am Hofe zu Dresden -- es war Mode, italienische Künstler sich zu
halten --, hatten die Entwürfe gemacht, nach denen erst ein Modell des
Denkmals hergestellt wurde. »Vater« August war nun aber ein sparsamer
Landesvater, der den Daumen auf seinen Beutel hielt und oft lieber
seine lieben Landeskinder huldvollst für seine Passionen zahlen ließ,
statt in die eigene Tasche zu greifen. So befahl er hier einfach dem
Rate zu Freiberg, seine Domsakristei aufzugeben und ihm zur Verfügung
zu stellen und die Allerheiligenkapelle am Chore, wo Freiberger
Bürger der ersten Geschlechter begraben lagen, und heilige Ehrfurcht
ihnen ewige Ruhe gelobt hatte, rücksichtslos zu räumen, die Grabmäler
herauszubrechen und unter peinlichster Schonung der Gruft seines
Bruders Moritz für seine Zwecke umzubauen, zu erweitern, den Domaltar
in das Schiff hineinzurücken und Weiteres zu verändern. Er zwang sie
sogar gnädigst noch die Fundamente zum Denkmal auf Stadtkosten zu
errichten und die Abschlußgitter herzustellen. So ehrte er pietätvoll
das Andenken seines tapferen Bruders aus der Tasche der Stadt Freiberg
in landesväterlicher Huld. Wo die Gebeine der alten Freiberger blieben,
kümmerte ihn wenig. Diese huldreiche, väterliche Sparsamkeit und
Fürsorge bewies er auch weiter bei der Ausführung des Denkmals. Zwei
Dresdner Bildhauer, Melchior Barthel und Christoph Walther forderten
für die Ausführung des gewaltigen Marmorwerkes 6000 Taler. Bei dieser
Summe versanken alle schönen Grundsätze von der Kunst, Arbeit,
Verdienst im eigenen Lande, von landesväterlicher Fürsorge zur Hebung
von Gewerbe, Handwerk und Steuerkraft, denn das ging schmerzhaft an den
eigenen Beutel! August übertrug die Arbeit an Hans Wessel in Lübeck
und dieser verdingte sie weiter für 2800 Taler an Meister Antonius
von Zerun zu Antwerpen. Dieser ist später erst durch Klagedrohung zu
der Restsumme von 613 Talern gekommen, welche weder der Kurfürst noch
Hans Wessel bezahlen wollte! Aus belgischem Marmor von Dinant ist das
Moritzdenkmal gefertigt. Dinant ist die Stadt, um welche zu Beginn des
Weltkrieges das Blut der Freiberger Jäger besonders geflossen ist bei
der Eroberung und durch Verrat und Hinterhalt im Straßenkampf. Diese
belgische Stadt hat einen blutigen Namen für Freiberg voller Tränen und
wehen Stolzes.
Von Antwerpen wurde das Marmorwerk in einzelnen Teilen zu Schiff über
Hamburg elbaufwärts nach Torgau, wo der Kurfürst Hof hielt, und von
dort nach Dresden und mit Wagen nach Freiberg geschafft und von Zerun
und seinen Gesellen aufgestellt. So kam es, daß deutsches Geld, aber
nicht deutsche Kunst und deutsche Hände dieses italienische Werk
mitten im Herzen Deutschlands für den deutschen Fürsten geschaffen
haben. Fremd ist es auch unserem Empfinden und fern von der innigen
Gemütstiefe z. B. der Tulpenkanzel.
Der Kurfürst war sehr stolz auf das Werk und besorgt um den kostbaren
Marmor und Alabaster, daß er zur rechten Wirkung käme und nicht durch
Farbe übermalt würde. Er schreibt: »das man an den bildern nur die
augenn und meuler mit ihren natürlichen farben anstreichen und sonst
gar nichts mit farben daran schmieren solle außerhalb was vorguldet
werden mus«, weil sonst »das gantze werck vorstellt und verunadelt
würde«.
In diesen wenigen Worten kennzeichnet sich ein grundsätzlicher
Unterschied fremdländischer gegenüber der deutschen mittelalterlichen
Kunstauffassung, wie sie sich bis in die Renaissancezeit hinein
erhalten hatte, die in der kräftigen Farbengebung und in der Steigerung
des Materiales und der Formen durch Malerei große, feierliche und
charaktervolle Wirkungen erzielt hatte.
