der Orgel, so ist doch auch ihre äußere Form für den Kirchenraum von
größter Bedeutung. Bewundernswert ist es, wie der Meister Silbermann
die Orgel in den Raum hineinpaßt, so daß sie eine künstlerische
Steigerung der Raumwirkung von großer Schönheit bedeutet. Wie sind die
Scharen der mattschimmernden Zinnpfeifen zu gewaltigem Eindruck und
mächtig schwungvollem Abschluß des Kirchenschiffes zusammengefaßt, von
reich bewegter Schnitzerei umschlossen und seitwärts von musizierenden
Engelsgestalten begleitet. Die Wirkung des Kirchenraumes erfährt hier
eine Steigerung, in welcher Musik, Architektur und Plastik zu einem
rauschenden Psalm zusammenklingen, ein Psalm, der erhebt und erbaut
und aus dem Zusammenwirken der Künste einen heiligschönen Gottesdienst
macht. Was für ein herrliches Bild mag die stolze Halle des Domes
gegeben haben, als die Orgel zum ersten Male vor der versammelten
festlichen Gemeinde erbrauste und wie in Engelchören alle ihre
Stimmen und Register jubelten und sangen und wiederum im dröhnenden
Fortissimo die Pfeiler und Wände zu erbeben schienen. Niemals vorher
war ein Orgelwerk von gleicher Tonfülle, Macht und Harmonie geschaffen
worden. Dort saßen alle die stolzen Bürger und Ratsherren, der
Oberberghauptmann mit seinen Beamten in ihren bunten Uniformen und
kleidsamen Trachten der Barockzeit. Das Haupt deckte die gewaltige
Lockenperrücke, welche den Köpfen jener Zeit eine so besondere Würde
und Bedeutung verleiht. Dazu die Reihen der Bergleute in ihren dunklen
Bergkitteln mit blitzenden Barten über die Schulter, die den ernsten
Hintergrund für das buntfarbige Bild abgeben. Noch lebte überall an
Wänden und Pfeilern die Fülle der künstlerischen Bildwerke, mit denen
Jahrhunderte das Innere des Domes geschmückt hatten, durch welche ein
natürliches Kunstempfinden und tiefes religiöses Gefühl den Dom zu
einer Weihestätte vieler Geschlechter, zu einem Heiligtum und Denkmal
Alt-Freiberger Kunst und Pietät gemacht hatte. Einer späteren Zeit
blieb es vorbehalten, viele dieser Kunstdenkmäler in Museen zu schaffen
und dort einzusargen, oder zu zerstören und den Dom in engherzig
beschränkter, nüchterner Auffassung zu stilreiner Gotik zu »reinigen«.
Da stand noch über dem Altar das gewaltige romanische Kunstwerk aus
Freibergs Frühzeit, die in Eichenholz geschnitzte Kreuzigungsgruppe,
der Heiland am Kreuz mit Maria und Johannes zur Seite. Der Heiland
breitet sterbend die Arme aus mit ergreifendem Ausdruck der Milde und
Hingabe an die Menschheit: »Es ist vollbracht.« Maria ist wie eine
edle römische Matrone gestaltet, mit antikem Faltenwurf des Gewandes,
aber mit echt deutschem Gesicht, in dem Schmerz und Hoheit wunderbaren
innigen Ausdruck finden. Es ist eine Frau unseres Blutes und Stammes,
der dort sieben Schwerter des Schmerzes das Herz durchbohren. Sie preßt
die Hand in bitterem Weh mit tiefbeseelter Bewegung an das zuckende
Herz. Johannes steht wie ein römischer Senator, der mit der Linken die
reichen Falten seines Gewandes rafft, die Rechte aber wie beschwörend
oder gelobend erhebt. Das verklärende Licht der Antike scheint noch aus
diesen Werken zu leuchten in unbesieglicher Schönheit, jedoch inniger
christlicher Beseelung. Das ganze Werk gehört zum Höchsten, was die
deutsche romanische Kunst des Mittelalters geschaffen hat.
