werden,

wenn man uns Aufschluß darüber gibt. Weshalb und auf welche Weise so

seltsame Dinge wie die verschiedenen Kasten, die Thugs, die Suttis

entstanden sein können, geht über unsere Begriffe.

Für die Sitte der Witwenverbrennung hat man zum Beispiel folgende

Erklärung: Eine Frau, die ihr Leben freiwillig hingibt, wenn ihr Gatte

stirbt, wird augenblicklich wieder mit ihm vereinigt, und sie genießen

fortan im Himmel zusammen ewige Freuden; die Familie errichtet ihr

ein Denkmal oder einen Tempel und hält ihr Andenken in hohen Ehren.

Der Opfertod der Frau verleiht auch allen ihren Angehörigen eine

besondere Auszeichnung in den Augen des Volkes, die sich dauernd auf

ihre Nachkommenschaft vererbt. Bleibt sie dagegen am Leben, so erwartet

sie Schmach und Schande; wieder verheiraten kann sie sich nicht,

die Familie verachtet sie und sagt sich von ihr los; freundlos und

verlassen fristet sie ihr jammervolles Dasein.

Daß sie es vorzieht solchem Elend durch den Tod zu entfliehen, ist

sehr begreiflich. Aber was der Ursprung dieser seltsamen Sitte ist,

bleibt trotzdem ein Rätsel. Vielleicht wurde sie auf Befehl der Götter

eingeführt; aber haben diese auch bestimmt, daß man eine so grausame

Todesart wählen sollte? Hätte ein sanfterer Tod nicht dieselben Dienste

getan? Kein Mensch weiß darauf eine Antwort.

Man wäre geneigt anzunehmen, daß die Witwen sich überhaupt nicht

freiwillig verbrennen ließen, sondern es nur nicht wagten sich der

öffentlichen Meinung zu widersetzen. Dieser Standpunkt läßt sich

jedoch unmöglich festhalten; er stimmt nicht mit den geschichtlichen

Tatsachen überein. Major Sleeman erzählt in einem seiner Bücher einen

höchst charakteristischen Fall:

Als er im März 1828 die Verwaltung am Nerbuddastrom übernahm, beschloß

er kühn, dem Zug seines mitleidigen Herzens zu folgen und die Suttis

auf eigene Verantwortung in seinem Bezirk zu verbieten. Daß sie acht

Monate später auf Befehl der Ostindischen Regierung gänzlich untersagt

werden würden, konnte er nicht voraussehen. Am 24. November -- einem

Dienstag -- starb Omed Sing Opaddia, das Haupt einer der angesehensten

und zahlreichsten Brahminenfamilien der Gegend, und eine Abordnung

seiner Söhne und Enkel erschien vor Sleeman, mit der Bitte, der alten

Witwe zu gestatten sich mit der Leiche ihres Gemahls verbrennen zu

lassen. Der Major drohte jedoch, jeden streng zu bestrafen, der seinem

Befehl zuwider handeln und der Selbstverbrennung der Witwe Vorschub

leisten würde. Er stellte eine Polizeiwache am Nerbudda-Ufer auf, wo

die fünfundsechzigjährige Witwe schon seit dem frühen Morgen bei ihrem

Toten saß und wartete. Als die abschlägige Antwort eintraf, blieb sie

Tag und Nacht am Rande des Wassers sitzen, ohne zu essen und zu trinken.

