Von dem Vorhandensein der furchtbaren Sekte waren die britischen

Behörden schon seit 1810 unterrichtet, doch ahnte kein Mensch ihre

weite Ausdehnung; man legte ihr nur geringe Bedeutung bei und erst

1830 wurden systematische Maßnahmen zu ihrer Unterdrückung getroffen.

Damals war es Major Sleeman gelungen, den Thug-Häuptling Eugène Sues

in seine Gewalt zu bekommen, und der furchtbare Feringhea ließ sich

bewegen Kronzeuge zu werden. Die Enthüllungen, die er machte, waren

so ungeheuerlicher Art, daß sie Sleeman ganz unglaublich schienen.

Er hatte in dem Wahn gelebt, er kenne sämtliche Verbrecher in seinem

Bezirk und hatte die schlimmsten höchstens für Diebe und Spitzbuben

gehalten. Feringhea machte dem Major jedoch klar, daß er die ganze

Zeit über von Scharen berufsmäßiger Mörder umgeben gewesen sei, die

ihre Opfer in seiner nächsten Nähe begruben. Sleeman hielt das für

Hirngespinste, aber Feringhea sagte: »Komm und siehe selbst!« Er

führte ihn an eine Grube, in der hundert Leichname lagen, erzählte ihm

alle näheren Umstände ihrer Ermordung und nannte die Namen der Thugs,

welche die Tat vollbracht hatten. Sleeman traute seinen Augen kaum;

er nahm einige von jenen Thugs gefangen und stellte Einzelverhöre mit

ihnen an, nachdem er Sorge getragen, daß sie sich nicht unter einander

verständigen konnten. Auf die unbeglaubigten Aussagen eines Inders

wollte er sich nicht verlassen. Aber, o Schrecken! die gesammelten

Zeugnisse ergaben nicht nur, daß Feringhea die Wahrheit geredet hatte,

sondern lieferten zugleich den Beweis, daß die Banden der Thugs in

ganz Indien ihr furchtbares Gewerbe trieben. Nun tat die Regierung

ernstliche Schritte zur Vertilgung der Sekte und man verfolgte

sie zehn Jahre lang mit unerbittlicher Strenge, bis sie gänzlich

ausgerottet war. Eine Räuberbande nach der andern wurde gefangen, vor

Gericht gestellt und bestraft. Ueberall spürte man die Thugs in ihren

Schlupfwinkeln auf und machte Jagd auf sie. Die Regierung brachte alle

ihre Geheimnisse ans Licht und ließ die Namen sämtlicher Mitglieder

der Banden, sowie den Geburtsort und Wohnplatz jedes einzelnen aufs

genauste verzeichnen.

Die Thugs waren Anbeter des Gottes Bhowanee, dem sie alle Wanderer

opferten, welche ihnen in die Hände fielen. Die Sachen der Getöteten

behielten sie jedoch für sich: dem Gotte war nur an dem Leichnam etwas

gelegen. Bei der Aufnahme in die Sekte fanden feierliche Zeremonien

statt; jeder neue Bekenner wurde unterwiesen, wie er die Erdrosselung

mit dem heiligen Tuch zu vollziehen habe, doch war ihm erst nach langer

Uebung gestattet, selbständig handelnd vorzugehen. Nur ein erfahrener

Würger war im stande, die Erdrosselung so rasch zu bewerkstelligen,

daß der dem Tode Geweihte auch keinen Laut mehr von sich geben konnte;

jeder dumpfe Schrei, jedes Stöhnen, Seufzen oder Schnappen nach Luft

mußte verhindert werden. In einem Augenblick schlang sich das Tuch

um den Hals des Opfers, es ward plötzlich zusammengezogen, der Kopf

fiel lautlos nach vorn, die Augen traten aus ihren Höhlen und alles

war vorüber. Vornehmlich gaben die Thugs wohl acht, daß sie auf keinen

Widerstand stießen, auch forderten sie ihr Opfer meist auf sich

niederzusetzen, weil sich das Geschäft so am bequemsten verrichten ließ.

