Tiere besänftigten, so alle Zerstörungslust und wilden Übermut
gebändigt habe, daß sie stille wurden und vor ihr in scheue Bewunderung
und heilige Ehrfurcht sich wandelten. Die Macht der Schönheit hat sich
selbst behütet und bewahrt.
Und doch ist es nicht nur die Schönheit, die hier zu uns spricht, es
ist das tiefste Fühlen und Denken eines ganzen Zeitalters hier in
Stein gebannt und wie ein gewaltiges Glaubenslied, wie der Schrei der
verlangenden Seele eines ganzen Volkes nach dem, was göttlich ist und
über die Nichtigkeit zur Ewigkeit erhebt, klingt es empor.
Du fühlst es, denn du bist Blut von ihrem Blut, und das wird dir
unaussprechlich klar, daß die Kunst arm ist, wenn sie nur diesseitig
ist. Du spürst in dir das Erkennen, daß die Kunst die Sprache der
Seele zu der Gottheit ist, daß in ihr das Göttliche in uns seinen
sehnsuchtsvollen Ausdruck sucht. --
Das Volk jener fernen Tage konnte nicht lesen, aber es konnte deuten
und die Sprache der Symbole, sinnbildlicher Bewegungen, Stellungen und
Gestalten verstehen, wie es unsrer Zeit ganz verlorengegangen ist. So
war ihm ein reiches Bildwerk symbolischer Art wie ein Buch, das mit
ihm redete in stummer, lebendiger Sprache und sich einprägte wie eine
gewaltige Predigt oder wie wuchtige Glaubenssätze. Es erkannte in ihm
das, was es im Innersten erfüllte und wonach ihre Herzen verlangten. Es
war ihm ein Ausdruck des eigenen besten Seins, Fühlens, Verlangens und
Glaubens. Es war ihm eine gewaltige Predigt, welche ihre Seelen von der
Geburt des Weltheilands, den die Könige anbeten, bis zu den Donnern
des Jüngsten Gerichts, da die Gräber springen, von den Verheißungen des
alten Testaments zu der Erfüllung des neuen Bundes trug.
Solch ein Werk wie die Goldene Pforte konnte nur geboren werden
aus einer Zeit höchster religiöser Empfindung und gesteigerten
kirchlichen Lebens, als die Macht der Kirche und ihrer Lehren und
Auslegungen besondere Gewalt über die Seelen und Gedanken hatte. Es
war die Zeit der Kreuzzüge, in welchen so viel religiöse Inbrunst
verloderte und deutsche Kraft verblutete für weltenferne Träume und
wirklichkeitsentrückte Gedanken. Es war die Zeit der Gründung des
Franziskaner- und Dominikanerordens, die mehr als andere im Volke ihre
Wurzeln schlugen und ausbreiteten, dadurch, daß sie in den breiten
Massen wirkten und nicht sich abschlossen wie die anderen Orden, die
bald auch in Freiberg ihre Klöster gründeten und bauten.
Die geistigen Strömungen wirkten sich in kirchlichen Gedanken aus.
Da blühte dieser Gedanke in der jungen Bergmannsgemeinde auf, ihren
Reichtum und ihren kirchlichen Sinn zu zeigen. Statt der schlichten,
alten romanischen Pforte aus der ersten Bauzeit in der Gründungszeit
der Stadt, deren Reste noch auf uns gekommen sind, sollte ein großes,
stolzes Marienportal das Gotteshaus schmücken, schöner und reicher als
irgendein anderes in deutschen Landen! Nach einem tüchtigen Meister
hielt man Umschau. Man mag im Kloster Altzella bei den feingebildeten,
kunstverständigen Benediktinermönchen, ferner in Wechselburg und auch
in anderen Städten herumgehorcht haben. Die Ordensbeziehungen der
Klosterleute und die Handelsbeziehungen der Bürger reichten ja weit und
machten nicht vor den Landesgrenzen halt. Die bunt aus allen Stämmen
gemischte, zum Teil auch weitgewanderte, geistig regsame Bevölkerung
hatte manchen klugen und gebildeten Kopf, und der den Verkehr
anziehende Segen des Bergbaues und die uralten Handelswege mögen auch
manchen Welt-, Menschen- und Kunstkenner herbeigeführt und sein Wort
und Ratschlag zur Geltung gebracht haben.
