Im Anfang aller Dinge hatte Indien einen Vorsprung vor der ganzen

übrigen Welt. Es besaß die früheste Kultur, die erste Anhäufung

materieller Reichtümer, eine Menge der tiefsten Denker, der größten

Weisen, Fruchtbarkeit des Bodens, reiche Bergwerke und große Wälder.

Hätte man da nicht meinen sollen, es würde seine Führerschaft auch

ferner behaupten und eines Tages, statt sich in Demut einem fremden

Machthaber zu unterwerfen, selbst die Welt beherrschen und jeder

Nation, jedem Volksstamm der Erde Gesetze vorschreiben? -- Und doch

ist eine solche Oberherrschaft Indiens von jeher unmöglich gewesen. Wo

es achtzig Völkerschaften und Hunderte von Regierungen gibt, kann von

einheitlicher Macht nicht die Rede sein. Das Hauptgeschäft des Lebens

wird Kampf und Streit, gemeinsame Ziele und Zwecke sind ausgeschlossen;

aus solchen Elementen entsteht keine Weltherrschaft. Nicht nur durch

die Verschiedenartigkeit der Sprachen, sondern vor allem durch das

Kastenwesen mag die Zersplitterung entstanden sein. Dadurch wurde

das Volk in einzelne Schichten geteilt und diese wieder in Ober- und

Unterschichten, welche kein Gefühl der Zusammengehörigkeit miteinander

verband. Bei solchen Zuständen war eine gesunde Entwicklung der

Vaterlandsliebe völlig undenkbar.

Hätte es in Indien nicht so viele Reiche und Völker gegeben, so würden

auch die Thugs dort schwerlich haben entstehen und gedeihen können.

An jeder Grenze wurden Reisende und Kaufleute fortwährend belästigt,

denn überall stießen sie auf Wächter und Zollhäuser; Dolmetscher,

welche alle Sprachen verstanden, gab es so gut wie gar nicht, auch

herrschte ein fortgesetzter Kriegszustand bald in diesen bald in jenen

Reichen. Das alles hinderte die Sicherheit des allgemeinen Verkehrs und

öffnete dem Räuberwesen Tür und Tor -- was jedem gescheiten Menschen,

den seine angeborene Neigung zu diesem Beruf trieb, auf der Stelle

einleuchten mußte. Da es nun in Indien durchaus nicht an klugen Leuten

fehlte, die sich zum Räuberwesen hingezogen fühlten, bildete sich auf

ganz natürliche Weise die Genossenschaft der Thugs, um einem längst

empfundenen Bedürfnis zu entsprechen.

Um welche Zeit das geschehen ist, weiß niemand; vermutlich schon

vor Jahrhunderten. Was uns am meisten dabei Wunder nimmt ist, daß

es gelingen konnte, die unheilvolle Verbindung so lange geheim zu

halten. Englische Kaufleute hatten schon seit zweihundert Jahren in

Indien Handel getrieben, ohne je etwas davon zu hören, und doch wurden

alljährlich Tausende in ihrer nächsten Nähe von den Thugs umgebracht.

Daß es auch amtliche Berichte über die Thugs gibt, habe ich erst

neuerdings erfahren. Es war mir von großem Wert, das betreffende

Schriftstück eine Zeitlang zur Einsicht zu erhalten.

Siebentes Kapitel.

Feind und Freund müssen zusammen wirken, um unserm Herzen

wehe zu tun; der eine streut die Verleumdung aus, der

andere hinterbringt sie uns.

