Doch heute weht ein süßer Duft wie Honig herüber. Ein blühendes

Kleefeld strömt des Sommers ganze Lieblichkeit in Duft und Farbe in die

blaue Luft. Ich steige vom Rade und lausche dem Liede des glühenden,

blühenden Klees. Millionen von Bienen und anderen Insekten singen und

summen in dem purpurnen Blütenmeer ihr Lebenslied und taumeln von Kelch

zu Kelch. Als klänge ein seliger Harfenton dem Sommer und der Sonne

entgegen, voll gesättigt vom süßen Drange des Lebens und Blühens.

Schwer und wonnig steigt der Duft des Feldes empor, und ich trinke ihn

mit tiefen Zügen, als wäre es ein alter, köstlicher Wein. Ein purpurner

Teppich aus Duft und Licht, Farbe und Leben gewoben, auf dem nur die

Sonnenstrahlen mit leichten, schwebenden Füßen dahingleiten dürfen. Ein

Teppich, wie ein dunkler purpurner Orgelton, den der Sommerwind leise

dahinträgt, daß die Herzen stille werden. Als ob das heilige Herz der

Mutter Erde unter ihnen schlägt, so geht geheimnisvolles Leben durch

die Millionen Blütenköpfe, ein Beben, ein Atmen auf und nieder -- o du

Heimatflur! --

Und dort das Ährenfeld neigt schon die Halme. Der Wind geht drüber hin

in flüsternden Wellen. Die Lerchen steigen empor in die flimmernde Luft

und taumeln selig der Sonne entgegen als gäbe es keine Erdenschwere und

hätte ihre singende Seele dort oben den Weg zur Heimat gefunden. --

Dort drüben grüßt in breiten Wogen das grüne Meer des Tharandter

Waldes. Mein Rad fliegt wie ein Vogel hinab ins Bobritzschtal. Sanfter

sind die Hänge hier als im Muldentale. Malerische Höfe und Häuschen

klimmen auf und ab, drängen sich am Bach und drücken sich in die

Talwinkel. Naundorf ist es, dessen Kirchturm auf der Höhe wie ein Hirte

über seine Herde wacht. Die Straße führt talaufwärts am Bach entlang.

Die Wellen hüpfen mit Murmeln und Plaudern über die runden Steine, und

flinke Forellen schießen blitzschnell daher. Einst war dieser köstliche

Fisch so häufig hier, wie ein altes Naundorfer Kind erzählt, daß für

wenige Groschen eine ganze Schüssel voll im Fuhrmannsgasthof an der

Straße geliefert wurde. Heute mag wohl kaum ein Fuhrmann mehr Forellen

dort essen wie in der alten, stillen, einfältigen Zeit, als es noch

zufriedene Menschen gab.

