viereckigen Glockenturm, der wie ein italienischer Kampanile neben
dem Gotteshause steht, grüßt uns durch das Laub der Bäume. Ihr
schlichter, einschiffiger Bau ist in Abmessung und Ausstattung von
großer Bescheidenheit und Zurückhaltung, so sachlich und nüchtern auch
im Innern, wie es für eine Soldatengemeinde sich geziemt. Kurfürst
Johann Georg II. ließ die Kirche 1675/76 erbauen. Nur der Altar ist mit
größerer Kunst und Zierde bedacht. Zwei Säulen aus buntem italienischen
Marmor schmücken ihn, die Papst Klemens dem Kurfürsten geschenkt hat,
und ein schönes Altarbild, welches die Bergpredigt darstellt und als
Landschaft den Königstein zeigt. -- An der Stelle dieses Gotteshauses
mag schon in früher Zeit, in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts,
eine Kirche gestanden haben, deren erhaltene Teile, der gewölbte Chor
mit dem Triumphbogen und den altertümlich romanischen Kämpfersteinen
allen Zeiten, Stürmen und Umbauten standhielten und sie überdauerten.
Herzog Georg der Bärtige errichtete 1515 hier eine Kapelle dem
heiligen Georg, seinem Schutzpatron, und gedachte aus dem Königstein
eine Art Mönchsburg zu machen. Er stiftete 1516 »aus christlicher
Andacht und mit groser Müe, auch, wie es in der Urkunde heißt: ›unser
hertzlieben Gemal Fraw Barbara und unser erben nachkommen heil und
seligkeit zu erwerben‹, ein Cölestiner Kloster des Lobes der Wunder
Marie uff dem Königesteyn«, und besetzte es mit 12 Mönchen aus dem
Kloster Oybin bei Zittau. Trotz der nunmehr geistlichen Bestimmung
des Königsteins, wurde seine militärische Bedeutung jedoch nicht
verkannt und ganz aufgegeben. Die Mönche, welche zugleich Burgmänner
und Burgwarte waren, durften keinen neuen Weg nach dem Felsen anlegen
und mußten, sowie ein Krieg ausbrach, die Schlüssel zur Festung einem
fürstlichen Hauptmann ausliefern. Das Vertrauen zur Kriegstüchtigkeit
der Mönche scheint also nicht sehr groß gewesen zu sein. Der Bischof
von Meißen, Johann von Salhausen, sah diese Neugründung sehr skeptisch
an und meinte, »es werde das Kloster dort von den böhmischen Winden
und der starken Luft der böhmischen Ketzer bald umgeworfen werden und
zergehen«. Aber ein stärkerer Sturm als die böhmische Hussitenluft ging
durch Deutschland, die Reformation, dem das Kloster nicht standhielt.
Der Prior selbst ging, unter dem Vorwand einer Reise, gerade nach
Wittenberg zu Luther, und »heurathete« schon im Jahre 1525. Die übrigen
Mönche liefen, aller Vorstellungen des Herzogs ungeachtet, auch auf
und davon, bis auf zwei, welche der Herzog wieder auf den Oybin
zurückschickte, wo man sie aber nicht annahm, trotz des Handschreibens,
das der Herzog ihnen mitgab. Daß diese Mönche so rasch das Kloster
auf dem Königstein wieder aufgaben, beweist, daß sie dort sich nicht
besonders wohlgefühlt haben konnten. Kein Wunder, denn Schmalhans
war dort oben Küchenmeister und der Durst war der Kellermeister, denn
es lag noch kein großes Faß im Keller, kein tiefer, kühler Brunnen
war vorhanden, sondern in Zisternen wurde das wenig lockende Wasser
gefangen. Wildbret und Fisch war seltene Kost. Der Herzog hatte nicht
genügend für Einkünfte gesorgt und milde Gaben aus der Hand treuer
Kinder der Kirche wurden immer weniger, magerer und dürftiger. Das Volk
fühlte, daß etwas Neues, Großes im Werden war, und das Alte sterben
müsse, daß die Gnadengaben, welche für fromme Stiftungen und Gaben
vom Kloster und den Heiligen verheißen wurden, in der neuen Zeit, die
der kühne Wittenberger Mönch heraufführen sollte, vielleicht doch
ihren Zweck verfehlen und verlieren könnten. -- Das Kloster mußte
geschlossen werden und ingrimmig enttäuscht berichtete Georg diesen
höchst ärgerlichen Mißerfolg dem General des Cölestinerordens nach
Italien. Aus seinem Briefe ersieht man, wie unangenehm und peinlich
dem Fürsten die Sache war, und daß er sich nicht wenig fürchtete, in
Rom wohl gar für ein gegen die Klerisei lauer Mann gehalten zu werden.
