Feld und den Spruch:
»Wer Gott dem Herrn vertrauet fest,
Thut besser, alß der sich verleßt
Auf Thurm, oder ander gewaldt
So oftmals betreugt mannigfalt.«
Darunter: »~Nomen domini turris fortissima.~«
»Der Name des Herrn ist der stärkste Turm.«
Klingt dieser Wappenspruch nicht wie Luthers machtvolles »Eine feste
Burg ist unser Gott!«, das im Felde und daheim so oft seine alte,
eherne und Erz in Blut und Herzen strömende Kraft bewiesen hat?!
Wie die wahren überwindenden Kräfte nicht in äußeren, materiellen
Dingen liegen, sondern im tiefsten Urgrund der Seele wurzeln und von
dort wirken und wachsen und Werte schaffen, das sagen uns noch andere
Sprüche.
An der alten Ochsenbastion in Görlitz, welche unmittelbar an der Neiße
liegt, als ein wuchtiger, malerischer Rest der alten Befestigung, steht
ein lateinisches Wort aus dem Jahre 1530: »~Civitatem melius tutatur
amor civium quae alta propugnacula~«. »Eine Stadt schützt besser die
Liebe der Bürger als hohe Bollwerke.«
Auf einem der ältesten Freiberger Stadtpläne wird das Stadtbild
unter einen ähnlichen Gedanken gestellt: »~Urbis salus est civium
concordia~«. »Das Heil der Stadt ist die Eintracht der Bürger«. Es wird
damit hingewiesen auf die ruhmvolle Verteidigung gegen die Schweden,
wo sich die Wahrheit dieses Satzes so herrlich erwies. Und doch wieder
klingt mit ernstem Glockenton dazwischen die Warnung vor zu stolzem
Selbstvertrauen: An der Stundenglocke im Dachreiter des Domes zu
Freiberg steht im Erz der Spruch von 1540: »~Nisi dominus custodierit
civitatem, frustra vigilat qui custodierit eam.~« »Wenn der Herr nicht
die Stadt behütet, so wachen ihre Wächter umsonst.« Vaterlandsliebe
und Gottvertrauen werden in diesen Sprüchen als starke Wehr und Waffen
gepriesen. Sie sagen uns das, was Fichte in schwerer Zeit seiner
deutschen Nation zugerufen und was auch heute noch gilt: »Nicht die
Gewalt der Arme, noch die Tüchtigkeit der Waffen, sondern die Kraft des
Gemüts ist es, welche Siege erkämpft.« Wir sind zwar waffenlos, aber
nicht wehrlos, nicht ehrlos, nicht sieglos, wenn diese Gemütskräfte
unser Volk zusammenschließen zur Einheit und Tat.
Auch unseren Tagen, unserem Volksleben, unserer Kunst täte es not, nach
dem Beispiel unserer Väter in kraftvollem Wort, Sinnbild oder Spruch an
Haus und Gerät die Erinnerung an Männer und Taten und große Ereignisse
zu pflegen und den Geist und das Herz zu stählen, wie es einst die
Männer des Reformationszeitalters taten, denen die Buchstaben ~V. D. M.
I. AE.~ am Tore des Hauses ein Bekenntnis und ein Schwur, ein Halt und
eine Tat war und bedeutete. In kernigem, gehaltreichem Sinnspruch oder
tiefdeutigem Segenswunsch, mitten im flutenden, wirbelnden Strom des
Lebens und der Arbeit, je nach Ort und Art und Zweck in künstlerischer
Form soll diese alte schöne deutsche Sitte mehr und mehr lebendig
werden und wirken.
