von Räumen und neuen Dingen, die noch keine Geschichte haben? Gar
manches wäre noch der Beachtung wert. Da hängt in der großen Diele
ein mächtiger Kronleuchter aus Holz von der bunten Balkendecke
herab, der in eigenartiger Zusammenfügung und Gestaltung schlichter
erzgebirgischer Volkskunst dem Raume einen volkstümlichen Heimatklang
verleiht. Da steht in der kleinen Stadthausdiele auf der Treppensäule
frei im Raume die Gestalt eines Bergmanns mit dem Wappen der Stadt und
einem großen Hammer über der Schulter, der Sohn der alten Bergstadt,
der über ihr Wohl und Wehe, über Recht und Ehre Wacht hält. Da hängt an
der Wand das eiserne Kreuz, welches 1915 opferbereite Hände nagelten.
»Dies Denkmal eisenharter Zeit,
gehüllt in schlichtes Eisenkleid
künde der Heimat Dankbarkeit«
ist sein Widmungsspruch.
Welche Gedanken und Erinnerungen werden da lebendig. Dinge, die keine
Geschichte haben? Ach, wir haben Geschichte erlebt, daß uns das Herz
stolz und groß und doch wieder weh und wund wie von sieben Schwertern
wird. --
Ein großes Schlachtenbild von 1870 hängt dort an der Wand, wo stolz der
Kommandeur mit seinen Offizieren hoch zu Roß auf der Höhe hält; die
besiegten und gefangenen Franzosen ziehen ab, und Sieg klingt es wie
mit jubelnden Fanfaren aus dem Bilde. Wir haben Geschichte erlebt!
Einst hing dieses Bild im Kasino der Offiziere des Freiberger
Jägerbataillons Nr. 12, das ruhmbedeckt aus dem Weltkriege heimkehrte.
Das Offizierkasino ist nicht mehr. Das Rathaus nahm das Bild als Zeugen
ruhmreicher Tage des der Stadt so eng verbundenen Bataillons in treue
Verwahrung. Unser Herz ist stolz und wund!
Unten im Rathausflur ist die große Ehrentafel mit den Namen derer,
die treu im Dienste der Stadt gestanden, ihr Leben dem Vaterland
geopfert haben. Lang sind die Reihen, zahlreich die Namen, welche
uns die Treue bis in den Tod für Vaterland und Heimat predigen. Eine
trauernde Mutter mit ihrem Säugling im Arm als Sinnbild der verlassenen
Familie, ein bärtiger Krieger mit Stahlhelm in der Hand, das Sinnbild
des treuen Kameraden, stehen links und rechts von den Namen der
dreiteiligen Tafel. Unser Herz ist wund, wenn wir ihrer gedenken, und
an das deutsche Leid, die dunkle Zeit seit jenen Tagen, doch wenn wir
zurückschauen in unsere Geschichte, die Geschichte der Heimat, deren
stummer Prediger auch das alte Freiberger Rathaus ist, dann spüren wir
die Gewißheit, daß aus dem Heimatboden und der Heimatliebe neue Kraft
emporwachsen wird.
Die Freiheit und das Glück der Heimaterde kann nur aus dem Heimatgeist
geboren werden. O Heimat, Heimat, wann wirst du erwachen, wann wird
dein Tag kommen und neuer Heimatstolz deinem Morgen lachen?
Wir stehen wieder auf dem Obermarkt und um uns hastet, lärmt und eilt
das tägliche Leben. Da hebt das Häuerglöckchen vom Petriturm, der hoch
in den Markt hereinschaut, zu rufen und zu klingen an, so wie seit
Jahrhunderten seine helle Stimme mahnend über die Straßen, die Dächer
und Giebel ging. Mitten im lärmenden Leben drängender Gegenwart faßt
uns der Zauber der Vergangenheit, der Zauber der alten Stadt, welcher
Geschichte und Kunst, Bergmannsleben und Bürgerkraft einen besonderen,
eigenartigen Charakter gegeben hat.
Glück auf! Glück auf! Du alte getreue Bergstadt! Hüte deine
Vergangenheit, dann blüht dir der Segen der Zukunft!
