II: Glück der Betrachtung

Meine Abende, meine Nächte gehören jetzt dem Bar royal. Wenn, in

ernsthaften Perlen, das Eiswasser auf den Pernod tickt, so denke ich Dein,

Geliebte. In Deinen Haaren ist ja die Sonne und das Kornfeld und der

Schwefel, die gelbe Tulpe und der Kiesstrand des Meeres, Gold mancher Arten

und der späte, nordische Sandweg zwischen Birken, aber auch viel kupfernes

Grün, oft fahle Asche und gilbendes Schilf. Doch Du bist mir fern, und ich

sammle Dinge, von denen ich Dir erzählen werde. Ich sehe Frauen, schlanke,

entravierte Säulen; ihre Gesichter glimmen pudersanft im Schatten großer

und herrlicher Hüte. Die Töne dieser locker fallenden Federn sind

aufeinander eingestimmt. Pleureusen: sind sie nicht wie das bleich

zerfließende Weidenlaub auf dem Grabe des armen enfant du siècle, des Herrn

von Musset? Oder gleichwie kokette Sternschnuppen sich über den Nachthimmel

wiegen, so wallen sie auf im frechen Triumph der Sünde: stolz erhobene

Siegeszeichen von Schlachten, die in der Tiefe gewonnen worden sind.

Und ich sehe die Wandlung einer prallen Heroine zur Buhlerin. Sicherlich

ist sie Gattin des kahlen, straffen Pensionierten, der berechtigt ihre

Augen durchsucht. Aber je mehr Wein er sie trinken läßt, desto

unwiderstehlicher fühlt sie die holde Schmach, von einem häßlichen Manne

bezahlt zu sein. Rasch gelangt sie zu den Zärtlichkeiten der unregelmäßigen

Frauen. Ach, Madame, Sie sind nur liebenswürdig, weil Sie, hier im Bar,

Ihre Erfindungen veröffentlichen können! . . . Doch wie kühl der

Pensionierte ihre schmeichlerische Hingabe quittiert. Ich ertrüge es nicht,

den Schein geliebt zu werden so leichten Kaufes zu genehmigen; nicht auf

dem Divan, nicht am Schreibtisch könnte ich Erfolge Genüsse Lobsprüche

acceptieren, um die ich nicht lange Jahre gedient hätte, zu denen die Wege

nicht verschlungen und voller Angst gewesen wären. Und noch das Glück, mein

Glück dürfte nur sein wie eine Minute Rast im Versteck, auf der Flucht vor

den hartnäckigsten, boshaftesten Verfolgern --: eine Minute irren

Vergessens, eine Minute Spleen:

Der Fülle des Gegebenen

Entwächst das Schmale, Zarte;

Die Betten sind die Ebenen

Für Smarte und Aparte . . .

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Draußen herrscht, mit hieratischen Geberden, die Nacht. Doch ihr Reich ist

gefährdet, und bald wird das Licht hereinbrechen -- das Licht mit seinen

überflüssigen Vermutungen und Feststellungen, mit seinen Einzelheiten und

Indiskretionen. Noch schimmern die Façaden zurückhaltender Paläste im

Gespenster-Grün des Canaletto; noch lauern, mystische Radierungen, die

florentinischen Kulissen der L . . . straße in brüsk begrenzten Schatten,

durch welche Verschwörer schleichen müßten, Satanskinder und lungenkranke

Ekstatiker. Sehr korrekt schreitet die Dachfirste entlang eine Prozession

mondsüchtiger Sonnen: die violetten Lichtballen der Bogenlampen. Sie

leuchten nicht, doch sie lassen grell eine Finsternis erkennen, die moorig

ist, asphaltiert und imaginär . . . Da dämmert der Tag: der Feind. Im

Priesterseminar ein Seitenfenster wirft gelbes Studierlicht ins Gebüsch. O,

die Triumphe wie die Idyllen des Katholizismus enthält diese Avenue. Die

Brunnen schweigen; Geranien blühen die Rasenbeete entlang: eine

unversöhnliche Spur frisch verströmten Blutes. Plötzlich erlöschen alle

Bogenlampen. In sachlicher Landschaft finde ich mich wieder. Pappeln und

Gärten. Die Erde giebt einen putriden Hauch her: den leisesten Vorduft des

Herbstes. Das beglückt mich tief. Den ganzen Horizont hat nun Botticelli

mit seiner lichtlosen Helligkeit bemalt. Aber von wo ich komme, schläft

noch im Dunkeln die Stadt, überstülpt von der Theatiner-Kuppel, und seit

Jahrhunderten bewacht von der erhabenen Nachtarbeit fiebernder Hirne.

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