Bei der Aufzählung der Ratsmitglieder fällt auf, daß eine Reihe von

ihnen nicht aus Freiberg stammte. Da ist der Bürgermeister Kilian

Steck, von St. Gallen, der Kamerer Ludewig Budewitz von Erfurt, Hanß

Pocksch von Pauzen, Jakob Heindel von Lengefeld, Adam Bellmann, der

gelehrte Stadtschreiber, welcher die Urkunden verfaßt hat, stammt von

Sayda. Er setzt seinem Namen den Sinnspruch bei: ~Virtuti fortuna

comes~, auf deutsch »Das Glück begleitet die Tüchtigkeit« oder »Jeder

ist seines Glückes Schmied«. Er war also anscheinend von seiner

Tüchtigkeit und seinen Erfolgen sehr überzeugt. Seinem Ratskollegen

Christoph Rudolf von Leisnig gibt er auch ein paar lateinische Worte

mit: »Dieser war so arm, ~ut hostiatim quereret eleemosinar~«, d.

h., daß er um Almosenopfer bat. Soll diese Bemerkung für Christoph

Rudolf eine Auszeichnung sein oder einen Makel bedeuten? -- Im Bergamt

regierte »Herr Wolff von Schönberg, uf Reinsberg« als Berghauptmann.

Oberbergmeister war Martin Planer. Martin Planer war ein berühmter

Mann, ein hervorragender Techniker, der durch seine Tüchtigkeit dem

Bergbau großen Nutzen bis auf den heutigen Tag gebracht hat. Er hat

die großen Teiche im Hospitalwalde, den Hüttenteich, Erzengler und

Rotbächer Teich angelegt, in welchen er das Wasser für bergbauliche

Zwecke als Kraft aufstaute. Die Planersche (Kannegießer) Wasserleitung,

die aus dem Hospitalwalde kommt, führt heute noch seinen Namen. Er

führte im Bergbau die Wasserhaltung durch Kunstgezeuge ein, während

bis zu seiner Zeit das Wasser durch Göpel und Haspel, Pferde und

Knechte mit Kübeln bewältigt wurde. 38 Zeuge hat er so eingerichtet,

und er rechnet in einer Aufstellung aus, daß er dadurch jährlich

102400 fl. 8 gr., das sind rund 650000 Mark an Betriebskosten erspart

hat. In Posern bei Weißensee und in Artern hat er Salzwerke angelegt.

Der berühmte Brunnen auf der Augustusburg, 170 ~m~ tief in den

Felsen getrieben, ist von ihm erbaut. Auch am Ausbau des Schlosses

Freudenstein in Freiberg, das als prächtiger Renaissanceneubau unter

Hans Irmischs Leitung der Fertigstellung entgegenging, mag er nicht

unbeteiligt gewesen sein.

Noch andere bekannte Namen aus der Freiberger Geschichte werden

in unserer Urkunde genannt. Michael Schönleben der Ältere,

Oberhüttenverwalter, und Michael Schönleben der Jüngere, Hüttenreuther.

Sie sind die Vorfahren des Bürgermeisters Jonas Schönlebe, der Freiberg

gegen die Schweden verteidigte und die Bergmannskanzel im Dom stiftete,

und dessen Wappen heute noch an ihrem ehemaligen Hause, Obermarkt,

Ecke Erbische Straße von dem alten Geschlecht redet, das dort für

Freiberg lebte und arbeitete. -- Schließlich erwähnt die alte Urkunde

das, was in dieser Zeit gesteigerten religiösen Lebens und religiöser

Kämpfe alle Gemüter besonders bewegte, die Einigung auf die sogenannte

Konkordienformel: »Diese Zeit war die reine heilsame Lehre, wie der Hr.

D. Martin Luther seel. durch den heil Geist ans Tage Licht bracht, sehr

gefälschet, dadurch Churfürst Augustus, der Gottes Wort lieb hatte,

geursacht, uf Wege zu denken, damit die Verführer ausgerottet, und

das Göttl. Wort lauter und klar, rein erhalten würde, ließ die alte

Augspurgische Confession ufs neue drucken und ward ein Buch gemacht,

welches man die Concordiam nennete, welches viel Chur- und Fürsten im

Reiche unterschrieben, und alle Vornehme Theologen im Lande. Gott helf,

daß es wohl gerathe, und das Göttliche Wortt bis an der Welt Ende bey

uns bleibe.« -- -- --

Doch wir wollen uns nun der Erneuerung von 1731 und ihrer Urkunde

zuwenden. 150 Jahre stand die Peterskirche stolz und sicher. Die

Stürme des Dreißigjährigen Krieges und die zweimalige Belagerung und

Beschießung Freibergs hatte sie ohne Schaden überstanden, da traf sie

ein furchtbares Geschick. Unsere Urkunde berichtet: »Anno Christi.