Tilman Riemenschneider (1460--1531), der berühmte süddeutsche Meister,
hat z. B. seine köstlichen Marmorwerke im Dome zu Würzburg farbig
bemalt, ohne daß »das gantze Werck vorstellt und verunadelt« worden
wäre, sondern nur an lebendiger künstlerischer Wirkung erhöht und
gesteigert worden ist. Wir denken ferner an die goldene Pforte unseres
Domes mit ihrer wunderbaren, uns kaum mehr faßbaren und erreichbaren
Farbenpracht. Unsere ganze mittelalterliche, so echt deutsche, tiefe
Kunst lebt und ist stark durch die Farbe. Das wundersame Leben in
den köstlichen Altarwerken auch in den kleinsten Dorfkirchen ist
auf die Farbe abgestellt. Diese Werke sind aus dem Seelenleben und
tiefstem Empfinden und oft unbewußtem, künstlerischem Wollen unseres
Volkes geboren und auf diesem Grunde hat sich echt deutsche Kunst zu
eigenartiger, schöner Blüte entfaltet.
Die Farbe in der Baukunst und plastischen Kunst unserem Volke
wiederzugewinnen und damit wieder zu den Quellen und Urgründen
deutscher, starker, stolzer, nackensteifer Eigenart und Kunstauffassung
zurückzukehren nach jahrhundertelanger undeutsch und falsch
empfindender Fremdtümelei »mit dem Hute in der Hand«, wäre auch eine
Arbeit an unserem Volk und unserer Heimat auf dem steinigen Wege zur
Selbstbesinnung, Selbstbehauptung, zur Höhe. --
Im nördlichen Teile des Querschiffes, das durch ein köstliches Gitter
reicher, alter Freiberger Schmiedearbeit abgetrennt ist, steht auf
einer Konsole die schwarze Rüstung des Kurfürsten Moritz, welche er in
der Schlacht bei Sievershausen 1553 getragen hat. Seinen Sieg in jener
Schlacht hat er mit dem Tode bezahlt. Die breite Öffnung links unten
am Brustharnisch zeigt den Weg, den die tückische Bleikugel gesucht
hatte. Schwarze Straußenfedern nicken vom Helm herab und die gepanzerte
Rechte hält den Rennspieß des Kurfürsten. Sein Schwert und der Dolch
mit dreischneidiger Klinge sind vortreffliche Arbeiten mit zum Teil
kunstvoll in Eisen geschnittenen Gefäßen mit silbernen Auflagen.
Acht Reiter- und vierzehn Fußfahnen, die in der Schlacht bei
Sievershausen erbeutet sind, an denen kaum ein Rest von altem
Fahnentuch mehr ist, sind als eindrucksvolle Ruhmeszeichen und Zeugen
jener Schlacht an den Seitenwänden angebracht.
Diese schlichte, schwarze Rüstung und diese erbeuteten Fahnen sind
nicht laut und ruhmredig wie dort die Marmorburg, auf der der Kurfürst
kniet, aber sie reden eindringlicher und wirken tiefer, denn sie
erzählen als echte, treue Zeugen von großen Dingen, von Sieg und Tod,
von Mannesmut und Opfer. Sie sind Leben und Geschichte, während jenes
Denkmal von Kleinlichkeit erzählt, klein ist, weil es prahlt, arm an
innerem Gehalt, trotzdem es viel redet und rühmt, fremd uns bleibt,
weil unser Herz nicht dabei warm wird, wenn wir auch seine Kunst
bewundern.
Zu Füßen dieser Rüstung stehen die Zinnsärge der Fürsten und Fürstinnen
der evangelischen Wettiner, die älteren Särge in einfacher Truhenform,
mit ebenem, glatten Deckel, die jüngeren mit hochgewölbtem Deckel,
reich profiliert und zum Teil vergoldet. Auf den Särgen der Frauen ein
Kruzifix, auf den Särgen der Männer ein Schwert. Wir blicken über diese
Reihe von Särgen dahin und lesen die Täfelchen mit ihren Namen. Welche
Fülle einst von Glanz und Macht, von Stolz und Kraft im Leben, über
Tausende gebietend und heute nur noch ein Name, ein Nichts, im Dunkel
der Vergangenheit versunken. Wie wenig sagen uns ihre Namen und hohen
Titel, wenn nicht ihre Taten für Volk und Land für sie zeugen. Nur das,
was sie zum Segen ihres Landes geschaffen, geleistet und gewollt, hielt
ihren Namen lebendig. Durch Opfer haben sie sich das Leben gewonnen.
