(Abbildung stellt Jesus in der Grube dar, die Hand auf die Fahrt

legend. Ein Bergknappe will ihn zurückhalten. Ferner sind haspelnde

Bergleute und ein Haus mit brennenden Kerzen dargestellt.)

»Rechnung recht halt, Treu’s Ampt verwalt.«

(Abbildung von Bergbeamten und Bergleuten an der Tafel.)

»Bergwerk will haben Verstand

und eine getreue Hand.«

steht im Eingangsflur des Revierhauses.

Auch die Kleinodien der Freiberger Bergknappschaft sind mit

bergmännischen Darstellungen und Sprüchen geschmückt.

Der prächtige, kunstvoll gearbeitete Weinhumpen aus dem Jahre 1679

trägt reichen bergmännischen Bildschmuck und die Inschrift:

»Such, schärffe, fahre ein,

Zerstuffe fest Gestein

So nimmstu Ausbeuth ein.«

Nicht nur bei der täglichen Arbeit und bei fröhlichem Fest sind so die

Denksprüche ein gedankenreicher Schmuck des Daseins. Auch in die Kirche

begleitete den alten Freiberger die aus Beruf und innerem Erleben

geschöpfte Spruchweisheit.

So hängen z. B. im Dom, den die Bergmannskanzel und noch andere

Darstellungen bergmännischer Art schmücken, zwei messingene

Kronleuchter aus dem 16. Jahrhundert mit der Inschrift:

»Wer will Bergwerk bauen, der muß Gott vertrauen«

und

»An Gottes Segen ist Alles gelegen.«

In der Petrikirche war auch, wie der alte Chronist Möller überliefert,

in einem Fenster eine Bergmannsfigur dargestellt mit dem Spruche:

»Bawst tu Viel Ertz, gib Gott die ehr

Brauchs recht, bis fromm, so beschert Gott mehr.«

In einem anderen Fenster daselbst findet sich heute noch das alte

Innungswappen der Leineweberinnung, das Weberschiffchen mit Spulen von

zwei schwarzen Löwen gehalten und mit der Inschrift:

»Das allertheuerste Pfandt in der Erden

Muste in Reine Leinwandt gewickelt werden.«

Hoch oben aber auf dem Turme der Petrikirche hängt das alte

Bergglöckchen, das früher viermal am Tage zur Schicht rief und heute

noch mittags um 12 Uhr und abends um 7 Uhr je eine Viertelstunde

geläutet wird. Wenn seine traute Stimme über die hohen Giebel und

steilen Dächer der alten Häuser und Gassen dahinklingt, dann wird eine

ganz besondere Stimmung lebendig und für die alten Kinder der Stadt ist

es die redende und mahnende, lockende und rufende Stimme der Heimat

und Jugend, die da laut wird und anders noch ins Herz ruft als andere

Glocken auf fremden Türmen:

»Auf, auf! Zur Grube ruf ich euch,

Ich, die ich oben steh,

So oft ihr in die Tiefe fahrt,

So denket in die Höh!«

ist der sinnige Spruch, den sie mit ihrem ehernen Klang über die

Häuser der Menschen bis zu dem Kranz der Gruben und Schächte draußen

hinausruft.

Die Läuteglocke von 1570 neben ihr im niedrigeren »faulen« Turme

hängend, ruft nicht zur Arbeit wie sie, sondern zum Kirchgang mit dem

Spruch:

»Mein Klang dich ruft zum Kirchengang,

merks Wort, Gott dank, sing Lobgesang.«

Wie schön ist hier bei beiden Glocken in kurzem deutschen Wort ihre

Bestimmung gesagt. Es ist nicht nötig, immer zur lateinischen Sprache

zu greifen. Deutscher Geist und deutsche Kraft kann und muß auch für

solche Zwecke in deutsche Kernsprüche gebannt werden. Freilich werden

auf die Glockensprüche wohl meist die gelehrten Herrn Geistlichen

Einfluß genommen haben und neben lateinischem Bibelspruch gern einen

lateinischen Vers geformt haben, der ihnen dann vielleicht monumentaler

klang als das ungefüge Deutsch. Kirchliches Herkommen, Handwerksbrauch

und Bequemlichkeit stellte oft das gelenke Latein über das ungelenke

Deutsch der alten Zeit.

