Unsere Abschiedsstunde von Seiffen hat geschlagen. Wir setzen den

Stab heimwärts aus dem Lande der Kinderträume, Weihnachtsseligkeit

und Spielzeugherrlichkeit, in dem uns wohl war wie am Heiligen

Abend. Das Tageslicht ist erloschen, die bunten Farben der Welt sind

in schweigende, schwarze Täler, in traumhafte Tiefen versunken.

Auf einsamer, stiller Höhe schreiten unsere Füße. Unsere Gedanken

wandern über die Täler, über die Höhen, durch Dunkel und durch Hell

zur Unendlichkeit. Tief dunkelblau hatte sich der Himmel über die

schlummernde Erde gespannt. Millionen silberne Funken blitzten aus

den unendlichen Tiefen des Weltalls, mit rätselhaften, tiefsinnigen

Fragen unser Herz bedrängend. Als die Menschheit noch ein Kind war,

fragte sie danach, und wenn der letzte Enkel seine Stirn zu Sternen

erhebt, wird diese Frage an sein Herz und sein Hirn pochen, die Frage

nach dem Ich und Du, dem Warum, Woher und Wohin. »Wer trägt der Himmel

unzählbare Sterne?« Je tiefer wir in die dunklen Zweige und Gründe

des schimmernden Weltenweihnachtsbaumes dort oben schauten, desto

feierlicher, desto ehrfürchtiger wurde uns zumute, desto kleiner wurden

wir, Kinder, denen ein unerklärliches Leuchten und Sehnen die Seele

hebt, alles Fragen stille macht und den Mund schweigen läßt. Durch

die schwarzen Wälder rauscht es wie ferner Orgelton, durch dunkle

Gründe ging das Schweigen auf leisen Sohlen, und die weite Welt mit

ihren Bergen und Tälern lag stumm unter dem dunklen, sterngestickten

Mantel der Nacht, stumm unter den leuchtenden Rätseln der Ewigkeit.

Weihnachten ist es. Wir sind Kinder, die heimlich einen Blick auf noch

versagte Seligkeit werfen wollen, denen nicht das Wissen, sondern

das Ahnen Weisheit ist, deren Herz voller Erwartung ist. Was wird,

du Seele, die Antwort auf dein Fragen, die Lösung aller Rätsel sein?

Steh’ unter Sternen auf dunkler Höhe und hebe dein Herz empor zu den

leuchtenden stillen Wanderern der Unendlichkeit, und dein Herz wird

stille werden, weihnachtsfroh und weihnachtsstill. Das Fragen nach dem

Ich und Du, dem Warum, dem Woher und Wohin wird in den Sternenströmen

der Ewigkeit seine Ruhe, sein Ziel und Erfüllung finden. Das Fragen und

Ahnen wird zum Schauen werden, zum Schauen und Lauschen auf das heilige

Rauschen der Sternenwogen der Unendlichkeit, unter deren leuchtendem

Schaum von Weltkörpern die dunkle Erde wie ein Staubkorn dahinwirbelt,

ein Staubkorn und doch ein Gottesgedanke von unergründlicher Tiefe,

Weisheit und Schicksalsgewalt, ein Gottesgedanke, von dem ein

Sternenfunken in jeder Menschenseele, in jedem Menschenschicksal liegt.

»Denn die Ewigkeit ist nur

Hin und her ein tönendes Weben;

Vorwärts, rückwärts wird die Spur

Deiner Schritte klingend erbeben,

Deiner Schritte durch das All,

Bis, wie eine singende Schlange,

Einst dein Leben den vollen Schall

Findet im Zusammenhange.«

(Gottfried Keller.)

O du fröhliche, o du selige Weihnachtszeit!

