Zunächst wurden wir von Bekannten nach einem Dschain-Tempel

mitgenommen; er war nicht groß und mit vielen flatternden Wimpeln

geschmückt, die an Flaggenstangen befestigt sind; auf den Zinnen des

Daches stehen ringsum eine Unmenge kleiner Götzenbilder. In der Mitte

des innern Raumes sagte ein einsamer Dschain laut seine Gebete her

und ließ sich durch unsere Gegenwart in keiner Weise stören. Seine

Andacht galt einem kleinen, sitzenden, rosig gefärbten Götzen, der sich

etwa zwölf Fuß vor ihm befand und einer schlecht geformten Wachsfigur

glich. Mr. Gandhi, der dem Kongreß der Weltreligionen in Chicago

als Abgeordneter beigewohnt hat, setzte uns die Lehren der Dschaina

in trefflichem Englisch auseinander, aber was er sagte ist meinem

Gedächtnis entschwunden. Ich weiß nur noch, daß sich ihre religiösen

Vorstellungen in erhabene Formen kleiden, und grobe Sinnlichkeit

ihnen fremd ist. Wie sich das mit der Anbetung des rohen Götzenbildes

vereinbaren läßt, kann ich nicht erklären. Vermutlich stellt dieses

ein Wesen dar, das nach vielhundertjährigen Seelenwanderungen, bei

stetiger Zunahme an Frömmigkeit und Tugend, zuletzt zu einem Heiligen,

einer Art Gottheit geworden ist, welche die Anbetung stellvertretend

entgegennimmt, um sie der Himmelsbehörde zu übermitteln. So denke ich

es mir wenigstens.

Von dort begaben wir uns nach Mr. Premchand Roychands Bungalow im

Love Lane, Byculla, wo ein indischer Fürst, der kürzlich von der

Kaiserin Viktoria zum Ritter des indischen Sternordens ernannt worden

war, die Abgesandten der Dschaina empfangen wollte, welche ihm wegen

dieser hohen Ehre ihre Glückwünsche darbrachten. Selbst der größte

indische Fürst verschmäht die Auszeichnung nicht; er erläßt seinen

Untertanen die Steuern und gibt viel Geld aus zur Verbesserung der

öffentlichen Zustände, wenn er dafür die Ritterwürde erlangen kann.

Alljährlich verleiht die Kaiserin verschiedenen einheimischen Fürsten

zum Lohn für ihre Verdienste den Stern von Indien und teilt zugleich

Kanonen an sie aus, welche sie beim Salutschießen abfeuern dürfen.

Ein kleiner Fürst hat drei oder vier Kanonen, die ihm den Ehrengruß

bringen, und mit der Bedeutung des Fürsten nimmt auch die Zahl seiner

Kanonen zu, bis auf elf Stück, ja vielleicht haben manche noch mehr,

aber das weiß ich nicht bestimmt. Mir ist gesagt worden, daß wenn ein

vier Kanonen-Fürst die fünfte erhält, seine Umgebung sehr darunter

leidet, denn solange ihm die Sache noch neu ist, möchte er bei jeder

Gelegenheit Salutschüsse haben, und die ohrenzerreißende Musik will

gar kein Ende nehmen. Wie viele Kanonen so große Herrscher wie der

Nizam von Hyderabad und der Gaikawar von Baroda haben, vermag ich, wie

gesagt, nicht anzugeben.

Als wir das Bungalow betraten, fanden wir die große Halle im Erdgeschoß

bereits voller Menschen, und noch immer kamen neue Wagen vorgefahren.

Die Versammlung bot ein hübsches Schauspiel; alles funkelte und blitzte

wie bei einem Feuerwerk, so bunt waren die Kostüme und so glänzend

die Farben. Ganz besonders merkwürdig fand ich die Ausstellung der

verschiedenen Turbans. Ihre wunderbare Mannigfaltigkeit erklärte sich

dadurch, daß die Mitglieder der Dschaina-Gesandtschaft aus allen Teilen

Indiens stammten und jeder einen Turban trug, wie er in seiner Gegend

Sitte war.