Die Glocken auf den Petritürmen entstammen der Werkstätte des berühmten

Gießergeschlechtes der »Hilger« zu Freiberg, welches während des

15. bis 17. Jahrhunderts in Freiberg blühte, und nicht nur für ganz

Sachsen, sondern weiter hinaus im Reiche bedeutsame Werke schuf. Kaum

ein größeres Dorf oder Stadt ist im Erzgebirge, wo nicht im Turm eine

Hilgerglocke hängt und ihre Stimme tönen läßt. Lauschen wir einmal den

Klängen ihres ehernen Mundes und den Worten, die sie zu uns sprechen:

Auf der Jakobikirche zu Freiberg ruft uns die größte der Glocken,

welche 1684 Gabriel Hilliger goß und mit schönem Fries und dem

Hilligerschen Wappen schmückte, in lateinischen Reimen und Worten zu,

was ihre Lebensaufgabe ist:

~»Laudo deum _verum_, plebem voco, congrego _clerum_, mortales

_ploro_ defunctos festa _decoro_.«~

Ich lobe den wahren Gott, ich rufe das Volk, ich sammle die

Geistlichkeit, die Toten beweine ich, festliche Tage schmücke

ich.

Dieser lateinische Reimspruch aus dem Jahre 1684 ist ein alter

Glockenspruch, den wir auch auf der großen Glocke der Kreuzkirche

in Dresden von 1503 namens ~Scholastica~ finden. Sie hatte einen

Durchmesser von 1,82 ~m~ und war von Heinrich Kannengießer gegossen.

Diese Glocke in Dresden von 1503 versprach aber noch etwas mehr als

die von 1684 in Freiberg: »~pestem fugo~« stand noch im Glockenspruch:

»Ich verjage die Pest!« -- Es steckt im Kern darin der uralte

mittelalterliche Glaube, daß vor dem Glockenklang die Schlangen fliehn.

1684 hatte man in Freiberg entweder diesen Glauben nicht mehr, oder man

kannte die Furchtbarkeit der Pest nicht mehr, die im Mittelalter und

im Kriege als Würgengel die Städte und Dörfer durchschritt, während

unaufhörlich wimmernde Glockenklänge die Toten beklagten und die

furchtbare Seuche durch ihren heiligen Klang wie eine böse Teufelsmacht

verjagen wollten und jammernd zum erbarmungslosen Himmel ihre Hilfe-

und Gebetsrufe sandten. 1503 ist dieses »~pestem fugo~« noch ein

Glockenklang aus tiefstem Grunde der Zeit und des Volkes.

Die kleine Glocke in Hilbersdorf von Zacharias Hilliger gegossen und

mit seinem Wappen geschmückt ist auch solch ein Denkmal aus schwerer

Zeit, das mit eherner Zunge sein Schicksal kündet aus den Jahren des

Dreißigjährigen Krieges, als Freiberg und seine Umgebung bald von den

Kaiserlichen, bald von den Schweden, bald von Freund, bald von Feind

mißhandelt, geschunden und gemartert wurde. Die Umschrift der Glocke

lautet:

»Feuer durch Krieg nam Weck mein Hall Anno 1639

Gott gab mir wieder nawen Schall Anno 1641. ~Z. H.~«

Gar manche Glocken in Sachsen sind durch Krieg und Brand zerstört und

umgegossen worden und erzählen in kurzem Wort so ihr Schicksal. Die

Glocke der Liebfrauenkirche (Gottesackerkirche) in Zschopau wurde 1748

durch Brand vernichtet und meldet nun, was ihr geschah und was ihre

Aufgabe ist, mit folgenden Worten:

Für dem Brande dient ich Leichen,

Itzo da die andern schweigen

Ruf ich euch zu Gottes Wort

Laßt es seyn der Seelen Hort.

Anno 1751 goß mich Johann Christoph Hose.