Alle Zustände und Einrichtungen Indiens waren den Thugs ausnehmend

günstig: Eine öffentliche Fahrgelegenheit gab es nicht, man konnte auch

kein Gefährt mieten. Der Reisende mußte zu Fuß gehen, wenn er nicht

einen Ochsenwagen benützen oder sich ein Pferd für die Gelegenheit

kaufen konnte. Sobald er die Grenze seines kleinen Fürstentums

überschritten hatte, war er unter Fremden; dort kannte ihn niemand,

er blieb unbeachtet, kein Mensch vermochte mehr anzugeben, wohin er

seine Schritte gelenkt hatte. Weder in Städten noch Dörfern pflegte der

Reisende einzukehren; er hielt außerhalb derselben Rast und schickte

seine Diener in den Ort, um Lebensmittel zu kaufen. Einzelne Höfe

gab es nicht; auf der öden Strecke zwischen zwei Dörfern fiel der

Wanderer dem Feinde leicht zur Beute, besonders da er meist bei Nacht

weiterzog, um der Hitze zu entgehen. Unterwegs gesellten sich häufig

Fremdlinge zu ihm und boten ihm an, zu gegenseitigem Schutz die Fahrt

gemeinsam fortzusetzen; das waren meistens Thugs, wie der Wanderer

bald zu seinem Verderben erfuhr. Die Güterbesitzer, die eingeborene

Polizei, die kleinen Fürsten, die Dorfrichter und Zollwächter steckten

oft mit den Räubern unter einer Decke, gewährten ihnen Schutz und

Obdach und lieferten ihnen die Reisenden aus, um Anteil an der Beute

zu haben. Dadurch ward es der Regierung zuerst fast unmöglich gemacht

die Uebeltäter zu fangen, weil die wachsamen Freunde ihnen zur Flucht

verhalfen. Und so zogen denn handeltreibende Leute aus allen Kasten

und Ständen, paarweise oder in Gruppen, schutzlos, bei schweigender

Nacht, auf den Pfaden des weiten Ländergebiets einher, Kostbarkeiten,

Geld, Juwelen, kleine Seidenballen, Gewürze und allerlei Waren mit sich

führend -- es war ein Paradies für die Thugs.

Bei Eintritt des Herbstes pflegte die Genossenschaft ihre zum

voraus verabredeten Zusammenkünfte zu halten. Um sich untereinander

zu verständigen brauchten die Thugs, selbst wenn sie aus den

verschiedensten Gebieten stammten, keine Dolmetscher wie andere Völker.

Sie hatten ihre eigene Sprache und geheime Zeichen, an denen sich

die Genossen erkannten; alle waren untereinander befreundet, selbst

die Unterschiede der Kaste und Religion traten in den Hintergrund, wo

Hingebung an den Beruf ins Spiel kam. Der Moslem und der Hindu aus

höherer oder niederer Kaste, standen sich als Thugs gleich Brüdern

treulich zur Seite.

War eine Bande versammelt, so ward Gottesdienst gehalten und man

wartete auf die Omen. Das Geschrei verschiedener Tiere hatte eine gute

oder schlechte Vorbedeutung, wie jedermann wußte. Erfolgte ein böses

Omen, so gab man das Vorhaben auf und die Leute gingen wieder nach

Hause.

Schwert und Tuch galten als heilige Symbole der Thugs. Das Schwert

beteten sie daheim an, ehe sie zur Versammlung gingen, und das Tuch,

mit dem sie ihre Opfer würgten, verehrten sie gemeinschaftlich. Meist

verrichtete der Häuptling der Bande die religiösen Zeremonien selbst,

nur die Kaets beauftragten damit gewisse angestellte Erwürger, Chaurs

genannt. Diese Kaets hielten so streng an ihren gottesdienstlichen

Gebräuchen fest, daß es nur dem Chaur gestattet war, die geheiligten

Gefäße und was sie sonst dabei benützten, anzurühren.

Zwei charakteristische Merkmale sind dem Raubsystem der Thugs

besonders eigen: die größte Vorsicht, Ausdauer und Geduld bei

Verfolgung der Beute und gänzliche Erbarmungslosigkeit im Moment der

Tat.

