Das moralische Variété

In Marseille, dieser gefährlichen Stadt, die fast schon Afrika ist, und auf

deren Straßen die Hautfarbe tunesischer und algerischer Frauen das

Repertoire europäischer Sinnlichkeit um eine wilde Irritation bereichert,

in dieser Stadt, zerwühlt von Sonnenglut, Verbrechen, Vergangenheit,

gehörten meine Abende dem café-concert, dem Variété. Man geht spät hin, die

Vorstellung wird lange dauern, über Mittemacht hinaus. Der weite, staubige,

sachliche Saal des >Palais de Cristal<, an der Allée de Meilhan, ward rasch

meine Heimat. Denn dieses Publikum kannte ich aus gelben Bänden des Herrn

Guy de Maupassant und andrer, um die Wirklichkeit besorgter Autoren --:

Reedersöhne, den steifen Hut im Nacken, abgehärtet durch Meerfahrten und

von erfahrenen Frauenhänden wieder verweichlicht; Bürgerfamilien,

aufmerksam und mürrisch; junge Arbeiterinnen, ohne Hut, schwarze

Schlangenhaare zerweht im Gesicht und das saugende Kind an der Brust;

achtzehnjährige Proletarier, die Fingerspitzen gelb vom Cigarettenrollen,

eigensinnig und schon verwöhnt durch äußerste Bereitwilligkeiten

parfümierter Damen, zerknitterte Sherlock-Holmes-Hefte in der Tasche und

reifende Apachen-Ideale im Herzen; Kokotten, steil und bunt und eng in ihre

Röcke gepreßt, mit den Ledertaschen schlenkernd, lässig und frech und

beabsichtigt, und, voll Einverständnis mit jeder staatlichen,

gesellschaftlichen, kapitalistischen Ordnung, die Couloirs zwischen Parkett

und Logen durchschlendernd, Ware und Verkäuferin durch Personalunion

kombiniert; Polizisten mit übertrieben stechenden Seitenblicken; ouvreuses,

die sitzenden Damen Fußbänke unter Stöckelschuh und Seidenbein stellen und

dann dem Kavalier eine Hand hinhalten; Bengels mit chronischer Heiserkeit

und deshalb Ausrufer von Orangen, Pistazien und frischen Feigen,

bläulichen, noch mit vielen Blättern; Neger, blinkend, grinsend, wissend;

viel kleines Volk, das am Tage Schnecken verkauft hat und Austern und

Muscheln und mancherlei schleimige, gallertartige, quallige

>Meeresfrüchte<; Pfandleiherinnen, die noch aus Balzac stammen, und

Zollbeamte von Dumas père; und all die Matrosen, rote Troddeln auf blauen

Mützen, solide Gesäße flott auf die Brüstung des Parketts geschwungen,

baumelnde Beine und Kennergesichter, die den Effekt: >Weltmann< unter

elementarer Gleichgültigkeit verheimlichen. Doch, damit rechnen sie schon,

der vollkommenste Genuß wird sich ihnen aufdrängen, die Kokotten >fliegen<

auf sie, Begeisterung ist Hingebung, und so requirieren gerade die tumben

Rekruten, die verträumten Schiffsjungen in libidinösen Boudoirs viel

unbedenkliche, unvorhergesehene, unbezahlte Wonnen . . .

Vom Balkon des ersten Ranges betrachte ich diese unruhige Zuhörerschaft.

Seitlich erweitert sich der Saal zu einem riesigen Café, und weil dessen

Wände ganz aus Spiegeln bestehen, so entdeckt man eine unerhörte Folge

belebter Räume, durchsucht von milchigem Bogenlicht und verhängt mit den

zitternden Schleiern des Cigarettenrauchs, wie mit Fetzen eines sehr feinen

Nebels. Zur Linken der Eingangstür, an der promenade circulaire, diesem

Karussel von Gier und Verheißung, steht ein Likör-Buffet, und dessen

Inschrift lautet nicht: >Bar Thérèse<, sondern: >Thérèse's Bar<. Das ist

der verräterische Apostroph, der die Bedrohung der >Revue des deux mondes<

anzeigt . . .