_Querkopf Wilsons Kalender._

_Aus dem Tagebuch. 28. Januar._ -- Wir machen jetzt

Reisevorbereitungen, die hauptsächlich in der Anschaffung von Betten

bestehen. Im Schlafwagen der Eisenbahn, manchmal auch in Privathäusern

und in neun Zehnteln aller Hotels muß man Betten mitbringen. Das ist

unbegreiflich und doch wahr. Die Einrichtung stammt aus alter Zeit

und ist jetzt anscheinend unnötig, aber sie hat seltsamerweise alle

Zustände überlebt, die sie einst zur Notwendigkeit machten. Als sie

eingeführt wurde, gab es weder Eisenbahnen noch Hotels; der Weiße

machte seine gelegentlichen Reisen zu Pferde oder im Ochsenwagen und

fand die Nachtherberge auf einer der kleinen Poststationen, welche

die Regierung in gewissen Entfernungen von einander anlegen ließ

-- sie boten ein Obdach, weiter nichts. Wer ein Bett haben wollte,

mußte selbst dafür sorgen. Jetzt wohnen die ansässigen Engländer

in geräumigen, bequem eingerichteten Häusern, und es muß sich

ganz sonderbar ausnehmen, wenn ein halbes Dutzend Gäste in solche

moderne Wohnung mit Decken und Kopfkissen einziehen, die sie überall

herumwerfen. Doch der Mensch findet sich in alles, sobald es Sitte und

Brauch ist.

Man kann die Betten, nebst einem Behälter aus Gummistoff im ersten

besten Laden kaufen. Das hat nicht die geringste Schwierigkeit.

* * * * *

_30. Januar._ Vor Abgang des Zuges bot der Bahnhof ein merkwürdiges

Schauspiel. Das Gebäude ist sehr groß, aber es war als hätte sich dort

die ganze Welt versammelt: eine Hälfte drinnen, die andere draußen,

alle mit berghohen Bettstücken und anderm Gepäck beladen. Beide Hälften

versuchten zu gleicher Zeit aneinander vorbei durch eine enge Tür zu

kommen. Diese zwei Menschenströme bestanden aus sanften, geduldigen,

langmütigen Eingeborenen, unter denen sehr wenige Weiße verstreut

waren. Nur die Hindu-Diener der Europäer legten zeitweise ihre

natürliche Sanftmut ab und maßten sich das Vorrecht der Weißen an, alle

Farbigen beiseite zu schieben, um rascher für sich Bahn zu machen. Es

war eine Schande, wie herrisch und unverschämt sich zum Beispiel unser

Satan dabei benahm. Vermutlich ist er auf einer früheren Stufe der

Seelenwanderung ein fanatischer Thug gewesen.

Drinnen im Bahnhof fluteten Massen von Eingeborenen, in sämtliche

Farben des Regenbogens gekleidet, nach allen Seiten wirr durcheinander.

Voll Eifer und Hast, in der Angst sich zu verspäten, strömten sie

nach den langen Wagenreihen hin, wo sie im Innern mit ihren Packen

und Bündeln verschwanden, von immer neuen Menschenfluten gefolgt.

Und mitten in diesem Wirrwarr und Getöse saßen -- anscheinend in

voller Gemütsruhe -- zahlreiche Gruppen von Farbigen auf den nackten

Steinfliesen: schlanke, braune Mädchen, alte, graue, runzlige Weiber,

kleine Kinder mit weichen Gliedern, alte und junge Männer und braune

Knaben; lauter arme Leute, aber der weibliche Teil, sowohl groß wie

klein, mit billigen, glänzenden Ringen an Nase, Zehen, Armen und

Beinen geschmückt, die vermutlich ihren einzigen Reichtum ausmachten.

Schweigend und geduldig saßen sie da mit ihren armseligen Bündeln,

Körben und Hausgeräten und warteten auf ihren Zug, der zu irgend einer

Stunde des Tages oder der Nacht abfahren würde. Sie hatten die Zeit

nicht gut berechnet, aber was schadete das -- vom Schicksal war es so

über sie verhängt, wozu sich da beunruhigen? Zeit hatten sie vollauf,

endlose Stunden lagen vor ihnen, und was geschehen sollte, würde

geschehen -- keine Macht der Erde konnte es beschleunigen.

Die Eingeborenen reisten dritter Klasse für ein unglaublich billiges

Fahrgeld. Man packte sie eng zusammen in Wagen, von denen jeder etwa

fünfzig Personen fassen konnte. So geschah es oft, daß Brahminen der

höchsten Kaste in persönliche Berührung mit Leuten aus der niedrigsten

Kaste gebracht und folglich verunreinigt wurden, was natürlich jedem in

die Verhältnisse Eingeweihten höchst anstößig vorkam. Es konnte sich

leicht ereignen, daß ein Brahmine, der keine Rupie besaß, dicht neben

den reichen Erbherrn aus einer niedern Kaste zu stehen kam, welcher

Inhaber eines alten, mehrere Ellen langen Titels war. Trotz seiner

erhabenen Würde mußte der arme Brahmine sich darein ergeben, denn falls

einer von beiden Erlaubnis erhielt, bei den geheiligten Weißen Platz zu

nehmen, so war es sicherlich nicht er, sondern der unwürdige Reiche.

