Diese Arbeit von Jahrhunderten hat die Landschaft gestaltet und ihr so

charaktervolle Formen gegeben, daß die Landschaft selbst dadurch ein

Riesendenkmal des untergegangenen Bergbaues geworden ist. Die Kräfte,

welche sie zu ihrer Eigenart herausgestaltet haben und in ihr wirksam

waren, werden deutlich sichtbar, und jede Halde, jeder Hügel, jede

Binge erzählt uns von dem Ringen, den Siegen und dem Segen zäher Arbeit

zahlloser namenloser Geschlechter. Die Halden sind die Riesendenkmäler

der Namenlosen der Arbeit! So trägt die Landschaft die tiefe geistige

Schönheit eines durchgearbeiteten Charaktergesichts, und dies ist

schöner und packt mehr die Seele und forschende Gedanken, als die leere

Schönheit der äußeren Form, in der kein geistiges oder seelisches

Erleben, kein Schicksal und kein Kampf sich ausprägt und uns mitleiden

und mitfühlen läßt. Wie gewaltige Hünenmale des alten Bergbaues türmen

sich rings die Halden mit ihren mächtigen Steinmassen. Blaue und

violette Schatten auf dem schwarzen, braunen, gelben und roten Gestein

und wieder der rote Glast der Sonne verleihen ihnen ein eigenartiges

Leben und wundersame Stimmung. Bald im Sturze in natürlicher Böschung

übereinandergerollt und durcheinander gekollert, bald wieder mit

steiler Steinpackung wie in Felsenmauern gefügt, schwarz vom Wetter und

finster-gewaltig in den mächtigen starren Linien des Umrisses gegen den

blauen Himmel mit den schwebenden weißen Wolken stehend, liegen die

Steinmassen nackt und ohne Grün da, gekrönt von den hellschimmernden,

zusammengedrängten Häusern der Grube mit ihren grauen Dächern, die

in feiner Massenabstufung dem Bilde den harmonischen Abschluß geben.

Finster-dämonisch wirkt das Bild zu manchen Zeiten und Stimmungen. Ja,

im Grauen des Gewitters, wenn Sturm und Wetter auf ihren blauschwarzen

Wolkenrossen durch die bebenden Lüfte sausen, dann steigert sich die

Wirkung ins Heroische. Die Wucht und Schönheit der einfachen Linie, der

kantigen Form und Masse hält uns in ihrem Bann.

Ja, wie mächtige Festungsmauern, steil und unersteiglich, finster

und wuchtig wirken manche dieser Riesenmale, welche der Bergbau sich

gesetzt. Wie Titanenwerke ragen sie auf und beherrschen die Landschaft.

