Mit wie einfachen Mitteln auch schwierigere Fragen gelöst werden

können, das zeigt die elektrische Beleuchtung. Sie hätte leicht die

Raumstimmung stören können, wenn die Birnen mit den Glasschalen im

Raume pendelten oder irgendeine Dutzendware als Beleuchtungskörper

diente. Wie half sich der Künstler? Er bemalte den Glasschirm der

Pendellampe in kräftiger Stilisierung mit bunten Bauernblumen. Auf

den Glasschirm legte er einen bemalten Holzreifen, wie man sie in

Seiffen dreht, und ließ von ihm bunte Bänder herabhängen. Auf dem

Holzreifen aber ist allerlei Seiffener Spielzeug lebendig. Da sitzen

allerlei Vögelchen und schauen mit drolliger Kopfbewegung keck

herunter. Da jagt der Hirsch durch den Wald, verfolgt vom Jäger mit

seinem Hund. Kein Beleuchtungskörper ist wie der andere und doch

alle einheitlich und ein Schmuck des Raumes von echt volkstümlicher

Seiffener Heimatart. Der Hauptschmuck ist ein großer Kronleuchter, nach

Art von Kristallkronleuchtern gestaltet, jedoch aus weißen Holzperlen

zusammengesetzt mit sparsamer Vergoldung, ein mühsames, eigenartiges

Stück Seiffens Kunsthandarbeit.

In einem Glasschranke sind allerlei Musterstücke der Seiffener Kunst

ausgestellt, um die Kauflust anzuregen und damit dem Orte zu dienen.

