Ein besonders reimfreudiges, verslustiges Völkchen scheinen auch die

Ziegelstreichergesellen gewesen zu sein, die oft mit großem Geschick

ihre Einfälle den Dachziegeln anvertrauten. Von der Rechnung des

Wirtes im schwarzen Walfisch zu Askalon, die für den seßhaften Gast

in Keilschrift auf sechs Ziegelsteinen eingegraben stand, war ihnen

sicher nichts bekannt, denn viele Jahre später erst sang Scheffel sein

feuchtfröhliches Lied. Auch die beschriebenen Tontafeln von Babylon und

Ninive waren ihnen fremd, denn sie harrten noch tief unter Schutt und

Lehm der Ausgrabung, Auferstehung und Deutung. Aus sich selbst heraus

fanden die Ziegelstreicher den naheliegenden Zeitvertreib, sich ihre

einförmige Arbeit durch eingeritzte Inschriften auf den Dachziegeln zu

verkürzen. In den bildsamen, lufttrockenen, weichen Dachziegel ist mit

einem spitzen Werkzeug oder eisernem Griffel die Schrift und Verzierung

ziemlich tief eingegraben. Dann sind die Ziegel kräftig gebrannt und

beliebig auf diesem oder jenem steilen Dache, manchmal sogar mehrere

zugleich, mit den anderen weniger ausgezeichneten Ziegelgenossen

verlegt worden. Der älteste dieser Ziegel trägt die Inschrift »Anno

1692. J. W.«, der jüngste stammt aus dem Jahre 1839.

Es mag für die Ziegelstreicher ein lustiger, lockender Gedanke und

vielleicht manchmal nicht ohne gewisse Anzüglichkeit gewesen sein, daß

ihre Einfälle und Inschriften hoch über der Straße den Augen der Menge

entzogen waren, aber doch ein heimliches Dasein und Leben hatten, und

zwar nur vielleicht einmal einem Essenkehrer oder Ziegeldecker, den

Wolken und Vögeln sichtbar wurden, aber doch einem späteren Geschlechte

von ihnen künden konnten, wenn vielleicht längst ihr Leib in Staub

zerfallen war. Denn nur durch Zufall beim Umdecken alter Dächer kommen

auch heute noch ab und zu solche Ziegel zum Vorschein. Auf manchen

alten Dächern in Freiberg mögen noch hie und da solche bemerkenswerte

Ziegel ruhen, aber die meisten mögen verwittert, zerbrochen, mit

Kalk verschmiert, verrußt, unleserlich und unkenntlich geworden oder

verlorengegangen sein. Einzelne dieser seltsamen Ziegel sind in

Privatbesitz gelangt. Eine größere Anzahl befindet sich im Museum des

Freiberger Altertumsvereins, dem König-Albert-Museum. Die Schrift

ist klar und leserlich in schönem Schwunge und Verteilung meist in

lateinischen Druckbuchstaben scharf in den Ziegel geritzt und am Rande

des Ziegels durch Zierlinien in Bogenzügen schmückend eingerahmt und

abgegrenzt. Bei manchen dieser Ziegel fühlt man es, mit welcher Freude

und Stolz der Schriftkünstler sein kleines bescheidenes Meisterwerk so

schön wie nur möglich gestaltete und seine Geschicklichkeit zeigte.

Was schrieben nun jene einfachen Menschen auf die Dachziegel? -- Das,

wovon ihr Herz gerade voll war!

Da standen z. B. ein paar Gesellen im Ziegelschuppen, hatten

Frühstückspause, neckten sich, und sprachen von ihren Mädchen oder

Frauen: der brummige Alte dort hatte wohl öfter über sein Hauskreuz

geklagt. Ihm schreibt der Schriftkundige das steinerne Stammbuchblatt,

das er selbst dann rasch in den Brennofen schafft:

Ein altes Weib, ein Tudelsack,

das sumpt und brummt den gantzen Tag.

1822.

Wenn nur nicht seine Alte etwas davon erfährt! Jener Schwarze dort mit

den funkelnden Augen hat viel Glück bei den Mädchen. Sie laufen ihm

nach, er küßt sie und lacht und sagt zu seinen Gesellen:

»Alle Mätchen auf der Erden

wollen gern geweibet werden.«

Er denkt natürlich von ihm selbst geweibet und meint wohl: »Da habe ich

noch lange Zeit und große Auswahl für die »Heurath«, sonst gehts mir

wie unserem Alten dort mit seinem Stammbuchblatt.« Flugs schreibt man

dem Schwarzen sein Verschen von den »Mätchen« auf den Dachziegel und

setzt den Tag, »den 9. Juni 1822« darunter.