Vor allem richteten sie ihr Augenmerk darauf, daß sie an Zahl der

Reisegesellschaft, welcher ihr Angriff galt, mindestens vierfach

überlegen waren. Offene Feindseligkeiten vermieden sie und überfielen

ihre Opfer nur, wenn diese nichts Böses ahnten. Oft reisten sie

tagelang in ihrer Gesellschaft und suchten durch allerlei Künste ihr

Vertrauen und ihre Freundschaft zu gewinnen. Sobald ihnen dies gelungen

war, gingen sie an ihr eigentliches Geschäft: Zuerst wurden ein paar

Thugs vorausgeschickt, um bei dunkler Nacht den günstigsten Schauplatz

für die Ermordung zu wählen und die _Gräber zu graben_. Wenn die

übrigen den Ort erreichten, ward unter dem Vorwand, etwas zu rasten

und eine Pfeife zu rauchen, Halt gemacht. Man schlug der Gesellschaft

vor, sich niederzusetzen. Auf einen Wink des Hauptmanns nahmen einige

Thugs den Reisenden gegenüber Platz, andere setzten sich neben sie und

fingen ein Gespräch mit ihnen an, während die geübtesten Würger sich,

des verabredeten Zeichens harrend, in ihrem Rücken aufstellten. Dies

Zeichen war gewöhnlich irgend eine alltägliche Bemerkung: »Bringt den

Tabak,« oder etwas derart. Oft verging noch eine beträchtliche Zeit,

nachdem jeder der Handelnden seinen bestimmten Platz eingenommen hatte;

der Hauptmann wartete erst, ob auch alles ganz sicher sei. Unterdessen

spann sich die Unterhaltung einförmig weiter; düstere Gestalten

huschten im Hintergrund hierhin und dorthin bei dem ungewissen

Dämmerschein; die Nacht war still und friedlich und die Reisenden

überließen sich arglos der angenehmen Ruhe, ohne zu ahnen, daß die

Todesengel sie von allen Seiten umgaben. Jetzt war der Augenblick da;

das verhängnisvolle Wort: »Bringt den Tabak,« wurde gesprochen. Sofort

entstand eine rasche aber lautlose Bewegung. Im gleichen Moment hielten

die Männer, welche neben den Reisenden saßen, ihre Hände fest, die vor

ihnen ergriffen ihre Füße und taten einen kräftigen Ruck, während ein

Mörder jedem Opfer von hinten das Tuch um den Kopf schlang und zuzog

-- der Kopf des Erdrosselten sank auf die Brust, das Trauerspiel war

zu Ende. Nun wurden die Leichen ausgeplündert, und in den Gräbern

verscharrt; darauf packte man die Beute zusammen, die mitgenommen

werden sollte. Nachdem dann die Thugs noch zum Schluß dem Gotte

Bhowanee ihren frommen Dank dargebracht hatten, zogen sie weiter, um

noch mehr heilige Taten zu verrichten.

Aus Major Sleemans Bericht ergibt sich, daß die Reisenden meist in

kleiner Anzahl beisammen waren, in der Regel nicht mehr als zwei,

drei oder vier. Die Thugs dagegen zogen in Banden von zehn, fünfzehn,

fünfundzwanzig, vierzig, sechzig, hundert, hundertfünfzig, zweihundert,

zweihundertundfünfzig Mann umher, ja, es wird sogar eine Bande von

dreihundertzehn Mann erwähnt. Bei solcher starken Ueberzahl kann man

ihren Fang nicht besonders groß nennen, wenn man bedenkt, daß sie

durchaus nicht wählerisch waren, sondern wo und wie sie konnten jeden

umbrachten, ob reich oder arm, oft sogar Kinder. Manchmal töteten

sie auch Frauen, aber das galt für sündhaft und brachte Unglück. Die

günstige Jahreszeit für ihre Raubzüge dauerte sechs bis acht Monate.

In einem solchen Jahrgang töteten zum Beispiel die sechs Banden

von Bundelkund und Gwalior, welche zusammen 712 Köpfe zählten, 210

Menschen. Die Thugs von Malwa und Kandeisch waren 702 Mann stark und

mordeten 232. Die Kandeisch- und Berar-Banden, 963 Mann, brachten 385

Leute um.

Bettler gelten in Indien für heilig, und manche Banden schonten ihr

Leben, andere dagegen mordeten nicht nur sie, sondern sogar den Fakir,

diesen Inbegriff aller Heiligkeit, der nichts als Haut und Knochen ist,

sich Staub und Schmutz auf das buschige Haupthaar streut und seinen

nackten Körper über und über mit Asche bepudert, daß er aussieht wie

ein Gespenst. Mancher Fakir verließ sich jedoch allzu fest auf seine

unverletzliche Heiligkeit. Von einem solchen Fall wird uns in Sleemans

Buch unter andern Großtaten Feringheas berichtet. Er war einmal mit

vierzig Thugs ausgezogen und sie hatten schon neununddreißig Männer und

eine Frau getötet, ehe der Fakir zum Vorschein kam.