An den Pfeilern der Emporen leuchten die zwölf Apostel in Gold und
bunter Farbenpracht, und an den freien Pfeilern des Schiffes sind die
Gestalten der fünf törichten und fünf klugen Jungfrauen angebracht. Sie
sind in der reichen Tracht der Zeit um 1500 wie deutsche Edelfrauen
dargestellt, deutsche Mädchengestalten im deutschen Dom, um die Lehren
und tiefen Gedanken des Evangeliums der Gemeinde nahezubringen.
Köstlich ist der frohe Gesichtsausdruck der klugen, mit Kronen
geschmückten und der verdrossene, träge der törichten Jungfrauen
getroffen.
Weiter glänzen überall an Pfeilern, Wänden und Gewölben die bunten
Wappen der alten edlen Freiberger Geschlechter, reich geschnitzte
Epitaphien in Gold und Weiß und bunten Farben, und die kapellenartigen
Nischen zwischen den Pfeilern unter den Emporen sind durch
Holzeinbauten mit üppigen Schnitzereien von Rankenzügen und Blattwerk
in schwungvollen Windungen und Verschlingungen abgeschlossen.
Fürwahr, die Gemeinde, über welche die Wohllautströme der neuen großen
Orgel des großen Meisters Silbermann sich ergossen, der herrliche
Raum des Domes, in welchem echt deutsche Kunst von Jahrhunderten sich
zusammendrängte wie in einem geschliffenen Kristall, alles schloß sich
zusammen in ehrfürchtigem Erschauern mit der gewaltigen ~musica sacra~
zu einer Einheit, in der nichts Fremdes, Unharmonisches war, zu einem
Gesamtkunstwerk, wie es nur in besonders leuchtenden Stunden sich für
sehnende und schauende Seelen gestalten kann. -- Nicht einer kann es
gestalten, nicht Geschlechter könnens schaffen, nicht der Künstler
allein kann es aus den Tiefen seiner Seele emporheben, nein, du selbst
mußt mit der Schöpfer des Gesamtkunstwerkes sein; denn die Kunst ist
nur da, wo sie erlebt, erfühlt und mit dem Herzen ergriffen wird.
Ohne dieses Erleben und Ergriffenwerden, ohne dich ist keine Kunst
für dich vorhanden, und mag sie noch so herrlich leuchten und anderen
Offenbarung und tiefes Glückserlebnis bedeuten. --
Die spätgotische Halle des Domes mit ihren Kunstwerken ist eine
Schöpfung des Bürgertumes der alten getreuen Bergstadt. Sie diente
der Gemeinde und ihrem Leben als heiliger Raum, in dem ihre
innere Gemeinschaft und ganze Innigkeit zum Ausdruck kam und ihre
Anschauungen und Gefühle Form und Gestalt gewannen. Dort hinter dem
Altar aber, wo eiserne Gitter den langen Chor mit der Vierung vom
Kirchenschiff abschließen, dient der Raum nicht den Lebenden, sondern
den Toten. Nicht das freischaffende Bürgertum, sondern fürstlicher
Wille, Reichtum, Prachtliebe und Kunstfreude und nicht zuletzt der
Stolz auf die Ahnen und edles altes Geschlecht hat dort einen Raum
geschaffen, wie es nur wenige seinesgleichen gibt in weiten Landen, die
Fürstengruft der evangelischen Wettiner.
