Dort steht sie in ihrer bizarren Schönheit mit der sprühenden

Lebendigkeit und sprudelnden Phantasie ihrer Formen und dem krausen

Spiele aller Linien. Als wäre ein gewaltiger Blumenkelch emporgeblüht

aus weißem, steinernen, felsigen Grunde. Aus der Wurzelrosette schießt

der mittlere, palmenartige Schaft empor, der die seltsame Wunderblume

auf einem Blätterkelche und Kranze von Weintrauben trägt. Lange

Blütenstengel wachsen aus dem Blätterkranze am Grunde empor und sind

mit Seilen zweimal an den Pflanzenschaft gebunden. Ihre Spitzen tragen

große Knospen, deren Kelchblätter sich untereinander verschlingen.

Schau, wie zwischen den Blütenstengeln auf Nebenblättern rings um den

Schaft vier Englein sich tummeln und die Flüglein heben, als wollten

sie sich haschen, im frohen Spiel rundherum springend im Kreise

mit kindlichem Jubel. Der Blumenkelch oben ist von freibewegten,

distelblattartigen Ranken umsponnen, wie von blühendem Steinfiligran

in reichstem, zierlichen Linienspiel. Hier hat der Meister den starren

Stein bezwungen mit seinem Meißel, die Ranken frei vom Untergrunde

gelöst, als wären sie biegsames Edelmetall, das unter dem Hammer sich

schmiegt und windet, wie der Goldschmied es will, und zu höchster

Feinheit und Zierlichkeit in wundersamen Formen und Linien sich

bildet. Die vier Kirchenväter schauen ernst aus dem Geranke hervor,

Bischof Augustinus, Papst Gregorius, Erzbischof Ambrosius und der als

Kardinal dargestellte Hieronymus. Es sind die Helden des Glaubens,

der Verkündigung des Wortes und des Bekenntnisses aus den Sturm-

und Kampfzeiten der jungen christlichen Kirche. Edle charaktervolle

Männerköpfe sind es, voll individuellen Lebens und persönlichen

Ausdrucks. Sind es hier die Bildnisse edler Männer Alt-Freibergs aus

jener Zeit? Fast will es uns scheinen! Geist und Wille und persönliche

Bedeutung lebt in ihren Zügen und jeder einzelne ist ein selbständiges

Werk ausgereifter frei schaffender Bildhauerkunst, fern von den

Gebundenheiten und Starrheiten der späten gotischen Kunst, voller

Eigenart und selbständigen Schöpferdranges einer aus deutschem Urgrunde

heraufblühenden neuen Kunst.

Wer war der Meister? Zwei rätselhafte Buchstaben ~H. W.~ an seinem

Werke verbergen seinen Namen. Es sprechen für ihn seine Werke in

ihrer herben Kunst und gehaltvollen Schönheit. Dort sitzt der große

namenlose Meister ~H. W.~ selbst in Stein gehauen, im schlichten

Arbeitskittel bescheiden am Fuße der Kanzel neben der untersten

Treppenstufe. Andächtig lauscht er empor zu den Worten der Schrift von

der Kanzel. Ganz deutsch ist sein ehrliches Gesicht mit dem kurzen

Vollbart, sprechend die Bewegung des Mundes, der Hände und des ganzen

Körpers, so daß man es spürt, wie ihn so ganz das Wort mit Andacht

erfüllt und in ihm lebendig ist. Neben ihm spielen die Engel zu seiner

Rechten, sie sind das frohe, jauchzende Leben und zu seiner Linken

schreiten grimmige Löwen mit offenem Rachen um den Fuß der Kanzel.