Inmitten der wüsten Bühne steht ein junges Mädchen, schmal, gehetzt,

dürftig, trotzig. Es singt, vor Inbrunst plärrend, ein Lied, das ein

erotisches und revolutionäres Lied ist. Auf den Festungswällen von Paris,

auf den >fortifes<, ist Flora aufgewachsen wie eine wilde Blume. Und kaum

verstand sie zu lieben, da gab sie sich Einem, der gefährlich war, und der

hieß: >Le grand Frisé<. Dem verdiente sie Geld mit ihrem Leibe; und sie ist

tüchtig um ihrer Liebe willen:

Maint'nant j'ai du coeur comm' pas une,

Quand il s'agit de s'occuper.

ER schlägt, zerbläut, er zerstört sie ganz: »mais que voulez-vous, moi

j'aim' ça.« Und dann:

Quand j'danse avec le grand Frisé,

Il a un' façon d'm'enlacer;

J'en perds la tête,

J'suis comme un' bête.

Y a pas! je suis sa chose à lui,

J' l'ai dans l'sang, quoi! c'est mon chéri,

Car moi je l'aime, je l'aim' mon grand Frisé.

Krächzend stößt sie diese Ekstase, diese Opferung heraus. Und irrer,

hemmungsloser schwillt die böse Litanei empor, bis hin zu triumphierender

Vezweiflung:

Tout c'qui m'rest' maintenant

C'est toi mon homme!

Darauf, schrill, ein Pfiff: das Zeichen des Berufs, der Verrufenheit

. . . Wie es diese Solidaritätserklärung, dieses Kameradschaftsliedchen

(von der andern Menschheitsseite), dieses romantische und moralische

Couplet sang, da verklärte sich das schmale junge Mädchen innigst. Und das

Liedchen -- das bedeutete die späte Erfüllung jenes frommen Gebets, das, im

Jahre Siebzehnhundertundneunzig, ein venetianisches >Dirnchen< dem

Kunstreisenden Goethe hingeträllert hatte.

>Notre Dame de la tune<: die nächste Chanson. Une tune -- das ist ein

Fünffrankenstück. Wieder sind wir jenseits der Konvention; denn diese

Sympathie mit der Straßendirne ist nicht bürgerlich, ist nicht lüstern,

sondern romantisch, schwärmerisch, christlich. Ein der eigenen Sicherheit

müdes Publikum schlürft hier die Lyrik, die Moral, den Ehrenkodex der

>Feinde<, der Helden des Aristide Bruant, jener unbestimmten, aufgelösten,

hin- und hergeworfenen Schicht, die die Franzosen >la Bohème< nennen und

deren Bestandteile Karl Marx aufgezählt hat in seiner Schrift: >Der

achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte<: neben zerrütteten Roués mit

zweideutigen Subsistenzmitteln und von zweideutiger Herkunft, neben

verkommenen und abenteuernden Ablegern der Bourgeoisie, Vagabunden,

entlassene Soldaten, entlassene Zuchthaussträflinge, entlaufene

Galeerensklaven, Gauner, Gaukler, Lazzaroni, Taschendiebe, Taschenspieler,

Spieler, Maquereaus, Bordellhalter, Lastträger, Literaten, Orgeldreher,

Dirnen, Lumpensammler, Scherenschleifer, Kesselflicker, Bettler. Das war

das Inventar von 1848. Heute wäre das Wort >Apachen< beizufügen, in dessen

Nimbus nicht nur die Variétés, sondern auch alle Journale verliebt sind. In

der Tat, lieber wollen die Franzosen nach wie vor ermordet werden, als auf

die Anbetung ihrer Mörder verzichten. Frankreich kokettiert mit denen, die

es sabotieren; neidisch schielt es nach der neuen Sittlichkeit, die

erwächst, sobald alle Grenzen überschritten sind, nach der Disziplin der

Entordneten, nach ihrer leidenschaftlichen Moral -- welcher das

café-concert Hymnen dichtet in unermüdlichen Variationen.