Was der Petriturmknopf erzählt.
Eines Tages schaute aus der obersten Turmluke hoch über den Glocken des
hohen Petersturmes ein Mann heraus. Das war ein seltener Besuch dort
oben in luftiger Höhe, und erregt flatterten und kreischten die Dohlen
um den funkelnden goldenen Turmknopf und die knarrende Wetterfahne.
Was wollte dieser Eindringling dort oben im Reiche der Dohlen, der
Schwalben und Fledermäuse, hoch über den Glocken, wohin nicht Treppe
noch Leiter führt, sondern nur gefährliche Kletterkünste über den
Bronzeleib der Glocken, durch Streben, Stiele, Sparren und Gebälk?
Im Sturme hatte die Spitze des Turmes geschwankt, und die Wetterfahne
mit dem eisernen Gestänge hatte sich geneigt. Heute fand der
Zimmerpolier Dietrich, daß das Holzwerk des »Kaiserstils«, welcher
die eiserne Spille der Wetterfahne und des Turmknopfes trägt,
morsch geworden und ihr Absturz möglich war. Da galt es denn, die
Turmspitze über den Glocken zu erneuern, denn auch Streben und Sparren
hatten gelitten. In schwindelnder Höhe schoben sich nun Balken und
Streben, Stiele und Zangen heraus und fügten sich zu kühner, luftiger
Konstruktion, anzuschauen von unten wie ein zierliches, feines
Gespinst, das die Konturen der schlanken Spitze umhüllte und in dem die
Männer wie kleine Spinnen kaum sichtbar umherstiegen.
O wie weit und wie frei ist von dort oben der Blick! Auf dem Turmknopf
hab ich gestanden und über die Wetterfahne weggeschaut in blaue,
unendliche Fernen, in schimmernde Sehnsuchtsweiten, wo Erde und Himmel
eins sind, und habe jäh hinabgeblickt in die Tiefe unten, in die
Straßen und Höfe der Stadt, wie in dunkle Gräben und Schächte, so eng
und so klein, in denen geschäftiges Ameisenleben wimmelt, so fern und
so fremd uns und so sonderbar und zwecklos uns scheinend, als wären wir
in einer anderen Welt, als schauten wir von einem Stern, als ein von
Erdendruck und Zwang befreiter Geist.
O ihr Ameisen dort unten im Schatten, was rennt und eilt ihr hin und
her, der eine hier sein Ziel, der andere dort seinen Weg suchend,
ruhelos hier im Gewühl sich drängend und stoßend, rennend dort den
Nachbar überholend, mit den Augen gebannt auf die niedrige Enge, die
dumpfen Gassen und selten einer den Blick in die Höhe, zum Lichte,
das über jeder Dunkelheit und Enge wartet. O, ihr Ameisen dort unten
im Schatten, jede ein Menschenschicksal, jede mit dem Verlangen nach
Glück und jede mit der Saat der Schmerzen und des Leides in der
Seele, jede mit hundert Banden an die Erde gefesselt, und jede doch
mit heimlicher, oft unbewußter stummer Sehnsucht, über dies Dunkel
sich zu erheben: Des Himmels blaue Kuppel steht über euch! Er ist das
hohe Dach der engen Gassen, er ist das hohe Dach auch für das engste
Leben! Hebt nur die Augen empor aus dem Zwang der dumpfen Höfe eures
Schicksals, und eure stumme Sehnsucht wird Flügel gewinnen, die euch
emportragen. Greift nur zu und packt mit den Armen eurer Seele und
drückt an die Brust, was euch, ja jedem von euch, die Heimat und der
Himmel der Heimat bietet und geben kann an tiefem Erleben von Schönheit
und innerem Glücksbewußtsein: Alles ist dein, was dein Herz sich zu
eigen macht, dann fühlst du es: Der Wald rauscht nur für dich allein,
die Wiese lacht nur dir mit ihrem leuchtenden Grün und bunten Blumen,
dir schmettert der Vogel sein Lied, dir raunt der Bach mit seinem
Plaudermund seine trauliche Melodie, für dich segeln am Himmel die
Schiffe der Sehnsucht mit schimmernden Segeln, die ziehenden Wolken,
für dich wandern die funkelnden Sterne durch die schwarzen Abgründe des
Weltalls von Ewigkeiten zu Ewigkeiten, für dich baut sich Berg und Tal
und blauende Ferne, das goldene Ährenfeld und die purpurne duftende
Kleebreite, die Pracht des Winters mit seinen stillen, reinen Wundern
und kristallenem Zauber an Halmen und Zweigen, dein, dein ist die
Heimat, dein alle ihre Herrlichkeit, und dich macht sie reich, deine
Augen helle, dein Herz froh und stolz und deine Seele rein und edel.