Bedeckt doch z. B. die Halde des Davidsschachtes bei 27 ~m~ Höhe

eine Fläche von fast 40000 ~qm~, und ihre Steinmassen betragen etwa

1 Million ~cbm~.

In der Nähe aber wird das Einzelne lebendig. Farben leuchten auf in

allen Schattierungen, von Schwarz und Grau und Weiß, vom Braun bis

zum leuchtenden Gelb und Rot und Zinnober, Grün, Rosa und Violett,

und suchst du mit dem scharfen Blicke des Sammlers und wendest oder

zerschlägst du gar die Steine hier und dort, so blitzt bald hier ein

Kristall, Quarz oder Feldspat, bald schimmert dort eine Ader von

Bleiglanz oder Schwefelkies oder es fesselt dich das feine Geäder

baumartiger Zeichnung auf einer bunten Fläche. Und richtest du dich

auf, so schweift dein Blick über die malerische Umrißlinie der Stadt

im grünen Grunde unter dir mit ihren Türmen und Mauern, mit ihren sich

drängenden steilen, roten, grauen und schwarzen Dächern. Dicht vor

dir der mächtige Donatsturm mit seinem spitzen Kegeldach, um welches

die Dohlen flattern und schreien. Die altersgraue Stadtmauer schaut

durch grüne Wipfel. Dort die beiden stumpfen Türme von St. Nikolai,

die mit ihrer schlichten Wucht so recht in die alte Bergstadt passen,

dort der hohe schlanke Petriturm, der über alle Dächer, Giebel und

Türme weit hinausschaut ins grüne Land, der Rathausturm dicht dabei

mit seiner barock geschwungenen Haube und endlich das mächtige Dach

des altehrwürdigen Domes, das wie eine Henne weit seine Flügel breitet

über die Schar der anvertrauten Küchlein, und dazwischen hinein das

lustige Gewimmel von Giebeln und Dächern und Schornsteinen wie die

Heerschar, welche sich um die hohen stolzen Führer freudig drängt und

zu ihnen vertrauend aufschaut. Blauer Rauch wirbelt aus den Essen

empor und ein Glockenklingen grüßt uns von den Türmen wie Stimmen

aus den Seelentiefen der Stadt. Und wendest du dich um und schaust

du weit ins Land hinaus, da sind die blauen Wogen des Waldes in der

Ferne und vor dir in der Nähe und in der Weite im gewaltigen Ringe

umher, die Halden, die schweigenden Beherrscher der weiten, stillen

Landschaft. Bald träumen sie einsam im Felde wie ein gewaltiges Grab

der Vergessenheit, der Vergänglichkeit entgegen, bald wandern sie in

langen Zügen wie sagenhafte urweltliche Ungeheuer mit ihren Rücken und

Kuppen durch das Zwielicht in geheimnisvolle Dämmerung hinein, bald

türmen sie sich zu riesenhaften Kegeln empor, als sollten Pyramiden auf

eines Pharao Geheiß zum Himmel emporgeschichtet werden, bald strecken

sie sich lang und flach mit kurzem Steilhang wie vom Winde geformte,

vom Sturm zerrissene Dünen, bald bäumen sie sich kurz, steil und

trotzig empor wie eine vom Riesenpflug emporgeworfene Scholle. Bald

weißschimmernd wie märkischer Sand, bald rot leuchtend, als bluteten

alte, schmerzhafte Wunden, bald grünumwuchert, bald laubüberdacht,

bald tot und nackt und kahl, stets wechselnd und doch immer dieselben

schweigsamen und doch so vielsagenden Gestalten, sind diese Halden

gewaltige und klingende Akkorde in der Landschaft Freibergs, welche

die jahrhundertelange Arbeit des Bergbaues schufen und fügten zu einer

heroischen Symphonie der Arbeit.

Die Bauten, welche die Halden hie und da krönen, klingen in dieser

Symphonie mit und stimmen zur Ruhe und Macht der stillen Massen,

als könnte es gar nicht anders sein. Wie träumend in weltenweiter

Vergessenheit schaut uns so manche alte Kaue, so manches alte

Grubengebäude an wie aus Märchenaugen aus der Zeit »Es war einmal«! Des

Fäustels munterer Schlag ist längst verklungen, die fleißigen Häuer,

die frischen Bergjungen, der bedächtige Hutmann sind davongezogen, und

es ist still, ganz still geworden, wo einst des Bergmannes herzhaftes

Glückauf erklang. --

Kein Haus, kein Dach in der Nähe, kein menschlicher Laut! Verlassen,

vergessen steht die alte Kaue auf der Halde, ohne Fenster, ein Dach

auf vier verwitterten Wänden, von denen der Putz herunterrieselt.

Die Bruchsteine schauen braun und grau hervor, und die gelblichen

Fugen sind ausgewittert vom Sturm und Regen, von Frost und Hitze,

die hier auf einsamer Halde um das einsame Haus ihr Wesen treiben.

Gestrüpp, langes, graues raschelndes Gras und Binsenbüschel haben

sich angesiedelt. Nacktes Geröll und Sand in bunten Farben, gelb,

grau, braun und rot und weißlich tritt überall in unfruchtbaren, toten

Flächen zutage. Eidechsen huschen umher, ein bunter Schmetterling

gaukelt müde und träge vorüber, hängt sich dort an die langgestielte

Blüte der Skapiose, als wäre er verzaubert, der Schrei einer ziehenden

Krähe, ein Rascheln in den spröden, langen Halmen und darüber des

Himmels unendliche blaue Glocke, in der es summt wie geheimnisvolle

Stimme, wie die Stimme der Einsamkeit.

»Auf den Halden schläft der Wind.

Leise Schmetterlinge fliegen.

