den er nicht genug zu rühmen wußte. Doch möge unser rascher, roter
Waldkobold noch lange als Wildpret unentdeckt bleiben, damit nicht noch
mehr unser deutscher Wald veröde und seiner geheimnisvollen Reize und
seines märchentiefen Waldwebens und Waldlebens beraubt werde. --
Drüben an der Ecke am Lazarett, wo der Umgang sich wieder nach Osten
wendet, machen wir noch einmal Halt und schauen von einem erkerartigen
Austritt hinunter in das grüne Bielatal und in den Hüttengrund und
drüben auf den Quirl mit seinem waldumrauschten Felsenhaupt, den
Nachbarfelsklotz des Königsteins, der auch einmal als Zwillingsfestung
zur Flankendeckung des Königsteins ausgebaut werden sollte, aber seinen
Waldfrieden dort oben behalten durfte.
Wir hören das Rauschen der Biela, die dort unten im Grunde über ein
Wehr stürzt, bis zu uns herauf. Die Häuser und Höfe des Dorfes Hütten
liegen am Bach und leuchten hell im Grün des engen Waldtales. Einst
stand hier im Grunde eine Gießhütte, die dem Orte den Namen gegeben,
aber bereits im 17. Jahrhundert eingegangen ist.
Wir wandern jetzt auf breitem, mit starken Steinplatten gedecktem Wege,
auf den mächtigen Gewölben der Kasematten, die z. T. in den Felsen
gehauen, z. T. aus gewaltigen Felsquadern aufgeschichtet sind. Dort
ist der Bärenzwinger, ein enger Felsenkessel, durch welchen einst
der älteste Aufgang zum Königstein geführt hat, dessen vermauertes
Tor an der Quadermauer heute noch von außen sichtbar ist. Dort sind
die anderen tiefen, finsteren, z. T. schluchtartigen feuchten Höfe
der Kasematten, in denen die Sonne nicht gerne weilt und der nackte,
finstere Fels erbarmungslos aus nächster Nähe in vergitterte Fenster
starrt. Viel lieber wandern die Augen hinaus ins grüne Land, nach der
kecken Felskanzel des Spankhornes, welches dort drüben aus dem Walde
ragt, nach den Felsen der Nikolsdorfer Wände, nach der »Hirschstange«,
dem Wege mit dem schönen, sinnigen, deutschen Namen voller Waldpoesie
und Nadelduft, der in halber Höhe des Berges wie ein schimmerndes
Band aus dem dunklen Waldesgrün leuchtet. Was für lachende Wanderwege
sind dort drüben, von denen der laute Schwarm nichts weiß, auf denen
man still und froh sein darf und nur sich selbst und die Heimat im
Zauber unberührter Herrlichkeit hat. Dort liegt im Walde versteckt der
Schüsselgrund, dort ist der Teufelsgrund mit seinen wilden Felsen, dort
ist so mancher stille Platz, wo im grünen Frieden die Romantik träumt,
wo du das Wild belauschen kannst, wo der Schwarzspecht mit seiner
roten Haube wie der Vogel des Märchens geheimnisvoll durch die Wipfel
streicht und mit klagendem Rufe lockt, ihm zu folgen, weiter und
weiter in die grünen Tiefen des Waldes. --
Dort liegt am Walde eine Wiese, in deren grünem Teppich die Margariten
wie tausend silberne Sterne gestickt sind. Ein klares Wässerlein
rieselt durch die Halme, und das Wollgras hebt auf zartem Stengel
seine Flöckchen wie schimmernde Seide zum Lichte empor. Ist es der
Tanzplatz der Elfen, wenn draußen der laute Tag zur Ruhe ging, kein
fremdes Ohr neugierig lauscht und nur der Wind und Mondenschein mit
leisen, leichten Füßen über die weichen Gräser wandert? -- Dort ist
mitten im Fichtendickicht ein Platz, eine Blöße mit langem Waldgras von
dunklen Nadelwänden hoch umgeben, auf deren zackigen Spitzen der blaue
Himmel ruht. Hundert Pilze stehen dort in bunten Farben, leuchtendrot
mit weißen Punkten, violett und gelb und braun und weiß. Keines
Menschen Fuß kam noch hierher und hat an diese Pracht gerührt. Oben auf
höchster Tannenspitze jubelt die Singdrossel ihr köstliches Lied in das
Abendrot. -- Ja, dort, dort drüben kann jeder Waldgang die Seele frei
machen vom Staub des Alltags und zur Freude erheben. -- -- --
War es ausgesuchte Grausamkeit und Hohn, wenn so die ganze Herrlichkeit
deutscher Wald- und Berglandschaft den Gefangenen des Königsteins
täglich vor Augen stand, die ihnen unerreichbar war und doch den Drang
nach der Freiheit schmerzhaft steigern mußte zu unerträglicher Pein
und seelischer Marter? -- Nein, es war Erbarmen, Wohltat und Tröstung,
ihnen den Blick auf das lachende Bild zu gönnen, auf den weiten Himmel,
die rauschenden Wälder und grünenden Hänge, Trost, der den Geist erhebt
aus den engen Mauern und dunkler Felsengruft zum Fluge in freie Höhen,
zum Schwunge über das traurige Heute, zur Hoffnung auf Freiheit und
Erlösung! Der Körper in Haft, die Seele aber in Freiheit und täglich
neu die Flügel reckend über das weite Land hinein in eine bessere
Zukunft!