Der Schrank wirkt freilich in seiner Form des oberen Abschlusses mit

den geschwungenen Linien und krausen Schnitzerei und Spitzchen hier

etwas fremdartig, als habe er sich hierher verlaufen und verirrt aus

einer anderen Welt. Das hat der Künstler wohl empfunden und hat ihm,

ohne helfen zu können, ein paar Bauernblumen auf die Stirn und unten

an den Schubkasten gemalt. So wirkt er in der echten einheitlichen

Raumstimmung gekünstelt und falsch, wie der Salontiroler in der

Dorfschenke. Auch das Klavier dort an der Wand wird dadurch, daß auf

die schwarze Politur ein paar kecke Bauernblumen gemalt werden, nicht

»echt«, wird nicht aus einem Salonwesen zu einem erzgebirgischen

Bauernkind. -- Gerade auf diesem Gebiete liegen noch viele ungelöste

Aufgaben, würdig der Mühe tüchtiger Künstlerhände. Die Gewohnheit läßt

oft Mängel auf diesem Gebiete übersehen, die in einer neuen, fein

abgestimmten, echten Umgebung plötzlich auffallen und das Verlangen

nach Neubildung und neuem Leben und Schaffen hervorrufen. In neuem

Lichte sieht man alte Formen und klarer sieht man, was not tut; den

falschen Ton einer Saite hört man schärfer, wenn alle anderen Saiten

und Instrumente gut gestimmt sind, wie hier. Doch diese kleinen

Unstimmigkeiten sollen uns die herzliche Freude und das Behagen an dem

stimmungsvollen, echt erzgebirgischen Raum nicht stören. Der Alltag

liegt weit hinter uns und fröhliche Weihnachtsgeister lachen durch

den Raum. Nicht in Lärm und jagendem Witz und Scherz, nein, in jener

tiefen, freudigen Stimmung sind wir beieinander, in der einer den

anderen versteht, und freudig aus seinem Innern gibt, weil er fühlt,

nur so kann eine gute Stunde ihren Wert als wahrhaft frohe Stunde

bringen. -- Wir betrachten dann den Nebenraum, der im Gegensatz oder

auch Ergänzung zu der echt volkstümlichen Seiffener Stimmung der

Gaststube mehr auf hohe Kunst erzgebirgischer Art und Landschaft und

als »Herrenstube« gestimmt ist. Er wird beherrscht von den Gemälden

mehrerer Künstler, welche hier das hohe Lied der Schönheit heimatlicher

Landschaft singen. E. Buchwald, Zinnwald, Alfred Hofmann, Stollberg,

Alfred Kunze, Chemnitz, Prof. Seifert, Seiffen, der Neubeleber und

Anreger der Seiffener Kunst und Gerhard Dreßler, der Künstler, dem die

stimmungsvolle Einrichtung des Hauses hier zu danken ist, sie alle

reden dort mit stummer eindringlicher Sprache von der Heimat, wie sie

ihnen dort durch die Seele gegangen ist, und ihre Bilder beseelen

den Raum. Ein Gasthauszimmer, ein Kneipenraum, und doch geweiht und

frohmachend durch die Kunst.

Man muß dem mutigen Unternehmer danken, diese Lösung der Frage »Kunst

und Kunsterziehung« für das Volk, so fest angepackt und durchgeführt zu

haben hier oben im erzgebirgischen Dorfe, während in den Großstädten

auch in den besten Gaststätten oft nur Plakate oder minderwertige

Kunst oder Kitsch zu finden ist. Wenn nur in jeder besseren Gaststätte

im Lande nur ein oder zwei Originalkunstwerke hingen, angeschafft

für das Geld, das anderweitig für die Augen- und Ohrenmarter der

Gäste hinausgeworfen wird und besser erspart bliebe so wäre unserer

notleidenden Kunst geholfen und durch die Erziehung und Freude,

welche jedes echte Kunstwerk schafft, würde reicher Segen geschaffen.

Könnten nicht die vornehmeren Gaststätten zugleich stimmungsvolle

Ausstellungsräume sein für Kunstwerke, die sich hier dem Käufer in

jeder Beleuchtung zur ruhigen Betrachtung darbieten können und für

sich und den Künstler unaufdringlich werben können in Räumen, die der

heimischen Wohnung ähnlich sind. Alle Teile, der Wirt, der Gast, die

Kunst und der Künstler hätten ihren Vorteil dabei.

Solche Betrachtungen und Lehren regt die Herrenstube hier im Seiffener

Erbgericht an, während die Sonne durch die bunten Scheiben blinkt

und leuchtende Farbenflecken auf die blankgescheuerten Tische wirft.

In den Fenstern sind buntfarbige Wappen und Tierbilder wie Elster,

Eichhörnchen, Fuchs, Hase angebracht und oben im Laubwerk und

Nadelgezweig des breiten Wandfrieses tummelt sich fröhlich allerlei

Getier des deutschen Waldes, frisch und keck ohne ängstliche Schablone

hingemalt, wie es der Phantasie des Künstlers entsprang. So regt es

auch wieder die Phantasie an und macht die Gedanken fröhlich.

Eine besondere Zierde des Raumes sind neben dem Holzleuchter an der

Decke mit einem Bergmann in der Mitte noch die geschnitzten dreiarmigen

Holzleuchter auf den Tischen, welche in ihrer leuchtenden Farbigkeit

und mit ihren fröhlichen Motiven das Auge anziehen. Als Mittelstück

zwischen den drei Armen sprengt dort z. B. ein Reiter im leuchtend

roten Rock mit einem Jagdhorn auf einem Apfelschimmel über ein

Fichtenbäumchen hinweg, dort ist es ein stolzer, springender Hirsch,

dort wieder der Kopf des Hubertushirsches mit dem Kreuz zwischen den

mächtigen Stangen. Das ist Volkskunst, welche erzählt, welche Seele und

Gedanken hinausführt aus dem grauen Alltag in Wald und Heide und das

Herz fröhlich macht.