Wie eine rauschende, strahlende Melodie steigen von den Wänden in
leuchtendem, edlem, farbigem Marmor die Säulen und Pilasterstellungen
zu tabernakelartigen Aufbauten empor, mit Kapitälen und Gesimsen,
mit Nischen und reichgegliedertem Gebälk in zwei Geschossen
übereinander, mit reichem Schmuck von Ornamenten, von Maskenwerk,
Frucht- und Laubgewinden, farbigen Wappen und anderen Verzierungen in
Marmor, Alabaster, Gold und Bronze in kunstvollen, feinempfundenen
Renaissanceformen. In der unteren Reihe der Nischen die knieenden
Bronzegestalten der Fürsten und Fürstinnen zwischen korinthischen
Säulenpaaren, zwischen den Pilasterstellungen der oberen Ordnung acht
Propheten und oben auf den Gesimsen eine lustige Schar musizierender
Engel, 34 an der Zahl, mit allen möglichen echten Instrumenten, die
heute noch benutzt werden könnten, wie z. B. Mandoline, Geige, Harfe
mit echten Saiten, Flöte, Posaune, Cymbal, Triangel usw., und über
den ganzen Raum eine Decke gespannt, in der im blauen Himmel mit
hängenden Wolken das Nahen des Jüngsten Gerichts durch die Posaunen
der Engel, durch den Erzengel Michael mit Schwert und Wage und den
Weltheiland mit der Erlöserfahne, umgeben von wimmelnder Engelschar
in malerisch-plastischer Buntheit dargestellt ist, -- ein Drängen von
Gestalten, Formen und Farben, daß das Auge nur schauen und schauen kann
und von der Fülle der Eindrücke überwältigt wird.
Zu den Füßen im marmorbelegten Fußboden liegen die großen Grabplatten
aus Messing mit den Bildnissen der Fürstlichkeiten, welche hier ihre
letzte Ruhe fanden. Die Bildnisse sind nach der Art des Kupferstiches
mit Meißeln in das Metall eingegraben. 28 solche kostbare Platten
mit wundervoller Zeichnung und Ornamentik, zumeist aus der Werkstatt
der Hilliger stammend und von sächsischen Hofkünstlern entworfen,
bilden so ein gewaltiges, ehernes Bilderbuch, wie es seinesgleichen
kaum sonst zu schauen ist. Da ist die herrliche Grabplatte Herzog
Heinrichs des Frommen, welche diesen mannhaften, waffenfrohen Fürsten
in ähnlicher Darstellung wie auf dem Bilde im Rathause zeigt, im Panzer
mit Arm- und Beinschienen, mit langem zweihändigen Schwert in den
Händen, mit Schwert an der Linken und Dolch an der Rechten. Ein reich
ornamentierter Rahmen mit Wappen auf üppigen Akanthusranken, in denen
Genien herumklettern, umschließt das plastisch wirkende charaktervolle
Bild des Fürsten. Er war es ja, der die kurfürstliche Begräbniskapelle
gestiftet hat und 1537 testamentarisch bestimmte:
»Und wann wir dann nach dem wyllen des Herrn verstorben und
entschloffenn sein, und uns der Allmechtige Gott aus diesem
Jammerthal gefordert hatt, So wollenn wir das unnser Corper in unnser
Stiefftkirchenn zu Freybergs soll bestattiget und begrabenn werdenn,
und kain erhohet grab, Sondern ain schlechter (schlichter) Leichstein
mit einem messingenn Pleche, darauf ein biltnuß mit umbschrieft unnsers
titels gemacht werden soll.«
Da sind die Bilder fürstlicher Damen in kostbarer Kleidung mit reichem
Spitzenschmuck angetan. So fein und zart ist die Zeichnung der
Spitzen durchgeführt, daß kunstgeübte Hände nach diesen herrlichen
Mustern diese zarten Wunderwerke neu schaffen könnten. Da sind die
Bilder fürstlicher Kinder, welche, früh verstorben, nur durch diese
künstlerischen Darstellungen der ewigen Vergessenheit entrissen sind.