Gar mancher Gefangene dort im alten Zeughaus mag doch seine Seele an
diesen Fragen wund gestoßen haben. Mit charaktervoller Schlichtheit,
mit steilem Dach und Giebel, fast gotisch im Aufbau wirkend, obwohl
es 1594 erbaut ist, schaut dieser Bau helle leuchtend weit in das
Land hinaus. Im Erdgeschoß ist eine zweischiffige Halle von schweren
Kreuzgewölben überdeckt, die auf drei mächtigen, toskanischen Säulen
von gedrungener Wucht aufruhen. Nachdem die Friedrichsburg für die
Gottesdienste der gefangenen Russen nicht mehr zur Verfügung stand, war
dieser kryptaartige Raum die würdige und monumental wirkende Stätte
ihrer kirchlichen Feiern und Andacht. Unvergeßlich wird jedem, der
es erlebt hat, die russische Osterfeier zu mitternächtiger Stunde in
jenem Raume sein. Draußen dunkle Nacht und die große, heilige Stille
der Ostererwartung. Nur die Wälder hört man ferne rauschen und die
Wasser der Biela im Grunde. Droben am unendlichen, schwarzblauen,
samtenen Firmament flimmern die Sternenheere und wandern ihre Bahnen.
Da tönt aus dem Tore der Kapelle der orgelähnliche Sang tiefer, voller
Männerstimmen in feierlichen Rhythmen, anschwellend und abklingend,
dazwischen die volle Einzelstimme des Popen in dunklen fremdartigen
Lauten. Im hellen Schimmer von vielen hundert Lichtern leuchtet der
Raum. Jeder der Teilnehmer trägt eine brennende Kerze in der Hand. Hier
in Gruppen zusammengedrängt stehend, dort knieend, dort an Wand und
Pfeiler sich lehnend, feiern sie das Fest in der Weise der Heimat und
ihre Gedanken eilen zu den fernen Stätten, an denen ihr Herz hängt, zu
fernen Stunden, die nicht mehr sind, zu kommenden Tagen der Hoffnung
auf Freiheit, der Sehnsucht nach Heimat und Frieden. Phantastische
Schatten huschen über die Gewölbe und Wände, hier leuchten Farben
auf, dort ein blinkender Orden oder schimmerndes Rangabzeichen.
Eine seltsame, mystische Wirkung geht von der Feier aus, deren mehr
geahnte, als bewußte Gefühlswelt so ganz abweicht von dem, was unseres
Geistes ist, aber doch an eigenes tiefstes Empfinden zu rühren vermag.
Ehrwürdig und heilig ist ja alles, was Menschenseelen erschauern macht,
wenn sie sich von irdischem Staube erheben empor zum Lichte, zu dem,
was man göttlich und ewig nennt, in welcher Sprache und Bekenntnis es
auch sein mag, wenn nur die Sehnsucht der Seele echt und wahr ist.
Ehrwürdig ist es auch, wenn mit dem Gruße »Christ ist erstanden«,
und der Antwort »er ist wahrhaftig auferstanden« die Teilnehmer am
Gottesdienste nach alter russischer Sitte sich dreimal küssen auf
Wangen und Stirn und in diesem Augenblick jeder Unterschied von Rang
und Stand, von Alter, Bildung und Besitz verschwindet. Der alte Oberst
küßte den jungen Leutnant und der hohe General, welcher als Gouverneur
von Turkestan über ein Reich, größer als Deutschland, gebot, küßte
seinen Burschen, den armen Bauernjungen aus dem Innern Rußlands.