Ein Seitenweg führt von der Dorfstraße am Hange aufwärts zur Kirche,

die seit Jahrhunderten inmitten des Gottesackers von hier über die

Dächer und Höfe der Gemeinde herniederschaut. Eine Mauer umschließt

den Friedhof, und hohe Bäume überschatten den Eingang. Vogellied

aus den dichten grünen, lichtdurchfunkelten Zweigen, Choralgesang

und Orgelklang aus der Kirche vereinen sich zu einer stimmungsvollen

Sonntagsharmonie, als ginge leise mit uns über die stillen, grünen

Gräber mit schwebendem Schritte der Frieden suchender, findender,

erlöster Seelen und segnete uns. Ein Gottesdienst in Einsamkeit still

neben der Kirche kann feierlicher, kann tiefer und gehaltvoller wirken

als in der Gemeinschaft einer gefüllten, aber doch »leeren« Kirche. Die

einsam grüne Stätte mit ihrem Lobgesang aus der Höhe und aus der Nähe

war uns ein Gotteswinkel stiller, tiefer Andachts- und Feiergedanken

von weltfreier Entrücktheit. -- -- --

An der Friedhofsmauer stehen ein paar alte verwitterte Grabsteine in

barocken Formen mit verwischten, fast unleserlichen Schriftzügen,

grünlich angeflogen und von grauen Flechten hie und da betupft. Die

Urenkel derer, die sie nennen, sind längst zu Staub geworden. Wie

stumme Prediger der Vergänglichkeit lehnen die alten Steine dort an

der Mauer und fragen dich: Wer bist denn du?! -- Der Staub zu deinen

Füßen, auf dem du stehst, atmete einst, liebte einst, lachte einst wie

du! Wer bist denn du?! -- Sinnend betrachten wir den schlichten, etwas

nüchternen Kirchenbau aus dem Jahre 1783 mit seinem holzbeschlagenen

Turmaufbau, gekrönt von spitzer achteckiger Haube. Wievielen werden die

Glocken dort oben noch zum letzten Gange läuten? --

An der Südseite der Kirche ist ein alter Grabstein eingemauert, der

ein Denkmal ganz eigener Art ist, und ein schönes Zeugnis dafür, daß

die Gedanken des Heimatschutzes und der Denkmalpflege nicht etwa

etwas künstlich Gezüchtetes, Literarisches, sentimental ins Volk

Hineingetragenes sind, sondern aus dem Verlangen und der Seele unseres

Volkes mit ursprünglicher Gewalt hervorgegangen sind und seinem

tiefsten Empfinden entsprechen.

Der Stein ist über 200 Jahre älter als die jetzige Kirche und wurde

beim Neubau der Kirche 1783 in die Mauer an geschützter Stelle

eingelassen, um ihn vor Vernichtung zu bewahren. Dem wackeren Fuhrmann

Melchior Heber, der im Jahre 1580 starb, ist er gewidmet. Seine

Ururenkel haben den Stein erneuert, ein späterer Enkel hat ihn in die

Wand der neuen Kirche gesetzt, und heute liegen die Urenkel jenes

Nachfahren in Gräbern unter jenem Stein des alten Melchior Heber, und

ein junges Geschlecht des alten Namens und Blutes wirkt im Heimatdorfe

seiner bäuerlichen Ahnen heute noch, festgewurzelt im heimischen Boden

seit Jahrhunderten.

Der Stein stellt in seinem oberen Teil den alten Melchior dar in der

Tracht seiner Zeit betend vor dem Bilde des Gekreuzigten knieend. Als

unterer Abschluß der Platte ist der starke Fuhrmannsfrachtwagen im

Relief abgebildet, mit hochgespanntem, rundem Plane überdeckt und sechs

starken Pferden als Bespannung. Die Inschrift lautet:

»Im Leben hatte ich an fahren mein Vergnügen

Und fuhr an diesen bald und bald an jenen Ort,

Im Tode spannt ich aus und ließ alles fahren liegen

Und fuhr andern Seelen nach in sichren Himmelsport.

Anno 1580. Den 11. Tagk Aprillis um 6 Uhr Nachmitt, den Montag ~Quasi

modo geniti~ ist der Ehrsame Melchior Heber in Gott selig entschlafen.

D. G. G. Seines Alters 60 Jahr.« Auf dem Stein finden sich noch

folgende Nachrichten eingemeißelt: »Diesen Stein hat Georg Heber

seinem Groß-Groß-Väter zum Andenken renoviren lassen den 10. Juli

1743.« Und weiter: »Dies Denkmahl lüß bei dem neuen Kirchenbau seinem

Ur-Ur-Großvater zu Ehren abermals erneuern Karl Gottlob Heber 1783.«

Treuer Familiensinn hat so ein Denkmal von kulturgeschichtlichem Werte

bewahrt in seiner treuherzigen Schlichtheit und biederen Berufsfreude,

wie es wohl einzigartig ist, namentlich wenn man bedenkt, daß heute

noch nach rd. 350 Jahren die bäuerlichen Enkel seine Denkmalpfleger auf

dem kleinen Dorffriedhofe sind.