Ob er sein Glück gefunden hat?

Es klingt nicht gar so glücksgewiß von einem Ziegel von 1834:

»Es ist kalt, es ist kalt,

Und ist doch kein Winter.

Liebt mich mein Schatzgen nicht

Hol sie der Schinder.

den 28. Juni 1834.«

Ein anderer Ziegel, mit dem Datum »d. 9. Juli 1835« und einem Monogramm

gezeichnet, sagt schmachtend:

»Wenn ein hübsch Weibchen

kommt zu mir

Da mein ich es recht gut

mit ihr.«

Vielleicht ist der Schwarze doch noch sitzengeblieben und vertraut

seine Sehnsucht, Anschluß zu finden, dem nicht gar so redseligen Ziegel

an. Der steinerne Liebesruf oder Liebesbrief hoch auf dem Dache wird

kaum ein weibliches Herz erweichen.

Ein anderer Ziegelstreicher, namens Oehlschlegel, hat eine höhere

Auffassung von seiner Zukünftigen und vertraut seine Wünsche im Jahre

1832 in folgenden Zeilen dem Ziegel an.

»O Liebe willst du mich erfreun,

so laß mein Weib einst also sein,

recht schön damit sie mir gefällt,

klug, daß sie mich beständig hält,

und endlich wünsch ich sie auch reich

Doch ist sie nicht getreu zugleich

so sey sie englisch von Gesicht

und klug und reich, ich mag sie

nicht.«

_Oehlschlegel_

1832.

Er mag sein Ideal gefunden haben.

Wir wollen ihm wenigstens die Inschrift des Ziegels gönnen, aus welcher

das ersehnte und erfüllte Glück strahlt:

»Dich besten Engel, schönes Weib,

Dich lieben ist mein Zeitvertreib.

den 16 July 1836.«

Das Verhältnis zu dem anderen Geschlecht behandeln die Inschriften

öfter, denn offen wird eingestanden:

»Auf den Walltersdorffer

Ritterguth sind die

Mädgen den Bürschgen gut

den 8 Sept. 1810.«

Das steht auf einem Firstziegel und scheint in Waltersdorf gute

Tradition zu sein, denn 1838 heißt es:

»Der Ziegeldecker dreht sich

wie ein Rädchen,

Er liebet auch die hübschen Mädchen.

Waltersd. Zieg.

den 22 Mai

1838«

Es wird auch der Weg zur Gunst der Schönen gewiesen:

»Wer bey Jungfern will gut stehn,

muß wissen mit ihn umzugehn.

Freybergische Hochedle

Rats Ziegelscheune

d. 22 Juni

1810.«

Sie mögen es wohl öfter ausprobiert haben in lustigen Stunden:

»Alte Thaler und junge Weiber

sind die besten Zeitvertreiber.«

~F. C. Z.~ 1835.

Oder aus dem Jahre 1813 kurz und bündig:

Vivat es lebe Wein und Liebe

1813

~F. H. R. Z.~

Doch die leichte Ware dieser Gattung scheint doch nicht so ganz nach

ihrem Geschmack zu sein:

»Jungfern, die des Nachts auslaufen

sind um leichtes Geld zu kaufen.«

und mit Spott singt er dann, wenn die Folgen sich herausstellen, das

Verschen:

»Ey Mutter, kocht Ludeln, thut Gundeman nan,

mein Freyer wird kommen, wird Stiefeln anham,

ach wenn er nur käm, und das er mich nähm

und das der Spektakel von Leuten wegkäm.«

E. z. F.

Ja, es tauchen in dieser Beziehung Verse auf so derber Art, daß man

nicht bedauern kann, daß sie oben auf dem Dache so wenige, seltene

Leser fanden. Vielleicht ist mancher dieser Ziegel mit heimlicher

Anspielung auf einen Bewohner oder Bewohnerin auf diesem oder jenem

Dache verlegt worden.

Andere Verse reden von dem, was gut schmeckt:

»Fische, Vögel und Forellen

essen gern die Ziegelmachergesellen.

