Anmerkungen zur Transkription
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Buches.
Mark Twains
Humoristische Schriften
Neue Folge. 4. Band
Meine
Reise um die Welt
Von
Mark Twain
Autorisiert
Zweite Abteilung
Inhalt:
Indien. -- Südafrika.
[Illustration]
Stuttgart
Verlag von Robert Lutz
1903.
Alle Rechte vorbehalten.
Druck von A. Bonz’ Erben in Stuttgart.
Inhalt der 2. Abteilung.
_Indien._
Kapitel 1--7. Seite 7--103.
Auf der ›Oceana‹ nach Ceylon. -- Colombo. -- Trachten und Kleider.
-- Bombay. -- Ein indisches Hotel. -- Die indische Krähe. --
Lohnverhältnisse. -- Manuel und Satan. -- Der Besuch des Gottes. --
Beim Fürsten des Palitanastaats. -- Die Türme des Schweigens. -- Eine
Dschaina-Gesandtschaft. -- Allerlei Hautfarbe. -- Eine Hindu-Hochzeit.
-- Im Bahnhof und auf der Eisenbahn. -- Beim Gaikowar von Baroda.
Kapitel 8--18. Seite 104--256.
Die Thugs. -- Von Bombay nach Allahabad. -- Die Suttis. -- Major
Sleeman und die indische Witwe. -- ›Pyjamas‹. -- Indische Dörfer.
-- Der geduldige Hindu. -- Die Messe von Allahabad. -- Ein Bungalow
in Benares. -- Indische Religionen. -- Wegweiser für die Pilger in
Benares. -- Das Gangeswasser. -- Der Verbrennungsplatz der Leichen. --
Auf der Moschee. -- Der Gott Sri 108 und sein Schüler. -- Kalkutta und
das Denkmal von Ochterlony. -- Nach Dardschiling im Himalaja. -- Der
Bazar der Tibetaner. -- Eine Talfahrt auf der Draisine. -- Raubtiere
und Schlangen. -- Der indische Aufstand. -- Tadsch Mahal. -- Weitere
Reise durch Indien. -- Satans Entlassung. -- Der Festzug in Jeypore.
_Südafrika._
Kapitel 19--23. Seite 257--330.
Wonne und Erholung auf einer Seefahrt in den Tropen. -- Die Insel
Mauritius. -- Verwüstungen des Cyklone. -- Europäische Kolonien. --
Die Delagoa-Bai. -- Im Hafen von Durban. -- Ein Trappistenkloster.
-- Politische Zustände in Transvaal. -- Die Johannesburger und
Jamesons Einfall. -- Südafrikanische Goldfelder. -- Die Buren. -- Der
Diamantkrater bei Kimberley. -- Große Diamanten. -- Im Bureau der De
Beers-Gesellschaft. -- Cecil Rhodes. -- Kapstadt. -- Rückfahrt nach
England.
Erstes Kapitel.
Vergib und vergiß! Das ist nicht schwer, wenn man’s nur
recht versteht: Wir sollen unbequeme Pflichten vergessen
und uns vergeben, daß wir sie vergessen haben. Bei strenger
Übung und festem Willen gewöhnt man sich leicht daran.
_Querkopf Wilsons Kalender._
_Montag, 23. Dezember 1895._ Von Sydney nach Ceylon in dem P. und O.
Dampfer ›Oceana‹ abgesegelt. Die Mannschaft besteht aus Laskaren, den
ersten, die ich je gesehen habe. Sie tragen weißbaumwollene Unterröcke
und Beinkleider, einen roten Schal als Gürtel; auf dem Kopf einen
Strohhut ohne Krempe; gehen barfuß; Gesichtsfarbe dunkelbraun, Haar
kurz, glatt und schwarz; schöner Schnurrbart, glänzend, seidenweich
und tiefschwarz. Sanfte, gute Gesichter; willige, gehorsame Leute,
auch arbeitstüchtig. Doch sagt man, daß sie in der Stunde der Gefahr
vor Angst völlig den Kopf verlieren. Sie kommen von Bombay und der
benachbarten Küste.
Die ›Oceana‹ ist ein großes, prächtig ausgestattetes Schiff, das
alle Bequemlichkeit bietet; es hat geräumige Promenadendecks, große
Zimmer und eine gut ausgewählte Offiziersbibliothek, was nicht häufig
vorkommt ... Zu den Mahlzeiten wird man durch Hornsignale gerufen, wie
auf Kriegsschiffen; man ist froh das schreckliche Gong einmal los zu
sein ... Wir haben drei große Katzen an Bord, sehr leutselige Bummler,
die sich auf dem ganzen Schiff herumtreiben; die weiße Katze folgt
dem Proviantmeister überallhin wie ein Hund; auch ein Korb mit jungen
Kätzchen ist da. Wenn das Schiff in den Hafen kommt, sei es in England,
Indien oder Australien, so begibt sich der eine Kater ans Land, um zu
sehen, wie es seinen verschiedenen Familien ergeht, und man bekommt
ihn erst wieder zu Gesicht, wenn das Schiff im Begriff ist, die Anker
zu lichten. Woher er das Datum der Abfahrt weiß, kann niemand sagen;
vermutlich kommt er täglich nach dem Hafendamm und sieht sich um; wenn
viel Gepäck an Bord geschafft wird und die Passagiere sich einfinden,
merkt er daran, daß es auch für ihn Zeit ist, wieder das Schiff zu
besteigen. Wenigstens glauben das die Matrosen ...
_Tischgespräche_: Ein Passagier äußerte: »Meinen Sie, echter Mokka
werde in der ganzen Welt verkauft? Denkt gar nicht daran! Sehr wenige
Fremde, außer dem Kaiser von Rußland, bekommen in ihrem ganzen
Leben auch nur eine Bohne davon zu sehen.« Ein anderer Mann sagte:
»Australischer Wein hat in Australien keinen Absatz. Man schickt
ihn nach Frankreich, von wo er als französische Sorte zurückkommt,
dann kaufen ihn die Leute.« -- Ich habe oft behaupten hören, daß der
französische Rotwein, welchen New York trinkt, meist in Kalifornien
gekeltert wird. Auch erinnerte ich mich, was mir Professor S. einmal
über Veuve Cliquot erzählt hat. Er war bei einem großen Weinhändler zu
Besuch, dessen Wohnort nicht weit von jenem berühmten Weinberg lag, und
sein Wirt fragte ihn, ob in Amerika viel Veuve Cliquot getrunken würde.
»O ja,« erwiderte S., »außerordentlich viel.«
»Kann man die Marke leicht bekommen?«
»Ohne alle Schwierigkeit; sämtliche Hotels erster und zweiter Klasse
führen sie.«
»Was bezahlt man dafür?«
»Je nach dem Hotel fünfzehn bis zwanzig Franken die Flasche.«
»Was für ein glückliches Land! Hier an Ort und Stelle kostet sie
mindestens hundert Franken.«
»Nein!«
»Doch!«
»Sie glauben also, daß wir drüben bei uns nicht echten Veuve Cliquot
trinken?«
»Keine Rede. Seit Columbus’ Zeiten ist noch nicht eine einzige Flasche
vom echten Gewächs nach Amerika gekommen. Der Weinberg, welcher es
liefert, ist so klein, daß er nicht allzuviele Flaschen ergibt, und der
Ertrag wird alljährlich einer einzigen Person zugeschickt -- dem Kaiser
von Rußland. Er kauft die ganze Ernte zum voraus, mag sie klein oder
groß sein.«
* * * * *
_4. Januar 1896._ Weihnachten in Melbourne, Neujahr in Adelaide.