Wir nehmen Abschied und lenken wieder der Dorfstraße zu. Die

zahlreichen Gänse, Enten und Hühner auf der Straße sind dem Rade

nicht gewogen. Mit Flattern, Fauchen und Geschrei entrüsten

sie sich oder suchen durch ängstliches Hin- und Herlaufen dem

allzuraschen, gefürchteten Feinde zu entkommen. Heil uns, daß wir

ohne unfreiwillige Tötung eines »Rassehuhnes« -- überfahrene Hühner

sind immer »Rassehühner« -- am Ausgange des Dorfes anlangen. Dort

macht die Bobritzsch eine starke Krümmung, fast im rechten Winkel. Ein

stattlicher Hof liegt im Winkel und mächtige, alte Bäume beschatten

den Platz. Dort mündet der Colmnitzbach, und eine Brücke führt über

die Bobritzsch, von der aus du in das Strudeln der klaren Wasser

hinabschauen kannst, die goldbraunen und grünen Steine siehst, an denen

die Forellen stehen oder blitzschnell vorbeihuschen, wo du die ganze

Lieblichkeit dieses stillen Winkels mit seinem Wasserrauschen und

Vogelsang unter grünem Blätterdach empfinden kannst. Wie Sonntag, durch

den leise der Glockenton der Andacht klingt, liegt es immer hier unter

sonnenstrahlendurchflochtener Laubkuppel. --

Auf schmalem Wege über dem breiten Wiesengrunde des Colmnitzbaches geht

es aufwärts. Wie ein leuchtend grüner Teppich ist der Grund zwischen

die Hänge eingespannt. Doch bald verwahren uns hohe, dichte Hecken den

Blick auf diese grüne Herrlichkeit. Zwei Höfe am Hange liegen vor uns,

die Gippenhäuser. Das Gebell des wackeren Spitz an der Hütte und sein

wildes Umherrasen an rasselnder Kette zeigt, unter wie guter Hut die

stillen, einsamen Häuser stehen. Eine bleiche Dame sitzt dort drüben

am Wiesenrande, ein Kind spielt in der Nähe und trägt ihr duftende

Blumen herzu. Sommerfrischler! Ja, hier könnt ihr gesunden und wie

Joseph Viktor von Scheffel, der leider Halbvergessene und doch so echt

deutsche Mann, in seinen Bergpsalmen singen und sagen:

»Du hast eine Ruhe, ein Obdach gefunden,

Hier magst du gesunden,

Hier magst du die ehrlich empfangenen Wunden

Ausheilen in friedsamer Stille.«

Zwischen duftendem, rauschendem Wald und saftgrüner, blumiger Wiese,

in der die Margareten mit weißen Sternen leuchten, fern vom Staub der

Straßen der Welt, den Blick auf sanft geschwungene edle Höhenlinien,

abgeschlossen doch nicht eingeschlossen, so recht ein Ort friedsamer

Stille! --

Friedsame Stille? -- Ich denke eines kalten stürmischen Herbstes im

Jahre 1697. Der Schnee hatte schon kalt und naß über die Stoppeln

gefegt. Es war ein Wetter, wo man näher an den Ofen rückt, in dem die

Scheite knacken und knistern. Ein Wetter, bei dem im Felde nicht viel

zu tun ist, und Großmutter vielleicht die Bibel vom Bortbrett nimmt,

die große Hornbrille aufsetzt und langsam liest die Geschichte vom

barmherzigen Samariter: Wie der Mensch unter die Mörder fiel, und sie

schlugen ihn und gingen davon und ließen ihn halbtot liegen. Und da der

Priester ihn sah, ging er vorüber, desgleichen auch ein Levit, sah ihn

und ging vorüber. Da der Samariter ihn sah, »jammerte ihn sein, ging

zu ihm, verband ihm seine Wunden und goß drein Öl und Wein und hob ihn

auf sein Tier und führte ihn in die Herberge und pflegte sein.«

Sie las just diesen Vers, da kam der Sohn herein, schüttelte den nassen

Schnee ab, stampfte mit den schmutzigen Schuhen und rief: »Draußen

auf dem Acker oben am Walde steht ein fremder, mit Stroh belegter

Leiterschlitten und drinnen liegt verlassen ein armer, todkranker

Mann! Er kann kaum mehr sprechen. Ich habe es gleich dem Gutsherrn

und dem Pfarrer gemeldet. Sie werden schon sorgen, mich gehts nichts

weiter an. Gib mir meine warme Suppe, es ist ein Wetter, um keinen Hund

hinauszujagen.« -- »Ach der arme Mann! Nur gut, daß du so gescheit

warst, das gleich zu melden, sonst hätten wir am Ende noch allerlei

Umstände bei dem schlimmen Wetter. Man weiß doch nie, was das für Leute

sind! Es ist schon besser, das macht der Pfarrer!« --

Der Gutsherr und Pfarrer waren nicht sehr erbaut gewesen von der

Nachricht. Und dazu das schlechte Wetter! Was tun? -- Sie riefen

den Ortsdiener und schickten ihn zum Kranken auf dem Acker oben am

Walde, um zu eruieren und zu konstatieren, wer er sei, wie er dorthin

komme, wer ihn dorthin gebracht, und ob sie vielleicht gar nicht etwa

zuständig seien, in dieser Sache etwas zu befinden. -- Der Kranke

konnte nicht mehr sprechen, so die Nachricht des Ortsdieners! Das war

ein schwieriger Fall! Verlegen saßen das geistliche und weltliche Haupt

des Dorfes und kratzten sich bei dieser Nachricht hinter den Ohren:

»Vielleicht würde dieser fremde, ganz unbekannte, nicht ortsansässige

Mensch gar auf der Gemeindeflur sterben wollen! Das wäre ein höchst

unangenehmes Vorhaben und gegen die Gemeinde wenig rücksichtvoll, denn

sie hätte davon Kosten und Scherereien! Ihn ins Dorf holen? Nein! Wer

soll ihn aufnehmen?« Sie grübelten über diesen Fall, bis die frühe

Finsternis kam, und hatten dann einen bauernschlauen Einfall. Sie

schickten zwei Wächter zum verlassenen Sterbenden hinauf, »daß ihm kein

Unheil zustieße«, die ihre eigentliche Aufgabe aber verständnisinnig

wohl erfaßt hatten und bei Sturm und Regen den Schlitten mit dem

Todkranken von der Gemeindeflur fort in den Tharandter Wald, auf

kurfürstl. Grund und Boden, brachten. Um Mitternacht starb der arme

Mensch 12 Ellen von der Grenze entfernt auf kurfürstlichem Gebiete.

Am nächsten Tage, den 22. September, wurde Bericht an das Amt in

Grillenburg erstattet, daß auf kurfürstlichem Gebiete ein Mensch

verstorben sei, und um Bescheid gebeten. Dieser fiel zunächst dahin

aus, daß ihnen bedeutet wurde, »wie ihnen aus christlicher Liebe wohl

zugestanden hätte, den todtkranken Mann, welcher ihrem Anführen nach

wenig oder gar nichts am Leibe habe, in eine warme Stube zu bringen

und sein zu pflegen, nicht aber ihn in der Kälte liegen zu lassen und

auf seinen Tod zu warten. Die Leiche sei einstweilen zu bewahren.«

Bei den weiteren Nachforschungen des Amtes wollte zunächst niemand

davon wissen, wie der Kranke auf das Feld gekommen. Durch Peter Henker

zu Fördergersdorf stellte sich indes heraus, wie ihm Jakob Kirsten

zu Herzogswalde berichtet, daß am 19. September die Colmnitzer einen

halbtoten Mann auf einem Schlitten vor ihre Kirche gebracht und

daselbst stehengelassen haben; die Herzogswalder hätten ihn darauf

wieder nach Colmnitz gebracht. Der Colmnitzer Richter gestand nun zu,

daß die Niederbobritzscher den Mann mittelst Fuhre zu ihm, dem Richter

gebracht; da er aber abwesend gewesen, so habe, ohne sein Geheiß,

Andreas Bormann daselbst ihn nach Herzogswalde weggeführt.

Es war ein armer Schuster aus Naumburg, der kurz vorher in Tharandt in

Arbeit gestanden hatte. -- Regierung zu Dresden und Amt zu Grillenburg

ordneten nun unter Ermahnungen zu mehr christlicher Liebe an, daß der

Körper des Verstorbenen auf Colmnitzer Flur gebracht, ein Sarg von den

Colmnitzern angefertigt werde und die Beerdigung in Colmnitz erfolgen

solle. So hatte endlich ein armer, müder Erdenpilger, dem in drei

Dörfern keine Stätte zum Sterben in friedsamer Stille gegönnt wurde,

seine letzte Ruhe gefunden. -- --

Wie heißt es doch im Gleichnis? »und gingen davon und ließen ihn

halbtot liegen. Und da der Priester ihn sah, ging er vorüber,

desgleichen auch ein Levit, sah ihn und ging vorüber!« Jawohl, die

harten Herzen aus dem Gleichnis waren hier in der Wirklichkeit alle da,

wo aber war der barmherzige Samariter? Drei Dörfer am Tharandter Walde

und kein barmherziger Samariter darin! -- Über 200 Jahre ist diese

Geschichte her. Ob es heute mehr Barmherzigkeit an der Straße gibt?