»Wir näherten uns Doregow,« lautete der Bericht, »trafen auf drei

Brahminen, dann auf einen Fakir zu Pferde, der sich ganz mit Zucker

bekleistert hatte, um die Fliegen herbeizulocken, von denen er über und

über bedeckt war. Wir jagten ihn fort und töteten die drei andern.

»Hinter Doregow stieß der Fakir nochmals zu unserer Gesellschaft und

zog mit uns bis Raojana; wir begegneten sechs Hindus, die von Bombay

nach Nagpore wollten. Den Fakir vertrieben wir durch Steinwürfe,

töteten die sechs Leute in ihrem Lager und begruben sie im Gebüsch.

»Am nächsten Tage stellte sich der Fakir wieder ein; erst in Mana

wurden wir ihn los. Hinter dem Orte trafen wir drei Sepoys und hatten

fast den Platz erreicht, der zu ihrer Ermordung bestimmt war, als der

Fakir abermals erschien. Nun endlich riß uns die Geduld und wir gaben

Mithoo, einem unserer Gefährten, fünf Rupien, daß er ihn umbringen und

die Sünde auf sich nehmen sollte. Alle vier wurden erdrosselt, also

auch der Fakir. In seinem Gepäck fanden sich zu unserer Ueberraschung

dreißig Pfund Korallen, dreihundert fünfzig Schnüre kleine Perlen,

fünfzehn Schnüre große Perlen und ein vergoldetes Halsband.«

Ob wohl Mithoo, der allein die Sünde trug, sich die unerwartete

Beute ganz aneignen durfte, oder ob er sie mit den Gefährten teilen

mußte und nur die Sünde für sich behielt? -- Wie schade, daß der

Regierungsbericht uns gerade diesen interessanten Umstand verschweigt!

Feringhea fürchtete sich selbst nicht vor den Mächtigen der Erde. Einen

Elefantentreiber des Rajahs von Oodeypore erdrosselte er ohne weiteres.

Er hat auf jenem Raubzug nicht weniger als hundert Männer und fünf

Frauen umgebracht.

Unter den Unglücklichen, welche den Thugs zum Opfer fielen, waren

Personen jeden Standes und Ranges; nur den Weißen taten sie nichts zu

Leide. Die Liste verzeichnet:

Eingeborene, Soldaten, Fakirs, Bettler, Träger des heiligen Wassers,

Zimmerleute, Hausierer, Schneider, Schmiede, eingeborene Polizisten,

Kuchenbäcker, Stallknechte, Pilger, Chuprassies, Weber, Priester,

Bankiers, Schatz-Träger, Kinder, Kuhhirten, Gärtner, Ladenbesitzer,

Palankin-Träger, Landleute, Ochsentreiber, Diener, die Beschäftigung

suchten, Frauen, die sich verdingen wollten, Schafhirten,

Bogenschützen, Aufwärter, Bootsleute, Händler, Grasmäher.

Selbst einen fürstlichen Koch verschonten sie nicht, ebenso wenig

den Wasserträger des Herrschers über alle Fürsten und Könige, des

Generalgouverneurs von Indien. Ja, eine Bande war sogar grausam genug,

armen, herumziehenden Komödianten das Leben zu nehmen, und trotzdem sie

auf demselben Raubzug auch noch einen Fakir und zwölf Bettler töteten,

beschützte sie ihr Gott Bhowanee: Sie wollten einen Mann im Walde

erdrosseln, während gerade viele Leute in der Nähe vorbeigingen, zogen

aber die Schlinge nicht fest genug, und der Mann stieß einen lauten

Schrei aus. Da ließ Bhowanee im gleichen Augenblick ein Kamel durch das

Dickicht brechen, dessen Gebrüll den Angstschrei übertönte, und ehe der

Mann den Mund wieder öffnen konnte, war sein Atem entflohen.