Von den Glocken aus dem Reformationsjahrhundert, welche der Gießhütte

unsers Hilger entstammen, seien besonders zwei große Glocken der

Thomaskirche in Leipzig genannt. Wie oft mag ihr voller Klang das Ohr

des großen Thomaskantors Johann Sebastian Bach berührt und ihre tönende

Seele seinen Geist über die Niederungen des Lebens zu seinen ewigen,

gewaltigen Harmonien emporgetragen haben. Die Schlagglocke, 1,55 ~m~

breit, wurde 1539 auf Kosten des Rats von »Martin Hillger, Kannen- und

Glockengießer von Freyberg«, an Stelle einer zerbrochenen alten für

123 Schock 17 Gr. 3 Pf. gegossen. Zur Beschaffung der Glockenspeise

kaufte man eine alte Glocke von »eynem pfaffen«. Sie trägt außer der

Jahreszahl den Spruch aus dem 127. Psalm:

~»Nisi dominus custodierit civitatem frustra vigilat qui

custodet eam.«~

»Wenn der Herr nicht die Stadt behütet, wachen ihre Wächter umsonst«.

Der gleiche Spruch findet sich auf der Stundenglocke des Freiberger

Domes von 1540, die Martin Hillger nahezu gleichzeitig mit er

Leipziger Thomasglocke gegossen hat.

Die andere Thomasglocke von 1,72 ~m~ Durchmesser hat 1574 Wolff

Hilliger gegossen und mit seinem Wappen geschmückt. Die Rüstung für die

Glocke machte Hieronymus Freiberger und 21 Männer mußten die Glocke

zu ihrem luftigen Stuhle emporziehen, damit sie ihre Stimme erheben

konnte, wie ihre Inschrift sagt:

~In laudem aeterni dei, cui soli sempiterna gloria.~

»Zum Lobe des ewigen Gottes, dem allein ewiger Ruhm gebührt.«

203 fl. erhielt Wolff Hilliger für sein Werk.

Auch auf dem Turme der Stadtkirche zu Pirna, der so malerisch im

Stadtbilde steht, hängt eine Glocke von Wolff Hilliger aus dem Jahre

1561 mit lateinischem Spruche:

»~Ordine bis senas lux quaelibet exit in horas

hora sed in curas crescere quaeque solet.~

Wolf Hilger czu Freibergk gos mich.«

»Der Regel nach schwindet das Tageslicht binnen 12 Stunden.

In Sorgen pflegt aber jede Stunde zu wachsen!«

Es ist kein sonderlich froher Spruch, der hier auf der Stundenglocke

von Pirna seine Sorgenweisheit kundgibt: Jeder Schlag dieser

Sorgenglocke Ende einer Sorgenstunde? Anfang einer Sorgenstunde? --

Nein, die Sorgenglocke will vor unnützen Sorgen warnen, weil auch die

Sorgenstunden vergehen und auch die Sonne eines Sorgentages sich nach

12 Stunden neigen muß, so lang seine Stunden auch scheinen.

Nicht weit von Pirna, im Schlosse von Groß-Sedlitz ist eine Glocke von

Michael Weinhold in Dresden erhalten mit der Inschrift: »~Scias, qui

audis me admetiri partes vitae.~« Wisse, der du hörst, daß ich die

Teile des Lebens zumesse. Ein ähnlicher Gedanke ist es wie in Pirna,

zum Ernste mahnend, auf die Vergänglichkeit weisend, wie so manche

alte Sprüche an Sonnenuhren, z. B. »~Una ex hisce morieris~«. In einer

von diesen (Stunden) wirst du sterben, oder noch kürzer in zwei Worten

gesagt: »~Una ultima~«. Eine ist die Letzte.

Das Jahrhundert der Sorgen war in Deutschland vor allem das des

unheilvollen Dreißigjährigen Krieges. Im Jahre 1617, ein Jahr vor

Beginn des Krieges, wurde in Hennersdorf eine Glocke von Andreas Herold

auf den Turm gezogen, welche den Spruch verkündete:

»Ich melde Beten an, Sturm, Feuer, Leuchen, Pracht

Andreas Herold mich hat gemacht. 1617.«

Ist es nicht wie ein Sturmsignal, wie eine düstere Prophezeiung der

kommenden Not und Drangsale? Wenige Jahre nach Beginn des Krieges,

1621, klingt ergreifend der Glockenton von Röhrsdorf bei Pirna über die

Dächer ins Land hinaus als Gebetsruf zum Himmel sich schwingend:

~Da pacem domine in diebus nostris~

Jo. Hilliger ~F. anno MDCXXI.~

»Herr gib Frieden in unseren Tagen!«

Die Glocke von Lauter aus jenen schweren Zeiten, von Gabriel und

Zacharias Hilliger gegossen, weist aus dem Elend der Zeit auf die

künftige Herrlichkeit, im sinnigen Wortspiele den Namen des Ortes in

den Spruch aufnehmend:

»_Lauter_ Freud und Herrlichkeit

Ist den Frommen dort bereit.«

Das Jenseits als Ort der Zuflucht aus der Not des täglichen Lebens.