So geht es dir im ganzen Hause! Schaust du in die Gastzimmer, so

findest du keine Hotelschablone. Nein, Bett und Leuchter, Tür, Stuhl

und Spiegel sind dem Geiste des Ganzen angepaßt. Kleine Originalgemälde

schmücken die Wand, die du, wenn sie dir besonders gefallen, sogar für

mäßigen Preis erwerben kannst. Manch launiger Vers grüßt dich. An der

Kammer der Magd steht warnend der Vers:

»Die Wirtin thut aufwecken

die faule, faule Magd,

sie thut sich erst recht strecken

und schlaft dann bis es tagt.«

Auf dem Treppenplatz im Dachgeschoß füllt die Ecke gewichtig ein

bunter, alter Bauernschrank aus dem Jahre 1704 und eine eigenartige,

buntgemalte Wiege steht daneben, welche auf dem Kasten den bedeutsamen

Spruch trägt:

Salomo der Weise spricht

Weib erfülle deine Pflicht. -- --

In einem Zimmer des Obergeschosses ist eine erzgebirgische Bauernstube

eingerichtet mit allerlei echtem Geräte bis ins kleinste liebevoll

und mit großem Verständnis ausgestattet. Dieser für die Volkskunde

belangreiche Raum ist so recht ein Zeugnis für den Sammeleifer und die

liebevolle Art, mit der die großen und die vielen kleinen, doch oft

so wichtigen Dinge des täglichen Lebens und untergehender Sitten und

Gebräuche erfaßt und bewahrt werden. Er ist zugleich auch ein Zeugnis

für den Geist der durch das bunte Haus geht, der alles aus Liebe zur

Sache mit großen Opfern geschaffen und nicht der Reklame und des

bloßen Gewinnes wegen, obschon auch hier die alte Wahrheit sich wieder

erweist, daß das Echte und Schöne und Gute seinen Lohn sich selbst

bereitet.

Das Haus dient dem Orte und der erzgebirgischen Volkskunst und

Industrie in unaufdringlicher, vornehmer Weise, dadurch, daß es durch

die lebendige Anschauung Freude daran zwanglos bei jedem Gaste erweckt

und die Lust am Besitze solcher lustigen Dinge.

Dieser Absicht dient auch die Spielwarenausstellung im Erdgeschoß des

Seitenflügels, wo man an der Fülle alter und neuer Stücke der Seiffener

Industrie und Kunstfertigkeit seine Freude hat und nach Herzenslust

wählen darf, was man sich oder anderen zur Freude erwerben mag. --

Doch draußen lacht die Sonne! Es hält uns nicht mehr im Zimmer.

Wir steigen zur Kirche aufwärts, welche als achteckiger Zentralbau

mit hohem Zeltdach und stolz daraus hervorschießendem Glockenturm

charaktervoll in die Landschaft der Höhenlinien und Hänge sich

hineinpaßt, wie aus dem Boden gewachsen und doch eigenartiges Leben

für sich behauptend. Über dem Haupteingange befindet sich eine Platte

mit der Inschrift: »Zur Ehre Gottes und zum Heil der Menschen geweihet

1779. Ps. 24. 7 -- Pred. 4. 17.« Links unten ist die Höhenmarke

640,462 ~m~ eingelassen. Im Innern ist man überrascht über die

geschlossene feierliche einheitliche Wirkung des zentralen Raumes, in

dem zwei Emporen übereinander äußerste Raumausnutzung bei günstiger

Anlage der Plätze zeigen. Im Sinne des großen Meisters der Frauenkirche

in Dresden, Georg Bähr, ist hier ein echt evangelischer Predigtraum für

viele Hörer in packendem Zusammenschluß geschaffen.

Auf dem Friedhof draußen stehen wir dann am Grabe des Pfarrers Härtel,

der ein rechter Pfarrer für seine Gemeinde war, ein treuer Berater für

die Seelen seiner Gemeinde, Helfer und Anreger auch in allen Dingen,

die zur Blüte seiner Gemeinde in wirtschaftlicher, heimatkundlicher und

kunstgewerblicher Hinsicht beitragen konnten, ein Freund der Heimat,

festgewurzelt im Boden seiner geliebten Gemeinde.

Draußen im Walde hatte er sein Lieblingsplätzchen, wo er von moosig

bewachsener Felsbank ins Tal schaute. Dieser Stein aus heimischem Grund

sollte sein Grabstein werden, hatte er einst gewünscht.