Laßt nur durch enge Gassen und dumpfe Mauern die Seele nicht enge und
dumpf, nicht dunkel und klein werden. Vergeßt nicht im Ameisengewimmel
und Tagesgewühl von den köstlichen Einsamkeiten der Heimat zu schmecken
und ihre heilige reinigende Kraft in euch zu trinken. Auch über dunklen
Gassen steht der blaue Himmel und er ist dein, wenn du mit deiner Seele
dich zu ihm erhebst. --
Es saust der Wind in starken Stößen, als wollte er den einsamen Träumer
von seinem Stern, von seinem luftigen Standpunkt, dem höchsten Punkte
der alten Bergstadt, herunterwehen, und Schwalben schießen sirrend und
schwirrend vorüber, wie stahlblaue und silberne Pfeile. Wollen sie
necken und spotten, daß der Träumer doch keine Flügel hat?
Aber unsere Blicke trinken die Ferne. Dort die blauen Linien der
Bergzüge duftiger und duftiger in fernen Himmeln versinkend,
ertrinkend, dort die dunkleren Wogen des Tharandter Waldes. Dort,
wie ein ungeheures, buntes Tuch über die steigenden und fallenden
Wellen des Landes gezogen, wie lebend, mit leisem Atem sich hebend und
senkend, die Felder und Wiesen, die Äcker und Fluren in allen Tönen
von Grün zum Braun, von Blau, Violett und Gelb, Wälder und Bäume,
darin Hügel und Halden, Häuser und Höfe und Dörfer wie wunderfeines
Spielzeug eingestreut, Teichspiegel blitzend wie Silberfunken,
schimmernde Straßen wie leuchtende Bänder mit dem dunklen Perlensaum
der Bäume, Wolkenschatten fliegen, bald leuchtend und lächelnd, bald
ernst und trübe, bald hell in Freude, bald dunkel in Schwermut. Über
alles gespannt so hoch und licht und weit des Himmels blauseidenes
Zelt in dem die silbernen Wolken wie selige Gestalten einherziehen.
Die blaue Erdenferne, die blaue Himmelsferne hat mich verzaubert.
Ich stehe auf dem goldnen Knopf, auf meinem Stern im Mittelpunkt der
Welt, außerhalb der armen Erde hoch im Licht, und um mich dreht sich
Himmelsferne wie eine leuchtende Glocke von schimmerndem Opal und der
schwebende Reigen träumender Wolken hebt über alles Irdische empor, und
die blaue Erdenferne grüßt im ungeheuren Rund von aller Erdenschwere
befreit in einer leuchtenden Schönheit, die sich in Sehnsucht wandelt
und die Flügel der Seele spannt zur Unendlichkeit. Ich schaue nur
empor in die blaue Gottesferne und grüße die Wolken, die stillen
Gefährten der Höhengedanken, die schwebenden Wandrer des Lichtes. Ihr
Wolken dort oben, wie nahe bin ich euch, als schwebte ich mit leise
tragender Schwinge in eurer schimmernden Schar, wie seid ihr das Bild
menschlicher Sehnsucht, menschlicher Träume! Aufsteigend, schwebend,
dahinziehend in ziellose Ferne, zur Sonne sich erhebend und selig
zerfließend im Licht, neu sich schließend zu leuchtenden Gestalten,
zwischen Himmel und Erde wandernd. In Farben sich wandelnd, zu Purpur
und Gold, zu Silber und Schwarz, zu blauem Sammet und rosenfarbener
und blaßblauer Seide, vom Lichte strahlend durchwirkt, von Goldfäden
zart durchsponnen. Ruhelos und ewig wechselnd, bald dunkel und schwer
wie ein lauerndes Schicksal, bald silbern und glänzend wie strahlende
Erfüllung, bald zart und schimmernd wie träumende Erwartung, bald
jagend und eilend wie trotziges Begehren, bald stille rastend wie
wunschloses Glück, bald sich ballend und türmend zu goldenen Gipfeln
mit sehnsuchtsblauen Tälern, bald wandernd wie zarter Schaum ziehender
Wogen, die aus dem tiefen Blau der Unendlichkeit quellen und wallen,
wie weichen Nebels Spitzengeriesel fließend und fallend, immer neu
und nimmer Ruhe, immer wechselnd und nimmer bleibend, zwischen Himmel
und Erde wandernd, steigend und sinkend, werdend und vergehend, --
menschlicher Seelen, menschlicher Sehnsucht Gleichnis und Abbild seid
ihr dort oben, ihr Wolken des Himmels, ihr Wolken der Erde, euch fühle
ich mich nahe, ihr schwebenden Wandrer des Lichts.