Die Kuh ist in Indien ein so heiliges Tier, daß schon ihren Hirten

zu töten für frevelhaft gilt. Das wußten die Thugs recht gut, aber

bisweilen war ihr Blutdurst so groß, daß sie dennoch einige Kuhhirten

umbrachten. Ein Thug, der solche Missetat verübt hatte, bekennt:

»Unser Glaube verbietet das aufs strengste; es kann nur Unheil daraus

entstehen. Ich lag nachher zehn Tage am Fieber darnieder. Tötet man

einen Mann, der eine Kuh führt, so bringt es Unglück; hat er keine Kuh

bei sich, dann schadet es nichts.« Ein anderer Thug, der bei dieser

Gelegenheit die Füße des Opfers gehalten hatte, fürchtete für sich

keine schlimmen Folgen, »weil das Mißgeschick für solche Tat immer nur

den Erwürger selbst, nicht seine Gehilfen bedroht, und wenn er deren

auch hundert gehabt hätte.«

Während vieler Menschenalter durchwanderten Tausende von Thugs Indien

in allen Richtungen. Ihr Räuberhandwerk war zu einem Beruf geworden,

der sich vom Vater auf den Sohn und Enkel forterbte. Von sechzehn

Jahren an konnte ein Knabe schon Mitglied der Verbindung werden, und

siebzigjährige Greise waren noch in voller Tätigkeit.

Was fesselte die Leute aber an ihr Mordgeschäft, worin bestand der Reiz

desselben? Teils trieb sie offenbar Frömmigkeit, teils Beutegier dazu,

aber das Hauptinteresse scheint doch das Vergnügen an der Jagd selbst

gewesen zu sein, die Mordlust, welche auch dem weißen Manne im Blute

steckt. Meadows Taylor schreibt in seinem Roman: ›Bekenntnisse eines

Thug‹:

»Wie leidenschaftlich liebt ihr Engländer nicht die Jagd! Ganze Wochen

und Monate widmet ihr diesem aufregenden Zeitvertreib. Um Tiger,

Panther, Büffel oder Eber zu töten, strengt ihr eure ganze Tatkraft an,

ja ihr setzt selbst das Leben aufs Spiel. Wir Thugs aber verfolgen ein

weit edleres Wild!«

Vielleicht liegt hierin wirklich der Schlüssel des Rätsels, das

die Entstehung und Verbreitung der furchtbaren Sekte umgibt. Dem

Menschengeschlecht im großen und ganzen ist die Mordgier eigen, es

ergötzt sich am Töten lebender Geschöpfe wie an einem Schauspiel.

Wir weißen Leute sind nur etwas verfeinerte Thugs, denen ihr dünner

Anstrich von Zivilisation wie ein lästiger Zwang erscheint. Als Thugs

haben wir uns vor noch gar nicht so langer Zeit an den Metzeleien

der römischen Arena ergötzt und später an dem Feuertod, welcher

zweifelhaften Christen durch rechtgläubige Christen auf öffentlichem

Marktplatz bereitet wurde. Noch jetzt gehen wir mit den Thugs in

Spanien oder in Nimes zu den blutigen Greueln der Stiergefechte hinaus.

Keiner unserer Reisenden, welches Geschlechts oder welcher Religion

er auch sein mag, hat je der Anziehungskraft der spanischen Arena zu

widerstehen vermocht, wenn sich ihm Gelegenheit bot, dem Schauspiel

beizuwohnen. Auch zur Jagdzeit sind wir fromme Thugs: wir hetzen das

harmlose Wild und töten es mit Wonne. Aber _einen_ Fortschritt haben

wir doch gemacht. Zwar ist er nur winzig und kaum der Rede wert, so

daß wir nicht nötig hätten besonders stolz darauf zu sein, aber es

ist immerhin ein Fortschritt zu nennen, daß es uns nicht mehr Freude

macht, hilflose Menschen niederzumetzeln oder zu verbrennen. Von diesem

höheren Standpunkt aus können wir mit selbstgefälligem Schaudern

auf die indischen Thugs herabsehen; auch dürfen wir zuversichtlich

hoffen, daß einst der Tag erscheinen wird, an dem unsere Nachkommen in

künftigen Jahrhunderten mit ähnlichen Gefühlen auf uns herabschauen.

Neuntes Kapitel.

Der Kummer ist sich selbst genug; aber um eine Freude voll

und ganz zu genießen, muß man jemand haben, mit dem man sie

teilen kann.

