_Naturdenkmal_ wird auch diese Felsengruppe mit dem ganzen Tale sein
und bleiben, bei dessen Anblick und sinnender Betrachtung Tausenden das
Herz aufgehen muß für die Schönheit der Heimat, und das Verständnis und
die Freude wachsen soll an ihrer Seele, an ihrem Leben, Sein und Werden.
Freibergs Umgebung ist nicht reich an solchen Punkten, wo Wissenschaft
und beseelte Schönheit sich in gleicher Weise vereinen, um den Ort
reizvoll zu machen, und wo als Drittes noch die Sage hinzukommt,
um mit den krausen Ranken der Phantasie und der Erinnerung den Ort
geheimnisvoll zu schmücken.
Der Lips-Tullian-Felsen dort drüben im Tale ist in unmittelbarer Nähe,
der Felsen, wo der große verruchte Räuber einst hauste. Auch die
Diebskammer hier mag ihm und seinen dunklen Zwecken gedient haben. Die
echte Räuberromantik spinnt ihre bunten Fäden um die zackigen Zinnen
dieser aus grünen Fichten ragenden Räuberburg, die bald wie Blut,
bald wie Gold in der Sonne leuchten, bald wie von Rauch geschwärzt
und Krähen umflogen im Schatten liegen. Lips Tullian, den jeder
im Freiberger Bezirk kennt, denn im mittelalterlichen, grausigen
unterirdischen Gefängnisse des Freiberger Rathauses, wo auch Kunz
von Kaufungen, der Prinzenräuber, schmachtete, mußte er 1715 sein
Todesurteil erwarten. Seine in den Felsen gehauene Zelle, Ketten und
Handschellen werden heute noch gezeigt.
Lips Tullian war weit und breit gefürchtet, und wenn auch die Sage
manches angedichtet hat, so mag seine »Schreibfeder«, die schwere
Brechstange, manche blutige Seite in seinem Lebensbuch geschrieben
haben.
Es war zur Fastnacht 1710, da klopfte es um die Mitternachtsstunde beim
Branntweinbrenner Jakob Hähnel in Tuttendorf an die Türe. Eine fremde
Männerstimme bat um etwas Branntwein, um einer unwohl gewordenen Frau
beispringen zu können. Der gutmütige, vertrauensselige Mann öffnete die
Tür. Aber sofort fielen über ihn und sein Weib drei Raubgesellen her,
banden und knebelten sie und mißhandelten sie so hart, daß die Frau ein
Auge einbüßte. Außer anderen Dingen, die ihnen gefielen, raubten sie
42 Taler bar Geld, die der Mann im Keller verwahrt hatte. --
Lips Tullian war zu Besuch gewesen. -- --
Die unter Georg dem Bärtigen im Jahre 1532 gegründete Schützengilde
in Glashütte besaß, ähnlich wie die Freiberger Schützengilde heute
noch, ehemals einen reichen Kleinodienschatz, den sie in einer großen
schöngeschnitzten Truhe mit kunstreich gearbeitetem Schlosse in der
Sakristei der Stadtkirche aufbewahrte. Das Hauptstück bildete ein
silberner, auf einem Aste ruhender Adler mit Rubinenaugen, der Stolz
der Gilde und Königsschmuck. Eines Tages im Jahre 1710 fand man die
Sakristei und die Truhe erbrochen. Das Kleinod war gestohlen. --
Lips Tullian war zu Besuch gewesen. -- --
Ein Anschlag auf den Freiberger Silberwagen, der mit den Schätzen
der Münze zwischen Freiberg und Dresden verkehrte, sollte wohl
ein Hauptschlag seines tatenreichen Lebens sein. Im Dickicht des
Tharandter Waldes, vielleicht nicht weit von seinem Schlupfwinkel
hier im Tännicht, wollte er mit seinen Raubgesellen in der Nacht dem
Wagen auflauern. Er hatte eine Schmiede erbrochen und als geeignetes
Werkzeug sich große Hämmer und Bohreisen gestohlen und beim Hinterhalte
vergraben. Vorspringen, den Widerstand niederschlagen, den Wagen
erbrechen und mit dem geraubten Gelde auf den vier schönen Pferden
des Wagens auf und davon, vielleicht ins nahe Böhmerland, das war der
verwegene Plan der Spießgesellen. Doch einer war unter ihnen, dem sie
nicht trauten, den sie fernhalten wollten und der dann aus Rache durch
einen noch erhaltenen Brief ohne Unterschrift den Anschlag verriet.