»Kein Herz kann sie verstehen,
Dem nicht auf langer Fahrt
Ein Wissen von allen Wehen
Und Freuden des Wanderns ward.
Ich liebe die Weißen, Losen
Wie Sonne, Meer und Wind,
Weil sie der Heimatlosen
Schwestern und Engel sind.«
Hermann Hesse.
Aus der Stadt dort unten dringt kaum ein Laut herauf zu meinem Stern.
Nur ein fernes Summen und Sausen eint sich mit der großen Harmonie der
Schöpfungsmelodie, welche aus den tausend Stimmen des Lebens und der
Natur emporrauscht und mich umflutet. -- -- -- --
Wie lustig sind die Dächer in der alten Stadt in der Tiefe zu unseren
Füßen, welche der grüne Ring der Promenaden auf dem Gelände der alten
Gräben und Wälle umgibt. Rot und braun, schwarz verräuchert und violett
getönt, bei aller Buntheit eine fröhliche Harmonie in Ziegelfarben
auf steilen Dächern. Hie und da ein Treppenturm dazwischen mit
geschwungener Haube oder Kegeldach, oder dort ein kecker Giebel. Dort
wieder stehen wie schweigende Hirten inmitten wimmelnder Herde die
großen Gestalten der ragenden Türme von St. Nikolai, der Donatsturm,
der Rathausturm und in breiter Masse gelagert des ehrwürdigen Doms
mächtiger Bau und dort die klotzigen Mauern, breiten Dächer und der
Rundturm des Schlosses Freudenstein mit spitzem Kegeldach. Blau
kräuselt sich der Rauch empor und zerfließt in der klaren flimmernden
Luft. Weiße Taubenschwärme flattern über die Dächer dahin. Ein
aufgeschlagenes Buch ist uns die Stadt, in dem die Züge der Straßen
hier so gerade und rechtwinklig sich schneidend, dort in unregelmäßiger
Krümmung scheinbar regellos sich windend die Zeilen sind, aus denen
wir Geschichte lesen. Das eine ist die Stadt, welche Otto der Reiche
baute, dessen Denkmal wie ein Tafelaufsatz mitten auf blanker
Tischplatte dort unten auf dem rechteckigen Obermarkt steht, das andere
ist die Sächsstadt, die Stätte des alten Christiansdorf, der alten
Siedlung, aus welcher die freie Bergstadt emporwuchs. Was der grüne
Promenadenring umschließt, das ist die alte, freie, getreue Bergstadt,
von deren Glück und Leid, Geist und Leben, Kraft und Treue in alter
Zeit uns Andreas Möllers Chronik von 1653 so stolze, ruhmreiche Dinge
zu berichten weiß.
Über den Dächern, Giebeln und Türmen, über den alten Wällen, Gräben
und Mauern liegt der Zauber der Geschichte und der Sage, liegt der
träumerische, anheimelnde Reiz der alten Stadt, welche Jahrhunderte
kennt, welche Geist und Schicksal hat, welche sicher auf heimatlichem
Grunde ruht, wie eine steinerne Riesenblume aus Jahrhunderten
herangeblüht und in weitere Jahrhunderte hineinwachsend aus
Felsengrunde dem Lichte entgegen.
