Goldkoch Baron von Klettenberg über seine Tinkturen gebeugt. Er wollte
dem König, der soviel Gold brauchte und für seine kostspieligen
Neigungen durch seine Hände rollen ließ, eine Universaltinktur zum
Goldmachen liefern, die überdies durch gewisse Handgriffe einer
unendlichen Vervielfältigung fähig sei. Das gefiel August dem Starken,
aber als seine Vorschüsse verbraucht waren, ohne das ersehnte Gold
zu schaffen, setzte ihn August aus dem fröhlichen, üppigen Dresden
auf den ernsten, knappen Königstein, um hier die Goldtinktur zu
finden. Mehrere Fluchtversuche des Abenteurers mißlangen. Mit einem
Federmesser, das er heimlich in den Schuhen trug, arbeitete er sich in
der siebenten Woche seiner Gefangenschaft in der Walpurgisnacht 1719
durch den Fußboden seines Zimmers in der Georgenburg hindurch und ließ
sich dann in tollkühnem Wagemut an einem aus seinem zerschnittenen
Mantel gefertigten Seil glücklich über den turmhohen Felsen hinab.
Glücklich erreichte er die Nähe des Pfaffensteins, da verriet ihn seine
Eitelkeit. Im Busche von Gorisch begegneten ihm die Bauern Blumentritt
und Roschig, denen er verdächtig vorkam, so daß sie ihn ergriffen und
ein scharfes Verhör mit ihm anstellten. Er sei der Hauslehrer eines
Pfarrers der Gegend, behauptete er keck. Fast hätten sie ihn wieder
laufen lassen, doch halt, da sahen die schlauen Bauern seine schönen
rotseidenen Strümpfe mit silbernen Zwickeln, wie kein solch armer
Schlucker von Hauslehrer besitzen konnte. Blumentritt und Roschig
nahmen ihn in die Mitte, und er mußte den unfreiwilligen, bitteren Weg
zur Festung zurück antreten.
Er wurde nun in ein festeres Zimmer im Erdgeschoß der Georgenburg
gebracht, brach aber am 10. Januar 1720 auch aus diesem aus und wäre
fast entkommen, als er plötzlich abrutschte und 20 ~m~ herab in einen
mit Schnee gefüllten Graben immerhin noch glücklich stürzte. Er wurde
von der durch das Geräusch aufmerksam gewordenen Wache entdeckt und
zurückgebracht. Er hatte ja allerlei auf dem Kerbholz und wurde auch
wegen eines Duells vom Magistrat seiner Vaterstadt Frankfurt a. M.
verfolgt. Seine Auslieferung oder Hinrichtung wurde von dort beantragt.
Es wurde ihm nach so hartnäckig wiederholten Fluchtversuchen der Prozeß
gemacht und das Todesurteil gesprochen. Als Kyau ihm diese Nachricht
brachte, hielt er es für einen Scherz. Aber Kyaus, des sonst so
übermütigen, humorvollen Spötters Ernst war nur zu echt. Klettenberg,
der so oft sich aus den heikelsten Lagen seines Abenteurerlebens
herausgewunden hatte, gab die Hoffnung nicht auf und fragte noch auf
dem Wege zum Richtplatz am 1. März 1721 den Henker mit bedenklicher
Miene, ob er denn nun wirklich den letzten Gang tun müsse. Seine
Eitelkeit, oder war es Stolz und Todesverachtung, verließ ihn auch
nicht in der letzten Stunde: Er ließ sich in einem reich mit Silber
gestickten Scharlachrocke enthaupten und bat sich als letzte Gnade aus,
ihm, da er nicht mehr könne, im Sarge die große Allongeperrücke wieder
aufzusetzen, die er beim Köpfen natürlich ablegen mußte. Seelengröße
und Lächerlichkeit stehen hier nahe beieinander.
Sinnend stehen wir vor dem kleinen Steinkreuz, das auf seinem
Richtplatz errichtet wurde und jetzt auf einem der Wälle in der
Nähe der Königsnase noch erhalten ist, und denken dieses kühnen,
abenteuerlichen und merkwürdigen Mannes, der so recht ein Kind seiner
Zeit war, emporgetragen aus dem Dunkel in ein glänzendes Leben, bald
oben, bald unten in der Sonne der Fürstengunst, im Kerker, schließlich
Schaffot und dann im Sarg im silbergestickten Scharlachrock und mit
Allongeperrücke, im Tode noch den Grandseigneur spielend, obschon der
Kopf vom Rumpf getrennt war.
