Grüß Gott du altes Weiblein dort am Fenster in deinem warmen Stüblein,

du neidest uns nicht unseren Gang in den Winter hinaus. Der warme Ofen

ist dir Erfüllung deiner Wünsche. Uns sollen noch Wind und Wald und

Schnee Lieder der Sehnsucht und der Wünsche Gewalt und Erfüllung finden

lassen.

Und ihr Schläfer hinter der schlichten Mauer unter den weißen Hügeln

dort drüben, eure Herzen gingen zur Ruhe, aber was ihr gedacht und

gelebt, es lebt und wirkt in ungeahnten Kräften. Vielleicht ist es

im Wind lebendig, der dort vom Walde herüberweht, den ihr vielleicht

gepflanzt habt, vielleicht klingt es aus dem Jauchzen der Kinder, die

dort mit Schneeballen werfen, Kinder eures Blutes, vielleicht liegt

es keimend im Acker, an dessen Rand wir dahinschreiten und dessen

Frucht vielleicht dem Fleiß der nimmermüden Hände vieler Geschlechter,

eurer Geschlechter, die dort ruhen, zu danken ist, vielleicht sind die

Gedanken und Stimmungen, die uns hier überkommen, Spuren unsichtbaren

Lebens, das hier daheim ist, Spuren eures Lebens, das ihr ganz an

eure Heimat gewendet habt, und das uns nun eure Heimat lebendig und

beseelt macht. Mit uns wandern alter ferner Zeiten stille Gestalten,

nicht als dunkle Schatten, nein als Leben von unserem Blut, die das

Leben gelitten und durchkämpft und bestanden haben und mit uns gehen

als Freunde, um vom Schicksal zu reden, vom Schicksal der Seelen, vom

Schicksal der Heimat, von Vergangenheit und Zukunft.

Sinnend schreiten wir in den Weihnachtswald, in dem die Schneeflecke

aus dem dunklen Grün leuchten. Rechts schimmert die vereiste Fahrstraße

durch die Stämme und der breite Streifen eines Kahlschlages. Was geht

es sich so weich in dem harzduftigen Walde, als schritten wir in den

Sonntag hinein, wo es so kirchenstill ist, als hätte eine heilige

Feierstunde begonnen, in der alles fernen, fernen leisen Klängen

lauscht wie geheimnisvollem Läuten sehnsuchtsweiter Glocken, dem Harfen

des Windes in den Wipfeln oder dem Rieseln und Sickern des schmelzenden

Schnees im Waldboden.

Ein dünner blauer Rauch steigt aus der Schneise empor und füllt die

Luft mit starkem Harzgeruch. Wie Weihrauch und stilles Opfer zu

geheimnisvoller Weihe zerfließt er über den Wipfeln. Der Wald duftet

stärker als zuvor.