. . . Doch brüsk wenden sich alle dem Eingang zu, durch den, schwitzend,

keuchend, eine Rotte Männer eindringt, beladen mit Ballen von Zeitungen.

Denn es ist Mitternacht, und vor einer Viertelstunde hat der Rapidzug der

Linie P.-L.-M. die Pariser Morgenblätter auf dem Bahnhof abgeliefert. Man

reißt sie den Camelots unter den Armen weg. Der Saal wird zu einem Ozean

aus schäumendem Papier, er brandet nervös gegen die Logen. In Paris hat

Clémenceaus Florett das Ministerium erstochen, nie ging es auf dem

politischen Theater boshafter, entschlossener, geistiger zu, und das ist

eine Sache, die jeden berührt. In diesem Lande, das ein Schauplatz ist

ertrotzter, gepfefferter, gesalzener Laufbahnen, braucht niemand seinen

Berechnungen und Anspannungen Einhalt zu gebieten. Ministerkrisen erregen,

berauschen, ermutigen -- und deshalb wirbt die Sängerin, deren schilfgrüner

Arm das Weltall zerteilt, unerhört um Teilnahme für ihre idyllische >ronde

du soir<.

Erst die nächste Darbietung: eine Pantomime, setzt sich durch. Monsieur

Adams, der ein großer Künstler ist, hat sie erdacht, und er selbst spielt

den Pierrot, einen wunderschönen, pessimistischen, sehr gequälten Pierrot,

wie auf den Bildern des Watteau der >butte<: des Adolphe Willette. Pierrot

hat eine himmlische Seele in irdischem Körper, Colombinens Leib ist

himmlisch, und ihr Seelchen haftet an der Erde. Diese banale Antithese wird

in der Darstellung des Monsieur Adams zur Menschheitstragödie. Wie dieses

mehlige Philosophengesicht, dessen eingefallene Wangen der Mondschein

pudert, und dessen Lippen tollkirschenfarben erglühen, auf das Ersehnte

starrt, auf das Notwendige, nie doch Erraffte, nie Verstandene, nie

Verstehende, auf das Entgleitende: auf die Frau, wie es giert, bangt,

zergeht, ausbricht in Haß, Verachtung, Wahnsinn, Todeseinsamkeit -- das

konzentrierte alle Erkenntnis von der Inkommensurabilität der Geschlechter,

das wiederholte und überholte alle Beweise des Mittelalters: mulieres

homines non esse, und das war eine hübsche, klare Randglosse zu jener

fundamentalen Ironie eines Gottes, der auf einander anwies Mann und Frau,

die in ihren besten Momenten wissen, daß sie nichts von einander wissen

können. In dieser Pantomime waren Strindbergs Erfahrungen, war am letzten

Ende sein Satz: »Als ich in diesen Tagen in der Zeitung las, in einer

Fabrik seien zwölf Frauen lebendig verbrannt, erfaßte mich eine grimmige

Freude: »Zwölf Stück? Gut!« Aber der Ritter Des Grieux und all seine

radikale Anständigkeit zur Manon Lescaut war auch darin, vieler Symptome

Typisches wurde in ein grelles Plakat eingefangen, dessen fanatische

Geistigkeit noch den Feinsten beschäftigen könnte, als wäre er bei sich zu

Hause. So wirkte eine Harlekinsposse klärend, scheidend, ordnend, logisch

--: moralisch. Moral ist männlich und ist Ordnung; sie geht, glücklichster

Weise, die Frau nichts an, welche das Chaos ist und die Wildheit.

Aber die kleinen Spezialitäten der Moralität, wie sie einem Apachenmädel

sich bilden und einem ungeschickten Liebhaber, münden in den ewigen Strom.