Wiedersehen mit den meisten Bekannten in beiden Städten ... Jetzt
liegen wir hier in Westaustralien vor Albany im König Georgs Sund. Es
ist ein ganz vom Land eingeschlossener Hafen oder vielmehr eine Reede
-- anscheinend sehr geräumig, aber kein tiefes Wasser. Ringsum kahle
Felsen und zerklüftete Hügelketten. Die Schiffe kommen jetzt in Menge
an, alles strömt nach der Goldgegend. Die Zeitungen wissen wunderbare
Dinge zu berichten, wie sie immer im Umlauf sind, wenn neue Goldfelder
entdeckt werden. Zum Beispiel: Ein junger Mann hatte eine Parzelle in
Besitz genommen, von der er die Hälfte für fünf Pfund verkaufen wollte;
aber, es fand sich kein Liebhaber. Vierzehn Tage lang harrte er aus,
trotz Hunger und Not, dann stieß er auf eine Goldader und verkaufte die
Grube für 10000 Pfund ... Gegen Sonnenuntergang erhob sich eine frische
Brise, und wir lichteten den Anker. Aus der kleinen tiefen Wasserlache,
auf der wir schwammen, führte ein schmaler, dicht mit Bojen besetzter
Kanal ins Meer hinaus. Ich blieb auf Deck, um zu sehen, wie unser
großes Schiff bei dem starken Wind die Durchfahrt bewerkstelligen
werde. Auf der Kommandobrücke stand der Kapitän, ein wahrer Riese,
neben ihm ein kleiner Lotse in prächtiger Uniform mit Goldschnüren; auf
dem Vorderdeck ein weißer Maat, ein paar Quartiermeister und eine bunte
Menge Laskaren, zur Arbeit gerüstet. Unser Heck war gerade auf den
Eingang des Kanals gerichtet, das Schiff mußte also in der Wasserlache
eine vollständige Schwenkung machen, und das war bei solchem Wind
keine Kleinigkeit. Aber es gelang ganz prächtig mit Hilfe eines
Klüvers. Wir wühlten zwar viel Schlamm auf, kamen aber nicht auf den
Grund und drehten uns in der eigenen Wasserspur um -- anscheinend ein
Ding der Unmöglichkeit. Als wir die Drehung glücklich gemacht hatten
und der Schiffsschnabel nach dem Kanal zu stand, lag die erste Boje
kaum noch hundert Meter vor uns. Es war mir eine Lust gewesen, das
Manöver mit anzusehen; die übrigen Passagiere verzehrten inzwischen ihr
Mittagbrot, meines kam der P. und O. Gesellschaft zugute ... Es zeigen
sich noch mehr Katzen. Smythe sagt, das englische Gesetz befiehlt, auf
der Fahrt Katzen mitzunehmen; er wußte von einem Fall, wo das Schiff
nicht unter Segel gehen durfte, bis man sich ein paar verschafft hatte.
Die Rechnung kam auch gleich mit: »Preis für zwei Katzen -- zwanzig
Schillinge« ... Wir haben einen Geier an Bord mit kahlem rotem Kopf von
seltsamer Form; am Körper hat er hier und da rote Stellen ohne Federn,
seine großen, schwarzen Augen sind von fleischigen, brennendroten
Rändern umgeben. Er sieht wie ein vollkommener Wüstling aus, wie ein
gewissenloser, eigensüchtiger Räuber und Mörder. Und doch bringt der
Vogel nichts Lebendiges um. Weshalb mag ihm die Natur nur eine so
grimmige Außenseite gegeben haben, die gar nicht zu seinem unschuldigen
Geschäft paßt! Er nährt sich nämlich nur von Aas, das ihm um so besser
zusagt, je älter es ist. Trüge er ein schäbiges, schwarzes Federkleid,
so wäre alles in Ordnung; er gliche dann einem Leichenbestatter und
sein Aeußeres würde mit seiner Beschäftigung im Einklang stehen. Der
Geier stammt aus der öffentlichen Menagerie von Adelaide, einer großen
und sehr interessanten Sammlung.
* * * * *
_5. Januar._ Um neun Uhr morgens kamen wir am Kap Leeuwin (Löwin)
vorüber und mußten nun, nach der ganz westlichen Fahrt längs dem
Südrande von Australien, unsere Richtung ändern. Wir fahren in einer
schrägen, nordwestlichen Linie nach Ceylon hinauf. Je höher wir kommen,
um so heißer wird es, aber kühl ist es auch hier nicht gerade.
* * * * *
_13. Januar._ Eine unerträgliche Hitze. Der Aequator kommt immer
näher; die Entfernung beträgt nur noch acht Grad. Da ist Ceylon!
O, wie wunderschön! Welche tropische Pracht, welcher Reichtum
üppigen Laubwerks! Die Hauptstadt Colombo ist ganz orientalisch und
unaussprechlich reizend ...
In unserm vornehmen Schiff kleiden sich die Passagiere zu Mittag
um. Die schönen, buntfarbigen Toiletten der Damen passen ganz zu der
hochfeinen Ausstattung aller Räume und dem strahlenden Glanz der
elektrischen Beleuchtung. Auf dem stürmischen Atlantischen Ozean sieht
man die Passagiere nie im Gesellschaftsanzug. Höchstens einen Mann,
der sich aber nur einmal während der langen Reise blicken läßt -- am
Abend ehe das Schiff in den Hafen kommt, wenn das Konzert stattfindet
mit Dilettanten-Geheul und Deklamationen. Er übernimmt meist die
Tenorpartie ... Sonderbarerweise ist an Bord viel Cricket gespielt
worden; das Promenadendeck wurde mit Netzen überspannt, so daß der Ball
nicht ins Wasser fallen konnte. Das Spiel nahm einen guten Fortgang und
gewährte die nötige An- und Aufregung ... Jetzt sagen wir der ›Oceana‹
Lebewohl.
* * * * *
_14. Januar._ Hotel Bristol. Der Diener Namens Brampy ist ein flinker,
sanfter, lachender, brauner Singhalese mit schönem, glänzend schwarzem
Haar. Er trägt es wie ein Mädchen zurückgekämmt, in einen Knoten
geschlungen und mit dem Schildpattkamm aufgesteckt. Brampy ist schlank
und hübsch von Gestalt. Unter der Jacke hat er ein weißes, baumwollenes
Gewand an, das ihm ohne Gürtel vom Hals bis zu den Füßen herabfällt.
Weder er noch sein Anzug hat irgend etwas Männliches; es ist eine
ordentliche Verlegenheit sich vor ihm auszukleiden.
Wir fuhren nach dem Markt und benutzten zum erstenmal den japanischen
Jinrickscha, einen leichten Karren, den ein Eingeborener zieht.
Anfänglich geht die Fahrt gut von statten, aber für den Mann ist es
eine sauere Arbeit, er ist nicht stark genug. Nach der ersten halben
Stunde hört das Vergnügen auf, der Mann tut einem leid; man hat Mitleid
mit ihm, wie mit einem müden Pferde und kann an nichts anderes mehr
denken. Solche Rickschas sind in Menge vorhanden, und die Taxe ist
unglaublich billig.