Sind sie die Versuchung, dunkle Leidenschaften oder die Sünde, »der

Teufel«, der umhergeht wie ein brüllender Löwe, um zu suchen, wen er

verschlinge? Stellt der Meister gar sich selbst nur als ein Sinnbild

der andächtig lauschenden Gemeinde dar, welche unter der Kanzel alles,

was aus der Andacht reißt und vom Gotteswort abzieht, draußen lassen

und Gott allein dienend vergessen soll? -- Die alten deutschen Künstler

haben in ihren Werken die Sprache tiefer Symbolik ohne abgebrauchte

symbolistische Zeichen besonders geliebt und ihre Zeit verstand die

innigen Zusammenhänge dieser geheimnisvollen Sprache mit dem Leben und

Wollen ihrer Tage. Das ganze Rechtsleben und kirchliche Leben war ja

von Symbolen und sinnbildlichen Handlungen erfüllt, die jedem geläufig

waren. Was uns zunächst vielleicht als ein willkürliches Spiel bizarrer

Phantasie ohne inneren Zusammenhang erscheint, als Künstlerlaune oder

Einfall ohne tiefere Bedeutung, das gewinnt in diesem Lichte vielleicht

wunderbare Geschlossenheit und ist Ausdruck tiefster Gedanken, welche

in jener Zeit lebten und von jedem verstanden wurden. -- Das Hündchen

des Meisters sitzt auf der als Baumstamm gebildeten Säule, um welche

die Kanzeltreppe sich windet. Es war sicher der Liebling des Meisters,

sein ständiger Begleiter und sollte auch hier bei ihm sein, und ist in

köstlicher Naturwahrheit dargestellt. Bei der Arbeit ist es vielleicht

einmal auf die Spille gesprungen. Der Meister hielt dies Bild fest und

nun sitzt das Hündchen als das Sinnbild der Treue, als Wächter erhöht

und schaut keck in die Welt. Nichts entgeht seiner Wachsamkeit und er

wird eifrig melden jeden, der naht. Will er nicht auch der Gemeinde

etwas sagen? »Seid wachsam, denn dunkle Gewalten und Leidenschaften

bedrohen ständig den Aufstieg zur Höhe?« Dieser Aufstieg ist hier durch

die Kanzeltreppe dargestellt, deren Stufen auf starken Baumstämmen und

Ästen ruhn. Ächzend unter der Last trägt sie eine Jünglingsgestalt

auf ihrem Rücken, die rittlings auf einem Baumstumpf hockt. Er trägt

schwer unter dem Joch der selbst auferlegten Last. Ist er ein Sinnbild

der Menschenseele, die oft unter selbstgeschaffener Last oder schwerem

Schicksal seufzt, während dies Schicksal doch nur einen Weg, Stufen zur

Höhe bedeutet? Man glaubt das Stöhnen aus des Jünglings tiefster Brust

zu hören, so schmerzlich verzogen ist sein Mund. Die ganze Gestalt ist

so naturwahr und lebendig in Ausdruck und Bewegung geschaffen, ist so

aus dem Leben unmittelbar gegriffen und dem Leben mit starker Kraft und

Sicherheit nachgebildet, daß man nicht glaubt, ein Werk der sterbenden

Spätgotik vor sich zu haben, sondern es fühlt, daß hier eine neue Kunst

geboren ist, die Kunst einer deutschen Ur- oder Vorrenaissance aus

deutschem Grunde, deutschem Fühlen voll eigenwüchsiger Selbständigkeit

ohne südländisch italienische Muster. Ganz deutsch ist ja das ganze

Werk, Wesen und innerer Gehalt der Kanzel mit ihrem Beiwerk, in dem

der Künstler soviel erzählt und von seinem Denken und Fühlen, von der

Traumwelt seiner Seele hineinlegt. Nur eines Deutschen, eines großen

Künstlers suchende schöpferische Seele kann soviel geben und über die

formale Schönheit hinaus die tiefe innige Welt seiner Seelengedanken

in seinem Werke offenbaren, den eigentlichen geistigen Inhalt über

Stoff und Form hinauszuheben. Nur ein Deutscher kann das Leben dieser

Seele im Werke recht verstehen und würdigen. Die deutsche Phantasie hat

diesen »hohen steinernen Predigtstuhl« daher auch mit ihren Sagenranken

umsponnen, wie dort die steinernen Ranken den Blumenkelch der Kanzel.

