In der Mitte des ehrwürdigen Raumes steht ein uralter Tisch in der

Form des Tisches der Lutherstube auf der Wartburg und wohl aus

derselben Zeit stammend. Der Wurm hat eifrig schon sein Werk an ihm

getan. Verborgene Schubkästen sind unter seiner Platte. Ein Archivar

soll einst mit besonderer Begeisterung gerade an diesem Tische in den

alten Stadtbüchern geforscht haben. Ein feiner Duft stieg nämlich von

dem Tisch in seine Nase, denn hier im geheimen Schubfach hatte er

seinen besten Tabak heimlich geborgen, der ihn begeisterte wie einen

schwärmenden Jüngling das Veilchen, das im Verborgenen blüht. Freudig

schnuppernd graste er so auf den Feldern des Mittelalters und der

Stadtgeschichte.

Das Regal der zweiten Wand ist dicht mit Bänden aus allen

Jahrhunderten besetzt. Da sind vor allem die mächtigen Stadtbücher und

Ratsprotokolle in Schweinsleder gebunden, Bände von einer Größe und

einem Gewicht, daß sie nur schwer zu heben sind. Andere alte Bände

sind in Pergamentblätter mit gotischer Schrift gebunden, die aus alten

Klosterbüchern stammen. Kostbare Bände liegen auf dem alten Tisch. Wir

schlagen einen uralten Band auf mit schwerem Deckel aus Holz mit Spuren

eines roten abgeschabten Überzuges und mitgenommenen Messingbeschlägen

und fünf sehr starken, großen Messingnägeln auf beiden Deckeln. Es

ist das alte berühmte rote Freiberger Stadtrecht vom Jahre 1294, ein

kostbares, unersetzliches Werk, in prachtvoller gotischer Schrift auf

starkem Pergament geschrieben, mit vielen schönen Initialen. Das erste

herrliche Initial in Blau, Grün und Gold gehalten, über die ganze

Seite reichend, klingt noch in der Ornamentik an romanische Formen an

und umschließt in dem Buchstaben »~G~« das Wort »Got«. Die Einleitung

dieses ehrwürdigen, durch Jahrhunderte und weit über Sachsens Grenzen

anerkannten Gesetzbuches lautet:

»Got der Himel und erde geschuf,

der helfe uns volbrengen diz buch,

des helfe uns got amen. Ich hebe an

in gotis namen. Unde schribe

vribersch recht. wer mir helfe

der si gotis knecht.

Diz ist von deme erbe«

womit dann bezeichnenderweise der erste Abschnitt beginnt.

Daneben liegt die berühmte Handschrift des Freiberger Bergrechts von

1324, ein Band von ähnlicher Art und Schrift. Markgraf Heinrich hatte

im Jahre 1255 den Bergschöppenstuhl errichtet mit der Befugnis, in

allen Bergsachen Recht zu sprechen. Bis 1856, also 600 Jahre bestand

dieser Berggerichtshof. Er hat das Bergrecht entwickelt, welches hier

auf diesen schönen Pergamentblättern seine erste Niederschrift fand

und für ganz Sachsen maßgebend war. Bereits im dreizehnten Jahrhundert

fand es im Ordensland Preußen, in Schlesien und Mähren, ferner in

Siebenbürgen und Serbien Eingang und übte einen bedeutenden Einfluß

auf die gesamte deutsche Berggesetzgebung aus. Im Jahre 1332 betrieben

schon sächsische Freiberger Bergleute in Serbien fünf Gold- und

Silbergruben und wendeten ihr heimisches Bergrecht an. --

Ein anderer schmaler, langer aber starker Band in Schweinsleder

gebunden und in mittelalterlicher Handschrift und Sprache geschrieben

erregt besonders unsere Aufmerksamkeit. »~Catalogus Truffatorum~ oder

Schwarze Register« steht auf seinem Rücken. Wir blättern darin und

fühlen uns versetzt in das alte Dinghaus am Markte vor die Schranken

des Gerichtes, um die sich Volk drängt. Der Angeklagte fehlt, aber

ein Ankläger schildert mit zorniger Stimme die Verbrechen des

Entwichenen und fordert seine Strafe, Verbannung bei Todesstrafe od.