Ein Tausend Sieben Hundert und Acht- und Zwanzig den 1. May an einem

Sonnabend, ist allhier in der Stadt Freyberg auf der Petersgasse

in Johann Jakob Schossens, eines Böttgers Hause (No. 6) vermutlich

durch Fahrlässigkeit eine Feuersbrunst entstanden, welche jähling

um sich gegriffen, und überhand genommen, daß nebst 16 in die Asche

gelegten Bürgerhäusern auch die Kirche zu St. Petri mit dem höhesten

Turm und den runden sogenannten Hahnsturme in den Brand geraten und

gänzlich verdorben, darbey aber der Glockenthurm noch unverletzet

stehen blieben.« Wie an anderer Stelle berichtet wird, löschte man

zwar von außen her ein paar mal von den Türmen, aber leider war in

der Kirche aller Rat und Hilfe vergebens. Der damalige Superintendent

D. Wilisch, welcher vor dem Altar auf den Knien betend lag, mußte

samt den übrigen Anwesenden der Gefahr wegen, sich zurückziehen, und

diese so schöne Kirche ward »mit allen ihren inwendigen Gemählden und

Denkmählern ein Morgenopfer der wüthenden Flammen«. »Um Mittag brach

das helle Feuer bey dem hohen Thurme heraus und nach etlichen Stunden

zerschmolz die Saigerschelle; der Knopf aber samt seiner Spindel fiel

in die Frühpredigerwohnnung durch das Dach, jedoch ohne zu schaden.«

Außer den stark zerstörten Umfassungsmauern und dem Glockenturm

blieb nicht viel von der Kirche übrig. Sie mußte fast völlig neu

aufgebaut werden. Unsere Urkunde sagt dazu: »E. E. Rath hat sobald

zu Wiederaufbauung der abgebranden Peterskirche sorgfältige Anstalt

gemachet, daß die äuserlichen Mauern um in den Schiffe, in der Höhe

mehreren Plaz zu gewinnen, annoch in besagten 1728ten Jahre erhöhet,

das Sparrwerk darauf gesezet, Ao. 1729, im Chore das alte Gewölbe,

welches nach der zwar anfangs gemachten Hoffnung, nicht zu erhalten

gewesen, abgetragen, und ein neues geschlossen, ferner ao. 1730 im

Schiffe das alte Gewölbe gleichfals abgetragen, Vier neue steinerne

Pfeiler von Grund aus, aufgeführet, und ein neues Gewölbe verferttiget,

auch die Fenster allenthalben adaptiret, in diesen 1731 Jahr aber,

die Kirche inwendig abgepuzet worden. Hiernechst hat man bey dem

eingeäscherten großen Peters Thurme zu Erhaltung des Mauerwerks anno

1728 nur einen Schauer aufgesezet, anno 1730 das Mauerwerk am Gesimsse

ausgebessert, mit großen neuen Ankern befestiget, und die hölzerne

Haube glücklich gehoben, solche auch ao. 1731 vollends ausgebauet, und

mit Kupffer gedecket, worauf heute den 6. July ao. 1731. Der große

Knopff aufgestecket, und diese Nachricht vor die liebe Posteritaet mit

eingeleget worden.«

In dem Berichte unserer Urkunde folgen nun die Namen von Kaiser,

König und Prinzen, von den Ratsmitgliedern, Stadtgeistlichen und den

Beamten des Bergamtes mit ihren alten schönen Titeln. Dann wird über

das kirchliche Leben berichtet und daran erinnert, daß im Jahre zuvor

(1730) das zweihundertjährige Jubiläum der Augsburgischen Konfession

gefeiert sei: Hierüber ist von diesem Jahre anzumerken gewesen: »In

Ecclesiasticis, daß man Gott sey gepreiset alhier zu Freyberg mit der

Protestantischen Kirche das Wort Gottes, rein und lauter prediget,

die beyden heil. Sacramente nach ihrer Einsetzung administriret, und

von andern Gottes Dienst, oder Religion nichts weiß, vielmehr bey der

unveränderten Augspurgischen Confession in völliger Gewissens-Freyheit

geblieben, auch in abgewichenen 1730 Jahre, das andere Evangelische

Jubileum hochfeyerlich begangen habe.«

Kurz wird über die Bergwerke u. a. berichtet: »Das Bergwerk ist unter

Göttl. Seegen aniezo in guten Flor und Aufnehmen.

