»Ja,« sagte er dann in frommem Ton. »Er sehr gut. Christengott
sehr gut, Hindugott auch sehr gut. Zwei Millionen Hindugott, ein
Christengott. Gehören alle mein, zwei Millionen und ein Gott -- ich
haben sehr viele. Manchmal ich beten zu sie allezeit, gehen jeden Tag
an Altar, geben Geld; gut für mich -- macht mich besserer Mann, gut für
meine Kinder auch, verdammt gut.«
Nun fing er wieder an, allerhand unzusammenhängendes Zeug zu schwatzen,
bis ich unserm Gespräch ein Ende machte und ihm befahl, das Badezimmer
in Ordnung zu bringen und den Boden aufzuwischen -- ich wollte ihn los
sein. Er tat als verstünde er mich, nahm meine Kleider aus dem Schrank
und begann sie zu bürsten. Endlich, nachdem ich ihm meine Wünsche
noch mehrmals in immer einfacheren Worten kundgetan, begriff er was
ich wollte. Er ging hin und holte einen Kuli, um die Arbeit zu tun.
Wenn er sie selbst verrichtete, erklärte er mir, würde er das Gesetz
seiner Kaste übertreten und sich verunreinigen. Er könne sich dann nur
mit großer Not und Schwierigkeit wieder zu Ehren bringen. Dergleichen
Arbeit sei den höheren Kasten streng verboten, sie müßte von den Hindus
der untersten Kaste, den verachteten Sudras getan werden.
Darin hatte Manuel vollkommen recht. Auch haben sich die armen Sudras
anscheinend seit Jahrhunderten in ihr elendes Los ergeben, das sie
sozusagen von Anbeginn der Welt dem Schimpf und der Bedrückung
preisgibt. In den Verordnungen des Manu (900 v. Chr.) steht, daß
wenn sich ein Sudra _nicht auf einen niedrigeren Platz setzt als der
Höhergestellte, er verbannt und gebrandmarkt werden soll_ ... beleidigt
er ein Mitglied der höheren Kaste, _so wird er mit dem Tode bestraft_.
Hört er zu, wenn die heiligen Bücher vorgelesen werden, so soll ihm
_siedendes Oel in die Ohren gegossen werden_; lernt er Stellen davon
auswendig, _so bringt man ihn um_; verheiratet er seine Tochter an
einen Brahminen, _so fährt der Gatte in die Hölle_, weil er sich
durch die Berührung mit einem so unendlich tief unter ihm stehenden
Weibe verunreinigt hat. Auch ist es dem Sudra verboten, _Reichtum zu
erwerben_. »Der Hauptbestandteil der indischen Bevölkerung« (heute
auf 300000000 geschätzt) sagt Bukle »sind die Sudras -- die Arbeiter,
Landbauer und Erzeuger des Wohlstands, und doch hat schon der Name
Sudra eine verächtliche Bedeutung.«
Den armen alten Manuel konnten wir nicht gebrauchen; er mochte wohl
schon zu bejahrt für uns sein. Ueber seine Langsamkeit wollte man
schier verzweifeln und seine Vergeßlichkeit überstieg alle Grenzen. Um
eine Besorgung in der nächsten Straße zu machen, blieb er zwei Stunden
aus und vergaß unterwegs, was er holen sollte. Zum Packen eines Koffers
brauchte er eine Ewigkeit und wenn er schließlich damit zustande
kam, war der Inhalt ein unbeschreibliches Chaos. Auch die Aufwartung
bei Tische besorgte er schlecht, und das ist ein sehr wesentlicher
Mangel, denn wer sich in einem indischen Hotel nicht auf seinen eigenen
Diener verlassen darf, ist übel dran und muß meist hungrig von Tische
aufstehen. Sein Englisch verstanden wir ebensowenig wie er das unsrige,
und als sich herausstellte, daß er selbst nicht verstand was er sagte,
war es hohe Zeit uns von ihm zu trennen. Fortschicken mußte ich ihn,
das ließ sich nicht ändern, aber ich tat es so sanft und freundlich,
wie ich irgend konnte. »Wir müssen scheiden,« sagte ich, »doch hoffe
ich, daß wir uns in einer bessern Welt wiederfinden.« Die kleine
Unwahrheit nahm ich mir nicht übel, sie kostete nichts und ersparte ihm
eine Kränkung.