Das alte ehrwürdige Rathaus, das so viel Freud und Leid gesehen, so
viel Sturm und Drang erlebt hat, in dem so viel starke, tapfere, treue
Herzen geschlagen haben, trägt mancherlei Sprüche, die auf seine
Bestimmung hinweisen und den, der eines Amtes dort zu walten hat,
mahnen und lehren und die besten Kräfte des Gemütes wecken wollen. Von
dem neuen Eingang an der Burgstraße klingt jedem Vorübergehenden, jedem
Eintretenden das Wort entgegen:
»Du bist ein Nichts im Ganzen,
wenn du ihm nicht dienst!«
Ein Führer im Wirtschaftsleben hat dieses Wort für falsch erklärt, weil
der Zeitgeist jetzt umgekehrt sage: »Das Ganze ist mir ein Nichts, Wenn
es mir nicht dient!« Ehe dieser Geist nicht überwunden ist und der
echte Spruch nicht wahre Geltung gewinnt, kann nichts Ganzes sich bei
uns gestalten. Hat der Mann Recht? --
Diese ernste Mahnung, die unsrer Zeit so besonders not tut, tönt auch
vom neuen Torbogen am alten Donatsturm ins Straßenleben hinein mit den
Worten:
»Gemeinwohl geht über dein Wohl!«
und mit dem anderen Spruche:
»Eintracht bricht Not, Zwietracht bringt Tod!«
Im Rathause selbst ist im Ratszimmer eine alte quadratische Tafel von
30 ~cm~ Seitenlänge mit vergoldetem Barockrahmen und Stadtwappen
geziert erhalten, welche aus der alten Gerichtsstube stammt und in
schöner Reliefschrift in lateinischen Großbuchstaben sich mahnend an
die Ratsherrn, die ja zugleich Richter waren, wendet:
~Quiquis senator officii causa curiam ingrederis, ante hoc
ostium privatos affectus omnes abiicito: Iram, vim, odium,
amicitiam, adulationem, reipublicae personam et curam
subiicito. Nam ut aliis aequus aut iniquus fueris, itaquoque
iudicium dei expectabis et sustinebis.~
Der Chronist Andreas Möller nennt diese Tafel bereits in seinem
~Theatrum Freibergense~ von 1653 und übersetzt die auch im Rathaus zu
Regensburg befindliche Inschrift:
»Ein jeder, der als ein Raths Herr Amptwegen auffs Rath Hauß
gehet, lege für dieser Thür ab alte ~Privat Affecten~, als da
sind der Zorn, Gewalt, Haß, Freundschafft, Schmeuchlerey ~etc.~
und unterwerffe seine Person und Sorge dem Gemeinen besten.
Denn wie er gegen andere der Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit
sich befleissigen wird, also hat er auch das Gericht Gottes zu
gewarten und außzustehen.«
Dieselbe Mahnung zur Gerechtigkeit finden wir auch auf einer anderen
Tafel, welche über dem Eingang zum Ratszimmer hängt und mit goldener
Schrift auf schwarzem Grunde die schönen Renaissanceformen ihrer
Ursprungszeit 1582 zeigt:
Gleich und Recht theil mit menniglich
Und nicht nach Gunst das Urtheil bieg.
Den Armen hör, sein notturft betracht
So wirst du von Gott und der Welt geacht.
Denn wo du helst unrecht Gericht
Wirds dir Gott widerumb schenken nicht.
1582 Peter Zorn.
Die älteste Inschrift im Rathause jedoch ist der Spruch über der
gotischen Spitzbogentür, welche in den jetzigen Stadtverordnetensaal,
die frühere Rats- und Gerichtsstube, führt. In diesem Raum wurde dem
mächtigen Kunz von Kaufungen das Todesurteil im Juli 1445 gesprochen.
Die Inschrift mag aus dem Jahre 1416 stammen, als die Ratssitzungen in
diesem neuentstandenen Raume aufgenommen wurden, und lautet:
»Auch sol eyn ytzlicher zcüchtigen seynn wort, der hyrinne zcu schicken
hat.« Es fehlt der erste Teil des Spruches, den Möller überliefert mit
dem bekannten Satze:
Halb ist eynes manes Rede
Darumb soll man hören beede.
Das sind goldene Worte für alle Stätten und Stellen, wo man zu rechten,
zu raten und zu taten hat: Sein Wort züchtigen, d. h. in Zucht zu
halten, ist eine passende Mahnung auch für die jetzige Bestimmung des
Saales, für die Stadtverordnetensitzungen.
An Sprüchen und Schildereien hatten die alten Freiberger viel Freude,
und manches Sprüchlein auch im Rathause ist längst dahingeschwunden.
So stand mit feinem Humor über einem Schreiberstüblein, in dem auch
»etliche besondere Acta ordentlichen verwahret« wurden, der Satz:
»~Nunquam recte regetur Respublica nisi ordine regatur.~« Niemals wird
ein Staat richtig regiert werden, wenn er nicht durch Ordnung regiert
wird. Wie mögen die in der Kopistenstube regierenden Schreiberlein da
Ordnung in ihrem Aktenstaate gehalten haben! --
Der obere Rathaussaal war im Mittelalter zugleich die Rüstkammer, in
der die Armbrüste, lederne Schilde und andere Waffen hingen.
Es waren dies die Waffen gegen äußere Feinde, welche stets zur Hand und
gebrauchsfertig sein mußten.