Als ein rascher Tod ihn seiner Gemeinde nach beinahe dreißigjähriger

treuer Arbeit entriß, da dachte man seiner Worte. Er konnte nicht mehr

zum Stein im Walde draußen gehen. So kam der Stein aus dem Walde zu

ihm und deckt nun als mächtige, rauhe Platte sein Grab und schützt

es wie der Deckstein das Grab eines germanischen Edelings. Eine

schlichte Inschrift nennt seinen Namen. Ein grüner Kranz aus ernsten

Fichtenzweigen ist sein Schmuck.

Eine weihevolle, ernste Stimmung liegt über dem Grabe. »Der ist in

tiefster Seele treu, der die Heimat liebt wie du!« --

Wir schreiten weiter unter der Traueresche hindurch, welche wie ein

mächtiger Torbogen die Straße überwölbt, und als ein eigenartiges

Naturdenkmal von besonderem Reiz zu hegen ist.

Die Binge ist unser Ziel. Zwei Kessel sind es, aus denen einst das Erz

gebrochen wurde. Eine Halde und steiler Felsgrat liegt zwischen ihnen

und trennt sie. In die kleinere kann man hineingehen. Sie wirkt wie ein

ungeheurer Steinbruch mit steilen Wänden, auf deren Vorsprüngen und

Kanten heute der leuchtende Schnee liegt und die Farben des Gesteines

besonders hervorhebt. Oben von der Höhe zwischen den Bingen haben wir

einen weiten Blick ins Land und auf den Ort zu unseren Füßen. Wie auf

einer gewaltigen Kanzel stehen wir hoch über der Geschäftigkeit des

Tages, die verworren zu uns heraufklingt. Dann steigen wir zur großen

Binge herab auf vereistem Wege, der glatt und nicht ungefährlich uns

dicht am Rande dieses ungeheuren, wildromantischen Kraters entlang

führt. Ein Wasser stürzt jenseits rauschend in die Tiefe und Eiszapfen

hängen von dem Gestein wie schimmernder Spitzenbehang. Aus dem Grunde

ragen Bäume auf und drüben am Rande stehen echt erzgebirgische,

niedrige Bergmannshäuser. Längst ist der Bergbau hier erloschen, aber

sein unverwischbares Gepräge hat er dem Orte gegeben. -- Doch jetzt

wollen wir noch Seiffen bei der Arbeit und bei der Kunst -- Kunst der

kleinen Leute suchen!

Unser Weg und unsere Wißbegierde führt uns in die Fachschule, die ein

Jungbrunnen für die Seiffener Industrie zu werden bestimmt ist. Eine

reiche Sammlung von Seiffener Spielzeug von ältester Zeit her zeigt

wie die Entwicklung von einstiger Höhe zur Tiefe abwärts und in der

neueren Zeit wieder zur Höhe aufwärts ging. Neben den alten guten

Sachen fesseln uns vor allen die Dinge der Gegenwart und Zukunft, die

Dinge der Hoffnung, neuzeitliche Arbeiten, die in echt erzgebirgischer

Art die fröhliche Farbenbuntheit mit immer wieder neuen Formgedanken

in materialgerechter Bildung und Herstellung verbinden. Über vielen

Arbeiten liegt ein frischer Humor, der uns unwillkürlich lächeln läßt,

wie bei jener Familie bunter Vögel, die mit ihren drehbaren Köpfchen

sich um ihren gravitätischen Vogelkönig mit dem großen Schnabel und

goldenem Krönchen scharen und mit aufgehobenen Schwänzchen bald keck,

bald dummdreist, bald fröhlich in die Welt gucken. Kindeseinfalt,

Märchensinn und Schelmerei sind mit scharfer, künstlerischer

Naturbeobachtung verbunden, um in einfachster Form und Technik

echte Vogelcharaktere zu geben und echtes kinderseliges Spielzeug

zu schaffen. Und doch ist es so schwer, wie man uns sagt, diesen

köstlichen Dingen Eingang ins Volk zu schaffen! Zur Anfertigung z. B.