Der Gesunde küßte den Kranken, denn in dieser heiligen Stunde beim
österlichen Bruderkuß hat, wie frommer Glaube lehrt, Ansteckung keine
Macht, mag sonst auch Krankheit oder Tod der Lohn solchen Kusses sein.
Ehrwürdig und seltsam, unserem Empfinden widerstrebend, vielleicht
aus der mystischen Stimmung der Stunde jedesmal neu herausgeborener
Glaube, vielleicht aus der Zeit des Urchristentumes durch Jahrtausende
bewahrte Sitte, vielleicht aus uraltem, russischem Heidentum
stammender Brauch und darum in christlichem Gewande so fest von der
Volksseele bewahrt, wer will es sagen? -- Zu den seltsamsten Stunden
des Königsteines mag dieses russische Ostern zählen, als um Mitternacht
unter deutschem Sternenhimmel gefangene Söhne aus allen Landschaften
Rußlands von Sibirien bis zur Krim und zur Weichsel den dreifachen
Osterkuß tauschten, als wäre man tief im Innern des ungeheuren, uns so
fremden Reiches. -- --
Wieviele mögen von ihnen die Heimat erreicht haben, nachdem der Friede
geschlossen war? Eine dunkle Kunde meldet, sie seien alle erschossen
worden, nachdem sie die russische Grenze überschritten hatten. Den
Bolschewisten seien diese Offiziere der besten, vornehmsten Truppen
des Zaren zu verdächtig oder zu gefährlich erschienen. Nur wer der
Heimat entsagt hatte und im Auslande Zuflucht fand, soll vor diesem
furchtbaren Schicksal, vor diesem schnöden Dank des »Mütterchens«
Rußland bewahrt geblieben sein.
Wie friedlich schlummern dagegen die wenigen während der Gefangenschaft
trotz sorgsamster Pflege und ärztlicher Behandlung verstorbenen Russen
auf dem dort unten auf lachender Flur am Waldrand liegenden Friedhofe
der Festung, sanft gebettet im Schoße der barmherzigen deutschen Erde.
Deutsche ärztliche Kunst und Pflege, die nicht Feind und Freund kennt,
sondern nur den leidenden Kranken, treue Teilnahme der Kameraden haben
nicht zu retten vermocht.
Da lag z. B. ein junger, lungenkranker, russischer Offizier im
Lazarett, das außerhalb des eigentlichen Gefangenenlagers stand. Bei
gutem Wetter war sein Lager draußen im Garten unter blühenden Rosen
und duftenden Blumen inmitten leuchtender Sommerpracht. Er empfing
täglich den freien unbewachten Besuch seiner gesunden Kameraden, die
zu diesem Zwecke frei die abgeschlossenen, durch Drahtzäune gesicherten
Grenzen des Lagers verlassen durften. Jeder erfüllbare Wunsch wurde
erfüllt. Er wurde jedoch ein Opfer der unheimlichen Krankheit. Ein
langes, würdiges Trauergefolge geleitete ihn zum Grabe in fremder Erde.
Voran schritt der Kreuzträger und der Männerchor, der in feierlichen,
klagenden Rhythmen Sterbelieder in kurzen abgerissenen Strophen bald
leise, bald mit anschwellender Stimme sang. Kränze wurden getragen. Es
folgte der Sarg mit dem Bahrtuch, der Pope im prunkenden Ornat, wie
ein Bild aus einem byzantinischen Mosaik herausgenommen, das große
Trauergefolge der Kameraden, die deutschen Lageroffiziere mit dem
Kommandanten an der Spitze und die deutschen Mannschaften. Langsam
schwebte der Sarg im Fahrgestell des elektrischen Aufzuges außen an
der Festungsmauer hernieder und wurde unter den schwermütigen, ernsten
Gesängen zum kleinen Garnisonfriedhof durch das Waldesgrün und wogende
Saatfeld zur letzten Ruhe geleitet. Von oben schauten über den Rand der
Mauerbrüstung die zurückbleibenden russischen Offiziere ernst hernieder
auf den letzten Gang ihres so fern der Heimat verstorbenen Kameraden
und lauschten den abgerissen emporklingenden Rhythmen der Totenklage
ihres Volkes. --
Der Friedhof der Festung ist ein Platz von besonders eindrucksvoller
Wirkung und ergreifender Stimmung. Sein Rechteck von nur 33 × 74 ~m~
Größe ist von einer wuchtigen Quadermauer umschlossen, an welcher der
Efeu emporklettert und Wiesenblumen blühen. Der Wald ist bis nahe
an die Mauer getreten, als wolle er diese Stätte des Friedens noch
besonders hüten und abschließen vom Lärm der Welt, von der Unruhe des
Tages da draußen, die so fern, so tief unter uns liegt. Zwei mächtige
Eichen stehen wie treue Wächter neben der Friedhofspforte und hoch
über den Gräbern wölbt sich das Laubdach stolzer Bäume, breiten sich
auch die Zweige von immergrünen Fichten und Kiefern. Alte, hohe
Lebensbäume stehen wie dunkle Trauergestalten zwischen den stillen,
grünen Hügeln. Hier finden wir die Gräber französischer Gefangener aus
dem Jahre 1870/71. Ein Marmorkreuz ist ihnen gewidmet und neuerdings
ein Gedenkstein, den ihnen französische Gefangene des Weltkrieges hier
setzten. Hier finden wir einige Kreuze russischer Form auf Gräbern
russischer Gefangener, hier auch Gräber deutscher Soldaten, die ihr
Leben der Heimat nach Schmerzen, Leiden und Wunden hier opfern mußten.