Am folgenden Morgen wurde die Leiche ihres Gemahls in einer etwa acht

Quadratfuß breiten und drei bis vier Fuß tiefen Grube in Anwesenheit

von mehreren tausend Zuschauern verbrannt. Hierauf watete die Witwe

nach einem nackten Felsen im Bette der Nerbudda; alle Fremden hatten

sich zerstreut, nur ihre Söhne und Enkel blieben in ihrer Nähe,

während die übrigen Anverwandten des Majors Haus umringten, um ihn

zu überreden, sein Verbot zurückzunehmen. Die Witwe widerstand allen

Bitten der Ihrigen, die sie sehr liebten und ihr Leben zu erhalten

wünschten, sie verweigerte jede Nahrung und blieb auf dem nackten

Felsen sitzen, der sengenden Sonnenhitze bei Tag und der strengen

Kälte bei Nacht ausgesetzt, nur mit einem dünnen Stück Zeug über der

Schulter. Am Donnerstag setzte sie, zum Beweis, daß nichts sie von

ihrem Vorhaben abbringen könne, die Dhadscha, einen groben, roten

Turban auf und brach ihre Armbänder in Stücke, wodurch sie gesetzlich

für tot galt und auf immer aus ihrer Kaste ausgeschlossen war. Hätte

sie jetzt noch das Leben erwählen wollen, so konnte sie nie mehr zu

ihrer Familie zurückkehren. Sleeman wußte sich keinen Rat. Wenn sich

die Frau zu Tode hungerte, so war ihre Familie beschimpft und die

Aermste starb unter langsameren Qualen, als wenn man ihr gestattete

sich zu verbrennen. Als der Major sie am vierten Tage nach dem Tode

ihres Mannes noch mit der Dhadscha auf dem Kopfe an derselben Stelle

sitzen fand, redete er sie an. Sie sagte ihm mit großer Gelassenheit,

daß sie entschlossen sei, ihre Asche mit der ihres verstorbenen Gatten

zu mischen; sie würde geduldig seine Erlaubnis abwarten, überzeugt,

Gott werde ihr Kraft geben, ihr Dasein bis dahin zu fristen, obgleich

sie weder essen noch trinken wolle. Dann blickte sie nach der Sonne,

die eben über der Nerbudda aufging und sagte ruhig: »Meine Seele weilt

schon fünf Tage lang bei der meines Gatten, in der Nähe jener Sonne,

nur meine irdische Hülle ist noch übrig, und ich weiß, du wirst bald

gestatten, daß sie sich in jener Grube mit seiner Asche vermischt, weil

es nicht in deinem Wesen und Brauch ist, die Qual einer armen, alten

Frau mutwillig zu verlängern.«

Sleeman versicherte ihr, es sei sein Wunsch und seine Pflicht sie zu

retten und zu erhalten. Er wolle den Ihrigen die Schmach ersparen für

ihre Mörder zu gelten. Doch sie erwiderte, deswegen sei sie unbesorgt.

Ihre Kinder hätten alles mögliche getan, um sie zu bewegen unter ihnen

zu leben. »Hätte ich eingewilligt, so würden sie mich geliebt und

geehrt haben, das weiß ich. Doch übergebe ich sie alle deiner Obhut und

gehe zu meinem Gatten Omed Sing Opaddia, mit dessen Asche die meinige

sich schon dreimal auf dem Scheiterhaufen vermischte.«

Dies bezog sich auf die Seelenwanderung. Sie waren nach ihrer

Ueberzeugung schon dreimal als Mann und Weib auf Erden gewesen.

Seit sie ihre Armbänder zerbrochen und den roten Turban aufgesetzt

hatte, hielt sie sich für bereits gestorben, sonst hätte sie nicht so

unehrerbietig sein können, den Namen ihres Gatten auszusprechen. Es war

das erstemal in ihrem Leben, daß sie dies tat, denn in Indien nennt

keine Frau, aus welchem Stande sie auch sei, jemals den Namen ihres

Mannes.

Sleeman hoffte noch immer sie zu überreden. Er drohte ihr, die

Regierung werde die steuerfreien Güter, von denen ihre Familie so lange

gelebt habe, einziehen; auch werde kein Stein den Platz bezeichnen,

wo sie sterbe, im Fall sie auf ihrem Entschluß beharre. Bliebe sie

aber am Leben, so solle eine glänzende Wohnung unter den Tempeln ihrer

Ahnen für sie gebaut und eine schöne Summe zu ihrem Unterhalt bestimmt

werden. Aber sie lächelte nur, streckte den Arm aus und sagte: »Mein

Puls hat lange aufgehört zu schlagen, mein Geist ist entwichen; ich

werde bei dem Verbrennen nicht leiden. Wenn du einen Beweis willst, so

laß Feuer bringen und sieh, wie es diesen Arm verzehrt, ohne daß es mir

Schmerz verursacht.«

Da der Major erkannte, daß alle seine Bemühungen vergebens waren, ließ

er die Oberhäupter der Familie rufen und erklärte ihnen, er werde

gestatten, daß sich die Witwe verbrennen dürfe, wenn sie sich alle

durch eine feierliche Urkunde verpflichten wollten, in ihrer Familie

nie wieder eine Sutti zu halten. Sie gingen darauf ein und die Schrift

ward aufgesetzt und unterzeichnet. Als man der Witwe am Sonnabend gegen

Mittag den Beschluß verkündete, zeigte sie sich hocherfreut. Um drei

Uhr waren die Zeremonien des Badens vorüber, und in der Grube brannte

ein helles Feuer. Fast fünf Tage hatte die Frau ohne Speise und Trank

zugebracht; als sie vom Felsen ans Ufer kam, netzte sie erst ihr Tuch

im Wasser des heiligen Stromes, denn ohne diese Vorsichtsmaßregel wäre

sie durch jeden Schatten, der auf sie fiel, verunreinigt worden. Von

ihrem ältesten Sohn und einem Neffen gestützt schritt sie nach dem

Feuer hin, eine Entfernung von etwa 150 Metern.