Sobald er fort war, fiel mir eine Last vom Herzen, ich fühlte frische
Kraft und neuen Mut, meine Unternehmungslust wuchs und ich war bereit
zu allen Taten. Da kam auch schon Manuels neu gemieteter Nachfolger
hereingeflitzt; er berührte seine Stirn, flog hierhin und dorthin auf
sammetweichen Sohlen, brachte in fünf Minuten das ganze Zimmer in die
musterhafteste Ordnung und stand dann ehrerbietig da, weitere Befehle
erwartend. Potztausend, was war das für ein rühriges Kerlchen! Eine
wahre Erquickung nach der schläfrigen alten Schnecke, dem Manuel. Vom
ersten Augenblick an hing mein ganzes Herz voll Liebe und Bewunderung
an dem zweibeinigen, flinken, schwarzen Geschöpfchen, diesem
Inbegriff von Tatkraft, Schnelligkeit und Zuversicht, diesem klugen,
freundlichen, reizenden kleinen Teufel mit den blitzenden Augen. Das
flammendrote Fez mit der feurigen Troddel, das ihm oben auf dem Kopfe
saß und wie eine brennende Kohle glühte, kleidete ihn zum Entzücken.
»Wir werden gut zusammen auskommen,« sagte ich mit innerlichster
Befriedigung. »Wie heißt du?«
Er wickelte seinen Namen der ganzen Länge nach mit geläufiger Zunge ab.
»Warte, laß mich meine Auswahl treffen, zum täglichen Gebrauch -- den
Rest versparen wir uns auf den Sonntag. Sage mir’s noch einmal, aber
abteilungsweise.«
Er tat es; doch war kein kurzer Name darunter, außer Mausa, was mir
nicht passend schien; es erinnerte an Maus und war zu sanft und still
und viel zu unscheinbar für sein prächtiges Wesen.
»Mausa ist kurz genug,« sagte ich nach einiger Ueberlegung, »aber
es gefällt mir nicht; es hat weder Saft noch Kraft und ist nicht
bezeichnend genug -- in solchen Dingen bin ich sehr empfindlich. Was
meinst du, wenn wir dich Satan nennten?«
»Ja Herr -- Satan, sehr guter Name.«
Es klopfte an der Tür; mit einem Sprunge war Satan dort, ein paar
Worte auf Hindustani wurden gewechselt, dann schlüpfte er hinaus. Drei
Minuten später stand er in militärischer Haltung wieder vor mir und
wartete auf meine Anrede.
»Was gibt es, Satan?«
»Gott ist da, wünschen Sie zu sprechen.«
»Wer?«
»Gott. Ich ihn sollen hereinführen?«
»Wie ist denn das möglich? -- ich -- ich weiß wirklich nicht -- so ganz
unvorbereitet -- erkläre mir doch -- ein so ungewöhnlicher Besuch --«
»Hier seine Karte, Herr.«
War es nicht merkwürdig, schrecklich und staunenerregend, daß eine so
hohe Persönlichkeit mich armen Sterblichen besuchen wollte, und mir
wie ein gewöhnlicher Mensch seine Karte hereinschickte -- obendrein
durch Satan? -- Es schien mir ein völlig verwirrendes, undenkbares
Zusammentreffen. Aber wir waren ja in Indien, dem Märchenlande; es gibt
nichts, was dort nicht geschehen könnte!
Die Unterredung fand statt. Satan hatte ganz recht. Mein Besucher war
in den Augen seiner Anhänger wirklich ein Gott und wurde von ihnen
als solcher in aller Demut verehrt und angebetet. An der Göttlichkeit
seines Amtes und Ursprungs zu zweifeln, liegt ihnen ferne. Sie glauben
an ihn, bringen ihm Gaben und Opfer dar und erlangen von ihm Vergebung
ihrer Sünden. Seine Person und alles was diese betrifft, ist ihnen
heilig; sie kaufen sich von dem Barbier die abgeschnittenen Fingernägel
des Gottes, fassen sie in Gold und tragen sie als kostbare Amulette.