Vor Jahren war ich in Kairo; da ist man im Orient -- aber doch nicht
ganz, weil man eine unbestimmte Empfindung hat, daß noch etwas mangelt.
In Ceylon ist das anders, dort fehlt nichts mehr. Der Orient und die
Tropenwelt finden sich da in größter Vollkommenheit vereinigt und unser
natürliches Gefühl sagt uns, daß diese zwei zusammen gehören. Nein, man
vermißte gar nichts. Alle Kostüme waren echt, desgleichen die schwarzen
und braunen Menschen in ihrer unbewußten Nacktheit. Die Gaukler waren
da, mit dem unvermeidlichen Korb, den Schlangen, der Manguste und
allen Vorkehrungen, um aus dem Samenkorn einen Baum mit Laubwerk und
reifen Früchten emporwachsen zu lassen. Ueberall sah man Blumen und
Pflanzen, die man zwar aus Abbildungen kannte, aber in Wirklichkeit
nie erblickt hatte, weil diese seltenen, wunderbaren und köstlichen
Gewächse nur in der heißen Zone, am Aequator, gedeihen. Auch wußte man,
daß in der nächsten Umgegend die tödlichen Giftschlangen und grimmigen
Raubtiere hausen, samt den Affen und wilden Elefanten. In der Luft lag
eine Schwüle, wie sie nur in den Tropen vorkommt, eine erstickende
Hitze, von unbekannten Blumendüften geschwängert; dann verbreitete
sich plötzlich eine purpurne Finsternis, aus welcher grelle Blitze
zuckten; der Donner krachte, der Regen goß in Strömen -- gleich darauf
lachte wieder alles im Sonnenschein. Und weit ab, im undurchdringlichen
Dschungel und dem fernen Gebirge lagen die verfallenen Städte und alten
Tempelruinen als geheimnisvolle Ueberbleibsel von der Herrlichkeit
vergessener Tage und einer verschwundenen Menschenrasse. Auch dies
Bewußtsein war unentbehrlich, wenn es einem wirklich orientalisch zu
Mute werden sollte, denn dabei darf vor allem der Eindruck des Düstern,
Rätselhaften und Altertümlichen nicht fehlen.
Die Fahrt durch die Stadt und am Seestrande entlang war wie ein
Traumbild von tropischem Glanz, Blütenpracht und orientalischem
Farbenreichtum. Die zu Fuß einherwandelnden Gruppen von Männern,
Frauen, Knaben, Mädchen und kleinen Kindern glühten wie Feuerflammen
in ihrer strahlenden Gewandung. Alle Farben des Regenbogens und
leuchtender Blitze mischten sich hier aufs wunderbarste und
verschmolzen zur wohltuendsten Harmonie. Nirgends fühlte sich das Auge
verletzt durch zu grelle Töne, keine Farbe stach unangenehm von der
andern ab; auch wenn verschiedene Gruppen in Berührung kamen, wurde
die wunderbare Farbenwirkung nicht im mindesten gestört. Die Kleider
waren aus dünnem, zartem, sich weich anschmiegendem Seidenstoff, meist
in ganz bestimmten, satten Farben: ein prächtiges Grün, ein prächtiges
Blau, ein prächtiges Gelb, ein prächtiges Lila, ein prächtiges Rubinrot
von leuchtendem Glanz -- so zogen sie in zahllosem Gewimmel, in Massen,
scharenweise vorüber, glühend, blitzend, strahlend -- dazwischen alle
Augenblicke ein so blendendes Feuerrot, daß einem das Herz im Leibe
lachte und man den Atem anhielt vor Staunen. Und wie anmutig waren
diese Trachten! Oft bestand der ganze Anzug einer Frau nur in der
Schärpe, die sie um den Kopf und Leib gewunden hatte, oder der Mann
hatte einen Turban auf und ein paar Lappen nachlässig um die Hüften
geschwungen. Bei beiden kam die dunkle glänzende Haut dazwischen
ungehindert zum Vorschein, und immer erfreute der Anblick der Gestalten
Auge und Herz.
Noch heutigen Tages sehe ich dies köstliche Panorama in seiner
überschwenglichen Farbenfülle und dem Schmelz der bunten Schattierungen
vor mir; die geschmeidigen, halb unbekleideten Gestalten, die schönen
braunen Gesichter, die anmutigen Stellungen und freien, zwanglosen
Bewegungen, bei denen von Förmlichkeit und Steifheit keine Rede war.
Aber ach, da kam ein schriller Mißklang in diesen paradiesischen
Zaubertraum: Aus der Tür einer Missionsschule schritten paarweise
sechzehn kleine, fromme, gesetzte, schwarze Christenmädchen in
europäischem Anzug. Ganz so ausstaffiert hätte man sie an einem
Sommersonntag in jedem englischen oder amerikanischen Dorfe sehen
können. Wie namenlos häßlich waren diese Kleider! Abscheulich,
barbarisch, geschmacklos, unanmutig, alle Gefühle verletzend! Ich
blickte auf die Kleider meiner Damen: sie glichen in vergrößertem
Maßstab genau den greulichen Verunstaltungen, mit denen man jene
armen, kleinen, mißhandelten Geschöpfe quälte -- ich schämte mich, mit
Frau und Tochter auf der Straße zu gehen. Nun sah ich meine eigene
Kleidung an und schämte mich vor mir selber.
Aber was hilft es -- wir müssen uns darein ergeben unsere Kleider zu
tragen wie sie sind und können ihre Daseinsberechtigung nicht leugnen.
Freilich dienen sie dazu, gerade das auszuposaunen, was wir verbergen
möchten -- unsere Unaufrichtigkeit und versteckte Eitelkeit. Wir
heucheln für Anmut, Wohlgestalt und Farbenglanz eine Geringschätzung,
die wir nicht haben, und ziehen die häßlichen Kleider an, um diese
Lüge glaubhaft zu machen und weiter zu verbreiten. Doch täuschen
wir damit unsere Nächsten nicht, und wenn wir nach Ceylon kommen,
werden wir alsbald inne, daß wir uns nicht einmal selbst zu täuschen
vermögen. Ja, gestehen wir es nur: wir lieben leuchtende Farben
und anmutige Trachten, und wenn wir sie zu Hause bei einem Festzug
sehen können, achten wir weder Regen noch Sturm und beneiden die
geschmückten Teilnehmer. Wir gehen ins Theater, staunen die Kostüme
an und sind betrübt, daß wir uns nicht auch so kleiden können. Beehrt
uns der König mit einer Einladung zum Hofball, so betrachten wir
die prächtigen Uniformen und strahlenden Ordenszeichen mit wahrem
Hochgenuß. Wird uns gestattet, einer kaiserlichen Cour beizuwohnen,
so schließen wir uns vorher zu Hause ein, stolzieren stundenlang in
unserm schönen Gala-Anzug einher, bewundern uns im Spiegel und fühlen
uns unaussprechlich glücklich. Auch jeder Beamte im Stabe jedes
Gouverneurs im demokratischen Amerika macht es ebenso mit seiner
neuen Staatsuniform, und wenn man nicht aufpaßt, um ihn rechtzeitig
zu hindern, läßt er sich gewiß auch darin photographieren. So oft ich
die Diener des Lord-Mayors sehe, fühle ich mich unzufrieden mit meinem
Lose. Kurz und gut: unsere Kleider sind seit hundert Jahren nichts als
Lug und Trug gewesen. Sie sind ebenso unwahr wie unschön und vollkommen
geeignet unser inneres Scheinwesen und moralisches Verderben ins rechte
Licht zu stellen.