dieser Vögel hatte sich nur eine Fabrik seinerzeit bereit gefunden,

welche inzwischen den Betrieb eingestellt hat. Diese Dinge werden also

aus dem Handel völlig verschwinden, wenn nicht ein anderer Betrieb

sie wieder aufnimmt und für den Vertrieb sorgt. Wir sehen in der

Ausstellung z. B. auch das köstliche Gespann eines Ochsen und Pferdes

vor einem Wagen mit Holzstämmen von einer verblüffenden Naturwahrheit

und Echtheit in der Bewegung bei aller packenden Einfachheit der

Form und Technik, daß man seine helle Freude daran hat. Auch dieses

prächtige Werk echt deutschen Kindersinnes wird in deutschen

Spielzeughandlungen wenig gekannt, geführt und gekauft. England und

Amerika sind die Abnehmer. Und doch sind gerade diese Dinge, welche

die künstlerische Leitung der Fachschule schafft und mustergültig

durcharbeitet, die Hoffnungen für einen neuen Aufschwung in

künstlerischem und wirtschaftlichem Sinne für die Seiffener Industrie.

Sie sind die gesunden Keime einer kräftigen, zukunftssicheren

Entwicklung und einer reichen kommenden Ernte.

Wenn die erstarrten und veralteten, z. T. unnatürlichen und unschönen

oder gekünstelten Formen, welche noch vielfach den Spielzeugmarkt und

die Musterläger beherrschen, diesen schönen Dingen weichen würden und

den reichen Anregungen der Fachschule mehr nachgegangen würde, so wäre

eine neue Blüte erzgebirgischer Kunstindustrie zu erhoffen. Das Schöne

muß Massenartikel werden.

Da hängen z. B. in der Ausstellung eine Reihe von reizvollen,

bunten Leuchtern aus Holz in einfacheren und reicheren Formen und

Ausgestaltungen nach Motiven der alten erzgebirgischen, sogenannten

Bergspinnen, gefertigt und belebt mit allerlei lustigen Figuren.

Wer kennt diese köstlichen Dinge? Sprudelndes Leben, volkstümliche

Kraft und bunte Farbenfreude spricht aus jedem Stück. Wie geschaffen

sind sie, um im Kinderzimmer, im Herrenzimmer, auf der Diele oder in

traulichen Gaststuben einen frohen Klang erzgebirgischer Heimatkunst,

Heimatlust und Freude zu tragen. Sie haben sprühende, lebendige

Ursprünglichkeit und farbenreiche Musik in allen Gliedern, wie ein

Volkslied, das durch alle Stimmungen reißt, innig empfunden und frisch

aus dem Herzen gesungen.