Wege weiß ich, still verschwiegen,

Nur die kleine Grille singt.

Duft von Heu schwimmt überm Grunde,

Und wo froh die Sichel klingt,

Geht des Tages müde Stunde.«

So breitet sich schwermütiger Zauber über viele der alten Halden, der

dich gefangennimmt, wenn du dich stille zur rechten Stunde ihnen nahst.

* * * * *

Doch in manche der alten Berggebäude ist neues Leben eingezogen,

arbeitet und kämpft mit vorwärts gerichtetem Blick und greift auf

jahrhundertealtem Arbeitsgrunde kühn in die Zukunft und in die Welt,

das Alte mit neuem Geiste erfüllend. Auf der riesigen Halde des

David-Richtschachtes wachsen mächtige Bauten empor, in welchen zur

Flachsbereitung zahlreiche fleißige Hände sich regen. Wie eine stolze

Burg der Industrie auf riesenhaftem Sockel reckt sie sich auf. Auf dem

Abraham- und auf dem Turmhofschachte regen Maschinen die stählernen

Gelenke. Und dort auf der Reichen Zeche, die hoch und beherrschend die

Landschaft krönt, regt sich in den alten Gebäuden das frische Leben

der Wissenschaft, wächst und schafft sich neue Bauten und Stätten der

Arbeit. Die Bergakademie hat hier für Arbeit und Forschung, Lehre und

Übung fest ihren Fuß auf alten bergmännischen Boden gesetzt, aus dessen

Berührung ihr immer neue Kräfte zuwachsen. Das modernste Wissen von

der Braunkohle und der Maschine, der Glaube an die Zukunft und das

Hoffen haben ihre Fundamente gelegt auf den festen Grund bergmännischer

Vergangenheit, Treue und Tüchtigkeit.

Und auf dem Dreibrüderschacht und auf dem Konstantinschacht sind aus

den alten Grubengebäuden Kraftwerke geworden. Unten in der Tiefe

des Schachtes im mächtigen, gewölbten, unterirdischen Felsensaal von

20 ~m~ Länge und 12,5 ~m~ Breite sausen die Turbinen 230 ~m~ unter

Tage, getrieben von den auf diese Tiefe verfällten Aufschlagwässern,

welche früher dem Bergbau dienten. Wie eherne Sehnen und Nerven ziehen

sich die Drähte vom Schachte als Kraftmittelpunkt durch das Land und

spenden Kraft und Leben tausend surrenden Rädern und Maschinen, tausend

fleißigen Händen, Licht in tausend Dunkelheiten.

Braust hier auf diesen Halden das Leben modernster Arbeit und schmückt

sie mit neuem Reiz und einer Wirkung von besonders eigenartiger Kraft,

so liegt über anderen Stätten des Bergbaues, wo neues Leben eingezogen

ist, ein inniger poetischer Hauch wie aus Märchenzeiten.

Durch den Hochwald, den duftenden, grünen Freiwald wanderst du dahin.

Ein eigener Gedanke ist es, daß hier tief unter den Wurzeln der ragende

Fichten einst das Silber wuchs, daß hier, wo jetzt der Wald seine

grünen Geheimnisse rauscht, vor fernen Tagen der Knappe sein Glück

suchte, in dunklen Schächten und Gängen das Silber grub, Halden türmte

und seine Mauern und Giebel schichtete und richtete.

Die Meisen flattern zirpend von Zweig zu Zweig. Von ferne klingt

die Holzaxt durch die grüne Einsamkeit und harzduftige Stille. Da

leuchtet es hell durch die schlanken, goldbraunen Stämme, eine weiße

Wand, braune Holzverschläge, grüne Fensterladen und ein graues

Schindeldach, »das Schindelhaus« auf grüner Lichtung wie in einen

Saal mit weichem, grünem Teppich gestellt, einst für bergmännische

Zwecke erbaut. Wir tauchen weiter in die grünen Tiefen des Waldes

und folgen dem schmalen Pfad, der uns hineinlockt, das Flüstern und

Rauschen der Wipfel zu hören und ihren köstlichen Duft zu trinken.