_Querkopf Wilsons Kalender._

Wir fuhren mit dem Nachtzug von Bombay nach Allahabad. In Indien ist es

Landessitte, das Reisen am Tage möglichst zu vermeiden; dabei ist nur

der Uebelstand, daß man sich zwar die beiden Sofas ›sichern‹ kann, wenn

man sie vorausbestellt, aber man erhält keinerlei Fahrkarte oder Marke,

durch welche man sein Eigentumsrecht zu beweisen vermag, falls dasselbe

in Zweifel gezogen wird. Das Wort ›besetzt‹ erscheint am Fenster des

Coupés, aber für wen weiß niemand. Kommt mein Satan mit meinem Barney

an, ehe ein anderer Diener zur Stelle ist, legen sie meine Betten auf

die beiden Sofas und stehen Wache bis wir eintreffen, dann geht alles

gut. Verlassen sie aber den Posten um eine Besorgung zu machen, so

können sie bei der Rückkehr finden, daß unsere sämtlichen Bettstücke

auf die oberen Schlafbretter befördert worden sind, und ein paar andere

Dämonen das Lager ihrer Herren auf unsern Sofas bereitet haben, vor

denen sie Wache halten.

Dieses System lehrt uns Höflichkeit und Rücksicht üben, doch gestattet

es auch unberechtigte Uebergriffe. Ein junges Mädchen pflegt einer

älteren Dame, wenn diese später kommt, den Sofaplatz einzuräumen, den

die Dame meist mit freundlichem Danke annimmt. Aber bisweilen geht es

dabei auch anders zu. Als wir im Begriff waren Bombay zu verlassen,

lagen die Reisetaschen meiner Tochter auf ihrem Sofaplatz. Da kam im

letzten Augenblick eine amerikanische Dame mittleren Alters in das

Coupé gestürmt, hinter ihr die mit dem Gepäck beladenen eingeborenen

Träger. Sie schalt, brummte, knurrte und versuchte sich möglichst

unausstehlich zu machen, was ihr auch gelang. Ohne ein Wort der

Erklärung warf sie Reisekorb und Tasche meiner Tochter auf das obere

Brett und pflanzte sich breit auf das Sofa hin.

Bei einem unserer Ausflüge verließen wir, Smythe und ich, auf einer

Station unser Coupé, um etwas auf und ab zu gehen; als wir zurückkamen,

fanden wir Smythes Betten im Hängebrett, und ein englischer

Kavallerie-Offizier lag lang und bequem ausgestreckt auf dem Sofa, wo

Smythe noch soeben geschlafen hatte.

Es ist abscheulich, daß dergleichen unsereinem Spaß bereitet, aber wir

sind nun einmal so geschaffen. Wäre das Mißgeschick meinem ärgsten

Feinde zugestoßen, es hätte mir kein größeres Vergnügen machen können.

Wir freuen uns alle, wenn es andern Leuten schlecht geht, ohne daß

wir Unbequemlichkeiten davon haben. Smythes Aerger machte mich so

glücklich, daß ich gar nicht einschlafen konnte, weil ich mich in

Gedanken zu sehr daran ergötzte. Er glaubte natürlich, der Offizier

hätte den Raub selber begangen, während ihn der Diener zweifellos

ohne Wissen seines Herrn ausgeführt hatte. Den Groll über diesen

Vorfall bewahrte Smythe getreulich im Herzen; er schmachtete nach

einer Gelegenheit, sich dafür an irgend jemand schadlos zu halten,

und dies Verlangen ward ihm bald darauf in Kalkutta erfüllt. Von dort

unternahmen wir eine vierundzwanzigstündige Fahrt nach Dardschiling.

