Meine Abende, meine Nächte gehören jetzt dem Bar royal. Wenn, in
ernsthaften Perlen, das Eiswasser auf den Pernod tickt, so denke ich Dein,
Geliebte. In Deinen Haaren ist ja die Sonne und das Kornfeld und der
Schwefel, die gelbe Tulpe und der Kiesstrand des Meeres, Gold mancher Arten
und der späte, nordische Sandweg zwischen Birken, aber auch viel kupfernes
Grün, oft fahle Asche und gilbendes Schilf. Doch Du bist mir fern, und ich
sammle Dinge, von denen ich Dir erzählen werde. Ich sehe Frauen, schlanke,
entravierte Säulen; ihre Gesichter glimmen pudersanft im Schatten großer
und herrlicher Hüte. Die Töne dieser locker fallenden Federn sind
aufeinander eingestimmt. Pleureusen: sind sie nicht wie das bleich
zerfließende Weidenlaub auf dem Grabe des armen enfant du siècle, des Herrn
von Musset? Oder gleichwie kokette Sternschnuppen sich über den Nachthimmel
wiegen, so wallen sie auf im frechen Triumph der Sünde: stolz erhobene
Siegeszeichen von Schlachten, die in der Tiefe gewonnen worden sind.
Und ich sehe die Wandlung einer prallen Heroine zur Buhlerin. Sicherlich
ist sie Gattin des kahlen, straffen Pensionierten, der berechtigt ihre
Augen durchsucht. Aber je mehr Wein er sie trinken läßt, desto
unwiderstehlicher fühlt sie die holde Schmach, von einem häßlichen Manne
bezahlt zu sein. Rasch gelangt sie zu den Zärtlichkeiten der unregelmäßigen
Frauen. Ach, Madame, Sie sind nur liebenswürdig, weil Sie, hier im Bar,
Ihre Erfindungen veröffentlichen können! . . . Doch wie kühl der
Pensionierte ihre schmeichlerische Hingabe quittiert. Ich ertrüge es nicht,
den Schein geliebt zu werden so leichten Kaufes zu genehmigen; nicht auf
dem Divan, nicht am Schreibtisch könnte ich Erfolge Genüsse Lobsprüche
acceptieren, um die ich nicht lange Jahre gedient hätte, zu denen die Wege
nicht verschlungen und voller Angst gewesen wären. Und noch das Glück, mein
Glück dürfte nur sein wie eine Minute Rast im Versteck, auf der Flucht vor
den hartnäckigsten, boshaftesten Verfolgern --: eine Minute irren
Vergessens, eine Minute Spleen:
Der Fülle des Gegebenen
Entwächst das Schmale, Zarte;
Die Betten sind die Ebenen
Für Smarte und Aparte . . .
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Draußen herrscht, mit hieratischen Geberden, die Nacht. Doch ihr Reich ist
gefährdet, und bald wird das Licht hereinbrechen -- das Licht mit seinen
überflüssigen Vermutungen und Feststellungen, mit seinen Einzelheiten und
Indiskretionen. Noch schimmern die Façaden zurückhaltender Paläste im
Gespenster-Grün des Canaletto; noch lauern, mystische Radierungen, die
florentinischen Kulissen der L . . . straße in brüsk begrenzten Schatten,
durch welche Verschwörer schleichen müßten, Satanskinder und lungenkranke
Ekstatiker. Sehr korrekt schreitet die Dachfirste entlang eine Prozession
mondsüchtiger Sonnen: die violetten Lichtballen der Bogenlampen. Sie
leuchten nicht, doch sie lassen grell eine Finsternis erkennen, die moorig
ist, asphaltiert und imaginär . . . Da dämmert der Tag: der Feind. Im
Priesterseminar ein Seitenfenster wirft gelbes Studierlicht ins Gebüsch. O,
die Triumphe wie die Idyllen des Katholizismus enthält diese Avenue. Die
Brunnen schweigen; Geranien blühen die Rasenbeete entlang: eine
unversöhnliche Spur frisch verströmten Blutes. Plötzlich erlöschen alle
Bogenlampen. In sachlicher Landschaft finde ich mich wieder. Pappeln und
Gärten. Die Erde giebt einen putriden Hauch her: den leisesten Vorduft des
Herbstes. Das beglückt mich tief. Den ganzen Horizont hat nun Botticelli
mit seiner lichtlosen Helligkeit bemalt. Aber von wo ich komme, schläft
noch im Dunkeln die Stadt, überstülpt von der Theatiner-Kuppel, und seit
Jahrhunderten bewacht von der erhabenen Nachtarbeit fiebernder Hirne.