Der kleine braune Junge, den ich zuletzt unter den sich drängenden
Scharen von Colombo bemerkte, hatte nichts an, außer einem um die
Hüften geschlungenen Bindfaden, aber in meiner Erinnerung bildet der
ehrliche Mangel seiner Bekleidung einen wohltuenden Gegensatz zu der
widerwärtig scheinheiligen Vermummung, in welche man die farbigen
Dämchen aus der Sonntagsschule gesteckt hatte.
Zweites Kapitel.
Im Wohlstand kann man an seinen Grundsätzen am besten
festhalten.
_Querkopf Wilsons Kalender._
_14. Januar abends._ -- Die ›Rosetta‹, mit der wir absegeln, ist ein
schlechtes altes Schiff, das man versichern und untergehen lassen
sollte. Auch hier, wie auf der ›Oceana‹, hält man die Mittagstoilette
für eine Art frommer Pflicht. Aber dergleichen vornehme Formen stehen
in grellem Gegensatz zu der Aermlichkeit der schäbigen Ausstattung des
Fahrzeugs ... Wenn man zum Nachmittagstee eine Limonenscheibe haben
möchte, muß man erst am Schenktisch eine Anweisung unterzeichnen. Und
dabei kostet das Faß Limonen vierzehn Cents.
* * * * *
_18. Januar._ Nachdem wir das Arabische Meer durchschifft haben, sind
wir jetzt dicht an Bombay, das wir noch heute abend erreichen sollen.
* * * * *
_20. Januar._ Bombay! -- wie ein Märchen aus ›Tausend und eine Nacht‹,
entzückend, verwirrend, bezaubernd! Es ist eine ungeheure Stadt, mit
etwa einer Million Einwohnern, meist braune Leute; die wenigen Weißen,
die man zerstreut unter der Masse der Bevölkerung findet, kommen gegen
alle die dunkeln Gesichter kaum in Betracht. Hier ist es Winter: ein
himmlisches Juniwetter und frisches, köstliches Sommerlaub. Im Schatten
der großen prächtigen Baumreihe dem Hotel gegenüber sitzen malerische
Gruppen von Eingeborenen beiderlei Geschlechts; der Gaukler im Turban
mit den Schlangen und Zauberkünsten ist natürlich dabei. Den ganzen
Tag sieht man die verschiedenartigsten Trachten zu Fuß und zu Wagen
vorüberziehen; es ist, als könnte man nie müde werden, diese endlosen
Wandelbilder, dies glänzende und stets wechselnde Schauspiel zu
betrachten ... Die fest eingekeilte Masse der Eingeborenen im großen
Bazar bot einen wunderbaren Anblick; es war ein Meer von buntfarbigen
Turbans und faltigen Gewändern, zu dem die fremdartigen, prunkvollen
indischen Bauwerke gerade den richtigen Hintergrund bildeten. Bei
Sonnenuntergang folgte ein anderes Schauspiel: eine Fahrt am Seestrande
bis zur Malabar-Spitze, wo Lord Sandhurst, der Gouverneur der
Präsidentschaft Bombay, wohnt. Auf der ersten Hälfte des Weges, den
alle Welt fährt, steht ein schöner Parsenpalast neben dem andern. Die
Privatequipagen der reichen Engländer und vornehmen Eingeborenen haben
außer dem Kutscher noch drei Bediente in wundervollen orientalischen
Livreen. Zwei davon, prächtig anzuschauen, stehen als beturbante
Statuen hintenauf. Manchmal nehmen die öffentlichen Fuhrwerke
dergleichen überschüssige Diener mit: einen zum Fahren, einen um neben
dem Kutscher zu sitzen und ihm zuzusehen, und einen, der hinten auf
dem Tritt steht und schreit, wenn jemand im Wege ist; wenn niemand da
ist, schreit er auch, um nicht aus der Uebung zu kommen. Das alles
bringt Leben und Bewegung mit und erhöht den Gesamteindruck von Hast,
Schnelligkeit und Verwirrung.
In der Nähe der ›Läster-Spitze‹ -- ein sehr bezeichnender Name -- sind
Felsen, auf denen man bequem sitzen kann, um nach der einen Seite
hin den herrlichen Blick auf das Meer zu genießen und auf der andern
die Menge der schön geschmückten Wagen bei der Hin- oder Rückfahrt
vorbeirasseln und -jagen zu sehen; dort haben die Frauen wohlhabender
Parsen in Gruppen Platz genommen, wahre Blumenbeete voll Farbenglanz,
ein unwiderstehlich fesselndes Bild. Trab, trab, trab, kommt es die
Straße entlang, einzeln, zu zweien, in Gruppen und Abteilungen --
das sind Arbeiterscharen, Männer und Frauen, aber nicht gekleidet
wie bei uns. Der Mann, meist eine große, stolze Athletengestalt, hat
außer seinem Lendentuch nicht einen Fetzen an, seine Gesichtsfarbe ist
dunkelbraun, auf der glatten Haut, die wie Atlas glänzt, treten die
Muskeln in Wülsten hervor, als ob Eier darunter lägen. Die Frau ist
gewöhnlich schlank und wohlgebildet, kerzengerade wie ein Blitzableiter
und trägt nur _ein_ Kleidungsstück -- einen langen, hellfarbigen
Stoffstreifen, den sie um Kopf und Leib windet, fast bis zu den Knieen
herunter, und der sich so fest wie ihre eigene Haut an den Körper
schmiegt. Füße und Beine sind nackt, desgleichen die Arme, bis auf
die Gehänge von losen, verschlungenen Silberringen an den Armen und
Fußgelenken. Auch in der Nase trägt sie Schmuck und glänzende Ringe an
den Fußzehen. Beim Schlafengehen wird sie ihr Geschmeide wohl ablegen;
mehr kann sie nicht ausziehen, sonst würde sie sich erkälten. Man sieht
sie meist mit einem großen, schön geformten Wasserkrug von blankem
Metall, den sie mit erhobenem Arm auf dem Kopfe festhält. Aufrecht,
würdevoll und doch mit leichtem, anmutigem Gang kommt sie daher;
ihr gebogener Arm und der blanke Krug erhöhen noch die malerische
Wirkung und machen sie zu einer wahren Zierde für die Straße. Unsere
Arbeiterfrauen können es ihr darin auch nicht entfernt gleichtun.
Farben, wohin man blickt, entzückende, bezaubernde Farben, rings umher
und längs der gewundenen Straße an der großen, bunt schillernden Bucht,
bis man das Haus des Gouverneurs erreicht. Dort stehen, den Turban auf
dem Kopf, die großen Chuprassies, die eingeborenen Diener in ihren
feuerroten Gewändern an der Eingangspforte gruppiert und bilden den
theatralischen Schluß des prächtigen Schauspiels. O, wäre ich doch ein
Chuprassy!