Ich würde dort gern eine Konkurrenz-Ausstellung von christlichen

Trachten und Kopfbedeckungen veranstaltet haben. Dazu hätte ich nur

alle indische Herrlichkeit aus einer Hälfte des Raumes zu entfernen und

diese mit Christen aus Amerika, England und den Kolonien anzufüllen

brauchen, welche Hüte und Kleider trugen, wie sie vor zwanzig,

vierzig, fünfzig Jahren Mode waren oder wie man sie heutzutage hat.

Es wäre eine greuliche Sammlung gewesen, ein Anblick von ausgesuchter

Scheußlichkeit. Auch die weiße Gesichtsfarbe hätte ihr Teil dazu

beigetragen. Sie kommt uns zwar nicht gerade unleidlich vor, solange

wir uns unter lauter Weißen befinden, sehen wir sie aber zusammen

mit einer Menge brauner oder schwarzer Gesichter, so wird uns

augenblicklich klar, daß nur die Gewohnheit sie erträglich macht. Eine

schwarze oder braune Haut ist fast immer schön, eine weiße nur sehr

selten. Will man sich hiervon überzeugen, so braucht man nur an einem

Wochentage in Paris, New York oder London eine Straße hinunterzugehen

-- nicht gerade im vornehmsten Viertel -- und sich zu merken, wie

vielen Menschen mit gutem Teint man auf einer etwa meilenlangen Strecke

begegnet. Neben dunkeln Gesichtern sehen die weißen ausgewaschen,

ungesund, oft förmlich gespensterhaft aus. Schon als Knabe hatte ich

daheim, zur Sklavenzeit vor dem Bürgerkrieg, Gelegenheit gehabt diese

Beobachtung zu machen. Wahrhaft bewundernswert erschien mir aber die

prächtige schwarze Haut der südafrikanischen Zulus aus Durban, die wie

Atlas glänzte. Ich sehe sie noch vor mir, diese schwarzen Athleten,

wie sie mit den Rickschas vor dem Hotel auf Kundschaft warteten.

Die schönen Gestalten waren nur wenig verhüllt durch die leichte

Sommerkleidung, deren schneeiges Weiß das tiefe Schwarz der Neger um

so mehr hervortreten ließ. In Gedanken vergleiche ich jene Zulu-Gruppe

mit den Bleichgesichtern, die soeben an meinem Fenster in London

vorübergehen:

_Erste Dame_: Gesichtsfarbe: neues Pergament.

_Zweite_: Altes Pergament.

_Dritte_: Weiß und rot; sehr hübsch.

_Ein Mann_: Graues Gesicht mit roten Flecken.

_Ein anderer Mann_: Ungesunde, schuppige Haut.

_Mädchen_: Blaßgelb mit Sommersprossen.

_Alte Frau_: Weißlichgrau.

_Metzgerbursche_: Stark gerötetes Gesicht.

_Gelbsüchtiger Mann_: Helle Senffarbe.

_Aeltere Dame_: Farblose Haut mit zwei großen Muttermälern.

_Aelterer Mann_ (dem Trunk ergeben): Kartoffelnase in einem welken, von

feuerroten Falten durchzogenen Gesicht.

_Gesunder junger Herr_: Schöner, frischer Teint.

_Kranker junger Herr_: Weiß, wie ein Gespenst.

Die Hautfarbe unzähliger Menschen ist nur eine matte, charakterlose

Abschattierung dessen, was wir fälschlich ›weiß‹ zu nennen pflegen.