Im unteren Rathausflur hingen die Waffen gegen einen anderen grimmigen
Feind, der öfter die Stadt zerstörte und vielen einzelnen Bürgern
schweren Schaden zufügte, das Feuer. Zu Hunderten hingen Feuereimer aus
Leder an der schweren Balkendecke, viele mit Zeichen und Malereien oder
Verschen geschmückt. Aus dem Spittel wird uns solch Feuereimerverslein
überliefert:
»Im Fall der Noth, da Gott vor sei,
muß jeder haben ihrer zwei
oder einen rechten großen.«
Daß auch in neuerer Zeit die Freude an Spruch und Reim nicht ganz
erstorben ist und hie und da auch heute noch am Haus oder Tür ihren
Ausdruck findet, ist nur zu begrüßen. Wer mag sich nicht freuen über
die sinnigen, fein empfundenen Verse, die über einer Gartenpforte
stehen, die man als Inschrift über jede Kleingartenanlage setzen könnte:
»Mein Garten dünkt mich kindisch klein,
Schau ich nur von ohngefähr hinein;
Doch fang ich an, ihn umzugraben,
Mein’ ich ein Königreich zu haben.«
Von der Türe zum stillen Reiche derer, die müde geworden von der
Arbeit des Lebens, Feierabend machen durften, vom Haupteingange des
Johannishospitals grüßt das Wort der Jünger von Emmaus:
»Herr bleibe bei uns, denn es will Abend werden.«
und von der Tür des Siechenhauses, vom Bartholomäushospital tröstet den
matten Erdenpilger, der hier seine letzte Zuflucht und Pflege sucht,
der Spruch:
»Ich will euch tragen bis ins Alter, bis daß ihr grau werdet.«
Das Gedächtnis des Weltkrieges aus einer Zeit, da die deutsche Kraft
innen und außen, die deutschen Waffen noch unüberwindlich schienen,
bewahrt der Neubau der alten Kreuzmühle.
Nicht lange vor dem Kriege ging der alte malerische, von wildem Wein
dicht umsponnene Bau mit dem mächtigen Mansardendach in Flammen auf und
wurde 1914 bis 1915 in verwandter Form dem neuen Wohnzwecke angepaßt,
nach meinen Plänen wieder aufgebaut. Eine Schrifttafel über der Haustür
und ein wuchtiges Schwert mit Lorbeer und den Jahreszahlen 1914--1915
als Sinnbild neben der Haustür geben der Stimmung der Zeit Ausdruck
und sind damit ein Hauszeichen und Zeitdenkmal von besonderem Werte
und Eigenart geworden, das sicher unseren Enkeln und Urenkeln viel zu
sagen hat und besonders ehrwürdig sein wird. Der Hausspruch, in schönen
deutschen Buchstaben in Marmor gehauen, lautet:
»Das alte Haus in Flammen stand
Kurz vor dem großen Weltenbrand,
Da deutsche Art und deutsches Schwert
In Not und Tod sich neu bewährt.
Das neue ward im Krieg geschaffen,
Gott segne Dach und Volk und Waffen!«
Sinnend schauen wir zur grünumrankten Tafel hinauf und auf das
lorbeergeschmückte Schwert und denken daran, wie es war, wie es wurde
und was noch werden mag. Auch unser alter Reichsbau ging in Flammen
auf. Das neue Dach, das neue Haus ward im Krieg geschaffen und wird
von Stürmen umtobt, von Feinden bedroht: »Gott segne Dach und Volk und
Waffen!« Ja, auch die Waffen! -- --
Worin soll die Spruchweisheit unsrer Tage bestehen? Nicht in lockerem
Scherz und leichten Reimen! Ausdruck der Zeit ist not. Heute liegt
uns vor allem die Not des Vaterlandes, die Not der Heimat, das
deutsche Leid am Herzen, das auch unser eigen Leid und Not ist. Wir
spüren den inneren Zwang, in unserer eigenen Seele und in der Seele
unseres Volkes und aller einzelnen Volksgenossen neue lautere Ströme
der Kraft zu gewinnen, um rein und stark, fest und unüberwindlich
zu werden im schweren Druck, in aller Kampfesnot des täglichen
Lebens, in aller Sorge und Friedlosigkeit innen und außen. »Not brach
Eisen, Eisen breche Not« steht auf dem Gefallenengedächtnismal des
Jäger-Bataillons 12 und Infanterie-Regiments 182 in Freiberg. Eisen,
nicht Gold braucht unser Volk, um seine Not zu überwinden. Gold macht
schwach, Eisen macht stark, macht stark die Seele und den Willen, Gold
bringt Not, Eisen bricht Not! Gold macht gemein, Eisen macht rein!