Auf der Münze hatte er den Brief eingeworfen mit folgendem Wortlaut:
»Lüeber Herr mintzmester ich gebe nachricht das man erfahren hat das
sich reber gesamlet haben in dem walt bey der Hutte bey der nacht den
sielber wagen wolten angreiffen so er mit dem gelte hin wartz füere die
angebung ist von einen Knecht der zuvor bei den silber wagen gewest
ist welcher sich in Freiberg auffhelt die reber halten sich auch in
Freiberg auff sie können in den wertzheusern nachforschen lassen waß
vor fremde sich da aufhalten diese Nachricht ist gewißlich war sie
mugen wol den wagen ohne koeinfoie bey der nacht nicht lassen durch
den walt gen sonst moechten sie alles köbbut machen ich wolte mir wol
selber melten ich kan es nicht recht er weilen ich habe es hinder
wartlich gehoirt und moechte mich auch gefar trohen,
den 5 Nofemmer 1704.«
Der Verräter hatte vielleicht selbst den ersten Gedanken dazu gegeben
und den Plan geschmiedet, denn er war, wie er schreibt, als Knecht
»zuvor bei den silber wagen gewest« und kannte daher jede Gewohnheit
und Gelegenheit am besten.
Man handelte nach dem Ratschlag des Briefes. Durch Stollenarbeiter,
welche dem Wagen weit entgegengeschickt wurden, durch den Förster und
schließlich durch einige Mann Kavallerie wurde der Weg des kostbaren
Silberwagens so stark gesichert, daß der verwegene Lips Tullian seinen
Plan aufgeben mußte.
Doch auch eines Lips Tullian Verwegenheit und Raubsucht fand ihr
Ende und wohlverdiente Strafe. Er, der starke Räuberhauptmann und
Führer tollkühner wilder Verbrecher, wurde von einem Schneidergesellen
überwunden. Zu Freiberg wars, am 19. September 1710, als Lips Tullian
im Jägerkleide das Erbische Tor durchschritt. Der Torschreiber,
Stadtkorporal Wilde, hielt den fremden, finsteren Gesellen an und
fragte ihn nach seinem Passe. Lips ging frech vorbei und trat in
das große Eckhaus mit den Worten: »Warum die Frage? Alle Wochen
bringe ich Wildbret in die Stadt. Ich bin der Förster des Herrn von
Hartenstein und brauche keinen Paß!« Der Torschreiber eilte ihm in
den dunklen Hausflur nach, doch der Räuber packte ihn und stieß ihm
den Hirschfänger in die Brust, ehe jener noch viel Lärm schlagen
konnte. Doch ein Weber hatte die Untat gesehen und schrie Mord, ein
Schneidergeselle sprang den riesenstarken Mann von hinten an und riß
ihn zu Boden. Nach kurzem, wildem Kampfe war er gebunden und gefangen.
»Freibergs armselige Spießbürger haben Lips Tullian überwältigt!«
brüllte er wie ein Tier in ohnmächtiger, schäumender Wut. Mehr als ein
Jahr saß er dann gefangen in der unterirdischen Zelle des Rathauses,
aus der es kein Entrinnen gab, den stärksten Graden der Folter trotzte
er hier, bis er am 14. November 1711 nach Dresden geschafft und im
Gefängnisse »die Mohrenkammer« angeschmiedet wurde. Drei Fluchtversuche
mißlangen ihm, ehe sein Mut gebrochen war und er seine Schandtaten alle
eingestand. Zwei Tage und eine Nacht dauerten diese Geständnisse voller
Blut und Grauen. Am 8. März 1715 wurde Lips Tullian dann mit seinen
inzwischen auch ergriffenen Spießgesellen Sawberg, Eckold, Schöneck,
Lehmann und Hentzschel in Dresden enthauptet. Ihre Körper wurden aufs
Rad geflochten. --
Die Räuberromantik im grünen Walde, die wilden Raubfahrten durch
Nacht und Gebirge, der Schrecken der Dörfer hatten ihr grausiges
Ende gefunden, aber noch immer sind die Stätten seines unheimlichen
Wirkens von einem unbestimmten Grauen umwittert, ein Grauen, daß ein
furchtbares, unheimliches Geschehen ahnt und der geschäftigen Phantasie
so weiten Spielraum gibt.