Dem anderen Goldmacher des Königsteins ging es besser, Johann Friedrich
Böttcher, der Porzellanerfinder, der durch seine Erfindung mehr als
Gold dem Sachsenlande erschloß, nämlich eine Quelle der Arbeit, der
Kunst und durch die Jahrhunderte strömenden Segens. Auch auf dem
Wege über die geheimen Künste kam er im Jahre 1704 ganz zufällig auf
die Erfindung eines braunroten Porzellans, welches alle bisherigen
Leistungen dieser Art an Dauer und Schönheit weit übertraf. Man
erkannte die Wichtigkeit seiner Erfindung, überhäufte ihn mit Ehren
und Schätzen, aber war auch ängstlich besorgt, daß er eines Tages so
plötzlich, wie er aufgetaucht war, auch verschwinden könnte. Er mußte
sein Laboratorium von Dresden auf die Albrechtsburg in Meißen verlegen,
wo er zwar Tafel und Equipage, aber zugleich einen Leutnant zum
beständigen Gesellschafter erhielt.
Aber diese Herrlichkeit war von nur kurzer Dauer. Als 1706 die Schweden
unter Karl XII. in Sachsen einfielen, wurde er wie ein kostbares
Wertstück mit drei seiner eingeweihtesten Gehilfen auf den Königstein
geschafft, weil man ihn in Meißen nicht sicher glaubte, auch wohl ihm
nicht traute, und ihn und seine Kunst den Schweden nicht gönnte. Es war
dies der wirksame Patentschutz jener Zeit, daß man den Erfinder einfach
einsperrte. Böttcher kam, für einen unbekannten Arrestanten geltend,
mit seinen drei Arbeitern am 26. August 1706 auf der Georgenburg an,
wurde zwar aufs beste behandelt, zugleich aber auch auf das schärfste
bewacht. Sein Zimmer war sogar mit einem starken Vorlegschlosse
versehen. Es lag im Obergeschoß der Georgenburg, deren Zimmer sich nach
offenen, loggiaartigen Bogengängen zum Hofe hinaus öffneten. Hier blies
der scharfe Wind quer durch das Zimmer, durch Fenster zur Tür, und der
Schnee lag im Bogengang vor seiner Schwelle. Er klagte über sein rauhes
Quartier und wärmte sich auch wohl an seinem kleinen Brennofen in den
Gewölben des Erdgeschosses, wo die ältesten Teile der Burg des alten
Kaiserschlosses mit gotischen Türgewänden und Bögen heute noch erhalten
sind. Er war noch jung, erst 20 Jahr, und ließ sich die Heiterkeit
nicht lange stören, vertrieb sich die Zeit, so gut es ging, schrieb
Gedichte, unter andern ein Lehrgedicht auf die Eitelkeit der Dinge und
schmiedete heimlich Fluchtpläne, die aber nicht zur Ausführung kamen.
Nach 1 Jahr und 9 Wochen wurde er wieder nach Dresden geschafft, wo er
dann seine Erfindung weiter vervollkommnete. Über sein Laboratorium
schrieb er dort den Vers:
»Gott unser Schöpfer
hat gemacht aus einem Goldmacher einen Töpfer.«
Als »Töpfer« war er jedenfalls besser als wie als Dichter!
Auch in Dresden hatte er zwar alle Bequemlichkeiten und Ehren, nur
keine Freiheit. Überall, wohin er sich begab, begleitete ihn ein
wachthabender Offizier. Der König schätzte ihn ungemein, wohnte öfters
seinen Versuchen bei, machte ihm mehrere Geschenke, schoß mit ihm nach
der Scheibe, nahm ihn mit auf die Jagd und erwies ihm andere Ehren.