In was vor Werth die Kuxe stehen, solches besagen die beygefügten

Ausbeuth-Zeddul.« Zum Schluß der Urkunde wird über den Holzmangel

bei den Bergwerken geklagt: »indem der Preiß desselben bey dem

gemeinen Einkauf gegen eine Zeit von 10 bis 12 Jahren noch einmal

so hoch gestiegen, daß man deswegen auf Künfftigen Zeiten sich

allerhand Besorgniß machet. Jedoch auch hierbey Göttlicher Providenz

vertrauet.« --

72 Jahre bis zum Jahre 1803 blieb der Turmknopf unberührt. Da meldete

der Türmer auf dem hohen Petersturme, Johann Gottfried Drese, »daß ihm

bey Zerstörung eines Dolennestes in der obersten Kuppel dieses Turmes

faules Holz in die Hände gefallen sey«. Die nähere Untersuchung ergab

zwar keine Einsturzgefahr, jedoch mußten größere Erneuerungsarbeiten

vorgenommen werden. Als die Kapseln für die alten Urkunden geöffnet

wurden, ergab sich, daß Feuchtigkeit eingedrungen war, obschon sie

fest verlötet schienen, und den Inhalt beschädigt hatte. »Auch eine

steckende Dunst verbreitete sich, wovon die Schriften und selbst die

beygelegten Münz Sorten einen sehr heftigen Gestank angenommen hatten;

da hingegen die im Knopfe ohne besondere Verwahrung aufgefundenen

Druckschriften fast ganz verfault befunden wurden.« Auch hier wird

über Teuerung geklagt. Es wird »bey den immer höher steigenden Preisen

aller Lebensmittel, ein zunehmender Verfall der bürgerlichen Nahrung

bemerket, so, daß für die Zukunft, wenn nicht dem städtischen Gewerbe

durch kräftige Maasregeln aufgeholfen wird, sehr traurige Zeiten zu

befürchten sind«.

Freiberg hatte 1802 eine Einwohnerzahl von 8299 Personen.