dgl. Es ist das Verzellbuch oder Verzählbuch, das wir aufgeschlagen

haben, die schwarze Liste, in welcher seit der zweiten Hälfte des

14. Jahrhunderts bis 1518 über 2100 Übeltäter verzeichnet sind. Der

Verzählung, einer Art Verbannung und Ächtung, fiel anheim, wer wegen

eines Verbrechens flüchtig geworden war und auf Anklage nicht vor

den Schranken des Gerichtes erschien, um sein Urteil zu empfangen.

Wurde ein so Verzellter später ergriffen, so wurde ohne weitere

Verteidigung und Gerichtsverfahren das Urteil an ihm vollstreckt. Von

wieviel menschlichen Leidenschaften, Schuld und Sühne aus früheren

Jahrhunderten weiß dieser Schweinslederband zu berichten, und zu

erzählen von der straffen Strenge der Rechtspflege und der Sitten

und den harten Strafen alter Zeit. »Uff den Hals« verzählen, d.

h. Todesstrafe wird nicht selten verhängt, und mancher mag seinen

flüchtigen Feind, der sich nicht verteidigen konnte oder wollte, auf

diese Weise vernichtet haben. Da lesen wir z. B.: »Reinfried Große

hat lassin vortzeln Frantzen Hekeler uff sinen Hals darumb das er ym

gedreuwet hat er wolle im schaden am lybe und am gute.« Also auf eine

Drohung wurde Todesstrafe gesetzt!

»Die Burger lassen vertzeln uff synen hals Hans Ysenhut darumb daz er

in dem frauwenhuße gewest ist und dorinne geunfugit hat.« Unfug im

Frauenhause oder im Weinhause mit leichten Frauenzimmern fällt öfter

der Verzählung anheim. -- Als Kuntze Braun »eyner frauwe by nacht in

yr huß gelaufen und sie obil behandelt« hatte, wurde er »uff sinen

hals« verzählt und sie »lysen ym darumb seinen kopp abehawen«. -- Einem

anderen Übeltäter, der einen Beutel, worin das Erz gewaschen wurde,

»abegesnyden« hatte, hat man »laßin die oren absnyden« und verbannte

ihn »uff seynen hals« auf ewige Zeiten aus Stadt und Land. Ja sogar

darauf, daß fremdes Bier ausgeschenkt wurde, stand Verbannung: Meister

Nikols des Zimmermanns swester wurde bei Todesstrafe auf Jahr und

Tag verbannt »darumb das sy Kemnitzer bier geschenkt hat wider der

Burgergebot uff iren hals«.

Anfangs wendete man die Verzählung nur bei schweren Verbrechen an,

später, gegen Ende des 15. Jahrhunderts, wurden aber sogar geringe

Vergehen und Übertretungen damit gestraft. Es konnte jedoch zuweilen

die Strafe losgekauft werden. Thomas Strellers »Wyb« wurde verzählt,

weil sie gesagt hatte: »Nein -- die Burger allhie eßen nicht die

großen heringe sondern wenn dy von Zeydaw (Sayda) die großen guten

heringe eßen so müssen sie hie den dregk essen.« Zwei Burschen wurden

verzählt, weil sie »uff der Paucke geslagin habin«, ein anderer, weil

er Spottverse gedichtet und gesungen hat, Kaspar Kirchberger »darumb

das er an dem Tore gehüt hat und hat geslaven«. -- Herzog Heinrich der

Fromme verbot 1525 die Verzählungen, weil offenbar viel Mißbrauch damit

getrieben wurde und z. T. auch mündliches Verfahren üblich geworden war.

Wir schließen das ehrwürdige Buch, in dem sich uns wie in einem Spiegel

Alt-Freiberger Leben zeigte, ein Leben so tüchtig und ehrenfest in

festen Sitten und Gesetzen gehalten, daß wir nicht ohne Beschämung

darauf zurückschauen müssen.

Dort weiter lockt uns das alte mächtige Bürgerbuch, in ihm zu blättern.

