V Beisammensein

Das Theater stellt ein kleines Zimmer dar, das (mit hellen Eichenmöbeln)

etwas zu einfach ausgestattet ist, als daß man es ganz behaglich nennen

könnte. Im Hintergrunde ein Fenster, auf einen Balkon führend (den man

durch eine Tür vom Nebenzimmer aus betreten kann). Schrank, offenstehend,

angefüllt zur Hälfte mit Mädchenkleidern, zur Hälfte mit Wäsche. In der

hinteren Ecke links das Bett. An der Wand, besonders um das Bett herum,

zahlreiche Bilder Napoleons, zum Teil auf Postkarten. In der rechten Ecke,

dem Bett gegenüber, steht ein Schreibtisch, auf dem eine elektrische

Leselampe mit grünem Schirm ein gedämpftes Licht gibt. Am Tisch, in einem

einfachen Korbsessel, sitzt MANON. Sie ist eingeschlafen. Ihr Kopf, mit

aufgelöstem schwarzem Haar, liegt auf dem Tisch, in die Arme vergraben. Sie

trägt einen weißen Peignoir. Draußen ist eine regnerische Spätherbstnacht.

Man hört Bäume rauschen.

Genau um 12 3/4 Uhr nachts öffnet sich leise die Tür, und OSTAP betritt das

Zimmer. Dunkelblauer Straßenanzug. Er verriegelt die Tür und nähert sich

der Manon mit sehr vorsichtigen Schritten. Er dreht die Leselampe ab und

setzt sich dem jungen Mädchen gegenüber auf einen Stuhl; die Bühne ist

dunkel; nur von der Straße her ein schwankendes Laternenlicht.

MANON (erwacht; hebt dem Kopf, sieht sich erstaunt um, reckt sich,

lächelt): Das sind Sie.

OSTAP (leise, wie das folgende): Ich habe das Licht ausgelöscht, damit man

vom Korridor aus nichts durchschimmern sieht. Da ist dieser Tituskopf,

dieser Blaustrumpf, der manchmal des Nachts spioniert. (Er lächelt . . .

und leidet. Seine Stimme hat gezittert.)

MANON: Das ist wahr, und dann kommt sie herein und plaudert mit mir, und

das mopst mich. (Sie zieht ihren Peignoir fester zusammen, als ob es sie

fröre, und ist verwirrt. Schweigen. Von der Straße Bruchstücke eines

Gesprächs.)

OSTAP: Hier, dies Buch habe ich Ihnen gebracht.

MANON: Oh, lassen Sie sehen. (Sie macht wieder Licht und neigt den Schirm

der Leselampe so, daß nur ein ganz schwacher Schein nach dem Vordergrunde

und der Tür zu fällt.) Ah, von Gyp: »Napoléonette.« Das ist ein Titel

expreß für mich. Danke; das ist sehr chic. (Sie sucht, um ihre Verlegenheit

aufzulösen, ein heiteres Gesicht zu bilden.)

OSTAP: Heute abend um 10 Uhr 25 vernahm ich in meinem Zimmer ein Rascheln.

Dann leichte Schritte, die . . . etwas Süßes entfernten. In den letzten

Wochen habe ich den Wert dieser kleinen Geräusche kennen gelernt. Dieses

ganze Haus ist vergiftet mit verstohlenen Signalen, bedeutenden

Mienenspielen, verabredeten Zeichen, mit den entzückenden Berechnungen der

Klopfsprache und mit verbotenen Billets, die das einzig Wichtige der Welt

enthalten. Durch die untere Spalte meiner Zimmertür schob sich etwas

weißes. Ich stürzte hin: »_Ich will wissen, warum Sie die Miene so traurig

haben. Bringen Sie mir heute abend gegen Mitternacht 3/4 ein Buch_.« Den

Zettel hatten Sie geschrieben, mit Ihrer berauschenden Pensionatshand, die

macht, daß ich andere Handschriften überhaupt nicht mehr werde lesen

wollen.

MANON: Ach, werfen Sie mir nicht meine Jugend vor.

OSTAP: . . . Sind Sie neulich nachts wirklich ohnmächtig gewesen? Kossinka

war so besorgt.

MANON: Nein, ich habe nur geschlafen . . . (Sie belebt sich. Schwarz glühen

aus ihrem Brandstifterinnengesicht, das etwas zu weich und zu voll ist, die

Augen. Die Haare ringeln sich böse um ihren Hals: ondulierte Nattern im

Nest. Lauernd und voraussehend:) Also warum hatten Sie die Miene so

traurig?

OSTAP (heiser): Das ist nicht wichtig.

MANON (mit leuchtenden Augen): Doch!

OSTAP: Vielleicht . . . liebe ich . . . Sie . . . ein wenig. Aber das ist

nicht wichtig. Es geht Sie nichts an. Übrigens würde es verdammt gegen Sie

sprechen, wenn Sie meine Liebe etwa erwiderten. Man liebt mich nicht

. . . Lieben Sie mich?

MANON (lächelt auf eine gnadenreiche Art und nickt).

OSTAP: Nein! . . . Vraiment?

MANON: Tres vraiment.

OSTAP (mißtrauisch): Seit wann?

MANON: Seitdem Herr Marcus begann, in mich verliebt zu sein. Da amüsierte

er mich nicht mehr so.

OSTAP (zieht die Manon zu sich und küßt sie auf den Mund, was sich etwas

verzögert dadurch, daß Manon zunächst ihre Wangen hinhält. Man hört auf dem

Korridor leise Schritte, die vor Manons Tür innehalten. Es scheint jemand

an der Tür zu lauschen.)

MANON (totenblaß, flüstert): Das ist Olaf der . . .

OSTAP (hält ihr den Mund zu, flüstert): Kein Wort mehr!

MANON (mit unbewußter Anerkennung): Ah, er macht den Herrn!

Lesestücke · 第 46 / 51 题