Man sieht, wie die Fäden Roms wie ein festes, starkes Netz Deutschland
umspannten mit ungeheurer Macht, so daß sogar solch unbedeutendes
Ereignis, wie der mißglückte Klosterversuch auf dem Königstein einem
mächtigen deutschen Fürsten Veranlassung bieten mußte, in Rom um gutes
Wetter zu bitten. Georg war bekanntlich ein fanatischer Gegner Luthers
und hat seine Lehre und Anhänger hart und streng verfolgt, bis an sein
Lebensende.
Vielleicht stand die auf dem Königstein erlebte Enttäuschung in
innerem, seelischem, ursächlichem Zusammenhange mit der Strenge und
rücksichtslosen Härte und dem bitteren Haß, mit denen er sein ganzes
Volk, ja seinen Bruder und Schwäger in seine eigene Glaubensrichtung
wider Willen zwingen wollte. Erst unter seinem Bruder und Nachfolger
Herzog Heinrich dem Frommen konnte sich die neue Lehre freier entfalten.
Herzog Heinrich machte auch den Stein erst wieder zu einer Festung, die
dann von seinen Nachfolgern mehr und mehr ausgebaut wurde. --
Wir gehen zum Brunnenhause hinüber mit dem tiefen Brunnen, den Kurfürst
August durch Konrad König 152,5 ~m~ tief mit einem Durchmesser von
4 ~m~ Länge in den Sandstein sprengen und meißeln ließ. 1553 wurde er
begonnen und erst nach 40 Jahren fand man reines Quellwasser. 40 Jahre
harter Felsenarbeit und einer bewundernswerten Zähigkeit, Tatkraft
und Hoffnungsfreudigkeit, 40 Jahre durch die Wüste, wie einst die
Kinder Israels, ehe sie zu den kühlen Wasserbächen des gelobten Landes
kamen! -- Ist dieser Brunnen nicht wie ein Symbol? Ist der Fels auch
noch so hart und werden tausend Meißel stumpf und werden tausend Arme
müde, es gibt ein _Dennoch_ und ein Hindurch, das tief im Felsengrunde
das erquickende, wohlschmeckende, kühle Naß nach zäher Arbeit findet
und aufschließt. Dieses Dennoch und dieses Hindurch wird auch das
deutsche Volk neue Quellen finden und erschließen lassen, wenn es harte
Felsarbeit leisten will und der Stunde geduldig entgegenarbeitet, da
die frischen Wasserquellen entgegenspringen und sprudeln.
Zwei Tonnen gehen abwechselnd auf und nieder und ergießen ihren Inhalt
in einen Behälter, dessen Zuflußrinnen unmittelbar vom Brunnenrand
abführen. Heute ist Kraft und Antrieb für die Wasserförderung
elektrisch. Früher diente diesem Zweck im Nebenraum ein ungeheures
Tretrad, welches durch Menschenkraft in mühevoller Sklavenfron
unseliger Gefangener bewegt, die Seile auf mächtiger Trommel auf- und
abwickelte.