Nach kurzer Zeit, nach nur 17 Jahren, bereits im Jahre 1820, mußte die

Spitze des hohen Petriturmes aufs neue einer Ausbesserung unterzogen

werden. Es stellte sich heraus, daß das Gebälk stark verfault war

und Einsturz drohte. Es wurde daher »die Thurmspitze über dem

Durchsichtigen mit langen hölzernen Schienen belegt, mit eisernen

Ketten und starken Seilen zusammengeschnürt, und nun mit größter

Behutsamkeit, aber auch mit unaussprechlicher Gefahr die Fahne, der

Knopf und die eiserne Spindel abgenommen«. »Der Thurm wurde dazu vom

Durchsichtigen aus, äußerlich fünfmal übereinander, in 26 Ellen Höhe

berüstet.« In dieser Urkunde werden auch einige historische Notizen

gegeben. War doch die Zeit der Fremdherrschaft und der Befreiungskriege

noch frisch im Gedächtnis. Nachdem die Jahre 1803--1809 kurz behandelt

sind, heißt es weiter: »Nur wenig Jahre genoß Sachsen Ruhe; denn

im Jahre 1813 wurde dieses Land aufs neue von Franzosen, Russen,

Preußen und Österreichern mit Krieg überzogen und unaussprechlich hart

mitgenommen. Freybergs Einwohner insbesondere hatten, was schon bey

den im vorhergegangenen Jahre 1812, und in den Jahren 1806, 1807,

1808 und 1809 stattgefundenen Durchmärschen zahlreicher Heerschaaren

ausländischer Kriegvölker in fast unerträglicher Masse auch der Fall

gewesen, durch kostspielige Verpflegung dieser Soldaten nicht nur,

sondern auch durch andere, ihnen von den Heerführern und ausländischen

Behörden, welche nach der Völkerschlacht bey Leipzig im Oktober 1813,

und nachdem Sachsens ehrwürdiger König in fremde Gewalt gerathen

war, unter dem Namen General-Gouvernement dieses Land beherrschten,

aufgebürdete Leistungen unendlich viel zu dulden und die ganze hiesige

Commun kam noch überdies in Gefolg dieser anhaltenden, bis in Jahr

1815 fortgedauerten Kriegsunruhen in eine Schuldenlast von nahe an

200000 Thlr. Der 18. September 1813 war insbesondere für Freyberg ein

schrecklicher Tag, indem in den frühesten Morgenstunden dieses Tags

der österreichische General Scheiter mit Freyjägern und Dragonern

hiesige Stadt, in welcher französische und westphälische Truppen sich

eingeschlossen hatten, überfiel, wobey im Rathause ein Wachtmeister

erschossen ward.«

Die Einwohnerzahl Freibergs betrug 8320 Personen, also fast genau

derselbe Stand wie 1803.

Berghauptmann war zu jener Zeit Siegmund August Wolfgang Freiherr von

Herder, der letzte große ungekrönte König des Bergbaues, der Sohn des

Dichters Herder, der seinen Vornamen Wolfgang von seinem Paten Goethe

erhalten hatte. Goethe war mehrmals bei ihm in Freiberg zu Gaste und

holte sich hier Anregungen für seine mineralogischen Studien.

Den Kapseln waren auch alte Ausbeutebogen beigefügt, aus welchen die

Namen längst verschwundener Schächte mit seltsamem altertümlichem

Klange uns grüßen, ferner ein Stadt-, Land- und Bergkalender vom Jahre

1822 und andere Schriften.

Ein gewisser Humor liegt in der Form, in welcher der Bauschreiber

des Jahres 1803 seinen Namen dem Gedächtnis zu überliefern suchte.

Auf einem Pergamentblatt von Besuchskartengröße schreibt er in

schöner Druckschrift: »Bauschreiber E. E. Raths war im Jahr 1803 Hr.

Johann Christian Friedrich Herrmann 51 Jahre alt, mittlerer Statur,

belebten Temperaments.« Dies Blättchen hat er offenbar heimlich mit

eingeschmuggelt und so seine Verewigung im Turmknopf erreicht.

Besonders interessant sind die Beigaben von Münzen. Im Jahre 1803

wurden die aufgefundenen Münzen der Beigaben von 1580 und 1731 und neue

Münzen in einer sehr schönen, aus Serpentin gedrehten Dose gesammelt,

zusammen 26 Münzen. Sie haben zum Teil noch Stempelglanz.

Die ältesten Silbermünzen sind vom Jahre 1559 und 1580. Sie zeigen in

sehr schöner Prägung, mit der sich unsere jetzigen Münzen bei weitem

nicht messen können, auf der Vorderseite das Bild des Kurfürsten

August mit dem Kurhut auf dem bärtigen Haupte und dem Kurschwert über

der hermelingeschmückten Schulter, auf der Rückseite das einfache

sächsische Wappen mit den Kurschwertern. Unter den Münzen von 1731

ist besonders bemerkenswert ein Speziesthaler von 46 ~mm~ Durchmesser

mit dem Bilde des Königs Friedrich August mit lang herabwallendem

Lockenhaar mit einem Lorbeerkranz. Die Rückseite zeigt das sächsische

und das polnische Wappen unter der Königskrone. Die Münzen des

Jahres 1822 sind in einer stark verzinnten Blechdose verwahrt. Es

sind 13 Stück und sie zeigen fast alle noch Stempelglanz. Auf der

Vorderseite das Bild König Friedrich Augusts, auf der Rückseite das

sächsische Wappen. Drei dieser Münzen sind für Freiberg besonders

bemerkenswert. 1. Ein Ausbeutethaler mit der Umschrift auf der

Rückseite »Der Segen des Bergbaus«. 2. Ein Speziesthaler von 46 ~mm~

Durchmesser. Auf der Vorderseite das Bild des Königs in starkem Relief,

matt gehalten auf poliertem Grund, auf der Rückseite das Bild der

Grube Bescheert Glück mit der umgebenden Landschaft und der Umschrift:

»Beschert Glück Fdgr. Ohnweit Freiberg« und der Unterschrift: »Kam

in Ausbeuth im Quartal Crucis 1786 ¹/₅ Mark Fein Silber.« 3. Eine

Denkmünze von 67 ~mm~ Durchmesser vom Jahre 1818 mit dem Bilde des

Königs Friedrich August matt auf blankem Grund in starkem Relief mit

der Umschrift: »Friedrich August König von Sachsen seit 50 Jahren

Vater seines Volks und Beschützer des Bergbaus«. Unter dem Kopf des

Königs im ovalen Ring einer Schlange, die sich in den Schwanz beißt,

das Datum »Am 15. Sept. 1818«. Am erhabenen Rande darunter stehen die

Worte: »Gott seegne Sachsen«. Die Rückseite zeigt das Bild der Grube

Himmelsfürst, matt gehalten auf blankem Grund, das mit seinen Fichten

und Häusern sehr reizvoll wirkt. Die Umschrift lautet: »Himmelsfürst

Fundgrube hinter Erbisdorf gab seit 50 Jahren 1100458 Thlr. 16 Gr. --

Ausbeute.« Unter dem Relief ist Schlägel und Eisen angebracht und auf

dem erhabenen Rande darunter die Worte: »Gott erhalte den Bergbau.«

Hundert Jahre sind vorübergezogen, seitdem diese Münzen dort oben im

Turmknopf ihren Platz gefunden. Auch unsere Zeit hat in ähnlicher

Art der Nachwelt kurzen Bericht überliefert und mit den Urkunden von

1822 und 1803 im Turmknopf geborgen, während die stark beschädigten

Urkunden von 1580 und 1731 im Urkundenarchiv des Stadtrates aufbewahrt

werden. Jedoch nicht blankes, hartes Geld nahm dieses Mal die Kapsel

auf, sondern als echten Ausdruck unserer Notzeit unser Notgeld von

Papier, unsere Nahrungsmittelkarten und Bezugsscheine.

Die neue Urkunde schließt mit den Worten: »Mögen, wenn einst diese

Kapsel wieder geöffnet und diese Urkunde gelesen wird, glücklichere

Zeiten in unserem Vaterlande sein. Möge in einem neuen stolzen Reiche

ein kräftiges, tüchtiges, junges, selbstbewußtes deutsches Geschlecht

in Frieden den Segen und die Früchte seiner Arbeit genießen zu eigenem

Glück und des deutschen Namens Ehre!

Das walte Gott!«

Nun ist der Mund des einsilbigen Knopfes da oben wieder geschlossen,

und ob die Sonne ihn mit heißem Strahl durchglüht, ob der Mondenschein

mit silbernem Glanz ihn umhüllt, ob knisternd oder krachend elektrische

Ströme und Funken ihn umzucken, oder ob geschwätzige Regentropfen auf

seiner blanken Schädelwölbung trommeln, er wird schweigend in die

Ferne schauen, einsam der Einsamkeiten tiefste schauend unter seinem

Fuß, denn er ist älter als alles Leben um ihn, er sah und hörte mehr

als irgend ein Auge und Ohr der vergänglichen Wesen dort unten, er muß

allein sein, ein Einsamer bleiben, um von Höhengedanken beseelt seines

Daseins Hochziel zu erfüllen. --

Oh, hätten wir recht viele solche Knöpfe, hoch geartet, alles

überschauend, viel Inhalt, aber wenig redend!

Spruchweisheit in alter und neuer Zeit.

Unser Volk, das Volk der Denker und Dichter, hat immer seiner Seele

tiefstes Fühlen in feste Formen gebannt. Nicht nur in Heldenlied und

Sage, sondern auch im wuchtigen Hünengrabe, im stolzen steinernen

Male, um das die Vergangenheit märchenhaft rauscht und raunt, im

rheinischen Dome mit der anmutigen Zier der Zwerggalerien und

Säulchen, im gotischen Münster mit himmelstürmenden Türmen und zur

Andacht geheimnisvoll zwingenden Hallen, schaut uns die Seele unserer

Vorfahren, die ja auch unsere Seele ist, aus tiefen, mächtigen Augen an.

Manche Sitte, manches Wort aus uralter, nebelgrauer Zeit klingt

noch heute in unser Kulturleben hinein, und in Volksbrauch, Festen,

Aberglauben, Namen und Zeichen sehen wir die Spuren des Geistes

germanischer Urahnen und mittelalterlicher Gedankenwelt.