Im dichten Efeu unter Lebensbäumen liegen hier auch die Gräber alter
Festungskommandanten, die nach langer militärischer Laufbahn hier
Frieden fanden. Eine mächtige Steinplatte mit Inschrift deckt das Grab
des Kommandanten von Nostitz. Wir entziffern die Inschrift, aus welcher
uns der Geist und die Gefühlsstimmung einer längst versunkenen Zeit
aus Urgroßvätertagen entgegentritt und uns mit feuchten Augen wehmütig
anschaut:
»Als ich am Tag der Geburt die Welt anweinte, da nickten
Vater und Mutter und Freund lächelnd dem Weinenden zu.
Nun ich ihn ausgekämpft, den Ihr noch kämpfet, den Weltkampf
Lächl’ ich am Ziel, und Ihr weinet dem Lächelnden nach!«
Diese Worte bestimmte sich zur Grabschrift der hier ruhende
Königl. Sächs. Generalleutnant und Commandant der Festung
Königstein, Ritter des Militär St. Heinrichsordens
Karl Friedrich Ernst von Nostitz,
geb. den 18. Juni 1767, gest. d. 17. April 1838.
Sein Andenken segnen, die ihn erkannten!
Es ist zwar nicht eine soldatische Inschrift etwa für einen alten
Haudegen, aber eine Inschrift, die zu denken gibt, die in der stillen
Bescheidung und rückschauenden Lebenswertung des Greisenalters
kennzeichnend für den Verstorbenen und seine Zeit und darum wertvoll
ist. -- Wie leer und kalt lassen oft die tausendfach gedankenlos
wiederholten Worte auf modernen Friedhöfen an prunkenden Steinen, denen
die Seele fehlt. Hier aus der schlichten, wuchtigen, moosigen Platte
spricht eine Seele.
»Sein Andenken segnen, die ihn _er_kannten!« Wie fein und wie maßvoll
wird hier dem Toten Ehre gezollt. Wir wissen nicht, ob der Kreis derer,
die ihn erkannten, groß oder klein, hoch oder niedrig war, ob ihn
nicht auch viele verkannten, wir hören nur, daß er Menschen zum Segen
war. Ist dies nicht mehr als mancher tönende Nachruf, manche rühmende
Gedächtnisrede, so viele übertriebene Lobsprüche und vergoldete Lügen
auf Grabsteinen? --
Der kleine Friedhof der Festung birgt tiefe Lehren in sich. --
In seiner schweigenden Abgeschiedenheit weit vom Alltag, hoch über
Staub und Unrast des Lebens da draußen ist er eine stille Stätte für
die letzte Ruhe, von so ergreifender Stimmung wie wenige im Lande.
Mögen sorgende Hände und sinnige Herzen mit innigem Verständnis für
seine Worte stets diesen weihevollen Totengarten hüten und seiner
warten. --
Doch kehren wir in die Festung zurück. Den Park mit seinen mächtigen
Baumriesen, den alten Buchen, Eichen und Ahornbäumen wollen wir
durchwandern. Hier wird kein Stamm gefällt, weil er gerade schlagreif
ist. Wie ein heiliger Hain, ungestört, in weihevoller Stille, ragen die
Bäume mit stolzen Stämmen und schirmenden Kronen. Efeu und Immergrün
ranken am Boden und tausend Blumen blühen im Gras, die kein Gärtner
pflanzte und doch schöner sind an ihrem Platze und in ihrer Entfaltung,
als Gärtnerkunst es zu schaffen vermag.