Waltersdorffer Ziegelscheine

den 28 May 1805.«

Von den Vögeln wird der Martinsvogel am wenigsten verachtet:

»Im Sommer mögen sich die Gänse baden,

Um desto schöner schmeckt uns dann ihr Braten.

den 7 July 1810 J. J. W.«

Dieser J. J. W. ist ein Arbeiter, namens Wolf, der in der »hochedlen

Ratsziegelscheune« tätig war und in manchem Verslein sich verewigt, so

manchen raschen Einfall nicht zu Papier, sondern zu Ziegel, Brand und

Dach gebracht hat:

»Man gebe auf die Trescher acht,

damit das Stroh wird rein gemacht.

den 11 Sept. 1819

J. J. W.«

oder:

»Nun kömmt die kalte Winterszeit, man sorge

für ein warmes Kleid.

Freybergische Hochedl. Raths Ziegelscheine, den 15

Okt. 1812. J. J. Wolf. Ein sehr kalter Wind.«

oder:

»Wenn Schnee und kalte Winde blasen,

verfolgt der Reuter und sein Hund die Haasen.

Freybergische Ziegelscheine. 1811.«

Eine Hasenjagd im Schneetreiben zu Pferde scheint nach heutigem

weidmännischem Brauch etwas eigenartig zu sein. Oder wurde der arme

Meister Lampe vor hundert Jahren gehetzt, wie man heute noch hie und

da, namentlich in England, den Fuchs hetzt?

In einem inneren Zusammenhang stehen drei Ziegel, die von der Liebe und

Freude des schlichten Ziegelstreichers an der Natur erzählen:

»Der Landmann streut mit allem Fleiß

den Saamen in die Erde aus.

d. 2 May 1839.«

In jenem Jahre muß die Saat recht spät in den Boden gekommen sein! Aber

14 Tage später macht er einen schönen Waldspaziergang und denkt dann

beim eintönigen Ziegelstreichen seiner grünen Freude:

»Geh ich in den grünen Wald,

sing die Vöglein jung und alt.

Waltersdorffer Ziegelscheune

den 15 Mai 1839.«

Fünf Wochen später freut er sich des wogenden Ährenfeldes:

»Begrüßt das schöne Saatenfeld,

wo schlank der Halm die Aehre hält.

W. Z.

den 21 Juni 1839.«

W. Z. bedeutet »Waltersdorffer Ziegelscheune«.

Ziegelinschriften politischer Art oder mit Anspielungen auf

Zeitereignisse kommen kaum vor. Der Gesichtskreis der Leute war eng,

und was außer diesem engen Kreise lag, berührte ihr Herz wenig. Nur

in einer Inschrift eines Ziegels aus der Burgstraße klingt es wie ein

Nachhall der napoleonischen Zeit:

»Trompet und Trommelschall ruft oft zum

Krieg und Tod. Nie freue uns der Krieg,

um Frieden bitte Gott!

Freybergische Hochedl. Raths-Ziegelscheune

Wolf. 1817«

Seit den fröhlichen Verslein von 1810, 1812 und 1813 waren die

Befreiungskriege an unserem wackeren Wolf vorübergebraust, und da

findet sein Griffel ernstere Worte. Doch eine bittere, ernste Inschrift

dürfen wir unserem Ratsziegeldichter Wolf noch zuschreiben, welche auch

in der heutigen Zeit von vielen Dächern als Klageschrei in unsre Ohren

schallen könnte. Der Ziegel stammt bezeichnender- und sinniger Weise

von einem alten, abgetragenen Grufthause des Donatsfriedhofes, als ob

dort die letzte Ruhestätte für Glaube, Liebe, Treu und Recht zu finden

wäre. Die Inschrift lautet:

»Glaube, Liebe, Treu und Recht haben sich alle vier

schlafen gelegt und wenn sie werden wieder

auferstehn, wirds besser in der Welt aussehn.

~F. H. R. Z.~ d. 21 Juni 1811.«

Die Buchstaben bedeuten: =F=reybergische =H=ochedle

=R=aths-=Z=iegelscheune.

Wir schauen in unsere Zeit und fühlen die Bitterkeit, den Schmerz und

doch wieder Glaube und Hoffnung auf eine bessere Zukunft, wie Wolf es

in seiner Inschrift ausgesprochen. Notzeit ist heute, da uns dieser

Ziegel vor Augen liegt. Notzeit war, als er geschrieben wurde. Eine

eigenartige Fügung will es, daß ein Ziegel mit ähnlicher Inschrift aus

ähnlicher Notzeit in diesen Tagen in Mecklenburg zufällig beim Umdecken

der Kirche in Lübz gefunden wurde:

»Globen, Leiw, Tru und Recht

Hebben sick all 4 slopenlegt.