Das gefundene Hufeisen, welches das Schulkind als glückbringend

heimträgt, verbindet es wie mit einer eisernen Brücke über den

Strom der Zeit und vieler Jahrhunderte hinweg mit dem blonden

Germanenkinde im deutschen Urwalde, das im Sausen des Sturmes in den

Wipfeln der Eichen den Götterkönig von Walhall, Wodan, auf seinem

schwarzen Rosse daherbrausen sah. -- Das uralte heilige germanische

Zeichen des Hakenkreuzes und das Symbol des Sonnenrades kehrt in den

Kunstäußerungen der ganzen deutschen Vergangenheit bis auf die neueste

Zeit immer wieder.

Wie der alte Germane mit Runen und heiligem glückbringenden Zeichen das

Gebälk oder die Tür seines Hauses schmückte und jedes Gerät, jede Waffe

vor allem, mit seiner Hausmarke versah, wie er in seinen Schnitzereien

in wundersamen Rankenzügen und Verschlingungen geheimnisvolle Dinge

rätselhafter Symbolik erzählte, so ist auch in den Steinbauten des

Mittelalters das Steinmetzzeichen Rune und Hausmarke zugleich,

so spricht aus den alten Fachwerkbauten mit ihren eigenartigen

Balkenstellungen und Holzverteilungen eine tiefe Symbolik, die allerlei

menschliche und übersinnliche Beziehungen auszudrücken vermochte.

Die bunten Schnitzereien der Holzhäuser in unseren mittelalterlichen

Städten sind nicht nur lustiger, sinnloser Zierrat. Nein, sie sollen

auch etwas sagen und erzählen und dadurch dem Hause einen besonderen

Charakter und geistiges Antlitz geben. Das geistige Leben und das, was

die Erbauer besonders erfüllte und beschäftigte, wird darin offenbar

und lebendig.

Sinnvolle Beziehungen zwischen dem Hause und seinen Bewohnern, zwischen

Gerät und dem Besitzer fanden ihren Ausdruck und drängten sich zusammen

in einem Bildwerk oder einer Tafel oder einem Hausspruch oder einem

Schmuckstück eigenwilliger Art.

Persönliche Erlebnisse und Anschauungen und die großen Zeitereignisse

spiegeln sich oft darin wieder, und es ist darum die Sammlung und

Erforschung solcher Haussprüche und Gerätesprüche, wie sie z. B. die

Vereine für Volkskunde betreiben, ein wichtiger Beitrag zum Lebens-,

Kultur- und Geistesbilde unseres Volkes.

Während in früheren Zeiten der Städte wohl jedes Haus seinen besonderen

Namen trug, ist dies auch in kleinen Städten heute fast nur noch bei

den Wirtshäusern, Gasthöfen und Apotheken erhalten geblieben.

Wie anheimelnd klingen Namen von Bürgerhäusern wie z. B. »Das Haus zur

weißen Tür«, der Löwe, der grüne Sittich, das goldene Schiffchen, zum

Läubchen, der Lindwurm, usw. Ein Haus in Würzburg hieß »Zum großen

Schmied Wieland«. Das Haus hatte einst wohl einem Schmied gehört, der

sein Haus nach dem alten deutschen Patron der Grobschmiede nannte.

Der Lindwurm und der Schmied Wieland führen uns so aus lebendiger

Gegenwart zur deutschen Sagenwelt, zu den frischen Quellen der Jugend

unseres Volkstums zurück, das Haus »Silberschmied zum gekrönten Hecht«

an den Märchenborn sonniger Kinderträume. Manche solcher kleinen

Namenskleinodien sind noch hier und da zu finden und zu erlauschen.

Die Erhaltung solcher Namen und charakteristischer Hauszeichen,

wo man sie nur finden mag, ihr Schutz vor Entstellungen oder ihre

künstlerische Ausgestaltung in wirksamster Weise sollte eine besondere

Sorge ihrer Besitzer und aller Heimatfreunde sein.

Eine Sammlung aller Hauszeichen, Hausmarken, Spruchbilder,

Innungszeichen u. dgl. würde uns manche ungeahnten Schätze deutscher

Kunstübung und deutschen Wesens vor Augen führen und zeigen, woran wir

lernen können, wie in früheren Jahrhunderten Reklame mit Kunst und

kerniger Volksweisheit, tiefes Empfinden mit praktischem Wollen und

Können Hand in Hand gingen.