Böttcher verstand sich aber aufs Geldeinteilen schlecht. Er war
umlagert von Leuten, die seine offene Hand mißbrauchten und an ihm
zogen. Seine Familie kostete beträchtliche Summen und von schlechten
Menschen wurde er hintergangen und betrogen. Er selbst liebte unmäßig
starke Getränke, hielt in Meißen, wohin 1710 die Fabrik wieder auf die
Albrechtsburg verlegt war, beständig offene Tafel für viele Personen,
schaffte sich 20 und mehr Hunde an, kaufte die seltensten und teuersten
Gewächse usw. Nachdem er durch unmäßigen Gebrauch von Branntwein und
Tabak usw. seinen Körper geschädigt, seine Lebenskraft vergeudet
hatte, starb er nach kurzer Krankheit in Dresden am 13. März 1719 erst
33 Jahre alt und hinterließ dem Lande sein großes Werk mit seiner
reichen Zukunft, für seine Person aber nur Schulden. -- --
Noch mehr Geister abenteuerlicher Gestalten wandeln in heimlichen oder
unheimlichen Stunden auf dem Wallgang des Königsteins umher. Da ist der
Livländer Patkul, welcher in den Kämpfen und Verhandlungen zwischen
Schweden, Rußland und Sachsen eine hervorragende Rolle spielte, und,
sei es durch Schuld sei es durch Schicksal, schließlich von den Herren
aller drei Länder, von Karl XII., Peter dem Großen und August dem
Starken als Verräter angesehen wurde und eines furchtbaren Todes starb.
Er wurde von Karl XII. gefangen nach Polen geschleppt und endlich am
30. September 1707 auf eine scheußliche Art gerädert, denn der Henker
gab ihm 15 Stöße mit dem Rade, ohne ihn zu töten, so daß Patkul endlich
mit zerschmettertem Körper nach dem Block sich wand, und um »Kopf ab«
mit gebrochener Stimme bat. Mit vier Hieben wurde dann dieser Wunsch
erfüllt. -- In der Zeit der Sonnenkönige, überfeinerter Genußsucht und
Kultur ein Bild grausamster Folter aus dem finstersten Mittelalter!
1706--1707 hatte Patkul auf dem Königstein gesessen. --
Da ist auch der Schatten des Kanzlers Christians I., Doct. Nicol.
Crell, der, beinahe allmächtig unter diesem seinem Gönner, sich
viele Feinde unter Adel und Geistlichkeit gemacht hatte und nach des
Kurfürsten frühem Tode am 25. September 1591 gestürzt wurde. Zehn
Jahre dauerte sein Prozeß, und war er auf dem Königstein gefangen.
Er bewohnte den heute noch nach ihm benannten Crellturm, der an die
Georgenburg anschließt. Das Todesurteil wurde an ihm in Dresden auf dem
Jüdenhofe vollzogen. Crell mußte zum Schaffot von zwei Henkersknechten
getragen werden, weil er seiner geschwollenen Beine wegen nicht zu
gehen vermochte. Die Witwe des Kurfürsten, dessen vertrauter Diener
und Staatsmann er so lange gewesen war, sicher eine feingebildete
Dame, schaute aus einem Fenster des Stallgebäudes diesem furchtbaren
und traurigen Schauspiele zu. Er hatte vielleicht oft an ihrem Tische
gespeist, ihr den Hof gemacht und in geistsprühender Unterhaltung
die Zeit verkürzt. Das Haupt, das dort blutig vom Blocke fiel, hatte
vielleicht ihre Hand geküßt, für sie und ihren Gatten gedacht, gesorgt
und gearbeitet. -- Und nun? --
Welche Seelenvorgänge mögen sich im Gemüte dieser Frau gekreuzt haben?
Lüsternes Grausen? Innere Anteilnahme und Erbarmen? Blutdürstige
Schaulust und Herzenskälte? Etwa befriedigte Rachsucht, wohl
aufgespart aus früheren Zeiten? O Rätsel des Menschenherzens, wer
mag deine verborgenen, geheimnisvollen Tiefen und Klippen ausdeuten
und ermessen? Wer mag sein eignes Herz verstehen und wissen, welche
Abgründe dort vielleicht schlummern, die nicht geahnt werden, bis man
vielleicht in einer dunklen Stunde erschauernd sie erkennt. -- --
Ja, so wandern dunkle Schatten mit schleppenden Schritten in langen
Reihen über den Königstein von Männern in Ketten, die in namenloser
Qual ihre Strafen, ihre Leiden oft jahrzehntelang trugen. Der
Geheimsekretär Friedr. Wilh. Menzel z. B., der durch den Verrat
geheimer Depeschen an Friedrich d. Großen die Mitschuld am Ausbruch des
Siebenjährigen Krieges trug, lebte mit einer eisernen Stange an den
Füßen als Gefangener 33 Jahre hier. Er durfte sich nicht barbieren und
sein Bart wuchs ihm bis über die Brust herab. 1796 erlöste ihn der Tod
im 70. Jahre.