Schon tagelang waren die weißen Flocken gefallen und hatten die

weiten Felder und die alten, mächtigen Halden in ihr weiches Gewand

gehüllt. Im Spittelwalde draußen neigten sich die Wipfel der schlanken

Fichten, und die Zweige hingen tief zum Boden hernieder, beschwert

von den Wuchten und Lasten des Schnees. Nur die starken und stolzen,

welche so gern allein stehen, ragten wie silberne Türme mit wunderbar

ziseliertem, gotischem Filigran spitzengleich übersponnen. Sie

streckten sich und reckten sich hoch über die Jugend, welche sich unter

der Schneelast duckte und beugte. In abenteuerlichen Gestalten, wie

Schneemännlein oder Eisbären, wie Zuckerhüte oder weißbärtige Gnomen

in weißen Kappen, bald dicht gedrängt in großer Schar oder in kleinen

Trupps oder einzeln verstreut, standen die jungen Bäumchen und harrten

der seligen Weihnachtszeit entgegen. Im Sonnenschein funkelten und

flimmerten die Millionen Kristalle, als gäbe es nur Glanz und Reinheit

auf der Welt, als wäre aller Staub und alles Graue und Trübe vergangen,

als wäre diese Erde eine silberne, schimmernde Märchenwelt. Ja, auch

der Schatten in diesem Glanz war noch ein blaues Licht, das weich und

geheimnisvoll leuchtete und glitzerte, als wäre es nicht von dieser

Welt, sondern aus unendlicher, ewiger Ferne seliger Sternenträume.

So stille ist es, so heilig still. Nur ein paar Meisen zirpen mit

leisem Laut und klettern kopfüber, kopfunter an den Spitzen der

zarten Nadelzweige. Was mögen sie sich zurufen und plaudern in ihrer

immergrünen, duftenden Heimat, die gar viel herrlicher ist als alle

Pracht und Wohnung der anspruchsvollen Menschen!

Da hebt ein Läuten an von ferner Glocke und schwingt sich durch den

Glanz und Sonnenschein über die beschneiten Wipfel und weißen Felder,

durch die blauen Schatten mit so vertrautem Klingen. Das Bergglöckchen

vom Petriturme ruft. Jahrhundertelang rief es hinaus zu den Halden

und Schächten, hinein in die Bergmannshäuser, kündete den Wechsel der

Schicht, mahnte zur Arbeit und rief zum Feierabend.

Feierabend hat der Bergbau gemacht, aber das traute Klingen des

Bergglöckchens ist geblieben und ruft uns heute hinein in die Stadt,

in die alte Bergstadt voller Weihnachtsstimmung, Weihnachtsschimmer

und Weihnachtstraumseligkeit. Was machen die alten Häuser ein so

freundliches Gesicht. Die hohen steilen Ziegeldächer sind weiß

verschneit. Auf allen Simsen und Kanten von Mauern, Fenstern und

Ecken, auf allen Ästen der Bäume liegt der schimmernde Schnee. Wie zu

silbernen Stickmustern verflochten ist das zierliche Gitterwerk der

Zweige, als wollten sie in einem schimmernden Netz die Weihnachtsfreude

der verzauberten Stadt fangen und halten. Lustig klingen die Schellen

der Schlitten, welche von den Dörfern hereinkommen, um für den

Heiligabend noch Gaben heimzubringen. Weißbereift sind die Mähnen und

die langen Zottelhaare an Brust und Flanken der schnaubenden Gäule.

Das war ein lustiges Fahren draußen auf der glatten Bahn, wo man weit

über die verschneiten Felder schaut oder durch den Wald gleitet mit

lustigem Klingklang, wo so viele duftende, grüne Nadelbäume still und

feierlich ihrem Weihnachten entgegenharren.

Nadelduft und grüne Weihnachtsherrlichkeit üben auch ihren Zauber hier

in der Stadt. Auf dem alten Obermarkt stehen in Reihen und Gruppen die

Weihnachtsbäume, die Fichten und Tannen. Ihre waldfrische Pracht, der

kräftige Harzgeruch machen den Markt zu einer großen Weihnachtsstube,

in der sich fröhlich große und kleine Kinder tummeln. Otto der Reiche

auf seinem hohen Sockel hat einen Schneepelz auf die Schultern und über

die Arme gelegt und über den Ritterhelm hat er gar eine weiße Pelzmütze

gezogen. Er möchte wohl gar heute der Knecht Rupprecht sein in seiner

alten, getreuen Bergstadt! Seine vier Löwen blinzeln recht gemütlich

mit gravitätischem Humor unter ihrer weißen Schneekappe hervor und

drängen sich mit eingeklemmten Schwänzen wie vier weiße, brave Pudel

um die Säule ihres Herrn. Die Tatze, welche das Wappen hält, hat einen

dicken, weißen Schneehandschuh und wird so freundlich hochgehoben, als

wollten sie »Pfötchen« geben. Heute dürfen sie auch freundlich grinsen,

denn es ist ja Weihnachten und die übermütigen Herrn Studenten sind

fort, in die Ferien, und können heut’ nicht durch kecken, respektlosen

»Löwenritt« um Mitternacht auf ihrem stolzen Rücken ihre königliche

Ruhe stören.