Ich versuchte eine ruhige Unterhaltung mit ihm zu führen, aber
ich brachte es nicht zustande. Hättet ihr es tun können? -- Meine
Aufregung, Verwunderung und Neugier waren zu groß; ich verschlang ihn
förmlich mit den Augen. Es war ein Gott, ein wirklicher, anerkannter
und beglaubigter Gott, den ich da vor mir sah; seine Person, sein
Anzug bis in die kleinsten Einzelheiten, hatte ein überwältigendes
Interesse für mich. »Was für ein Unterschied!« dachte ich: »selbst
der höchstgestellte Mensch muß sich am Zoll der Ehrerbietung und
Höflichkeit genügen lassen, den man ihm darbringt, aber _er_ ist der
Empfänger weit köstlicherer Geistesgaben -- vor ihm kniet man, ihn
betet man an! Männer und Frauen legen die Sorgen und Kümmernisse eines
schwerbeladenen Herzens ihm zu Füßen nieder und er verleiht ihnen
Trost und Frieden, so daß sie geheilt von dannen gehen.«
In diesem Augenblick sagte mein erhabener Gast im einfachsten Tone von
der Welt:
»Was mir an der Lebensweisheit Ihres Huckleberry Finn am besten
gefällt, ist --« und dann fuhr er fort, mir sein literarisches Urteil
auf klare und verständige Weise auseinander zu setzen.
O, was für wunderbare Ueberraschungen erlebt man doch in Indien! Ich
gestehe, daß ich nicht ohne Ehrgeiz bin und gehofft hatte, Könige,
Präsidenten und Kaiser würden mich lesen -- aber _so hoch_ hatte ich
mich in meinen Erwartungen nie verstiegen. Wollte ich leugnen, daß mich
das unendlich beglückte, so wäre es falsche Bescheidenheit. Selbst die
größte Anerkennung von seiten eines Menschen hätte mir nicht solche
Freude gemacht, das bekenne ich ganz offen.
Mein Gast blieb über eine halbe Stunde da und war sehr höflich und
liebenswürdig. Die göttliche Würde besteht schon lange in seiner
Familie, seit wann weiß ich nicht. Er ist eine mohammedanische Gottheit
und nimmt auf Erden den Rang eines persischen Prinzen ein, der in
gerader Linie vom Propheten abstammt. Er ist hübsch und noch recht
jung -- für einen Gott -- fünfunddreißig bis vierzig Jahre alt.
Die göttliche Größe trägt er mit Ruhe und Gelassenheit, wie es sich
für seinen erhabenen Beruf ziemt, und dabei sprach er das Englische
geläufig und rein, wie ein geborener Engländer. Ich glaube nicht, daß
ich übertreibe; ich hatte vorher noch nie einen Gott gesehen, und er
machte mir einen sehr günstigen Eindruck. Als er sich erhob um Abschied
zu nehmen, ging die Tür auf, ich sah draußen ein rotes Fez aufleuchten
und hörte die ehrerbietige Frage:
»Soll Satan Gott hinausbegleiten?«
»Ja.« -- Die beiden unzusammengehörigen Wesen verschwanden vor meinen
Blicken, Satan ging voraus und der _Andere_ folgte ihm.
[Illustration]
Viertes Kapitel.
Glück zu ertragen verstehen nur wenige. Ich meine andrer
Leute Glück.
_Querkopf Wilsons Kalender._
Das nächste Bild in meiner Erinnerung ist das Gouverneurshaus auf der
Malabar-Spitze, wo man von den Fenstern und großen Balkons weit ins
Meer hinausblickt. Seine Exzellenz, der Gouverneur der Präsidentschaft
Bombay, wohnt dort ganz nach europäischer Art, in einem Staatspalast,
der zugleich ein behagliches Heim ist; nur die Leibwache und die Diener
sind Eingeborene. Da war England vertreten mit seiner Macht und den
Errungenschaften seiner modernen Zivilisation; überall herrschten
stille Farben und gediegener Geschmack, ruhige Würde und Vornehmheit.