Da aber der Generaldirektor Barclay alle Vorkehrungen getroffen

hatte, damit wir es unterwegs recht bequem haben sollten -- wie

Smythe versicherte -- so beeilten wir uns nicht allzusehr auf den

Zug zu kommen. Im Bahnhof herrschte, wie gewöhnlich in Indien, ein

entsetzliches Gewühl, ein unbeschreiblicher Lärm und Wirrwarr. Der

Zug war übermäßig lang, denn sämtliche Eingeborene des Landes reisten

irgendwohin; die Bahnbeamten wußten nicht, wo ihnen der Kopf stand und

wie sie alle die aufgeregten Leute, die sich verspätet hatten, noch

unterbringen sollten. Wo das für uns bestimmte Coupé war, konnte uns

niemand sagen; keiner hatte Befehl erhalten dafür zu sorgen. Das war

eine große Enttäuschung, auch hatte es ganz den Anschein als würde

die Hälfte unserer Gesellschaft zurückbleiben müssen; da kam Satan

spornstreichs angerannt, um zu melden, daß er ein Coupé gefunden habe,

in dem noch ein Hängebrett und ein Sofa leer waren. Dort hatte er unser

Gepäck hineingeschafft und uns das Lager bereitet. Wir stiegen eilends

ein. Der Zug war gerade im Fortfahren, und die Schaffner schlugen

eine Waggontür nach der andern zu, als ein Beamter des ostindischen

Zivildienstes, unser guter Freund, atemlos gelaufen kam. »Ueberall habe

ich nach Ihnen gesucht,« rief er. »Wie kommen Sie hierher? Wissen Sie

denn nicht --«

Indem fuhr der Zug ab, und der Schluß des Satzes entging uns. Jetzt

kam für Smythe die Gelegenheit seinen Racheplan auszuführen. Er nahm

sofort seine Betten vom Schlafbrett, tauschte sie gegen diejenigen

aus, welche herrenlos auf dem Sofa mir gegenüber lagen und begab sich

seelenvergnügt zur Ruhe. Gegen zehn Uhr nachts hielten wir irgendwo und

ein großer Engländer, der wie ein hoher Militär aussah, stieg bei uns

ein. Wir taten, als schliefen wir. Trotz der verdunkelten Lampen war es

aber hell genug, daß wir sehen konnten, welche Ueberraschung sich in

seinen Zügen malte. Hoch aufgerichtet stand er da, starrte sprachlos

auf Smythe herab und versuchte die Lage der Dinge zu begreifen. Nach

einer Weile sagte er:

»Nein, so was!« -- weiter nichts.

Aber es war mehr als genug und leicht verständlich. Es sollte heißen:

»So was ist doch unerhört! Eine solche Unverschämtheit ist mir mein

Lebtag noch nicht vorgekommen.«

Er setzte sich auf seinen Koffer; wir aber schielten wohl zwanzig

Minuten lang mit halbgeschlossenen Augen zu ihm hinüber und

beobachteten, wie ihn die Bewegung des Zuges rüttelte und schüttelte.

Sobald wir an eine Station kamen, erhob er sich; wir hörten ihn noch im

Fortgehen murmeln: »Ich muß ein leeres Sofa finden, sonst warte ich bis

zum nächsten Zuge!«

Bald darauf kam sein Diener, um das Gepäck zu holen.

So war denn Smythes alte Wunde geheilt und sein Rachdurst gestillt.

Aber schlafen konnte er ebensowenig wie ich; unser Wagen war ein

ehrwürdiger, alter Kasten voller Schäden und Gebrechen. Die Tür ins

Waschkabinett zum Beispiel schlug fortwährend an und spottete aller

unserer Bemühungen sie zu befestigen. Als der Morgen dämmerte, standen

wir wie zerschlagen auf, um eine Tasse Kaffee zu trinken. Auch jener

Engländer war auf der Station ausgestiegen und wir hörten, wie jemand

zu ihm sagte:

»Also haben Sie Ihre Fahrt doch nicht unterbrochen?«

»Nein,« lautete die Antwort, »der Schaffner konnte mir ein Coupé

anweisen, das zwar bestellt aber nicht besetzt worden war. Ich bekam

einen großen Salonwagen für mich ganz allein, wahrhaft fürstlich,

versichere ich Ihnen. Ein solcher Glücksfall ist mir noch nie

begegnet.«

Natürlich war das unser Wagen. Wir siedelten sogleich mit der ganzen

Familie dahin über. Den Herrn Engländer lud ich jedoch ein zu bleiben,

was er auch annahm. Ein sehr liebenswürdiger Mann, Oberst bei der

Infanterie. Daß Smythe ihm sein Lager geraubt hat, erfuhr er nicht; er

glaubt, Smythes Diener hätten es ohne Wissen seines Herrn getan. Man

half ihm zu dieser Ueberzeugung und störte ihn nicht darin.

Meine Reise um die Welt. Zweite Abteilung · 第 5 / 16 段