Ringsum am Rande des Marktspiegels stehen die fröhlichen

Weihnachtsbuden mit all den süßen Herrlichkeiten an Zuckerwerk,

Marzipan, Schokolade, Makronen, Pfeffernüssen und Honigkuchen, welche

Weihnachten erst zum rechten Fest der Kinder machen. Da leuchtet all

der bunte Flimmer in Farben, Silber und Gold, in Kugeln und Fäden,

in Ketten und Sternen und strahlendem Flitter, der den Baum zum

Märchenbaum seliger Kindheitsträume machen soll. Da ist all das liebe

Spielzeug ausgebreitet, wie es droben im Gebirge gefertigt wird, vor

dem die Kinder sich drängen und die Kinderherzen rascher schlagen

im Wünschen und Wählen, vor dem die Kinderaugen heller leuchten. Da

stehen die steifen gravitätischen Bergmänner, groß und klein in langen

Reihen, die Räuchermännlein mit ihrem offenen Munde schauen so putzig

in den Abend hinein, und die ganze Tierwelt, Soldaten und Hampelmänner

warten darauf, unter dem Weihnachtsbaume vom Kinderjubel gepackt und

mitgerissen zu werden.

Wenn dann die Dämmerung herniedersinkt, dann leuchtet es und strahlt

es blitzend auf in den Buden, und jede wird für die Kinderherzen

ein Märchenschloß, ein Feensaal, in dem alle Herrlichkeit und

Wunschseligkeit schimmert und flimmert. Da schießen die blitzenden

Strahlen der Wunderkerzen auf, zucken im blendenden Glanze weißer Glut,

als wäre aus den unendlichen Tiefen der blauen Wundernacht Stern um

Stern uns näher und näher gerückt. --

Da horch! Es erhebt sich ein wunderbar gewaltiges Dröhnen über unserem

Haupte, mächtiger und mächtiger schwillt es an:

»Ein Rufen und Locken

in all dem Schwingen,

Summen und Klingen

dem Leiseverhallen

dem Wiedereinfallen,

dem Sinken und Steigen,

dem Schweben und Neigen

faßt meine Seele, trägt sie empor.«

Die Glocken haben ihren ehernen Mund aufgetan und läuten nun das Fest

aller Feste, die heilige Weihnacht, ein. Das sind die Glocken der

Hilliger, der berühmten Freiberger Gießerfamilie, aus deren Gießhütte

vorm Peterstore so herrliche Werke der Bronzeplastik, an Kanonen und

Glocken hervorgingen. Seit Jahrhunderten hängen die Glocken auf den

Türmen und singen ihr urewiges Lied mit mächtigen dröhnenden Akkorden

über die alte Stadt hinweg, in die alten Gassen hinein und empor in den

weiten Himmelsraum. Wievielen Herzen haben sie schon geklungen. Wieviel

Leid und Trauer, wieviel Not, Glück und Sehnsucht, wieviel Fernweh,

wieviel Heimweh haben sie auf ihren singenden Schwingen getragen!

»Es kommt auf weichen Wogen

mein Heimwehtag im Festgeläut

der Glocken hergezogen.«

Wie oft haben sie umsonst gerufen, und wie oft trugen sie mit ihrer

singenden Seele empor den Aufschrei der Seele, der Gemeinde aus dem

dunklen Grunde tiefster Gefühle.

Es ist etwas Besonderes, Ehrwürdiges, ans Herz Greifendes, wenn

die Glocken von den Türmen dröhnen, die seit Jahrhunderten mit den

Wolken und den Blitzen, mit den Stürmen und den Wettern Zwiesprache

halten, deren Stimmen wir heute lauschen, wie die Urahnen ihnen die

Herzen öffneten und ihnen ihre Herzensgedanken vertrauten, um sie

hinauszurufen in Jubel und Freude, in Angst und Not, in Dank und Gebet.

Dieselben Stimmen, die mit uns sprechen und für uns rufen, wie vor

längst verschollener Zeit zu längst vergangenen Geschlechtern!

Wieviel Hände sind längst zu Staub zerfallen, die dort schon vor

Jahrhunderten die Glockenstränge zogen, um des ehernen Mundes Singen

und Rufen ins Leben tönen zu lassen!

Wieviel unruhige Herzen sind stille geworden, denen ihr Klang etwas

Besonderes zu sagen hatte!

Ja, eine geheimnisvolle, unergründliche, tiefe Seele lebt in der alten

Glocke, die mit dir reden will, sich offenbaren und dich emportragen

will, aus der Enge der Gassen, aus dem Dunkel der Stuben und Häuser,

vor allem aus der Enge und Beklommenheit deines Herzens und dem Dunkel

deiner Seele, emportragen zum Licht und einer Fülle aller inneren

Akkorde.