Das älteste Bürgerbuch, welches 1404 begonnen ist und über längst

dahingesunkene Geschlechter Auskunft gibt, trägt auf seiner ersten

freien Seite spätere Einträge zum Lobe Freibergs z. T. in lateinischer

Sprache, etwa aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, Aussprüche

Herzog Georgs:

»Leipzig die beste, Freybergk die größte,

Chemnitz die feste, Annabergk die liebste,«

ferner »~Lipsia ter in anno, Friberga vero quater fructum

refundit.~« Leipzig schüttet dreimal im Jahre, Freiberg aber

viermal Frucht! --

Dieser Stolz auf die Stadt war wohl begründet, denn 1474 belief sich

die Zahl der Hausgrundstücke auf 579 in Freiberg, in Leipzig 519,

in Dresden 427. Bereits 1400 hatte Freiberg eine Wasserleitung und

dafür einen Röhrmeister angestellt. Eine unterirdische Beschleusung

hatte ihre Anfänge den Bergleuten zu verdanken. 1484 war bereits

eine Bauordnung erlassen, welche steinerne Häuser, harte Dachung und

massive Brandgiebel vorschrieb. 1490 hatten die Tuchmacher schon eine

Kranken- und Sterbekasse. Freibergs Handel und Privilegien reichten

über das ganze Erzgebirge. Manche der alten Bürgergeschlechter hatten

Besitzungen und Reichtümer wie kleine Könige und blühten durch

Jahrhunderte. Das Bürgerbuch war so ein Buch des Stolzes für sie.

Die Namen der Prager und Alnpeck, der Schönlebe und Schönberg, der

Lingke, Monhaupt und Molsdorf usw. waren weit berühmt im Lande. -- Wir

schauen auch in die bunten Kammerkästchen und nehmen von den kostbaren,

ehrwürdigen Urkunden einige zur Hand mit ihren mächtigen Siegeln in

Holzkapseln. Die älteste ist ein kleines Schreiben auf Pergament,

etwa 50 Jahre nach der Gründung Freibergs geschrieben, eine Bulle des

Papst Honorius III. vom Jahre 1224, in welcher er versichert, daß

er das zu Freiberg neu gestiftete Hospital St. Johannis in seinen

Schutz genommen habe. Ein bleiernes Siegel hängt daran in vorzüglicher

Prägung mit den Köpfen zweier Heiligen und einem Kreuz dazwischen.

Ehrfürchtig betrachten wir dies 700 Jahre alte Schreiben, welches das

heute noch blühende Hospital in seinem Geburtsjahr grüßt und bestätigt.

Honorius III., der Stifter des Dominikaner- und Franziskanerordens, der

den glänzenden Hohenstaufen Friedrich II. zum Kaiser krönte, sandte es

aus der Weltstadt Rom in das rauhe, unwirtliche Gebirge hoch im Norden,

wo eine junge Siedlung als neuer Kulturmittelpunkt in Urwäldern unter

heidnischen Sorben sich ausbreitete und aufblühte. Welch ein Gegensatz

echt deutscher Art und Schicksals wird uns bei dieser Urkunde lebendig:

Dort der deutsche Kaiser im sonnigen Sizilien, im schimmernden Palermo

seinen halb sarazenischen Hof haltend, der in sich alle Pracht des

Morgenlandes und des Abendlandes vereinigte, dem deutschen Lande und

deutscher Not fremd geworden und seine ganz große, staatsmännische

Begabung auf Kunst und Wissenschaft und die wirtschaftliche

Entwicklung, auf Handel, Rechtspflege und Heer in Italien und Sizilien

verwendend, seine deutsche Heimat vergessend und der Gesetzlosigkeit

und Raublust innerer und äußerer Feinde überlassend, hier dagegen

gleichzeitig im Norden ein hartes, eisernes, einfaches Geschlecht

von deutschen Bürgern, Bergleuten, Bauern in dunkler Waldwildnis und

rauhem Gebirge in unermüdlicher Arbeit die Heimat sich erobernd,

dem heimatlichen Boden Schätze abringend und aus eigener Kraft und

tiefster Seelenstärke eine Kulturblüte hervortreibend, die durch die

Jahrtausende leuchtet. Die goldene Pforte und die Kreuzigungsgruppe

des Domes, Werke erhabenster Kunst und deutschester Art, Gesetzbücher

und soziale Einrichtungen des Erzbergbau- und Hüttenwesens mit ihrer

glänzenden Entwicklung sind heute noch redende Zeugen dieser alten

schwer errungenen Kultur.