Da tritt heimlich aus tiefer Einsamkeit ein graues Dach hervor. Auf

einer Halde, das taube Gestein ganz überwuchert von Grün, liegt dort

ein altes Scheidehaus, jetzt das Heim anspruchsloser Waldarbeiter,

»das Silberschnurer Scheidehaus«. Mächtige Fichten im grünen Kreise

schauen hernieder wie hütende Wächter. Die Könige dieser grünen Riesen

sind zwei Hängefichten, deren Äste mit langen hängenden Zweigen

wuchten, als wären sie von den Feen der Waldeinsamkeit und deutscher

Waldherrlichkeit mit Prachtgehängen geschmückt.

Wie zwei Türme wachsen sie empor in den blauen Himmel, zwei Türme, die

die grüne Gotik des Waldes mit zartestem Astfiligran geziert, zwei

Türme, die leben und duften, die eine Seele und eine Stimme haben zu

singen und zu sagen. Leise, leise wiegen und rauschen ihre Zweige, als

webten darin die Klänge von deutscher Sehnsucht und deutschem Leid,

von alter Heldenzeit und jungem Trotz. Vorn im Gärtchen leuchtet es

von Blumen im bunten Flor. Da stehen steif gravitätisch die hohen

Malven mit ihren zarten Farben, die Kresse mit feurigen Blüten schlingt

sich am niedrigen Gitter, Rittersporn und Eisenhut, Rosen und Nelken

duften. Die Bienen des nahen Bienenstandes summen durch den Wohlgeruch

und die Farbenpracht und sammeln ihre süßen Schätze ein. Kinderlachen

klingt um das Haus, Windeln und bunte Lappen flattern am Seile. Im

wärmenden Sonnenstrahl sitzt Großmutter am Klöppelstock. Auf Stufen

führt gewunden ein schmaler Pfad hinauf auf die Halde, deren altes

verlassenes Scheidehaus nun frisches, junges Leben birgt, Leben,

Zukunft, Behagen und Zufriedenheit, eine Heimat tief im grünen Walde,

eine Heimat aus Waldmärchenland auf uraltem, bergmännischem Grunde. --

Doch auch die letzte Heimat hat ein Großer des Bergbaues einst in einer

Halde gesucht und dort seine Ruhe gefunden. Dicht bei Freiberg auf der

Höhe liegt die Halde der alten Grube zu den heiligen drei Königen.

Inmitten eines kleinen Haines von im Winde rauschenden Laubbäumen, grün

umwuchert und laubüberdacht ist diese Halde ein Grab und ein Grabmal,

wie es sinniger und stimmungsvoller kein Bergmannsherz finden kann.

Hier auf freier Höhe angesichts der alten Bergstadt, die unten gleich

einer malerischen dunklen Silhouette auf goldenem Grunde erscheint,

inmitten der Freiberger Gruben, Halden und Hüttenwerke verfuhr der

Oberberghauptmann Freiherr von Herder, ein Sohn des Dichters und

Patenkind von Goethe und Matthias Claudius nach seinem eigenen letzten

Wunsche seine letzte Schicht.

»Und sink ich einst in jenes dunkle Reich der Nacht,

aus dem auf seine Berge keiner wiederkehrt,

erhebt dann hoch, ihr treuen Knappen, mir das Grab;

nur aufgehäufte Erd und graue Stein,

ein Zeichen eurer Liebe, Knappen! --

Sitzt dann ermüdet an dem grünen Hügel einst der Wandrer

und gedenkt der Tag entflohener Zeit:

›Hier‹, sagt er ›ruht der Knappen treuster Freund! --

ihr Erster einst -- ihr Erster auch in Wort und That,

galt es der Berge und der Knappen Ruhm und Wohl.‹

Erhebet hoch, ihr Knappen, mir mein Grab,

und denkt des treuen Freundes liebend nach,

wenn längst das enge Haus ihn deckt.«

Das sind seine Worte!