Der Brunnenmeister zeigt gern die kleinen Scherze, welche auch
anderwärts geübt werden. Er gießt Wasser in mehreren Absätzen in die
schwarze, gähnende Tiefe. Atemlos lauscht man gespannt, bis von unten
nach fast ½ Minute in gleichen Abständen die Aufschläge klatschend
herauftönen. Da merkt man, was für ein ungeheurer Zeitraum eine halbe
Minute sein kann! Er läßt Lichter hinab am langen Seil, bis wir im
Bodenlosen den blanken Wasserspiegel aufblitzen sehen. Er zeigt,
wie er durch geschickte Stellung von Spiegeln den Sonnenstrahl an
der Türe draußen einfängt und ihn hinabschickt in den schwarzen,
feuchten Schacht, daß er dem Wasser in der dunklen Tiefe Botschaft
vom Himmelslichte bringt. Er erzählt, wie der Brunnen zur Reinigung
manchmal befahren wird, und daß der Wasserstand 15 ~m~ normal ist
und auch in heißen Jahren sich in dieser Höhe hält. Er berichtet
auch, daß der Brunnen sein untrügliches Barometer sei, daß ihm die
kommende Witterung sicher vermelde durch einen Nebelschleier über dem
Wasserspiegel bei kommendem guten Wetter, durch blanken Spiegel, wenn
draußen das Wetter sich trübt. Er zeigt, wie meisterhaft die alten
Brunnenbauer gearbeitet haben, wie glatt die inneren Wände geschrotet
sind und in genau lotrechter Führung der Schacht abgeteuft ist, eine
bewundernswerte Bergmannsarbeit. Hier ist die Lebensquelle, die
Herzader der Festung, für welche Vater August, der große Volkswirt
auf dem sächsischen Throne, sorgte, wichtiger als das große Faß, für
welches August der Starke, der große Egoist auf dem sächsischen Throne
sorgte. -- --
Wir treten aus dem kühlen, dunklen Brunnenhaus wieder hinaus in den
lichten, prangenden Sommertag. Es wölben sich über uns die hohen,
grünen Wipfel des Königsplatzes, und es flüstern ihre Blätter im Winde.
Unsere Gedanken umfassen noch einmal, was wir erlebt, was wir geschaut,
was wir empfunden haben. Wo gibt es im Sachsenlande eine Stätte,
die soviel zu sagen, soviel zu geben und zu schauen hat, wie dieser
königliche Stein?
Ja, um diesen Stein ist es etwas ganz Besonderes! Es ist, als ob
er eine Seele hätte, die vieles erlebt und empfunden, gelitten und
genossen hat, davon zu schweigen weiß, die aber auch dem, der sie
sucht, sich zu offenbaren weiß!
Sei mir gegrüßt du ~lapis regis~!
Eine Fahrt ins Weihnachtsland.
Vor dem Hauch des milden Westwindes war der Weihnachtsschnee zwar
leider fast zerronnen, aber doch lag es noch wie Weihnachtsstimmung
und Nadelduft in der Luft. Der Rucksack war wohlgepackt. Auch er gab
weihnachtlichen Duft nach Stollen und anderen guten Dingen. Eine
Weihnachtsfahrt sollte es werden in das Land der Kinderträume und
lustiger Spielzeugherrlichkeit, wo Nußknacker und Räuchermännlein,
Lichterengel und Bergmänner das große Wort führen, wo die Krippen
in seliger Einfalt sich aufbauen und die Weihnachtspyramiden ihr
buntgeschnitztes Leben zeigen. Im Morgendämmer lag der Garten mit
seinen wenigen leuchtenden Schneeflecken. Die schöne grüne Tür mit dem
kunstreichen Schloß fiel hinter mir und meinem wanderfrohen Weibe zu,
da kam zur verabredeten Minute der Freund, der Maler mit seiner blonden
Frau und grüßte mit frohem Glückauf. Am Bahnhof stieß zu uns der
Ingenieur mit seiner Braut, der an der Bagdadbahn einst baute, und nun,
nach Krieg und Wunden, mit uns das Weihnachtsmärchen suchen wollte. --
Nun ging es hinaus in die nebelverhangene Welt mit fauchendem Züglein.