Eine andere Urkunde fällt uns besonders durch ihre zwei köstlichen,

großen Wachssiegel in Holzkapseln auf, wahre Meisterwerke der

Kleinkunst. Sie haben 11 ~cm~ Durchmesser und stellen in feiner

gotischer Zeichnung einen Ritter auf anreitendem, gepanzertem

Turnierroß dar mit Fahne im Arm und einzelnen wunderbar zart

durchgeführten Wappen in der freien Fläche. Es ist die Urkunde, in

welcher Bischof Johannes zu Meißen am 25. August des Jahres 1480 die

Kirche unsrer lieben Frau zu Freiberg zu einer Stiftskirche erhob

und das Domkapitel daselbst einrichtete. Vor unserem Auge steigt die

Zeit der ausgehenden Spätgotik auf, als im deutschen Boden tausend

neue Keime sich regten und Altes fallen und sterben sollte, als ein

Suchen und Fragen durch die Lande ging und neue Welten aus dem Dunkel

emporstiegen. Wir sehen Freiberg in Flammen stehen, den alten Dom

stürzen und wieder aufsteigen aus den Trümmern mit schlanken Schäften

und kunstvollen Netzgewölben, während eine neue Kunst mit belebendem

Hauche neue frische Blüten sprießen läßt. -- Dort der Ablaßbrief

mit seinen bunten Heiligenbildern aus jener Zeit erinnert uns an

Johann Tetzel, der auch in Freiberg seinen einträglichen Handel

trieb. Freilich erkannte der gerade ehrliche Sinn gar bald, wie hohl

und unwürdig dies Treiben war. Luthers Hammerschläge am Tor der

Schloßkirche von Wittenberg hatten auch in Freiberg kräftigen Widerhall

gefunden. Als Tetzel kurz nach dem weltgeschichtlichen 31. Oktober

1517 nach Freiberg mit seinem Ablaßhandel kam, »hat es ihm so wol als

zuvor nicht glücken wollen, also gar, daß mehr allein wenig Personen

seiner geachtet, sondern auch die Bergleute ihn zu beschimpffen sich

unterstanden und verlauten lassen, das gesamlete Ablaßgeld ihm gar

abzunehmen, deßwegen er bald fortgewandert ...«

Aus den Kammerkästchen im alten ehrwürdigen Archiv, aus den Urkunden

und pergamentenen Handschriften, aus den mächtigen Foliobänden längst

vergangener Tage steigt so altes deutsches Leben, großes Geschehen, das

Gedenken großer Taten und Männer auf. Luther und Melanchthon, Johann

Sebastian Bach und Bismarck wandeln an uns vorüber, werden lebendig,

wenn wir ihre Handschriften sehen und in der Hand halten. Wir sind

nicht mehr im Urkundenarchiv zwischen engen Mauern abgeschlossen

vom Leben, von dem kaum ein Laut hereindringt, nein, wir stehen wie

auf einer hohen Warte und schauen hinein in das flutende Leben, wie

es durch die Jahrhunderte strömt und seine Wellen aufwirft, und in

seinem Vorwärtsdrängen die Geschlechter durcheinanderwirbelt und

treibt, aneinanderreibt, emporträgt und niederreißt, aus dem Ursprung

ferner Vergangenheit her aus dem Zeitenwandel Geschichte schaffend;

das Schauen wird uns Erlebnis, Erlebnis der Heimat, Erlebnis ihrer

ringenden, kämpfenden Seele; das Leben der Heimat rauscht uns, und die

Liebe zur Heimat ist die aus dem inneren Erlebnis emporwachsende Frucht.