Ja, das ist Indien! Das Land der Romantik und der Träume, wo
fabelhafter Reichtum und fabelhafte Armut wohnt, das Land der Pracht
und Herrlichkeit, der Lumpen, der Paläste und elenden Hütten, der Pest
und Hungersnot, der Schutzgeister und Riesen, wo Aladdins Lampe, Tiger,
Elefanten, die Kobra, der Dschungel zu finden sind, wo hunderterlei
Völker in hunderterlei Sprachen reden, das tausend Religionen und zwei
Millionen Götter hat. Indien ist die Wiege des Menschengeschlechts,
der Geburtsort der menschlichen Sprache, die Mutter der Geschichte,
die Großmutter der Sage, die Urgroßmutter der Ueberlieferung; was
für andere Völker graues Altertum ist, zählt zu Indiens jüngster
Vergangenheit. Es ist das einzige Land unter der Sonne, das für den
Fürsten und den Bettler, den Gebildeten und den Unwissenden, den Weisen
und den Toren, den Sklaven und den Freien den gleichen, unzerstörbaren
Reiz hat. Alle Menschen möchten es sehen, und wer es einmal auch nur
flüchtig geschaut hat, würde die Wonne dieses Anblicks nicht für alles
Schaugepränge eintauschen, das der gesamte übrige Erdball zu bieten
vermag.
Selbst jetzt, nach Ablauf eines Jahres, ist mir die sinnverwirrende
Freude jener Tage in Bombay noch vollkommen gegenwärtig, und ich hoffe,
sie wird mich nie verlassen. Es war alles ganz neu und ungewohnt; auch
warteten die Ueberraschungen nicht erst bis zum nächsten Morgen, sie
waren da, sobald wir das Hotel betraten. In den Hallen und Vorsälen
wimmelte es von braunen Eingeborenen mit Turban, Fez oder gestickter
Mütze, die in baumwollenem Gewand barfuß durcheinander liefen oder
ruhig auf dem Boden saßen und hockten. Einige schwatzten mit großem
Nachdruck, andere saßen still und träumerisch da; im Speisezimmer stand
hinter dem Stuhl jedes Gastes sein farbiger Aufwärter, angekleidet wie
in einem Märchen aus ›Tausend und eine Nacht‹.
Unsere Zimmer waren nach vorn hinaus in einem oberen Stock. Ein
Weißer -- es war ein handfester Deutscher -- führte uns hinauf und
nahm drei Hindus mit, um alles in Ordnung zu bringen. Etwa vierzehn
andere folgten in langem Zuge mit dem Handgepäck; jeder trug nicht mehr
als ein Stück, was es auch sein mochte. Ein starker Eingeborener trug
meinen Ueberzieher, ein anderer einen Sonnenschirm, der dritte eine
Schachtel Zigarren, der vierte einen Roman, und der letzte kam nur
noch mit einem Fächer beladen daher. Sie taten das alles mit großem
Ernst und Eifer; von vorn bis hinten war in dem ganzen Zuge auf keinem
Gesicht ein Lächeln zu sehen. Jeder einzelne wartete, ruhig, geduldig
und ohne die geringste Eile zu verraten, bis er ein Kupferstück
erhielt, dann verneigte er sich ehrfurchtsvoll, legte die Finger an die
Stirn und ging seiner Wege. Diese Leute scheinen sanften und milden
Gemüts zu sein; es lag etwas Rührendes in ihrem Verhalten, das zugleich
für sie einnahm.
Eine große Glastür führte zum Balkon hinaus. Sie sollte geputzt oder
verriegelt werden -- was weiß ich -- und ein Hindu kniete auf dem
Boden, um die Arbeit zu tun. Anscheinend machte er seine Sache ganz
ordentlich, aber das mußte wohl nicht der Fall sein, denn die Miene des
Deutschen verriet Unzufriedenheit, und ohne ein Wort der Erklärung
schlug er den Hindu plötzlich derb ins Gesicht und sagte ihm dann erst,
was er falsch gemacht hatte. Der Diener nahm die Züchtigung demütig
und schweigend hin; auch zeigte weder sein Gesichtsausdruck noch
sein Wesen überhaupt den geringsten Groll. Mir schien es eine wahre
Schande, so etwas in unserer Gegenwart zu tun; seit fünfzig Jahren
hatte ich solchen Auftritt nicht erlebt. Urplötzlich fühlte ich mich
in meine Knabenzeit zurückversetzt und mir fiel ein, daß dies ja die
gewöhnliche Art sei, wie man einem Sklaven seine Wünsche begreiflich
machte -- eine Tatsache, die mir ganz entfallen war. Damals hatte ich
diese Methode richtig und natürlich gefunden, denn ich war von klein
auf daran gewöhnt und glaubte, man mache das nirgends anders; aber ich
erinnere mich recht gut, daß mir bei solchen stumm ertragenen Schlägen
der Empfänger stets leid tat und ich mich für den Strafenden schämte.
Mein Vater war ein edler, gütiger Mann, sehr ernst und enthaltsam, von
strengster Gerechtigkeit und Redlichkeit, ein rechtschaffener Charakter
durch und durch. Zwar war er nicht Mitglied irgend einer Kirche, sprach
auch nie von religiösen Dingen und nahm an den frommen Freuden seiner
presbyterianischen Familie keinen Anteil, doch schien er das nicht als
Entbehrung zu empfinden. Er hat mich, so lange er lebte, nur zweimal
körperlich gezüchtigt und gar nicht hart. Einmal, weil ich ihn belogen
hatte -- was mich höchlich überraschte und mir sein gutes Zutrauen
bewies, denn es war keineswegs mein erster Versuch gewesen. Mich schlug
er, wie gesagt, nur zweimal und seine anderen Kinder gar nicht; aber
unsern kleinen gutmütigen Sklaven Lewis ohrfeigte er häufig für die
geringfügigste Ungeschicklichkeit oder ein kleines Versehen. Mein Vater
hatte von Geburt an unter Sklaven gelebt, und wenn er sie schlug, so
tat er das nach damaliger Sitte, gegen seine Natur. -- Als ich zehn
Jahre alt war, sah ich einmal, wie ein Mann einem Sklaven im Zorn ein
Stück Eisenerz an den Kopf warf, weil er etwas ungeschickt gemacht
hatte -- als ob das ein Verbrechen wäre. Es sprang von seinem Schädel
ab, und der Mensch fiel hin, ohne einen Laut von sich zu geben. Nach
einer Stunde war er tot. -- Ich wußte wohl, daß der Herr das Recht
hatte, seinen Sklaven zu töten, wenn er wollte, aber doch kam es mir
erbärmlich vor und eigentlich unstatthaft, wiewohl ich nicht gescheit
genug gewesen wäre, um zu erklären, was unrecht daran sei, wenn man
mich gefragt hätte. Niemand in unserm Dorf billigte jene Mordtat, aber
es war natürlich nicht viel davon die Rede.
