Der große erste Zar, ein Freund der deutschen Kultur, führte sein Land

aufwärts zur Höhe, der kleine, schwache, letzte Zar ein Feind der

deutschen Art, führte sein Land in den Abgrund. Er wollte zermalmen und

wurde zermalmt.

Die Straße am Fuße der Felsenmauer führt uns über eine Zugbrücke, die

rote Brücke, durch ein offenes Vortor zum eigentlichen Festungstor.

Gut ist die Straße durch Erdwälle geschützt, und einige stolze Pappeln

stehen am Rande wie gewaltige Wächter oder eine königliche Leibgarde.

Durch ein klirrendes, starkes, eisernes Gittertor treten wir auf

einen kleinen Vorhof, von dem unsere Blicke aufwärts fliegen zu den

mächtigen Felsen und Wänden, die uns fast im Halbkreis, wie in einem

Kessel, umschließen. Felsen, aus denen wieder himmelansteigende Gebäude

emporwachsen, die Georgenburg, Streichwehrgebäude und Kommandantenhaus

mit funkelnden Fenstern. Vor uns liegt ein anderes Tor in wuchtigen

Renaissanceformen, mit einem Gorgonenhaupt als Schlußstein, gekrönt

von einer Wappenkartusche mit Königskrone und Waffentrophäen. Der

Festungskommandant und Architekt des Königs August II., des Starken,

Johann von Bodt (1670--1745) hat den Entwurf dazu gezeichnet, der noch

erhalten ist mit dem Handzeichen des Königs und auf dem Architrav die

nicht ausgeführte Inschrift trägt:

»Konistein bin ich genant

Ein Konig bracht mich in Stand.«

Wir durchschreiten den gewölbten Torweg und stehen im zweiten,

feuchten, finsteren, engen Hofe, unmittelbar am Fuße der ungeheuren

Mauern. Bedrückend wirken diese aufgetürmten Massen über diesem engen,

verließartigen Kessel, auf dessen Grund kaum ein Sonnenstrahl gelangt.

Eine steile Bohlenrampe steigt aus ihm aufwärts zu dem hochliegenden

Tore einer schwarz gähnenden Tunnelmündung, in der ein starkes

Fallgatter aus eisenbewehrten, spitzigen Pfählen drohend herniederhängt.

Über diesem Tor mit Dreiecksgiebel und Rüstungstrophäen über den

Eckpilastern ist das Reliefbild Augusts des Starken angebracht, dessen

königliche Baulust auch hier auf dem Königstein sich betätigte.

In dem finsteren Tunnel, der »Appareille«, geht es steil aufwärts.

Feuchte, kalte Kellerluft weht uns an, als müßten wir in ein

unheimliches Felsverließ hinein. Unsere Schritte hallen wieder von den

gewachsenen Felsenwänden, aus denen dieser Aufgang herausgehauen ist,

hallen wieder von dem schweren Gewölbe, das schwarz über uns lastet.

Als hier die gefangenen Russen 1914 aus lichtem, warmem Tage diesen

unheimlichen schwarzen Gang aufwärts geführt wurden, da wurde auch

mancher tapfere Mann bleich, denn sie glaubten, sie müßten für immer

vom Sonnenlichte scheiden.

An einem Knickpunkt des Aufganges ist eine mächtige Winde angebracht,

durch welche die Wagen die schiefe Ebene aufwärts gewunden oder

vorsichtig herabgelassen werden. Mag heute auch meistens der

elektrische Aufzug an der Außenwand der Festung diesem Zwecke dienen,

so ist doch diese altertümliche, gewaltige Wagenwinde noch keineswegs

ganz außer Dienst gestellt. Unter der Decke des Aufgangs gewahren wir

hier Schießscharten, von welchen der Aufgang mit Feuer bestrichen

werden kann, so daß dieser Aufgang geradezu zu einer Blut- und

Todesgasse für den Angreifer werden müßte, der hier zu stürmen wagte.