Eine solche Platte zeugt besonders von tiefem, echtem, unter Tränen
lächelndem Humor: Das kleine frühverstorbene Söhnlein des Kurfürsten
Johann Georgs I. in steifem Röckchen und mit dicken Pausbäckchen trägt
eine Blume in der Hand und hört recht mißvergnügt, verdrießlich und
mißtrauisch auf die überredenden Worte eines köstlichen Engelbuben,
der ihn mit listiger Miene mit einem Apfel in das Paradies locken
will. »Paradies, Paradies, wie ist deine Frucht so süß«, dieser
Sehnsuchtsvers aus einem Kirchenliede ist dem kleinen Kerl oder
vielmehr Prinzlein anscheinend nicht recht geheuer. Er wäre offenbar
lieber bei der lieben Mutter geblieben und hätte mit den Geschwistern
getollt, als daß er mit fremden Engeln Äpfel äße! -- Ein echtes,
tiefes, kindliches Künstlerherz kann nur so Leben und Tod, Leid und
Hoffnung verbinden und versöhnen durch die überwindende künstlerische
Empfindung und Kraft der Seele. Wie der wehmütige Klang eines alten
Volksliedes, in dem von Jugend, von Liebe, von Rosen, Lilien und Tod
gesungen wird, rührt dieses Bild auf der Grabplatte an das Herz. Wir
denken an jene Grabplatte an der Nikolaikirche von Dippoldiswalde
vom Jahre 1628, auf der ein Mägdelein dargestellt ist, das einen
Blumenstrauß an sich drückt. Sie trägt den wehmütigen Vers:
»Begrabn Ligt ein Roselein hie,
Welchs abgebrochen etwas früh
Durch Todes Hand, der nicht ansiht
Obs Reiff sey oder hab verblüht.«
Der Tod in blühender Jugend, brechende Knospen, der Reif in der
Frühlingsnacht wirken besonders tief auf das menschliche Gemüt und
haben in der Dichtung ergreifenden Ausdruck gefunden:
»Es ist ein Schnitter, heißt der Tod,
Hat Gwalt vom großen Gott.
Heut wetzt er das Messer, es schneidt schon viel besser,
Bald wird er drein schneiden, wir müssens nur leiden:
Hüt dich, schöns Blümelein!«
In der Begräbniskapelle jedoch, wo alles von des Todes Gewalt predigt,
von dem grausamen Schnitter, der kein Blümlein, Narzissen nicht
noch Kaiserkronen verschont, ist dennoch bei allem Ernst und aller
Feierlichkeit nichts Düsteres, Schweres, was das Herz niederdrücken
oder traurig stimmen könnte. Nicht Trauer, nicht Grab und Verwesung
und Hoffnungslosigkeit sind die Raumgedanken, sondern Überwindung und
Erlösung, ja ein gewisses Rauschen festlicher Pracht, und darüber
hinaus ein Aufsteigen zu himmlischer Klarheit nach einem Leben voll
Kampf und Arbeit.
Doch immer wieder gehen unsere Blicke zu den knieenden Bronzegestalten
dort in den Nischen, die Carlo de Cesare’s Meisterhand schuf, zu der
prachtvollen Mannesgestalt Herzog Heinrichs des Frommen mit breitem
Vollbart, der die Linke auf die gepanzerte Brust legt und die Rechte
beteuernd erhebt, als wollte er sein tapferes, glaubensmutiges Wort
wiederholen, daß er lieber am Stabe bettelnd sein Land verlassen,
als das Evangelium verleugnen wolle, dort Kurfürst August mit dem
Zweihänder über die rechte Schulter gelegt, und ihnen gegenüber die
edlen Frauen, die Herzogin Katharina und die Kurfürstin Anna in
fürstlichem Gewande, anbetend knieend mit andächtig edlem, mütterlichem
Gesichtsausdruck. Neben diesen vier Gestalten vermag die Gestalt
Christians I. von Cesare und Johann Georg I. von dem Venetianer Pietro
Boselli nicht in gleichem Maße zu fesseln.