Wir treten auf eine weite Lichtung hinaus. Wie ein schimmernder Saal

mit silbernem Teppich liegt sie da rings vom schweigenden Walde wie von

dunklen Wänden umschlossen. Dicht am Walde liegt »das kleine Vorwerk«

mit weißem Schneepelz auf dem Dache. Alles ist still und fügt sich

einfach und schlicht in die große heilige Ruhe. Ein mächtiger Baum in

der Nähe, herrlich nach allen Seiten gleichmäßig entwickelt, steht da

wie der stille Wächter der Einsamkeit. Die leere schneefeuchte Bank

an seinem Stamm unter den schimmernden Zweigen ist heute ein starkes

Sinnbild der Verlassenheit oder Vergessenheit. Wie mag im Sommer unter

seinem grünen Dach das Leben eine Stätte haben. Dort rastet der einsame

Wanderer, dort ruht der Schnitter und genießt sein einfaches Mahl. Dort

lacht und spielt fröhliche Jugend und die wandernde Horde lustiger

Vögel, dort klingt ein altes Lied von Liebe und Leid zur Laute. Dort

sitzt im sinkenden Tagesschein das Liebespaar und lauscht dem Flöten

der Singdrossel hoch oben im Gezweig: Ein Baum, um den alle Poesie von

Wald und Wiese und stillen Wegen wirkt und webt. --

Der Wald nimmt uns wieder auf und nach kurzer Wanderung zwischen

seinen schneebehangenen Zweigen öffnet sich eine neue Lichtung, der

Mörtelgrund. Wie ein breites silbernes Band liegt er zwischen den

dunklen Fichten, quer den Wald durchschneidend und einen weiten Blick

aufwärts und abwärts gewährend. Oberhalb zieht sich die Staatsstraße

mit einem Brückenbogen den Bach überspringend. Nach unten schweift der

Blick in die Ferne. An der Straße hier liegt aber ein stiller Teich,

auf dessen Damm gewaltige Fichten wie stolze Türme sich erheben. Weit

breiten sich die untersten Zweige fast dicht über den Boden hin.

Ebenmäßig bauen sich die Prachtgestalten auf und ein Flüstern geht

durch ihre dichten Nadeln, als raunten sie Geheimnisse aus alter

kühner Heldenzeit, als wüßten sie Kunde von seltsamen Abenteuern und

Märchen des Waldes oder von der schönen verwunschenen Fee im kühlen

Wasser dort unter dem grünlichen Eis, verwunschen und verzaubert im

gläsernen Sarge. An den Nadelspitzen hängen Tausende funkelnder Tropfen

wie Perlen, als hätte ein Weihnachtswunder den köstlichen Schmuck

gezaubert. Da regen sich sachte die Zweige und wie schimmernde Tränen

fallen die Tropfen nieder mit leisem, feinem Klingen.

Die Wasserfei lauscht, denn es klang an der gläsernen Decke, als pochte

schon der Frühling an, um den Zauberbann zu lösen, der sie verschlossen

hält. -- Ach lausche nur, der Frühling ist noch weit und ferne die

Zeit, dich auf der duftigen Wiese im Mondschein im Tanze zu wiegen und

Blumenkränze in deine fliegenden Locken zu flechten. -- --

Durch Wald geht es weiter, und dann treten wir auf freie Höhe hinaus.

Entzückt schweifen die Blicke über die reinen edlen Linien der Berge,

welche sich in langen Zügen in den Himmel schwingen, zarter und zarter,

bis sie in weiter Ferne verblauen. Dicht vor uns ist der Schwartenberg

mit breitem Rücken. Rehbraun und weiß ist das Gewand gescheckt, das

er über seine breiten Schultern gelegt hat, und in unendlich feinem

Tone mischt sich ein zartes Veil und Blau hinein. Ja, du trägst nicht

Sorge um moderne Farbenstellung deines Kleides, und was die kleine

Welt dort unten zu deinem Gesicht und deinem Wesen und Kleid sagt. Ob

Sonnenstrahlen um dein Haupt klingen und singen, ob der Sturm dir seine

wilden Weisen schnaubt und heult, du lächelst im fröhlichen Gewand

dem Frühling, du schaust im rechten Feierkleide dem Winter ernst und

versonnen ins grimme Gesicht. -- Wie still und weit wird doch das

Herz, wenn es fern vom lauten Troß und Trieb der Niederung so in die

schweigende Bergwelt des Winters schaut. Wie fühlt man so tief, daß

echte Werte nicht im Lärm, sondern nur in der großen Stille sein und

werden können. Schweigen ist Kraft. Schweigen ist Tiefe. In dieser

heiligen Stille fällt alles Äußere ab und der Kern, Wesenheit und Wert

der Dinge wird offenbar. Wohl dir, wenn du ohne Lüge bestehst, der

Stille ins tiefe Auge sehen kannst, wenn die Stille dir noch etwas sein

und geben kann.

»Das Ewige ist stille,

laut die Vergänglichkeit;

schweigend geht Gottes Wille

über den Erdenstreit.«

(Wilhelm Raabe.)

* * * * *

Der Weg senkt sich allmählich. Aus dem Talgrunde steigen Türme und

Mauern in malerischer Gruppe auf: Schloß Purschenstein und zu seinen

Füßen die Dächer und Giebel von Neuhausen. Der Weg ist stark vereist

und nicht ohne manches Ausgleiten und heiteren Fall führt er uns ins

Dorf hinab.