Es ist mir, wie ich auf die alte Stadt herniederschaue, als blickte
ich tief hinein in ihre Seele und hinab auf ihre Geschicke und sähe
Geschlechter kommen und gehen, schaffen und leiden für ihre alte
Heimatstadt, die Stadt, die heute noch der Ausdruck ihrer Seele ist und
bleiben soll. -- -- --
Die Turmspitze ist nun erneuert und verspricht wieder 100 Jahre
und mehr unter dem Schutze der neuen kupfernen Dachhaut Sturm und
Wetter zu trotzen. Der goldene Turmknopf funkelt hell und blitzend im
Sonnenschein. Er scheint ein schweigsamer Geselle zu sein und nicht
ohne weiteres zur Zwiesprache aufgelegt, wenn die Schwalben um ihn her
schwirren oder die Dohlen ihn umschreien. Er will auch nicht mit jedem
sprechen, den nur die Neugier juckt. Seine Höhengedanken sind schwer
zugänglich für den, der nicht in die Tiefe dringen will, oder nicht
Welt, Leben und Seele aus der Höhe beschauen will.
Die Wetterfahne ist schon lebendiger und gesprächiger. Wenn der Wind
sie dreht, dann klingt wohl das Sprüchlein, das auf ihr angebracht ist
und mit dem Hugo Meeser bei seiner kühnen Turmknopfbesteigung ohne
Gerüst zur Fahnenreparatur sich einst verewigte:
»Mußt durch die Zeit du sehr auch leiden
Mit Gott hab ich dich jung gemacht.
Drum drehe dich der Stadt zur Freude
Sei stets auf guten Wind bedacht.«
_Hugo Meeser_,
Mechaniker, Freiberg.
Gesprächiger sind auch die Glocken tiefer unten, deren hallender Mund
über die Stadt täglich eherne Klänge dröhnen läßt. Die Läuteglocke von
1570 ruft zum Kirchgang mit dem Spruch:
»Mein Klang ruft dich zum Kirchgang, merks Wort,
Gott dank, sing Lobgesang.«
Das Bergglöcklein aber ruft zur Arbeit mit vertrautem Klingen:
»Auf auf zur Grube ruf ich euch,
Ich, die ich oben steh,
So oft ihr in die Tiefe fahrt,
So denket in die Höh!«
»In die Höhe denken« tut uns allen heute mehr denn je not, und dem,
was die Glocken uns sagen und erzählen können, sollte man wohl gerne
lauschen, denn Leben und Dasein des einzelnen Menschen, wie von Stadt
und Volk, sind von ihnen durchklungen und sind begleitet von ihren
ehernen schwingenden Schritten hin und her.
Der Turmknopf dagegen, so hoch erhaben über den Glocken, besitzt den
Stolz und die Verschlossenheit der Einsamen und ist ein schweigsamer
Geselle. Er schaut sich still die närrische Welt von oben an, und
selten, selten öffnet er den schweigsamen Mund. Doch als ich bei ihm
oben war, hat er doch manches mir ins Ohr geraunt. Manches, was ich da
erlauschte hoch über dem Brausen der geschäftigen und ach so kleinen
Welt da unten, und was er so lange schweigend bei sich bewahrte,
gibt einen Höhenblick über Zeit und Menschen, als stünden wir bei ihm
auf der Spitze oben an der Wetterfahne und sähen den Geist der alten
Stadt an seinem Schicksal weben, als sähen wir die Geschlechter kommen
und gehen, schaffen und leiden. Wie manche Menschen scheint zwar der
brave Knopf zu sein: »Außen blank und blendend, innen nichts, hohl und
leer!« Doch nein, »er hat es in sich!« Wenn er auch nur vielleicht alle
hundert Jahre einmal spricht, und man ihm dazu erst recht energisch auf
seinen runden Leib rücken muß, um ihn zum Reden zu bringen, so ist doch
das, was er dann sagt, um so bemerkenswerter, denn Stimmen und Geister
von Männern und Geschlechtern früherer Jahrhunderte werden lebendig und
steigen empor aus enger Haft und reden von dem, was Ihnen einst wichtig
war. -- -- --
Eine alte gute Sitte ist es, in Grundsteine, Schlußsteine, Turmknöpfe
bemerkenswerter Gebäude, Urkunden einzulegen und mit ihnen Zeugnisse
über die Zeitverhältnisse, Proben von Geldmünzen und was etwa besonders
bemerkenswert erscheint. Diese Dinge müssen gut verwahrt sein, denn bei
dem Wechsel von Frost und Hitze und der Möglichkeit von Zutritt von
Feuchtigkeit z. B. als Schweißwasser würden die Urkunden sonst bald
zerstört sein. Man verwahrt sie darum in besonderen metallnen Kapseln,
die verlötet oder verfalzt und dann dem Turmknopf einverleibt werden.