Königstein, ein Altar, von dem nicht so sehr Gebete als Flüche und
Schreie der Verzweiflung, Rache und Hoffnungslosigkeit, der Angst
und Wut zu den dunklen ziehenden Wolken und in das Sausen des Windes
tönten. So mancher, der unbequem wurde, verschwand auf dem Königstein
und schanzte mit Schaufel und Hacke an Mauern und Wällen in Frohnarbeit
neben dem Verbrecher, den sein Urteil ereilt hatte, eine bloße Nummer
nur wie er. -- Friedemann Bach, dem genialen Sohne Johann Sebastians,
zerbrach hier in kurzen Stunden der Verzweiflung Leben und Zukunft.
Königstein, ein Stein des Fluches für Unzählige, ein Fels der Zuflucht
aber auch in Stunden der Not.
Seine bombensicheren Kasematten nahmen öfter die gefährdeten Schätze
Dresdens aus den Archiven, Sammlungen und dem Grünen Gewölbe auf. Ein
Fels der Zuflucht auch für die Landesfürsten, wenn Gefahr drohte.
Als am 3. Mai 1849 das Schloß in Dresden von Freischaren und Bürgerwehr
angegriffen wurde, floh der König Friedrich August II. mit Familie
und den Ministern nachts auf den Königstein und wartete dort ab, daß
die zur Hilfe gerufenen preußischen Truppen ihm seine Hauptstadt
wiedereroberten. Der Führer des Aufstandes, der russische Flüchtling
Bakunin wurde gefangen und fand sein Schicksal auf dem Königstein. --
Doch hinweg ihr Gestalten mit euren schmerzgezeichneten Gesichtern,
denen auch der hellste Tag dunkel ist, deren Blicke so trostlos in
die Weite wandern auf den hellen Straßen der Freiheit, die sie nimmer
betreten werden, nach den Bergzügen in blauer Ferne, die sich nimmer
vor ihnen auftun wird. Hinweg, ihr schwarzen Schatten alter Tage, ihr
Schatten von Schicksal und Schuld, von Willkür und Weh, von Trübsal und
Tod, ihr sollt uns den leuchtenden Tag nicht trüben und die helle Sonne
nicht dunkel machen, das wonnige Lachen des Landes zu unseren Füßen
nicht verscheuchen.
Wir stehen auf der Rosenkasematte und schauen hinüber auf die lachenden
Fluren von Thürmsdorf und die blanken Häuser, die zierlich und fein
über die grünen Hänge gestreut sind. Wie ein goldener leuchtender
Schild, der Schild des Frühlingsgottes Baldur, liegt ein blühendes
Rapsfeld darüber. Es ist, als strömte von ihm alles Licht und alle
Wärme aus, und immer wieder tauchen unsere Blicke in dieses reine
königliche Gelb, dem alle Farben des Sommers und der Landschaft dienen.
Wir schauen hernieder auf die wogenden, rauschenden Wipfel des Waldes
unter uns, auf den breiten silbernen Strom, auf dem ein Floß im langen
Zuge stromabwärts gleitet. Wie Ameisen klein bewegen sich die wenigen
Menschlein darauf hin und her. Das Bellen eines Hündchens klingt
herauf. Wie klein ist doch aus der Höhe betrachtet der Menschen Tun
und Treiben, und wie wichtig nimmt doch jeder sich selbst dabei! Sie
glauben etwas zu schaffen, und doch trägt der Strom das Floß dahin,
welches sie sich fügten. Ein wenig Lenken, ein wenig Steuern ist alles,
was sie vermögen, von oben betrachtet ein Nichts!
Wie lernt man bescheiden sein, wenn man aus der Höhe das Leben
betrachtet und sieht, wie ein Strom uns alle dahinträgt. -- -- -- --
Über uns breitet eine mächtige Eiche ihr Laubdach. Hier huschten im
Herbste die Häher durch die dichten Zweige und die Blaufedern der
Flügel schimmerten durch das Grün, wenn sie ihre Nahrung suchten.