Den rechten Meister zum Werke zu finden, das war jedoch ein Glücksgriff
besonderer Art, und wie ein Meteor taucht der Künstler aus dem Dunkel
auf, helleuchtend mit seiner Schöpfung, und verschwindet wieder im
Dunkel. Wir können nur vermuten und ahnen, auf welchem Wege er gefunden
wurde und aus welchen Einflüssen heraus der Meister dieses herrliche
Werk schuf. Keine Urkunde und keine Chronik meldet seinen Namen, aber
aus dem Werke seiner Hand können wir fühlen, wie seine Künstlerschaft
zu dieser Vollendung reifte und Anregungen aus Jugend, Heimat und
Fremde verarbeitete und mit schöpferischer Kraft gestaltete. Er
stammte vielleicht aus Magdeburg, wo in der alten Bischofsstadt ein
neuer Dom entstehen sollte. Dort in der Dombauhütte war er wohl als
junger Künstler tätig, der sich schon ausgezeichnet hatte, weit durch
Deutschland gewandert war und vielleicht in Regensburg, wahrscheinlich
aber auch in Halberstadt gearbeitet hatte und dort den Dom und die
Liebfrauenkirche genau kannte, ihre Formen, Bildwerke und Malereien
mit ihrem Gedankenreichtum in sich aufgenommen, gezeichnet und
verarbeitet hatte, dessen Künstlerschaft an diesen Werken gewachsen
war. Sein Meister in der Dombauwerkstatt von Magdeburg war aber auch
in Frankreich gewesen. Ihn hatte der Erzbischof Kardinal Albrecht II.
dorthin geschickt, um Anregungen für den neuen Bau zu schöpfen, aus
den gewaltigen Kathedralen von Paris, Chartres und Laon, die der
Kardinal in seiner Jugend gesehen hatte.
Dieser Meister hatte den Kopf und das Herz voll sprudelnder neuer
Gedanken und Bilder mitgebracht und ein Skizzenbuch voll Zeichnungen
von Portalen und Figuren und allerlei Einzelheiten, Notizen und
Motiven, um, befruchtet durch fremdes, neuartiges, künstlerisches
Schaffen und Gestalten sein eigenes Können und seine künstlerische
Phantasie zur höchsten Blüte zu entwickeln. In diesem Skizzenbuche
seines Meisters mag nun mit feuriger Seele unser Künstler studiert
haben, um das, was an alter deutscher Kunst ihm herrlich schien,
nach Form und Inhalt mit diesen neuen Gedanken zu verbinden und zur
Vollendung zu führen.
Die junge Kunst der aufblühenden Gotik, wie sie in Frankreich
emporwuchs, mit ihren neuen Konstruktionsgedanken lag ihm fern.
Er fühlte mehr als Bildhauer und wendete seine Neigung dem
bildnerischen Schmucke zu. Er zeichnete eifrig und entwickelte sich
seine Gedanken und ließ sich von seinem Meister erzählen, wie an
den französischen großen Kathedralen die Portale geschmückt waren:
Ein Marienportal mit der Darstellung der Erhebung Marias zum Himmel
und Krönung, ein Christusportal mit dem Heiland in der Glorie, mit
den Evangelistensymbolen und der Königsreihe seiner Vorfahren, und
schließlich ein Portal mit der Darstellung des Jüngsten Gerichtes. Wie
mag der Künstler mit der Fülle der neuen Gesichte und Vorstellungen und
Anregungen und Formen gerungen haben, mit denen die junge Gotik seine
Feuerseele bedrängte. Das Neue, das ihm entgegenblühte, zu verstehen
und aufzunehmen, und neue Gedanken mit der klaren, einfachen, alten,
lieben Sprache der Heimat auszudrücken, das wurde das Ziel seines
Ringens. Im benachbarten Halberstadt zeichnete und studierte er viel an
den neuen Werken der kirchlichen Baukunst und Bildnerei. Auch manches
Werk der Antike in edler Einfalt und stiller Größe mochte ihm bekannt
geworden und von ihm in seiner Schönheit im heißen Glück empfunden
und gezeichnet worden sein und ihn emporgehoben haben zu reifer,
abgeklärter Kunst.