Nur an den Nordabhängen der Böschungen lag dort noch der Schnee und die
dunklen Halden des alten Bergbaus waren noch weiß betupft. Die Fläche
des Berthelsdorfer Hüttenteiches war mit Eis bedeckt und blinkte
wie matter Stahl in den ersten schrägen Strahlen der mit dem Gewölk
ringenden Sonne.
Die Hänge des Muldentales mit ihren dunklen Wäldern und braunen Feldern
und den schön geschwungenen Höhenlinien glitten an uns vorüber. Von
Mulda führte uns dann das Nebenbähnchen mit Schnaufen und Pusten
und gelegentlichem, wichtigtuendem Bimbim, Bimbim durch das enge,
malerische Chemnitzbachtal empor nach Sayda.
Schön bewaldete Höhen treten rechts und links an die Bahn heran. Rechts
öffnet sich bald ein Wiesengrund, in dem ein Bächlein herniedereilt,
während neben ihm die Straße gemächlich zum Haltepunkt abwärts steigt.
Wolfsgrund ist der romantische Name, der zu der Lieblichkeit nicht mehr
zu passen scheint.
Einst war es anders: Am Eingang und Ausgang des Tales standen am
Wege Hütten zum Aufbewahren von Waffen, besonders Keulen, die beim
Durchgehen des dunkelen Waldes jeder mitgenommen, um sich gegen die
Wölfe zu verteidigen, welche hier in den Dickichten der Talschlucht
gehauset. Längst sind diese Tage vorüber und statt Urwaldschrecken
grüßt uns die sonnige Lieblichkeit von Wiesen und Wald in freundlichem
Wechsel.
Ein reizvolles Wiesental ist es, in dem die Bahn sich hinschlängelt.
In seinem leuchtenden Grün mag im Sommer das Auge sich satt trinken
können und sich der tausend Blumen freuen in ihren starken Farben und
würzigem Duft und Kräfte gewinnen, um freudig ins Grau des Alltags
zu schauen. Heute war die Fläche zart rehbraun getönt und mit dem
schimmernden Silbergrau des Reifes angehaucht. Der Maulwurf war munter
gewesen und hatte kräftige, schwarze Tupfen durch die zahlreichen
frisch aufgeworfenen Haufen in die zarte Farbenstimmung gesetzt. Der
Chemnitzbach schlängelt sich mit hurtigem Laufe in vielen Windungen
durch das Tal.
Man sollte es dem harmlosen Bächlein dort nicht zutrauen, daß es
auch recht bösartig sein kann und durch Überschwemmungen schon
manchen schlimmen Schaden angerichtet hat. Das Kirchenbuch von
Dorfchemnitz weiß davon zu erzählen: »Am 17. Mai 1622 sind 7 Personen
begraben worden, welche in der großen erschrecklichen Wasserfluth
ertrunken. Denn das Wasser und große Schloßen 3 Häußer ganz und gar
weggerißen, daß nicht ein Stecken mehr stehengeblieben. Auch sonsten
erschrecklichen Schaden gethan, indem es die Gärten gäntzlichen
verschwemmet und alle Zäune hinweggenommen. Denn das Wasser über die
ganze Gemeinde, so breit sie gewesen (70--80 Schritt!) etliche Ellen
hoch gegangen, an der Schulbehausung zum Stubenfenster hineingegangen,
Stub und Haus voll Schloßen geführt, welche zum Theil sehr groß
gewesen. Gott wolle vor solchen Wasserfluthen hinfür und auch anderm
Unglück aus Gnaden behüten!«
Das breite Wiesental liegt so freundlich in seinem silbergrauen
Atlasgewande, als trüge es immer nur ein Feierkleid und lernte nie des
Lebens Not und Kampf kennen.