Ein kalter Wintertag war zur Rüste gegangen, Ende Januar 1838,

tief lag die Stadt und draußen das Feld verschneit, da wurde er

auf den Schultern seiner treuen Knappen den letzten Weg zu seiner

Lieblingsstätte, die nun seine Grabstätte werden sollte, nachts

bei Fackelschein emporgetragen. Durch den tiefen unwegsamen Schnee

hatte man tags zuvor erst den Weg ausgeschaufelt und gebahnt und

dann durch Hin- und Herreiten von Reitern der Garnison feststampfen

lassen. Nun dröhnte das feierliche Trauergeläute von allen Türmen

der Stadt herüber. Die letzte Bergparade zur letzten Schicht des

toten ungekrönten Königs der Bergwerke entwickelte sich in düsterer

Trauerpracht. Die schwere Seide der altehrwürdigen Knappschaftsfahnen

knisterte, und schwer wallte der schwarze Trauerflor hernieder.

Blank und rot blitzten im Lichte der Fackeln die Barten und das

Gezähe der Knappen auf, so kriegerisch als zöge die dunkle Schar

auf geheimnisvolle Heerfahrt. Ihre brennenden Froschlampen trugen

sie in der Hand und leuchteten so ihrem Herrn zur letzten Fahrt

zum dunklen Schacht des Grabes, aus dem noch kein »Glückauf« den

Bergmann wiedergrüßte. Die altertümlichen russischen Hörner dröhnten

mit mächtigem Klange ihre wuchtigen ernsten Weisen und steigerten

die Wirkung zu einem gewaltigen, erschütternden Erlebnis. Wie die

Beisetzung eines alten germanischen Heerkönigs im gewaltigen Hünengrabe

auf windumbrauster beherrschender Höhe mutet dieses nächtliche Bild an.

Diese Stimmung klingt heraus aus zeitgenössischen Berichten und

Gedichten:

»Beim Fackelschein sie trugen

den Sarg durchs Tor bei Nacht,

Ein Hüttenmann hält zur Linken,

ein Bergmann zur Rechten Wacht.«

Ja, wie Kaiser Karl im Untersberg und Barbarossa im Kyffhäuser schläft

er nur und wird einst wiederkehren:

»Doch schwieg rings auf den Bergen

das Grubenglöckelein

und fuhr kein Knapp am Morgen

zur Tagesschicht mehr ein,

dann wirst du aus dem Schlaf dich

wie Barbarossa ringen

und deinem Freiberg wieder

die alten Tage bringen!«

Sinnend stehen wir und schauen auf die große Bronzetafel, welche

den Namen und das Wappen des letzten großen Berghauptmanns alter,

versunkener Bergherrlichkeit trägt, schauen auf die in Stein gehauene

Grabschrift: »Hier ruht der Knappen treuster Freund« neben der rechts

und links ein Bergmann und Hüttenmann das Berg- und Hüttenwappen hält.

75 Jahre nachdem Herder hier seine letzte Schicht verfuhr, verfuhr der

Freiberger Bergbau selbst seine letzte Schicht, das Grubenglöcklein

schwieg rings auf den Bergen, und wie eine Sage klingt nur noch das

Wort von der Berge und der Knappen Ruhm. Über uns rauschen die Wipfel

der hohen Bäume, rauschen und flüstern von alter Zeit. In Barbarossas

Tagen, als Ströme teuren deutschen Blutes im heiligen Lande und im

falschen schönen Welschland so nutzlos für die Heimat vergossen wurden,

blühte der junge Bergbau auf als eine der schönsten Blüten deutscher

Kultur und Tatkraft von größerem Werte für Volk und Heimat, als alle

Kreuzzüge und Römerzüge, und nun, nach siebenhundertjährigem Glück und

Glanz, wo der Bergbau zur Rüste gegangen, soll der stille Schläfer

dort in der Halde der Barbarossa sein, welcher die alte Herrlichkeit

wiederbringt! -- O ihr Träume, ihr Gedanken und geheimnisvollen Triebe,

ihr silbernen starken Flügel der deutschen Seele! Ihr habt unser Volk

über vieles hinweggetragen, was andere vielleicht zerbrochen hätte. Ihr

habt unser Volk in Begeisterung stark gemacht und schwach und elend

in manchem leeren Wahn. Ihr habt unserem Volke, unsrer Heimat manches

Schicksal bereitet, dem andre vielleicht entgangen wären. Ihr habt

hier, wo die Halden jetzt ragen, in dunklen Schächten Schätze geschürft

und das Land reich gemacht an Kunst und Kultur und edlen Gütern aller

Art, ihr habt aus der eigenen Seele Schätze gespendet an alle Welt und

Haß und Dornen sind eure Ernte. Auch Träume können Tat und Schicksal

werden. Träume blühen in der Stille. Die Stille ist ein Spiegel, in

dem Welt, Zeit und Ewigkeit sich dir spiegeln, wenn du nur zu schauen

verstehst.