Merkwürdig, wie der Gedanke Raum und Zeit überspringen kann! Eine
Sekunde lang war mein ganzes Ich in dem kleinen Dorf von Missouri
auf der andern Halbkugel der Erde; jene vergessenen Bilder von vor
fünfzig Jahren standen mir lebendig vor Augen, und alles übrige versank
gänzlich vor meinem Bewußtsein. In der nächsten Sekunde war ich schon
wieder in Bombay, während die Backe des knieenden Dieners noch von der
Ohrfeige brannte. Bis zur Knabenzeit -- fünfzig Jahre -- zurück ins
Alter -- abermals fünfzig, und ein Flug um den ganzen Erdball -- alles
in einem Zeitraum von zwei Sekunden!
Verschiedene Eingeborene -- ich weiß nicht mehr wie viele -- begaben
sich nun in mein Schlafzimmer, brachten alles in Ordnung und
befestigten das Moskitonetz. Dann legte ich mich zu Bett, um meine
Erkältung rascher los zu werden. Es war etwa neun Uhr abends und an
Ruhe gar nicht zu denken. Drei Stunden lang dauerte das Geschrei und
Gekreisch der Eingeborenen in der Vorhalle noch ununterbrochen fort,
auch das sammetweiche Getrappel ihrer behenden, nackten Füße hörte
nicht auf. Nein, dieser Lärm! Alle Bestellungen und Botschaften wurden
drei Treppen hinunter geschrieen; es klang wie Aufruhr, Meuterei,
Revolution. Auch noch andere Geräusche kamen hinzu: von Zeit zu Zeit
ein furchtbarer Krach, als ob Dächer einfielen, Fenster zerbrächen,
Leute ermordet würden. Dann hörte man die Krähen krächzen, hohnlachen,
fluchen; Kanarienvögel kreischten, Affen schimpften, Papageien
plapperten, zuletzt erscholl wieder ein teuflisches Gelächter, gefolgt
von Dynamitexplosionen. Bis Mitternacht hatte ich alle nur erdenklichen
Schreckschüsse über mich ergehen lassen und wußte nun, daß mich nichts
mehr überraschen und stören konnte -- ich war auf alles gefaßt. Da trat
plötzlich Ruhe ein -- eine tiefe, feierliche Stille, die bis fünf Uhr
morgens dauerte.
Dann ging der Spektakel aber von neuem los. Und wer hat ihn angefangen?
Die indische Krähe, dieser Vogel aller Vögel. Mit der Zeit lernte ich
ihn näher kennen und war dann ganz in ihn vernarrt. Ich glaube, er ist
der durchtriebenste Spitzbube, der Federn trägt und dabei so lustig
und selbstzufrieden wie kein anderer. Ein solcher Vogel konnte nicht
mit einemmal zu dem geschaffen werden, was er ist: unvordenkliche
Zeitalter haben an seiner Entwicklung gearbeitet. Er ist öfter
wiedergeboren als der Gott Schiwa und hat bei jeder Seelenwanderung
etwas zurückbehalten und es seinem Wesen einverleibt. Im Verlauf seines
stufenweisen Fortschritts, seines glorreichen Vorwärtsschreitens zu
schließlicher Vollendung, ist er ein Spieler gewesen, ein zuchtloser
Priester, ein Komödiant, ein zänkisches Weib, ein Schuft, ein Spötter,
ein Lügner, ein Dieb, ein Spion, ein Angeber, ein käuflicher Politiker,
ein Schwindler, ein berufsmäßiger Heuchler, ein bezahlter Patriot, auch
Reformator, Vorleser, Anwalt, Verschwörer, Rebell, Royalist, Demokrat;
er hat sich überall eingemischt, sich unehrerbietig und zudringlich
benommen, hat ein gottloses, sündhaftes Leben geführt, bloß weil es ihm
das größte Gaudium machte. Und das Ergebnis der stetigen Ansammlung
aller verwerflichsten Eigenschaften ist merkwürdigerweise, daß er
weder Sorge, noch Kummer, noch Reue kennt; sein Leben ist eine einzige
Kette von Wonne und Glückseligkeit, und er wird seiner Todesstunde
ruhig entgegengehen, da er weiß, daß er vielleicht als Schriftsteller
oder dergleichen wiedergeboren wird, um sich dann womöglich als noch
größerer Schwerenöter behaglicher zu fühlen denn je zuvor.
Wenn die Krähe mit großen Schritten breitbeinig einherkommt, dann
seitlich ein paar kräftige Hopser macht, eine unverschämte, pfiffige
Miene aufsetzt und den Kopf schlau auf die Seite legt, erinnert sie an
die amerikanische Amsel. Doch ist sie viel größer und lange nicht so
schlank und wohlgebaut; auch ihr schäbiger grau und schwarzer Rock hat
natürlich nicht den herrlichen Metallglanz, in dem das Federkleid der
Amsel prangt. Die Krähe ist ein Vogel, der nicht schweigen kann; er
zankt, schwatzt, lacht, schnarrt, spottet und schimpft beständig. Seine
Ansicht äußert er über alles, auch wenn es ihn gar nichts angeht, mit
größter Heftigkeit und Rücksichtslosigkeit. Er nimmt sich nicht erst
Zeit nachzudenken, weil er keine Gelegenheit vorbeigehen lassen will,
ohne seine Meinung zum Besten zu geben, selbst wenn es sich gerade um
etwas ganz anderes handelt.
Ich glaube, die indische Krähe hat keinen Feind unter den Menschen. Sie
wird weder von Weißen noch Mohammedanern belästigt, und der Hindu tötet
schon aus religiösen Rücksichten überhaupt kein Geschöpf; er schont das
Leben der Schlangen, Tiger, Flöhe und Ratten. Wenn ich an einem Ende
auf dem Balkon saß, pflegten sich die Krähen auf dem Gitter am andern
Ende zu versammeln und ihre Bemerkungen über mich zu machen; nach und
nach flogen sie näher herzu, bis ich sie fast mit der Hand erreichen
konnte. Da saßen sie und unterhielten sich ohne Scham und Scheu über
meine Kleider, mein Haar, meine Gesichtsfarbe und vermutlich auch über
meinen Charakter, Beruf und politischen Standpunkt, und wie ich nach
Indien gekommen sei, was ich schon alles getan hätte, wie viele Tage
mir zur Verfügung ständen, warum ich noch nicht an den Galgen gekommen
wäre, ob es mir noch lange glücken würde, dem Strick zu entgehen, ob
es da, wo ich herkäme, noch mehr Leute meines Schlages gäbe, und so
immer fort, bis ich es vor Verlegenheit nicht länger aushalten konnte
und sie wegscheuchte. Darauf kreisten sie eine Weile in der Luft, unter
Geschrei, Gespött und Hohngelächter, kamen dann wieder auf das Gitter
geflogen und fingen die ganze Geschichte noch einmal von vorne an.
In wahrhaft überlästiger Weise zeigten sie aber ihre gesellige Neigung,
wenn es etwas zu essen gab. Ohne daß man ihnen erst zuzureden brauchte,
kamen sie auf den Tisch geflogen und halfen mir mein Frühstück
verzehren. Als ich einmal ins Nebenzimmer ging und sie allein ließ,
schleppten sie alles fort, was sie nur tragen konnten, und obendrein
lauter für sie ganz nutzlose Dinge. Man macht sich keinen Begriff
davon, in welcher Unzahl sie in Indien vorkommen, und der Lärm, den sie
verursachen, ist nicht zu beschreiben. Ich glaube, sie kosten dem Land
mehr als die Regierung, und das ist keine Kleinigkeit. Doch leisten sie
auch etwas dafür, und zwar durch ihre bloße Gegenwart. Wenn man ihre
lustige Stimme nicht mehr zu hören bekäme, so würde die ganze Gegend
einen trübseligen Anstrich erhalten.