Diese Särge standen bis vor kurzem in der unterirdischen Gruft, wo
ihr Zerfall durch die Zinnpest und andere Zerstörungen im feuchten,
dunklen Raum immer stärkere Fortschritte machte. So wurden sie denn
hier zu würdiger, vor Zerstörung, Feuchtigkeit und Moder gesicherter
Aufstellung gebracht. Sarg auf Sarg wurde die enge, steile Grufttreppe
mühevoll mit Flaschenzügen heraufgezogen und, wenn die Mittagsglocke
oder Feierabend schlug, blieb auch wohl ruhig der Sarg in den Seilen
hängen, bis wieder die Arbeit begann: Einst ein mächtiger Fürst, jetzt
nur ein schweres Laststück, von dem rasch und gleichgültig die Hand des
Arbeiters sinkt, wenn die Mittagsglocke schlägt oder gar mehrtägige
Arbeitsunterbrechung ihn fortruft. Für die Vergänglichkeit irdischer
Größe, äußeren Glanzes und Ruhmes ist dieses Hängen des verlassenen
Fürstensarges im Flaschenzug ein bitteres, mahnendes Zeichen und
Gleichnis:
Erde gleißt auf Erden
In Gold und in Pracht;
Erde wird Erde
Bevor es gedacht;
Erde türmt auf Erden
Schloß, Burg, Stein;
Erde spricht zur Erde:
Alles wird mein.
(Fontane.)
In tiefen Gedanken schreiten wir dem Ausgange der kurfürstlichen
Begräbniskapelle zu. Wo die Großen, die Fürsten und Gewaltigen dieser
Erde ruhen, prägt sich der Eindruck des Allbezwingers Tod besonders
tief in die Seele:
»Siehst du nicht, wie schön von Gestalt, wie stattlich Achilleus?
Dennoch harrt auch seiner der Tod und das dunkle Verhängnis!«
So singt der blinde Sänger Homer seine Jahrtausende alte Klage!
Am Ausgange, in der ehemaligen Allerheiligenkapelle mit ihrem schönen,
wappengeschmückten, sternartigen Rippengewölbe, fesselt uns noch das
Grabdenkmal zweier edler, fürstlicher Frauen, der Kurfürstin Anna
Sophie, der Gemahlin Johann Georgs III. und ihrer Schwester, der
Kurfürstin Wilhelmine Ernestine von der Pfalz, die hier im Tode vereint
ihren letzten Schlummer tun. Hundert Jahre ungefähr hat dieses Denkmal
mit den Särgen der edlen Frauen im Schlosse Lichtenburg nördlich von
Torgau bei Prettin gestanden.
Lichtenburg hatte die Kurfürstin Anna, Mutter Anna, als Schloß
sich ausbauen lassen. Nosseni hatte die Ausstattung mit Alabaster-
und Serpentinarbeiten übernommen und durch »etliche erfahrene
und wohlgeübte welsche Gesellen« ausführen lassen. Auch bei
Deckenmalereien und Friesen mit Wappen und Sprüchen hat Nosseni dort
seine Kunst walten lassen. Doch war das Schloß später ein stiller
Witwensitz geworden. Kurfürstin Hedwig, die Gemahlin Christian II.,
hatte 28 Jahre, von 1613--1642, dort gewohnt und viel Wohltätigkeit
geübt. Als sie hier in Freiberg beigesetzt wurde, folgten 22 Prediger
und vier Superintendenten aus freiem Antriebe dankbar ihrem Sarge, weil
sie namentlich für Kirchen und Schulen reiche Stiftungen hinterlassen
hatte.
