Manons Vater, vollblütig, lebensrosa, traditionell-egoistisch, unpolitisch,
brav, war der reichste Kaufmann am Platze. Er wußte was seine Tochter wert
war, denn er unterschied die Frauen. Manons Mutter war die in der Provinz
übliche Kapotte-Trägerin. Manon, in frühe Mannbarkeit eingerückt, warf sich
heftig in die Passion, ja in die Raserei zu einem gewissen _Marcel_, einem
jungen Schönling aus guter Familie, den praktische Rücksicht hinderte, bei
der Manon über die geläufigsten, der Reputation unschädlichen Höflichkeiten
hinauszugehen. Für das gewollt Fragmentarische seiner Empfindungen
entschädigte er sich an einer Routinière, bei der nichts zu befürchten war.
Und weil Manon, stürmisch hingestrecktes und doch der Klugheit versagtes
Terrain, unbequem wurde, machte Marcel, daß sie nach Paris kam, in eine
Mädchenpension, in eine fromme, streng verschlossene Kiste, aus der nur an
Sonnen-Nachmittagen sehr reglementierte und von den Studenten quer durch
den Luxembourg zwanglos verspottete Collektivmärsche hinausführten.
Übrigens erledigte Manon die Reise aus ihrer Stadt nach Paris im Auto,
selbst lenkend, denn sie besaß das Diplom. In jener boîte nun, gegenüber
der uralten Kirche von Saint-Germain-des-Prés, lernte Manon vieles Wichtige
in Hinsicht geheimer Korrespondenzen, verabredeter Zeichen, unauffälliger
Signale, nächtlicher Anschläge. Sie ersah klug, daß besser als die
Unschuldsmiene ein kleines, herzig feilgehaltenes Schuldbewußtsein wirke.
So _spielte_ sie das Kind, das sie _war_ -- aber das sie nur noch unter
gefährlichen Irritationen war. Sie gab ihren geistlichen Patroninnen das
verwöhnte Mädchen, auch das unartige, selbst verliebte, kecke Mädchen, aber
das alles nur, um wirklich Unerlaubtes zu verdecken. (In Wahrheit war
freilich auch dieses Schlimmere, von Manon für unerlaubt gehaltene, nicht
schlimm. Ja, selbst als Manon, ein Jahr später, mit aufrichtig gereizter
Physis in die Wohnung eines Garçons aus Uruguay lief, da war nicht einmal
_das_ schlimm. Denn für reiche Mädchen gibt es nichts Schlimmes. Dies ist
der Grund weshalb alle Romane Dramen Essais unter armen Leuten vorgehen.)
In ihrer komplizierten Seelenkunde heiter vervollkommnet, kehrte Manon ins
Elternhaus zurück und ward ihrem angebeteten _Marcel_ von neuem so tonisch,
daß der, so-oft Manon sich ihm angesagt hatte, immer gleich ins Nebenzimmer
die Routinière engagierte, die dann, kaum war die Bürgerstochter fort, alle
Stimmung geruhsam empfing. So sehr verwirrten schon damals kindliche
Besuche der Manon jene die häufig keinen sehnlicheren Wunsch hatten, als
von ihr in Ruhe gelassen zu werden.
Als, bald darauf, die Routinière, von der Behörde leicht ausgezeichnet,
nach Montpellier siedelte, ersann Marcels unerträgliches Gereiztsein das
Meisterstück. Er überredete Herrn Camargue: zum Chic einer patrizischen
Tochter gehöre die deutsche Sprache. Und so sah sich Manon eines Tages nach
D . . . eingepackt.