Da leuchtet uns endlich wieder das Tageslicht, und zwischen den

Felsmauern ansteigend führt uns der gehauene Gang unter freiem Himmel

das letzte Stück aufwärts. Wir sehen grüne Baumkronen hoch über uns im

Winde sich bewegen, hören den jubelnden Sang der Vögel und über die

Mauer hängt ein Fliederbaum seine duftenden Dolden in die kalte, enge

Felsengasse, wie einen Gruß aus Sonnenwärme und Licht. Tief atmen

wir auf und unsere Brust hebt sich dem goldenen Tage entgegen. Die

Hochfläche des Steines, des königlichen Felsens betritt nun unser Fuß,

und es ist uns, als wären wir in einer anderen Welt und Zeit, fern vom

Alltage, über dem Tagesgetriebe und näher der Vergangenheit.

Im Herzen der Festung befinden wir uns, auf dem Königsplatz, um den

sich die Hauptgebäude gruppieren, Kommandantur und Brunnenhaus,

Magdalenenburg, Kirche, neues Zeughaus und Kommandantenhaus. Kunstreich

gezierte bronzene Kanonenrohre mit Kurwappen und Medaillons, die Monate

darstellend, aus dem Jahre 1686 und andere ähnlich geschmückte aus dem

18. Jahrhundert liegen im Kreise unter den hohen rauschenden Bäumen des

Platzes.

Unser Weg führt uns dann rings auf dem Wall an den Zinnen und

Brüstungsmauern der Festung entlang, um unsere Wimper erst mal satt

trinken zu lassen von dem goldenen Überfluß der Welt, die sich zu

unseren Füßen breitet, und Erinnerungen steigen auf an Stunden, die

vorüber sind, an Zeiten, Männer und Schicksale ferner Vergangenheit.

Die Steine fangen an zu leben, zu flüstern, und ihr heimliches

Raunen eint sich mit den großen Linien und Rhythmen der Landschaft

ebenso wie mit ihrer wonnigen Lieblichkeit zu unsern Füßen zu einer

einzigartigen Symphonie, der auch dunkle Untertöne und Mißtöne nicht

fehlen. Es mag im Sachsenlande wohl kaum eine Stätte geben, wo die

umfassende Herrlichkeit der Landschaft sich mit Sage und Geschichte zu

so eindringlicher Wirkung verbindet. Es mag kaum eine Stätte geben,

wo neben rauschenden Festen, königlichem Prunk und übersprudelnder

Genußfreude soviel Elend, Verzweiflung, Wut und Schmerzen ihren Weg

zum Himmel suchten, wie hier auf dem Königstein, ein Stein des Fluches

einst für viele und doch ein königlicher Stein.

Wir stehen an der Friedrichsburg, ursprünglich Christiansburg genannt,

welche 1589--1591 Kurfürst Christian I. durch seinen Architekten

Paul Puchner aus Nürnberg und Hans Irmisch aus Freiberg auf einem

Felsenvorsprung der Nordseite hoch über der Elbe errichten ließ.

Christian I. war es ja, der den Felsen eigentlich erst zu einer

Festung ausbauen ließ. Er ließ 1589 rings den Felsenrand mit starker

Brustwehrmauer versehen und schuf den neuen, sicheren Aufgang, durch

den wir auch heute den Felsen betreten haben, unter Benutzung einer

natürlichen Kluft, die er überbaute und befestigte, so, daß »die seite

des ganzen Berges sampt des Weges und Porten mit 10 oder 12 Soldaten

verwarrt werden« konnte. Er legte auch eine ständige Besatzung auf

die Festung, und baute für sie eine Kaserne, die heute noch erhalten

ist, und in ihrer charakteristischen Anlage wohl eines der ältesten

Beispiele derartiger militärischer Bauten ist.