Ach, unserem Volke ist Liebe so bitter not! -- »Friedsame Stille!« Wo

findet man sie, wenn man nicht Raum dafür im eigenen Herzen hat? Wir

schauen noch einmal zurück in das weite, weiche, von Sommer gesegnete

Land, wo soviel Unfriede und Unbarmherzigkeit wohnt, und tauchen dann

ein in den herrlichen Wald, dies grüne Kleinod zwischen Freiberg und

Dresden, den Tharandter Wald. Wie viele Stunden tiefster Freude danke

ich dir, du deutscher Wald und deinen stillen Wundern, wenn draußen das

Leben trübe und schwer und drinnen das Herz trübe und schwer ward.

»Wer einmal diesen Jungbrunn’ fand,

Der schöpft aus keinem andern!

Denn das ist deutschen Waldes Kraft,

Daß er kein Siechtum leidet,

Und alles, was gebrestenhaft,

Aus Leib und Seele scheidet.

Daß ich wieder singen und jauchzen kann,

Daß alle Lieder geraten,

Verdank ich nur dem Streifen im Tann,

Den stillen Hochwaldpfaden.«

(Scheffel, Aventiure.)

Solch ein stiller Hochwaldpfad, über den die knorrigen Wurzeln laufen,

führt mich in die harzduftige grüne Tiefe, und ein Singen und Jauchzen

geht mir durch die Seele, doch es schweigen meine Lippen, und leise

ist mein Gang. Es ist mir, als ob meine Seele in dem Vogel wäre dort

oben auf der höchsten Spitze jener stolzen Fichte. Sein Lied steigt

jubelnd empor, da leuchtet der Himmel noch blauer, der grüne Tann wird

hundertmal grüner als sonst, die Luft wird luftiger, klarer, der Duft

des Waldes wird stärker, herbsüßer und, was von Schleiern und Düsternis

in mir war, sinkt hernieder, als wären alle Rätsel und Fragen in Licht

und Klarheit gelöst und überwunden. Es schweigen meine Lippen und leise

ist mein Gang. Nur ab und zu knistern die Nadeln oder ein Ästlein unter

den Reifen des Rades, welches ich führe.

»Willst du dein Herz mir schenken, so fang es heimlich an,« das

gilt auch vom Walde, dessen Seele man nur findet, wenn leise unsere

Seele sich an seine schmiegt. Dann öffnen sich uns seine grüngoldnen

Augen und schauen uns an voll unergründlicher Tiefe, dann spricht

sein Mund im geheimnisvollen Raunen, und wir hören im stundenlangen

leisen Wipfelrauschen, wie des Waldes Seele mit uns spricht und

ihre Wunder uns offenbart. Und wenn der Sturm in den Zweigen und

Ästen wühlt und sein urgewaltiges brausendes Lied durch die bebenden

Wipfel wie Meereswogen sich stürzt und schäumt, dann fühlen wir unser

tiefstes Inneres mit gepackt, geschüttelt, erschüttert, und alles

Kleine schwindet, alles Welke wird abgerissen, alles Dürre wird

geknickt. Willst du des Waldes Wunder lernen, dann darfst du nur

lauschen, schauen und vergessen, was draußen ist, mußt du deiner selbst

vergessen. Was er dir zeigt und sagt, was er dann deiner Seele gibt,

das wird dich reich und froh machen. Der Wald ist dein geworden, weil

er dir seine tiefsten Geheimnisse gab und du seiner wundersamen Kräfte

kund wurdest. --

Eine im Sonnenschein flimmernde Blöße öffnet sich. Ein kräftiger,

warmer Harzduft steigt empor und füllt die Brust, als sollten die

Lungen besonders in Waldeskraft gebadet werden, und in tiefen Zügen

atmen wir den starken Duft wie einen köstlichen Trank. Die Grillen

zirpen ihr heißes Sonnenlied, und über den Halmen und Spitzen der

Schonung zittert die Luft, als wäre sie durch das schwirrende, wie in

Wellen flirrende unendliche Grillenlied zum Schwingen gebracht. --

Ein Blick in die Weite auf blauferne Höhenlinien, dann ein dunkler,

grüner, kurzer Waldpfad, und plötzlich gibt es mir einen Riß durch

die Seele. Wie eine ungeheure rote, offene Wunde in der Felsenflanke

des Berghanges liegt es vor mir, von rauher, rücksichtsloser Hand

geschlagen, dort eine Schutthalde von kleingeschlagenem Porphyrgestein,

daß aus dem Abhange herausgeschlagen und gesprengt ist. Hier hatte ein

Steinbrecher mit gierigen Zähnen gearbeitet. Und weiter strecken sich

Schienen eines Bahnneubaues, der sich mitten durch eine Felsengruppe

voll malerischer Wucht eine klaffende Lücke gebrochen hat.