Was das Wandern im _Thüringer_ Land so unvergleichlich genußreich und
poetisch macht, ist, daß überall die Gestalten der Sage und Geschichte,
von Poesie und Märchen mit uns wandern und das, was wir schauen,
beleben und verklären. _Sachsen_ ist nicht reich an solchen Stätten,
aus denen uns Sage oder Märchen mit verträumten Augen anschaut und die
Romantik uns grüßt. Sorgfältig müssen wir die wenigen Stätten solcher
Romantik schonen, und wäre es auch nur Räuberromantik, und müssen wir
pflegen, was durch die Phantasie und die Erinnerung des Volkes oder
durch irgendeine halbverschollene Sage sein besonderes Gepräge, seine
besondere Weihe erhielt. Jedes alte Sühne- oder Mordkreuz, um welches
irgendeine dunkle Kunde wie ein Ton aus einem alten, verlorenen,
vergessenen Liede klingt, hat so die Denkmalsweihe erhalten. Das
Gedenken des Volkes schafft erst die rechten Denkmäler. Hier, dem
lieblichen Tännichttal, das durch seine landschaftliche Schönheit
und seine geologische Eigenart schon seine Weihe als Naturdenkmal in
sich trägt, hat das Volk im gesunden, tiefen Empfinden noch diese
besondere geistige Denkmalsweihe der Phantasie gegeben, den Schimmer
der Räuberromantik. -- Eine andere Romantik, die Jugendromantik, vermag
auch das dürftigste Stückchen Erde zu verklären. Von einem ehrwürdigen
Freunde des Heimatschutzes, der hier vor siebzig Jahren jung war, liegt
ein Brief vor, aus dem diese Romantik herausklingt über das Tal wie
das Rauschen von Bach und Bäumen, und die leisen wehmütigen Töne des
Liedes: »Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit klingt ein Lied mir
immerdar.« Er schreibt:
»An dieses liebliche Stückchen Erde, im besonderen an die über der
›Diebskammer‹ sich aufbauenden Felsenpartien knüpfen sich für mich
die angenehmsten Erinnerungen aus meiner Jugend. Als Naundorfer
Pfarrerssohn habe ich dort von meiner Tertianerzeit an bis in meine
ersten akademischen Semester (1855--1861), in welch letzterem Jahre
nach des Vaters Tode unsere Familie den Ort verlassen mußte, in den
Ferienzeiten zahlreiche glückliche Stunden verlebt. Mit Hilfe eines
mir befreundeten, jungen, für Romantik empfänglichen Lehrers hatte
ich hier in etwa halber Höhe des Felsens ein Plätzchen für längeren
Aufenthalt hergerichtet, einen Felsblock als Tisch, einen anderen
moosbedeckten als Sessel, und in diese durch keine Straße gestörte
Weltabgeschiedenheit flüchtete ich mich so oft wie möglich mit meinen
Freunden aus dem altklassischen Altertume, Homer, Sophokles, Horaz
usw. oder mit unseren deutschen Dichterheroen. Hier beschäftigte ich
mich mit ersten poetischen (richtiger wohl›gereimten‹) Versuchen,
übersetzte ich in das Deutsche einen Teil von Ovids Metamorphosen,
und ich hatte immer die Empfindung, daß mir hier alles leichter von
statten ging. Auch verträumte ich manche Stunde unter dem Rauschen
der Tannen, dem Gesange der damals noch zahlreichen Vogelwelt,
unter dem Murmeln des zwischen saftig grünen Wiesen durch den Grund
fließenden, kristallhellen, von Forellen und Krebsen dicht bevölkerten
Colmnitzbaches. Der Felsen senkte sich winkelförmig in die Erde und
schien in eine Höhle zu führen, die von Steinen verschüttet war, in
deren Geheimnis ich aber nie eingedrungen bin. Ob der berüchtigte, 1715
in Dresden hingerichtete Lips Tullian auch hier sein Wesen getrieben
hat, weiß ich nicht, wäre aber bei der versteckten Lage der Diebskammer
nicht unmöglich. Es wurde zu meiner Zeit von diesem Tale nur mit einer
gewissen Scheu von den Dorfbewohnern gesprochen. Ich habe seinerzeit
bei den Freiberger Gymnasialspaziergängen, die gewöhnlich über
Niederbobritzsch nach Naundorf führten, nie versäumt, meine Freunde
an diesen meinen Lieblingsort zu führen, ihn auch später ab und zu
aufgesucht.«
O Klang der Jugendromantik und echter deutscher Träumerei aus dieser
lieblichen Taleinsamkeit heraus, der wie von fernen süßen Glocken noch
durch das Greisenalter tönt! Es klingt wie ein Vers von Mörike:
»Dämonischer Stille unergründlicher Ruh’
lauschte mein innerer Sinn.