Die Christiansburg auf ihrer sturmfreien, unersteiglichen Höhe an einem

der schönsten Punkte des Sachsenlandes galt aber nicht der Befestigung,

sondern ist ein Lustschlößchen mit wunderbarer Aussicht elbaufwärts

und elbabwärts und auf die malerischen Felsen der sächsischen Schweiz

im Basteigebiet und drüben auf den stolzen Lilienstein. Tief unten

im Grunde zieht der Strom majestätisch in großer Windung dahin und

trägt die Kähne und die Flöße aus dem Böhmerland vorbei und aus dem

Walde zu den Füßen steigt der Duft der Buchen empor, klingt das

Lied der Singvögel und das Kichern des Spechtes. Ein uneinnehmbarer

Festungsklotz, ein unzerbrechlicher Felsenriegel für das Elbtal und

doch ein Ort für jauchzende Lebenslust und jubelnder Daseinsfreude in

seiner landschaftlichen Schönheit. Da ist es kein Wunder, daß Sachsens

Fürsten immer wieder hierher geeilt sind zur Freude und auch in der

Stunde der Gefahr, und daß sie auch ihre Gäste hierherführten. 1652

weilte hier der große Kurfürst, 1698 Peter der Große, 1728 Friedrich

Wilhelm I. von Preußen, der Soldatenkönig mit seinem Sohn, dem großen

Friedrich, der später hier wieder ein freilich unwillkommener Gast

war, 1813 Napoleon I., der Franzosenkaiser kurz vor seinem Sturz. Hier

in der Friedrichsburg, hoch über der Landschaft königlich thronend,

fanden die frohen Feste und Gastereien statt. Es ist ein äußerlich

schlichter, achteckiger Pavillonbau von 11,4 ~m~ Durchmesser von zwei

Geschossen mit gebrochenem Mansardendach. Ursprünglich führte nur ein

rundes Treppentürmchen zum oberen Spiegelsaal mit seinen Deckengemälden

und den zehn großen Aussichtsfenstern, durch welche sich nach jeder

Richtung ein neues, reizvolles Landschaftsbild bietet.

August der Starke ließ jedoch an Stelle des Türmchens 1721 eine

zweiarmige Freitreppe mit reicher Balusterbrüstung und Vasenschmuck

anlegen. Seine Absicht, auch noch durch Flügelbauten und Bogengänge

dieses architektonische Schmuckstück noch weiter auszubilden, die in

noch erhaltenen Zeichnungen festgelegt ist, ist nicht zur Durchführung

gekommen.

Im unteren Saale der Friedrichsburg feierte am 12. August 1675 der

Kurfürst Johann Georg II. ein Hoffest. Sein Page Karl Heinrich von

Grunau hatte dabei dem guten Meißner Wein, der im großen Fasse der

Magdalenenburg ja unerschöpflich schien, zu ergiebig zugesprochen im

Hochgefühl der Stunde auf dem königlichen Stein. Die Umtrunkhumpen

jener trunkfesten Zeit hatten auch noch etwas anderes Format als unsere

Gläschen heutzutage. Bunte Gläser von 2--3 Liter Inhalt sind heute noch

in der Friedrichsburg zu sehen. Im Rausche stieg Grunau aus dem Fenster

auf einen schmalen, etwa 60 ~cm~ breiten Felsenvorsprung herunter und

legte sich mit der Sicherheit eines Nachtwandlers am Rande des Abgrunds

nieder auf dem harten Stein und schlief, in der Meinung daheim im Bette

zu sein, fest und sorglos ein. Nur der geringsten Wendung bedurfte

es, und er stürzte in die Tiefe hinunter. Glücklicherweise wurde er

zeitig entdeckt. Als man dem Kurfürsten das halsbrechende Ruheplätzchen

zeigte, ließ er den Schlummernden erst anbinden und dann mit Trompeten

und Pauken wecken. Grunau mag in seinem Leben dieses gefährliche Lager,

das man heute noch »das Pagenbett« nennt und zeigt, nicht vergessen

haben, obschon er 106 Jahre alt wurde und erst beinahe 70 Jahre später,

am 9. Dezember 1744 starb. Er war kein unreifer Jüngling mehr, obschon

er Page war, als er dieses steinerne Bett am Abgrund sich suchte,

sondern ein Mann von 37 Jahren. Als Greis von 102 Jahren machte er noch

in Bischofswerda 1740 August dem Starken auf seiner Reise nach Polen

seine Aufwartung.