Auf den Hängen liegen einzelne Höfe. Fest geschlossen wie Burgen
schauen sie wie Herren ins Tal, nicht gar trotzig, aber breit und
behäbig voll Selbstbewußtsein und einer gewissen Unnahbarkeit. Dort das
Rittergut von Dorfchemnitz mit seinen festen Mauern liegt auf der Höhe
hinter dem Filigran der entlaubten Wipfel, mit der Kirche zusammen eine
Baugruppe von besonderem malerischen Reiz.
Der Rauch unseres Zügleins weht in langer, silberweißer, wallender
Fahne durch das Tal. Duftiges Blau, zartes Sepia, dunkles Grün, Weiß,
und Silbergrau sind die Töne, welche das liebliche Landschaftsbild
beherrschen und alles in unendlich weicher Harmonie vereinen. Die
Fenster im Wagen sind beschlagen. So stehe ich draußen mit dem Maler
und male im Geiste die zartesten Aquarelle mit ihm, wo die Farben nur
wie ein Duft auf dem leuchtenden Weiß stehen und so unendlich wohltun
in ihrer keuschen Reinheit, Zurückhaltung und Vornehmheit. Jeder
Ausschnitt wird uns so zum Bilde reiner Winterherrlichkeit, daß unser
Herz froh wird und unsre Lungen immer tiefer die klare, kalte Luft der
Höhen atmen. In Sayda wandern wir dann durchs Städtchen.
»Das vollständige Staats-, Post- und Zeitungs-Lexikon von Sachsen« von
August Schumann aus dem Jahre 1823 sagt von ihm:
»Die Lage von Sayda ist, da es auch an Bäumen fehlt, unfreundlich und
rauh, und hat zwei große Unbequemlichkeiten, nämlich einen langen
Winter und sehr viel Schnee und im Sommer oft solchen Wassermangel,
daß Wachen an die Brunnen gestellt werden, um nicht zu viel Wasser in
eine Haushaltung kommen zu lassen; auch gibt es im Frühling und Herbst
immer viel Nebel. Dagegen wird das Korn doch in der Regel reif, und nur
selten begräbt der Schnee den Hafer.«
Ein schlichtes Landstädtchen ist es mit einfachen, nüchternen Häusern
in gerader Straßenzeile. Diese Straße war einst ein tiefer Hohlweg,
welcher die beiden Haupttore, das Freiberger nördlich und das böhmische
südlich, verband, so daß man in einem Tore stehend, durch das andere
hindurchsehen konnte. Im Jahre 1554 füllte man den 6 Ellen tiefen
Hohlweg aus und pflasterte ihn, ein Fortschritt, der für jene Zeit eine
besondere Kulturleistung war. Von der uralten Grenzburg Seydowe ist
nichts mehr erhalten.
Dort, wo die Kirche mit ihrem kräftigem Turme sich erhebt und hohe
Linden ihren jetzt so kahlen Wipfel breiten, scheint der letzte Rest
alter, malerischer und behaglicher Kleinstadtschönheit zu sein und im
Sommer mag es gar traulich und schön zu weilen sein unter dem dichten
Blätterdach und duftendem Grün.
Harte Schicksale waren es, welche der Stadt ihre heutige Gestalt gaben.