Eingeschlossen mit dir in diesem sonnigen
Zaubergürtel, o Einsamkeit, fühlt ich
und dachte nur dich!«
Und dieser Felsen, dieser Ort, die so noch klingen und Tausenden noch
klingen mögen, sollten dem Steinknacker ausgeliefert werden!? Damit
einige geschickte Geschäftemacher gute »Geschäfte tätigen«, sollten die
Felsen zu Straßenschotter verarbeitet werden und allmählich Meißel,
Bohrer und Brechstange sich hineinfressen in die Talwände, bis alles
weggefressen ist, was an Schönheit und höheren Werten Tausenden zur
Freude, Erquickung und inneren Bereicherung diente.
Wir freuen uns mit dankbarem Herzen, daß diese drohende Gefahr gebannt
ist und schauen mit besonderer Liebe der stillen Stätte des Friedens in
die tiefen Augen und versenken uns ganz in die »Stille unergründlicher
Ruh« der Einsamkeit, des Alleinseins, Geborgenseins vor dem Tosen und
Staub der Welt da draußen.
»Selig wer im stillen Lauschen
Einsam hier die Waldrast hält,
Wer beim flüsternd stillen Rauschen
Das Getös vergißt der Welt.«
(Scheffel.)
Langsam steigen wir nun die Straße in den grünen Talgrund hinab. Hier
ist es zu schön, um auf flüchtigem Rade vorbeizufliegen, hier möchte
man weilen und träumen und warten, ob nicht irgendein liebliches Wunder
geschehen möchte, daß drüben aus dem Waldesdunkel die Elfen auf die
leuchtende Wiese schweben oder daß die Elfenkönigin auf schlankem
weißen Reh aus dem Dickicht kommt, an dir vorüberstreift und aus
wundersamen Märchenaugen dir tief in die Seele schaut, daß du es nimmer
vergessen kannst.
Dort steht der Fels wie ein Wächter am Wege, dicht am Bach, wo die
Brücke in die Wiese führt. Will er hüten, daß kein Unberufener, kein
Feind hier eindringe? Ist er der Riegel, der die Welt und den Lärm
abschließt vom stillen Lande der Poesie?
Den Wipfel hoch die Tanne hebt,
Im Winde schwankt die Birke,
Und Gottes goldne Sonne schwebt
Still über dem Bezirke.
Ein harziges Gedüfte
Durchwogt die warmen Lüfte.
(Scheffel.)
Wie ein silberner Steg für überirdische Füße schimmert der Bach im Grün
und windet sich durch die saftige Aue, als wollte er diese Stätte nicht
verlassen, sondern immer noch einmal umkehren und bleiben. Einzelne
Baumgruppen von herrlicher Gestalt stehen hier und da mitten in der
Wiese und flüstern ihm zu, und im weichen blauen Dufte dämmern die
fernen Abhänge des Tales.
Dann fliegt unser Blick noch einmal hinauf zu den Felsschroffen, die
dort oben rot in der Sonne leuchten, aus dem Waldesdunkel schimmernd
emporsteigen. Wir schreiten dann weiter am Wiesenrand im smaragdenen
Grund. Weiß glänzen die Stämme der Birken, jung und frisch, am Wege.