Das Glockengießen mag bald in jener Leidenszeit aufgehört haben und

die Stückgießerei mehr Anklang gefunden haben, ganz wie in unseren

schweren Weltkriegstagen. Mit Tausenden von Dörfern und Kirchen, die

in Asche sanken, schmolzen Glocken dahin, um nie wieder zum klingenden

Leben zu erwachen. Viele mögen auch zu Geschützen geworden sein!

Und wo noch Glocken in Dörfern auf den Türmen hingen, da schwiegen

sie, um nicht den Feind, der wie Wolfsrudel durch das Land strich,

herbeizurufen, und wenn eine Glockenstimme klang, dann kündete sie

Sturm, Mord, Brand, Elend und Tod. Neue Glocken aus dieser Zeit sind

kaum vorhanden. Sie hätten ja nur eine Stimme für Klagerufe, eine

Stimme mit Tränen haben können. In Lichtenberg bei Freiberg hängt auf

dem Turme eine Glocke von Gabriel Hilliger aus dem Jahre 1648, dem

Endjahre des großen Krieges, als seine stürmischen Wogen sich schon

sänftigten. Sie trägt Hilligers Wappen und die Umschrift: »~Si deus pro

nobis quis contra. anno 1648.~« Ist Gott für uns, wer wider uns! Man

spürt aus diesem Wort, wie neue Hoffnung und neues Leben mit starkem

Gottvertrauen sich regt, und doch ein gewisser kriegerischer Unterton

noch mitklingt, voller Luthertrotz. Die Kriegszeit stand noch zu frisch

vor Augen und Erinnerung und schwingt noch mit im Glockenklang.

Fünf Jahre später, 1653, wird in Niederpretzschendorf eine Glocke

desselben Gabriel Hilliger aufgehängt. Die weiß nichts mehr von den

Kriegsnöten zu berichten.

Libe Gott sag ich Lob, Preis und Dank

Mein Klang dich rufft zum Kirchengang.

Gabriel Hilliger zu Freibergk goß mich.

1653.

Wie das Läuten zum Sommertag einer behaglichen, friedlichen, ländlichen

Gemeinde scheint dieser Spruch dahinzuwallen über satte, saubere Höfe,

über wogende Felder, über rauschenden Wald. Dieser Spruch wäre zehn

oder zwanzig Jahre früher wohl kaum auf einer neuen Glocke denkbar

gewesen.

Das Leben nach dem großen Kriege mag freilich oft noch übergesprudelt

sein, und die leere Kirche mag manchem Pfarrherrn Gewissensnöte

gebracht haben, wenn die räudigen Schäflein seitab getrabt waren.

Ist es zu verwundern, wenn der Pfarrer von Markersbach sich 1660 bei

Gabriel Hilliger eine Glocke bestellt mit dem lateinischen Hexameter:

»~Campana vult populum sonans ad sacra venire~«. Die klingende Glocke

will, daß das Volk zur Kirche komme. Es ist freilich nicht überliefert,

ob die Markersbacher diesem Notruf ihres Pfarrers und ihrer Glocke

besser gefolgt sind als zuvor. Auch heute noch klingt ihre mahnende und

rufende Stimme über Dach und Dorf.

Noch zwei Glocken aus dem Jahrhundert des großen Krieges sollen uns

ihre Weisheit künden: Die große Glocke von Kreischa aus dem Jahre 1672,

von Herold gegossen, ruft uns ein musikalisch Gleichnis und Mahnung

zu, aus welcher auch ein gewisser Stolz des Gießers auf sein Werk

mitklingt: »Gleichwie die Glocken fein zusammenstimmen, also soll auch

unser Leben mit Gottes Wort übereinstimmen und ein feine Harmoniam

mit demselben machen.« Nichts von Krieg und Sorgen und Nöten, alles

Stimmung und Harmonie, als ob man in ein freundliches altes Pfarrhaus

schaut, wo Friede wohnt und gespendet wird und alle bitteren Gegensätze

sich aufzulösen scheinen, wo ein milder, musikliebender Pfarrer in

stiller Studierstube sich dieses zarte Mahnwort für seine neue Glocke

erdenkt -- und doch sieht das Leben so ganz anders aus; nicht die

Harmonien, sondern die Dissonanzen sind darin so oft bestimmend und

wirksam und machen die Menschen so oft elend! --

Die andere Glocke in Gersdorf bei Döbeln von 1696 kennt das

Leben besser. Im Westen verheerten schon wieder französische

Mordbrennerbanden das Land und im Süden bebten die Völker vor der neuen

Türkengefahr. Ihr Spruch lautet:

1696 Goß mich Johann Jakob Hoffmann von Halle.

»Zum Gottesdienst ich rufe zur Freud und auch zum Leid.

Ach Gott behüt für Feind und Feuers Noth Allzeit.«

Das ist schon wieder der Notschrei, wie er so oft durch unser deutsches

Land erklang und von den Türmen ins Land hinausrief, und der wie ein

bitteres Wehe durch unser deutsches Schicksal klagt!

Der Notschrei klingt auch aus der Stimme der kleinen Glocke von

Oberwiesa aus dem folgenden Jahrhundert:

»O Got las dir befohlen sein die Glocke und auch die Kirche

dein.

~Soli Deo gloria anno 1708~«

Der nordische Krieg mit dem kühnen Schwedenkönig Karl XII. hatte

seine blutigen Schatten bis ins Sachsenland geworfen. Vielleicht war

die Glocke der schwererrungene Ersatz für eine im Dreißigjährigen

Kriege verlorene. Ein volles Jahr lang, bis kurz ehe sie gegossen

wurde, hatte ein großes Schwedenheer im unglücklichen Sachsenlande

gelegen und nicht weniger als 23 Millionen Taler, ungerechnet die

Naturallieferungen herausgepreßt, sodaß unter diesem Drucke und unter

der ungeheuren Steuerlast, welche die teuere Hofhaltung August des

Starken und seine Leidenschaften erforderten, die Bauern kaum den

notdürftigsten Lebensunterhalt hatten. Die Zeiten des großen Krieges

schienen wiedergekehrt zu sein. Da wurde jedes Glockenläuten schon von

selbst ein Angstruf um Schutz für die Glocke und Kirche und damit für

die ganze Gemeinde, und wurde ihr Spruch so recht ein Ausdruck seiner

Zeit und ihrer Not und ganz besonderen Seelenstimmung.

Wenige Jahre später, im Jahre 1712, ließ in Crandorf eine Glocke von

Michael Weinhold zum ersten Male ihren ehernen Klang über die Dächer

dahinschallen mit lateinischen Worten: »~ignes festa. deum, stata

tempora, funera, plebem, nuncio, honoro, cano, denoto, ploro, voco.~«

»Feuer, Feste, Gott, bestimmte Zeiten, Begräbnisse, das Volk, melde

ich, ehre ich, lobsinge ich, bezeichne ich, beklage ich, rufe ich.« Man

hört es aus diesem Spruche schon, daß die Zeiten ruhiger geworden sind,

daß ein lateinsicherer Pfarrer sich heiß um diesen etwas holperigen

lateinischen Vers bemüht hat und gewiß sehr stolz auf ihn war. Wie

viele aber seiner Schäflein verstanden haben, was er in gut Deutsch

hätte sagen können, das mag ihn nicht sonderlich berührt haben. Er

kannte wohl seine Leute! Der feierliche Klang der fremden Worte macht

ja unverstanden oft tieferen Eindruck von geheimnisvoller Kraft auf

schlichte Gemüter als einfaches Deutsch. Man denke an Zauberformeln

u. dgl., deren Wunderkräfte meist nur in ihrer Unverstandenheit und

dem daraus entstehenden blinden Glauben an ihre Gewalt beruhen.

Immerhin ist es bei diesem Glockenspruche bezeichnend, daß ~ignes~,

die Feuersbrunst, und ihre Meldung als erste Aufgabe der Glocke an

der Spitze steht. Es mag doch nicht so ganz selten der Feuerruf nötig

gewesen sein.

Wem klingen dabei nicht Schillers wundervolle Verse durch Herz und

Ohr, in denen er die Feuersbrunst schildert und die Glocke als ihre

Künderin: »Hört ihrs wimmern hoch vom Turm? Das ist Sturm!« Wer denkt

nicht an den Spruch dieser unsterblichsten, ja ewigen Glocke: »~Vivos

voco. Mortuos plango. Fulgura frango~«? »Die Lebendigen rufe ich, die

Toten beklage ich, die Blitze breche ich«?