Aus dem Urkundenarchiv, wo vergangene Zeiten eindringlich zu uns

sprechen, gehen wir hinüber zum Ratssitzungszimmer, wo mit den

Forderungen, Leiden und Nöten der Gegenwart gerungen wird und ernste

Männer raten und taten, sich mühen und sorgen um das Wohl der Stadt.

Wir schreiten durch eine altertümliche doppelflüglige Eisentür, die

aus geschmiedeten Platten zusammengenietet und mit durchbrochenen

Auflagen und Bändern reich verziert ist, ähnlich der schönen Eisentür

am Archiv. Ein mächtiges Kunstschloß dient zur besonderen Zierde und

Sicherung. Eine zweite Tür aus starkem Holze in eingelegter Arbeit

mit reicher Profilierung liegt hinter der Eisentür und wird umrahmt

von einem reichen Renaissanceportal im Ratszimmer. Der Raum ist

7,50 × 9 ~m~ groß und ist mit einem flach gespannten Netzgewölbe

mit aufgeputzten Rippen überspannt, in das die Stichkappen über den

Fenstern tief hineinschneiden. Die Stimmung des Raumes, ein sattes

Grün der Wände mit leuchtendem Goldgelb der Wölbung, mit dem großen

länglichrunden Ratstisch und den hochlehnigen, geschnitzten Stühlen

ist ungemein behaglich. Dazu trägt nicht zum mindesten bei die den

ganzen Raum beherrschende kostbare Vertäfelung der Ostseite mit ihren

Gesimsen, Pilastern, Füllungen aus edlen Hölzern in eingelegter Arbeit

und reichen Profilierungen. Beim näheren Zuschauen finden wir, daß

diese hoch bis an den Gewölbekämpfer hinaufgehende Vertäfelung ein

wunderbares Schranksystem ist, das in tiefen Wandnischen mit vielen

Fächern eingebaut ist. Die Türen dieser Wandschränke haben zierliche

durchbrochene Beschläge, welche von demselben geschickten Schlosser

stammen, der die Türen zum Archiv und zum Ratszimmer schuf, dem

Ratsschlosser Paul Winkler, der 1630 acht Gulden für seine Arbeit

erhielt. Die Kunst der Schlosser und Schmiede stand in Freiberg in

hoher Blüte, und gar manches prächtige Werk zeugt heute noch von ihrer

geschickten Hand. Da sind vor allem die köstlichen geschmiedeten Tore

und Einfriedigungen am grünen Friedhof am Dom aus der Hand Gabriel

Mehners (1653--1705) mit ihrer reichen, materialgerechten Ornamentik,

Spiralen, üppigen Blumen und Rankenzügen, zu nennen, ferner die

schönen Gitter in der Begräbniskapelle und in der Annenkapelle am Dom,

geschmiedete Grabkreuze, Vorhangträger, Schlosserzeichen, Türbänder,

Fenstergitter usw. im Altertumsmuseum. Der Rat der Stadt wußte den

Wert solcher kunstvollen Handwerksarbeit wohl zu schätzen nicht nur

dadurch, daß er die tüchtigsten Meister zur Arbeit heranzog, sondern

auch dadurch, daß er schön gearbeitete Meisterstücke ankaufte und

gelegentlich verwendete. Durch diese Art praktischer Kunstpflege wurde

das Handwerk gestärkt, der Wetteifer geweckt und die Leistungsfähigkeit

erhöht, so daß der Ruf der Freiberger Arbeit sich weit verbreitete.

Der Wandschmuck des Ratszimmers ist sonst schlichter Art. Zwei mächtige

Geweihe, Zwölfender aus den Rehefelder Waldrevieren stammend, mit blank

gefegten, weißen Enden bringen einen Hauch von Harzduft, frischer

Bergluft und der grünen Freiheit der Berge in den gestrengen Raum

städtischer Verwaltung und Sorgen. Ein Ölbild des früh verstorbenen

trefflichen Malers Mißbach an der anderen Wand führt in die heimische

Landschaft, in ein grünes Wiesental, über dem blauduftiger Waldhang

sich erhebt. Im Wiesengrün leuchten blaue Blumen als hätte der blaue

Frühlingshimmel seine Pracht mit vollen Händen darin ausgestreut, und

ein Busch glänzt mitten im Grün im funkelnden Sonnenglanz als sollten

Wiese und Wald, Himmel und Sonne nur seiner Schönheit dienen.