Feuersbrünste, Kriegsdrangsale und Seuchen gingen durch die Straßen und
Häuser und zäher Bürgersinn baute immer wieder auf, was des Schicksals
erbarmungslose Faust zerschlagen. So ist das heutige Stadtbild zugleich
eine Folge und ein Denkmal schwerer Vergangenheit. 1465, 1599, 1634,
1702, 1842 sind die Jahre der zerstörenden Feuersbrünste, welche große
Teile der Stadt in Asche legten. Das obengenannte Staats-, Post- und
Zeitungslexikon sagt treuherzig: »Nach all diesen Unglücksfällen ist es
kein Wunder, daß der Ort jetzt zu den ärmeren des Landes gehört, und
_ohne einigen Paschhandel_ nach Böhmen würde er es noch mehr seyn!«
Im Jahre 1842 verloren durch den Brand 289 Familien mit 1100 Köpfen
ihr friedliches Obdach. Auch die Kirche hatte damals stark gelitten,
doch blieb das Netzgewölbe mit seinen acht schlanken Pfeilern und
die schönen Epitaphien der Familie von Schoenberg in ihren reichen
Renaissanceformen erhalten. Besonders das Grabmal des 1605 verstorbenen
Caspar von Schoenberg mit seinem reichen Figurenschmuck und üppiger,
kunstvoller Ornamentik in edlem Material, aus der Schule des Nosseni
stammend, nach einem Entwurfe vielleicht von seiner Hand, ist der
Hauptkunstbesitz der Kirche und der Stadt geblieben und mag sich
getrost mit den schönsten Werken dieser Art im Lande messen.
Der Turm, der sich so gut ins Stadtbild fügt und weithin ins Land über
Wälder und Berge leuchtet, mußte nach dem Brande von Grund auf neu
errichtet werden. Unter den Pfarrern, welche hier ihres Amtes walteten,
war gar mancher wackere Mann, den Zeit und Schicksal besonders
eigenartig formte. Victorinus Rothe, 1564 in Leisnig geboren und in
Freiberg erzogen, verlor seinen Vater durch Gift, welches ihm seine
Gegner, die Calvinisten reichten. Nach seinem Studium in Wittenberg
war er erst Schulmeister an verschiedenen Orten und dann zehn Jahre
Mittagsprediger am Dom zu Freiberg, wo er infolge seiner hellen und
durchdringenden Stimme großen Zulauf hatte. 22 Jahre war er dann in
Sayda tätig und mag dort viel mit Sorgen zu kämpfen gehabt haben,
denn um seinen Tisch reihte sich eine Kinderschar, für die wohl bald
das Brot zu schmal, die Räume zu eng, der Betten zu wenig gewesen
sein mochten. Bei Gelegenheit der Kirchenvisitation 1617 legt er das
Bekenntnis ab, »er habe keinen gänzlichen Commentarium über die Bibel,
aus mangel und weil ihm viel auff die kinder gienge, deren ihm Gott 22
bescheret und noch 16 am leben«.
Eine andere Charaktergestalt ist Johann Reinhard Jakobeer, der Sohn
des Apothekers Theophilus Jakobeer in Pirna, der seine Vaterstadt im
Jahre 1639 durch kühne Tat vor der Einäscherung durch den schwedischen
General Banner bewahrte. Unser Johann Reinhard war der echte Sohn
seines Vaters und ein Kind des Dreißigjährigen Krieges. Er erfuhr
alle Schrecken dieser furchtbaren Zeit. Mit seinen Mitschülern wurde
er zweimal durch schwedische Soldaten aus der Fürstenschule zu Pforta
verjagt und verlor alle seine Bücher. Von 1638 an hat er in Wittenberg
in Not und Armut drei Studienjahre durchgehungert, wurde dann Lehrer
der Söhne eines erst kaiserlichen, dann schwedischen hohen Offiziers,
mit denen er durch Böhmen und Sachsen zog und dabei alle Beschwerden
eines Wanderlebens und Kriegslebens in jener zuchtlosen, wilden Zeit
voller Abenteuer, Gefahren, Straßenraub und Gewalttaten ertrug. Dann
wurde er Feldprediger und mag im bunten rauhen Soldatenleben manche
wilde Tat verhütet, manchem verlorenen Sohn die Todeswunde verbunden,
die Todesstunde erhellt haben. Als endlich Friede eingekehrt war,
wurde er 1653 Pfarrer in Sayda, wo er zehn Jahre seines Amtes waltete,