Sie sind wahre Volkskunst eigener echter Prägung und Art, durch

welche das Erzgebirge seinen Ruf in ungeahnte Fernen zu tragen

vermag. Denn nicht die Schablone, nicht die Allerweltsartikel,

nicht die Überalldinge, nicht die Billigkeit begründen den Ruf und

Erfolg, sondern die Eigenkunst, die Eigenkraft, der Eigenwert,

die volkstümliche Eigenart, welche lebendig aus dem tiefsten

Empfinden der Volksseele herausgewachsen ist. Wenn sich mit dieser

volkstümlichen Eigenkunst der echte Unternehmergeist im Betrieb und

Vertrieb verbündet, so wird er auch die wirtschaftlichen Erfolge für

die erzgebirgische Heimatkunst herbeizuführen wissen. Trotz vieler

köstlicher Dinge, die aus der Fachschule noch zu berichten wären,

z. B. die Christmetten mit der Kirche in Seiffen in wunderbarer

Lebendigkeit figurenreich hingestellt, müssen wir scheiden. Wir

gehen noch durch mancherlei Häuser und Fabriken, um einerseits die

Heimarbeit, andrerseits die Reifendreherei und die bis ins äußerste

getriebene Arbeitsteilung der Seiffener Industrie kennenzulernen, wo

mancherlei bemerkenswerte Beobachtungen, Bilder und Gespräche uns

lohnten. Geht nur mit offenen Augen und Herzen in die Arbeitsstätten

und ihr werdet stets reicher daraus wiederkehren. -- Durch bis ins

kleinste durchgeführte Arbeitsteilung werden in der Heimarbeit oft

mit großer Geschwindigkeit große Mengen des einfachen Spielzeuges

hergestellt. Da sitzt die ganze Familie oder mehrere Familien in einer

Stube beieinander, und das kleine Werk eilt von Hand zu Hand der

Vollendung entgegen. Die Männer an der Drehbank, den Reifen drehend,

von welchem wie schimmernde lustige Bänder die feinen Drehspäne

fliegen. Wie die Scheiben vom Kuchen, so werden vom Reifen die Profile

der Spielgestalten abgespalten, geschnitzt, zusammengesetzt, geleimt,

gemalt. Frauen und Kinder sind emsig tätig, singen auch wohl ein

Heimatlied von Anton Günther, während der Krinitz im Bauer dazu pfeift.

Aus der Heimarbeit mit ihrer Traulichkeit, die die Familienglieder oder

Nachbarschaft zu gemeinsamer Tätigkeit zusammenschließt, entwickelt

sich durch die Arbeitsteilung die Fabrikarbeit, wo die Hand die

Maschine bedient oder in einförmiger, immer wieder geübter Bewegung zur

Maschine wird. An langen Tischen sitzen sie und schaffen und reichen

sich die Arbeitsteile zu; nur der Arbeitsvorgang verbindet sie noch

äußerlich. Das innere Verhältnis zur Arbeit, das innere Band, welches

die Familie daheim um die gemeinsame Schöpfung eines Spielzeuges

zusammenschloß, ist verlorengegangen, das was den Heimatfreund so

fesselte, ist nicht mehr. Freilich mag diese Industrie mehr Leute und

besser nähren, wir wollen sie nicht drum schelten, aber die Seele ist

doch verloren gegangen und die Innigkeit des schlichten Empfindens, die

Poesie der Schöpferfreude ist in den Fabriksälen nicht zu finden! --

Von sausenden Rädern und Transmissionen aus Sälen, durch deren mächtige

Fenster hart, kalt und helle der nüchterne Tag hineinschien, traten wir

in ein schlichtes Haus und stiegen auf hölzerner Treppe mit knarrenden

Stufen aufwärts zu einem alten Mütterchen von mehr als 70 Jahren,

Auguste Müller, welche als letzte wohl noch die urtümliche Herstellung

einzelner Originalstücke nach eigener Erfindung in mühevoller

Handarbeit von rohem Holze bis zum letzten Pinselstrich in köstlicher

Naivität übt und in ihren Figuren ihre Phantasie mit munterem Blick

durch die ganze Gotteswelt spazieren läßt.

Mit gebeugtem Rücken, sitzt sie im engen Stübchen, das Küche,

Schlafzimmer, Wohnzimmer und Arbeitsraum, Himmel, Erde und Weltall

zugleich ist, wo die Katze schnurrend umherstreicht. In malerischer

oder vielmehr schnitzerischer Unordnung liegen auf dem Tisch

Arbeitsgeräte, gekochte Kartoffeln, Nähzeug, Kaffeetopf und allerlei

Dinge verschiedenster Bestimmung. Eifrig holt sie einen Kasten

herbei mit einzelnen fertigen Arbeiten und erzählt von ihren Plänen.

Für einen feinen Herrn hat sie die Figuren der Söhne geschnitzt in

Matrosenanzügen, und ein feines Fräulein mit Täschchen und Federhut. Im

Walde lebt der »Nusser« (Häher) sagt sie, und diesen packt der Habicht.