Carlo de Cesare war ein Schüler des Giovanni da Bologna (1524--1608)
und stammte aus Florenz. Um den rechten Künstler für die
Bronzegestalten seines Werkes zu gewinnen, reiste Nosseni zu Pferde
nach Italien und durch Vermittlung Giovanni’s holte er sich als
Mitarbeiter den begabten Cesare vom glänzenden Hofe der Mediceer
nach dem rauhen Freiberg. Im Oktober 1590 kam Cesare mit einigen
Gehilfen hier an und hat 2 Jahre 8 Monate hier gewirkt, »Epitaphia
von metallischen und andere Bilder von Sculpturn possirt, formirt und
gegossen«. Von seiner Hand stammen an Gußwerken außer den Gestalten
der fünf Fürstlichkeiten, die Figuren Johannes des Täufers und des
Apostels Petrus, sowie das Kruzifix auf dem Altar, die Bildnisse der
Gerechtigkeit und Liebe, der Hoffnung und des Glaubens am Chorschlusse
und acht als Schildhalter verwendete Engel, ferner eine Reihe von in
Stuck gebildeten Figuren.
Während des Baues der Kapelle mag Freiberg an eine der großen
italienischen Kunststätten der Renaissance erinnert haben. Da wurde
kostbarer Marmor in mächtigen Blöcken herbeigefahren, und in den
Werkstätten der Steinmetzen arbeiteten kunstfertige Hände. Hieronymus
Eckhart, Michael und Jonas Grünberger, Peter Beseler, Tobias Lindner,
die Meister aus Freiberg, beschäftigten eine Fülle von Gesellen aus
allen deutschen Gauen. Aus Straßburg, Metz, Heidelberg, Bamberg,
Budweis, Dresden, Leipzig, aus Westfalen und anderen Gegenden des
Reiches kamen sie herbei, um bei dem für Deutschland unerhörten Werke
Lohn und Arbeit zu finden und vielleicht auch von der Kunst der
Italiener zu lernen. Italienische Sprache und Laute klangen auf den
Straßen der Stadt und die stolzen Südländer gingen keck einher und ihre
Dolche saßen locker in den Scheiden. Ohne Eifersucht und Reibereien
ging es unter den italienischen und deutschen Bildhauern nicht ab, denn
Künstlerstolz und Künstlerblut ist rasch und heiß. Am 27. Dezember
1590 z. B. schrieb der Stadtschreiber in das Protokoll der Ratssitzung:
»Die Steinmetzen, die welschen, richten allerhand Unlust an, haben
ihre Dölche und Wehren.« Auch manche Freiberger Mädchen, denen schon
damals ein schwarzhaariger, fremder Geselle oft besser gefiel, als ein
ehrlicher deutscher Bursche, mögen an manchem Griff nach dem Dolche
nicht schuldlos gewesen sein.
Fürsten, Edelleute, Bildhauer, Maler, Baumeister, Kunstgießer,
Goldschmiede, vornehme Kunstfreunde, Reisende aller Art aus Deutschland
und Italien kamen herbei, um diese neue glänzende Kunststätte zu
sehen und ließen sich vom Baumeister Nosseni selbst oder vom Meister
Hieronymus Eckhart, dem Steinmetzen und Pfleger der Fürstengruft
führen, um dann den Ruhm des neuen großen Werkes weiterzutragen, denn
wo gab es sonst in deutschen Landen ein ähnliches Zusammenwirken der
Künste und Künstler zu großem, fürstlichem Werk und künstlerischer Tat
wie hier?