Es erging vielleicht durch Vermittlung seines Meisters in Magdeburg
an ihn der Ruf von Freiberg, ein Prachtportal zu bilden zur Ehre der
Jungfrau Maria und zum Schmucke der jungen, stolzen Silberstadt, deren
Ruhm weithin durch das alte Sachsenland erklang. --
In welcher bewundernswerten Weise er diese Aufgabe anpackte und löste
und eines der größten Meisterwerke deutscher romanischer Kunst schuf,
wie er unter meisterhafter Beherrschung aller romanischen Schmuckmittel
und künstlerischen Möglichkeiten und Formenreichtums alle Tiefen
inniger Glaubensgewißheit und kirchlicher Lehre durchmaß und in seinem
Werke ihnen Sprache und Leben gab, wie er mit der Glut seiner deutschen
Seele die Klänge ferner, fremder Kunst in die göttliche Harmonie und
Reinheit seiner heimischen Kunst voll ursprünglicher, selbständiger
künstlerischer Eigenart einordnete, das ist Zeugnis für den Himmelsflug
seines Geistes, die Tiefe seiner Seele und seine schöpferische Kraft.
Und sehen wir vom geistigen Inhalt des gewaltigen Werkes ab, so ist
schon die rein bildnerische, künstlerische Schönheit des Ganzen und
aller einzelnen Teile so vollendet und ergreifend, daß es weit über
alle Werke jener Zeit emporragt.
Die Goldene Pforte ist noch ganz romanisch, ein stufenförmig
gestaffeltes Portal mit Säulen in den Winkeln der Stufen von
reinromanischer Kapitälbildung. In der Ornamentik der mächtigen
Rundbögen finden wir die kräftigen Zickzacklinien, wie sie besonders
gern und häufig irische Mönche verwendeten, welche als Missionare
Deutschland und Frankreich durchzogen und ihre einheimischen Formen zur
Geltung brachten. Diese »Schottenmönche« hatten z. B. in Regensburg
zwei Kirchen nach ihrer Art gebaut und geschmückt, und es ist wohl
möglich, daß auch bei der Goldenen Pforte mit ihren Zickzackornamenten,
die sich bis in die Schäfte der Ecksäulen zart fortsetzen, solche
irische Einflüsse, sei es über Regensburg, sei es über andere Studien
und Skizzen des Meisters wirksam gewesen sind. Alle Gebundenheit und
Steifheit der Ornamentik und namentlich des Figürlichen, in der die
mittelalterliche Kunst noch gefesselt lag und die mittelalterliche
Figuren neuzeitlichem Empfinden oft so schwer verständlich macht, ist
aufgehoben. Die Gestalten leben und sprechen und sind erfüllt von
innerer geistiger Spannung je nach ihrer Bedeutung und Bestimmung. Sie
sind mit einer plastischen Sicherheit und Kenntnis des menschlichen
Körpers und seiner Bewegung hingestellt, als wären sie vom
Frühlingshauche der jungen Renaissance, die doch erst 300 Jahre später
nach Freiberg kam, berührt und erweckt, von formaler Schönheit erfüllt
und über ihre Zeit hinausgehoben worden.