Im Jahre 1756 stand hier ein anderer sächsischer Fürst, August III.,

mit seinen beiden Söhnen, den Prinzen Xaver und Karl, und mit seinem

mächtigen, unheilvollen Minister Brühl an der Friedrichsburg und

schaute schweren Herzens in ohnmächtigem Zorn hinüber nach dem

Lilienstein, nach der Ebenheit, aus welcher sich der Felskoloß dort

drüben erhebt, und sah den Untergang seines Heeres. Das sächsische

Heer, 18000 Mann stark, hatte nicht vom Lager in Pirna her rechtzeitig

die Verbindung mit den Österreichern unter Brown aufgenommen, der bei

Schandau stand und mit 9000 Mann auf die Sachsen vom 11.--14. Oktober

wartete. Diese waren, nachdem sie das letzte Brot gegessen hatten, erst

in der Nacht auf den 13. Oktober auf einer Schiffbrücke über die Elbe

gegangen und standen nun dort am Fuße des Liliensteins bei strömendem

Regen in einem ungangbaren Gelände, und konnten nicht vorwärts und

rückwärts. Von allen Seiten rückten die Preußen heran, wie in einem

Kesseltreiben. Ein Durchbrechen ihrer Reihen war nicht möglich. Am

14. Oktober erteilte August, der von dort oben mit eigenen Augen

voller Grimm zusehen mußte, wie Friedrich die Schlinge zusammenzog,

seinem Halbbruder Rutowski die Vollmacht zum Abschluß der Kapitulation

mit Friedrich. Die ganze sächsische Armee wurde kriegsgefangen,

die Mannschaften durch einen erzwungenen Fahneneid dem preußischen

Heere einverleibt, den Offizieren die Wahl zwischen Gefangenschaft

oder Übertritt in den preußischen Dienst gelassen. Doch die Ehre

wurde gewahrt: 568 Offiziere gingen lieber in Kriegsgefangenschaft,

nur 53 Offiziere in preußischen Dienst. Die Mannschaften entflohen

später zum großen Teil und flüchteten sich nach Polen und Österreich.

Der König selbst verließ am 20. Oktober 1756 früh 5 Uhr mit seinem

Gefolge den Königstein in 33 Wagen, um nach Polen zu eilen und traf am

27. Oktober in Warschau ein.

Der siegreiche Feind im Land, der König und sein allmächtiger Minister

auf eiliger Flucht, das Volk und Land in seinem Elend und Not

verlassend, um sich in bequeme Sicherheit zu bringen. -- -- Wie stimmte

das zu seinen stolzen Worten in der Schicksalsstunde seiner Armee, als

er vor ihrer Kapitulation vom sicheren Königstein ihr zurief: »Der

König zieht es vor zu sterben, mit seinen Offizieren zu sterben, als

solch eine Schmach zu überleben!« Worte, denen keine Taten folgten! Er

war kein Held. Die von Brühl geflissentlich genährte Bequemlichkeit

war sogar stärker als das einfache Pflichtgefühl. Das erste Jahr des

siebenjährigen Krieges hatte hier unter den Felsen des unüberwindlichen

Königsteins unter den Augen eines energielosen, mißleiteten Königs eine

für Sachsen verhängnisvolle Wendung genommen. -- Heute noch werden

hie und da Kanonenkugeln aus jenen schicksalsschweren Tagen auf der

Ebenheit aus dem Ackerboden gepflügt.