Wie stolz liegt die malerische Baugruppe der alten Burg nun jetzt über

uns, mit ihren spitzen Türmen über die Bäume des Parkes am Berghang

hinwegschauend.

Als Grenzburg hat sie durch viele Jahrhunderte Feinden Trutz

geboten und war zugleich auch eine Zufluchtsstätte in der Zeit der

Glaubenskämpfe für zahlreiche aus ihrer böhmischen Heimat vertriebene

lutherische Exulanten. Mehr als ein halbes Jahrtausend sitzt hier

das Geschlecht der Herren von Schoenberg bis auf den heutigen Tag.

Freilich ist die Zeit jener Herrschaftsgewalt vorüber, als zu Beginn

des Dreißigjährigen Krieges die Purschensteiner Schönberge neben

den weitausgedehnten Waldungen 5 feste Schlösser, 4 Rittergüter,

2 Städte, 1 Marktflecken und 39 Dörfer ihr eigen nannten und über

einen Besitz von rund 500 Quadratkilometer -- ein kleines Fürstentum

-- als Herren geboten. Der Ruhm dieses Geschlechtes, der zugleich

seine Blüte bedingt, ist die Arbeit, der weitschauende Blick, welcher

in der wirtschaftlichen Entwicklung und zielbewußter Siedelung und

Aufbautätigkeit die Wohlfahrt seiner weiten Gebiete förderte.

Die Aufnahme der böhmischen Exulanten war nicht nur eine Tat

lutherischen Geistes und menschlichen Mitgefühls, sondern auch

klügster wirtschaftspolitischer Überlegung. In zahlreichen

Dörfern und industriellen Unternehmungen erblühte neues Leben und

neue wirtschaftliche Kraft für die Ansiedler ebenso wie für den

weitschauenden Grundherren. Deutscheinsiedel, Deutschneudorf,

Niederseiffenbach, Heidelberg, Oberseiffenbach, Deutschkatharinenberg,

Brüderwiese, Eisenzeche, Lässigherd, Oberlochmühle, Frauenbach,

Deutschgeorgenthal, Neuwernsdorf, Oberneuschönberg,

Niederneuschönberg, Kleinneuschönberg u. a. sind Orte, die solcher

bewußten Siedlungstätigkeit ihre Entstehung verdanken.

Damals schaute das Schloß nach einem Bilde von 1735 noch bei

weitem stattlicher ins Land. Fünf hohe schlanke Türme mit offener,

durchsichtiger Laterne und geschwungenen Haubendächern, ähnlich wie der

Freiberger Rathausturm, ragten in die blauen Lüfte und bezeichneten

die von starken Mauern umgürtete und durch tiefen Wallgraben und

steilen Absturz geschützte Hauptburg, die wie eine stolze Krone auf

der Bergeshöhe leuchtete. Wie mag so mancher Flüchtling, der vom

Feinde gehetzt aus den dunkelen Tiefen der Dickichte der Grenzwälder

emportauchte, diese leuchtenden Türme auf dem Berge mit Jubel gegrüßt

haben. Wie mag so mancher Feind begehrlich nach diesen festen

Mauern und hellen Fenstern geblickt haben. Feindlichen Angriffen,

Plünderungen und Zerstörungen ist dieser stolze Sitz jedoch nicht

entgangen. 1643 z. B. war das Schloß von Schweden besetzt. Da rückte

der Rittmeister Sporr von der kaiserlichen Armeeabteilung des Grafen

Brey mit 200 Reitern aus Böhmen heran, um die Schweden aufzuheben und

das Schloß in Brand zu stecken. Schon hatten die Kaiserlichen viel

Leitern und Stroh herbeigetragen, um letzteres zu ersteigen. »Es haben

sich aber die darinnen gelegenen 46 Mann Schwedischer Reuther mit

Schüßen und Steinwerffen so ritterlich gehalten, daß die Keyßerlichen

200 Mann unverrichteter Sache wieder abziehen müssen.« Sporr rächte

sich dadurch, daß er die außerhalb der Mauern liegenden Stallgebäude in

Brand steckte. Die Schweden hielten aber das Schloß noch acht Wochen

besetzt und brandschatzten ihrerseits die Umgegend nach Herzenslust.