Der Zug hatte eine endlose Reihe solcher Wagen dritter Klasse, denn

die Hindus reisen in ganzen Horden. Was für eine erbärmliche Nacht

mögen sie da drinnen verlebt haben.

Als wir bei unserm Wagen anlangten, fanden wir Satan und Barney

mit ihrem Gefolge von Hindus, welche Bettstücke, Sonnenschirme und

Zigarrenkisten trugen, schon in voller Tätigkeit. Barney war eine

Abkürzung; unsern zweiten Diener bei seinem eigentlichen Namen zu

nennen hätte zuviel Zeit gekostet. Wir fanden die innere Einrichtung

des Coupés keineswegs unbehaglich, aber von einer Einfachheit, wie

man sie selbst in Frankreich und Italien nicht kennt. Die Wände

aus billigen, zum Teil rohen Brettern gezimmert, mit dunkler Farbe

angestrichen ohne alle Verzierung. Der Boden war ohne Decke, aber nur

zu bald sollte fingerdicker Staub darauf liegen. An einer Seite des

Coupés befand sich ein Netz zur Aufnahme des Handgepäcks, auf der

entgegengesetzten eine Tür, die immer wieder aufsprang, man mochte sie

schließen so oft man wollte; sie führte in einen kleinen Toiletteraum,

wo man sein Handtuch aufhängen konnte, falls man eins hatte. Man

kauft die Handtücher mit den Betten, auf der Eisenbahn werden keine

geliefert. An jeder Seite der Wand lief der ganzen Länge nach ein

breites Ledersofa hin, und über demselben hing an Riemen ein flaches

Schlafbrett mit ledernem Ueberzug; es wird nachts heruntergelassen

und bei Tage an der Wand fest gemacht, wo es niemand im Wege ist. So

bleibt der große Mittelraum frei und man kann sich ungehindert darin

ausbreiten. Eine so bequeme Einrichtung habe ich noch in keinem Lande

gefunden, auch ist man ganz ungestört, weil meistens nur zwei Fahrgäste

in einem Coupé sitzen; aber selbst vier Personen haben hinreichend

Platz, ohne einander im geringsten zu beengen. Sogar auf unsern

amerikanischen Eisenbahnen, die sonst besser sind als alle andern,

fühlt man sich nicht so gemütlich wie hier, weil zu viele Reisende in

einem Wagen fahren.

Ueber den Sofas befanden sich längs des ganzen Coupés große

blaugefärbte Fensterscheiben. Das blaue Licht sollte die Augen vor dem

blendenden Sonnenschein schützen, und wer Luft haben wollte, ließ die

Fenster herunter. Zwei Oellampen an der Decke brannten so hell, daß man

lesen konnte, wollte man es dunkel haben, so zog man einen Schirm aus

grünem Stoff davor.

Während wir vor der Abfahrt draußen noch mit Freunden sprachen,

ordneten Barney und Satan drinnen unser Handgepäck, samt Büchern,

Früchten und Sodawasserflaschen in den Netzen; die Bettsäcke und das

schwere Gepäck schafften sie in das Waschkabinett, hingen Mäntel,

Sonnenhelme und Handtücher auf die Haken und befestigten die beiden

Schlafbretter an der Wand; dann nahmen sie ihre eigenen Betten auf die

Schulter und begaben sich nach der dritten Klasse.

So waren wir nun in dem hübschen, großen, hellen, luftigen und

behaglichen Raum ganz für uns, konnten nach Belieben auf- und abgehen,

uns hinsetzen und schreiben oder bequem ausgestreckt lesen und rauchen.