Auch Napoleon suchte vergebens 1813 auf der Ebenheit sich einen

Stützpunkt am Fuße des Liliensteines zu schaffen durch Errichtung eines

befestigten Lagers, als Mittelpunkt einer starken Verteidigungslinie

gegen die Österreicher von Stolpen über den Lilienstein bis an die

böhmische Grenze bei Peterswalde. Reste der Schanzen sind noch

vorhanden. Doch Napoleons Stern war erblichen. Auf Leipzigs Fluren sank

er in den Staub. -- -- --

Als 1914 nach dem großen Kesseltreiben Hindenburgs bei Tannenberg

die russischen Offiziere auf dem Königstein unfreiwilliges Quartier

fanden, wurde ihnen der obere Saal der Friedrichsburg zunächst für ihre

Gottesdienste zur Verfügung gestellt. --

Wunderbarer Wandel der Geschicke! Der Raum ausgelassenster Weltfreude

eines August des Starken und seiner Nachfolger wird Stätte des

mystischen, fremdartigen, russischen Gottesdienstes. Der Pope mit

schwarzem Bart und langen schwarzen Locken aus dem Innern Rußlands

steht im bunten, reichgestickten, langwallenden Ornat vor dem Altar

mit der großen Bilderwand, die einer der gefangenen Offiziere gemalt

hat. Daneben der Männerchor, aus allerlei Stämmen Rußlands, der

die Orgel ersetzt, mit seinen tiefen, weichen, dunklen Stimmen

und den eigenartig schwermütigen, einförmigen Gesängen, welche die

Molltonarten und Tonfolgen in halben Tönen so bevorzugen. Von oben

schauen verwundert die Köpfe der Zwölf- und Sechzehnender mit ihren

gewaltigen Geweihen hernieder auf dieses seltsame Tun und Treiben, das

zu dem deutschen Königsfelsen hoch über deutschem Wald und Strom, zu

diesem Raum, in dem noch das Lachen derber Weidmannslust, das Jauchzen

lebensfroher Trinkgesellen aus zwei Jahrhunderten zu hängen scheint, so

gar nicht recht passen und stimmen will. --

Einer der gefangenen Generäle, General von Dehn, aus deutschem Blut

und baltischem Geschlecht, sah oft gedankenvoll von hier nach dem

Basteifelsen hinüber. Ein Jahr zuvor hatte er die Bastei mit seiner

Gattin auf einer Deutschlandreise besucht. Hatte dort drüben gestanden,

zum Königstein mit ihr hinübergeschaut und ihr diesen berühmten Felsen

gewiesen. Damals hatte er nicht gedacht, daß er sobald diesen Felsen

wiederschauen und unfreiwillig so eingehend kennenlernen würde, daß

er, der Mann aus der Umgebung des Zaren, sobald wieder eine Reise aus

dem fernen Rußland, jedoch ohne Gattin, aber mit Kameraden, in die

Sächsische Schweiz machen würde!

Er schüttelt tiefsinnig sein bartloses Haupt und wandert mit gesenktem

Blick über den Wall mit raschem, kurzem Schritt. Gefangensein,

tatenlos, ist schweres Soldatenlos! Wunderbarer Wandel der Geschicke! --

Diesen Wandel der Geschicke, und daß das Glück eine feile Dirne ist,

haben manche erfahren müssen, die hier auf dem Königstein geweilt

haben. Fürstengunst war manchmal ein Strick, der aus dem Dunkel,

aus der Tiefe aufwärts zog -- -- aber manchmal viel höher, als es

einem gesunden, ehrlichen Hals lieb sein konnte: Gleich neben

der Friedrichsburg stand ein Baum, der einen Ast weit über die

Brüstungsmauer gerade hinausreckte über den tiefen Abgrund. Am 7. Juli

1610 trug er eine absonderliche Frucht. Es war der bisherige Kommandant

der Festung selbst, von Beon, der nach Kriegsrecht über die Festung

hinausgehangen wurde, weil er angeblich Holz, Bretter, Schanzzeug usw.