Der alte deutsche Trotz, wie er durch unsere alten und neuen
Heldenlieder klingt, der auf sich selber steht auch gegen die ganze
feindliche Welt, und doch ein Kind ist, wo ihm Treue und Gerechtigkeit
begegnen, muß vor allem sich wiederfinden und wiederklingen. Solche
Spruchweisheit sollte keimen und wachsen wie Samenkörner, die der
Wind ausstreut, daß das öde, verwüstete Land wieder grün wird, die
zertretenen Fluren der deutschen Seele wieder hoffnungsvoll aufblühen.
Manches köstliche Wort ist in der Dichtkunst früherer Zeiten und
unserer Tage aus der Tiefe der Heimatliebe wie schimmerndes Edelmetall
zum Lichte gebracht worden. Diese Schätze müssen dem täglichen Leben
nahegebracht werden und hineinstrahlen in den Alltag, der heute so
dunkel und schwer geworden ist, damit sie wirken können zur neuen
inneren Erhebung als Ausdruck deutschen Wollens und Sollens, Wissens
und Müssens.
Jedes stolze, trotzige deutsche Manneswort aus tiefer heißer Seele, das
wie Schwertschlag durch die Seele geht, wie mit eiserner Pflugschar
tiefe Gründe aufreißt und den Geist seiner Zeit offenbart, mag es auch
vor Jahrhunderten einem starken deutschen Herzen entsprungen sein, ist
geeignet zur Wiedergeburt im deutschen Sinne zu wirken und uns zu Kraft
und deutschem Stolz zu wecken und zu erziehen und heute wie in späteren
Tagen Zeuge und Mahner zu sein zu deutscher Art und deutschem Geist
und Wesen und deutscher Tat. Wie unsere Väter ihr Wesen und ihr Wollen
in Haussprüchen und Denkversen zeigten, so gilt es für uns in und nach
dem Kampfe für die Heimat Heimatkultur und planmäßige Erziehung zum
Deutschtum zu treiben mit allen Mitteln und Formen, um unseres Volkes
beste Art zu stärken und zu stählen, sein tiefstes Wesen in Treue zu
klären, zu erklären und in Schönheit zu verklären.
Wo deutsch die Steine reden und deutsche Art uns künden, muß deutsches
Wesen und deutscher Geist wie Felsen fest im Heimatgrunde stehen und
stark allen Stürmen und Wettern trotzen! Aus heiliger Saat steigt die
kommende, die stahlblanke Zeit:
Deutschland muß leben und wenn wir sterben müssen!
Im Freiberger Dom.
Bist du schon einmal im Freiberger Dom gewesen und hat deine Seele
Zwiesprache gehalten mit den Gedanken der Ewigkeit, die dort in Stein
gebannt sind? Hat einmal dein Herz es erlauscht, und ist es dir tief
in dein Inneres gedrungen, daß hier nicht ein totes, steinernes
Gefüge seine Blöcke zu Säulen und Wänden türmt und seine Gewölbe
in kunstvollen Rippen und Kappen schließt, sondern daß das Ganze
ein beseeltes Wesen ist, welches gewachsen ist, sich entwickelt zu
einem höheren Dasein und lebt? In welchem Gedanken wirken und weben,
schwingen und klingen, die aus dem tiefsten Innern des Volkes geboren,
sich emporgerungen haben als Ausdruck der Sehnsucht und des Sinnens,
wägender Weisheit, wähnenden Wollens und Waltens, ahnenden Schauens
der Volksseele selbst? Komm mit mir und lausche, was die alten Wände
raunen: Heimat, Heimat wird dich segnen und reich machen, erheben über
die Zerrissenheit, Leere und Armut dieser Zeit, wird dich lohnen mit
dem heiligen Gefühl des Heimatstolzes, daß was aus echt deutscher Seele
geboren ist, unsterblich, unzerstörbar, ewig ist, weil es Keime immer
neuen Werdens trägt, Keime der Auferstehung und des Emporringens aus
der Tiefe zum Licht, zu heiliger Frucht, die wieder Samen streut auf
Hoffnung und auf Erfüllung verheißende Zukunft!