Anna Sophie und Wilhelmine Ernestine wirkten in ihrem Geiste in ihren
Landen und auf dem stillen Schloß bis an ihren Tod. Ihr Grabdenkmal
erzählt in stiller Symbolik von ihren edlen Frauenherzen, wie einst
in Lichtenburg, so seit 1811 hier im Freiberger Dom. Als 1811 das
Zuchthaus von Torgau nach Lichtenburg verlegt wurde, ließ König
Friedrich August das Grabmal mit den Särgen an die Stätte, wo die Ahnen
ruhen, bringen und hier neu erstehen.
In den Jahren 1703--1704 hatte im Auftrage des Königs August I. der
Bildhauer Balthasar Permoser (1650--1732) dieses Denkmal geschaffen.
Das Denkmal stellt ein schlichtes ernstes Grufthaus in strengen
Barockformen aus schwarzem, weißgeflecktem Marmor dar, das in seinem
dunklen Raum die schwarzen Marmorsärge der Fürstinnen birgt. Rechts
und links von der dunklen Pforte, die in den Raum der Ruhe und des
Todes führt, stehen zwei wundervolle weibliche Gestalten aus weißem,
graugemasertem herrlichem Marmor von des Künstlers Meisterhand als
der innige Ausdruck der mütterlichen Liebe und fürstlicher Güte und
Wohltätigkeit. Die eine Frauengestalt, welche ein sich zärtlich
anschmiegendes Kind auf dem Arm trägt, ein anderes liebevoll an der
Hand führt, trägt die Züge von Anna Sophia, die andere mit dem reichen
Füllhorn, aus dem sie spenden will, das Antlitz der wohltätigen
Wilhelmine Ernestine von der Pfalz, welche kinderlos war.
Über der dunklen Tür ist als Bekrönung und Sinnbild der ernsten
Bestimmung des Raumes ein Sarkophag mit Urne angebracht, an den sich
die Gestalten des Glaubens und der Buße lehnen. Hoch hält der Glaube
das Kreuz über den Sarg als Zeichen, daß der Glaube den Tod überwindet.
Im Giebeldreieck des Grufthauses dient das in einer Kartusche
vereinigte Doppelwappen der beiden Fürstinnen unter einer Krone
als bedeutsamer Schmuck und Sinnbild der innigen Verbundenheit der
Schwestern im Leben und im Tode. Der Totenkopf unter den Wappen weist
auf die äußerliche leibliche Trennung im Tode, der Engelskopf darüber
aber auf die Erlösung und das Wiedersehen in himmlischer Klarheit.
Kindergestalten umgeben die Wappen, welche Himmel und Hölle, Tod und
Gericht versinnbildlichen.
Schlicht und edel, von tiefem Ernst und strenger Wucht und Auffassung
ist dieses Denkmal der beiden im Tode vereinten edlen Schwestern, so
ganz anders als drüben Nossenis reiches buntes Werk oder dort das
Denkmal des Kurfürsten Moritz. Es spricht nicht von Ruhm und Glanz,
nicht von Macht und hohem Rang, nicht von Prachtlust und Reichtum, es
spricht als echtes Grabdenkmal von der Vergänglichkeit und von dem,
was über die Vergänglichkeit siegt und den wahren, echten Ruhm des
Menschen ausmacht, von den inneren Werten, von der wahren, höheren
Menschlichkeit edler Herzen und Geister. Durch diese zeitlose Sprache,
welche uns berührt wie ein schöner echter Klang, der auch Jahrhunderte
durchtönt, wird dieses Denkmal unserem heutigen Denken und Fühlen
besonders nahe gerückt, als wäre es ein Werk unserer Zeit und nicht
schon über 200 Jahre alt.