Die Mitteltür am vorderen Ende des Coupés führte in ein zweites, genau

ebenso eingerichtetes, das meine Frau und Tochter inne hatten. Als wir

gegen neun Uhr abends an einer Station hielten, fanden sich Barney und

Satan wieder ein; sie schnallten die großen Bettsäcke auf und ordneten

die Matratzen, Bettücher, bunten wollenen Decken und Kopfkissen auf den

Sofas beider Coupés zu einem vollständigen Lager. Zimmermädchen gibt es

in Indien nicht, offenbar ist weibliche Bedienung dort ganz unbekannt.

Zuletzt schlossen die Diener die Verbindungstür, räumten flink bei uns

auf, legten unsere Nachthemden aufs Bett, stellten die Pantoffeln

zurecht und zogen sich wieder in ihr Quartier zurück.

* * * * *

_31. Januar._ Mir war das alles ganz neu und ich fühlte mich so

behaglich, daß ich solange wie möglich wach blieb und einen Bericht

über die merkwürdigen Thugs las. Sie folgten mir auch in meine Träume

und wollten mich erdrosseln. Ihr Anführer war der riesengroße Hindu,

welcher mir bei meiner Rückkehr von jener Verlobungsfeier um zwei Uhr

nachts in der grellen Beleuchtung einen so malerischen Eindruck gemacht

hatte -- Rao Bahadur Baskirao Balinkanje Pitale, Vakeel des Gaikawar

von Baroda. Durch ihn war mir die Einladung seines Herrn überbracht

worden, welche mich nach Baroda rief, um dem Fürsten eine Vorlesung

zu halten; ich war auf dem Wege dahin, und jetzt behandelte mich der

Mensch so schlecht! Aber im Traum ist ja alles möglich.

_Baroda._ -- Wir kamen um sieben Uhr morgens an, als es eben dämmerte.

Es war ungemütlich, zu so früher Stunde an einem fremden Orte

auszusteigen, zumal die matt schimmernden Laternen im Bahnhof uns

den Eindruck machten, als sei es noch Nacht. Allein die Herren, die

sich mit großer Dienerschaft zu unserm Empfang eingefunden hatten,

ließen uns keine Zeit zum Besinnen. Bald waren wir draußen, dann

ging es rasch weiter im milden Dämmerlicht und binnen kurzem hatte

man uns alle behaglich untergebracht. Zahlreiche Diener standen zu

unserer Verfügung, deren Aufseher so vornehme Beamte waren, daß es

uns ordentlich in Verlegenheit setzte. Wir fügten uns jedoch der

Landessitte, das Benehmen der Herren war höchst verbindlich und

gastfreundlich, sie sprachen einheimisches Englisch, es ging alles

vortrefflich und das Frühstück kam uns sehr gelegen.

Jenseits der Wiese sah man durch das offene Fenster einen indischen

Brunnen; zwei Ochsen gingen mit langsamen Schritten den allmählich

abfallenden Weg herauf und hinunter, um Wasser zu ziehen. Das

Klagegestöhn der Maschine unterbrach die Stille, es waren nicht gerade

melodische Laute, aber doch lag eine sanfte, träumerische Schwermut

darin, als wehklagten abgeschiedene Geister und als würden alte

Erinnerungen wieder lebendig; denn natürlich pflegten die Thugs ihre

Opfer in jenen Brunnen zu werfen, nachdem sie ihnen den Garaus gemacht

hatten.

Nach dem Frühstück begann für uns ein sehr ereignisreicher Tag. Wir

fuhren auf gewundenen Pfaden durch einen ungeheuren Park mit stolzen

Waldbäumen, dicht verschlungenen Dschungels und einem Gewirr von

allerlei reizenden Gewächsen. An einer Stelle stürmten plötzlich

drei große graue Affen quer über den Weg. Das war keine angenehme

Ueberraschung; solche Bestien gehören in eine Menagerie, in der Wildnis

machen sie einen unnatürlichen Eindruck und sind nicht an ihrem Platze.

Mit der Zeit erreichten wir die Stadt und fuhren mitten hindurch. Sie

war ganz und gar indisch, vermodert und zerfallen und schien über alle

Begriffe alt zu sein. Höchst merkwürdig fanden wir die Häuser, deren

ganze Vorderseite mit schön verschlungener Holzschnitzerei geschmückt

war, die der feinsten Spitzenarbeit glich, und außerdem mit rohen

Bildwerken, welche Elefanten, Fürsten und Götter in den schreiendsten

Farben darstellten.