Doch nicht nur Häher fanden Wohlgefallen an den Eicheln, sondern
auch Festungsbewohner. Eigenhändig gesammelt, geröstet und gemahlen
schuf diese Frucht des »Kaffeebaumes« auf der Rosenkasematte manchem
deutschen Offizier einen strenge duftenden »deutschen Mokka« während
der trüben Ersatzzeiten des Krieges!
Wie lernt man bescheiden sein, wenn man aus der Höhe das Leben
betrachtet und erkennt, daß alle Werte nur bedingt sind und daß
den meisten Dingen erst der Glaube ihren Geschmack und ihren Wert
verleiht. -- -- -- --
Wir wandern an der Brüstungsmauer weiter und können nicht genug schauen
in der Nähe und in der Ferne, um uns und unter uns. Senkrecht fallen
die Felsenwände des Sandsteins ab, zerklüftet und zerspalten, an der
Oberfläche hie und da von zahllosen Rillen durchkämmt, als hätte ein
Steinmetz mit ungeheurem Scharriereisen die Blöcke bearbeitet und Wind
und Wetter hätten sein Werk benagt. Wilde Tauben nisten hie und da in
den Löchern und ihr melodisches Rufen und Locken läßt sich hören.
Im Osten der Festung springt ein riesiger Felsenturm fast rechteckig
aus dem Block des Königsteins heraus, die Königsnase. Willst du
einen Freund ins Herz sächsischer Heimatschönheit schauen lassen,
daß er des Eindrucks nicht wieder vergessen mag, dann lasse ihn hier
von diesem Söller in die lachende Gotteswelt schauen. Tief unten zu
Füßen im Tale die roten und grauen Dächer des Städtchens hier am
blinkenden Elbstrome hingestreckt, dort in das Tal des Bielabaches,
der dort mündet, hineinwandernd und dort drüben die Abhänge des
Pladerberges hinaufkletternd. Mitten darin die Kirche mit ihrem Turm,
mit Kuppeldach und Spitze, wie ein preußischer Helm dem vierkantigen
Gesellen aufgestülpt. Wenn an einem goldenen Sommerabend von diesem
Turm unsere lieben Volkslieder geblasen werden, und du lauschst von
oben, wie die Klänge durch das Tal ziehen, den Strom entlang tönen
und Wald und Berg und grüne Hänge mit Wohllaut füllen als würde ihre
Seele und süßheimliches Träumen im Liede offenbar, dann magst du tief
empfinden, was deutsche Heimat ist und wie sie so zart und innig dir
an das Herz rührt, daß es antworten muß: »Ja, du bist mein, ich bin
dein Kind, und mein Bestes öffnet sich dir, wenn ich meine Seele ganz
in dich und deine Art und Herrlichkeit versenken darf.« Deine Augen
wandern in die blauende Ferne. Die Sehnsucht, das Fernweh und das
Heimatfühlen stehen Hand in Hand in deiner Seele und schauen hinaus in
die Wunder der Heimat und ahnen in beseligender Weihe, daß die Heimat
dich segnet, dir eine ihrer Höhestunden schenkt, um dich über dich
selbst emporzutragen. Dort stehen all die Felsaltäre, der Pfaffenstein,
der Gohrisch, der Papststein, der Hennersdorfer Stein, die leuchtenden
Felswände der Schrammsteine, der Falkenstein, wie ein gewaltiges
Gigantendenkmal von heroischer Wucht und Größe, und links der stolze
Lilienstein auf dem buntdurchwirkten Gottesteppich von weiten Feldern,
Wiesen und Waldessäumen. Es sind stille Altäre, still und groß, und
stehen darum so feierlich, so erhaben, so heilig über der flachen Ebene
mit ihrem Geräusche der Arbeit, die vom Schweiße dampft, über den
verworrenen Lauten des Tages, über dem Staub der Straßen, auf denen die
Alltäglichkeit hastet und keucht.