Wir sind am Ausgange, und hart klirrt die eiserne Tür ins Schloß,
welche dieses Mausoleum sächsischer Kunst und Geschichte hinter uns
wieder verschließt. Welche ungeheure Fülle hoher und schwungvoller
Gedanken und tiefer reicher Empfindungen, von starkem Wollen und
Können, von edler reifer Künstlerschaft, von Schuld und Schicksal, von
buntem, vielgestaltigem Leben der Vergangenheit, von Wagen und Wirken
und auch von bitterem Leid und dunklem Tod hält dieser hohe lichte Raum
umschlossen. Ein Denkmalsraum ist es von eindringlichster Kraft und
Wirkung, doch wer kennt ihn wirklich in Sachsen oder gar im Reiche? Wer
hat diesen Raum, den alten Dom, die goldene Pforte wirklich erlebt? --
Wenn man die Räume im Geiste werden und wachsen sieht und in die
Jahrhunderte blickt, welche ihnen den Wert und die Weihe gaben, wenn
wir mit inneren Augen schauen, wie die Väter ihre Werke hier wollten
und mit sinniger Seele schufen, wenn ihres Geistes Wehen und Wirken
unser Herz berührt, daß seine Saiten miterklingen in verwandter
Harmonie, wenn ihr künstlerisches Wesen und Wollen uns gefangen
nimmt, wie etwas, das uns wesensgleich im höchsten Sinne ist, dann
erst erleben wir recht solchen Denkmalsraum, den Kunst und Geschichte
geweiht haben. Die Heimat und ihre Kunst, so vielen unbekannt und
fremd, von so vielen vergessen, verachtet, wird dir ein Erlebnis
sein, reiner und reicher als viele gepriesene Wunder der Fremde und
Ferne! -- -- --
Geh einmal in den Freiberger Dom und lasse deine Seele Zwiesprache
halten mit den Gedanken der Ewigkeit, die dort in Stein und Erz
gebannt sind, mit den Gedanken und Träumen, mit dem Wollen und Wirken,
dem Schaffen und Leiden der alten Geschlechter, die einst Erhebung hier
gesucht, dann wirst du Antwort erhalten, die in deinem Herzen klingen
wird, dann wird wie leiser Orgelton in deiner Seele das Erlebnis der
Heimat sein. Und wenn du hinausschreitest nach stiller Weihestunde auf
den grünen Friedhof und über dir dröhnen die alten Bronzeglocken der
Hilliger, die große Susanna summt ihre wundertiefen weichen Akkorde,
und das Silberglöckchen singt ihre helle Melodie dazu, -- weit über
die Dächer und Giebel schwingen und dringen, wogen und wandern sie in
die blaue Ferne wie die Stimmen der Heimat und rufen wie die Sehnsucht
stilleuchtender Stunden ganzer Geschlechter -- dann rauscht es dir im
Blute, denn du fühlst die Seele der Heimat, und du bist eins mit ihr.
Vor der Goldenen Pforte.
Die Westfassade des Domes türmt sich in wuchtiger Einfachheit empor wie
ein breitschultriger steinerner Riese, der den Himmel stürmen will.
Doch dort, wo die Vollendung den Bau in der Höhe krönen soll, bricht er
plötzlich unvermittelt ab, als wäre dem Riesen das Haupt abgeschlagen,
und starr und tot ragen die eckigen Schultern über die Dächer. Schaust
du zu diesen Baumassen empor und lässest deine Blicke über dieses
Gefüge von starken Blöcken aus dem Gneisgefels des heimischen Bodens
schweifen, das ohne jeden Schmuck in schlichter Größe und zwingender
Gewalt kantig vor dir aufsteigt, so mußt du vor der Baugesinnung und
dem monumentalen Bauwillen seiner Erbauer staunen.
Nach ihrem Willen sollte der Westbau als riesenhafter monumentaler
Abschluß den ganzen Dombau krönen und als selbständiger, gewaltiger
Bauteil neben dem Hallenbau den Ruhm, den Stolz und die Macht des
jungen Domkapitels zur höheren Ehre der heiligen Jungfrau verkündigen.
Die Breite des Schiffes genügte nicht für diesen stolzen Gedanken.