Manche Gesichter sind mit Pusteln bedeckt oder tragen sonstige

Zeichen eines ungesunden Blutes, während andere grell abstechende

Narben und Flecken haben. Im Gesicht des weißen Mannes läßt sich

nichts verbergen; durch alle erdenklichen Zufälligkeiten werden seine

Reize beeinträchtigt. Die Damen schminken und pudern sich, brauchen

Schönheitswasser, Arsenik, und mancherlei Mittel um die Haut zu

glätten; sie streicheln und schmeicheln, sie schmieren und wirtschaften

an ihr herum und geben sich unsägliche Mühe sie zu verschönern. Alles

umsonst. Doch liefern ihre Anstrengungen uns den besten Beweis, welche

geringe Meinung sie von der Beschaffenheit der Haut im allgemeinen

haben. Was sie sich nachzuahmen bestreben, gewährt die Natur nur sehr,

sehr wenigen. Von hundert Personen haben neunundneunzig gewiß einen

schlechten Teint, und wie lange vermag der Hundertste, dem ein guter

verliehen ist, sich denselben zu erhalten? Höchstens zehn Jahre.

Nein, der Zulu ist entschieden im Vorteil. Er hat von Anfang an seine

schöne Gesichtsfarbe und behält sie, solange er lebt. Und wie angenehm

und wohltuend für das Auge ist erst das bestimmte, glatte, fleckenlose

Braun des Inders; es braucht keine Farbe zu scheuen, es paßt zu allen

und erhöht ihren Reiz. Daß sich der Durchschnittsteint des Weißen mit

dieser wundervollen, köstlichen Färbung auch nur entfernt vergleichen

ließe, davon kann gar keine Rede sein.

Doch kehren wir zum Bungalow zurück. Am prächtigsten gekleidet waren

einige Kinder. Von den leuchtenden Farben ihrer kostbaren Stoffe und

den Edelsteinen, mit denen sie behangen waren, ging ein förmlicher

Strahlenglanz aus. Man hielt sie für Mädchen, und doch waren es Knaben,

Natsch-Tänzer von Beruf. Einzeln, zu zweien oder zu vieren standen sie

auf und tanzten und sangen zu den unheimlichen Klängen der Begleitung.

Ihre Stellungen und Bewegungen waren höchst anmutig und kunstvoll, aber

die Stimmen scharf und unangenehm und die Melodien größtenteils sehr

eintönig.

Nicht lange, so erhob sich draußen ein lautes Hurra und Jubelrufen. Es

galt dem Fürsten, der mit Gefolge seinen feierlichen Einzug hielt. Er

war ein stattlicher Herr in wundervollem Kostüm, bedeckt mit Schnüren

von Perlen und Edelsteinen; unter letzteren befanden sich einige

Smaragde von erstaunlicher Größe, die in ganz Bombay wegen ihrer

Schönheit und Kostbarkeit berühmt sind; das Auge konnte sich gar nicht

satt daran sehen. Auch der kleine Prinz, der den Fürsten begleitete,

war eine strahlende Erscheinung.

Langwierige Zeremonien fanden nicht statt. Der Fürst schritt mit

ernster Würde und Majestät auf seinen Thron zu, neben welchem der des

Prinzen stand. Feierlich saßen die beiden da, während sich rechts und

links von ihnen das Gefolge gruppierte. Es war das getreue Abbild

einer Schaustellung, wie wir sie oft in Büchern beschrieben finden.

Seit Salomo einst die Königin von Saba empfing und seine Schätze vor

ihr ausbreitete, haben die Fürsten aller Zeiten es für ihre Pflicht

gehalten, sich mit solchem Gepränge zu zeigen.

Der Führer der Dschaina-Abordnung verlas seine Glückwunschadresse und

steckte sie dann in ein schön verziertes Silberrohr, das er dem Fürsten

ehrfurchtsvoll überreichte, worauf dieser es ohne weiteres einem seiner

Beamten einhändigte. Ich will die Adresse hier mitteilen, denn es ist

interessant zu sehen, wofür die Untertanen eines indischen Fürsten

unter der heutigen englischen Herrschaft ihrem Monarchen alles zu

danken haben. Zur Zeit seines Großvaters, vor anderthalb Jahrhunderten,

als sich England noch nicht in die indische Verwaltung einmischte,

hätte man sich bei der Dankadresse sehr kurz fassen können. In jenen

Tagen der Freiheit würde das Volk dem Fürsten gedankt haben:

1. Daß er nicht aus bloßer Laune zu viele seiner Untertanen erschlagen

habe.