Wachen waren aufgestellt, und niemand durfte sich auf fünf Schritt

nähern. Sie kam mit ruhigem freudevollem Gesicht herbei, blieb einmal

stehen, schaute aufwärts und sagte: »Warum hat man mich fünf Tage

von dir, mein Gatte, entfernt gehalten?« Als sie zu den Wachen kam,

blieben ihre Begleiter zurück; sie schritt noch einmal um die Grube,

hielt einen Augenblick inne und während sie ein Gebet murmelte, warf

sie einige Blumen ins Feuer. Dann trat sie ruhig und standhaft bis an

den Rand, stieg mitten in die Flamme, setzte sich nieder und lehnte

sich zurück als ruhe sie auf einem Lager; ohne einen Schrei auszustoßen

oder ein Zeichen des Schmerzes von sich zu geben, wurde sie vom Feuer

verzehrt.

Das ist schön und großartig! Es erfüllt uns mit Ehrfurcht und

Hochachtung. Was der altgewohnten Sitte ihre unwiderstehliche Macht

verlieh war die Riesenkraft eines Glaubens, welcher durch immer neue

Todesopfer lebendig erhalten wurde. Aber, wie die ersten Witwen dazu

kamen, die Sitte einzuführen, bleibt in Dunkel gehüllt.

Sleeman sagt, daß bei der Witwenverbrennung gewöhnlich einige

Musikinstrumente spielten, aber nicht, wie man gemeinhin glaubt, um das

Geschrei der Märtyrerin zu ersticken, sondern um zu verhüten, daß ihre

letzten Worte gehört werden; denn diese galten für prophetisch, und

wenn sie Unglück weissagten, hielt man es für besser, daß die Lebenden

darüber in Unkenntnis blieben.

Zehntes Kapitel.

Er hatte viel mit Aerzten zu tun gehabt und sagte: Es gibt

nur ein Mittel um gesund zu bleiben, man muß essen was

einem nicht schmeckt, trinken, was man nicht mag und tun,

was man lieber bleiben ließe.

_Querkopf Wilsons Kalender._

Es war eine lange Reise, zwei Nächte und anderthalb Tage von Bombay

ostwärts nach Allahabad, aber sehr interessant und nicht ermüdend.

Das heißt, zuerst fühlte ich mich höchst unbehaglich, aber daran

waren die ›Pyjamas‹ schuld. Dieser lästige Nachtanzug besteht aus

Jacke und Beinkleidern; er ist entweder von Seide oder aus einem

rauhen, kratzigen, dünnen Wollstoff, der einem die Haut reibt wie

Sandpapier. Die Hosen haben Elefantenbeine und eine Elefantentaille,

keine Knöpfe am Bund, sondern eine Schnur, um die überflüssige Weite

zusammenzuziehen; die lose Jacke wird vorn zugeknöpft. In einer warmen

Nacht sind einem die Pyjamas zu heiß, und man friert darin, wenn

die Nacht kalt ist. Ich wollte nicht gegen die Sitte verstoßen und

versuchte es mit dem Kleidungsstück, aber es war mir unerträglich, ich

mußte es wieder ablegen. Der Unterschied zwischen Tag- und Nachtanzug

ist nicht groß genug. In einem Nachthemd fühlt man sich wohlig und

erfrischt, von beengendem Zwang erlöst, frei und ungebunden. Statt

dessen hatte ich die erstickende, bedrückende, aufreibende und quälende

Empfindung, angekleidet im Bette zu liegen. Während der warmen Hälfte

der Nacht bekam ich von der rauhen Wolle ein solches Jucken auf der

Haut, daß ich wie gekocht und im Fieber dalag; verfiel ich auf kurze

Zeit in Schlaf, so peinigten mich Träume, wie die Verdammten sie

haben mögen -- oder haben sollten. In der kalten Hälfte der Nacht

fand ich aber keine Zeit zum Schlafen, weil ich genug damit zu tun

hatte, mir wollene Decken zu stehlen. Aber was nützen wollene Decken

unter solchen Umständen? Je mehr man aufeinander häuft, um so fester

korkt man die Kälte ein, daß sie nicht heraus kann. Die Beine werden

einem zu Eisklumpen und man weiß genau, wie es sein wird, wenn man

eines Tages im Grabe liegt. Sobald ich einen Augenblick zu Verstande

kam, entledigte ich mich der Pyjamas und genoß mein Leben fortan auf

vernünftige und behagliche Weise.