In der Stille wachsen große Gedanken, aus der Stille reifen wahrhafte

Taten, aus der Stille steigt die Stärke der Seelen.

Wir wollen der Stille lauschen und in ihren klaren Spiegel schauen. Die

stillen Halden um Freiberg mögen dir da vieles sagen und geben, da mag

großes Gotteswerk und großes Menschenwerk, Ewigkeit und Vergänglichkeit

zur fruchtbaren Stille führen.

Hünenmäler der Arbeit vergangener Tage, tot und doch lebendig, stumm

und doch mit gewaltiger Sprache künden sie weit über das Land, daß

Arbeit Schicksal, daß Träume Schicksal sind, daß aus Arbeit und Träumen

die deutsche Seele sich ihre Zukunft formt, wenn sie nur erst starke,

silberne Flügel zur Höhe emporhebt.

Vergiß nicht, Seele, daß du Flügel hast!

Das Tännichttal im Tharandter Wald.

Lange hatte mein treues Rad gerastet! Was bindet oft die Pflicht so

fest und umschnürt die Seele und das Wollen mit bitteren Fesseln und

nimmt sie in enge Haft, daß sie sich kaum mehr hervorwagen, Fesseln

abzuschütteln, frei zu sein, vogelfrei in ziellosem Fluge der Sehnsucht

hinaus! -- Heute lacht so frisch der Sonnenstrahl des taufrischen

Sommermorgens und lockt hinaus und es treibt und drängt ein inneres

Müssen, daß ich nicht widerstehen kann. Hinaus aus den alten Mauern

und drückender Enge, hineinfliegen auf flüchtigem Rade in die blaue

Sonnenwelt, als wäre ich ein Vogel mit jungen Schwingen, der sein Lied

jubelnd zur strahlenden Höhe trägt.

Die wuchtige Stadtmauer Alt-Freibergs mit ihren Türmen und der Graben

mit seinen grünen Bäumen, das alte, mächtige Bollwerk des Donatsturmes

gleiten an mir vorüber. Leb wohl, du alter, fester Kumpan, mit deinem

spitzen Kegeldach, heute treibts in die Ferne mich mächtig hinaus. Und

ihr Dohlen dort oben in euren schwarzblauen Röcken so vornehm angetan,

die ihr dort flattert und schwebt und mit hellem Rufe freudig im

Schwarme in den blauen Äther euch schwingt, heute neide ich euch nicht,

heute bin ich mein eigen, heute bin ich mein selbst, ein freier, wilder

Vogel! Meine Seele ist ein Vogel, der über allen Tiefen schwebt, dessen

Flügel in alle Weiten strebt, der tief das Glück und die Sehnsucht

eines freien Sonnentages spürt. --

Die Straße ins Muldental hinab fliegt das Rad, daß ein Jauchzen aus

der Brust wie ein lachender, springender Brunnen emporsteigt. Halli

und Hallo! Die Sommerwelt ist mein, die rechts und links an mir

vorüberstürmt, die grünen Hänge, die saftigen Wiesen und dort der

rauschende Fluß im tiefen Grunde, mit seinen weißen Schaumflocken auf

dunklem, sprudelndem Wasser. Die Heimat ist mein, denn meine Seele ist

ihr offen, sie ist mein, denn sie gibt sich mir, weil ihrem Zauber

und ihrer Wesensinnigkeit sich meine Seele gibt. Jenseits geht es

steil bergauf. Steinig und heiß ist der Pfad, das Geröll rutscht unter

dem Fuß, und die glimmerblinkenden Gneisplatten flimmern wie Silber.

Auf dieser jähen Straße zogen schon die wilden Haufen der Schweden

und Kaiserlichen einher, die Grenadiere des Alten Fritz und das Heer

Napoleons. Kanonen und Packwagen sind unter Fluchen der Soldaten und

Keuchen und Schnauben der Rosse mit vielfachem Vorspann, mit Seilen und

Hebeln den steilen Hang mit seinen glatten Felsplatten hinaufgezogen.