2. Daß er sie nicht durch Erhebung willkürlicher Abgaben gänzlich

ausgesogen und der Hungersnot preisgegeben habe.

3. Daß er nicht unter nichtigem Vorwand die Reichen getötet und ihr

Vermögen eingezogen habe.

4. Daß er die Angehörigen des Königshauses nicht getötet, geblendet,

eingekerkert oder verbannt habe, um seinen Thron gegen Verschwörungen

zu sichern.

5. Daß er sich nicht habe bestechen lassen, irgend einen seiner

Untertanen heimlich den Banden berufsmäßiger Thugs zu überliefern,

damit sie ihn im Hinterhof des Fürstenschlosses nach Belieben ermorden

und ausplündern konnten.

Das waren die gebräuchlichsten Maßregeln der Fürsten in alter Zeit;

aber diese sowohl wie einige andere, nicht minder harte, sind unter

der englischen Herrschaft schon längst abgeschafft worden. Bessere

Mittel und Zwecke sind seitdem an ihre Stelle getreten, wie uns die

Glückwunschadresse der Dschaina sofort beweisen wird. Dieselbe lautete:

»Allergnädigster Fürst! -- Wir, die unterzeichneten Mitglieder

der Dschaina-Gemeinde von Bombay, nähern uns Eurer Hoheit mit

aufrichtiger Freude, um wegen der kürzlich erfolgten Ernennung

Eurer Hoheit zum Ritter des erhabenen Sternordens von Indien,

unsere herzlichsten Glückwünsche darzubringen. Vor zehn Jahren

durften wir Eure Hoheit unter Umständen in dieser Stadt

willkommen heißen, welche in der Geschichte Ihrer Herrschaft

eine denkwürdige Episode bezeichnen; denn ohne die Besonnenheit

und Großmut, welche Eure Hoheit in den Verhandlungen zwischen

dem Palitana Dunbar und der Dschain-Gemeinde an den Tag

legten, hätte der versöhnliche Geist unseres Volkes keine

Frucht tragen können. Das war der erste Schritt Eurer Hoheit

bei Uebernahme der Verwaltung, durch welchen Sie sich nicht nur

die dankbare Anerkennung der Dschain-Gemeinde, sondern auch

der Regierung von Bombay gesichert haben. Nachdem nun Eure

Hoheit zehn Jahre lang alle Erfahrung, Kraft und Fähigkeit

in den Dienst der Verwaltung gestellt hat, ist Eurer Hoheit

verdientermaßen die erhabene und ehrenvolle Auszeichnung der

Ernennung zum Ritter des Sternordens zu teil geworden, den

kein anderer Fürst vom Range Eurer Hoheit, soviel wir wissen,

je zuvor erhalten hat. Wir können Eurer Hoheit die untertänige

Versicherung geben, daß wir auf diese Ehrenbezeigung aus der

Hand Ihrer Majestät, unserer gnädigsten Kaiserin und Königin,

nicht weniger stolz sind als Eure Hoheit selbst. Wir verdanken

Eurer Hoheit während dieser zehn Jahre die Einrichtung vieler

Faktoreien, Schulen, Hospitäler und dergleichen im Staate,

und wir hoffen, daß Eure Hoheit noch lange mit Weisheit und

bewährter Umsicht über das Volk herrschen werde, um die vielen

von Eurer Hoheit gütigst angebahnten Reformen auch künftig

in Gnaden zu fördern. Indem wir nochmals unsere wärmsten

Glückwünsche aussprechen, verharren wir als Eurer Hoheit

untertänigste Diener.«

Faktoreien, Schulen, Hospitäler, Reformen! Das sind die Sachen, welche

die Fürsten Indiens neuerdings unterstützen und wofür sie Orden und

Kanonen erhalten!

Auf die Adresse antwortete der Fürst kurz und bündig, dann unterhielt

er sich noch ein paar Augenblicke mit dem einen oder andern der Gäste

auf Englisch und mit mehreren Beamten in einer indischen Sprache;

zuletzt wurden, wie gewöhnlich, Kränze verteilt und die Festlichkeit

war zu Ende.