Un wenn sei weder uperstahn,

Ward beter in dei Welt hergahn! Lübz 1628.«

Die Zeit des dreißigjährigen Krieges, in der diese Zeilen in den Ziegel

gebrannt wurden, hat mit der Zeit von 1811 und mit der Gegenwart, an

die der Spruch nun seine Weisheit richtet, vieles gemeinsam. Sorge

jeder, daß Glaube, Liebe, Treu und Recht auferstehen mögen!

Ganz andrer Art als die Ziegelstreichersprüche, welche nicht für

die breite, sondern nur für die »höchste« Öffentlichkeit bestimmt

waren, sind freilich die Sprüche, welche uns von den Portalen grüßen.

Verdanken die Sprüche auf den Dächern wohl meist nur einer scherzhaften

oder verliebten Laune oder einem Zeitvertreib ihr Dasein, so sind die

Sprüche an den Portalen Haussprüche, welche uns tief in die Seele

derer schauen lassen, die sie einst anbringen ließen, Sprüche, die

jedem Vorübergehenden etwas sagen sollten.

Die ältesten stammen aus einer Zeit, da das Innere der Menschen

und Völker aufgewühlt war durch die Fragen der Religion, durch

Glaubenskämpfe und Gewissensnot, da eine neue Weltanschauung sich Bahn

brach.

In der Petersstraße, dicht am ehemaligen Peterstor, steht ein

schlichtes Bürgerhaus mit gotischem, reichem Portal, einfachen

Fensterwänden aus Sandstein mit Stabwerk. Im Erdgeschoß befinden

sich reichgewölbte Räume mit Sterngewölben von besonderer Pracht und

Wucht. Der Bürgermeister Nikolaus Monhaupt erhielt 1469 vom Papste

die Erlaubnis zum Bau einer Hauskapelle. Hier baute er sich diese

Kapelle in seinem Hause und überspannte sie mit diesen kunstvollen

Gewölbebildungen, deren Rippen zu reichgegliederten Mustern sich

zusammenschließen. 60 Jahre später, im Jahre 1529, wurde hier, der

Überlieferung nach von Martin Luther persönlich, zum ersten Male das

heilige Abendmahl in beiderlei Gestalt gereicht, an welchem auch die

Herzogin Katharina, Herzog Heinrich des Frommen Frau Käthe, heimlich

teilgenommen haben mag. Die Schauseite des Hauses ziert eine alte

Schrifttafel aus Sandstein, welche auf diesen Vorgang hinweist. Die

Inschrift besteht aus lauter anscheinend zusammenhanglosen einzelnen

Buchstaben. Es sind die Anfangsbuchstaben der Einsetzungsworte des

heiligen Abendmahles. Die Überschrift bilden die Buchstaben: ~V · D · M

· I · Æ ·~, d. h. ~verbum domini manet in aeternum~, oder zu deutsch:

Gottes Wort bleibet ewig. In der untersten Zeile findet sich die

Jahreszahl 1529, aus welchem Jahre auch offenbar die Tafel stammt.

Dieser Reformationsspruch, ein Kampfruf und Wort des mutigen

Bekenntnisses, findet sich und war auch noch an anderen Freiberger

Häusern angebracht, sei es auch nur in Anfangsbuchstaben, sei es in der

deutschen Form, wie am Hause Pfarrgasse 18: »Gottes Wort Bleibet Ewik.«

mit der Jahreszahl 1528. Sechs Jahre also nach Luthers Übersetzung des

neuen Testamentes wurde einer seiner Kernsprüche an einem schlichten

kleinen Bürgerhause zu Freiberg in Stein gehauen.

Luthers Lehre war damals verboten, ihre Anhänger wurden verfolgt.