Da verliert er seine kleinen blauen Federn. Diese sammelt sie sich und

schmückt damit den Federhut des feinen Fräuleins. Für Kleid und Tasche

sucht sie in der Modenzeitung ihre Muster in Schnitt und Farbe. Für das

Dienstmädchen wählt sie ein flottes Dirndlkleid. Frisch ist der Typus

der feinen Dame und des drallen Dienstmädchens getroffen. Dort hat

sie eine ganze Tiroler Sängergesellschaft humorvoll zusammengestellt.

Jetzt wolle sie einen Tempel bauen mit einer Krone oben, um den die

Engel schweben. So geht ihre Phantasie und ihr Plaudern mit einer

erstaunlichen Lebendigkeit. Was sie sich zusammensinniert mit ihrer

kindlichen Phantasie, das führt sie mit großer Sicherheit durch, wofür

viele eigenartige und reizvolle Stücke in der Sammlung der Fachschule

und im Bunten Haus Zeugnis ablegen. Unter manches dieser Stücke klebt

sie einen Zettel, auf dem irgendeine Schnurre oder scherzhafter

Einfall notiert ist, der ihr vielleicht gerade Anlaß zu dieser Arbeit

und ihrem Humor gegeben hat. So läßt sie ihre kleinen Personen reden

und macht sie sich selbst lebendig. Sie lebt mit ihnen, sie sind

kindlicher Ausdruck ihrer Stimmung. Auch ihr Name darf nicht fehlen.

Ein stark abgeschliffenes Schnitzmesser ist ihr Handwerkszeug bei der

Schnitzarbeit.

Das ist echte Volkskunst in ihrer ganzen naiven Kindlichkeit, die noch

in diesem alten Mütterchen lebt und webt, sie ausfüllt und geistig

lebendig, zufrieden und rüstig erhält, trotz aller Kärglichkeit und

Sorge, welche der mühsame Erwerb bereitet; Volkskunst, wo in jedem

einzelnen Stück die ganze Liebe und Freude des Herstellers an der

Arbeit steckt und es wertvoll macht als Originalwerk, das aus der Seele

des Volkes geboren ist. Volkskunst freilich auch, die nicht für den

Massenexport und als Lebensberuf geeignet ist. --

Wir scheiden von der Alten mit dem Wunsche, daß sie noch lange ihr

Schnitzmesser führen möge als letzte Schnitzerin echt volkstümlicher

Seiffener Kleinkunst. Ihre kleinen Arbeiten werden wohl bald in

Sammlungen solcher Dinge gesucht sein.

Bei dieser Wanderung durch die Seiffener Arbeitsstätten haben wir

immer stärker und stärker empfunden, daß nur die Pflege der Eigenart

uns stark machen kann. Nur in ihr schlummert die urwüchsige Kraft,

welche sich durchzusetzen und zu behaupten vermag. Nur durch kraftvolle

Eigenart und schlichte, einfache, volkstümliche, kindhafte Gestaltung

muß diese Volkskunst wirken, sich abheben, herausheben von dem

Gleichgültigen, aus der stumpfen Masse, aus tödlicher Schablone. Wie

unsere Berge ihren Charakter tragen, der auch in den echten Kindern der

Berge sich ausprägt, so muß die Kunst des Gebirges zu immer größerer

Echtheit und Eigenart, zum Charakter sich durchringen und emporsteigen,

mehr und mehr echt erzgebirgische Weihnachts- und Kinderkunst werden.

Der innere Gehalt und äußere Wert können und werden dadurch wachsen und

eine neue Blüte der alten erzgebirgischen Volkskunst gewinnen.

Hebt euch, ihr Künstlerhände, zum Werke und zur Tat, wache auf, du

deutsche Phantasie mit Kindesaugen und Kinderherzen und schaffe neues

Kinderglück, greife ins Land der Träume und trag’ die Erfüllung ins

Land der Wirklichkeit, raffe dich auf, Unternehmergeist, zu frischem

Wagen auf neuen Wegen und zu neuer Unternehmung für alte und neue

Weihnachtskunst und Kinderkunst.

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Aus grauen Mauern und grünen Weiten Schauen und Sinnen auf Heimatwegen · 第 24 / 25 段