Die Felsen dort oben entwickeln sich beim Rückschauen zu einer langen,
gewaltigen Mauer, die mit schroffen Seiten, scharfen Spitzen und
Kanten, nackt und kahl, nur mit dem bunten Gewande der Farbe bekleidet,
aus dem Walde aufragt. Der Reichtum der Farben, die je nach Beleuchtung
wechseln, je nachdem die Schatten der Wolken den Wald, die Wiese oder
die ernsten Felsenstirnen streifen, gibt dem Bilde einen besonderen
überraschenden Reiz. Wie ein tiefes, tiefes weiches, buntgesticktes
Kissen ist die Wiese mit ihrem Duft und ihren Blumen, in das man sich
hineinschmiegen möchte. Es plaudert der Bach unermüdlich an unserer
Seite mit melodischer Stimme. Birken und Erlen streuen ihren Schatten
mit den zarten Sonnenringeln auf Weg und Wiese und flüstern im weichen
Sommerwinde leise von den alten Geschichten, die hier geschehen, denn
dort drüben ragt aus dem Walde der Lips-Tullian-Felsen, der noch viel
mehr davon weiß und erzählen könnte, daß -- --! Der ist aber ein
rauher, schweigsamer Geselle, der seine Geheimnisse wohl hütet und
das junge Volk der Pflanzen und Bäume raunen und flüstern läßt. In
seine Felsenstirne zogen die Jahrhunderte und Jahrtausende ihre tiefen
Runen. Was ist ihm da noch kurzlebiges Werden und Wachsen, Menschenleid
und Menschentat, was sind da die Geschlechter der Menschen, die hier
vorüberschritten, was ist da Jugend und Alter? Gras, das zu seinen
Füßen wächst, Bäume die an ihm wurzeln und abgehauen werden, wieder
kommen und wieder vergehen in unendlicher Folge! Er schweigt und
läßt die Sagen und Geschichten, welche aus Dickicht und Höhlen und
Löchern hervorkriechen, welche mit geraubtem Golde funkeln und rotes
Blut am Wege zeigen, wie Spukgestalten ihres Weges ziehen, schweben
und zerflattern in Wind und Nebel und dem Rauschen des Waldes, daß
niemand sie fassen mag, sondern die Angst scheu umschaut und nur ein
unnennbares, unbestimmbares Grausen unheimlich um den Felsen mit dem
Namen des Verruchten schleicht.
Wir wandern weiter und nähern uns dem oberen Ausgange des Tales. Der
Weg steigt wieder an und löst sich vom Talgrund. Unter schönen, alten
Fichten, aus dunklem Schatten hervor, blicken wir weit über die grünen
Gründe, die im Sonnenlichte flimmern, hinaus in die duftige Ferne,
wo blauende Höhenzüge sich zart vom Himmel abzeichnen. Der Bach ist
ein silberner Spiegel im Vordergrunde, in dem sich Wolken und Bäume
spiegeln.
»Ich steh im Waldesschatten,
Wie an des Lebens Rand,
Die Länder wie dämmernde Matten,
Der Strom wie ein silbern Band.«
Ein langer Blick dann zurück in das stille Tal Eden, das wir nun
verlassen, und es geht uns durch die Seele ein Klang der Sehnsucht:
»Du bist Orplid, mein Land,
Das ferne leuchtet!«
Bald treten wir aus dem Walde auf kahle Höhe mit weitem Fernblick.
Die Sonne brütet heiß, und die Grillen zirpen am Feldrain, wo die
Grasnelken nicken. Dann fliegt das Rad hinab durch steilen, krummen
Hohlweg, zwischen Wiese und Feld in das Dorf Colmnitz, dessen Höfe
sich rechts und links von Bach und Straße, unter Eschen und Birken,
oft in malerischer Lage und Gruppe siedeln. Doch wir sind noch wie
im Traume. Wir achten nicht viel, nicht so wie sonst, auf jedes Haus
und jede Gruppe von Bäumen und Bauten, auf jede Eigenheit der Bauart
oder neckischer Laune, auf Vogel und Blume und die blitzenden Wellen
im Bach. Wir sind im geschäftigen Leben draußen, aber unsere Seele
weilt noch dort drüben im stillen Tale, wo die Welt schweigt; sie
wandert noch auf dem silbernen Steg in den smaragdenen Elfenwiesen, an
derem Rand die dunklen Fichten Märchen träumen, und wo um die Felsen
geheimnisvoll die Sage raunt.