In den engen, winkligen Gassen lag im Erdgeschoß ein Laden am andern;

die winzigen Buden waren über und über mit unglaublichem Krimskrams

angefüllt, der verkauft werden sollte, oder es hockten darin fast

völlig nackte Eingeborene bei ihrer Arbeit; sie klopften, hämmerten,

verlöteten und bronzierten allerlei, sie nähten, kochten, maßen Korn ab

und mahlten es oder besserten Götzenbilder aus; gleichzeitig wälzte

sich eine zerlumpte, lärmende Menschenschar unter den Hufen unserer

Pferde und allenthalben umher. Und dazu diese Gerüche, diese Dünste,

dieser Gestank! Es war alles wundervoll und entzückend!

Man stelle sich einmal vor, wie es sein muß, wenn ein Zug Elefanten

durch solche enge Straßen schreitet, auf beiden Seiten anstößt und

die Farbe von den Häusern wetzt. Wie groß müssen die Tiere und wie

klein dagegen die Gebäude aussehen! Und wenn die Elefanten gar in

ihren glänzenden Hof-Schabracken einherkommen, welcher Abstand gegen

diese schmutzige, armselige Umgebung! Liefe nun einmal ein Elefant

in rasender Wut durch diese Stadtteile und schlüge nach rechts und

links mit dem Rüssel um sich, wie sollten ihm da die Menschenmassen

ausweichen? Daß Elefanten manchmal Wutanfälle bekommen ist ja eine

erwiesene Sache.

Wie alt mag die Stadt wohl sein? Man kommt an massiven Bauwerken und

Denkmälern vorbei, die so zerfallen und abgelebt aussehen, so müde

und altersschwach, so verstört und verdummt vor lauter Anstrengung

sich an Dinge zu erinnern, die sie längst vergessen hatten, ehe es

überhaupt eine Geschichte gab, daß man meinen sollte, sie stünden seit

Erschaffung der Welt auf ihrem Fleck. Baroda ist eins der ältesten

Reiche Indiens; es hat sich von jeher durch barbarische Pracht und

Herrlichkeit und die unermeßlichen Schätze seiner Fürsten berühmt

gemacht.

Als wir die Stadt hinter uns gelassen hatten, fuhren wir lange durch

offenes Gelände an abgelegenen Dörfern vorbei, die ganz von tropischen

Pflanzen überwuchert waren. Ueberall herrschte Sabbatstille und man

hatte das Gefühl tiefster Einsamkeit, denn die Eingeborenen glitten wie

Geister vorüber, man vernahm keinen Tritt ihrer nackten Füße; andere

sah man gleich Traumgestalten in der Ferne verschwinden. Dann und wann

zog eine Reihe stattlicher Kamele auf den leisen Sohlen, die ihnen die

Natur verliehen hat, geräuschlos an uns vorbei -- ein interessanter

Anblick. Nur einmal ward die tiefe Ruhe dieses Paradieses unterbrochen,

als ein Zug eingeborener Strafgefangener mit dem Aufseher daherkam und

wir das Klirren ihrer Ketten vernahmen. An einem entlegenen Orte ruhte

ein heiliger Mann unter einem Baum -- ein nackter, schwarzer Fakir. Er

war nichts als Haut und Knochen und über und über mit weißlichgrauer

Asche bestreut.