Auch 1646 haben hier noch einmal die Schweden gehaust. 2000 Mann

plünderten die Kirchgemeinde Neuhausen, trieben von hier und aus

Dittersbach und Seiffen sämtliches Vieh hinweg, raubten das Schloß

aus und zündeten den oberen Teil desselben an. »Die Schweden kommen«

war der Schreckensruf, der noch nach langen Friedensjahren den

Bauer mit Entsetzen füllte. Es hatte sich zu tief eingeprägt, was

die Pfarrchronik sagt: »weil wier damals, wie noch alle stund und

augenblick in großer kriegesnot und gefahr geschwebet«, und »weil

die Kriegesnot und gefahr noch so groß ja größer ist, als sie iemals

gewesen, sintemal uns der Feind mit rauben, plündern und anderen

grausamen thaten, ie länger ie mehr kömmt, ... große Tyranney verubet,

... ausgeplündert« usw.

* * * * *

Doch hinweg mit den Bildern aus blutiger, schwerer Zeit. Wir wollen

heute hier nicht rasten, so lockend auch der alte malerische Bau auf

der Höhe und dort das behäbige Gasthaus an der Straße winken. Wir

wollen ja hinüber ins Weihnachtsland, das jenseits des Berges liegt.

Auf steilem Wege geht es weiter und an der Flanke des Schwartenberges,

»an der Schwarte« empor. Hei, das war ein lustiges Klettern, Steigen

und Rutschen auf dem blanken Eis des schmalen Weges, wo oft nur der

feste Wanderstab vor jähem Sturz und Abgleiten bewahrte und manchesmal

nur ein rascher Griff in das Gestrüpp oder nach einem Baumstamm

eine unfreiwillige rasche Talfahrt ohne Schlitten auf den eigenen

gewachsenen Rodelkufen verhütete.

Diese Bergflanken oberhalb Neuhausens senden in schneereichen Wintern

auch ihre Lawinen zu Tal, die manchmal nicht ungefährlich sind. Wer

den erzgebirgischen Winter kennt und erlebt hat, wie in tagelangem

Schneetreiben oft die Schneemassen sich türmen und Schneewehen zu

Bergen sich emporbäumen, wie in den Wäldern viele Hunderte stolzer

Wipfel unter der kalten, drückenden Faust des Schnees niederbrechen,

wer einmal in solchem Schneesturm gewandert ist oder vielmehr

sich durchgekämpft hat, der wird die unheimliche Gewalt solcher

Naturereignisse ermessen.

Im Winter 1835 löste sich vom hohen Gassenberge eine Schneelawine und

zerstörte gänzlich das Haus des Korbmachers Hengst, der sich mit den

Seinen jedoch noch rechtzeitig retten konnte. 1862 verschüttete eine

Schneelawine das Heinrichsche Haus in der Treibe derartig, daß seine

Bewohner erst nach langem Schaufeln durch ein Dachfenster des obersten

Bodens mit Lebensgefahr in Sicherheit gebracht werden konnten.

Heute liegt jedoch der Schnee hier oben nicht so dicht in geschlossenen

Flächen. Locker, weich und leuchtend wirkt er in den einzelnen

Flecken und Bändern wie ein schimmernder Schmuck, den der Berg zur

Weihnachtszeit sich angelegt.

Wir erreichen einige einsame Höfe und gehen dann über eine Schneefläche

wie auf weichem, kostbarem Teppich auf ebenerem Höhenweg dahin. Wie

liegt die Welt so fern und klein unter uns. In weiter Ferne der

Kirchturm von Sayda. Davor der Wald, den wir durchschritten. Im Tale

einige Dächer und Häuser wie vergessen und verloren. Die Dinge der

Niederung sind klein geworden, das Große, Erhabene zieht den Blick an.