Gar manchmal, wenn in schwerer Beratung die Geister sich erhitzen, oder

im Redefluß die Stunden zähe sich dehnen, mag ein Auge in diesen grünen

Frühling sich flüchten, sich erfrischen und den Geist zurücklenken von

trocknem Aktenstaub und grauer Theorie, zum grünenden frischen Leben

freier Entschlüsse.

Noch ein anderes Bild erregt unsere Aufmerksamkeit, der alte

Kupferstich von F. B. Werner »Freyberg in Meißen«, etwa aus der Zeit

um 1710, aus welchem man so recht die stolze Wehrhaftigkeit der alten

Stadt erkennen kann. Mit peinlicher Genauigkeit und Schärfe und großem

malerischen Reize sind die Türme und Mauern, die Wälle, Gräben und

Teiche der Befestigung dargestellt und über sie hinausragend das

bunte Gewirr der Dächer und Häuser und hoch in die Lüfte steigend die

Türme der Kirchen und des Rathauses. Ja, wenn einst ein Stadtkind

von außen sich dieser seiner Heimatstadt näherte, oder von einer der

hochgetürmten Halden hinabsah auf dieses stolze wehrhafte Stadtbild, so

mochte ihm mit Recht sein Herz höher schlagen, denn kaum eine andere in

weiten Gauen mochte ihm gleichen an Schönheit, Eigenart und trotziger,

auf sich selbst gestellter und bewährter Kraft. Die Stadt ist die

Krone der Landschaft und damit der künstlerisch vollendete Ausdruck,

die echte Ausprägung ihrer Geschichte und ihrer inneren Bedeutung und

Kraft. --

Hier im Ratszimmer, wo die Geschicke der Stadt seit Jahrhunderten

sich flechten und lösen und die Gedanken und Sorgen um ihr Wohl und

Wehe seit Jahrhunderten sich kreuzten, aufwuchsen und wieder zur Ruhe

gingen, hier spricht eine Stimmung voller Eigenart zu dir, wenn du es

hören und fühlen willst, als wäre dort das Herzpochen eines lebendigen

Wesens, das groß und heilig ist, viel erfuhr und viel erfühlte, viel

erlitt, doch nie erlahmte, als wären wir in einer der Herzkammern der

Heimat, durchpulst von warmem, lebendigen Blute und Geiste, voll des

Großen und Schönen, voll von Erinnerungen und Geschichte, voll von

Drang, Arbeit, Hoffnung, Zukunft. --

Noch einen Raum müssen wir betreten, ehe wir das alte Rathaus

verlassen, den Raum, in dem Einzelgeschicke sich flechten, in dem

Gedanken sich kreuzen und binden, in dem Herzen pochen ganz anders,

als wie sonst im Leben, Herzen voll von Entschlüssen, Plänen, Drang,

Hoffnung, Zukunft -- es ist das Eheschließungszimmer, die alte

Lorenzkapelle im Rathausturme.

Der Turm, die beherrschende Zierde des Rathauses und Marktes, ist von

dem Bürgermeister Nikol Weller von Molsdorf auf seine eigenen Kosten

erbaut worden, »der Stadt Freyberg zu Ehren, weil ihn Gott der Herr

durch das Bergwerck und geführte Handlungen reichlichen gesegnet«.

Schon von außen sieht man, daß das Geschoß der Lorenzkapelle seine

besondere Bedeutung hat, denn an den Außenkanten des Turmes sind zwei

Nischen ausgespart mit schlichtem, kleinen Baldachin, in welchen einst

die Gestalten der Mutter Gottes und des heiligen Lorenz, als der

Schutzheiligen des Rathauses, sich befanden.