Nun folgte ein Bild altindischer Kultur in der Behausung von Kumar
Shri Samatsinhji Bahadur, dem Fürsten des Palitana-Staats. Bei unserm
Besuch sahen wir auch dessen Sohn und Erben nebst seinem Schwesterchen.
Die hübsche braune kleine Elfe war zart gebaut, sehr ernsthaft, reizend
anzuschauen und gekleidet wie der zierlichste Schmetterling. Sie machte
uns zwar ein freundliches Gesicht, doch zog sie es anfänglich vor,
ihres Vaters Hand nicht loszulassen, um die Fremden erst näher kennen
zu lernen und zu sehen, wie weit man ihnen trauen dürfe. Die niedliche
kleine Märchenprinzessin mochte etwa acht Jahre alt sein; in drei oder
vier Jahren mußte sie also nach indischem Brauch heiraten. Dann war ihr
freies Leben in Luft und Sonnenschein zu Ende und von einem Verkehr
mit männlichen Besuchern durfte nicht mehr die Rede sein. Gleich ihrer
Mutter wird sie sich auf Lebenszeit im Frauengemach einschließen, sich
aus angeerbter Gewohnheit glücklich fühlen und ihre Beschränkung weder
als lästigen Zwang noch als trübselige Gefangenschaft ansehen.
In seinen Mußestunden unterhält sich der Fürst mit einem Spiel --
aber davon will ich lieber nicht reden; ich könnte es doch nicht so
beschreiben, daß man es versteht. Es ist sehr verwickelt, und obgleich
ich mir alle Mühe gab es zu begreifen, gelang es mir doch nicht; man
sagt, daß nur ein Inder das Spiel erlernen kann. Meine Frau und
Tochter besuchten unterdessen die Fürstin im Frauengemach -- eine
liebenswürdige Dame, die fließend Englisch spricht. -- Auch einen
Turban zu winden war ich nicht imstande; es sieht so einfach und leicht
aus, als wäre es gar keine Kunst, das beruht jedoch auf Täuschung. Der
Inder nimmt das eine Ende eines vierzig bis fünfzig Fuß langen und etwa
einen Fuß breiten, dünnen, zarten Gewebes in beide Hände, windet es
sorgfältig fest um den Kopf, wobei er den Stoff mehrmals dreht -- in
ein paar Minuten ist das Kunstwerk regelrecht vollendet und sitzt wie
angegossen.
Wir interessierten uns sehr für die fürstliche Garderobe, die
Edelsteine und das schön geformte, prächtig verzierte Silbergerät.
Letzteres wird bei den Mahlzeiten gebraucht und im übrigen stets
verschlossen gehalten; nur der erste Diener und der Fürst selber
haben Schlüssel zum Silberschrank. Der Zweck dieser Maßregel ist aber
keineswegs den Silberschatz zu hüten, sondern vermutlich den Fürsten
vor einer Verunreinigung zu schützen, welcher seine Kaste ausgesetzt
wäre, wenn Diener aus einer niederen Kaste die Gefäße berührten;
vielleicht fürchtet seine Hoheit auch Gift! Ich glaube ein besoldeter
Vorkoster muß jede Speise versuchen, ehe der Fürst sie genießt. Das ist
eine alte, weise Sitte im Orient, die gar manchen Vorkoster an Stelle
seines Herren ins Jenseits brachte, denn natürlich ist es der Koch, der
das Gift in das Essen tut. Wäre ich ein indischer Fürst, so würde ich
mit dem Koch speisen und die Stelle des Vorkosters eingehen lassen.
Alle Zeremonien flößen mir stets Interesse ein; auch mit dem indischen
Morgengruß ist eine solche verbunden: Der Sohn berührt dabei
ehrfurchtsvoll des Vaters Stirn mit einem kleinen silbernen Röhrchen,
das in Saft getaucht wird, welcher einen roten Punkt zurückläßt;
hierauf segnet der Vater den Sohn. Wenn wir uns damit begnügen, Guten
Morgen zu sagen, so paßt das zwar zu unsern formlosen Gewohnheiten,
aber für den Orient wäre es lange nicht umständlich und feierlich genug.