Nosseni war auf sein Werk sehr stolz und eifersüchtig auf seine Rechte
bedacht. Gleichwohl aber war er nicht zu stolz, bei fröhlichen Taufen
und Hochzeiten in der Bürgerschaft mitzufeiern, Pate zu stehen und
Trauzeuge zu sein. Als Bürgermeister Löser am 19. September 1594
Hochzeit hielt, waren Johann Maria Nosseni und der Baumeister Hans
Irmisch unter den fröhlichen Gästen. Hans Irmisch war vielbeschäftigter
kurfürstlicher Baumeister und hatte den Bau des Schlosses Freudenstein
geleitet, auf dem Königstein, in Frauenstein, Torgau, Dresden und an
anderen Orten größere Bauten ausgeführt und nun am Chor des Freiberger
Doms die Vorbereitungen und Arbeiten zur Umwandlung zur kurfürstlichen
Begräbniskapelle geführt. Die Buchstaben ~H(ans) I(rmisch)
B(aumeister)~ und der Spruch: »Wer Gott vertraut, hat wohlgebaut« an
der nördlichen, äußeren Chorseite sind die bescheidenen Zeichen, durch
welche er an sich und seine Tätigkeit beim Umbau erinnert.
Wie sehr unterscheidet sich diese echt deutsche schlichte Sachlichkeit,
die die Person hinter das Werk zurückstellt, von der Ruhmredigkeit
des eitlen Italieners Nosseni, der hinter dem Altar der Kapelle auf
weißem Marmor in lateinischer Sprache sich und sein Werk mit folgenden
anmaßenden Worten preist:
Fremder, steh und lies! Was ich sage, ist nur wenig. Dies
köstliche Begräbnis, das du siehst, ist in fünf Jahren mit
wunderbarer Kunst, vieler Arbeit und wirklich sehr großem
Aufwand errichtet worden. Bei seinem Bau war ich nicht nur
zugegen, sondern ich habe ihn auch immer geleitet, ich,
Johannes Maria Nosseni aus Lugano, ein Italiener. Doch nicht
nur die Form allein dieses prächtigen Werkes ist von mir, als
Architekten, geschaffen, sondern ich habe selbst das Material
in diesem Lande in eigener Person ausgeforscht, gefunden und
künstlerisch nutzbar gemacht. Dies habe ich geglaubt mitteilen
zu müssen, damit du Leser nicht unwissend bleibst, zum
ehrenvollen Gedächtnis nicht so sehr von mir als dieses Landes,
in welchem jederlei Art von Marmor gebrochen wird, dann vor
allem der tapferen Fürsten Sachsens, welche über dieses reiche
Land glücklich und ruhmvoll herrschen. Ich habe gesprochen,
gehe weiter, lebe wohl und verkünde den Ruhm des Künstlers,
wenn du überhaupt Kunstgefühl genug hast, um dieses herrliche
Kunstwerk zu würdigen.
1603.
Mit keinem Worte erwähnt in dieser geschmacklosen Prahlerei Nosseni
seine Mitarbeiter, einen Carlo de Cesare oder gar die wackeren
deutschen Meister, welche so hohen Anteil am Gelingen des Werkes
hatten. Im Gegenteil rühmt er sich gar fremder Verdienste, denn die
Marmorbrüche, welche er benutzte, waren meist schon vorher gefunden
und bei seinen Untersuchungen waren ihm sachkundige Meister zur Hand.
Gleichwohl ist die künstlerische Verwendung der edlen Materialien,
womit ihn Kurfürst August beauftragte, seine besondere Stärke. Der
Kurfürst drängte ihn immer wieder, kostbares Gestein ausfindig zu
machen, teils aus Prachtliebe, teils der wirtschaftlichen Bedeutung
wegen, und daraus Kunstgegenstände zu schaffen. Alabaster aus
Weißensee, rotweißen Dolomit von Schwarzenberg, Serpentin aus Zöblitz,
bunten Marmor von Lengefeld, Rauenstein, Kalkgrüna, Wildenfels und
Crottendorf, Kristalle, Amethysten, Topase, Achat, Jaspis und andere
Halbedelsteine verarbeitete er. Ja, er erhielt sogar das Privilegium,
einige dieser wertvollen Brüche für sich abzubauen, zu brechen und
zu verkaufen und errichtete vor dem Wilsdruffer Tore zu Dresden eine
Marmorschneidemühle an der Weißeritz, die auch für das Schleifen und
Polieren von Halbedelsteinen eingerichtet war.