Monsieur Delmas tritt auf, von den >Ambassadeurs< in Paris, ein fast zu

großer Herr, voll Routine, und der verzichtet auf alle Requisiten

romantischer Seitentäler, der gibt einfach, schlicht und groß, die

Ritterlichkeit, die Menschlichkeit des extremen Altruismus. Von aller Gier,

dieser so lächerlich und bedenklich verherrlichten Lust, ruft er zurück zur

Entsagung: »Ne profanez pas la chair des femmes.« Das hören die Leute voll

Ehrfurcht an. Sie begreifen rasch den Vorteil: wie der Ungenauigkeit ihres

Herzens Haltbares versprochen wird. Sie werden innerer Anordnung geneigt

und gewinnen plötzlich den Mut, einzugestehen, wie gar elend sie waren. An

diese Misere, da nun der Boden präpariert ist, darf sich Monsieur Delmas

heranwagen mit Tröstungen, Aussichten, Vorstellungen, die das Variété zur

Kathedrale machen. Allen, die da mühselig und beladen sind, beschwört er

die Golgatha-Vision -- là-haut, là-haut! -- und allen: Arbeitern, Matrosen,

Beamten, Huren und Statthaltern, verheißt sein Lied, nach dem

Kalvarienberge ihres Alltags, das reine Sonntagskleid der Erlösung . . . Da

mußte ich der Brettlsängerin Nine Pinson gedenken, wie sie, in der >Gaîté

Montparnasse< zu Paris, >la divine chanson< gegeben hatte, einem wilden

Parkett syndikalistischer Arbeiter diese Engelsmelodie hingeschenkt hatte,

diese frohe Botschaft schönerer Zukunft, mit vorgebreiteten Händen, mit

preisgegebener Seele, voll schwestersüßer Gnaden: sie, eine Verzehrte,

Verzerrte aus der Gegend des Toulouse-Lautrec . . .

Gewiß: das café-concert enthält ebenso schärfste Opposition gegen das

Christentum und zumal gegen die Geistlichkeit. Aber das ist die Opposition

Voltaires, ein geistiger Angriff, der nichts beweist, als daß sich alle

Lager der Wirkungsmöglichkeiten dieser Arenen bewußt sind. Und gewiß: die

Obszönität wird, vielerorts, auf scharfe Spitzen getrieben. Aber gerät sie

nicht eben dadurch in einen fahlen Schein von Größe, von Mut, von

Verantwortung? Wer so bleckend, so schleckend seine Raffinements bekennt,

hat vom Trotze des Bösen und bietet seine schlimmen Fieber ganz der

Vergeltung preis. Auf den Podien östlicherer Länder serviert man die

Anstandsverletzungen in wohlerwogenen Dosen; ist deshalb auch des

Zusammenbruchs und des moralischen Arrangements nicht fähig. Nur

unanständig ist da diese Sorte Literatur und sentimental, unmoralisch und

dumm.

Dumm: weil sie ganz unfruchtbar ist und nichts erreichen will. In

Frankreich will Geistigkeit wirksam sein und läßt sich keine Szene

entgehen. Was hat das Theater vermocht! Des Beaumarchais >Mariage de

Figaro<, sagte Napoléon, war schon die ganze Revolution. Heute gibt es

parteipolitische Cinéma-Films. Im Grunde ist jede Tingeltangelvorstellung

ein propagandistisches Meeting. Dicht neben der >Gaîté Montparnasse<, die

sozialistisch ist, steht >Bobino<, und diese Perle von music-hall ist

nationalistisch. In einer Matrosenspelunke zu Brest, vor ein paar Jahren,

entwickelte ein Künstler, der elegant war und welkende Veilchen im

Knopfloch trug, als heiße er Robert Graf von Montesquiou, so ziemlich das

Programm der >Guerre sociale<. Auf Wirkung verzichten: das wäre ja Tod.

Deshalb sind unter den Themen des café-concert diese: Politik und Religion

und Moral: welch letzte ihren Erregungen längst alle Reize des

Oppositionellen beigefügt hat und durch Casuistik bewahrt bleibt, so

langweilig zu werden wie jede Art von Libertinage.

Lesestücke · 第 36 / 51 题