Wir wollen heute nicht vor der goldenen Pforte, diesem Wunderwerke der
Kunst aus der ersten Blütezeit der Stadt verweilen, sondern uns still
an die Stufen des Altars setzen und schauen und hören, was an Stimmen
und Stimmungen in uns und um uns laut und leise klingend wird, was aus
fernen Tagen und Taten lebendig wird und Gestalt gewinnt. --
Leise singt die Orgel, sanft mit weichen Stimmen als streichele dir
liebe Kinderhand die Sorgenstirne und nähme dir alles, was dich
niederzieht, von der Seele und trüge dich weg von allem, was da
draußen so grau und zwieträchtig dein Herz bedrängte. Dann braust sie
gewaltiger empor mit mächtigem Klange jubelnd und jauchzend. Der ganze
Raum wird ein himmelstürmender Jubel von eherner Wucht und unendlicher
Reinheit und Schönheit, in dem deine Seele ergriffen und emporgerissen
wird über Zeit und Ort als hätte sie Flügel, im Sturme zu eilen, zu
schweben über Welten und Zeiten in strahlender Klarheit sieghaften
Lichtes, Klarblick zu gewinnen über Weltweiten und Wesen der Dinge.
Die schlanken Säulen scheinen zu beben als wollten sie sich lösen und
emporwachsen und aufblühen zu höherer Schönheit. Die Kappen der reichen
Gewölbe mit ihren Rippen, die wie die Maschen eines kunstvollen Netzes
sich verschlingen, erzittern, als wollten sie zum Leben erwachen wie
ein singender, klingender Vogel, der seine Fittiche spannt der Sonne
entgegen.
Und auf den Wogen der Töne, die dahin quellen und schwellen, in
wallender Flut sich drängen, überstürzen, eilen, sich suchen und
fliehen und dann voll und breit dahinströmen, da kommen herbei die
Gestalten, welche im Laufe der Jahrhunderte ihre Not und ihr Leid, ihre
Freude und Hoffnung, ihre Sorgen und Pläne, ihre Schmerzen und ihr
Lieben an diesen heiligen Ort getragen. Unendlich unübersehbar ist die
Schar. Ihrer aller Seele Sehnen suchte einst an dieser Stätte Frieden
und Erfüllung und hat ihr eine unsichtbare Weihe gegeben, die Weihe,
welche nur das höchste Denken und tiefste Fühlen inniger Gemeinschaft
vor tiefsten Rätselfragen suchender Seelen zahlloser Geschlechter geben
kann.
* * * * *
Was kommt dort für eine Büßerschar? Mit nackten Füßen paarweise mit
zerrissenen Gewändern, die den nackten Körper nur wenig verhüllen,
einen offenen roten spanischen Mantel mit Kreuzen an Hüten und
Kleidern vorn und hinten tragend? Geißler sind es, auf der Wallfahrt
zur schönen Marie von Freiberg, jenem wundertätigen, lebensgroßen
Marienbilde von Wachs, um hier ihrer Sünden und ihrer Schmerzen
ledig zu werden. Schaurig klingen ihre Bußgesänge, die sie singen,
um die Pest zu bannen, und klatschend fallen auf den nackten Körper
die Geißelhiebe, unter denen aus blutigen Striemen die roten Tropfen
spritzen. Doch wende ab den Blick vom traurigen Zuge. Dort schreiten
gar würdige Gestalten einher. Die Männer der Freiberger Treue, an ihrer
Spitze der Bürgermeister Nikolaus Weller von Molsdorf und neben ihm
Nikolaus Monhaupt und die Ratsherren, welche anno 1446 im sächsischen
Bruderkrieg einst auf offenem Markte im Sterbehemd lieber ihr Haupt
dem Richtschwerte boten als den Schwur der Treue ihrem Herrn brachen:
»Wir sind dessen entschlossen, daß wir lieber, wenn es je anders nicht
sein könnte, den Tod erwählen und sterben, denn unsere Treu und Seelen
also hintan setzen wollen.« »Ehe ich soll meinen gnädigen Fürsten
und Herrn, deme ich gehuldet und geschworen, verraten, lieber soll
und will ich mir jetzund alsbald meinen alten grauen Kopf abhauen
lassen«, so klangen fest ihre Worte dem grimmigen Feinde ins trotzige
Gesicht und überwanden ihn durch die adlige Kraft unbeugsamer Treue.
»Nicht Kopf weg, Alter, nicht Kopf weg, wir bedürfen solcher ehrlichen
Leute ferner, die ihr Eid und Pflicht also beherzigen«, war die
Antwort des feindlichen, ritterlich denkenden Fürsten und dazu die
Versicherung, nichts gegen Eid und Gewissen zu verlangen. So wahrten
sie durch todesmutige Treue ihre Ehre und die Wohlfahrt der Stadt.