Sechstes Kapitel.

Jeder Mensch hat ein Geburtsrecht auf etwas, das alle

seine andern Besitztümer überdauert -- es ist sein letzter

Atemzug.

_Querkopf Wilsons Kalender._

Am selben Abend, gegen Mitternacht, wohnten wir noch einem andern

Feste bei, nämlich einer Hindu-Hochzeit, oder richtiger gesagt, einer

Verlobungsfeier. Bisher hatte sich auf den Straßen, durch die wir

fuhren, stets ein buntes, malerisches Schauspiel entfaltet, sie waren

von einer zahlreichen, lärmenden Menge angefüllt gewesen; jetzt fand

nichts dergleichen statt. Es herrschte überall Totenstille; selbst das

Geschrei der Krähen war verstummt. Aber leer konnte man die Straßen

doch nicht nennen, denn auf dem Boden lagen schlafende Eingeborene zu

Hunderten, der Länge nach ausgestreckt und bis über den Kopf fest in

Decken gewickelt. So starr und regungslos lagen sie da, daß man sie für

Tote halten konnte.

Damals hatte die Pest, welche jetzt in Bombay wütet, noch nicht ihren

Einzug in die Stadt gehalten. Heute[1] stehen die Läden verödet da, die

Hälfte der Bewohner hat die Flucht ergriffen und die Zurückgebliebenen

kommen massenhaft an der Krankheit um. Ohne Zweifel sehen die Straßen

jetzt bei Tage so aus wie damals zur Nachtzeit. Als wir immer weiter

in dem Hindu-Viertel vordrangen und in enge, düstere Gassen gelangten,

mußten wir sehr behutsam fahren, weil der Wagen beinah nicht Raum genug

fand, um zwischen den Schläfern durchzukommen, die sich allenthalben

gelagert hatten. Von Zeit zu Zeit huschte eine Schar Ratten in dem

ungewissen Dämmerschein dicht vor den Hufen der Pferde vorüber --

dieselben Ratten, welche jetzt in Bombay die Pest von Haus zu Haus

schleppen. Die Kaufläden sind nur eine Art Verschläge -- kleine Buden,

die nach der Straße zu offen stehen. Man hatte die Waren fortgenommen

und ganze Familien schliefen auf den Ladentischen, meist beim Schein

einer Oellampe. Es sah aus wie eine Totenwacht.

[1] Der Verfasser schrieb dies 1897.

Endlich bogen wir um eine Ecke und hatten eine förmlich strahlende

Beleuchtung vor uns. Das Haus der Braut war in ein Lichtmeer von

Gasflammen getaucht, welche die mannigfaltigsten Figuren bildeten.

Auch drinnen prangte alles in hellstem Glanze -- Kostüme, Spiegel,

Beleuchtung, Farben brachten im Verein mit der ganzen Ausschmückung

der Räume eine so feenhafte Wirkung hervor, als hätte sie Aladdins

Wunderlampe hergezaubert.

Die Braut war ein zierlich gebautes, schmuckes kleines Ding von zwölf

Jahren, sehr kostbar gekleidet, aber mehr wie ein Knabe. Sie bewegte

sich ungezwungen unter den Gästen oder blieb stehen, um sich mit

diesem oder jenem zu unterhalten und ihren Hochzeitsschmuck befühlen

und bewundern zu lassen. Am schönsten fand ich eine Schnur großer

Diamanten, an welcher ein prächtiger Smaragd hing.

Der Bräutigam war nicht zugegen; er beging eine besondere

Verlobungsfeier in seinem väterlichen Hause. Wie man mir sagte, mußte

sowohl er wie die Braut eine Woche lang alle Abend Gäste empfangen,

welche fast die ganze Nacht hindurch im Hochzeitshause blieben. Dann

heirateten sich die Brautleute, falls sie noch am Leben waren. Die

Kinder zählten beide zwölf Jahre -- ein ältliches Paar nach indischen

Begriffen -- sie hätten schon seit einem Jahre verheiratet sein sollen;

einem Fremden kamen sie freilich noch jung genug vor.