So ist die Goldene Pforte zu dem strahlenden Juwel geworden, das durch
die Jahrhunderte leuchtet und auch heute noch jeden Beschauer zur
Andacht zwingt, daß er empfindet: Hier stehst du an heiliger Stätte,
an einer Stätte der Offenbarung deutscher Seele, deutscher Kunst und
deutscher Gedankentiefe. Die Kunst erhebt sich hier in der Tat zu einer
so ergreifenden Großartigkeit, sagt Richard Freiherr von Mansberg, ihr
geistvoller Erklärer, dem wir hier folgen wollen, daß in dem ganzen
Gebiete der Erzeugnisse dichtender und bildender Kunst außer dem
gigantischen Werk eines Dante wohl keines zu nennen ist, welches an
tiefer Durchdringung des geistigen schwer zu bewältigenden Stoffes bei
gleicher Formvollendung dem unsrigen ebenbürtig zur Seite gestellt
werden könnte. »Noch einmal,« sagt er, »verschmelzen hier antiker
Schönheitssinn und deutsche Empfindung, getragen von einem Naturgefühl,
das bis ins kleinste der Gesichtszüge, der Hände und Füße, voll Adel
und Lebenswahrheit ist«.
Neun Bogen schließen sich so zusammen zu einem gewaltigen Halbrund,
das als Symbol des Weltalls gilt mit den neun Himmeln, in welchen die
beim Jüngsten Gericht aus ihren Gräbern auferstehenden Märtyrer, die
Apostel und die Scharen der Erzengel, Cherubinen und Seraphinen Gott in
seiner Dreieinigkeit in den Scheiteln der Bögen thronend schauen und
in feierlicher Würde verehren. Die Figuren sind wie die Juwelen eines
Diadems in köstlicher Vollendung dem reichen Rahmenwerk eingefügt.
Dieses gewaltige Diadem umspannt das Bogenfeld (Tympanon) als Herz der
ganzen Komposition. Die Jungfrau Maria mit dem Jesusknaben ist hier
thronend dargestellt, wie die drei Weisen aus dem Morgenlande, als
Vertreter der Völker der Erde, ihre Gaben bringen und huldigen. Sie ist
der Mittelpunkt des Weltalls, als die reine Jungfrau, die Gottesmutter,
die Himmelskönigin, die Mutter der Gnaden in nahezu vollkommener Weise
dargestellt. Hoheit und Demut und eine überirdische Verklärung spricht
sich in den ernsten und doch weichen Zügen aus, die immer stärker
fesseln, je länger man sie aus der Nähe betrachtet.
»Die Gottesmutter, die Himmelsfrouwe und der Engel Kuniginne«, wie der
alte Dichter sagt, ist selten wieder in gleicher Tiefe, Innigkeit und
Vollendung dargestellt worden.
Über ihrem Haupt runden sich die Himmelsbögen, in denen Engel,
Apostel und Auferstehende die Erfüllung und Vollendung des göttlichen
Erlösungswerkes symbolisieren. Zu ihren Füßen aber stehen Gestalten des
alten Bundes, als Verkünder, Vorläufer und Ahnen des Heilandskindes,
das sie in den Armen hält. Zugleich aber sind diese Gestalten als
Sinnbilder zu deuten, die Maria feiern als eine Jungfrau, Gottesmutter,
Himmelskönigin und Mutter der Gnaden. Zwischen den herrlichen Säulen
mit ihren köstlichen Kapitälen, welche die Himmelsbögen tragen, stehen
so auf kleineren Zwergsäulen sich gegenüber die Gestalten des Propheten
Daniel und des Aron, der Königin von Saba und der Bathseba, des Königs
Salomo und des Königs David, Johannes des Täufers und des Propheten
Nahum.
Doch noch tiefer und weiter greift die Symbolik: Die neue Pforte
zum Gotteshause sollte für die Freiberger Bergmannsgemeinde eine
Bergmannspforte sein! Nicht ohne Absicht steht darum Aron auf der
ersten steinernen Säule des Gewändes. Im Orient haben Namen ihre
besondere Bedeutung. Der Name steht für das, was der Mensch selbst ist.