Die Sage raunt, der sinnende Meister dort habe seinen jungen Gesellen

erstochen, weil dieser einen besseren Entwurf zur Kanzel gefertigt und

das Wunderwerk ausgeführt habe, dessen er nicht fähig gewesen wäre.

So sei der Geselle als Träger des Werkes dargestellt, während der

Meister klagend daneben sitzt und dem Werke des Nebenbuhlers den Rücken

kehrt. --

Auf dem schwebenden Kanzeldeckel über dem Predigtstuhl sind die Zeichen

der vier Evangelisten angebracht und über ihnen erhebt sich aus einem

Blattkelch die rührende Gestalt der gekrönten Maria mit dem Jesuskinde.

Das Kind hat eine Weintraube in der Rechten und eine saftige Beere in

der Linken. Es scheint vor Freude darüber zu zappeln, so daß Maria,

die sorgliche Mutter, mit der Hand fest das Füßchen faßt, damit das

Knäblein in seiner jauchzenden Daseins- und Lebensfreude nicht vom Arme

hüpfe. Das Ganze eine rein menschliche, liebliche Szene vom holden

Mutterglück, die auf jedes Gemüt wirken muß, und doch auch hier tiefe

symbolische Bedeutung, die das Werk über das rein Menschliche weit

emporhebt: »Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben« und »Dieser

Kelch, den ihr trinket, ist mein Blut, für euch vergossen«. Auf

diese Worte deutet die Traube und die Beere in der Kinderhand hin.

Das fröhliche Kind hält in seinen spielenden Händen sein schweres,

gewaltiges Schicksal, seine heilige Aufgabe, das Schicksal der Welt und

jeder einzelnen Seele. Über der Kanzel erhebt und schwebt das liebliche

Werk als Symbol dafür, daß über jeder Predigt als Kern und Leitgedanke

das Evangelium und das Wort von der Erlösungstat stehen soll. »Gehet

hin in alle Welt und predigt das Evangelium« steht in lateinischer

Sprache auf der Unterseite des Kanzeldeckels über dem Haupte des

Predigers schwebend und mahnend.

Wie bei der goldenen Pforte ein tiefer Reichtum von symbolischen

Gedanken die Fülle der Gestalten miteinander verbindet und der geistige

und künstlerische Gehalt sich in wunderbarem Rhythmus zu ebenbürtiger

Hoheit erhebt, zu einem Lobgesang auf die Jungfrau Maria, so ist

die Tulpenkanzel eine steinerne Predigt, deren tiefer Inhalt in

Verbindung mit der vollendeten Kunst die Herzen ergreifen und erheben

muß. Sie steht mitten im Gotteshause, das als Predigtkirche, als

freiräumige Halle mit steinernen Emporen errichtet ist, und verkörpert

in sich lange vor der Reformation rein evangelische Gedanken, ein

Predigtstuhl des Evangeliums inmitten der lauschenden Gemeinde, wie es

seinesgleichen wohl kaum in deutschen oder fremden Landen gibt oder

geschaffen ward.

Sinnend lassen wir die Kanzel auf uns wirken, suchen zu enträtseln

und zu begreifen, und im Rauschen der Rhythmen der Orgel ist es

uns, als bekäme sie selbst Zunge zu reden und zu hohen und weiten

Gedanken zu erheben. Sie sah Fürsten und Gewaltige in ihrer Pracht und

Herrlichkeit vorüberziehen, sie sah ihre sterbliche Hülle, ein Nichts,

vorübertragen, Staub zu Staube werden. Die Hoffnung und der Stolz der

evangelischen Christenheit, Kurfürst Moritz, der Löwe der evangelischen

Sache, in der Blüte seiner Jahre von meuchlerischer Kugel hingerafft,

wurde hier vorbei getragen, und düstere Pracht ehrte den toten Helden,

mehr noch ehrten ihn die Tränen seines Volkes.