Etwas nach Mitternacht erschienen ein paar berühmte und hochgeschätzte

Natsch-Tänzerinnen in den prachtvollen Sälen, um ihre Kunst zu zeigen.

Zu ihrem Gesang und Tanz machten Männer auf sonderbaren Instrumenten

eine unheimliche, lärmende Musik, bei deren Klängen mich eine Gänsehaut

überlief. Ein Tanz der Mädchen sollte einen Schlangenzauber darstellen.

Mir schien zwar die Flötenbegleitung, welche dazu ertönte, wenig

geeignet, irgend etwas zu bezaubern, doch versicherte mir ein vornehmer

Hindu, daß die Schlangen solche Musik sehr lieben; sie kommen aus

ihren Höhlen heraus und lauschen ihr mit allen Zeichen von Wonne und

Wohlbehagen. Bei einer Vorstellung in seinem Garten, sagte er, seien

einmal sechs Schlangen von den Tönen der Flöte herbeigelockt worden und

man hätte sie nicht bewegen können sich wieder zu entfernen, bevor die

Musik zu Ende war. Ihre gefährliche Nähe war zwar keinem Anwesenden

erwünscht, weil sie sich frech und allzu vertraulich benahmen, aber

natürlich wollte niemand sie töten, denn der Hindu hält es für Sünde,

irgend ein Geschöpf umzubringen.

Gegen zwei Uhr morgens verließen wir die Festlichkeit. Unterwegs sah

ich noch ein Bild, das sich mir tief ins Gedächtnis eingeprägt hat.

Eine glänzend erleuchtete Vorhalle, zu der mehrere Treppenstufen

emporführten, überall schwarze Gesichter und gespenstische, weiße

Gewänder; in ihrer Mitte eine wahre Riesengestalt, den Turban auf dem

Haupte, mit einem Namen, der zu ihrer Größe paßte: Rao Bahadur Baskirao

Balinkanje Pitale, Vakeel seiner Hoheit des Gaikawar von Baroda. Der

Mann gehörte notwendigerweise zur Vervollständigung des Gemäldes,

aber wenn er Smith hieße, hätte es den ganzen Eindruck verdorben. Auf

beiden Seiten der engen Straße hatte man die Häuser in der bei den

Hindus gebräuchlichen Weise illuminiert. Viele Dutzende von Gläsern

mit brennenden Lichtern waren wenige Zoll von einander auf großen

Lattengestellen befestigt, so daß sie leuchtende Sterne bildeten, deren

Strahlenglanz sich grell von dem schwarzen Hintergrund abhob. Als wir

weiter durch die düstern Gassen fuhren, verschmolzen in der Ferne alle

Sternbilder zu einer einzigen Lichtmasse, die wie eine große Sonne in

der Finsternis glühte.