Der Tag fängt auf dem Lande in Indien früh an. Endlos dehnt sich die

vollkommen flache Ebene im grauen Dämmerlicht nach allen Seiten aus.

Schmale, festgetretene Fußpfade durchziehen sie überall; nur von Zeit

zu Zeit ragt auf der ungeheuern Fläche eine Gruppe gespenstischer

Bäume empor, zum Zeichen, daß da ein Dorf liegt. Auf den Pfaden

sieht man allenthalben braune, hagere, nackte Männergestalten und

schlanke Frauen, die an ihr Tagewerk eilen; die Frauen mit kupfernen

Wassergefäßen auf dem Kopf, die Männer mit der Hacke in der Hand.

Uebrigens ist der Mann nicht ganz nackt, einen weißen Lappen hat er

immer um; dies Lendentuch ist eine Art Binde, ein weißer Strich auf

seiner braunen Person, wie der Silberbeschlag, der mitten um ein

Pfeifenrohr läuft. Trägt er noch einen luftigen, bauschigen Turban,

dann ist das der zweite Strich. »Ein Mensch, dessen Kleidung aus einem

Turban und einem Taschentuch besteht,« so beschreibt Miß Gordon

Cumming sehr richtig den Eingeborenen.

Den ganzen Tag lang fährt man durch die einförmige, staubfarbene

Ebene, an den verstreuten Baumgruppen und den Lehmhütten der Dörfer

vorbei. Daß Indien nicht überall schön ist, läßt sich nicht leugnen,

und doch übt es einen unwiderstehlich bestrickenden Zauber aus. Woher

das kommt ist schwer zu sagen; man hat nur das unbestimmte Gefühl, daß

es der uralte, geschichtliche Boden ist, dem dieser Reiz entspringt.

Die Wüsten Australiens und die starren Eisfelder Grönlands besitzen

keine solche Macht über uns; wir sehen sie in ihrer ganzen Kahlheit und

Häßlichkeit, weil sie keine ehrwürdige Geschichte haben, die uns von

menschlichen Leiden und Freuden in längst vergangenen Jahrhunderten

erzählt.

Auf der langen Fahrt bis Allahabad kamen wir nur an Dörfern vorbei,

die innerhalb verfallener Mauern lagen. Ein solches indisches Dorf

ist nicht schön; ein Teil der schmutzfarbenen Lehmhütten ist meist

vom Regen verwittert, so daß sie vermoderten Ruinen gleichen. Auch

Viehherden und Ungeziefer leben innerhalb der Mauern, wie mir scheint,

denn ich sah dort Kühe und Ochsen ein- und ausgehen, und so oft ich

einen der Dorfbewohner gewahrte, juckte er sich. Letzteres ist zwar

nur ein Indizienbeweis, aber ich glaube, daß er schwerlich trügt.

Mich interessierten die indischen Dörfer, weil ich in Major Sleemans

Büchern allerlei darüber gelesen hatte. Er schildert die Teilung

der Arbeit, die unter der Bevölkerung herrscht. Der Grund und Boden

Indiens, sagt er, bestehe aus lauter einzelnen Feldern, die zu

den Dörfern gehören. Neun Zehntel der ganzen Einwohnerschaft sind

Ackerbauer und wohnen in den Dörfern. Doch hält sich jedes Dorf auch

gewisse bezahlte Arbeiter, Handwerker und andere Leute zum allgemeinen

Dienst, deren Geschäft in der Familie bleibt und sich von Vater auf

Sohn weiter erbt. Solche Berufsarten sind: Priester, Grobschmied,

Zimmermann, Rechnungsführer, Waschmann, Korbflechter, Töpfer, Wächter,

Barbier, Schuhmacher, Klempner, Zuckerbäcker, Weber, Färber u. a. m. Zu

Sleemans Zeit gab es auch viele Hexen, und aus praktischen Gründen ließ

niemand seine Tochter gern in eine Familie heiraten, zu der keine Hexe

gehörte. Man brauchte ihre guten Dienste, um die Kinder vor dem Unheil

zu schützen, das ihnen sonst die Hexen der Nachbarfamilien ohne Zweifel

angetan hätten.