Bitterkeit steigt dir auf, daß Schönheit und Friede nicht mehr heilig

sind, sondern wehrlos -- das Zarte und Edle, das Tiefe und Heilige ist

ja immer wehrlos -- der Rücksichtslosigkeit und ehernen Notwendigkeit

unterliegen müssen! Schillers Nänie klingt schmerzvoll durch die Seele:

»Auch das Schöne muß sterben.

Siehe, da weinen die Götter,

Es weinen die Göttinnen alle,

Daß das Schöne vergeht,

Daß das Vollkommene stirbt.«

Der Blick senkt sich rechts durch die Stämme und über schwankende

Wipfel und wiegende Fichtenspitzen hinab in einen Talgrund wie in

einen Trostgrund, der noch als ein stilles Märchenland des Friedens

und der Schönheit grün heraufleuchtet. Es ist das Tännichttal.

Wir blicken mit frohem, innerem Glücksgefühl hinab, denn durch

die Arbeit des Heimatschutzes wird es uns in seiner unberührten

taufrischen Lieblichkeit erhalten bleiben und noch viele stille

Wanderer entzücken. Die tiefmelodischen Stimmen der wilden Tauben,

des Pirols Flötenrufe und der Finken schmetternder Schlag, und alle

die anderen tausend Stimmen des Waldes werden nicht verstummen vor

lärmender Industriearbeit, Kreischen von Maschinen und Knirschen und

Rasseln der Steinbrecher. Die malerischen Felsklippen, die wie Türme

und Mauern aus den grünen Wipfeln und Wogen des Waldes emporsteigen,

sollen noch länger ihre trotzigen Stirnen dem Wind und der Sonne stolz

entgegenheben.

Dort unten blitzen die Wellen des Colmnitzbaches aus dem Smaragdgrün

des Wiesenbodens herauf. Er kommt weit von draußen her, aus der

waldarmen Gegend, um hier zwischen Wald und Felsen seines Daseins

schönste Strecke zu durchlaufen. Wie die anderen Bäche der Freiberger

Gegend hat er sich schon draußen ein tiefes Bett gegraben und

windet sich in vielen Krümmungen durch die hügelige Landschaft.

Die begleitenden Höhenkuppen des Gneismassivs von breitgelagerter

rundlicher Art, welche mit ihren langen, schöngeschwungenen Linien

ungeheuren Wogen gleichen, haben an der Quelle 500 Meter, an der

Mündung in die Bobritzsch rund 400 Meter Höhe. Draußen im freien

Lande haben sich im Colmnitzbachtale in der langgestreckten, dem

Wasserlaufe folgenden Siedlungsweise des Kolonistendorfes die

Dörfer Pretzschendorf, Ober- und Niedercolmnitz angesiedelt. Ihre

Wiesen und Felder mit ihren besonderen Reizen von Saat, Ernte und

Wiesenduft geben der ganzen weiten Gegend draußen einen ausgesprochen

landwirtschaftlichen Charakter, aber auch mit ihrer ausgesprochenen

Kahlheit, welche außer den Bäumen an den Straßen, am murmelnden Bach

und in den Gärten des Dorfes kaum einen Baum duldet, der nur der

Schönheit, nicht aber besonders dem Nutzen dient. Nur hie und da

krönt irgendeine ferne Kuppe ein einzelner Baum mit mächtigem Wipfel

und verstärkt das Gefühl der Weite und Freiheit, der Ruhe und Größe

der Landschaft. Fünf Sechstel seines Laufes hat so der Colmnitzbach

kahles Gelände durchströmt, bis er hier im waldigen, engen, malerischen

Tännichttal sich heimfindet zu Bergeshang mit dunklen Fichten, zu

Wiesengründen mit leuchtendem Grün. Der schluchtartige Charakter

dieses Tales mit seinen steilen, bewaldeten Abhängen im Gegensatz zu

den sanfteren Hügelwogen des freien Landes, ist überraschend und gibt

malerische Bilder, gleichviel, ob man von oben hineinschaut in die

saftigen Gründe einer stillen smaragdenen Märchenwelt, oder ob man

von unten zu den Höhen hinaufschaut, die mit ihren Wänden einzelne

Kessel abschließen und bei einer neuen Krümmung neue Bilder friedsamer

Stille öffnen. Der Talboden hat nur fünfzig bis sechzig Meter Breite.