Es rauschen die grünen Wipfel. Wir hören den hellen, schmetternden
Schlag der Finken und in tiefen, melodischen Tönen das zärtliche
Gurren der wilden Tauben. Von unten, aus dem Walde, tönt bald näher,
bald ferner der Ruf des Kuckucks. Ein Specht trommelt unermüdlich
hoch oben an dem dürren Ast der alten, vom Wetter zerzausten Eiche
dort. Ein Eichhörnchen huscht flink an jenem glatten Buchenstamm
entlang, hält inne und schaut uns verschmitzt aus seinen dunklen
blitzenden Augen an. Wir ruhen an der Böschung des Walles im Gras
und duftenden Thymianpolstern. Bienen summen um die Skapiosen und
Grasnelken, die sich auf schlanken Stengeln wiegen. Wir träumen und
sinnen in die grüne Stille hinein, während bunte, kleine Falter uns
umgaukeln, als wären wir selbst ein Kind der Natur geworden, das
unbekümmert im Arm und am Herzen der Mutter ruht und ihren warmen Atem
und ihr Herzpochen fühlt. Wieviele mögen unter diesem Blätterdach
schon gewandelt sein und zu den fliegenden Wolken emporgeschaut haben
und mitten im tiefen Frieden der Natur und aller ihrer Herrlichkeit
diesem Felsen, diesem Hain, dieser Herrlichkeit geflucht, um Erlösung
von dieser Stätte geseufzt haben, die uns so lieblich scheint mit
allem Sonnenglück geschmückt und die Hunderten schon eine Stätte der
Freude und übermütigen Lebensgenusses war. Die harten Gegensätze,
welche hier immer wieder aufeinanderprallen, fesseln mit besonderer
Gewalt die Gedanken und geben einen eigenartig anziehenden Reiz allem
Geschehen und allem Schauen. -- Unter diesen Zweigen schritten 1870/71
gefangene Franzosen hin und her und träumten von ihrer ~gloire~ und
berauschten sich am Rachegedanken, an der ~revanche~. Da griff einer
von ihnen zum Messer und schnitt in die glatte Rinde jener alten Buche
dort unter sein Namenszeichen die Worte: »~un chasseur français,
qui reviendra vainqueur~.« »Ein französischer Jäger, der als Sieger
wiederkehren wird.« -- Er ist nicht wiedergekommen! -- 44 Jahre später
lasen aber seine gefangenen Landsleute mit ihren russischen Freunden
und Bundesbrüdern jene Worte in der grauen, rissig gewordenen Rinde,
die jetzt ihnen wie ein Hohn auf ihr eigenes, unfreiwilliges Kommen
wirkten. Der Gegensatz zwischen Gewolltem und Gewordenem war bitter und
schmerzlich für sie.
Doch auf unser Herz auch fällt dieser Gegensatz mit schmerzlicher
Wucht: Versailles 1871 und Versailles 1918/19! Wann wird der Ausgleich
kommen im Pendelschlag der Weltgeschichte? Wann wird Lüge als Lüge,
Schandtat als Schandtat erkannt sein und gelten? Wann wird Friede sein,
und Recht und Freiheit wieder unter Völkern und Menschen wohnen und
daheim sein? Der sonnige Sommertag will uns dunkel werden, wenn wir
mit diesen Fragen an Heimat und Vaterland denken und an Tod, Tränen,
Wunden, Schmerzen und Niederbruch, an Wollen und Werden! Doch nein,
nicht trübe und mutlos! Aus innerer Erneuerung müssen Kraftströme
fließen. Wollen muß dann das Werden zwingen, wenn es echt und stark,
einig und zielbewußt ist!
Dort steht zwischen den alten Stämmen des Parkes die Baracke, in
welcher die Helden der Emden nach Überwindung von Not und Tod, von
Wüstenglut und meuchlerischem Verrat, nach Heldentum in Taten und
Dulden zuerst auf heimatlichem, deutschem Boden eine Ruhestätte fanden.