Drittes Kapitel.
Durch Übung lernt man leicht Unglück ertragen -- das
Unglück anderer Leute, meine ich.
_Querkopf Wilsons Kalender._
In unsicherm Glanz, wie das Mondlicht am Rande des Horizonts
erscheint, so tauchten die alten Träume von Indiens Herrlichkeit
allmählich wieder in meinem Bewußtsein auf. Das Bild, das mir in den
Knabenjahren lebendig vor der Seele gestanden hatte, als ich noch in
den Märchen des Orients schwelgte, erwachte wieder mit tausend längst
vergessenen Einzelheiten. Zum Beispiel, die barbarische Pracht und die
großartigen, volltönenden Fürstentitel, bei denen einem das Wasser im
Munde zusammenläuft: Nizam von Hyderabad, Maharadscha von Travancore,
Nabob von Jubbelpore, Begum von Bhopal, Nawab von Mysore, Raja von
Gulnare, Abkoond von Swat, Rao von Rohilkund, Gaikawar von Baroda.
Namen wachsen überhaupt dort im Lande wie Pilze. Der große Gott Wischnu
hat ihrer hundertundacht ganz besonders heilige -- sozusagen nur zum
Feiertagsgebrauch. Ich habe die hundertundacht Namen Wischnus einmal
alle auswendig gelernt, aber ich konnte sie nicht behalten und weiß
jetzt keinen einzigen mehr davon.
Romantische Begebenheiten knüpfen sich noch heutigen Tages an die
Namen jener indischen Fürsten, gerade wie in alten Zeiten. Kurz vor
unserer Ankunft war ein solcher Roman vor einem englischen Gerichtshof
in Bombay zur Verhandlung gekommen: Ein junger sechzehnjähriger Prinz
hatte seine Güter, Titel und Würden vierzehn Jahre lang unbehelligt
genossen. Da ward plötzlich behauptet, daß er gar kein Fürstensohn,
sondern ein armes Bauernkind sei, welches man in die fürstliche Wiege
eingeschmuggelt hatte, als der wahre Erbe im Alter von drittehalb
Jahren gestorben war. Genau derselbe Stoff, der so vielen alten
orientalischen Geschichten zu Grunde liegt.
Umgekehrt ging es mit dem Thron des Gaikawar von Baroda, für den
sich eine Zeitlang kein Erbe fand, bis man ihn in der Person eines
Bauernknaben erkannte, der, seiner hohen Abkunft unbewußt, im Schmutz
der Dorfstraße spielte. Sein Stammbaum war jedoch ganz in Ordnung, er
erwies sich als der wirkliche Prinz und herrscht seitdem unangefochten
in seinem Reich.
Auf ähnliche Weise ist kürzlich der Erbe eines andern indischen
Fürstenhauses aufgefunden worden. Seit vierzehn Generationen hatten
seine Vorfahren in niedrigem Stande gelebt. Aber man entdeckte seinen
fürstlichen Ahnen in dem Verzeichnis eines der großen Wallfahrtsorte
der Hindus, wo die Herrscher ihren Namen und das Datum ihres Besuchs
einzuschreiben pflegen. Der eigentliche Zweck dieser Sitte ist, daß man
über die religiösen Angelegenheiten der Fürsten Buch führen und ihr
Seelenheil sichern kann; aber auch die Richtigkeit ihres Stammbaums
läßt sich aus solcher Liste feststellen, wodurch sie noch besonderen
Wert erhält.
Wenn ich jetzt an Bombay denke, glaube ich in ein Kaleidoskop zu sehen;
ich höre das Klirren der Glasstückchen, wenn die schönen Bilder
wechseln und auseinander fallen, um sich zu immer neuen Formen und
Figuren zu vereinigen, bei deren Anblick jeder Nerv in mir vor Wonne
erbebt und Schauer des Entzückens durch meine Glieder rieseln. Die
ganz verschiedenartigen Erinnerungsbilder ziehen immer in gleicher
Reihenfolge, rasch wie ein Traum, an mir vorüber; sie lassen mir das
Gefühl zurück, als hätte das wirkliche Erlebnis kaum eine Stunde
gedauert, während es oft gewiß mehrere Tage in Anspruch genommen hat.
Die Wandelbilder beginnen mit der Wahl eines eingeborenen Dieners,
eines ›Trägers‹, bei der man sehr sorgfältig zu Werke gehen muß, denn
solange er sein Amt versieht, kommt er uns fast so nahe auf den Leib,
wie unsere eigenen Kleider.
In Indien wird der Tag damit eröffnet, daß der ›Träger‹ an die
Schlafzimmertür klopft und dazu eine gewisse Formel hersagt, welche
ausdrücken soll, daß das Bad bereit ist. Es kommt uns vor als ob sie
gar keinen Sinn hätte, aber das ist nur, weil man noch nicht an das
Träger-Englisch gewöhnt ist. Erst mit der Zeit lernt man es verstehen.
Wo diese Sprache herstammt, ist ein Geheimnis; jedenfalls wird man
auf Erden nichts Aehnliches finden und im Paradiese erst recht
nicht -- möglicherweise aber unter den Verdammten. Man mietet einen
›Träger‹, sobald man den Boden Indiens betritt, denn niemand, ob
Mann oder Weib, kann ohne ihn bestehen. Er ist Bote, Kammerdiener,
Zimmermädchen, Aufwärter, Kurier, Jungfer -- alles in einer Person. Bei
seinem Eintritt bringt er, außer einem grobleinenen Wäschesack auch
eine Decke mit; er schläft auf den Steinfliesen vor der Stubentür;
wo und wann er seine Mahlzeiten hält, ist unbekannt; man weiß nur,
daß er im Hause kein Essen bekommt, mag man in einem Hotel wohnen
oder als Gast in einer Privatfamilie. Er bezieht einen hohen Lohn
-- nach indischen Begriffen -- und sorgt selbst für seine Kost und
Kleidung. Wir hatten in drittehalb Monaten drei ›Träger‹, der erste
erhielt monatlich 30 Rupien -- etwa 27 Cents täglich -- die beiden
andern 40 Rupien den Monat. Eine fürstliche Bezahlung! In Indien
erhält der eingeborene Weichensteller auf der Eisenbahn höchstens
7 Rupien monatlich, desgleichen der eingeborene Bediente in einem
Privathaus, und der Knecht auf dem Lande nur 4 Rupien. Die beiden
ersteren beköstigen und kleiden sich und ihre Familien selbst; ob das
der Knecht bei dem Monatslohn von 1 Dollar 8 Cents auch tut, möchte
ich bezweifeln. Vermutlich nährt ihn das Land, und mit seinem Verdienst
bestreitet er den Unterhalt der Familie, nebst einer kleinen Abgabe
für den Priester. Kleidung und Wohnung der Seinigen kosten nichts; sie
leben in einer selbsterbauten Erdhütte, für die sie schwerlich Miete
zahlen und tragen die ersten besten Lumpen; bei Knaben ist selbst das
nicht vonnöten. Uebrigens sind für den Tagelöhner auf dem Lande jetzt
gute Zeiten, er hat nicht immer ein so üppiges Leben geführt. Als der
Hauptbevollmächtigte der Provinzen des Innern unlängst die Klagen einer
Abordnung von Eingeborenen in einem amtlichen Erlaß als unbegründet
zurückwies, erinnerte er sie daran, daß vor kurzem der Tagelohn noch
eine halbe Rupie monatlich betragen habe, täglich nicht ganz einen
Cent, $ 2.90 im Jahr. Wenn ein solcher Lohnarbeiter eine große Familie
hatte -- und mit diesem Reichtum beschenkt der Himmel die armen
Eingeborenen ohne Ausnahme -- so konnte er bei strengster Sparsamkeit
vielleicht 15 Cents vom Ertrag seiner Jahresarbeit erübrigen. Eine
Schuld von $ 13.50 hätte er in 90 Jahren abtragen können, wenn er Leben
und Gesundheit behielt. Man stelle sich nur einmal vor, was das sagen
will: Indien hat verhältnismäßig wenige Städte; fast das ganze Land
ist mit unabsehbaren Feldern bedeckt, die durch Lehmmauern von einander
getrennt sind. Die ungeheure Masse der Bevölkerung besteht also
einzig und allein aus landwirtschaftlichen Arbeitern. Kennt man diese
Tatsachen, so erhält man erst einen Begriff von der grenzenlosen Armut,
die sich hier ansammeln muß.