Dann folgte wieder jene tiefe Stille; Ratten huschten über den Weg,

überall lagen unbewegliche Gestalten auf der Erde und rechts und links

sah man die offenen Buden gleich Särgen, in denen Leichen zu liegen

schienen, welche von flackernden Totenlampen unheimlich beleuchtet

wurden. Seitdem ist ein Jahr vergangen, und wenn ich die Kabeldepeschen

aus Indien lese, meine ich das alles mit eigenen Augen im voraus

gesehen zu haben, wie in einem prophetischen Traum. Die eine Depesche

lautet: »In dem Stadtteil der Eingeborenen stocken die Geschäfte,

die meisten Läden sind geschlossen. Man hört nur Klagelaute und den

Schritt der Leichenträger, alles übrige Leben scheint erstorben.« In

einer andern heißt es: »325000 Bewohner haben die Stadt verlassen, und

verbreiten die Pest über das ganze Land.« Drei Tage später kommt die

Nachricht: »Die Einwohnerschaft ist auf die Hälfte herabgesunken.«

Die Flüchtlinge haben die Epidemie in Karachi eingeschleppt. »220

Krankheitsfälle, 214 Tote.« Tags darauf: »52 neue Fälle, sämtlich mit

tödlichem Verlauf.«

So fürchterliche Verwüstungen wie der ›Schwarze Tod‹ vermag keine

Krankheit anzurichten, es gibt keine, welche ähnliches Grauen und

Entsetzen im Gefolge hat. Wir können uns von dem Schrecken, der in

solcher verpesteten Stadt herrscht, nur eine schwache Vorstellung

machen. Zwar gibt die wilde Flucht einer halben Million Einwohner

Zeugnis von ihrem Seelenzustand, aber wer schildert die Qual und

Todesangst derer, die zurückbleiben müssen und sich rettungslos dem

unaufhaltsam nahenden Verhängnis preisgegeben sehen?

Indien ist einzig in seiner Art und es hat das alleinige Recht auf

verschiedene Spezialitäten von überwältigender Großartigkeit. Wenn

irgend ein Land sonst eine Merkwürdigkeit besitzt, ist sie doch nicht

sein ausschließliches Eigentum; man findet das Gegenstück in einem

andern Lande. Aber Indien hat Wunderdinge erzeugt, die ihm allein

gehören, niemand wagt sein Patentrecht anzutasten, Nachahmungen sind

gänzlich ausgeschlossen. Und dabei welche Größenverhältnisse, welche

Majestät! Wie fremdländisch und unheimlich sind die meisten dieser

Erfindungen.

Von dem Schwarzen Tod haben wir schon gesprochen. Er ist Indiens

eigenstes Werk. In Indien wurde dieser mächtige Fürst der Schrecken

geboren.

Auch den Wagen des Juggernaut hat sich Indien ausgedacht. Desgleichen

die Suttis. Es leben noch Menschen, zu deren Zeit sich achthundert

Witwen in einem Jahre, freiwillig und unter Frohlocken, mit den

Leichen ihrer Ehemänner verbrennen ließen. Noch in diesem Jahre würden

es abermals achthundert tun, wenn die britische Regierung es ihnen

gestattete.

Auch eine Hungersnot wie in Indien gibt es nirgends. Wenn anderswo

Mangel eintritt, ist es ein verhältnismäßig unbedeutendes,

vorübergehendes Ereignis; die indische Hungersnot aber bricht herein

gleich einer verheerenden Flut und tötet Millionen, wo an andern Orten

Hunderte sterben würden.

Indien hat zwei Millionen Götter und betet sie sämtlich an. In

religiöser Beziehung sind alle andern Länder Bettler und Indien der

einzige Millionär.

Alles nimmt dort einen Riesenmaßstab an -- sogar die indische Armut hat

nirgends auf Erden ihresgleichen. Der Reichtum aber verfügt über solche

Schätze, daß man für die größten Summen ganz kurze Wörter erfinden

mußte. Um hunderttausend auszudrücken, sagt man ein _~lakh~_, und ein

_~crore~_ bedeutet zehn Millionen.

Im Innern seiner Granitberge hat Indien, mit namenloser Geduld,

Dutzende von großen Tempeln in den Fels gehauen, sie durch großartige

Säulenhallen und Statuen geschmückt und ihre ewigen Mauern mit stolzen

Gemälden bedeckt. Es hat sich starke Burgen von solchem Umfang

errichtet, daß selbst die großen Musterfestungen der übrigen Welt

dagegen wie Spielzeug aussehen. Seine Paläste sind aus dem erlesensten

Baumaterial und mit so viel Feinheit und Kunstfertigkeit ausgeführt,

daß man sie anstaunt wie Wunderwerke; um eins seiner Grabmäler -- den

Tadsch-Mahal -- zu sehen, reisen die Menschen rund um die Erde. Achtzig

Völker, die achtzig Sprachen reden, bewohnen das Land, ihre Zahl

beläuft sich auf dreihundert Millionen.

Und zu Indiens merkwürdigsten Eigentümlichkeiten gehört noch das

Kastenwesen und das Geheimnis aller Geheimnisse -- die satanische

Genossenschaft der Thugs.

Meine Reise um die Welt. Zweite Abteilung · 第 3 / 16 段