Schauen wir uns nur um in den alten Städten und forschen wir in dem

Erbe, welches unsere Väter in den Straßen und Plätzen, in Kirchen und

Häusern, in Akten und Archiven hinterlassen haben, reicher und reicher

werden die Quellen fließen. Für uns selbst und für unsere Zeit und

Zukunft werden wir gewinnen! Paul Graf von Hoensbroech sagt in seiner

Schrift »Wenn die Toten erwachen«:

»Nehmet die Wünschelrute deutschen Findergeistes in die Hand,

durchwandert mit ihr die deutschen Städte, die deutschen Fluren, die

deutschen Wälder, die deutschen Berge: und ihr werdet Quellen finden

und erschließen, aus denen Tiefsinn und Schlichtheit, Schönheit,

Großartigkeit und Anmut, Kraft und Milde, Erhabenheit und Einfachheit

in Überfülle hervorsprudeln als segenspendende Ströme für unser Volk

und für die Welt.« --

Der alten Berghauptstadt Freiberg hat in älterer Zeit nicht nur der

Silberbergbau, der seine kulturfördernde Kraft für das ganze Land

segensreich erwies, sondern auch die sich herausbildende Eigenart des

echt deutschen Volkslebens und blühender bergmännischer Sitten und

Gebräuche ein besonderes Gepräge gegeben.

Der Bergbau ist freilich zur Rüste gegangen, und die alten

charaktervollen Bergmannsgestalten sind verschwunden. 1913 wurde die

letzte Schicht verfahren. Aber in tausend Erinnerungen lebt sein Wesen

und der Ausdruck seiner besonderen Art in Freibergs Mauern noch weiter.

Versetzen wir uns einmal in die noch nicht gar lange entschwundene Zeit

zurück, um manches Gewordene und Erhaltene zu verstehen, nehmen wir die

Wünschelrute deutschen Findergeistes, mit welcher gerade der Bergmann

so häufig nach verborgenem Erze forschte, zur Hand, und wir werden

wertvolle Aufschlüsse finden.

Der Bergmann, welcher in der stummen, geheimnisvollen Tiefe seiner

dunklen Schächte sein Berufsleben abgeschlossen verbringt, erhält eine

ganz besondere Ausprägung des Charakters. Sein geistiges und seelisches

Leben wird dort unten wunderbar berührt und angeregt. Bei den

gefahrdrohenden Mächten der Tiefe, die nur spärlich sein Grubenlicht

erhellt, streckt sich und sehnt sich sein Inneres zum Licht: In der

Weltentrücktheit baut er sich in seinem Inneren eine neue Welt auf,

in der auch bunte Kristalle der Phantasie und Silberadern geistiger,

höherer Werte schimmern.

Fromm und gottesfürchtig, arbeitsam, zufrieden und genügsam, dabei auch

oft voll kecken Übermutes und Freude an Scherz und Neckerei, steckt

er voller Spruchweisheit. Er drückt gern sein Empfinden in Reimen und

Verszeilen aus. Die Bergsänger mit ihren »Bergreyhen« erinnern an die

Barden, die einst das Heldenlied pflegten, oder an die Bänkelsänger,

welche von Ort zu Ort zogen. Die Bergmusikanten mit ihren Liedern und

eigenartigen Instrumenten waren überall im ganzen Lande gern gesehene

frohe Gäste. So ist es denn nicht wunderbar, daß gerade in Freiberg

eine Fülle von Reimen und Zeilen alter Spruchweisheit erhalten und

durch die Überlieferung bewahrt geblieben ist, daß auch heute noch in

Freiberg so mancher ehrwürdige Hausspruch und bergmännischer Zierrat

uns grüßt, und daß diese echt deutsche, uralte Sitte, durch Sinnbild

und Sinnspruch zum Denken und sinniger Betrachtung anzuregen, oder

durch Sprichwort oder Neckwort zu mahnen, zu reizen oder zu spotten,

auch in weiteren Kreisen heimisch wurde und sich auf allerlei Geräte

und Stellen ausdehnte, an denen sonst ein Spruch nicht gesucht wird.

Aus grauen Mauern und grünen Weiten Schauen und Sinnen auf Heimatwegen · 第 8 / 25 段