»Hebt meine Seele ins Abendrot

aus Erdendämmerung, aus Erdennot.«

Ist es nicht etwas Wunderbares um eine Glocke? Eine Glocke kennt nur

einen Ton, ob der Sturm sie schüttelt oder der zarte Finger eines

Kindes sie rührt, ob sie die glückliche Braut zum Altare geleitet oder

die trauernde Witwe auf dem Gange zum Grabe, ob sie die Gemeinde zum

Gottesdienst ladet oder das Sturmsignal bei Feuersbrünsten gibt: Nur

einen Ton gibt die Glocke, aber Untertöne schwingen mit, und dein Herz

klingt wider von ihren Tönen, und du weißt, was dieses Tönen sagen will

und wie tausend Zungen daraus sprechen in Freud und Leid, in Sturm und

Stille, im Leben und Sterben. Wenn die Glocken dröhnen, dann lausche,

ob dein Herz mitschwingt, ob dein Herz auf den rechten Ton gestimmt

ist. -- -- -- --

Heute ist es ein ganz besonderes Klingen, das durch die gewaltigen

Stimmen der Glocken schüttert und bebt. Die hohen Dächer und Giebel

scheinen zu lauschen. Leise, leise fallen die Flocken wie zartes

silbernes Spitzengeriesel! Der Wind scheint zu schweigen und stille,

ganz stille zu ruhn, wie so von den Türmen die erhabenen Stimmen sich

hinausschwingen und weit über die Mauern der Stadt, über Halden und

schweigende Felder und die tiefverschneiten ruhenden Wälder rufen und

künden mit unendlichem Wohlklang: »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede

auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen«, jene Kunde, deren selige

Verheißung noch von keinem anderen Worte übertroffen worden ist.

Zur Christvesper rufen ja heute die Glocken. Durch die enge Kirchgasse

mit den malerisch gestaffelten Dächern der alten kleinen Häuser, hinter

denen die wuchtigen Massen des altersgrauen Domes um so gewaltiger in

das Nachtdunkel emporwachsen, eilen vermummte Gestalten dem Eingange

zu. Wie mächtige Wogen ehernen Klanges dröhnen die Stimmen der Glocken

vom Turme dir entgegen, füllen die Gasse, überfluten die engen Wände

der Häuser und strömen hinaus in die stille, heilige Wundernacht.

Aus dem Eingange zum Dom tönt weich und süß der Klang der Orgel,

schimmert der Glanz ferner Weihnachtslichter vom Altar her aus

dunkelgrünem Nadelgezweig. Heute hat es so manchen in das Gotteshaus

gezogen, der sonst ein gar seltener Gast hier ist. Heute will er hier

das wilde Hasten und Treiben da draußen ganz vergessen, will zur

Kindheit sich zurücktasten und in das Herz aufnehmen einen Klang von

dem »Friede auf Erden«. Dicht sind alle Reihen und Plätze besetzt. Wie

ein stilles freudiges Warten liegt es über der Gemeinde. Heute sind

mehr denn je die Herzen aufgetan, und wie die Alten in weicher Stimmung

in das selige Kinderland der Erinnerung zurückschauen, so pochen

die Herzen der Jungen, der Kinder zumal, kommenden seligen Stunden

entgegen. Freudig und voll jauchzen die Akkorde der alten herrlichen

Silbermannorgel, jubelt der Gesang der Gemeinde dazu: »Welt ging

verloren, Christ ward geboren, freue dich, freue dich o Christenheit!«

Ein Kinderchor auf der Empore über dem Altar gegenüber der Orgel

singt die alte süße herrliche Weise »Es ist ein Ros’ entsprungen« mit

der Innigkeit, wie nur Kinder vor der Christbescheerung aus ihrem

erwartungsvollen, wunderseligen Kinderherzen ausströmen können. Dann

ist es, als ob der Engel der Verkündigung herniederstiege: »Vom Himmel

hoch, da komm ich her« singt eine wunderholde Frauenstimme aus der Höhe

und füllt mit ihren reinen, weichen, süßen Tönen die Halle des Domes

und dringt in die Herzen der lauschenden Gemeinde. Die hohen stolzen

Gewölbe öffnen sich, die Mauern sinken nieder, über uns wölbt sich

der dunkelblaue Nachthimmel, an dem der Stern von Bethlehem strahlt.