Die Augen schweifen in die Runde und können sich nicht satt trinken an

all der keuschen Herrlichkeit der Berglinien und dem Dufte der Farben

vom leuchtenden Weiß zum tiefen Blau und Grün, vom zartesten Braun bis

zum satten Veil dort in den tiefen Gründen der Täler und Wälder.

Höhenluft! -- Wie atmen wir darin auf, wie atmen wir so tief und frei

und unsre Seele atmet mit, denn um uns und in uns ist das große, stille

Leuchten, das man erlebt, wenn man Höhenwege wandert hoch über dem

Alltag. Staubige Pfade liegen fern in der Tiefe, in reiner Höhenluft

wird das Blut und die Seele frei, frei für Höhengedanken frei von

dunklen Tiefen.

Oben über uns reckt sich eine Felsengruppe in die Luft, als wäre

sie der Stuhl eines Gewaltigen, der von hier aus sein weites Reich

überschaut, dem die Wälder Teppiche und die Berge und Täler Stufen

seiner Herrlichkeit sind.

Unter einer alten, knorrigen Buche am Wege stehen wir. Sie ist vom

Sturm zerzaust, und die Äste recken sich trotzig, wie feste Arme mit

starken Muskeln und Gelenken dem Wetter entgegen, als wollten sie mit

dem ungestümen Gesellen raufen. Der Schnee liegt in weißen Wuchten

im struppigen Gezweig, und es fällt ab und zu ein nasser Klumpen

hernieder. Wir aber stehen und schauen in das große stille Leuchten

hinaus.

»Kein irdscher Laut mehr reichte durch die Lüfte,

Mir wars, als stände ich mit Gott alleine,

So einsam, weit und helle wars da oben.«

Um die Felsblöcke dort oben saust der Wind. Frau Sage sitzt dort und

raunt ihm ihre Geheimnisse zu. Zauberkundige Venetianer, »die Walen«,

sollen dort Gold gefunden und aus unterirdischen Höhlen geborgen haben.

Als 1874 moderne Goldgräber hier ihren Schacht in die Tiefe trieben,

da floh das Gold und wurde taubes Gestein und arm an Beutel mußte die

Habgier heimkehren. Frau Sage sitzt wieder dort und schaut mit tiefen

Augen ins Land und dir in die Seele, wenn du ein Sonntagskind bist, d.

h. wenn du Höhengedanken in dir trägst. Sie erzählt dir von den Wundern

der Heimat, die ewig sind und ewig jung.

Durch tiefen Schnee ging es dann weiter und schließlich abwärts ins

Seiffener Tal, zuletzt auf steilem Fußwege hinunter. Tiefe Schneewehen

boten hier willkommenen Halt auf dem vereisten steilen Pfad gegen

den Absturz. Watend und springend, rutschend und fest den Wanderstab

einsetzend gelangten wir glücklich zu den ersten Häusern am Hange,

wo der Weg ebener und sicherer wurde und uns bald an winzigen

Erzgebirgshäuseln vorbei auf die Talstraße führte.

Nur wenige Schritte noch und unser Ziel ist erreicht, das Erbgericht,

das bunte Haus. Helle leuchten uns seine blanken Mauern und Fenster

entgegen. Ein Querhaus und zwei Flügel umschließen einen offenen Hof,

als breiteten sich uns offene Arme entgegen: »Seid willkommen, hie ist

gut sein, hier magst du rasten und weilen und mag es dir wohl werden.«

Dort über den Fenstern grüßt gar vertraut Alt-Freibergs Bergparade

vom langen, gemalten, bunten Holzschild. Ja wahrlich, es ist recht,

hier der alten Berghauptstadt des Landes und ihrer Bergherrlichkeit

zu gedenken in so sinniger und sinnfälliger Weise, denn von ihr ging

die Kultur des Landes aus, ward die Wildnis des Miriquidi gerodet und

besiedelt, wurden die Erzgruben des Gebirges erschlossen. Der Name

Erzgebirge wurde erst im sechzehnten Jahrhundert üblich, als an vielen

Stellen Erz entdeckt und die Bergstädte mit den Namen der heiligen

Familie wie Joachimsthal, Annaberg, Marienberg, Jöhstadt usw. gegründet

wurden.

