Manons erstes Opfer in der Pension des Villen-Vororts bei D . . . war ein
junger, wegen der Lungensucht beurlaubter Bankbeamter. Während des Diners
bewarfen sich die beiden lächelnd mit Apfelschalen. Die Orakelform der sich
hinkräuselnden Schlange bedeutete den Anfangsbuchstaben des nächsten
Liebhabers. Es war ein O, und die Weissagung traf ein.
Olaf, Student, Sohn des Pensionats, kam durch die Manon in Tränen. Sie gab
ihm viele Küsse, vor aller Augen, um den Anschein zu erzeugen, das seien
kindliche Spielereien. Und wie, bei Poe, niemand den offen daliegenden
Brief findet, so fand niemand etwas in diesen offenbar harmlosen
Zärtlichkeiten. Olaf, völlig aufgewühlt, bereicherte sich enorm, obgleich
Manon ihn nicht zu allem was sie wußte hinzulenken wagte. Immerhin
unterhielt sie sich eine Zeit lang bei dieser Freiheit, die nur durch die
psychologische Faulheit ihrer Umgebung ermöglicht wurde. Der Fall lag so:
Manon verheimlichte hier, eben durch diese Offenheit, nichts was ihr ein
Vergnügen bereitet hätte, aber etwas was, unbegreiflicherweise, als Lust
und deshalb als verboten galt. Zugleich schien es Pflicht jedes jungen
Mädchens, dieses Verbotene dennoch zu tun. Das bewiesen alle Romane. So tat
denn Manon, die Zuverlässige, das Verbotene aus Pflicht- und Stilgefühl,
aus jenem rührenden Ordnungssinn der schon die dünnbeinigen Neunjährigen am
Strande von Saint-Malo Sätze von Dumas fils sprechen läßt. Manon küßte,
weil es ihren achtzehn Jahren entsprach, und weil alle Welt es zu fordern
schien. Schade nur, daß man ihr die Erfüllung dieser verlangten Übertretung
all zu leicht machte.
Zwischen ihr und Olaf stand das Hemmnis einer vollkommenen Ungehemmtheit.
Es fehlte der Zwang zu jenen Geheimnissen Verwicklungen Gefahren die
auszukosten sie in der verschlossenen Pariser Kiste gelernt hatte. Schon
erwog Manon, künstliche Hindernisse zu schaffen, da entdeckte sie, daß ihr
der ganze Olaf langweilig geworden war. Sein Glanz hatte drei Wochen
gedauert.
Entlassen, geriet Olaf in die übliche Krise. Weinend legte er der
Ungetreuen ein Marzipanschwein ins Zimmer, mit diesem Zettel: »Für Manon
vom lieben Olaf.« Abends fand sie das Schwein und verzehrte es naschhaft,
sich auskleidend. Sie vergötterte Marzipan und schluckte dicke Bissen,
nicht gut zerkaut, hinunter. Kniete nieder, murmelte ihr Nachtgebet, legte
sich zur Ruhe, müde wie ein Tier und den Mund noch halbvoll von der
leckeren Opfergabe.