Aron, das arabische Harun, von dem Märchenkalifen Harun als Raschid
bekannt, bedeutet »Bergmann«! Aron, der Bergmann, steht als erster an
der stolzen Pforte der Pfarrkirche der jungen Berggemeinde und weist so
auf die Bergstadt hin.
Über der zweiten Säule ist die Stadt Freiberg, das alte »Vriberch«
selbst dargestellt durch einen weiblichen Kopf mit Mauerkrone. Das
Symbol der Mauerkrone kennzeichnete ja bereits in der Antike die
Stadtgöttinnen.
Den ersten der neun Bogen tragen Löwen als Wächter des Heiligtumes, den
dritten trägt die Stadt Freiberg als der Ort, der das Heiligtum baut,
erhält und trägt, den fünften Bogen trägt links ein Bergmann in der
alten Fahrhaube und rechts ein Mönch mit Fischen, der Bergmannsstand,
der die Gemeinde bildet, und der Mönch, der die Gemeinde sammelt und
pflegt nach dem Wort des Herrn: »Ich will euch zu Menschenfischern
machen«.
Über 80 figürliche Darstellungen schmücken die Pforte in unerhörtem
Reichtum aber ohne Überladung in köstlichem Rhythmus der künstlerischen
Formen und der tiefen Gedanken. Die stets wechselnde Fülle der
Ornamentik und aller Schmuckbildungen an Kapitälen, Gesimsen, Säulen
und Bögen, in welchen Menschen- und Tiergestalten in echt deutscher
Phantasie mit verflochten sind, ist staunenswert.
Hier zum ersten Male werden in Deutschland sitzende Figuren in den
Nischen der Bögen verwendet, das einzige Mal im romanischen Stil, was
später der gotische Stil häufiger zeigt.
Hier zum ersten Male in Deutschland wird eine Krönung Mariä dargestellt
im untersten Bogen über dem Tympanon, die zwei bis drei Jahrhunderte
später ein so beliebtes Motiv der Plastik und namentlich der Malerei
wurde.
Hier zum ersten Male wird in der deutschen Kunstsymbolik das Jesuskind
mit dem Apfel als Sinnbild der Welt dargestellt.
Eine Fülle von neuen Gedanken sind hier zum ersten Male ausgedrückt,
die für Jahrhunderte die Kunst befruchteten und anregten. Hier ist
die Kunst nicht nur ein Können voll Schönheit und nur der äußeren
Form, welche die Augen beglückt, nein, sie ist eine Stein gewordene
Weltanschauung von unendlicher, echt deutscher Seelentiefe, innerem
Gehalt und unwiderstehlicher Gemütskraft. Sie ergreift das Innerste,
weil hier eine gottbegnadete Künstlerseele ihr künstlerisches und
seelisches Bekenntnis ausströmte und in wundervoller tiefer Einheit
formte zu einem Werke voll leuchtender Klarheit, Schönheit und heiliger
Innigkeit, einem Werke, in welchem das edelste Wollen und Fühlen seines
ganzen Volkes und seines Zeitalters erhabenen Ausdruck fand.
Um die Wirkung seines gewaltigen Werkes auf das höchste zu steigern,
hatte der Künstler dann das Ganze vergoldet und in reine leuchtende
Farben, in strahlendes Rot, tiefes Blau und sattes Grün gehüllt. Das
Gold und die Farben sind im Laufe der Jahrhunderte geschwunden, doch
noch heute lassen sich Farbenspuren hie und da an versteckter Stelle
finden und aus älteren Berichten kann die Farbengebung der einzelnen
Teile mit einiger Sicherheit festgestellt werden. Die unverbildete
Farbenfreude des Mittelalters, welche sich ja auch in der Tracht
ausspricht, liebte es, architektonisch ausgezeichnete Bauteile, wie
Portale, Erker, Giebel u. dgl. als besondere Schmuckstücke farbig zu
bemalen und auch breite Wandflächen innen und außen mit Gemälden zu
schmücken. Kaum ein mittelalterliches Bauwerk höheren Ranges wird auf
die kräftige, belebende Wirkung reiner leuchtender Farben verzichtet
haben. Das Erbe dieser Farbenfreude hat ja nur unsere Volkskunst in
schlichtester Weise festgehalten, vermehrt und zu mancher neuen Blüte
gefördert. Diese Farbenfreude, welche durch die mißverstandene Antike
und Klassizismus verlorengegangen zu sein scheint, ist ein inneres
Bedürfnis unseres Volkes und müßte wieder ihren Platz sich erobern im
Leben des Volkes und im Straßenbilde.