Vorher hieß es nach den Worten eines alten Dichters:

»Sehr wild und felsicht wars in diesen Waldesöden,

Da hauste Wolf und Bär mehr als ein Menschenkind.

Man sahe nichts von Feld, von Handelschaft und Städten,

Die Luft war angestrengt mit Nebel, Frost und Wind.«

Auch Seiffen dankt ja seinen Namen und Entstehung dem Bergbau, dem

Zinnbergbau. Ausseiffen bedeutet auswaschen der Erzkörner aus Sand

und Geröll. Längst ist er zwar zur Rüste gegangen, aber überall hat

er seine unverwischbaren Spuren hinterlassen. Man sieht es, daß der

Bergbau nicht unbedeutend gewesen sein kann und dies bestätigen alte

Berichte: 1686 wurden rund 200 Zentner »Zien« ~à~ 22--23 Thaler

gewonnen. 1730 waren in Seiffen vier, im benachbarten Heidelberg zehn

Zechen im Betrieb. Die Ausbeute betrug 508 Zentner Zinn ~à~ 22 Thaler.

Doch allmählich ließ die Ergiebigkeit der Gruben nach, der Bergbau kam

in Verfall. Schon im 16. Jahrhundert gab es Holzdrechsler, welche mehr

dem Holzreichtum der Wälder als dem Erzreichtum der Tiefe trauten.

Der Bergmann ist ja auch immer ein Basteler gewesen. So ist es kein

Wunder, daß oft aus dem Zeitvertreib ein Beruf wurde, und daß, als

der Bergbau seinen Mann nicht mehr nährte, statt Schlägel und Eisen

das Schnitzmesser den Lebensunterhalt verdienen mußte. Seiffen wurde

allmählich der Mittelpunkt und Hauptort der Spielwarenindustrie. Es

wurde aus einem alten Bergmannsdorf der Typus des erzgebirgischen

Schnitzer- und Industriedorfes, wo eigenartige Gegensätze sich berühren.

Hier das »Bunte Haus« ist so recht das Heim und der Ausdruck dieser

erzgebirgischen Volkskunst und Volksindustrie geworden, einer

Weihnachtskunst, bei der man fröhlich und ein Kind wird wie zu

Weihnachten, in der man sich heimisch und wohlfühlt, als erzählte

Großmutter ein Märchen aus der Zeit »Es war einmal«. Vom hübsch

geschmiedeten Arm an der Hausecke grüßt uns der Spruch:

»Erst die Erde, dann die Sterne,

Erst die Heimat, dann die Ferne.«

Jawohl, viele suchen die Heimat und können doch nie heimfinden,

viele haben die Heimat und halten sie nicht. Heimat ist kein leerer

Ortsbegriff, Heimat ist eine Herzenssache. Wer kein Herz hat, wie will

der die Heimat finden oder halten?

Möge die Kunst der Heimat der Heimat eine Seele geben, welche jene

Vielen wieder zu rechten Heimatfreunden, Heimatkindern mit Herzen voll

heimwehen Heimatstolzes macht. --

Hier im Bunten Hause ist der wohlgelungene Versuch gemacht, durch die

Heimatkunst des Ortes ein echt erzgebirgisches Heimathaus zu machen,

in welchem man das Herz der Heimat pochen fühlt und hört. Was der

Hausspruch sagt und wünscht, das mag wohl sicher in Erfüllung gehen:

»Die Vorzeit grüßt Euch, daß Ihr wißt,

wie schön sie einst gewesen ist.

Gott gebe, daß die Nachwelt spat

an uns dieselbe Freude hat.«

Doch nein, nicht nur für die Nachwelt, nein, für das bunte, freudige

Leben des Tages und seiner Gäste ist das Haus geschaffen.

Ein frohes Behagen umfängt uns, treten wir unter sein Dach. Der

Hauptschmuck des geräumigen Hausflures ist die Gestalt eines Freiberger

Bergmannes, der auf einer Konsole kniet bei der Arbeit vor Ort mit

Schlägel und Eisen. Der Bergmann, der Erzsucher und Erzfinder, ist --

oder leider vielmehr war -- ja die Charaktergestalt des Erzgebirges.