Heute noch können wir im Dresdner historischen Museum einige dieser
kostbaren Marmormosaikwerke bewundern und uns an dem Glanz und der
Fülle der Farben und Äderungen des heimatlichen Marmors erfreuen.
Steinerne Tische »von Bildwerk und andern Ornamenten«, zwölf Stühle
»mit mancherlei Steinwerk aufs höchste« geziert und andere kostbaren
Werke sind vorhanden. Handbecken, Kannen, Leuchter, Schüsseln, Teller,
Schalen, Löffel, Messerhefte, Büsten römischer Kaiser, Marmorfußböden
für fürstliche Gemächer gingen aus seiner Hand hervor. Nicht immer ist
der Kurfürst mit ihm zufrieden, sondern er erteilt ihm gelegentlich
einen kräftigen Wischer: »Wir spüren aber daraus, das du nicht fast
große lust zur arbeit hast und dein Besoldung lieber mit müßig gehen
verdienen wollest.« --
Alle diese mehr kunstgewerbliche Verwendung des sächsischen Marmors war
mehr vorbereitende und begleitende Arbeit zu dem Hauptwerke Nossenis,
der Begräbniskapelle, wo in unübertrefflicher künstlerischer Weise das
edle Material verwendet und in seiner Farbenpracht im matten Glanz der
Polituren sich gegenseitig steigernd zu vollendeter Wirkung gebracht
ist.
Durch dieses großartige Werk und Nossenis kunstgewerbliche Leistungen
wurde der sächsische Marmor weithin berühmt und Proben dieser Kunst
gingen auch ins Ausland und kündeten den Ruhm des sächsischen edlen
Gesteins und der Kunstfertigkeit sächsischer Marmorbildhauer und
Dreher. -- -- Wenn wir heute diese Werke schauen, so fragen wir uns,
warum diese Edelindustrie untergegangen ist? Sind die Brüche erschöpft?
Sind die Stätten verlorengegangen, wo »so herrliche, schöne Steine
gefunden werden«, wie Nosseni 1580 dem Kurfürsten August mitteilt;
sind sie vergessen, verschüttet? -- Nur die Serpentinsteinindustrie
von Zöblitz hat ihre bescheidene Blüte und erweckt größere Hoffnungen,
nachdem der Geist modernen Kunstempfindens mehr und mehr die
Erzeugnisse formt und adelt. Aber wo sind die anderen Stätten und
Fundorte edlen Materials? Wie Kurfürst August sein Land durchforschen
ließ, um fremdes Material zu vermeiden und im eigenen Heimatboden
diese Schätze an kostbarem Gestein sich zu erschließen, so sollte man
auch heutzutage »die Rute deutschen Findergeistes« zur Hand nehmen
und forschen, bis man findet, was vergessen oder unentdeckt und
unerschlossen im heimatlichen Boden ruht und zum Aufbau und neuer Blüte
der Heimat beitragen und helfen mag. --
Doch wenden wir uns nun zu dem Werke, dem nach dem Plane und der
Absicht des Kurfürsten August in erster Linie der Umbau des Domchores
gelten sollte, dem Grabdenkmale des Bruders des Kurfürsten, dem
Moritz-Monumente in der Vierung des Chores. Wie das gewaltige Modell
einer Gralsburg aus Marmorgestein türmt es sich auf, auf deren
höchster Zinne die Marmorgestalt des Kurfürsten in Panzer mit dem
geschulterten Schwerte barhäuptig anbetend vor dem Gekreuzigten kniet.