Nach einiger Zeit kamen wir zu den Elefantenställen und ich machte

einen Spazierritt. Man forderte mich dazu auf; ich selbst hatte nicht

das geringste Verlangen danach, aber ich tat es doch, damit man nicht

denken sollte, ich hätte Angst -- was allerdings der Fall war. Auf

Befehl kniet der Elefant nieder -- erst mit einem Vorderbein, dann mit

dem andern -- man steigt die Leiter hinauf in die Howdah, das Zelt auf

seinem Rücken, dann erhebt er sich wieder -- erst eine Seite, dann die

andere -- gerade wie ein Schiff über die Wogen fährt; wenn er dann

mit Riesenschritten umhergeht, erinnert auch sein Schwanken an die

Bewegung eines Schiffes. Sein Treiber, der Mahout, bohrt ihm mit einem

großen, eisernen Stachelstock in den Hinterkopf; man verwundert sich

über des Mannes Kühnheit und erwartet jeden Augenblick, daß der Elefant

die Geduld verlieren wird, aber es geschieht nichts dergleichen. Der

Treiber redet dem Elefanten die ganze Zeit über mit leiser Stimme

zu; dieser scheint ihn auch zu verstehen und ganz vergnügt zu sein,

er gehorcht wenigstens jedem Befehl aufs bereitwilligste. Unter

den fünfundzwanzig Elefanten waren zwei so große, wie sie mir noch

nie vorgekommen sind. Hätte ich geglaubt, daß ich mir die Furcht

abgewöhnen könnte, so würde ich mir einen davon hinter dem Rücken der

Polizei angeeignet haben.

In dem Howdah-Haus sah ich viele silberne Sessel, auch einen von Gold

und einen von altem Elfenbein; Kissen und Baldachine waren aus reichen,

kostbaren Stoffen. Die Garderobe der Elefanten befand sich gleichfalls

dort: ungeheuere Sammetdecken mit schwerer Goldstickerei, silberne und

goldene Glocken, welche mit Stricken aus kostbarem Metall befestigt

werden, und riesige Reifen von massivem Gold, die der Elefant an

den Fußgelenken trägt, wenn er sich aus Staatsrücksichten bei einer

Prozession beteiligt.

Die Kronjuwelen bekamen wir leider nicht zu sehen, worüber wir

sehr enttäuscht waren, denn ihre Menge und Kostbarkeit ist so

außerordentlich, daß sie die zweitgrößte Sammlung in Indien bilden.

Statt dessen zeigte man uns irrtümlicherweise den neuen Palast, mit

dessen Besichtigung wir alle Zeit verschwendeten, die uns noch zur

Verfügung stand. Das war sehr schade, denn der neue Palast ist ein

europäisch-amerikanischer Mischmasch, von dem sich nur sagen läßt, daß

er Unsummen gekostet hat. Nach Indien paßt er ganz und gar nicht; es

ist eine Frechheit von ihm, sich dort einzudrängen. Der Baumeister

hat zu seinem Glück rechtzeitig die Flucht ergriffen. Hier wären die

Thugs am Platze gewesen; man hat doch unrecht getan, sie ganz zu

unterdrücken. Der alte Palast dagegen ist orientalisch, wundervoll und

wie für das Land geschaffen. Er wäre schon groß, wenn er nur aus der

mächtigen Halle bestände, in denen die Durbars, die Staatsaudienzen

des Fürsten stattfinden. Zu Vorlesungen ist sie nicht geeignet wegen

der verschiedenen Echos, aber für Durbars und sonstige Staatsaktionen,

zu denen man sie braucht, ist sie ausgezeichnet. Wenn die Halle mir

gehörte, würde ich jeden Tag ein Durbar halten und nicht nur zweimal im

Jahre, wie es hier geschieht.

Der Fürst ist ein gebildeter Herr, er besitzt europäische Kultur

und ist fünfmal in Europa gewesen. Man sagt, daß dies ein kostbares

Vergnügen für ihn ist, da er sich manchmal bei der Ueberfahrt genötigt

sieht aus Gefäßen zu trinken, deren sich auch andere Leute bedienen,

und das verunreinigt seine Kaste. Um wieder zu Ehren zu kommen muß er

nach verschiedenen berühmten Hindutempeln wallfahrten und dort ganze

Vermögen opfern. Seine Untertanen sind sehr fromm, wie alle Hindus, und

würden sich nicht zufrieden geben, solange ihr Fürst unrein ist.

Wenn wir auch die Juwelen nicht besichtigen konnten, so haben wir

doch die silberne und die goldene Kanone des Fürsten gesehen -- es

schienen mir Sechspfünder zu sein. Sie werden nur bei ganz besondern

Staatsangelegenheiten zum Salutschießen gebraucht. Ein Ahnherr des

jetzigen Gaikawar ließ die silberne Kanone anfertigen und einer

seiner Nachfolger bestellte eine goldene, um ihn auszustechen.