Beim Schluß unseres angenehmen Besuchs legte man uns noch, wie es
die Sitte verlangt, große gelbe Blumenkränze um den Hals und versah
uns mit Betelnüssen zum Kauen. Dann begaben wir uns aus diesem
farbenprächtigen, sonnigen Leben nach einem Schauplatz ganz anderer
Art, nach den ›Türmen des Schweigens‹, wohin die Parsen ihre Toten
bringen. Der Name hat einen erhabenen eindrucksvollen Klang, über dem
die Stille des Todes schwebt. Wenn wir von Grabhügel, Grabgewölbe,
Gottesacker und Friedhof reden, so haben diese Wörter zwar auch, durch
die sich daran knüpfenden Gedanken, eine feierliche Bedeutung für uns
gewonnen, aber so majestätisch tönen sie doch nicht an unser Ohr.
Auf einer Anhöhe, mitten in einem tropischen Paradies von Blumen und
Laubwerk, fern vom lärmenden Weltgetriebe, standen die ›Türme des
Schweigens‹ da; ringsum breiteten sich große Haine von Kakaopalmen
aus, dann die Stadt in meilenweitem Umkreis, dahinter das von Schiffen
wimmelnde Meer, und über allem schwebte dieselbe lautlose Stille,
welche droben den Platz der Toten umgab. Die Geier hatten sich
eingestellt; sie saßen am Rande des niedrigen festen Turmes in einem
großen Kreise dichtgedrängt, regungslos, wie aus Stein gemeißelt -- und
warteten. Man war fast versucht, sie für leblose Bildwerke zu halten.
Plötzlich traten die Anwesenden -- es mochten etwa zwanzig Personen
zugegen sein -- ehrfurchtsvoll beiseite, und das Gespräch verstummte.
Ein Leichenzug bewegte sich durch das große Gartentor nach dem Turme
hin. Der Tote lag auf einer flachen Bahre mit einem weißen Tuche
bedeckt, sonst aber unbekleidet; zwischen den Leichenträgern und dem
Trauergefolge ließ man einen Abstand von dreißig Fuß. Die paarweise
einherschreitenden Leidtragenden, in weiße Gewänder gehüllt, waren je
zwei und zwei mit Stricken oder Tüchern zusammengebunden -- das heißt,
im bildlichen Sinne -- eigentlich hielt nur jeder ein Ende in der Hand.
Hinter dem Zuge führte man einen Hund an der Leine. Als die Trauernden
unweit des Turmes angelangt waren -- es darf außer den Trägern mit der
Leiche kein Mensch näher kommen als bis auf dreißig Fuß -- kehrten sie
wieder um und begaben sich nach einem kleinen Tempel im Garten, um für
den abgeschiedenen Geist zu beten. Die Träger schlossen indessen die
Tür auf, welche den einzigen Gang zum Turme bildet und verschwanden
drinnen vor unsern Blicken. Nach einer Weile kamen sie wieder heraus,
Bahre und Leichentuch tragend, und verschlossen die Tür. Nun erhoben
sich die Geier im Kreise, schlugen mit den Flügeln und schossen in den
Turm hinunter, um die Leiche zu verzehren. Als der ganze Schwarm wenige
Minuten später wieder davonflog, blieb nur das völlig abgenagte Skelett
zurück.