um dann in seine Vaterstadt Pirna als Diakonus heimzukehren. Sein
Nachfolger Christoph Knorr ist auch eine Charaktergestalt jener
furchtbaren 30 Jahre. Als 72jähriger Greis trat er 1663 das Pfarramt
in Sayda an und hat ihm noch drei Jahre gedient. Er war 1591 in Plauen
geboren, kam nach vollendeten Studien in Wittenberg im Jahre 1616
nach Brüx als Rektor an die evangelische Schule, wurde Pfarrer in
Wielenz in Böhmen und geriet so mitten in die ausbrechenden Stürme des
furchtbaren Krieges. 1624 wurde er vertrieben und lebte sechs Jahre
ohne Amt in Sayda, bis er 1630 Pfarrer in Neuhausen wurde. 33 Jahre
waltete er hier seines Amtes als Vater und Schützer der vertriebenen
und verfolgten Glaubensgenossen, welche aus dem nahen Böhmen Zuflucht
und Hilfe suchten. Ihre Kinder hat er im Walde auf Baumstöcken als
Tauftisch oft unter Lebensgefahr getauft. Mitten im dichten Walde ist
damals nach dem Kirchenbuche von Neuhausen Kaspar Kadens uffn Seuffen
Söhnlein Kaspar »in schwedischen Einfall in Böhmen Jung worden, und
uf der deutschen seyden vorn Gohrn übern Wasser bey einem großen
faulen stock geteufft«. Im Purschensteiner Walde liegt bei Dittersbach
ein großer tischähnlicher Stein, welcher im Volksmunde der Taufstein
heißt. Er trägt die Jahreszahl 1635 und mag als Altar und Taufstein im
sicheren Schutze des Waldes bei heimlichen Gottesdiensten der vor den
Feinden geflüchteten Gemeinde oder böhmischen Exulanten gedient haben.
In der Char- und Osterwoche 1638 hat von Neuhausen, wie oft vorher und
nachher, »menniglich sich wieder in walt salvieren müssen«.
Aus dem benachbarten Dörnthal wird berichtet, daß im Jahre 1639
»solcher Hunger gewesen, daß die Leute meistens Kleie, Leinkuchen,
Gesäme und gekochtes Gras müssen essen, und sein viel Hunger
gestorben«. Die zahlreichen Leichen wurden zumeist »ohne Sarg, Klang
und Sang« heimlich begraben. Ja in den Pestjahren, welche immer wieder
die Orte heimsuchten, blieben die Leichen oft tagelang unbeerdigt, weil
sich keine Totengräber fanden.
Im Kirchenbuche von Neuhausen hat der wackere Pfarrer Knorr von diesen
Notzeiten einiges berichtet, von Mord und Plünderung, Schändung,
Brandschatzung und anderen Untaten, vor denen sie öfter in die Wälder
fliehen mußten. 1634 schreibt er: »unterm 22 Marty ist eine Partey
Churfl. Krieges Volk in Böhmen auf die Plünderung gezogen; im raußziehn
haben sie sich allhier eingelegt, und futtern wollen, es hat ihn aber
der feind uf der ferschen nachgezogen, sie unversehens, weil sie keine
Wache gehalten, überfallen, der Churfl. ihrer Drey niedergehauen undt
angezundet: Hans Steffens Hauß sambt der Scheune, Hans Müllers, des
Schneiders Hauß, Nikol Fleischers Hauß uf der Brücken, darinnen seine
Schwieger die alte Kochin verbrand, der Paul Schullerin Hauß mit der
Scheunen, und darbey ihr Neben-Hauß darinnen ein Kneblein von 4 Jahren
verbrand, das Lehngericht, welches damals Kaspar Drechsels Erben
gewesen, zu grund abgebrand und Hans Fritzschens darneben und sind also
dismahl ihrer 5 Thodt blieben.«
Allein zwölf vertriebenen Pfarrern außer vielen anderen Flüchtlingen
wurden aus den Kirchenvermögen Beihilfen gegeben, obschon Neuhausen
selbst vierzehnmal in jener Zeit geplündert wurde; und obschon das
Pfarrhaus 1638 verbrannt und zerstört war und wieder aufgebaut
werden mußte, »weil in den vielfeltigen feindseligen Ausfellen alles
darinnen zerschmettert und zu nichte worden«. Die Vertriebenen haben
größtenteils nichts mehr als einen Exulantenstab in ihren Händen
gehabt, oder, wenn es hoch gekommen, auf einem Schiebebock ihre
kleinen, öfters noch an der Mutterbrust liegenden Kinder hinübergeführt.