Wir sind die Hirten und schauen empor in diese Nacht der Wunder und

Geheimnisse, aus der so unbegreiflich selige Verheißungen in lichten

goldenen Klängen herniederströmen. Ganz leise singen die Stimmen der

Orgel dazu, als tönten aus himmlischer Ferne die Harfen der Engel und

als spielte der Nachtwind durch die flüsternden Halme des Feldes bei

Bethlehem und durch die Kronen träumender Palmen. -- Heimwehklänge nach

einer unbekannten Heimat, nach einer versunkenen Stadt der Seele, deren

Glockengeläute und Orgelsang der Sehnsucht geheimnisvoll aus fernen

Tiefen deiner Seele ruft. Ergriffen lauschen wir den wunderbaren,

uralten, heiligschönen und doch so kindlich reinen einfachen Worten

der Weihnachtsgeschichte. Was die Gemeinde in dieser Stunde so am

Herzen packt und über sich hinaushebt, hinausträgt über alle Unruhe

draußen im Leben und drinnen im Herzen, das klingt dann empor in dem

wundersamen »Stille Nacht, heilige Nacht!« Was in den vielen hundert

Herzen hier lebendig geworden ist in dieser Stunde, erwachte und

sich rührte an Lust und Leid, an Glaube und Liebe, an tiefer Andacht

und Friedeverlangen, an Herzensnot und tiefer Seelensehnsucht, das

drängt sich zusammen im Gesange dieses Liedes. Das tiefe Gefühl des

Augenblicks, welches die Gemeinde wie mit einem goldenen Reif zu

inniger Andachtseinheit und Gemeinschaft zusammenschmiedet, gibt dem

Gesange eine wunderbare heilige Fülle und Ausdruckstiefe, als ob

tausend goldene Halme emporsprießen, zur vollen Garbe sich einen, deren

schwere Ähren sich tief neigen in Demut vor dem Unbegreiflichen und

doch so tief Ergreifenden!

»O daß mein Sinn ein Abgrund wär

und meine Seel’ ein weites Meer,

dies Wunder zu erfassen!«

Ja, versunken ist alles, was draußen so unruhig ist, und die stille

heilige Nacht hat ihren Einzug gehalten. Friede auf Erden und den

Menschen ein Wohlgefallen. Es ist Weihnachten geworden! Wie die hohen

Weihnachtsbäume neben dem Altare mit ihren Kerzen schimmern und

flimmern, so leuchten nun in den Häusern die Bäume auf. Draußen fallen

die Flocken weich und still vom dunklen Himmel hernieder, Flocke auf

Flocke, eine weiche zarte Decke, die hüllt und deckt mit weißem Flaum,

was dunkel und häßlich ist. So hüllen die Weihnachtsgedanken auch

manches Dunkle in den Herzen ein. Es ist Weihnachten geworden auch in

den Herzen. Es hallen die Glocken ihr Halleluja über die Dächer und in

die Straßen:

»Süßer die Glocken nie klingen

als zu der Weihnachtszeit,

ist’s als ob Engelein singen

wieder von Frieden und Freud!«

»Fröhliche Weihnachten« rufen sich die Kirchgänger zu, auf deren

Gesichtern noch ein Leuchten liegt vom Lichte aus Bethlehem, das in

ihre Seele seine Strahlen geworfen. Und drinnen jubelt noch die Orgel

mit jauchzenden Stimmen:

O du fröhliche, o du selige,

gnadenbringende Weihnachtszeit!

Literatur.

~Andr. Molleri Pegavii.~

~Theatrum Freibergense Chronicum 1652.~

Mitteilungen des Freiberger Altertumsvereins.

Neue sächsische Kirchengalerie. Ephorie Freiberg.

Daz hohe liet von der maget von Richard Freiherr von Mansberg.

Vollständiges Staats-, Post- und Zeitungs-Lexikon von Sachsen

von August Schumann 1823.

Bau- und Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen bearbeitet von

Steche-Gurlitt.

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Außer

bei offensichtlichen Setzfehlern wurde die unterschiedliche

Schreibweise von Personennamen beibehalten. Lange Reihen von

Gedankenstrichen wurden verkürzt. Das Inhaltsverzeichnis wurde nach

vorn verschoben.

Korrekturen:

S. 152: 1,72 → 1,72 m

Thomasglocke von {1,72 ~m~} Durchmesser

Aus grauen Mauern und grünen Weiten Schauen und Sinnen auf Heimatwegen · 第 25 / 25 段