Und weiter hinaus der hohe Schneeberg mit seinem langgestreckten Rücken
in blauem Dunst, die Zschirnsteine, der Winterberg und dazwischen die
Spitzen und Kuppen der Berge Böhmens, in feinem Dufte verschwimmend,
deutsche Berge im deutschen Land, gegrüßt von deutschem Herzen: Mag
auch die Landesgrenze einen Strich ziehen, auch sie Altäre der Treue zu
deutscher Art und deutscher Seele, still und groß und feierlich.
Ganz in silberner Ferne ragt dort die stolze Spitze des Kleis bei
Haida wie eine steile Pyramide, als reckte sich aus böhmischem Gau der
Schwurfinger deutscher Erde aufwärts zum Himmel mit dem Treueschwure,
der Blut an Blut, Art an Art, Stamm an Stamm, Ehre an Ehre bindet. --
Was soll ich sie nennen, alle die Berge und Spitzen nah und fern,
über die die Wolken fliegen und die Farben wandern, die hier lebendig
werden, als höben sie ihre Häupter höher, wenn die Sonne sie trifft,
dort in blaue Schatten und Erstarrung zurücksinken und ihre Formen zu
verlieren scheinen, immer neu und immer wechselnd, unendlich reich im
lebendigen Spiel und doch voll himmlischer Ruhe, ein ungeheures Rund,
in dem das Kleine verschwindet. -- Fernweh und Heimatfühlen sind die
Kräfte, welche dir in solchen Weihestunden die Heimat zu eigen geben
und deiner Seele Flügel geben über das Kleine zur großen Ruhe. -- --
Wir müssen unsere Blicke losreißen, wennschon sie immer wieder in
die Ferne fliegen und immer wieder Sehnsuchtsblaues finden und
erschauen mögen. Der Felsen, an dessen Rand wir gehen, hat hier
besonders zerrissene und zerklüftete Formen mit vortretenden Ecken
und senkrechten Kanten und pfeilerartigen Vorsprüngen angenommen. Wie
die Zähne einer Säge springen zickzackförmig die scharfen Ecken der
Wehrmauer hervor, hie und da von einem spitzen Rundturm gekrönt. Ein
wildmalerisches Bild bietet diese vielfach gespaltene, trotzige, z. T.
überhängende, unersteiglich scheinende Felswand, zu der die schlanken
Fichten im Grunde emporrauschen. Und doch hat schon vor der Zeit
modernen Klettersportes ein wagemutiger Schornsteinfegermeister aus der
Stadt dort unten, namens Abratzky, heimlich die Ersteigung versucht.
Er wußte mit Wänden und Gesimsen, mit Kanten und Kaminen Bescheid
und arbeitete sich mit Knieen und Ellbogen, mit festem Griff und
griffigen Zehen in einer Spalte und über Vorsprünge empor. Aber auf dem
letzten Felsabsatz unterhalb der Wehrmauer verließen ihn die Kräfte,
er wurde von Posten bemerkt und mußte auf sein Rufen heraufgezogen
werden. Abratzkyfelsen heißt seitdem nach diesem einzigen beinahe
geglückten Versuche der Ersteigung der Felsvorsprung. Die nie erstürmte
unbezwungene jungfräuliche Festung durfte ihren Jungfernkranz, der hoch
oben an steiler Mauer in Stein gehauen an der Südseite sich findet, in
Ehren weiter tragen. Die Amsel, welche im Sommer 1917 jeden Abend vom
Dachfirste der Georgenburg das Lied »Wir winden dir den Jungfernkranz«
in das leuchtende Abendrot mit süßen Tönen flötete, hat Recht mit
diesem Sang auf das Magdtum der Festung behalten.
Die Flucht über die steilen Wände herab aus den harten, allzu fest
ihn haltenden Armen der jungfräulichen Feste hat freilich mancher
versucht und sie ist auch manchem geglückt. Die »Franzosenspalte«
erinnert heute noch mit ihrem Namen an die tollkühne Flucht gefangener
Franzosen im Jahre 1870. Auch die gefangenen Russen des Weltkrieges
haben diesen verwegenen Abstieg wiederholt versucht. Entflohen sind
manche. Wiedergekehrt sind alle nach kurzen Stunden der Freiheit auf
den verhaßten Stein! Da hatten einmal zwei Offiziere sich ein Seil zu
gemeinsamer Flucht zu verschaffen gewußt und zu glücklich abgepaßter
Zeit glitten sie an ihm auf schwankendem, gefährlichem Pfad an rauhen
Vorsprüngen und scharfen Kanten vorbei, von den Kameraden durch
Postenkette gegen Überraschung gesichert, in die schreckende und doch
so lockende Tiefe der heiß begehrten Freiheit entgegen. Doch, o weh,
das Seil war zu kurz! Über der Tiefe schwebte der erste noch weit vom
Boden. Sollte er das haltende Seil fahren lassen und den Absprung
wagen? Sollte er in die Gefangenschaft zurückkehren? Konnten seine
nachlassenden Kräfte den gefährlichen Wiederaufstieg am pendelnden
Seil, an schneidenden, überhängenden Felsgesimsen vorbei noch leisten?
