III Sachliche Angaben

Manons Vater, vollblütig, lebensrosa, traditionell-egoistisch, unpolitisch,

brav, war der reichste Kaufmann am Platze. Er wußte was seine Tochter wert

war, denn er unterschied die Frauen. Manons Mutter war die in der Provinz

übliche Kapotte-Trägerin. Manon, in frühe Mannbarkeit eingerückt, warf sich

heftig in die Passion, ja in die Raserei zu einem gewissen _Marcel_, einem

jungen Schönling aus guter Familie, den praktische Rücksicht hinderte, bei

der Manon über die geläufigsten, der Reputation unschädlichen Höflichkeiten

hinauszugehen. Für das gewollt Fragmentarische seiner Empfindungen

entschädigte er sich an einer Routinière, bei der nichts zu befürchten war.

Und weil Manon, stürmisch hingestrecktes und doch der Klugheit versagtes

Terrain, unbequem wurde, machte Marcel, daß sie nach Paris kam, in eine

Mädchenpension, in eine fromme, streng verschlossene Kiste, aus der nur an

Sonnen-Nachmittagen sehr reglementierte und von den Studenten quer durch

den Luxembourg zwanglos verspottete Collektivmärsche hinausführten.

Übrigens erledigte Manon die Reise aus ihrer Stadt nach Paris im Auto,

selbst lenkend, denn sie besaß das Diplom. In jener boîte nun, gegenüber

der uralten Kirche von Saint-Germain-des-Prés, lernte Manon vieles Wichtige

in Hinsicht geheimer Korrespondenzen, verabredeter Zeichen, unauffälliger

Signale, nächtlicher Anschläge. Sie ersah klug, daß besser als die

Unschuldsmiene ein kleines, herzig feilgehaltenes Schuldbewußtsein wirke.

So _spielte_ sie das Kind, das sie _war_ -- aber das sie nur noch unter

gefährlichen Irritationen war. Sie gab ihren geistlichen Patroninnen das

verwöhnte Mädchen, auch das unartige, selbst verliebte, kecke Mädchen, aber

das alles nur, um wirklich Unerlaubtes zu verdecken. (In Wahrheit war

freilich auch dieses Schlimmere, von Manon für unerlaubt gehaltene, nicht

schlimm. Ja, selbst als Manon, ein Jahr später, mit aufrichtig gereizter

Physis in die Wohnung eines Garçons aus Uruguay lief, da war nicht einmal

_das_ schlimm. Denn für reiche Mädchen gibt es nichts Schlimmes. Dies ist

der Grund weshalb alle Romane Dramen Essais unter armen Leuten vorgehen.)

In ihrer komplizierten Seelenkunde heiter vervollkommnet, kehrte Manon ins

Elternhaus zurück und ward ihrem angebeteten _Marcel_ von neuem so tonisch,

daß der, so-oft Manon sich ihm angesagt hatte, immer gleich ins Nebenzimmer

die Routinière engagierte, die dann, kaum war die Bürgerstochter fort, alle

Stimmung geruhsam empfing. So sehr verwirrten schon damals kindliche

Besuche der Manon jene die häufig keinen sehnlicheren Wunsch hatten, als

von ihr in Ruhe gelassen zu werden.

Als, bald darauf, die Routinière, von der Behörde leicht ausgezeichnet,

nach Montpellier siedelte, ersann Marcels unerträgliches Gereiztsein das

Meisterstück. Er überredete Herrn Camargue: zum Chic einer patrizischen

Tochter gehöre die deutsche Sprache. Und so sah sich Manon eines Tages nach

D . . . eingepackt.

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