Der Beruf der Hebamme blieb stets in der Familie des Korbflechters.

Seiner Frau gehörte das Amt, mochte sie etwas davon verstehen oder

nicht. Ihre Einnahme war nicht so groß: für einen Knaben erhielt sie

25 Cents, und halb so viel für ein Mädchen. Die Geburt einer Tochter

kam unerwünscht, wegen der furchtbaren Kosten, die sie mit der Zeit

verursachen würde. Sobald sie alt genug war, um der Sitte gemäß

Kleider tragen zu müssen, galt es für eine Schande, wenn die Familie

sie nicht verheiratete. Den Vater brachte jedoch die Heirat der

Tochter an den Bettelstab, denn er mußte, nach altem Herkommen, beim

Hochzeitsgepränge und dem Festschmaus alles verausgaben, was er besaß

und entlehnen konnte, so daß er vielleicht nie wieder im stande war

sich emporzuarbeiten.

Aus Furcht vor solchem unvermeidlichen Ruin tötete man in früherer

Zeit viele Mädchen gleich nach der Geburt, bis England die grausame

Sitte mit eiserner Strenge abschaffte. »Bei dem Spiel der Dorfkinder,«

sagt Sleeman, »hörte man niemals Mädchenstimmen.« Schon aus dieser

gelegentlichen Bemerkung läßt sich entnehmen, wie allgemein der

Mädchenmord in Indien verbreitet war.

Das Hochzeitsgepränge besteht nach wie vor im Lande, weshalb auch noch

hie und da neugeborene Mädchen umgebracht werden, aber ganz heimlich,

weil die Regierung sehr wachsam ist und jede Uebertretung des Gesetzes

mit strengen Strafen bedroht.

In einigen Teilen Indiens gibt es in den Dörfern noch drei besondere

Angestellte. Erstens den Astrologen, der dem Bauer sagt, wann er säen

und pflanzen, eine Reise machen oder ein Weib nehmen soll, wann er

ein Kind erwürgen, einen Hund entlehnen, auf einen Baum steigen, eine

Ratte fangen und seinen Nachbar betrügen darf, ohne die Rache des

Himmels auf sein Haupt zu ziehen. Auch die Träume legt er ihm aus,

falls der Mann nicht klug genug ist, sie sich selbst aus der Mahlzeit

zu erklären, die er vor Schlafengehen zu sich genommen hat. Die beiden

andern Angestellten sind der Tiger- und der Hagelbeschwörer. Ersterer

hält die Tiger fern, wenn er kann und bezieht auf alle Fälle sein

Gehalt; letzterer beschützt das Dorf vor Hagelschlag oder gibt an,

aus welchem Grund sein Geschäft mißlungen sei und läßt sich denselben

Lohn bezahlen, mag der Hagel kommen oder ausbleiben. Wer in Indien

seinen Lebensunterhalt nicht verdienen kann, muß wirklich auf den Kopf

gefallen sein.