Es drängt die Fülle der Gesichte und Gestalten einer vergangenen Zeit

und Welt, ohne deren Sein, Wesen und Wirken wir selbst ein Nichts

wohl wären. Keine Gegenwart ohne Vergangenheit, und doch denkt die

Gegenwart so wenig der Vergangenheit, aus der sie selber stammt, zu

der sie selber wird. Welche Vergangenheit war wohl furchtbarer für

die Stadt, wie für Land und Reich, als die Jahre des Dreißigjährigen

Krieges, als blutiger Tod, Hunger und Pest ihre grausigen Geißeln

über unser unglückliches Vaterland schwangen. Wie kniet in zitternder

Angst und Sorge um das armselige Leben und tägliche Brot hier das Volk

auf den steinernen Platten des Fußbodens, unter denen schon viele

Geschlechter schlummern, sucht Trost und Stärke im heißen Notschrei

der Seele. Wie oft tobte Plünderung, Brand und Mord durch die Gassen,

und Rat und Bürgermeister waren machtlos. Für Freund und Feind war

die Stadt nur ein Ziel der Beutegier. Jonas Schönlebe, dessen Wappen

heute noch sein Stammhaus an der Ecke des Obermarktes und der Erbischen

Straße ziert, war in den schwersten Tagen Bürgermeister der Stadt.

Schweres Schicksal hat er für seine Stadt auf sich genommen und

erduldet: Am 29. November 1632 wurden er, der Superintendent Gensreff

und der Ratskämmerer Lindener als Geiseln über das winterliche, fast

weglose Gebirge durch Eis und Schnee nach Böhmen geschleppt und kehrten

erst am 31. Dezember nach schwerer Drangsal glücklich wieder heim.

In jenen furchtbaren Tagen der Not mag er, vielleicht angeregt durch

seinen geistlichen Leidensgefährten Gensreff, gelobt haben, wenn er

glücklich errettet würde, an Stelle des alten unscheinbaren hölzernen

Predigtstuhles eine neue Kanzel zu stiften, eine Kanzel für Luthers

reine Lehre, nachdem er unter der grausamen Faust der papistischen

Soldateska des Kaisers geseufzt und in Luthers Lehre seinen Trost und

seine Hoffnung gefunden.

Entsetzliche Jahre der Not und Angst folgten. Unsägliches hat die

Stadt und ihre Umgebung gelitten unter den Besetzungen, Belagerungen,

Durchzügen, Kontributionen und Peinigungen von Freund und Feind. Der

friedliche Bürger wurde heute von Schweden, morgen von Kaiserlichen

oder den Soldaten des eigenen Landesherrn mißhandelt und ausgepreßt.

Handel und Wandel war durch die Unsicherheit unmöglich gemacht. Wer

sich vor die Tore der Stadt wagte, lief Gefahr, ausgeraubt oder

gar ermordet zu werden. Wurden doch bei einem Begräbnis auf dem

Donatsfriedhof dicht vor dem Tor das ganze Trauergefolge ausgeplündert.

Die Zufuhren blieben aus, und weder Getreide noch andere Nahrungsmittel

kamen zu Markte.