Helm, Streithammer und Pistole und das farbige Kurwappen sind vor
dem Kreuzesstamme niedergelegt. Panzer und Waffen sind den Stücken
nachgebildet, die der Kurfürst in der Schlacht bei Sievershausen
trug. In feiner, sinniger Weise sagt so dieses Grabdenkmal, daß der
Fürst seine Waffen und sein Leben seinem Glauben geweiht, und sich
und sein Land im Leben und im Tode unter das Kreuz gestellt haben
wollte. Dreigeschossig erhebt sich diese Marmorburg auf drei schwarzen
Marmorstufen, auf denen zwölf weibliche Figuren aus Alabaster sitzen,
die Musen der Geschichte, Künste und Wissenschaften. Bunte rote,
gekuppelte Marmorsäulchen tragen das reiche rotbraune, vielverkröpfte
Marmorgebälk des unteren Geschosses und auf ihm die Gruppen der vor dem
oberen Geschosse Wache haltenden Krieger mit den farbigen Wappen der
Länder des Kurfürsten. Das oberste Geschoß ist ein sarkophagartiger
Aufbau, der von zehn in Messing gegossenen Greifen getragen wird.
Engelsfiguren mit Sanduhr, Helm, Wappen und ähnlichen Sinnbildern
sitzen am Rande der Deckplatte, auf welcher der Kurfürst kniet.
Reicher Schmuck an Reliefplatten aus Alabaster, symbolische
Darstellungen aus Krieg und Frieden, Kunst und Wissenschaft, Handel und
Gewerbe und andere köstliche Ornamente und Figuren beleben die Flächen
des gewaltigen Unterbaues in künstlerischer Vollendung und reden im
Sinnbilde von dem, was der Kurfürst geleistet und gewollt hat.
Auf 20 Inschrifttafeln aus schwarzem Marmor am Denkmal sind sein
Leben und seine Taten im Frieden und Kriege in goldenen Buchstaben in
lateinischer Sprache rühmend geschildert. Diese Inschriften sollte
ursprünglich Melanchthon verfassen, der aber darüber hinstarb. Nach
anderen Versuchen übernahm es schließlich der Kanzler ~Dr.~ Ulrich
Mordeisen, die Aufgabe mit anderen gelehrten Männern zu lösen. Auf
seinem Gute Kleinwaltersdorf bei Freiberg, das er sich erworben und
umgebaut hatte und dessen Eingangstür heute noch sein Wappen mit der
Jahreszahl 1560 schmückt, versammelte er vier Leuchten der Wissenschaft
zu diesem Zwecke. Fünf der gelehrtesten Männer ihrer Zeit spitzten
dort ihre Federn und schärften ihre Gedanken, um das Lebenswerk eines
Zweiunddreißigjährigen in würdiger Form zu feiern -- und wahrlich
das Leben des Kurfürsten Moritz war kurz, aber voll von sprühender
Tatkraft, von Taten, Gedanken und großen Plänen: Vielleicht war das,
was an Hoffnungen mit seinem Tode ins Grab sank, viel größer und
bedeutungsvoller als das, was er getan und erreicht hatte. -- Ulrich
Mordeisen, der drei Kurfürsten treu gedient, starb am 5. Juni 1572 und
liegt unter dem Altar in der Kirche von Kleinwaltersdorf begraben.
Das Altarwerk dort ist zugleich das Epitaphium für den Kanzler und
zeigt ihn mit seiner Familie vor dem Gekreuzigten knieend dargestellt.
In lateinischen Worten dort wird seine Treue und sein kluger Rat
gerühmt. Auch hier bei dem Moritz-Monument hat sich sein kluger Rat
bewährt, denn er war offenbar der Vertrauensmann des Kurfürsten, der
mancherlei Aufträge zu erledigen und Verhandlungen wohl zu führen
wußte. Das Moritzdenkmal ist das erste monumentale Freigrab Sachsens,
das in Renaissanceformen ausgeführt ist. Es könnte auch in irgendeiner
italienischen Stadt, einer Kirche von Florenz z. B. stehen, so
italienisch ist seine Art. Nicht deutsche Hände haben dem deutschen
Fürsten das Kunstwerk geschaffen.