Die Häuser mit diesem Spruch waren die Stätten, an denen sich die

Bekenner der neuen Lehre trotz Not und Verfolgung zusammenfanden, um

in der Gemeinschaft Kraft und neue Erkenntnis zu suchen. Ein tapferer

Mut gehörte dazu und ein festes Herz, sein Haus unter dieses Zeichen

zu stellen. Bald freilich schwand unter Herzog Heinrichs milder Hand

die Gefahr, und er selbst ließ u. a. an besonders eigenartiger Stelle

diesen Spruch anbringen: ~Verbum domini manet in aeternum~ findet sich

nämlich mit der Jahreszahl 1538 und dem Sächsischen und Freiberger

Wappen sogar auf einer Bronzekanone, die der Gießer Hilger in Freiberg

für den Herzog goß. Die Kanone sollte als Glaubenskünderin so ihre

Stimme nach seiner Meinung besonders wirksam und überzeugend zur

Geltung bringen. Das ganze Denken war damals von diesen Fragen bewegt

und suchte überall Ausdruck zu finden.

Auf zahlreichen Glocken des Erzgebirges aus der Gießhütte der Hilliger

ist dieses Wort in Erz geprägt und ruft sein Bekenntnis mit eherner

Stimme in die Enge der Herzen und Häuser und in die Weite der Welt.

Auch in der Johanniskirche zu Leipzig trug die größte Glocke, welche

Wolf Hilliger 1553 goß, die Bekennerinschrift: ~Verbum domini manet in

aeternum.~

Auch auf einem der »Kleinodien« der Freiberger Bergknappenschaft, auf

dem silbernen Sinnbilde des Bergbaues »Schlägel und Eisen«, findet

sich dieser Reformationswahlspruch in lateinischer Sprache mit der

Jahreszahl 1534. Es ist dies ein Beweis, wie gerade auch die Bergleute

sich mit Feuereifer der neuen Lehre annahmen und in den Mittelpunkt

ihres Daseins stellten. Wird doch auch überliefert, daß die Bergleute

1517 den Ablaßmönch Tetzel vertrieben, verprügelt und um seine Gelder

erleichtert hätten.

Auf einem Spruchband dieses Kleinodes von 1534 findet sich noch der

Spruch: »Die Heier, die sind hochgenant, sie ritzen uf manche feste

band mit ihren klugen Sinnen, darmid sie es gebinen.«

Tiefer religiöser Sinn spricht noch aus vielen anderen dieser alten

Sprüche: Donatsgasse Nr. 23 schmückt das Haus eine Tafel mit dem Bilde

eines Bergmannes, der einen Barren Erz trägt, und mit dem Spruche:

Ich · Weis · das · Mein · Erlöser · lebt · 1 · 5 · 6 · 1 ·

Das Gedächtnis der Reformation wird gefeiert im Jahre 1617 durch einen

lateinischen Spruch, der an der alten Löwenapotheke angebracht ist:

~Sunt iubilo D. Mart. Luth.

magna huius pars est extructa

habitaculi in anno quo vox in

caetu est iubila laeta canens.~

D. h.: »Ein großer Teil dieser Häuser ist an dem Jubelfeste ~Dr.~

Martin Luthers errichtet worden, in dem Jahre, in welchem die Gemeinde

frohe Jubellieder anstimmte.«

Zur Zeit dieser Jubellieder ahnte man nicht, daß das deutsche Land

vor dem unermeßlichen Elend des dreißigjährigen Krieges stand, so

wenig wie man 1913 bei der hundertjährigen Jubelfeier der Schlacht bei

Leipzig ahnte, daß der Weltkrieg mit all seinem Elend und furchtbarem

Ausgang vor der Türe stand.

Luthers Geist und kernige Art spricht auch aus dem kurzen Hausspruch

von Burgstraße Nr. 10, der auf das stärkste Fundament für inneren und

äußeren Aufbau weist:

»Ich bau auf Gott« 1736.

Inniger Glaube, Gottvertrauen und Frömmigkeit klingt aus der Inschrift

eines Hauses der Erbischen Straße:

»1669. Der Hüter israel kann durch der Engelscharen

Diß Hauses Thür und Pfost für immer uns bewahren,

Hilf, daß ein jeder Christ, o Jesu, Lebensthür,

Der diese Schwell betrit Dich tieff in Hertze führ.«

Ein Haussegen ähnlicher Art ist der Spruch des Hauses Erbische Straße 9:

»Die Engel des Herrn behüten, bewahren dieses Haus,

Alle, so bei Tag und Nacht hier gehen ein und aus.«

Dieser Gedanke, das Haus unter den Schutz der Engel Gottes zu stellen,

findet auch in symbolischer Form seinen Ausdruck. Das schöne Portal

am Obermarkt, welches mit seinen reichen Formen dem Meister des

Georgentores in Dresden, Schickentanz zugeschrieben wird, eines der

frühesten Werke der Renaissance in Sachsen, schmücken im innersten

Türbogen drei Engelsköpfe. Nach dem mittelsten Kopf züngeln zwei

delphinartige Ungeheuer. In künstlerischer Form sagt hier der Erbauer,

daß die Engel Hüter vor den züngelnden Mächten des Bösen und des

Unheils an »des Hauses Tür und Pfost« sein sollen.