Die alten Beispiele und die alte Volkskunst könnte da anregend und
befruchtend wirken im Sinne einer farbigen, malerischen Bereicherung
unserer so nüchternen, modernen, Grau in Grau gehaltenen und Grau in
Grau die Seelen stimmenden Straßen und Plätze.
Wie ein Märchen voll Schönheit, Glanz und Farbe muß dagegen die
»Goldene Pforte« einst gewirkt haben, und so manchen schlichten, rauhen
Besucher aus harter, unwirtlicher Wald- oder Bergeinsamkeit überwältigt
haben, als stünde er vor der Pforte des Himmels, wo alle Schönheit und
aller Glanz vereinigt ist, so daß er geblendet die Augen schließen muß,
nein, tief in die Seele die Herrlichkeit hineintrinken möchte und an
dem Trunk genesen muß von dem, was schwer und trüb und dunkel seine
Seele bedrückt und bedrängt, daß er alles vergißt, was dahinten ist und
seine Sehnsucht nach dem ewigen Lichte strebt, und die Arme hebt dem
leuchtenden Glanze entgegen. -- -- -- --
Doch wir müssen scheiden. Die Glocken droben sind längst verklungen,
aber im Herzen klingen lauter und lauter die Glocken, welche das Lied
von deutscher Seele und deutscher Kunst, von deutscher Kraft und
Schönheit singen, welche nach 700 Jahren noch jung ist und jung bleiben
wird, solange noch eine deutsche Seele dem Lichte entgegenringt und
goldene Pforten sich baut, leuchtend im Grau der Tage, hoch über dem
Schmutz der Straße, hoch über den dunklen Tiefen des eigenen Herzens,
die ihre goldenen Bögen öffnen der Erfüllung und Vollendung entgegen.
Haldenwanderung.
Ja freilich ist es über die Maßen herrlich, unterzutauchen in die
Tiefen des grünen Meeres der Wälder, wo die Wipfel wie Wogen rauschen
und wallen, und dort in kraftspendender Einsamkeit aus der Unruhe und
den Irrungen und Wirrungen zurechtzufinden.
»Da mag vergehn, verwehen
Das trübe Erdenleid,
Da sollst du auferstehen
In junger Herrlichkeit!«
Einsamkeitsgänge sind oft Genesungsgänge, Gänge der Erhebung, des
Aufrichtens und Abschüttelns von allerlei Last und Leid. Meister
Eckhart (1260--1327) sagt: »Ein auferhobenes Gemüt sollst du haben,
nicht ein niederhangendes, ein brennendes Gemüt -- in dem doch eine
ungetrübte schweigende Stille herrscht.« Stunden der Stille sind
Stunden der Kraft, wenn du der Stille die Tiefen deiner Seele öffnest,
damit sie stille wird.
»Da draußen, stets betrogen, saust die geschäft’ge Welt!«
Doch da drinnen kann auch das Herz betrogen werden und leer bleiben
trotz der Stille, wenn es nicht den Stimmen der Stille recht lauscht
und aufnimmt, was sie sagen und geben wollen.