Im Jahre 1580, als die ersten Urkunden in unseren Turmknopf eingelegt
wurden, beachtete man dies nicht. Die Urkunden sind daher fast ganz
zerstört und nur dadurch z. T. erhalten, daß sie im Jahre 1803 in die
Kapsel mit aufgenommen wurden.
Der Turmknopf des hohen Petersturmes ist eine Hohlkugel aus Kupferblech
von 70 ~cm~ Durchmesser, d. h. von einer Größe, daß zwei Knaben von
10 Jahren darin zusammengekauert Platz fanden, als bei der Erneuerung
sein goldenes Kleid neuen Glanz erhalten sollte und er auf die
profane Erde dazu herniederstieg. Zwei kupferne Kapseln zylindrischer
Gestalt von etwa 35 ~cm~ Länge waren sein Inhalt, welche Urkunden auf
Pergament, Drucksachen und in besonderen kleinen Behältern Geldmünzen
enthielten. Die Urkunden stammen aus den Jahren 1822, 1803, 1731
und 1580. Der Inhalt der Urkunden ist einander ziemlich ähnlich. Er
behandelt zunächst die Gründe der Ausbesserungsarbeiten, dann die
Zusammensetzung des Rates und schließlich die Preise von Lebensmitteln
und einige Zeitereignisse, die besonders bemerkenswert erschienen.
Die älteste Urkunde von 1580 auf Pergament ist stark beschädigt und
nur schwer noch leserlich. Diese Urkunde beginnt: »Anno Domini.
Tausendfünfhundertundachtzig, als man die Spize auf den runten Thurm zu
St. Peter renoviret, den Knopff neu vergoldet, und gewahr wurde, daß
die Spize uf den andern und höchsten Thurm auch wandelbar ward, hat man
die aus Noth anderthalben Ellen oben herab abschneiden müssen, denn
die Spille so hoch uf der einen Seiten gar verfaulet war, so lang hat
man Nikol Schmiden einen Bergschmid, uf der Peterstraßen, so allerhand
künstlich Schmiedewerk machen können, wiederumb einen eisernen Schuch
und Stange machen lassen.« Der wackere Bergschmied bewährte seinen
Ruf. Er schmiedete einen Engel mit einer Armbrust und brachte ihn über
dem Knopfe an. Leider fing dieses Schmiedewerk zu viel Wind, so daß
es 1589 herabgenommen und durch die Fahne mit dem Stadtwappen ersetzt
wurde. Es war die Zeit des Kurfürsten August, des »Vater« August und
der »Mutter« Anna, aber doch wird in der Urkunde über die Zeit geklagt:
»zu dieser Zeit waren diese Lande, sowohl die Bischoffthümer harte
betränget, mit dem Wildpret von Hirschen und wilden Schweinen, deren
in großer Anzahl in diesen Landen gehegt waren. Man mußte auch von
jeden Fasse Freybergischen Biere 22 gr. Tranksteuer und 27½ gr. Ungeld
geben, dadurch die Leute gar verarmeten und große Wehklagen unter dem
Volke war, denn man muste von jedes Kandel Wein über die Tranksteuer
2 Pf. Ungeld, und von einer Kandel Bier 1 Pf. geben. War hierzu große
Theurung, man muste um Pfingsten einen Scheffel umb 5 alte Schock
bezahlen usw.«
Dieser Stoßseufzer aus schweren Herzen, der dem verschwiegenen Innern
des höchstgestellten Knopfes der Stadt anvertraut wurde, zeigt, daß die
Landes»kinder« doch wohl nicht mit ihrem Landes-»Vater« und -»Mutter«
ganz einverstanden waren, sondern auch die Faust in der Tasche oder