Gottvertrauen und Lebensmut spricht auch aus einer Haustafel aus

neuerer Zeit mit folgenden Worten:

»Im Jahre 1846 d. 23 Juli Nachts ¼ auf 12 Uhr

Wurde dieses Haus durch den Blitz ein Raub.

Der Jahre 1846--47 wurde es neu erbaut.

Wird Gottes heiliger Schild uns decken,

Wird auf uns ruhen Seine Hand,

Dann kann der Donner uns nicht schrecken

Und nicht des Blitzes schneller Brand:

Denn Treu wird Tag und Nacht

Dann unser Haus bewacht.

Johann Gottfriedt Kunadt.«

Dasselbe treuherzige Gottvertrauen, wie aus diesen Versen klingt

auch aus einem alten Wirtshausschild, das der ehrwürdige Gasthof zum

Goldenen Löwen zugleich als Sinnbild und Haussegen an seiner Schauseite

zeigt:

»Diß gast Hof Stehet in Gottes Handt

Zum Gülden Löwen wird es genant.«

An einem anderen Hause Alt-Freibergs ist sogar der seltene Fall zu

verzeichnen, daß sich der Bauherr und der Baumeister verewigt haben.

Es ist dies das kleine freundliche Stadttheater, welches 1790 aus

einem alten, stattlichen Bürgerhause, gegenüber der Nikolaikirche,

und benachbarten Gebäuden zum Theater umgebaut wurde und allmählich

sich zu seiner jetzigen Gestalt entwickelt hat. 1880 fand der letzte

größere Umbau statt, bei dem noch schöne Schmuckteile gefunden wurden.

-- Dieses Bürgerhaus erbaute sich einst der ehrwürdige Magister

Caspar Neander, Prediger an St. Nikolai, der dort im Anfange des

17. Jahrhunderts seines Amtes waltete. Er schmückte sein Haus mit

einem reichen Renaissanceportal mit ornamentierten Tragsteinen für die

profilierten Balken, mit reich gemalten Holzdecken, die er mit schönen

Profilen und vergoldeten Holzknöpfen besonders verzieren ließ. -- Es

ist bemerkenswert, daß dieser wackere Prediger auch die Schätze dieser

Welt durchaus nicht verschmähte, sondern glücklich mit Bergwerkswerten

spekulierte und gute Kuxe hatte, so daß er sich davon dieses stattliche

Haus bauen konnte, wie er in seiner Inschrift mit dankbarem Gemüt

mitteilt:

»Dis Haus Und all mein Fähr und Haab

Der Reiche Gott Aus milder Gab

Mir Bscheret hat durch Ausbeuth guth

Der halts auch stets in seiner Huth.

~M. C. N. C.~ 1623.«

1623, als der große Krieg schon fünf Jahre im Lande war, blühte also

der Bergbau noch ruhig fort, brachte Geld und Gut, »Fähr und Haab«

und ließ dieses stattliche Haus erstehen. -- Vielleicht hat aber der

würdige Amtsprediger Neander doch zuviel nach unwürdigem Irdischen

getrachtet, denn wie überliefert wird, ist er schon 1626 seines Amtes

entsetzt worden. Bei der Belagerung Freibergs durch die Schweden unter

Torstensson 1643 war er aber wieder Garnisonfeldprediger und stand

seinen Mann in schwerer Zeit.

Sein Baumeister, der »Mewrer« Michael Kästner ist nicht bei der

Errichtung des Hauses mit der Welt so zufrieden wie Neander, denn ihm

hat man beim Bau und nachher offenbar das Leben schwer gemacht, die

Besserwisser und Alleskönner, die Pflastertreter und Bierbankweisen

müssen ihn recht gekränkt haben, denn er läßt in den Sandstein hauen

und ruft uns über 300 Jahre zu und in das bunte Marktgewühl hinein:

»Man sagt wer baun Thut an die Gassen

Muß manchem Eine Feder lassen

Wenn ich es dann also wil han

Lieber was geht es dich doch an.