-- Furchtbarer Augenblick innerer Spannung einer Entscheidung auf Tod
und Leben! -- Er sprang ab und erreichte glücklich den Boden. Sein
Kamerad folgte. Doch wehe, als er sich vom Sturze erheben wollte,
versagte ihm der Fuß den Dienst und auch die Schulter schmerzte und
war verletzt. -- Was tun? Es galt, nicht lange zu zögern! Fort, nur
fort, diesen verhaßten Mauern entrinnen, fort ins Dickicht oder eine
der Höhlen im Gestein, bis die Nacht die heimlichen Wege deckt! Der
Verletzte schleppt sich mühsam weiter, gestützt vom Kameraden, die
Freiheit winkt ja!
Doch da lagen am Abhang zwei Soldaten der Besatzung im Waldesgrün,
naschten Beeren und guckten in den blauen Himmel. Tiefer
Sonntagsfriede! Vogelsang und Wipfelrauschen die einzigen Laute nah und
fern. -- Horch, sind das nicht Menschenstimmen? Nicht Schritte? Nicht
heimlich raunende russische Laute? Sie springen hinter dem Felsblock
auf, der sie deckte, und stehen vor den entsetzten Flüchtlingen wie aus
dem Boden gewachsen! Ade, du goldene Freiheit, die eben noch winkte!
Nutzlos jeder Widerstand! Zu niederschmetternd war der Sturz aus der
Hoffnung in die Verzweiflung! Zurück ins alte Elend! --
Andere Kletterer gab es auf der Festung, denen die Blicke der
Gefangenen oft sehnsüchtig folgten, so voller Sehnsucht, wie den
Vögeln, die mit leichten Flügeln in das Himmelsblau sich schwangen.
Könnten sie von ihnen lernen, wie man diesen steilen Mauern entrinnt,
könnten sie ihnen die hurtigen, verwegenen Künste absehen!
Diese tolldreisten Kletterer waren die Eichhörnchen, die unten im Walde
von Wipfel zu Wipfel sprangen, an den Felsen senkrecht emporliefen,
denen keine Wand zu steil, kein Band zu schmal, keine Kante zu scharf
war, denen ohne Seil und Leiter die glatten Wände offene Straßen
waren, auf denen sie dahineilten. Unten der Wald, oben der Park und
die Obstgärten und dazwischen die Felsenwände, das war ihr fröhliches
Reich der Vertikalen, in welchem die blitzschnelle Bewegung von unten
nach oben oder kopfüber von oben nach unten zugleich lustiges Spiel
und Lebensaufgabe, zugleich Inhalt und Zweck des Daseins bildet.
Namentlich, wenn die Birnen auf der Festung reiften, dann waren die
flinken Gesellen im roten oder dunklen Pelz bei der Hand, um ungeladen,
ohne sich lange bitten zu lassen, bei der Ernte recht fleißig zu
helfen. Feinschmecker, wie solche in der Baumkrone hochgeborenen Herren
sind, und, gründlich erzogen, gingen sie stets auf den Kern jeder
Sache, d. h. sie zerbissen die Frucht, nagten und naschten die Kerne
und griffen zur nächsten Birne, verschwanden aber blitzschnell kopfüber
die Wände herab, wenn Gefahr drohte, in die rauschenden Fichtenwipfel
hinein wie eine zuckende, aufblitzende und erlöschende, rote Flamme.
Das Spiel und das kecke Treiben dieser reizenden Affen des deutschen
Waldes gab mancherlei Unterhaltung, Beobachtungen und Ablenkung.