Bergleute sind Wappenhalter bei erzgebirgischen Städtewappen, Bergleute

sind die Träger erzgebirgischer Kanzeln, Bergleute sind in den alten

Bergstädten Schmuckfiguren an Bürgerhaus und Portalen, in Kirchen und

an Geräten. Der bergmännische Gruß »Glückauf« klingt dir oft noch

treuherzig entgegen. Bergleute sind das Spielzeug großer und kleiner

erzgebirgischer Kinder. So mag auch hier, wie nirgends, der Bergmann an

seinem Platze sein.

Wir treten in die Gaststube ein und fühlen uns wie zu Hause in warmer

Behaglichkeit. Die Wände sind dunkelbraun getäfelt und rings von

den Simsen klingt es uns wie Kinderlachen und Weihnachtsjubel aus

frohen Kinderherzen entgegen. Da ist sie aufmarschiert die ganze

bunte, lustige Gesellschaft, ohne die Weihnachten im Erzgebirge nicht

denkbar ist: die Bergleute und Weihnachtsengel mit ihren Lichtern,

die Nußknacker im buntesten Wechsel, die Räuchermännlein in allerlei

abenteuerlichen Gestalten. Pferdchen, Kühe und Schafe und der getreue

Spitz dürfen nicht fehlen. Über den bunt mit Blumen bemalten Türen, wie

wir sie von den alten Bauernschränken kennen, ist hier der Frachtwagen

auf die Wand gemalt mit seinen vier starken Pferden, wie er einst auf

den Straßen des Gebirges verkehrte, um Salz nach Böhmen oder das gute

Freiberger Bier ins Gebirge zu schaffen. Dort ist der Postschlitten in

voller Fahrt dargestellt. Kein Plakat, wie sonst in Gaststuben, stört

mit aufdringlicher Reklame die Harmonie des Raumes.

Einfach gerahmte Bilder aus der erzgebirgischen Heimat von Künstlerhand

schmücken die Wände, deren oberen Abschluß ein starkes farbiges

Friesband -- Ähren mit bunten Feldblumen -- bildet. Durch die Fenster

strömt das volle Licht herein, denn sie sind frei von unnützen

Gardinen und Stoffgehängen. Dafür schmückt ein starker, farbiger Fries

von Blumen die tiefen Fensterlaibungen und vor den Scheiben hängen

gute Glasbilder in farbiger Bleiverglasung mit Darstellungen eines

drolligen Musikantenvolkes voll köstlichen Humors. Eine wohltuende,

satte, tiefe harmonische Farbigkeit erfüllt den Raum wie ein voller,

echter Klang, der von allen Sinnen aufgenommen wird und warm zum Herzen

dringt. Die kräftigen, gut geformten Holzstühle und Tische laden ein

zu behaglicher Rast und helfen das Gefühl des Daheimseins steigern,

weil sie sich ganz in die Raumstimmung fügen. Die Teller, von denen

du speisest, die Tassen, aus denen du trinkst, sind bunt bemaltes

Bauerngeschirr, wie wir es aus der Verkaufsstelle des Heimatschutzes

in Dresden kennen und lieben. Welche Freude ist es, hier im täglichen

Gebrauch einer Gastwirtschaft dieses reizvolle Geschirr in passender

Umgebung zu sehen und die Lust an seiner echt volkstümlichen Art zu

empfinden. Durch dieses Hineinstellen der Ergebnisse liebevoller

heimatlicher, künstlerischer Arbeit, Forschung und Begeisterung mitten

in den Gebrauch des praktischen Lebens ist eine Tat getan, durch welche

die hohen Gedanken des Heimatschutzes und volkstümlicher Kunstpflege,

Kunstschaffens und Kunstfreude mächtig gefördert werden, um so mehr,

als es an einem Orte geschieht, in dem die Erziehung zum guten

Geschmack sich unmittelbar in der täglichen Arbeit auszuwirken vermag.

Aus grauen Mauern und grünen Weiten Schauen und Sinnen auf Heimatwegen · 第 23 / 25 段