Der Gedanke, welcher bei einem Parsenbegräbnis allen Bestimmungen zu
Grunde liegt, ist die Reinheit. Nach den Lehren des Zoroaster sind
die Elemente Erde, Feuer und Wasser geheiligt und dürfen nicht durch
Berührung eines Leichnams befleckt werden. Daher kann man die Toten
weder verbrennen noch begraben, auch ist jedem untersagt, eine Leiche
zu berühren oder den Turm zu betreten, in dem sie liegt. Nur den von
Amtswegen dazu bestimmten Männern wird dies gestattet; sie erhalten
hohen Lohn, führen jedoch ein einsames, trübseliges Leben, denn sie
müssen allen Umgang mit andern Genossen meiden, weil sie sich durch
ihren Verkehr mit den Toten verunreinigen; wer sich zu ihnen gesellt,
wird gleichfalls befleckt. Bei ihrer Rückkehr aus dem Turm wechseln
sie ihre Kleider in einem innerhalb der Tore gelegenen, besonders dazu
bestimmten Gebäude. Den Anzug, welchen sie getragen haben, lassen sie
dort zurück, denn er ist unrein und darf nicht mit hinausgenommen, noch
überhaupt wieder benützt werden. Zu jedem Begräbnis kommen die Träger
in neuen Kleidern. Kein menschliches Wesen, außer den angestellten
Leichenträgern, hat je einen ›Turm des Schweigens‹ nach dessen
Einweihung betreten, bis auf einen einzigen Fall. Es ist jetzt gerade
hundert Jahre her, da drang einmal ein Europäer hinter den Trägern ins
Innere des Turmes, um seine rohe Neugier an dem verbotenen Anblick
des geheimnisvollen Ortes zu sättigen. Name und Stand des frechen
Eindringlings sind unbekannt geblieben; da er jedoch für sein schweres
Vergehen keine andere Strafe seitens der Regierung der Ostindischen
Kompagnie erhalten hat, als einen öffentlichen Verweis, so liegt die
Vermutung nahe, daß es ein Europäer aus angesehener Familie war. In
dem amtlichen Schreiben, welches jene feierliche Rüge enthielt, wurde
zugleich jedem, der sich künftig einer ähnlichen Uebertretung schuldig
machte, angekündigt, man werde ihn, falls er im Dienst der Kompagnie
stehe, sofort entlassen; Mitglieder des Kaufmannsstandes dagegen
sollten ihre Handelsberechtigung verlieren und aus Indien verbannt
werden.
Die ›Türme des Schweigens‹ sind im Verhältnis zu ihrem Umfang nicht
hoch. Will man sich einen ungefähren Begriff von ihrer Form machen, so
stelle man sich einen Gasometer vor, der bis zur Hälfte seiner Höhe mit
festen Granitsteinen ausgemauert ist, durch welche man in der Mitte
einen breiten und tiefen Schacht gebohrt hat. Ringsum auf dem Mauerwerk
liegen die Toten in flachen, rinnenartigen Vertiefungen, welche wie
die Speichen eines Rades in schräger Richtung nach dem Brunnen zu
auslaufen und ihm das Regenwasser zuführen, das durch unterirdische
Kanäle mit Kohlenfiltern wieder abgeleitet wird.
Hat das Skelett einen Monat lang, dem Regen und der glühenden Sonne
ausgesetzt, im Turm gelegen, so ist es vollkommen trocken und rein.
Dann kommen dieselben Träger behandschuht wieder, fassen es mit einer
Zange an und werfen es in den Schacht, wo es in Staub zerfällt.
Andere Völker scheiden ihre Toten voneinander und bewahren die
Standesunterschiede noch im Grabe. Sie bestatten die Leichen von
Königen, Staatsmännern, Generälen, in Tempeln und Pantheons, wie es
ihrem Range gebührt, und die Leichen der Armen und gemeinen Leute an
Orten, die ihrem niedern Stande angemessen sind. Die Parsen dagegen
glauben, daß im Tode alle Menschen gleich sind. Zum Zeichen ihrer
Armut trägt man sie nackt in die Grube, zum Zeichen ihrer Gleichheit
wirft man die Gebeine der Reichen, der Armen, der Berühmten und
der Unbekannten zusammen in denselben Brunnenschacht. Bei einem
Parsenbegräbnis sieht man keine Wagen; wer sich daran beteiligt, sei
er reich oder arm, muß zu Fuße gehen, mag die Entfernung auch noch
so groß sein. Seitdem die Parsen vor zweihundert Jahren, durch die
mohammedanischen Eroberer vertrieben, aus Persien nach jener Gegend
Indiens eingewandert sind, hat sich in den fünf vorhandenen ›Türmen des
Schweigens‹ der Staub aller ihrer Männer, Frauen und Kinder vermischt,
die in Bombay und dessen Umgegend gestorben sind.