Auch die Gewerkvereine und der Boykott sind alte indische

Einrichtungen. Es gibt eben nichts, was nicht dort seinen Ursprung

hätte. »Die Straßenkehrer,« sagt Sleeman, »zählen zur niedrigsten

Kaste; alle andern Kasten verachten sie und ihr Amt, aber sie selbst

sind stolz darauf und dulden keine Eingriffe in ihr Monopol. Das

Recht, in einem gewissen Stadtteil die Straßen zu kehren, gehört einem

bestimmten Mitglied der Kaste an; wagt sich ein anderes Mitglied in

diesen Bezirk, so wird es ausgestoßen -- niemand darf mehr aus seiner

Pfeife rauchen oder aus seinem Kruge trinken -- der Missetäter kann die

Wiederaufnahme in die Kaste nur dadurch erlangen, daß er für sämtliche

Straßenkehrer ein Festmahl veranstaltet. Beleidigt ein Hausbesitzer

den Straßenkehrer seines Bezirks, so bleibt aller Abfall und Kehricht

solange bei ihm liegen, bis er den Mann wieder versöhnt hat, kein

anderer Straßenkehrer getraut sich den Schmutz fortzuschaffen. Die

Bürger der Städte müssen sich von diesen Leuten oft unglaublich viel

gefallen lassen; ja die Tyrannei, welche die Innung der Straßenkehrer

ausübt, ist noch heutigen Tages eins der größten Hindernisse aller

sanitären Reformen in Indien. Zwingen kann man diese Menschen nicht,

denn kein Hindu oder Muselmann würde ihre Arbeit verrichten, und

sollte es ihm das Leben kosten; nicht einmal prügeln würde er den

widerspenstigen Straßenkehrer, um sich nicht zu verunreinigen.«

Allahabad bedeutet die ›Stadt Gottes‹. Das Hindu-Viertel habe ich nicht

gesehen; der englische Teil der Stadt hat schöne, breite Alleen und

auf Raumersparnis ist gar keine Rücksicht genommen. Alle Einrichtungen

lassen auf Luxus und Bequemlichkeit schließen; mir scheint, die Leute

führen dort ein so heiteres, sorgloses Leben, wie man es nur bei einem

guten Gewissen haben kann, wenn diesem ein genügendes Konto auf der

Bank zur Seite steht.

Am Morgen nach unserer Ankunft in Allahabad stand ich in aller Frühe

auf und ging auf der Veranda, die rings um das Haus läuft, an den

schlafenden Dienern vorbei, die bis über die Ohren in ihre wollenen

Decken gewickelt, vor der Tür ihrer Herren lagen. Ich glaube, kein

indischer Diener schläft jemals in einem Zimmer. Vor einer Tür sah ich

einen Hindu kauern. Die gelben Schuhe seines Herrn waren geputzt und

bereit gestellt; nun hatte er nichts mehr zu tun als zu warten, bis

er gerufen würde. Es war bitter kalt, aber der Mensch blieb geduldig

und regungslos wie ein Steinbild auf demselben Fleck. Ich konnte es

kaum mit ansehen. Gern hätte ich zu ihm gesagt: »Stehe doch auf und

mache dir Bewegung, um dich zu erwärmen, was hockst du da in der

Eiseskälte, das verlangt niemand von dir.« Allein mir fehlten die

Wörter. Die einzige Redensart, die mir einfiel war »Jeldy jow,« und

was sie bedeutete, wußte ich nicht. So ging ich denn notgedrungen

stumm vorbei, entschlossen nicht mehr an den Menschen zu denken; aber

seine nackten Beine und Füße kamen mir nicht aus dem Sinn und zwangen

mich immer wieder, die Sonnenseite zu verlassen und bis zu dem Punkt

zurückzugehen, wo ich ihn sehen konnte. Eine Stunde verging, ohne daß

er seine Stellung auch nur im geringsten veränderte. Ob das Sanftmut

und Geduld, Seelenstärke oder Gleichgültigkeit verriet, will ich nicht

entscheiden; aber der Anblick quälte mich und verdarb mir den ganzen

Morgen. Nach zwei Stunden riß ich mich endlich aus seiner Nähe los;

mochte er sich nun allein weiter kasteien so viel er wollte. Bis dahin

war er um keines Haares Breite von seinem Platz gewichen; ich sehe ihn

noch immer deutlich vor mir und werde die Erinnerung wohl ewig mit

mir herumtragen. Wenn ich von der Geduld und Ergebung der Inder bei

ungerechter Behandlung, in Schmerz und Unglück lese, so steigt sein

Bild vor mir auf. »Jeldy jow!« (mach daß du weiter kommst!) ruft man

dem Inder in seiner Not seit ungezählten Jahrhunderten zu. Hätte ich

es nur damals auch gesagt, es wäre gerade das Richtige gewesen; aber

leider war mir, wie gesagt, die Bedeutung des Wortes entfallen.

Im Morgenlicht unternahmen wir eine lange zum Teil wunderschöne Fahrt

nach der Festung. Der Weg führte unter hohen Bäumen an Häusergruppen

und am Dorfbrunnen vorbei, wo man zu andern Tageszeiten malerische

Scharen von Eingeborenen fortwährend lachend und schwatzend hin- und

hergehen sieht. Diesmal trafen wir sie bei ihren Waschungen; die

kräftigen Männer ließen das klare Wasser reichlich über die braunen

Körper strömen, ein erfrischender Anblick, der meinen Neid erregte,

denn die Sonne hatte sich schon an ihr Geschäft gemacht, den Tag

über tüchtig in Indien einzuheizen. Viele Hindus nahmen ein solches

Morgenbad; die Frühstückstunde nahte heran, und kein Hindu darf essen,

ehe er die vorgeschriebene Waschung beendet hat.

Meine Reise um die Welt. Zweite Abteilung · 第 6 / 16 段