Weit springt über die Schiffsmauern der Westbau nach Süden vor und
setzt seinen Fuß tief in den grünen Friedhof hinein, äußerlich
scheinbar ein breiter Riesenbau für sich, aber doch innerlich innig
mit dem Schiffsbau verbunden und verwachsen. -- Wir wissen es nicht,
wie der Meister des Baues sich den oberen Abschluß dachte, aber
wir können aus der ganzen Anlage des Westbaus schließen, daß er als
gewaltiger Schlußakkord in geschlossener Wucht in die Höhe strahlen
sollte, so daß vor ihm in seiner monumentalen Größe und Ruhe im Verein
mit den mächtigen Flächen des Domdaches alle anderen Bauten sich
beugten. -- Neue Zeiten stiegen herauf, ehe die Westfront vollendet
war. Die Stürme der Reformation umbrausten die langsam wachsenden
Mauern, bis schließlich der letzte Maurer herabstieg und Notdächer
dem unvollendeten Werke einen Abschluß gaben, Abschluß, aber nicht
Vollendung! -- Wann wird die Vollendung kommen? -- --
Jahrhunderte gingen hin. Da griff ein Meister unserer Zeit zum Griffel,
ein Meister, der Massen zu türmen verstand, der in der Wucht der
Gedanken und Massen, in der kraftvollen Einfachheit die Schönheit
suchte und aus der monumentalen Baugesinnung der alten Zeit heraus die
Vollendung im Geiste neuer Zeit suchte, Bruno Schmitz.
Doch als das, was er im Geiste überragender Künstlerschaft geschaut
und gebaut, zu Stein gewordener Geistestat emporwachsen sollte, da
brachen die Stürme des Weltkrieges hervor. Wie vor 400 Jahren -- o
rätselhafter Doppelfall des Schicksals! -- mußten die Künste schweigen,
und der Meister legte sich selbst zum letzten Schlaf. -- Wann wird die
Vollendung kommen?
Sinnend stehen wir in der grünen Stille des Domfriedhofes, schauen
die alten mächtigen, grauen Mauern und türmen in der Phantasie die
Baumassen empor nach den Plänen des Meisters zur Vollendung in ruhiger
monumentaler Wucht. Eine Amsel flötet im grünen Wipfel ihr Lied. Um
uns schweigen die alten stillen Gräber, aber ihre schlichten, schönen
Denkmäler reden eindringlich von einer verlorenen Kultur. Eine neue
Zeit ist heraufgestiegen, wird eine neue Kultur heraufsteigen? Sind
es Frühlingsstürme, welche uns umbrausen, oder sind es Herbststürme,
die noch das Letzte rauben vor der Ruhe des Todes und winterlicher
Unfruchtbarkeit? Tausend Hoffnungen sind geknickt, tausend Pläne sind
zerflattert in diesen Stürmen! Werden diese Stürme auch Knospen wecken,
daß sie aufbrechen und einmal Frucht tragen für eine neue Kultur echt
deutscher Art? -- Die Amsel singt ihr fröhliches Lied so jauchzend
in die Frühlingssonne hinein und schwingt sich auf den First des
Kreuzganges. Frühling und Wachstum, Knospen und Vogelsang über Gräbern!
Die Hoffnung bleibt lebendig, und das Leben ist stärker als der Tod!
Sei stille, das Leben wird neue Knospen ansetzen und Blüten und Frucht
bringen, und es wird gesegnet sein aus den tiefen Quellen, welche die
Jahrhunderte durchströmen und unversieglich sind, den Quellen deutscher
Tiefe und inniger seelischer Kraft, die manchmal freilich verschüttet
scheinen, aber in der Tiefe weiterströmen und dann plötzlich
hervorbrechen mit neuer Frische, Kraft und Reinheit.
Wir schreiten zur Goldenen Pforte herüber und hören vor ihrer
göttlichen Ruhe das Rauschen dieser Quellen deutscher Tiefe und
inniger, seelischer Kraft. Mit schlichtem Worte preist sie der Chronist
von 1653:
»Die Pforten dieser Kirchen seynd auch wohl außgearbeitet, sonderlich
ist an der einen, welche seitwärts gegen Morgen nicht weit von Altar
lieget, großer Fleiß und Kunst bewiesen worden, welche auch daher, und
weil sie gantz übergüldet gewesen, die güldene Pforte genennet wird.«
Vor der Goldenen Pforte mußt du allein sein, oder ganz stille mit
einer engverbundenen, hochgestimmten Seele. »Auf leisen Sohlen wandeln
die Schönheit, das wahre Glück und das echte Heldentum«, sagt Wilhelm
Raabe. Sei stille drum, wenn du hier nahe trittst. Aus dem Dome muß
dazu die Orgel klingen in feierlichen Akkorden, oder droben müssen
die Glocken ihr ehernes Lied summen, weit über die Dächer empor zu
den Wolken, und dein Herz muß offen sein, offen für Klänge aus einer
reinen, hohen, heiligen Welt, für Klänge aus der Höhe. Ganz stille dann
und schauen und schauen. Dann wird es in dir anfangen zu schwingen und
zu klingen, und auf leisen Sohlen kommt die Schönheit und das Glück,
und du hörst ferne Stimmen, die mit dir reden, und Gedanken gehen wie
strahlende Wolken über den weiter und weiter sich spannenden Himmel
deiner Seele.