Der erste Diener, der sich bei uns meldete, wartete unten und schickte
seine Zeugnisse herauf; es war am Morgen nach unserer Ankunft in
Bombay. Wir prüften sie sorgfältig und fanden nichts daran auszusetzen,
bis auf das eine: sie waren alle von Amerikanern ausgestellt. Wir sind
ein zu gutmütiges Volk und bringen es nicht übers Herz, einem armen
Menschen, der sein Brot verdienen muß, durch unser Urteil zu schaden.
So erwähnen wir in dem Zeugnis nur seine guten Eigenschaften, ja,
wir preisen sie nicht selten über Gebühr, und lassen die schlechten
auf sich beruhen. Ueber diese stumme Lüge machen wir uns keine
Gewissensbisse, und doch ist sie im Grunde verächtlicher als eine
ausgesprochene Unwahrheit, mit der man die Leute nicht so leicht
betrügt, weil sie sich durchschauen läßt. In Frankreich ist das
anders; dort hat man wenigstens die Entschuldigung, daß ein Herr
dem entlassenen Diener ein gutes Zeugnis geben und seine Fehler
verschweigen _muß_, er mag wollen oder nicht. Erwähnt man zum Schutz
für den nächsten Brotherrn die Untugenden des Dieners, so kann er auf
Schadenersatz klagen, und der Gerichtshof erkennt seine Forderungen an,
ja, er erteilt dem wahrheitsliebenden Herrn noch eine derbe Rüge, weil
er versucht hat, einen armen Menschen um sein Brot zu bringen und ihm
den guten Ruf abzuschneiden. -- Ich würde dergleichen nicht behaupten,
wüßte ich es nicht aus dem Munde eines berühmten französischen Arztes,
eines geborenen Parisers, der mir sagte, das sei nicht nur allgemein
bekannt, sondern er selber habe in dieser Hinsicht sehr schlimme
persönliche Erfahrungen gemacht.
Die reisenden Amerikaner hatten, wie gesagt, den Manuel X. in seinem
Zeugnis so warm empfohlen, daß Sankt Petrus selbst ihn darauf hin
zum Himmelstor eingelassen hätte, wenn der Heilige, wie ich vermute,
mit den Gepflogenheiten meiner Landsleute nicht gerade sehr vertraut
ist. Der Diener war als ein Ausbund von Geschicklichkeit in allen
Künsten seines vielgestaltigen Berufs geschildert. Mit ganz besonderem
Entzücken wurde seine ausgezeichnete Kenntnis des Englischen erwähnt,
was mich sehr freute, denn ich hoffte, es würde doch etwas Wahres
daran sein.
Einen Diener mußten wir unverzüglich haben; die Meinigen nahmen Manuel
daher für eine Woche zur Probe an und schickten ihn zu mir herauf. Ich
hütete wegen meines Bronchialkatarrhs das Zimmer und sehnte mich nach
einer kleinen Abwechslung und Unterhaltung. Da kam mir Manuel gerade
recht. Er war ungefähr fünfzig Jahre alt, groß und schlank, hielt sich
aus gewohnheitsmäßiger Ehrerbietung etwas vornüber gebeugt, hatte
ein Gesicht von europäischem Schnitt, kohlschwarzes Haar, ein paar
sanfte, fast furchtsame schwarze Augen, eine sehr dunkle Hautfarbe und
ein glattgeschorenes Kinn. Anders als barhaupt und barfuß habe ich
ihn während seiner Dienstwoche bei uns nie gesehen; die europäischen
Kleider, welche er anhatte, waren schlecht, dünn und sehr abgetragen.
So stand er vor mir, verbeugte sich zum Gruß mit dem ganzen Oberkörper
nach der feierlichen Art der Inder und berührte seine Stirn mit den
Fingerspitzen der rechten Hand.
»Offenbar bist du ein Hindu, Manuel,« sagte ich, »aber du hast einen
spanischen Namen -- wie kommt das?«
Der Diener machte ein verblüfftes Gesicht; er hatte nichts verstanden
und wollte es sich doch nicht merken lassen.
»Name Manuel. Ja Herr,« antwortete er gelassen.
»Das weiß ich, aber woher hast du ihn?«
»O ja, vermutlich. Wird wohl so sein. Vater heißt ebenso, Mutter nicht.«
Ich versuchte mich einfacher auszudrücken, um von diesem gelehrten
Engländer verstanden zu werden, und sprach sehr langsam und deutlich:
»Von -- wem -- hat -- dein -- Vater -- seinen -- Namen?«
»O, der --« sein Gesicht erhellte sich -- »er Christ sein,
portugiesischer -- wohnen in Goa. Ich geboren Goa. Mutter nicht
Portugiesin -- Mutter Eingeborene -- Brahminenkaste -- oberste Stufe --
keine Kaste so hoch wie diese. Ich auch hochgeborener Brahmine. Auch
Christ, wie Vater -- hoher christlicher Brahmine, Herr -- Heilsarmee.«
Diese Worte brachte er stotternd und schwerfällig heraus. Dann kam es
plötzlich wie Begeisterung über ihn und er erging sich in einem langen
Schwall unverständlicher Reden.
»Höre auf,« unterbrach ich ihn. »Hindustani verstehe ich nicht.«
»Nicht Hindustani, Herr -- Englisch. Ich sprechen Englisch immer, den
ganzen Tag, manchmal.«
»Gut, so lasse ich mir’s gefallen; es ist zwar nicht was ich nach
deinem Zeugnis erwartet und gehofft hatte, doch ist es verständlich.
Schmücke es nicht weiter aus. Sprachverschnörkelungen, die den Sinn
beeinträchtigen, sind mir verhaßt.«
»Herr?«
»Das war nur eine allgemeine Bemerkung. Aber sage mir, wie kommst du zu
deinem Englisch? Hast du es gelernt, oder ist es nur eine Gabe Gottes?«