veruntreut hatte. Seinem Halse mag die Schlinge der Fürstengunst bald

zu eng geworden sein. Ein Kreuz in der alten Brüstungsmauer zeigt

die Stelle, wo er auf Wunsch seines Fürsten so aussichtsreich sein

Leben aus Luftmangel schloß angesichts der großen, stillen, weiten

Elblandschaft. --

Noch ein andrer mag in mitternächtlicher Stunde zur Johannisnacht, wenn

geheimnisvolle Kräfte sich regen und, was stumm und tot ist, Sprache

und Leben gewinnt, über den Wandel der Geschicke sich wundern. Es ist

der riesige Bacchus mit seinem Satyrgefolge, der in das Erdgeschoß

der Friedrichsburg wie in ein enges Gefängnis verbannt ist. Wie gern

würde er wohl in geisterhaft schöner Vollmondnacht hinüberwandern

nach der Magdalenenburg, in die ungeheuren Felsengewölbe hinabsteigen

und sehen, ob nicht vom großen Faß ein Zug zu schlürfen wäre, von dem

Fasse, dessen Schutzgott, Schmuck und am engsten verbundener Freund er

einst war, einen langen Zug und Schlurf zu tun, der für 100 Jahre der

Trockenheit und des Staubes vorhält. Der Kelch in seiner hocherhobenen

Hand ist trocken und leer und die Gewinde von Weintrauben geben keinen

perlenden Saft. Wenn er aufspringen würde, so würde er die Decke

durchstoßen, und das Haus auf seinen Schultern davon tragen. Ja, die

Zeiten sind nüchtern und trocken geworden, der Sang ist verschollen,

der Wein ist verraucht, das große Faß ist zerschlagen, all der bunte

Zauber ist verstoben und zu Asche geworden.

Was mögen das für feuchtfröhliche Kellerfeste gewesen sein dort drüben

in der Magdalenenburg. Im Grundstein war 1620 ein mit edlem Wein

gefülltes Glas versenkt worden und nun lebte der fröhliche Geist des

Weines in den mächtigen Gewölben. 1624 wurde ein Faß mit 2222 Eimer

Inhalt aufgestellt und diente 50 Jahre etwa seinem Zweck. Dann folgte

1680 ein Faß mit 3319 Eimer Inhalt. 16 Wochen dauerte seine Füllung mit

Meißner Wein! Doch August dem Starken genügte das nicht. Von seinem

berühmten Architekten Pöppelmann ließ er Zeichnungen machen und dann

ein Faß bauen, das seinesgleichen nicht hatte. Die Schauseite war reich

geschmückt mit Holzschnitzerei. Oben das reiche sächsisch-polnische

Wappen mit der Königskrone darüber, Weingehänge und rechts und links

zwei am Rande emporkletternde Satyrn und auf dem unteren Rande sitzend

unser prächtig modellierter Bacchus. Auf acht gewaltigen Lagerböcken

ruhte der Riesenleib des Fasses. In halber Höhe umschloß ihn wie

ein ungeheurer Gurt die die Böcke zu einem festen Lager verbindende

Riesenzarge, auf der zum Schmucke die Reihen der mächtigen Humpen

und allerlei Schaustücke standen. Da stand ein großer, hölzerner

Becher, den Kurfürst August gedreht, dort ein silbernes Fäßchen mit 14

immer kleineren, eingesetzten silbernen Bechern, dort ein silberner

Ziehbrunnen mit Säulen und Dach von Silber, dort eine silberne und

vergoldete, 18 Zoll lange und an der Mündung 2¾ Zoll weite, auf einer

Ebenholzlafette ruhende Kanone, dort ein silberner, vergoldeter, 6 Zoll

hoher und an der Mündung 3 Zoll weiter Mörser (beide als Becher zu

gebrauchen), dort ein venetianisches Glas, das 6 Maß hält und einen

Deckel von 3 Maß Weite hat, dort noch andere Trinkgefäße von besonderen

Maßen und Formen und für urweltlichen Durst. 30 eiserne Reifen

umspannten den Riesenleib des Fasses, von denen jeder 7 Zentner wog.

10 ~m~ Länge und 7 ~m~ Durchmesser hatte das Ungeheuer und 3709 Eimer

schluckte sein unersättlicher Bauch, das sind 2500 ~hl~, 376 ~hl~ mehr

als das große Heidelberger Faß. Sein Rücken trug einen geräumigen Boden

von zierlicher, vasengeschmückter Brüstung umgeben, auf dem große Tafel

und Tanz stattfinden und dem Gotte des Weines in bacchantischer Lust

geopfert werden konnte.