Colmnitz liegt hinter uns. Von der Höhe schauen wir noch einmal lange
über den weiten Acker, über das Dorf hinweg, das sich mit seinen
Häusern fast versteckt und tief in das Tal duckt. Dort drüben liegt der
Wald in langgestreckten, feierlichen Wogen im blauen Dufte, dort drüben
das Tal, dort drüben -- dort drüben --
* * * * *
»Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus!«
Der Königstein.
Eugen Bracht, der große Meister der Farbe und Stimmung, hat ein kleines
Gemälde vom Königstein geschaffen, in welchem mit poetischer Gewalt
die Wucht dieses Felsblockes dargestellt ist. Wie ein ungeheurer Altar
eines überweltlichen Riesengeschlechtes steigt er aus dunkelblauen
Tales- und Waldestiefen in einen wolkenlastenden Gewitterhimmel empor.
Gleich dem Rauch unermeßlicher Opfer ballen sich die Wetterwolken
und ziehen in dunklen Geschwadern am Himmel über ihm. Will Asathor
ausfahren, um Blitze über die Erde zu säen und seinen Donnerhammer
gegen den Felsaltar zu schleudern? Ist es ein Riesendenkmal, in welchem
sich ungeheures Geschehen, eines ganzen Volkes Schicksal, sein Jubel
und sein Jammer, in wuchtiger Form ausprägt?
Es ist heroische Stimmung, welche uns der Maler in seiner Leidenschaft
der Farbe und Stimmung hier im Bilde erleben läßt, Stimmung, wie er
sie selbst einmal in besonderer Stunde empfunden und mit tiefer Seele
aufgenommen hat.
Schildern und Emporheben, das Suchen nach der äußeren und das nach
der inneren Wahrheit verschmilzt sich in ihm, wird ihm zum Bild, zum
einheitlichen Ausdruck künstlerischen Erlebens.
Ja, der Königstein will belauscht, will erlebt sein. In Gewittertagen
und im wonnigen Mai, wenn die Buchen leuchten in seligem Grün, im
weißen Prachtgewande des Winters, der silbernes Geschmeide um die
Herrscherstirne legt, und im goldenen Königsmantel des Herbstes, dessen
schimmernde Schleppe in die Fluten der unaufhaltsam strömenden Elbe
taucht, im Abendrot, wenn in feurigen Gluten Himmel und Erde, Nähe und
Ferne brennen und langsam verglühen, im Nebelgewoge, das die Täler und
Gründe mit weicher, geisterhafter Flut erfüllt, auf dem die Kuppen
und Gipfel schwimmen wie blaue, mit blassen Opalen geschmückte Inseln
auf märchenhaftem unwirklichem, milchweißem Meere, in dunkler weicher
Nacht, wenn droben die unzähligen Sterne ihren schimmernden, ewigen
Reigen durch die Unendlichkeit wandern und im Gebüsch die Leuchtkäfer
als grüne Funken leise ihren kurzen nächtlichen Lebens-, Liebes- und
Sternenreigen ziehen und schweben, während im Walde der Ruf der Eulen
geisterhaft tönt, wie die Klage und der Sehnsuchtsruf armer, verlorener
Seelen nach Erlösung, nach Erhebung aus bitterer Not und Leid. --
Um diesen Stein ist es etwas ganz Besonderes. Es ist als ob er eine
Seele hätte, die vieles erlebt und empfunden, gelitten und genossen
hat, davon zu schweigen weiß, die aber auch dem, der sie sucht, sich zu
offenbaren weiß. --
Wir wollen diese Seele suchen gehen. Vielleicht wird sie sich finden
lassen. -- -- --
Durch grünen Buchenwald steigen wir an der Flanke des Berges auf dem
alten, mit Sandsteinblöcken gepflasterten Kanonenweg zur Festung
empor. Weite Ausblicke ins Elbtal und auf die gegenüberliegenden
Abhänge des rechten Ufers und drüben auf die dunklen Schroffen des
Liliensteines, des stolzen Bruders des Königsteins, wechseln mit
dichtem Wald und grünen Wänden von Buchen, Fichten und Gebüsch von
Farnkraut, Heidelbeeren und Brombeergerank. Wuchtige Felsblöcke
recken sich links am Wege hoch aus dem Dickicht, deren einer in einer
Inschrift den Erbauer dieser Straße rühmt. Vom steilen Fahrweg windet
sich dann ein steilerer Fußweg links zur Höhe. Da tauchen graue Mauern
zwischen den Stämmen des Waldes über uns auf. Es sind die Mauern der
»Flesche«, welche als niedrigeres mächtiges Außenwerk wie ein Sporn
weit hervorspringt und das Tor, die Zugangsstraße und die Flanke der
Festung schützt.