im stillen Turmknopf ballten. Es wirft diese Klage auch ein helles
Licht auf die Jagdleidenschaft des Kurfürsten, dem das Wohl des Wildes
bei weitem höher stand als das Wohl des Bauern. Die Jagdstrecken der
alten weidwerksfrohen Wettiner waren ja so ungeheuerlich groß, daß
man ebenso staunen muß über den Wildreichtum des Landes wie über die
Zeit und das Geld, welche die Fürsten dieser Leidenschaft opferten. Wo
gar einem hohen Gaste eine Jagd geboten wurde, scheute man nicht vor
verschwenderischem Aufwand zurück, um durch glanzvolles Schauspiel zu
blenden. August I. hielt in Lichtenburg eine Jagd mit dem Könige von
Preußen im Jahre 1730 ab: Alle Jäger erhielten dazu neue Uniformen und
silberne Hifthörner, auch sogar die Treiber grüne Westen und Schärpen
aus »Silberlahn«. Für die höchsten Herrschaften war ein hölzernes
Jagdschloß mit vergoldeten Simsen und Fensterrahmen erbaut. Man erlegte
an diesem Tage an 600 Hirsche und Rehe und über 400 Keiler, Bachen und
Frischlinge. Es fällt uns hierbei die ungeheure Zahl des Schwarzwildes
auf, das aus sächsischen Forsten jetzt wohl fast ganz verschwunden ist.
Welchen Schaden mögen diese Wühler den Feldern der Bauern zugefügt
haben!
Der Jagdgast in Lichtenburg war der strenge, sparsame Vater Friedrichs
des Großen, Friedrich Wilhelm I. Es war das für Vater und Sohn so
furchtbar tragische Jahr, in welchem Friedrich in Küstrin gefangen saß
und sein Freund Katte zum Tode geführt wurde, der Riß zwischen Vater
und Sohn am tiefsten und schmerzlichsten war, ja unheilbar schien. In
dieser düsteren Tragik die silbernen Hifthörner von Lichtenburg und
der leichtsinnige Tand und die wilde Genußsucht Augusts des Starken,
ein seltsamer Gegensatz, so scharf wie der Unterschied zwischen der
Auffassung von Königsberuf und Herrscherpflicht bei diesen beiden
Männern. --
Aus dieser Jagdleidenschaft, welche alle alten Wettiner mehr oder
weniger beherrschte, und der rücksichtslosen Pflege des Wildes, läßt
sich ermessen, wie »harte betränget« namentlich der Bauer und gemeine
Mann gewesen sein mußte. Und dazu das Bier und der Wein so hoch
besteuert, daß man nicht mal seine stille Wut ertränken konnte! Da war
die heimliche Faust in der Tasche oder im stillen Turmknopf der letzte
Ausdruck nicht sehr untertäniger Gefühle sogar zur Zeit und im Lande
des »Vater« August und der »Mutter« Anna, und nach heutigen Begriffen
nicht ganz unberechtigt!
Als bemerkenswertes Ereignis wird in unserer Urkunde weiter noch
folgendes erzählt: »Im Junio diss Jahr, stach Hanss Harrer, Churfürstl.
Kammermeister zu Dresden im Schlosse, ihme mit des Churfürsten Taffel
Messer, selbst die Gurgel dreymahl entzwey, ward vermutet, er hätte
helffen das Ungeld aufbringen, hat aber den Pfeffer Handel in diese
Lande bracht, und viel Rotte von Augspurg, der ihn darauf geführt,
aufgestanden und Pankrott gemacht, hat er Ihme in die 70 bis 80 tausend
Gulden mitgenommen.«