Michael Kästner Mewrer m 1623.«

Michael Kästner war offenbar ein Mann mit selbstsicherem Wesen, der

sich nicht das Reden und den Spott übler Zeitgenossen viel anfechten

ließ.

Hier über diesen Platz am Stadttheater, den Buttermarkt, raunt noch

ein anderer Spruch, freilich nicht in Stein gehauen, aber im Volksmund

lebendig: »Himmel, Hölle, Teufelskapelle.« Es liegt dort nämlich dem

Theater gegenüber die Nikolaikirche, und zwischen beiden am Platz die

alte Gastwirtschaft »Zur Hölle!« »Es hatten drei Gesellen ein fein

Kollegium.« Ein Reim oder Verslein ist auch heute noch in Freiberg sehr

bald gefunden und lebendig wie in früheren Jahrhunderten.

Die ehrwürdige Freiberger Schützengilde, welche die tüchtigen Bürger

zu kriegerischem, unabhängigem Geiste erzog, der sich nachmals in

der Schwedenbelagerung unter Torstensson so glänzend bewährte, hatte

sehr reimfrohe Mitglieder, denn ihre sogenannte Königstafel ist eine

ganze Sammlung von volkstümlicher Spruchweisheit. Sie ist ein flaches

bemaltes Schränkchen für Kleinodien und Urkunden der Schützengilde

und enthält die Namen sämtlicher Schützenkönige vom Anfange des

16. Jahrhunderts an nebst vielen Sprüchen und Reimen. Ein Spruch aus

dem Jahre 1626, d. h. also als der Dreißigjährige Krieg schon acht

Jahre tobte und Wallenstein, Tilly und Mansfeld mit ihren Heerscharen

durch die deutschen Lande zogen und Verwüstung und Verderben mit sich

trugen, hat folgenden Wortlaut:

»Wer ein Sohn hat, der gerne spihlt,

Eine Tochter die ihm heimlich stihlt,

Ein Knecht so schwatzet aus dem Haus’,

Ein Katz so nimmer fengt ein Mauß,

Ein Henn, die ihm kein Eyer legt,

Ein Schwein das nimmer Junge tregt,

Ein Weib so gantz geneigt zum Wein

Und stettig Herr im Hauß will sein,

Ein Dienstmaagd so geht mit ein Kindt,

Der man hat ein böß Haußgesind.«

Das Gegenstück zu diesem bedauernswerten »man« wird in folgenden Reimen

ebenda geschildert:

»Welcher hat ein Muht als ein Held,

Ein beuttel gut nimmer ohn geldt,

Einen hundt der deß nachts wol hutt,

Ein frommes Weib die allezeit gutt,

Ein kleineß Hauß und fröhlichen Mutt,

Rein gewissen und messig Gut,

Ein schönes Weib und wenig borg,

Kann allzeit lebenn ohne sorg,

Ein gesunden Leib der allzeit steht,

Der man hatt ein gutt Hausgereht.«

Der wackere Dichter dieser echt volkstümlichen Reime ist völlig im

Rechte, wenn er weiter singt und sagt:

»Eine Kunst die man verborgen held

Und nicht gebraucht zu nutz der Weld

Die gildt so viel, allß wer sie nit,

Drum wer was kan; dien andern mit.«

Er diente mit seiner Verskunst den anderen und ergötzte damit nicht nur

seine Zeitgenossen, sondern auch die wackeren Schützenbrüder späterer

Jahrhunderte.

Die Freude am Sinnspruch steckt den alten Freibergern, die ja alle mehr

oder weniger mit dem Bergbau verbunden und bergmännischen Geistes voll

waren, im Blute. Der Bergmann schmückt seine Geräte, insbesondere seine

Barte, die aus der Streitaxt entwickelte eigenartige Ehrenwaffe, mit

Bildern seiner Tätigkeit und Sprüchen von allerlei Prägung. Nur einige

Proben mögen dafür zeugen:

»Gib Zubus, arbeit, wart dein Zeit

Es folgt Ausbeuth, die dich erfreut.«

(Abbildung vor Ort arbeitender Bergleute.)

»Ich geh’ und fahre meine Schicht,

Ohn’ Arbeit ist nichts ausgericht.«

(Abbildung einfahrender Bergleute.)

»Halt Jesum, laß ihn nicht herauß,

Hilf ziehen, so schont Gott dein Hauß,«

Aus grauen Mauern und grünen Weiten Schauen und Sinnen auf Heimatwegen · 第 9 / 25 段