Der deutsche Geist, die deutsche Kraft, der Mut, der stärker ist als
das Schicksal, lebt noch und schafft an der neuen, der kommenden, der
stahlblanken Zeit! Wenn eine Welt uns niederrang, wir schaffen uns aus
neuem Geiste eine neue Welt. Wer für die Heimat und ihre wahren inneren
Werte sich einsetzt, der schafft und wirkt mit am Bau dieser neuen
Welt. -- --
Hier oben, auf der Fläche der Festung, wollte ein königlicher
Baumeister, Friedrich August II., der Starke, sich selbst eine neue
Welt anderer Art schaffen. Johann von Bodt, Festungskommandant und
Architekt mußte immer wieder neue Pläne für ihn zeichnen. Der König,
den die Baulust gepackt hatte, änderte und verwarf und suchte mit immer
neuen Gedanken und Wünschen eine Bauanlage als großartiges Schloß von
114 ~m~ Frontlänge mit weit vorgezogenen Flügelbauten und Ehrenhöfen
und Terrassen an einer groß durchgeführten Längsachse von der
Appareille bis zur Königsnase in symmetrischer Durchbildung angelegt,
wahrhaft königlich aufzubauen. Acht Kasernen, vier Magazine, Bäckerei
und Brauhaus sollten wie eine starke Wächterschar vor und neben der
stolzen Schloßanlage stehen, die als Zeughaus und für die »Logementer«
des Kommandanten bestimmt war.
Alle bestehenden Gebäude sollten dieser großen Planung weichen und
fallen, die Georgenburg, das Kommandantenhaus, die Magdalenenburg
und wie die alten Bauten heißen, welche uns heute noch erfreuen.
Nur das alte Zeughaus auf dem Wall, welches außerhalb der
großen Symmetrielinien lag, sollte erhalten bleiben. Dem großen
Symmetriegedanken wurde alles untergeordnet. Sogar im Park waren die
geschwungenen Wege und die kleineren Rundplätze rechts und links von
der großen Hauptachse des Mittelweges trotz scheinbarer Regellosigkeit
doch nahezu symmetrisch geplant.
Aus diesen Planungen spricht die großartige Baugesinnung, welche am
Zwinger in Dresden ihre größte Entfaltung fand. Ähnliches mag hier dem
königlichen Bauherrn vorgeschwebt haben. Über zehn Jahre beschäftigte
er sich mit diesen Plänen, die gleichzeitig mit dem Bau des Zwingers
und der Anlage von Groß-Sedlitz in seinem phantasievollen Geiste
emporwuchsen und Gestalt gewannen.
Sollen wir bedauern, daß sie nicht durchgeführt wurden? Vielleicht!
Vielleicht hätte diese Verbindung von fürstlicher Schloßanlage mit dem
militärischen Werk eine Gesamtanlage von besonders reizvoller Eigenart
ergeben. Vielleicht hätte hier wie bei keinem anderen seiner Bauten das
Schloß im Gesamtbilde der Landschaft und großen Natur mitgewirkt als
großartiger Abschluß und Krönung eines einzigartigen Landschaftsbildes.
Hoch über der Elbe sollte die stolze Schloßfront sich auf dem
gewaltigen Felsensockel des Königsteins aufbauen, so daß man weit über
Strom und Land, über Berge und Täler schauen könnte und seine Fenster
leuchteten bis weit ins Böhmerland. Wie das herrliche Klosterschloß
Banz bei Lichtenfels hoch über dem Main, das weit ins Frankenland
scheint und schaut, oder gleich der Akropolis in Athen, die weit übers
Meer schaut, so mag in der Phantasie das Schloß gestanden haben und
dem König in seinen Architekturträumen immer wieder aufgeleuchtet
sein, so oft er von Dresden elbaufwärts kommend zur Felsenstirn des
königlichen Steins emporschaute, zur Felsenstirne, der noch die Krone
eines königlichen Bauwerks fehlte. Er hat dem Stein diese Krone nicht
aufsetzen können. Baumwipfel rauschen und legen sich als grüner Kranz
statt der geplanten ragenden, steinernen Krone um die Felsenstirn. --
Die alten Bauten sind erhalten geblieben. Die königlichen Bauphantasien
sind vorüber und schlummern in Mappen und Archiven, um nur hie und
da bei einem seltenen Beschauer Architekturträume vom Königstein zu
wecken und das nachempfinden zu lassen, was der König genial und groß
innerlich schaute und schuf, was ihm ein Kunstwerk und ein Glück war,
ohne daß je sein Wollen zum Werden, zur Tat wurde.
* * * * *