Von der großen Ratsdiele her betreten wir durch einen halbdunklen

Vorraum die alte gotische Lorenzkapelle. Es ist ein neckischer Zufall,

daß gerade der heilige Lorenz der Schutzheilige des jetzigen Raumes für

die bürgerlichen Eheschließungen mit den beiden feierlichen Stühlen vor

dem grünen Tisch ist, denn dieser Märtyrer wurde auf dem Rost gebraten.

Hoffentlich bleiben derartige Märtyrergefühle allen erspart, die zum

Lebensbunde sich auf die entscheidenden Stühle niederlassen.

Zwei andere Schmuckstücke aus der Zeit der Erbauung passen sich in

sinnig symbolischer Weise dem jetzigen späten Zweck der alten Kapelle

an, die in Stein gehauenen Wappen ihrer Erbauer, der Bürgermeister

Weller von Molsdorf und Jobst Krohe. Das Molsdorfsche Wappenzeichen

stellt zwei Schwanenhälse dar, die in den Schnäbeln einen goldenen

Ring halten, das Symbol der Treue, welche zwei Seelen bindet, das

Krohesche Wappen, eine Krähe, welche sich die Brust aufreißt, das

Symbol der Aufopferung, welche das eigene Herzblut hingibt.

Diese redenden Wappen alter Freiberger Geschlechter, die heute noch

so ganz besonders zur Zweckbestimmung des Raumes sprechen, sind

über dem herrlichen Eingangsportale zur Kapelle angebracht. Dieses

reiche gotische Portal ist das prächtigste Stück gotischer Kunst,

-- wenn man die unvergleichliche Tulpenkanzel im Dome ausnimmt, --

welches in Freiberg erhalten ist. Reiches Stabwerk von Rundstäben,

tiefen Hohlkehlen und scharfen gratartigen Profilen mit kräftiger

Schattenwirkung schließt sich in schräger Laibung von 1 ~m~ Tiefe in

kühnem Schwung zum edlen Spitzbogen zusammen. Die schlanken Rundstäbe

haben schöne senkrecht oder schraubenförmig geriefte Sockel. Der

äußerste Stab rechts und links blüht zu einer schlanken Säule auf

mit schönem, spätgotischem Blattkapitell, das auf einem glatten

Kämpferblock je eine schlanke Fiale trägt mit zierlichen Kantenblättern

und Kreuzblume als Abschluß. Zwischen den Fialen ist ein schwungvoller

Kielbogen, wie ihn die spätere Gotik liebte, eingespannt, aus dem reich

und stark modellierte Blätter hervorwachsen und der schließlich zu

einer stolzen Kreuzblume mit doppeltem Blätterkranz bis fast an das

Gewölbe oben aufschießt. Überrascht stehen wir vor diesem Meisterwerke

der Steinmetzkunst, das etwa um 1440 von Freiberger Handwerkern

geschaffen, ein Beweis für den großzügigen, künstlerischen Sinn der

Erbauer und das Können jener Zeit ist. Ein schönes, hochgeschwungenes

Sterngewölbe mit edel profilierten Rippen überdeckt den etwa 12 ~qm~

großen, quadratischen Raum. 3 große, farbig verglaste Fenster mit

tiefen Nischen in den starken Turmwänden, die als Rosenlauben zart

bemalt sind, spenden eine Fülle von Licht und geben dem Raume eine

festlich feierliche Wirkung.

Zierliche symbolische Malerei an den Türen der eingebauten Schränke

ist wie eine liebliche Begleitmelodie zu dem Rhythmus und der

klangvollen Harmonie des ganzen Raumes. Die alte Lorenzkapelle, das

Eheschließungszimmer, ist als ganzer Raum und in ihren Teilen wie ein

Symbol ihrer Bestimmung, ein Symbol des tiefen Sinnes und Zweckes des

Ehebundes, daß Treue und Hingebung, Klarheit und Harmonie erst die

rechte Vollendung geben, daß das Einzelne dem Ganzen dienen muß, um

seine Bestimmung zu erfüllen, und daß das Ganze erst durch die Harmonie

der einzelnen Teile lebt und gewinnt. -- -- -- --

Aus grauen Mauern und grünen Weiten Schauen und Sinnen auf Heimatwegen · 第 6 / 25 段