Was der Hund bei dem Begräbnis bedeutet, weiß niemand mehr recht zu
erklären; er soll bei den alten Parsen ein heiliges Tier gewesen sein,
das die abgeschiedenen Seelen zum Himmel geleitete. Der Hund, den ich
damals sah, machte mir einen tiefen Eindruck, er war ja ein Rätsel,
zu dem der Schlüssel verloren gegangen ist. Traurig und mit gesenktem
Kopf kam er daher, als sei er bemüht, sich das Sinnbild ins Gedächtnis
zurückzurufen, welches vorzustellen man ihn vor grauen Jahren
beauftragt hatte. Das heilige Feuer, das in der Nähe brennt, bekam ich
nicht zu sehen; die ursprüngliche Flamme soll seit zweihundert Jahren
nicht erloschen sein.
Die Parsen behaupten, daß ihre Art der Totenbestattung der wirksamste
Schutz für die Lebenden ist. Weder Krankheitskeime noch Fäulnis, noch
irgend welche Unreinigkeit wird dadurch verbreitet; keine Hülle, kein
Kleidungsstück, das dem Toten angehört hat, darf wieder mit einem
Lebenden in Berührung kommen. Nichts geht von den Türmen des Schweigens
aus, was der Welt draußen Schaden zu bringen vermöchte. Wir können
den Parsen nur recht geben. In gesundheitlicher Beziehung hat ihr
System dieselben Vorzüge wie die Leichenverbrennung. Wir nähern uns
jetzt langsam aber sicher dieser Bestattungsart. Daß sich die Wandlung
rasch vollziehen wird, kann man nicht erwarten, aber wenn sie nur
allmählich und stetig fortschreitet, so genügt das vollständig. Ist die
Leichenverbrennung erst einmal zur allgemeinen Regel geworden, so wird
unser Grauen davor verschwinden; auch die Toten zu begraben würde uns
Schauer erregen, wenn wir uns vergegenwärtigen wollten, was im Grabe
vorgeht.
Die Parsen sind eine merkwürdige Volksgemeinde. In Bombay leben etwa
60000 und halb so viel im übrigen Indien, aber was ihnen an Zahl
abgeht, ersetzen sie durch ihre Bedeutung. Sie sind hochgebildet,
tatkräftig, unternehmend, reich, dem Fortschritt huldigend, und nicht
einmal die Juden zeigen sich so freigebig und wohltätig gegen jedermann
ohne Unterschied. Viele Hospitäler für Menschen und Tiere sind von den
Parsen erbaut und mit reichen Geldmitteln ausgestattet worden. Sie
sowohl als ihre Frauen haben eine stets offene Hand, wo es sich um
irgend einen großen und guten Zweck handelt. In politischer Hinsicht
bilden sie eine Macht, welche der Regierung wesentliche Unterstützung
gewährt. Die Lehren ihrer Religion sind rein und erhaben, sie halten
unverbrüchlich an ihnen fest und richten ihr ganzes Leben danach ein.
Ehe wir den Garten der ›Türme des Schweigens‹ verließen, warfen wir
noch einen Blick auf die wundervolle Aussicht, welche Ebene, Stadt
und Meer uns boten. Das letzte, was mir dabei ins Auge fiel, war ein
natürliches Sinnbild des Todes: auf einem freien Platz im Garten saß
ein Geier auf dem abgesägten Stumpf eines hohen, schlanken Palmbaums.
Er verharrte regungslos in seiner Stellung, wie ein Steinbild auf einer
Säule; dabei hatte er einen förmlichen Grabesblick, der ganz zu der
Stimmung des Ortes paßte.
Fünftes Kapitel.
Es gibt einen alten goldenen Spruch, welcher lautet: »Wohl
dir, wenn du beim Aufstieg zum Hügel des Glücks keinem
Freunde begegnest.«
_Querkopf Wilsons Kalender._