Wie das Weinfaß und die Trinkgefäße von besonderen Maßen waren,

so war auch der Durst und die Trinkfähigkeit in jenen früheren

Jahrhunderten von manchmal erstaunlichem Ausmaß. Der Meistertrunk

von Rothenburg o. d. T., den der Alt-Bürgermeister Georg Nusch am

30. Oktober 1631 tat, um seine alte, gute Stadt vor der Verwüstung

durch Tillys Scharen zu retten, ist bekannt. Noch heute erscheint ja

seine Gestalt, wenn mittags die Uhr zwölf schlägt, oben am Fenster der

ehemaligen Reichstrinkstube am Markt in Rothenburg mit dem Schweden,

setzt den gewaltigen Humpen an und leert ihn (über 3 Liter Inhalt) im

langen Zuge zum Erstaunen seines Feindes. Ein andrer solcher Kämpe

mit dem Humpen war Veit von Bassenheim, der ein silbernes Becken,

das 8 Weinflaschen faßte, dreimal hintereinander leerte und sich so

von dem Ordensmeister Winrich von Kniprode die Schloßhauptmannschaft

der Marienburg erkneipte. Ein großer Held im Wettrinken war auch der

kurbrandenburgische Oberkämmerer Kurt von Burgsdorf, der bei jeder

Mahlzeit 18 Maß Wein vertilgte, und sich im Trinkkampf manches Schloß

und Dorf gewann, anders als der Herr von Rodenstein, der alle seine

Dörfer zu Heidelberg im Hirschen vertrank. Von den Mengen, die in jenen

trunkfesten Zeiten täglich getrunken wurden, gibt eine Hoftrinkordnung

Kunde, die 1648 an dem für besonders mäßig geltenden Hofe des Herzogs

Ernst des Frommen zu Sachsen-Gotha erlassen wurde. Danach wurden »die

gräflichen und adligen Frauenzimmer« auf vier Maß Bier am Tage und drei

Maß des Abends gesetzt.

Hier, im Keller der Magdalenenburg, wo wohl seltener »gräfliche und

adlige Frauenzimmer« als vielmehr Kriegsmänner, alte »Kriegsgurgeln«

mit ausgepichten Kehlen die Runde bildeten, mag manches scharfe

Trinkturnier ausgefochten sein, da ja der edle Stoff unerschöpflich

war. »Ich hab ein Igel im Bauch, der muß geschwummen haben«, hat

mancher da gedacht.

Wild mag es auch manchmal hergegangen sein, wenn der starke König dort

seiner Kraftnatur die Zügel schießen ließ, und sein Kommandant, der

Generalleutnant Freiherr von Kyau, mit seinen lustigen Einfällen und

derben Späßen die Runde der übermütigen Zecher erheiterte, daß das

Gewölbe vom Lachen der rauhen Kehlen erdröhnte. -- --

»Iz rinnit nich ein tropho mêr,

Der wîn ist vortgehupfit ...

Ou wê mîn grôzaz vaz stât lêr,

Sie hâ’nt mirz ûz gesupfit!«

Das Faß wurde 1819 zerschlagen. Das Lachen in der Magdalenenburg

ist längst verstummt, schwarz und finster liegen die mächtigen

Kellergewölbe wie ein Grab vergangener Größe. Nur der Bacchus sitzt mit

den Satyrn trocken und verstaubt im engen Raum der Friedrichsburg. Wenn

er reden könnte, was würde er erzählen, wovon kein Buch mehr weiß! Geh

hin in der Johannisnacht, wenn der Vollmond scheint. Fülle ihm seinen

Becher mit edlem Wein und trinke ihm dann zu, erzähle ihm vom deutschen

Rhein und deutschem Wein, von deutschem Glück und deutschem Leid, von

deutscher Not und deutscher Rache, vielleicht erwacht er vom Duft der

Reben und redet dann, was er erfuhr in tollen Nächten, was er erlauscht

in mehr als 100 Jahren, was keiner mehr sonst weiß, vielleicht von

deutscher Seele und deutscher Tat, vielleicht ein Wort, das stark macht

und Begeisterung schafft, wie edler Wein -- -- vielleicht!? --

Aus grauen Mauern und grünen Weiten Schauen und Sinnen auf Heimatwegen · 第 19 / 25 段