Wer diesen Stimmen recht zu lauschen vermag, der findet Reichtümer
und Schätze, wo den andern alles arm und öde ist, dem blüht Leben und
Freude, wo dem andern alles tot und leer ist, der gewinnt Kraft und
neuen Schwung, wo der andere müde und stumpf wird. »Auf leisen Sohlen
wandeln die Schönheit, das wahre Glück und das echte Heldentum«, sagt
Wilhelm Raabe.
In der Stille wachsen große Gedanken,
Aus der Stille reifen wahrhafte Taten,
Aus der Stille blüht die Stärke der Seelen!
Sagt doch schon der Prophet Jesajas: »Wenn ihr stille bliebet, so würde
euch geholfen«.
Was vermag aber am meisten die Seelen zu erheben und still zu machen?
Großes Gotteswerk und großes Menschenwerk, die Ewigkeit und die
Vergänglichkeit!
Aus der Stille heraus erst vermagst du oft die Heimat zu verstehen und
ihre Wunder zu erkennen, ihre Werte zu finden und dir zu gewinnen,
die sie dem Lärm verborgen und verschlossen hält, in der Stille erst
vermagst du für dich in der Heimat das große Gotteswerk und das große
Menschenwerk, die Ewigkeit und die Vergänglichkeit mit deiner Seele zu
suchen und zu erkennen. In der Stille erst vermagst du dich selber zu
finden und dein Bestes zu verstehen.
»Und meine Seele spannte
weit ihre Flügel aus,
flog durch die _stillen_ Lande,
als flöge sie nach Haus.« -- -- --
Wir wollen einmal wandern, dort, wo es stille ist, dort, wo großes
Menschenwerk, wo die Vergänglichkeit in stummer Größe uns anschauen und
uns erzählen von vieler Geschlechter Mühe und Arbeit und von ringenden
Kräften ferner Tage. Eine Wanderung über die alten Bergwerkshalden in
der Umgebung der alten Bergstadt vermag uns gar stille und nachdenklich
zu machen. Gar oft ist die Romantik der alten Burgen und Schlösser und
ihrer trotzigen Ruinen besungen worden. Sagen und Geschichten umranken
die Trümmer mit stimmungsvollem Zauber und beflügeln die Phantasie
sogar auch manches nüchternen Spötters zu höherem, reinerem Flug.
Wir sind stolz auf diese Herrlichkeiten der Heimat, die uns vom Glanz,
von urwüchsiger Kraft und kriegerischem Tatenmut unsrer Vergangenheit
erzählen, und empfinden sie froh und tief. Doch hier unsere Halden und
schlichten Bergwerkshäuser sind von gleichem Werte und gleicher oder
tieferer Wirkung auf die sinnende Seele, wenn sie nur in ihr stilles,
schicksaldurchfurchtes Antlitz schaut. Wir wollen sie suchen und
lieben, wir wollen stolz auf sie sein und von ihrem stimmungsvollen
Zauber in der Stille uns umfangen lassen und von ihnen reden und sagen,
nicht wie von etwas, das der Menge und dem Geschrei gefallen muß oder
etwas geben könnte, sondern wie von etwas, das den feinen Seelen, den
stillen Herzen unendlichen Stimmungszauber gibt. Auch die alten Halden
erzählen, wie jene stolzen Burgen, von untergegangener Herrlichkeit,
und der silberne, mit bunten Blumen durchwirkte Mantel der Romantik
liegt über ihnen. Es ist nicht die Romantik klirrender Waffen von Blut
und Streit, sondern die Romantik klirrenden Werkzeugs, ringender Arbeit
und sauren Schweißes von tausend Geschlechtern, welche in unermüdlicher
Treue mit den Geistern der Tiefe den täglichen Kampf der Arbeit und
Pflicht durchkämpften und in den dunklen Schächten die blutenden
Silberadern der Felsen durchforschten. Es ist die Romantik, welche
nicht Wunden schlug, sondern aus den Felsen die edlen Erze schlug und
sie zum Zauberstabe machte, daß aus dem Lande ein Garten wurde, in
welchem die Kultur und edelste Kunst erblühte.