Dieser weltbekannte Glockenspruch Schillers findet sich fast wörtlich

auf einer Glocke in Reinhardtsgrimma aus dem 15. Jahrhundert: »~vivos

voco, fulgura frango, defunctos plango~«. Ob der Dichter diesen Spruch

gekannt und von dieser Glocke die Worte entnommen hat, welche er seinem

unsterblichen Gedichte vorangestellt? --

Daß die Metallmassen der Glocken einen Einfluß auf elektrische

Spannungen, d. h. die Blitzgefahr, haben und ihr Unheil abzuwenden

vermögen, ist eine Beobachtung und Erkenntnis, welche man im

15. Jahrhundert nicht vermutet. Erst in Schillers Tagen ist ja durch

Benjamin Franklin durch die Erfindung des Blitzableiters diese

Wirkung des Metalls technisch ausgenutzt worden, und unsere Zeit

erst faßt wieder alle Metallmassen an Dach und Haus zum gesammelten,

geschlossenen Blitzschutz zusammen, ein Gedanke, der im Kerne schon im

Glockenspruche von Reinhardtsgrimma aus dem 15. Jahrhundert liegt.

Doch kehren wir nun zur Gießhütte der Hilliger in Freiberg zurück.

Nicht bloß zahlreiche vielgerühmte Glocken mit trefflichem Klang und

Spruch und von schöner Form gingen daraus hervor, sondern auch die

köstlichen messingenen und bronzenen Grabplatten in der kurfürstlichen

Grabkapelle am Dome zu Freiberg, diesem herrlichen Mausoleum

sächsischer Kunst und Geschichte, und so manche Platte hie und da im

weiten deutschen Reich, die Stolz und Zierde ihrer Stätte ist. Aus

ihrer Hütte stammen auch zahlreiche figurengeschmückte, künstlerisch

durchgebildete Kanonen in reichen Renaissanceformen. Auch bei diesen

Geschützrohren zeigt sich die Lust am Sinnbild und Sinnspruch, am

derben Witz und kräftigen, treffenden Reimspiel. Wie während des

Krieges die 42 ~cm~-Mörser den Namen »Dicke Bertha« führten, so trug in

jenen Zeiten jedes Geschütz seinen Namen, der durch den künstlerischen

Schmuck und Denkspruch erklärt wird.

Aus der großen Reihe dieser Werke des Freiberger Gießergeschlechtes

seien nur einige ihrer Sprüche wegen hervorgehoben. Diese Sprüche sind

ausnahmslos deutsch und manchmal in recht grober, ungefüger Sprache

verfaßt, wie sie vielleicht zum rauhen Handwerk und den groben Stücken

am besten stimmte.

Der »Rautenkranz« vom Jahre 1557 war verziert mit Wappen und einem

Rautengewinde, das sich spiralförmig um das Rohr legte. Sein Sinnspruch

lautete:

»Ich bin genant der Rawtenkrantz,

mein Feind ich bin ein bitter Tranc.«

Der »Wilde Mann« trug als Schmuck zwei kniende, sich packende wilde

Männer mit den sich kreuzenden Kurschwertern und den Spruch:

»Halt fest, wilder Man

Was dw hast, las nicht gan.«

Die »Sachsenländerin« mit dem Spruche:

»Ich heis die Sachsenlenderin.

Wenn du meinst ich sei weit von dan,

so bin ich bei dir dinne«

Das »Krokodil« von 1574 verschoß Kugeln von 42 Pfund Eisen und brüllte

ins Feld seinen Spruch:

»Churfürst Augustus lies uns nennen

Die Crocodyl. Man wird uns kennen

In gantz Europa. Wo wir krachen

Muß man uns Thür und Thor aufmachen.«

Namen von Tieren waren besonders beliebt.