Manch wilde Verwünschung und grimmiges Wort, manch sauren Schweiß hat

dieser Weg gekostet. -- Wie stille ist es heute hier! Es knistert

leise das Rad. Geröll löst sich unter dem Fuß. Rötlich blüht schon das

Heidekraut in dichten Polstern am Wege.

Auf der Höhe schöpft die Brust tief Atem und dann wandern die Augen

hinab ins tiefe grüne Tal, wo die Mulde schäumt, und dort nach den

Höhen, wo die Halden und Bergwerke, Alt-Freibergs Wahrzeichen und

Hünenmale des Bergbaues, sich türmen, und weit in die blaue Ferne,

wo die duftigen Linien der Berge in unendlicher Zartheit sich am

Horizonte dehnen. Doch nun wieder vorwärts, dem Walde entgegen, in

dessen grünem Meere ich untertauchen will. Über breiten Höhenrücken

geht die Fahrt. Die Felder reifen der Ernte entgegen. Wie lange noch,

dann klingt die Sense und die Pracht sinkt vor dem Schnitter dahin. --

Hast du Frucht gebracht? -- --

Die Vogelbeerbäume schmücken sich schon mit roten Beeren. Wie lange

noch, und die Drosseln ziehen, die Beeren fallen und liegen wie

Blutstropfen am Straßenrande. -- Blutstropfen! -- Wieviel Blut mag

auf dieser Heeresstraße sächsischen Schicksals geflossen, am Wegrande

versickert, vom Regen verwaschen sein? Tropfen am Wege, verronnen,

vergessen, vom Baume des Lebens blutrot geschüttelt, zertreten,

verloren im Staube -- Menschenschicksal, wie dunkel ist dein Lauf, aus

Dunkel kommend, im Dunkel vergehend, rote Beeren nur hie und da im

Staube deiner Straße! -- --

Drüben am Höhenrande des Horizontes steigen die Häuser von Konradsdorf

bergaufwärts, und der Kirchturm ragt spitz über die gelagerten

niedrigen Dächer, weithin als Landmarke die Gegend beherrschend. Wie

friedlich und still das Bild, der Blick über die fruchtbaren Breiten,

und doch, wieviel Stürme sind darüber hingebraust. Alte Kunde erzählt

von Konradsdorf aus dem Jahre 1632: »Den 16. April eben dieses Jahrs,

morgens um 5 Uhr, da Kaiserliche Völker eingefallen, ist Nikol Kirbach

von zwei Kroaten niedergesäbelt worden. Um eben diese Zeit haben auch

die Kaiserlichen Kroaten die Kirche allhier erbrochen, was darein

geflüchtet ermordet, den silbern Kelch und 100 Fl. mitgenommen, wobey

Pfarr und Schulmeister beynahe das Leben eingebüßt, davon man die

Spuren in der Kirchthüre noch findet.«

Die Kirche zu Hilbersdorf dort drüben, dessen Flur an unsere Straße

grenzt, wurde 1639 von den Schweden unter Banner eingeäschert und Mord

und Blut war in seiner stillen Dorfstraße.

Menschenschicksal, Völkerschicksal, wie geht ihre Straße über lichte

Höhe und dunkle Täler, durch Sonne und tiefe Schatten! Rote Beeren am

Straßenrand, deuten sie Freude, deuten sie Leid? --

Herbstmahnung, Schicksalsmahnung, Sommerwende leuchten uns die roten

Beeren am Wege, am Baume im Laube, das hie und da leise vergilbt, im

Staube, der ihr brennendes Leben mit Asche bestreut. Wie lange noch,

dann klirrt der Frost, dann schnaubt der Schnee in mächtigen Wehen und

Wirbeln gleich wilden weißen Rossen über die starren Felder und kahlen

Höhen und hinter ihnen der eisige Ost mit scharfen Peitschenschlägen. --

Wohl dem, der eine Heimat hat! --

Aus grauen Mauern und grünen Weiten Schauen und Sinnen auf Heimatwegen · 第 16 / 25 段