In München zu leben, erscheint mir verächtlicher, als die meisten anderen
Todesarten. Es ist der Selbstmord, ohne die Ehrlichkeit des Giftes. Diese
Damen und Herren möchten sich dem Amerikanismus versagen und erreichen
nicht einmal zum Kloster das asketische Pathos. Nun bilden sie, im Café,
ein andächtiges Publikum der eigenen Verwesung; halten lockende Siesta bei
offenen Sargdeckeln; und die Ratlosigkeit von Geheimnissen, die keine sind,
formt, auf zerfallenden Gesichtern, ein blasses, wissendes, gequältes
Grinsen. In die gute Aufrichtigkeit der Angelus-Stunde plärren Castraten
ihr Coffeïn-Lallen. Wie anmaßend sie sind, und wie unkeusch -- die Knaben!
In der Ecke aber zersetzt sich eine Portion käsiger Quallen: die hungrigen
Detektivs der Seelen-Zerlegung, sehr avanciert. Die glotzen auf die heiße
Kalkwand, jenseits der Straße, und erträumen den Mäcen, der sich von ihnen,
in Monte Carlo, verführen lassen wird. O: liebe, liebe Münchner Nuance der
psychologischen Hochstapelei; bibliophile Rastas; süße, schmierige Insassen
der ewig selben Polsterungen; virtuelle Helden ihr; wichtige, notwendige,
registrierte, acclamierte Dämonen --: möge ein Ekel, den ihr erregt und
nicht mehr empfindet, euch dennoch zerfressen. (Hymne der Abschüttelung.)