Weller von Molsdorf, ihr Führer und Sprecher, war der Erbauer des
Rathausturmes, den er der Stadt zum Geschenk machte, und sein Wappen,
zwei Schwanenhälse, die einen Ring im Schnabel tragen, ziert in Stein
gehauen noch heute die wundervolle gotische Lorenzkapelle im Turme mit
ihrem schönen, reichen Portale. Wer hatte wohl mehr Recht als er in
seinem Wappen das Symbol der Treue, den Ring, zu führen und das Wappen
an heiliger Stelle anzubringen?
Nikolaus Monhaupt dort neben ihm war ein treuer und eifriger Sohn
der Kirche. In seinem Hause auf der Petersstraße ließ er sich eine
Kapelle bauen und vom Papste besonders begnaden. Herrliche gotische
Sterngewölbe auf Rundpfeilern überdecken den Raum, in welchem er seine
Gottesdienste hielt, diesen Raum, der später der kleinen Schar der
Anhänger des Wittenberger Bruder Martinus als Zuflucht und Ort der
Gemeinschaft in schwerer Zeit diente. Hier ward von ihnen das heilige
Abendmahl in beiderlei Gestalt nach Luthers Lehre zum ersten Male
begangen und die Herzogin Katharina, die Gemahlin Herzog Heinrichs des
Frommen, die treue Bekennerin, mag heimlich zu dieser Feier in der
Gemeinschaft ihrer Glaubensfreunde geschlüpft sein und neue Kraft und
Erhebung gesucht haben. Noch heute erinnert die steinerne Tafel am
Hause an diesen Tag. Schon vor dem Bau dieser Kapelle hatte Monhaupt
seine Frömmigkeit bewiesen durch die Stiftung einer steinernen, farbig
bemalten Figur der Gottesmutter mit dem Kinde, die heute noch in der
Annenkapelle am Dom mit ihrer milden Schönheit herniederschaut. Ein
Englein trägt die mit seinem Wappen geschmückte Konsole, auf der so
ruhevoll die Gestalt der Maria steht. Vierzig Tage Ablaß waren dem
verheißen, der vor ihr ein Vaterunser und einige ~Ave Maria~ gebetet.
Wieviele Tausende mögen vor ihr gekniet haben! In welche trüben
Fluten von Leid und Not, von Sorge und Sünde, von Schmerzen, Tränen,
Wünschen und Hoffnungen mögen ihre milden Augen geschaut haben. Wie
Wallfahrtslieder klingt es uns, wie Weinen und Schluchzen zerbrochener
Seelen, dann wie Jubeln und Jauchzen erfüllten Sehnens, befreiter
Herzen.
Vorüber ihr Gestalten, die ihr dort drängt, ihr Fürsten und Reichen,
ihr Stolzen und Frohen! Das Leid heiligt eine Stätte mehr als die
Freude. Der Strom der Leidgeprüften ist breiter, ist tiefer als der Zug
der Freude. Ein Weinen ging durch diese Kirche als Nikolaus Hausmann,
der in ruhiger Würde dort schreitet und zur Tulpenkanzel hinüberschaut,
während der Predigt vom Schlage getroffen auf dieser seiner Kanzel
niedersank. Dieser Schlag traf auch das Herz der jungen Luthergemeinde
mit schmerzlicher Gewalt. Die Gemeinde war durch den Eigenwillen und
Übereifer des früheren Pfarrers Schenk in Angst, Not und Zwietracht
versetzt worden, so daß das reine evangelische Feuer, welches hell
aufgelodert war, zu erlöschen drohte. Da sandte Luther selbst seinen
lieben Freund, den Superintendenten Nikolaus Hausmann, um Abhilfe
zu schaffen und selbst das Amt zu übernehmen, und nun? wo waren alle
Hoffnungen?
Luther schloß sich in sein Zimmer ein bei der Todesnachricht und weinte
bitterlich um ihn: »~Quod nos docemus, ille vivit~« hatte er rühmend
einst von ihm gesagt: »Was wir lehren, lebt er.« Ist dieses Lutherwort
nicht die herrlichste Grabpredigt, die einem treuen Seelsorger
nachgerufen werden kann? Seit Hausmanns raschem Tode, am 1. September
1538 ist die Kanzel, auf der er hinsank, nicht wieder zur Predigt
betreten worden. Die »Teufelskanzel« wurde sie vom Volke genannt.