Häuser und Scheunen vor der Mauer wurden geplündert und verbrannt, und

was nicht brennen wollte, ward niedergerissen oder sonst durchlöchert

und verwüstet. Auch innerhalb der Mauer war die Unsicherheit groß

und der ruhige Bürger gar oft der wilden Willkür, Habsucht und Wut

fremden Volkes preisgegeben. Ständig waren Mauern und Türme von den

Bürgern besetzt, und jeder rüstige Mann mußte Waffendienst bei Tage

oder Nacht für seine Stadt leisten. Bald waren die »Blauröcke« Herren

in der Stadt, bald bedrohte Oberst Ulefeld, bald Generalfeldmarschall

Holk, bald »Krabatenoberst« Beygott, bald Oberst Taube, bald General

Arnim die Stadt mit Plünderung und Brandschatzung. Im September 1634

bedrohten die Schweden unter Banner die Stadt mit Mord und Brand, im

Oktober die Kaiserlichen unter Oberstleutnant Schütze und Schönickel

und verbrannten alle Vorstädte, Freibergsdorf und Johannishospital

und das vor dem Peterstor liegende große Glockengießhaus, »davon

eine solche Brunst und flammende Hitze entstanden, daß die Funken

in und über die Stadt haufenweiße geflohen und die Stadt in höchste

Feuersgefahr geraten«. Viele Jahre kein Tag ohne Angst, Mord und

Brand! Seuchen und Pest wüteten in der Stadt. Im Jahre 1633 z. B. sind

1632 Personen öffentlich bestattet worden außer denen, die heimlich

begraben wurden. Diese furchtbare Zahl wird recht deutlich, wenn

man vergleicht, daß heute bei etwa der doppelten Bevölkerungsziffer

jährlich rund 500 Todesfälle zu verzeichnen sind. Die Zahl der

Todesfälle in jener Zeit beträgt also das Sechsfache bis Achtfache der

normalen Sterblichkeit.

Welche Bergeslasten von Sorge, Not und Angst für sich, die Seinen

und vor allem für die ihm anvertraute Stadt mögen auf dem Herzen des

tapferen Bürgermeisters Schönlebe gelegen haben! Und doch, das Werk

seiner Kanzel fördert und treibt er »aus besonderer Andacht und zu

Beförderung des Gottesdienstes und Zierde der Kirchen« trotz aller Nöte

und Unruhen, so daß es im Jahre 1638 im Dome am mittelsten Pfeiler

aufgestellt werden konnte. Hans Fritzsche, »der lange Bildenhauer«,

scheint der Meister dieser Kanzel gewesen zu sein. Wie mag in der

Werkstatt des Künstlers in seltener, ruhiger Stunde der tapfere

Bürgermeister dem Werden des Werkes zugeschaut, Anregungen, Vorschläge

und Wünsche gebracht haben, während draußen schon die Sorgen lauerten

und mit knöchernem Finger an die Türe pochten. Ein Friedensdenkmal aus

Freibergs schwerster, furchtbarster Zeit, aus grimmiger Kriegsnot, wo

das Sterbeglöcklein nicht stille stand und täglich der rote Hahn seine

feurigen Flügel schlug, wo blutiger Mord durch die Gassen schlich oder

des Todes eiserne Würfel vor den Mauern rollten, ein Denkmal innigen

Glaubens aus einer Zeit, wo Leidenschaften und Laster regierten, alles

Heilige nur ein Spott war, und das wilde Leben der Begierden die kurze

Spanne der zugemessenen Zeit genießen wollte in Saus und Braus, wo

zwischen Blut und Pest das üppige Leben leidenschaftlichen Genusses

in um so wilderen Strudeln schäumte. Ein stilles Denkmal der Kunst

aus einer Zeit, wo alle Musen schwiegen und in glücklichere Lande

entflohen schienen, wo Zerstörung und Vernichtung alles Schönen, der

Untergang aller Kunst und edleren Kultur unter den eisernen Schritten

des unersättlichen Krieges gewiß schien, wo tausend Kirchen und Altäre,

Schlösser und stolze Häuser mit ihren Kunstschätzen in Staub und Asche

sanken, geplündert und vernichtet wurden, und alle Keime und Blüten

der Kunst und höheren Schaffens und Denkens zertreten und zermalmt

schienen, ein heiliges Werk, emporgeblüht wie eine stille, edle Blume

aus blutgetränktem Boden, eine Blume, an derem Werden und Wachsen sich

in jener wilden Zeit vielleicht alle edlen und feinen Geister, alle

sehnsüchtigen Herzen der Stadt erfreuten und aufrichteten wie an einem

Symbol, daß einmal doch noch Friede und bessere Tage kommen müssen, ein

Werk, das vielleicht heimlich an verborgener Stätte, von der kein Feind

oder Verräter wußte, Gestalt gewann, und gerade dadurch den Treuen und

Starken, den Trägern einer besseren Zukunft, um so teurer und heiliger,

um so bedeutungsvoller und erhebender war.

