IV Olafs Glück und Ende

Manons erstes Opfer in der Pension des Villen-Vororts bei D . . . war ein

junger, wegen der Lungensucht beurlaubter Bankbeamter. Während des Diners

bewarfen sich die beiden lächelnd mit Apfelschalen. Die Orakelform der sich

hinkräuselnden Schlange bedeutete den Anfangsbuchstaben des nächsten

Liebhabers. Es war ein O, und die Weissagung traf ein.

Olaf, Student, Sohn des Pensionats, kam durch die Manon in Tränen. Sie gab

ihm viele Küsse, vor aller Augen, um den Anschein zu erzeugen, das seien

kindliche Spielereien. Und wie, bei Poe, niemand den offen daliegenden

Brief findet, so fand niemand etwas in diesen offenbar harmlosen

Zärtlichkeiten. Olaf, völlig aufgewühlt, bereicherte sich enorm, obgleich

Manon ihn nicht zu allem was sie wußte hinzulenken wagte. Immerhin

unterhielt sie sich eine Zeit lang bei dieser Freiheit, die nur durch die

psychologische Faulheit ihrer Umgebung ermöglicht wurde. Der Fall lag so:

Manon verheimlichte hier, eben durch diese Offenheit, nichts was ihr ein

Vergnügen bereitet hätte, aber etwas was, unbegreiflicherweise, als Lust

und deshalb als verboten galt. Zugleich schien es Pflicht jedes jungen

Mädchens, dieses Verbotene dennoch zu tun. Das bewiesen alle Romane. So tat

denn Manon, die Zuverlässige, das Verbotene aus Pflicht- und Stilgefühl,

aus jenem rührenden Ordnungssinn der schon die dünnbeinigen Neunjährigen am

Strande von Saint-Malo Sätze von Dumas fils sprechen läßt. Manon küßte,

weil es ihren achtzehn Jahren entsprach, und weil alle Welt es zu fordern

schien. Schade nur, daß man ihr die Erfüllung dieser verlangten Übertretung

all zu leicht machte.

Zwischen ihr und Olaf stand das Hemmnis einer vollkommenen Ungehemmtheit.

Es fehlte der Zwang zu jenen Geheimnissen Verwicklungen Gefahren die

auszukosten sie in der verschlossenen Pariser Kiste gelernt hatte. Schon

erwog Manon, künstliche Hindernisse zu schaffen, da entdeckte sie, daß ihr

der ganze Olaf langweilig geworden war. Sein Glanz hatte drei Wochen

gedauert.

Entlassen, geriet Olaf in die übliche Krise. Weinend legte er der

Ungetreuen ein Marzipanschwein ins Zimmer, mit diesem Zettel: »Für Manon

vom lieben Olaf.« Abends fand sie das Schwein und verzehrte es naschhaft,

sich auskleidend. Sie vergötterte Marzipan und schluckte dicke Bissen,

nicht gut zerkaut, hinunter. Kniete nieder, murmelte ihr Nachtgebet, legte

sich zur Ruhe, müde wie ein Tier und den Mund noch halbvoll von der

leckeren Opfergabe.

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