Derartige Geschütze passen vortrefflich nach Baroda, wo man seit

alter Zeit Schaugepränge in großem Stil geliebt hat. Für Rajahs und

Vizekönige, die dort zum Besuch kamen, veranstaltete man oft Tiger- und

Elefantenkämpfe, Illuminationen und Elefanten-Prozessionen von wahrhaft

großartiger Pracht.

Was ist dagegen unser Zirkus mit all seiner Herrlichkeit! --

Achtes Kapitel.

Hätte der Mensch immer Gelegenheit zum Morden, wenn ihn

Mordlust überfällt, so kämen viele an den Galgen.

_Querkopf Wilsons Kalender._

_Auf der Eisenbahn._ Vor fünfzig Jahren, in meiner Knabenzeit, drangen

in unser entlegenes, schwach bevölkertes Mississippi-Tal sagenhafte

Gerüchte von einer Genossenschaft berufsmäßiger Mörder, die in Indien

hausen sollte, einem Lande, das uns tatsächlich ebenso fern lag wie

die Sterne, die droben am Himmel funkelten. Man erzählte, es gäbe dort

eine Sekte, deren Mitglieder sich Thugs nennten und zu Ehren eines

Gottes, dem sie dienten, den Wanderern an einsamen Orten aufzulauern

und sie umzubringen pflegten. Jeder hörte diesen Geschichten gern zu,

aber man glaubte sie nicht, oder doch nur mit Vorbehalt. Man nahm an,

daß sie sich auf dem weiten Wege bis zu uns lawinenartig vergrößert

hätten, auch waren sie bald wieder verschollen. Da erschien Eugène Sues

›Ewiger Jude‹ und machte eine Zeitlang viel von sich reden. Eine Figur

des Romans ist ›Feringhea‹, der furchtbare, geheimnisvolle Inder, ein

Häuptling der Thugs, glatt, listig und todbringend wie eine Schlange.

Durch ihn wurde das Interesse für die Thugs von neuem erweckt, aber

nach kurzer Zeit schlief es abermals ein und zwar auf immer.

Dies mag wohl auf den ersten Blick befremdlich erscheinen, doch war

es der natürliche Lauf der Dinge, wenigstens auf unserer Halbkugel.

Was man von den Thugs wußte, stammte der Hauptsache nach aus einem

Regierungsbericht, von dem in Amerika schwerlich jemals etwas verlautet

ist. Man pflegt dergleichen amtliche Schriftstücke nicht ohne weiteres

in Umlauf zu setzen; nur gewissen Leuten läßt man sie zukommen, und ob

diese sie lesen ist noch sehr die Frage. Ich selbst habe vor einigen

Tagen zum allererstenmal von diesem Bericht gehört und ihn mir zu

verschaffen gewußt. Er fesselt mich ungemein und macht jene alten

Märchen aus meinen Knabenjahren zur Wirklichkeit.

Major Sleeman, der in Indien diente, hat das Thug-Buch, von dem ich

rede, im Jahr 1839 abgefaßt. Es wurde 1840 in Kalkutta herausgegeben,

ein dicker, plumper Band, der uns zwar keine hohe Meinung vom damaligen

Stand der Buchdruckerkunst beibringt, aber vielleicht als Erzeugnis

einer amtlichen Druckerei aus alter Zeit und fernen Landen gar nicht

so übel war. Dem Major fiel die Riesenaufgabe zu, Indien von den

Thugs zu befreien und er hat sie mit siebzehn Gehilfen, die unter

seiner Oberleitung standen, glücklich vollbracht. Die Reinigung der

Augiasställe war nichts dagegen.

Damals schrieb Hauptmann Valencey in einer Zeitung, die in Madras

erschien: »Wenn der Tag kommt, an dem jenes weit verbreitete Uebel

in Indien ausgerottet und nur noch dem Namen nach bekannt ist, wird

dies viel dazu beitragen, die britische Herrschaft im Orient auf ewige

Zeiten zu befestigen.«

Er hat die Größe und Schwierigkeit des Werkes, durch dessen Vollendung

sich England ein unsterbliches Verdienst erworben hat, in keiner Weise

überschätzt.

Meine Reise um die Welt. Zweite Abteilung · 第 4 / 16 段