Betrachten wir uns das Werk jener wilden blutigen Zeit, so fühlen wir

es heute noch, wie hier die Stürme schwiegen und die Innigkeit des

Glaubens, der Sehnsucht nach einem höheren Frieden seinen Ausdruck

suchte. Vielleicht könnte im Leidenswege des Heilandes, der in den

Feldern der Brüstung der Kanzeltreppe dargestellt ist, etwa ein

Gleichnis, ein heiliger Widerklang der eigenen Leidenszeit, des

schweren Kreuzes, das die treue Gemeinde selbst zu tragen hatte,

angedeutet sein und gefunden werden. An der Kanzelbrüstung selbst

ist der Gekreuzigte in Alabaster angebracht. Links und rechts davor

knien anbetend die Freifiguren des Stifters Jonas Schönlebe und seiner

Gattin Anna geb. Horn aus edlem Marmor gefertigt. Sie wollten selbst

an heiliger Stätte mit betend emporgehobenen Händen verewigt sein.

Sie, die so viel gesorgt, geschaffen und gelitten, wollen ihre Demut

bezeugen, daß mit eigener Kraft nichts getan ist und nur der Glaube

in schwerer Zeit aufrecht erhalten kann und die Kraft zum Durchhalten

bei aller Not gibt. Wie oft mag so dieses Ehepaar gekniet haben in der

Angst und unter der Verantwortungslast für die ihnen anvertrauten Leben

und Güter der alten Stadt während der furchtbaren Tage der Belagerungen

und blutigen Kämpfe, unter feindlicher Faust und giftigen Seuchen.

Den Kanzeldeckel ziert der aus dem Grabe auferstehende Erlöser. Ein

Bergmann mit Fahrkappe, Kniebügeln und Barte ist einer der Wächter am

Grabe. Dieser oberste Abschluß des Kanzelbaues war dem Stifter und

Künstler wohl ein Sinnbild der Hoffnung und heiligen Glaubens auch

daran, daß es aus der Grabluft, dem Blut und Tod der furchtbaren Zeit

doch eine Auferstehung und Erlösung geben müsse.

Die Kanzeltreppe wird getragen von einem kauernden Bergknappen mit

starkem Nacken und muskulösen Armen. Er ist ein Sinnbild der breiten

Masse des Volkes der Arbeit, auf dessen Hingabe zur Sache, auf dessen

fester Treue das Wort ruhen und sich stützen soll, in dem es fest

wurzeln muß, wenn es Frucht bringen soll.

Den Rumpf der Kanzel selbst trägt auch ein Bergmann, ein Steiger,

auf seinem Haupte und stützt sie mit seinen Händen in geschlossener

ruhiger Haltung. Sein Kopf mit langem, lockigem Barte ist fein

geschnitten, geadelt durch geistige Arbeit und mit gedankenreicher

Stirn. Ist es der Künstler selbst, der sich hier dargestellt hat? --

ein Künstlerkopf könnte es wohl sein -- oder ist diese Gestalt das

Sinnbild der geistigen Macht, des geistigen Erlebens, des Forschens und

Denkens, des geistigen Ringens, aus welchem die Verkündigung des Wortes

hervorwachsen muß, soll sie nicht verflachen, inhaltlos, leer und kalt

werden? Das Bergmannskleid mag sagen, daß du wie ein Bergmann in die

Tiefe schürfen und in die Höhe denken mußt, in unablässiger Arbeit, in

Arbeitssüßigkeit und Arbeitsqual, du und jeder, der edle Erze fördern

und die Tiefe des göttlichen Wortes ausschöpfen, erleben und dem Herzen

nahebringen will. --

Welch eine lange Reihe von geistesgewaltigen Predigern und Seelsorgern

hat auf dieser Kanzel gestanden und ist durch die reizvolle,

künstlerisch geschnitzte Renaissancetür geschritten, welche die

Kanzeltreppe abschließt. Der Schwung und die Anmut des Linienspiels

dieser Tür ist wie eine künstlich verschlungene liebliche Melodie,

welche vor der Predigt in hellen Akkorden sich aufwärts schwingt.

Die Bilder der alten Pfarrherrn und Superintendenten hängen oben auf

der Orgelempore im Vorsaal zum Orgelraum am großen Wendelstein und

schauen aus ihren dunklen Rahmen so ehrwürdig und ernst hernieder.