Das »Rhinozeros« trägt den schönen sinnigen Spruch:

»Renocerus thv mich nennen,

thvren vnd mavren ich thv trennen.«

Der »Wolf« oder »Isegrimm« mit einem Schaf im Rachen dargestellt, ruft

drohend den Spruch:

»Her Eisegrei bin ich genant

ich werf nider Maver und Wandt.«

Die »Sirene« vom Jahre 1635 trägt den in den ersten beiden Zeilen ganz

neuzeitlich klingenden Spruch:

»Dem Vaterland zv Schvtz

Dessen Feinden zvm Trvtz

Seind wir Sirenen Nvtz.«

Eine metallene Feldschlange von 1538, die auf dem Donatsturm stand,

wurde, wie die Beschreibung sagt, geschmückt »mit einem ›~Cupido~‹, der

mit seinem Pfeil auf einen vor sich auf dem Bauch liegenden geflügelten

Knaben nach dem Hintern zielet«, ferner mit einer »nackenden

Weibes-Person, spielt auf einer Violine ›ich bi de fitlerines‹«. Die

Melodie, welche diese fitlerine vom Donatsturme hören ließ, mag oft

nicht angenehm geklungen haben.

Der »Drache« vom Jahre 1637 droht mit folgendem Spruch:

»Ich bin auch als der Trachn

Spei Feier und Hagel aus mein Rachn

All mein Feinde toth zu machn.«

Und der »Drache« von 1573:

»Der Drach ists Teufels Bursgesel,

Bringt manchen blutig fur die Hell.«

Der »Bär« von 1607 warnt seine Feinde:

»Christian der Ander hat befohln

Uns Behrn zu gissen das wir soln

Sein Feind verfolgen mit Gewalt.

Hut dich. Mit Sachsen Fride halt.«

Der »Staar« vom Jahre 1572 läßt seine Stimme wie folgt vernehmen:

»Ich heis der Sprenclige Schwarze Staar

Mit dem Ich Red: Der Wirts Gewahr«

und der »Kauz« vom Jahre 1572 ruft mit derbem Humor:

»Ich bin genant der kleine Kauz

Hau manchem sehr hart vor die Schnauz.«

Solche kräftige Sprache gehört wirklich zum groben Geschütz! Ein

artiger Zufall ist es, daß 1914 eine im Gebrauch befindliche

französische Bronzekanone aus dem 17. Jahrhundert erbeutet und

im Lichthofe des Berliner Zeughauses ausgestellt war, in welche

nachträglich die Züge eingearbeitet sind. Sie ist mit schöner

Renaissanceform und Zierrat geschmückt und führt den Namen:

»~L’Hirondelle~«, »Die Schwalbe«! Ihr Spruch lautet:

»~Ultima ratio regis.~«

Es zeigt sich im Gegensatz zu den vorigen Kanonen darin der Unterschied

des deutschen und französischen Geistes: Der Deutsche bringt Spruch,

Namen und Sinnbild und den Zweck des Geschützes in einen inneren

geistigen Zusammenhang und zu kräftigem Ausdruck, er sucht in jedem

Ding den tiefen inneren Sinn. Der welsche Geist ist mit dem schönen

Namen und der Form zufrieden, der sinnige Zusammenhang ist ihm

gleichgültig. Daß »Die Schwalbe« des alten französischen Königs der

Bote für die Grüße der uns feindlichen Republik war und als ~ultima

ratio regis~ von den Feldgrauen des deutschen Kaisers eingefangen

wurde, das war ein besonders sinniges Spiel des Schicksals.

Diesen echt deutschen Zusammenhang zwischen Namen, Spruch, Bild und

innerer Bedeutung kann man auch an den deutschen Wappensprüchen

kennenlernen. Auch hier hatten die alten Freiberger Bürgergeschlechter

ihre eigenartige Prägung gefunden.

So zeigt das Wappen des alten Bürgermeisters Lorenz Fleischer, † 1584,

einen Mann mit Fleischerbeil und mit gewissem Bürgerstolz den Spruch:

»Es sind nicht alle Fleischhacker,

Die das Fleischbeil tragen so wacker.

Es steckt offt was darhinter mehr

Jedoch haben Handwerge auch ihr Ehr.«

Seine Gattin war eine Tochter des alten Geschlechtes der Alnpeck, das

einen Adlerkopf auf schwarzem Grund im Wappen führte mit dem Spruch:

»Hoho, du werther Geyers-halß

Frisch dran und thu ja fressen allß

Was falsch und übermutigk ist,

Bestreidt meine Feind zu aller Frist.«

Aus grauen Mauern und grünen Weiten Schauen und Sinnen auf Heimatwegen · 第 10 / 25 段