Vor uns leuchtet auf der Höhe des Weges beim Austritt aus dem Walde,
wie ein Saal mit weichem, grünem Teppich die ebene Lichtung einer
köstlichen Wiese, der Louisenwiese, zur Linken von steiler Mauer
umfaßt. Darüber türmen sich wandsteile Felsen und schroffe Quaderwände
zu unersteiglicher Höhe mit Vorsprüngen und Zinnen bewehrt und mit
keckem Turm auf weitausladender Bastion, die Georgenbastion. Und
droben, auf diesem gewaltigen Sockel thront die stolze Georgenburg,
vier Geschosse hoch in die Lüfte ragend, welche die ältesten Teile der
Burganlage umfaßt. Auf breiterer Straße stehen wir dann unmittelbar am
Fuße der senkrechten Felsenmauern, aus denen das Quaderwerk der von
Menschenhand geschichteten Sandsteinblöcke aufwächst. Weit springt
im Rechteck ein gewaltiger Vorbau auf seinem Felsenunterbau hervor,
das Horn, von dem die Seiten und die Zugangsstraßen wie von einem
riesenhaften Turm vom Geschützfeuer bestrichen werden können. Ein
rundes Türmchen mit Kuppeldach, Laterne und spitzem Helme klemmt sich
malerisch in den Winkel des Vorsprunges. Es ist der kleine Seigerturm
mit seiner Stundenglocke von Hans Hilliger in Freiberg aus dem Jahre
1603, welche das kursächsische Wappen und Widmungsinschrift trägt.
Von dort oben schaute einst im Jahre 1698 der Zar Peter der Große
in das wonnige, blühende Land mit seinen Feldern und Dörfern und
reichen Kultur und dachte an sein fernes, wildes Rußland. Er nahm
den Meißel zur Hand und ritzte seinen Namenszug in die innere Wand
des Seigertürmchens zum Gedächtnis dieser Stunde, da er als Gast und
Freund deutscher Art und Kultur hier geweilt. Der junge Goethe ritzte
in begeisterter Stunde so seinen Namen in den Stein des Straßburger
Münsterturmes, ehe er sein Werk begann, eine neue Welt des Geistes zu
schaffen und zu beherrschen, seinem Volke und der Welt zu schenken. Des
jungen Goethe Namen an der Stätte höchster geistiger und künstlerischer
Kraft. Peters Name am Turm der Festung, wo Kraft und Herrschaft sich in
wuchtiger Erscheinung zusammenballen, geritzt, ehe er sein Werk begann,
seinem Rußland neue Welten der Bildung und Kraft zu erschließen, um so
äußere Macht und Herrschaft in wuchtiger Form zusammenzuballen. -- --
216 Jahre vergingen. Hindenburg hatte Tannenberg geschlagen. Da zogen
die gefangenen Offiziere der russischen kaiserlichen Eliteregimenter
hier ein und mußten Wohnung nehmen, unfreiwillig, vier Jahre lang und
schauten sehnsüchtig in das wonnige, weite Land und dachten an Freiheit
und das ferne Mütterchen Rußland und standen oft sinnend vor dem
Namenszuge ihres großen Zaren.