Trotz des furchtbaren Ernstes der Zeit hatte aber Knorr noch mit der
Zuchtlosigkeit und Verwilderung der Sitten in seiner Gemeinde zu
kämpfen.
Er beschuldigt 1644 sogar den herrschaftlichen Schösser in
Purschenstein, daß er Verwirrung stifte und die Unsittlichkeit fördere,
»er habe Nacht- und Lobetänze biß zu Tage ausgeheget, deßwegen das
gesindte, Knechte und Magde zugelauffen und allerlei Uppigkeit, wie
leicht zuermessen, getrieben. Es war kein Herr seines gesindtes
mächtig.« Sogar der Schulmeister mußte wegen Vernachlässigung des Amtes
und Unsittlichkeit abgesetzt werden.
In seinem späteren Amte in Sayda fand er nicht die Ruhe, welche er wohl
gesucht hatte. Ja, sein Leichenstein sagt »Den Abend seines Lebens
trübte er sich durch die Annahme des Pfarramtes zu Sayda«, und bitter
klingt der Spruch, den er sich selbst als Grabspruch gesetzt:
»Ade du falsche Welt, die du mich hast geplagt,
Auch Tag und Nacht an mir nach Würmer-Art genagt.
Mich decket dieser Stein,
Biß Gott wird Richter seyn.«
Er, der in schwerster Zeit, 33 Jahre lang, der geistige und seelische
Halt in dem gefährdeten Grenzbezirk gewesen und alle Nöte und Ängste
des Krieges treu mit seiner Gemeinde geteilt, hätte einen besseren Dank
als diesen bitteren Ausklang und Nachklang seines Lebens verdient.
Einer seiner Nachfolger in Sayda, Friedrich Ziegler, Pfarrer
1692--1720, hatte sich als Wahlspruch das Wort gesetzt: »~ride et
vicisti~«, »Lache und du hast gesiegt!« Dieser lachende, vielleicht
auch ironisch lachende Philosoph -- Optimist oder Skeptiker? --
mag leichter das Leben überwunden haben, aber freilich ist diese
Philosophie nicht durch solche furchtbaren Proben versucht worden,
wie Knorr sie bestehen mußte, bei denen man das Lachen wohl verlernen
mag! Ziegler hat eine Schrift verfaßt, »Die Seelen-Vergnügung im
Grünen«. Es lächelt uns aus dem Titel das frohe Behagen eines
freundlichen Pfarrherrn entgegen, dem das Lachen leicht ist. Knorr mag
bei seinen heimlichen, gefährlichen Waldgottesdiensten nicht an eine
»Seelenvergnügung im Grünen« gedacht haben, weil er zu viel Blut und
rote Flammen gesehen, zu viel Seelennot im Grünen gefunden.
Gedankenvoll schreiten wir die lange Straße zurück, verlassen das
Städtchen und wandern dann hinaus in die sonnige Winterwelt. Da liegt
vor dem Städtchen das alte Johannes-Spittel hinter alten Bäumen. Bunt
leuchtet das Wappen der Herren von Schönberg mit Inschrift über der
Tür, durch welches das ganze schlichte Haus eine besondere Zierde und
Charakter erhält. Bernhard von Schönberg hat das Hospital gestiftet,
als er 1476 auf der Heimfahrt von Jerusalem auf der Insel Rhodos
auf dem Sterbelager lag und seiner fernen grünen Heimatberge und
harzduftenden Wälder gedachte. --