Sie, die Redner der Bergmannskanzel, ruhen zum Teil draußen auf dem

»grünen« Friedhof, dessen Baumwipfel durch die Fenster des Domes

schauen und mit Zweigspitzen wie mit zarten Fingern an die runden

bleigefaßten Scheiben pochen. Sind die Wurzeln der Bäume tief im Grunde

durch ihre Herzen gegangen und steigen nun ihre Herzensgedanken sehnend

empor zum Licht und begehren Einlaß in das Heiligtum, welchem sie ihr

Leben geweiht? -- Andere schlummern hier unter den Fliesen im Dom, im

Bereiche ihrer alten Kanzel, der Auferstehung entgegen als Ausklang

und Ziel ihrer Predigt und ihres Lebens, wo die Kanzel selbst mit

steinernem Munde predigt: Aus dunklem Grunde aufwärts auf Leidenswegen

durch Not und bitteren Tod zur Auferstehung, zu einem schöneren Licht.

Ihre Worte sind verklungen, ihre Gedanken sind verschwunden, die einst

geistesmächtig den Raum füllten und die Gemeinde stille machten. Die

Gedanken und die Stimme eines anderen sind aber geblieben. Wir hören

die Stimme in zarten weihevollen Tönen, in flutender Harmonie und im

Brausen der mächtigen Akkorde, es ist die Orgel, die Stimme Gottfried

Silbermanns, die Jahrhunderte nun schon zu den Herzen spricht, sie

erbaut und ergreift und auch heute uns in geheimnisvolle Zauber

spinnt, uns Vergangenheit und Gegenwart lebendig macht, verbindet

und verschmilzt zu einer wunderbaren Einheit. Dort im alten Hause

am Schloßplatz, das die Tafel mit seinem Namen trägt, hat er vor

200 Jahren seine Meisterwerke geschaffen. 54 Orgeln gingen aus seiner

Werkstatt hervor, eine immer die andere übertreffend, so daß auch

neidische Gegner ihre Bewunderung nicht verhehlen konnten. Er selbst

stellte die höchsten Anforderungen an sich und sein Werk und war ein

so eigensinniger Künstler, daß er im künstlerischen Jähzorn gleich

ganze Instrumente zertrümmerte, wenn sie ihm nicht Genüge leisteten

und seinen Erwartungen nicht entsprachen. Sein größtes und letztes

Werk, mit 2896 klingenden Stimmen, ist die Orgel in der katholischen

Hofkirche in Dresden, die er in besonderem Auftrage August III. schuf.

»So wie diese Orgel gebaut ist, wird keine mehr gebaut«, sagte voller

Begeisterung der Dresdner Orgelkönig Johann Schneider von ihr.

Unsere Freiberger Domorgel gibt ihr nichts nach mit ihren

2674 klingenden Stimmen, welche allen Jubel und alles Leid des

Menschenherzens singen und tönen können. Im Vertrage erklärt er,

es solle »das Hauptmanual einen gravitätischen Klang bekommen, das

Oberwerk scharf und etwas spitzig, die Brust recht delikat und lieblich

intoniert werden, in Summa das ganze Werk soll also beschaffen sein,

daß es, wenngleich die ganze Gemeinde beisammen ist, dennoch seinen

rechten Effekt zeugen kann und kapabel ist durchzudringen.« Zwei Jahre

arbeitete er mit seinen zehn Gesellen daran, so daß das Werk 1714

vollendet ist. Mit dem bescheidenen Preis von 1500 Talern ist der

schlichte, redliche »Orgelmacher«, wie er sich nannte, zufrieden. Ihm

war der größte Lohn, daß sein Werk der Gemeinde und der Kunst dient,

wie noch keine Orgel zuvor. Ein Kantor aus Leipzig und ein Hoforganist

aus Altenburg übernehmen die Prüfung der neuen Orgel und kommen

zu dem Schlusse, daß zu solchem Werke nur von Herzen Glückwünsche

auszusprechen seien.

Aus grauen Mauern und grünen Weiten Schauen und Sinnen auf Heimatwegen · 第 12 / 25 段