Die anschließenden steilen Hänge steigen rund 100 Meter auf, zum

Teil mit hohen Felswänden, Zacken und ragenden roten Porphyrklippen,

die wie zinnengekrönte Burgmauern aufsteigen. Dieser schluchtartige

Charakter des Tales im Gegensatze zur breiten Landschaft draußen, ist

das Ergebnis urgewaltiger Kräfte aus der Werdezeit unserer Erde und

des Wirkens von Jahrmillionen der Arbeit des Wassers und des Wetters,

und ist insofern ein Naturdenkmal von besonderer Bedeutung für die

Freiberger Gegend.

Das flachgeschichtete, im Laufe der Jahrmillionen rundlich

abgeschliffene Urgebirge des Gneises der Freiberger Landschaft ist hier

mit ungeheurer vulkanischer Gewalt vom Porphyr durchbrochen. Durch

die Gneisüberlagerungen und das harte Porphyrmassiv hat sich der Bach

hindurchgenagt und die schmale Talenge hineingefressen. Dort drüben,

mitten in dieser malerischen Talenge, an ihrem schönsten Punkte, ragen

die zackigen Spitzen und Kämme der gewaltigen roten Porphyrklippen

in den blauen Himmel vom grünen Waldhange empor, die Diebskammer.

Diese Felsgruppe ist die Krönung der Schönheit des ganzen Tales, das

urgewaltige, zu Stein erstarrte Denkmal gigantischer, aus der Tiefe

emporglutender Naturkräfte. Wir stellen das Rad in das Dickicht und

klettern näher heran durch Fichtengezweig und Ginstergestrüpp, die

trotzigen Zacken zu betrachten. Da sehen wir und erleben es fast an

der eigenartigen Faltung und Schichtung des Gesteins, wie einst in

ungeheuren Wehen und Ringen lebendiger Kräfte die Massen emporstiegen,

sich zusammenpreßten und neigten, sich kristallisierten und zu

besonderer Lagerung und Schichtung versteinten.

Das Tännichttal streicht von Osten nach Westen. Die Strahlen der

Morgensonne und das rote Licht des untergehenden Tagesgestirnes läßt

die roten Klippen in feuriger Glut aufleuchten, als wären sie von

innerem Feuer durchglüht und wollten zu neuem vulkanischem Leben

erwachen. Ein Naturdenkmal ist dieses Tal mit seiner Felsengruppe,

das im geologischen Anschauungsunterricht für jedermann von der Natur

selbst unübertrefflich dargeboten ist und zu uns redet vom Werden

unserer Erde, Heimat und Landschaft mit deutlicherer Zunge als Bücher,

die das Volk nicht liest, als Gelehrte, die das Volk nicht hört,

als Weisheit, die in den Hörsälen oder bei den Spezialisten bleibt.

Es tut einen Dienst an der deutschen Seele, wer für diese Werte der

deutschen Natur und Heimat kämpft, ein Kampf für die deutsche Seele und

ihre Rechte an der Heimat, ein Kampf für die Seele der Heimat gegen

kalte, harte Seelenlosigkeit der Ausbeutung. Unser Volk hat ein Recht

darauf, daß diese Naturdenkmäler, die Eigenart und besondere Schönheit

der Heimat geschützt und ihm und der Nachwelt ungeschmälert erhalten

bleiben und nicht der Ausbeutung einiger Nurgeldmänner überlassen

werden. Das was der Allgemeinheit und der Heimat dienen kann und im

höchsten Sinne zur geistigen und seelischen Förderung dient, darf

niemals käuflich sein, darf niemals nur dem Interesse eines Einzelnen

um materiellen Gewinnes willen ausgeliefert werden, sondern muß

unbedingt als Besitz der Allgemeinheit, als ein Denkmal gehütet und

gepflegt werden.

Aus grauen Mauern und grünen Weiten Schauen und Sinnen auf Heimatwegen · 第 17 / 25 段