Der Dichter des Nibelungenliedes, der Dichter des Gudrunliedes, der
größten Lieder deutschen Heldenmutes und deutscher Treue, sind uns
unbekannt geblieben, aber in ihrem Heldensang zittert und bebt und
lebt unser Blut, unser Geist, unser Herz und Seele. Sie schufen ihr
Werk fast zu gleicher Zeit als unsere Goldene Pforte aus gleicher
Seelentiefe, Herzensreinheit und Geistesfülle erstand. Vor 700 Jahren
hat ein tiefer deutscher Künstlergeist dieses Wunderwerk geschaffen.
Niemand kennt seinen Namen, aber sein Genius ist heute noch lebendig
und schlägt dich in seinen Bann und nimmt dich im Fluge empor zu den
neun Himmeln der Verheißung und Erfüllung, die er in tiefer Symbolik
hier gestaltete. Sein Werk ist heute noch frisch und jung, als habe
der Künstler eben erst den Meißel weggelegt, so klar, daß es jedem
Kinde etwas sagt, so rätselhaft, daß seine restlose Deutung tiefster
seelischer Zusammenhänge und Erklärung vielfach verschlungener Symbolik
und kunstwissenschaftlicher Rätsel noch keinem Denker gelang. Wenn man
einem tiefen Eindruck nachsinnt, bleibt immer etwas Unergründliches,
Unerklärliches, was unter der Schwelle des Erkennens ruhend den
tiefen göttlichen Urgrund ahnen läßt. Soll man sagen, warum etwas
von Beethoven z. B. ergreift, so muß man zuletzt verstummen. Vor der
Goldenen Pforte kann man das letzte nicht sagen, man muß stille sein
und in der Seele die Unergründlichkeit spüren.
So jung ist das Werk, als wolle der Meister den weggelegten Meißel
wieder aufnehmen, um die letzten unvollendeten Teile, die er vor
700 Jahren verließ, fertigzustellen, dort den Flügel des Engels im
Tympanon, dort die Konsolen in den gewaltigen Rundbögen. Das Fehlen
dieser letzten Meißelhiebe gibt den sinnenden Gedanken neue Rätsel auf
und webt einen feinen Schimmer der Romantik und spürenden Phantasie um
Künstlerhände, die zu frühe müde wurden, um Künstlerschicksal, das sich
zu früh erfüllte, um Künstlernamen, der im Dunkel versank, während er
unter den hellsten Sternen der deutschen Kunst leuchten müßte. Doch was
soll uns der Name, wenn das lebendige Werk laut seinen Meister durch
die Jahrhunderte preist?
Durch Feuersnöte und Einsturzgefahren, durch Kriegsstürme und
Belagerungen, durch Abbrüche und Umbauten, durch Glaubenskämpfe,
Fanatismus und Bildersturm, durch Empörung, Aufruhr, Bubenspott und
wilden Übermut, durch Regen, Frost, Blitz und Wetter, durch Roheiten
und Zerstörungslust, durch Aberglauben, Gleichgültigkeit und tausend
andere Gefahren von sieben Jahrhunderten steht die Goldene Pforte in
wunderbarer Erhaltung bis auf unsere Zeit.
Das Gotteshaus, zu dem sie gehört, hat öfter seine Gestalt gewandelt,
sie ist in ihrer Herrlichkeit geblieben und zeugt in ihrer strahlenden
Schönheit von dem Geist und der Kunst der alten Zeit, uns so nahe
verwandt und verbunden und doch so fern, so still erhaben in seiner
stillen Hoheit und Geschlossenheit über der lärmvollen Zerrissenheit
unsrer Tage.